Part 6
Am +8. September+ verließen wir den Huron-See und traten in den Fluß +St. Clair+, an dessen einem Ufer sich beinahe Städtchen an Städtchen reiht, mit Wiesen und fruchtbaren Feldern dazwischen, während auf dem andern zahllose Sägemühlen nebst mehreren Indianer-Dörfern liegen. Selbst die Indianer scheinen hier aus ihrer Trägheit aufgerüttelt, denn auch um ihre Dörfer war der Grund aufgebrochen und bepflanzt. Auf dem Flusse war bedeutendes Leben, es fuhren viele Segelschiffe, meistens mit Bauholz befrachtet, Dampfer schleppten sie durch den kurzen Fluß in den kleinen St. Clair-See, welcher so voller Untiefen und Sandbänke ist, daß er nur bei Tage befahren werden kann. Die Ufer dieses Sees sind an manchen Stellen so flach, daß sich das Wasser entfesselt über das Land ergießt und Sümpfe und Moräste bildet. Von dem St. Clair-See führt der +Detroit-Fluß+ in den +Erie-See+. Die Entfernung von dem Huron- bis zu dem Erie-See beträgt achtzig Meilen.
Gegen Mittag landeten wir zu +Cleveland+, dem Stolze des Staates Ohio, am Eingange des Erie-Sees gelegen. In den wenigen Stunden meines Aufenthaltes machte mich Dr. +Langsdorf+ mit dieser Stadt und deren naher Umgebung bekannt.
Cleveland besteht aus zwei Städten, der eigentlichen Stadt Cleveland und der Stadt +Ohio+, die durch eine Kluft von ersterer getrennt ist, aber kürzlich zu dem Stadtgebiete Clevelands gezogen wurde und dadurch ihren Namen verlor. Der Anblick der beiden blühenden Städte mit der dazwischen liegenden merkwürdigen Schlucht, in deren Tiefe ein artiger Fluß sein Bett gewühlt hat, ist höchst reizend. Die Kluft mag ungefähr fünfzig Fuß Tiefe haben und ist mit Gesträuchen und Bäumen reich bewachsen. Ein Kanal führt bis in den Erie-See.
Von den Einzelnheiten Clevelands bewunderte ich am meisten die Straße Euclid. In dieser stehen die nettesten, geschmackvollsten Häuser, welche freundlichen Villen gleichen und durch Boskette und Wiesen von einander getrennt sind. In wenig Jahren mögen Gärten und Wiesen wohl schon von neu entstandenen Häusern verdrängt sein.
Spät Abends setzte ich meine Reise auf dem schönen Dampfer „+Crescent-City+“ fort. So viel ich bei scharfer Mondbeleuchtung sehen konnte, scheinen sich auch die Ufer des Erie-Sees in nichts von jenen des Michigan zu unterscheiden.
Der Dampfer „Crescent-City“ war eins der prachtvollsten Fahrzeuge, die ich je bestiegen. Wo man nur hinsah, nichts als Sammt und Gold, kostbare Teppiche, Spiegel von ungeheuerer Größe; eine hohe, schön gewölbte Kuppel von farbigem Glase verbreitete über alle diese Herrlichkeiten ein mattes Licht. Die Räume faßten an 1200 Personen. Man lebte da nicht wie in einer geschlossenen Gesellschaft, sondern wie in einer Stadt; man ging an den Leuten so fremd und unbekümmert vorüber, wie auf einem öffentlichen Spaziergange. Aber bequem fand ich diesen Dampfer nicht eingerichtet. Darauf scheinen indeß die Amerikaner weniger zu halten, als auf Pracht, Luxus und Prunk. Die Fensterscheiben z. B. rings auf die Gallerie hinaus waren von buntem Glase und mit Arabesken so ausgefüllt, daß man gar nicht durchsehen konnte, weder auf den See noch auf die Landschaft. Ja sogar das Licht von außen war dadurch fast ganz vor dem Eindringen gehemmt. In den Kabinen des unteren Stockwerkes (auch erste Klasse) schliefen je sechs Personen, und für eine Zahl von fünfzig bis sechzig Frauen gab es nur ein kleines gemeinschaftliches Waschzimmerchen mit nur zwei Waschbecken. Man mußte sich anstellen, um die Gelegenheit zu erhaschen, sich die Augen und Fingerspitzen ein wenig zu benetzen, und Glas und Handtuch selbst mitbringen, denn ein Glas war nicht vorhanden und die Paar Handtücher so durchnäßt, daß man sich ihrer nicht bedienen konnte. Die Aufwärterin schien nur zur Aufsicht da zu sein. Sie saß, wie eine Dame gekleidet, auf einem Sopha und häkelte. Zum Glück währte die Fahrt über den Erie-See nicht lange, denn schon am
+9. September+ Morgens kamen wir nach +Buffalo+, einer hübschen Stadt mit 60,000 Einwohnern. Meine Ungeduld, mich den berühmten Fällen des Niagara zu nahen, war so groß, daß ich, des schlechten Wetters ungeachtet, gleich auf die Eisenbahn ging, um nach dem Orte +Niagara-Falls-Village+ (22 Meilen) zu fahren. Ich war da so glücklich, ein überaus niedliches, kleines Hôtel, Madame +Teuscher+ gehörig, an den Schnellen des mächtigen Stromes zu finden, der sich hier in zwei Theile theilt und in wüthend stürmischer Eile seinen Fällen zu eilt.
Für diesen Tag aber mußte ich, selbst wenn sich das Wetter aufgeheitert hätte, dem Gange nach den Fällen entsagen und mein Bett aufsuchen, denn in letzterer Zeit hatte ich häufige Anfälle des unermüdlichen Sumatra-Fiebers gehabt, und fühlte mich davon sehr angegriffen[14].
[10] Zu einer Reise von sechzehn Englischen oder vier Deutschen Meilen benöthigten wir sechs Stunden, hielten über Mittag an und wechselten die Pferde. Das nenne ich doch schnell reisen! --
[11] Ein Gasthof oder Boarding-house bildet sich gleich bei ein Paar Häusern. Der Amerikanische Arbeitsmann, Tischler, Maurer u. s. w. will gute Kost, ein gutes Bett haben und bezieht sogleich den Gasthof, wo er per Woche zahlt.
[12] Von den freien Negern in Milvaukee erhielt Herr Booth einen werthvollen, schönen Stock, den sie ihm als Vertheidiger ihrer armen schwarzen Brüder verehrten.
[13] Auf dieser Insel lebt nur ein kleiner Zweig dieser Sekte; der Hauptsitz der Mormonen ist am Salz-See, tief im Innern des Landes.
[14] Bisher nahm ich immerwährend Chinin gegen das Fieber; allein ich konnte es nur auf kurze Zwischenräume damit vertreiben. In Buffalo rieth mir jemand folgendes Mittel dagegen: „Man nehme auf ein halbes Wasserglas voll starken, guten Brandy einen Theelöffel rothen, pulveristrten Pfeffer (Cayenne) und fünf bis sechs Theelöffel voll weißen Zucker, mische es gut durch einander, bis der Zucker gänzlich aufgelöst ist, und lasse es dann vier bis fünf Stunden stehen. Man beginne diese Arznei ein bis zwei Stunden, ehe das Fieber kommen soll, einzunehmen, und zwar jede Stunde zwei Theelöffel voll, bis das Ganze genommen ist. Man schüttle es bei jedesmaligem Nehmen gut durch einander.“ -- Das Fieber blieb, nachdem ich dieses Mittel genommen hatte, ganze zwei Monate aus; dann hatte ich einen abermaligen Anfall, ich nahm dieselbe Arznei, und das Fieber blieb gänzlich aus. -- Sollte gegen das Wechselfieber nichts mehr helfen, so wage man gleich mir dieß letzte Mittel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Die Fälle des Niagara. -- Der Ontario-See. -- Die tausend Inseln. -- Montreal. -- Quebek.-- Die Amerikanischen Eisenbahnen. -- Neu-York. -- Merkwürdigkeiten der Stadt. -- Die Hôtels. -- Die schwarzen Minstrels. -- Emancipation. -- Gerichtsverfahren.
+10. September.+ Der heutige Tag war wieder einer der unvergeßlichen in den Annalen meines Lebens, einer von jenen, die mich glänzend belohnten für die Mühen und Beschwerden, mit welchen ich sie erkaufte -- ich sah eine der wunderbarsten, erhabensten Naturscenen in Gottes schöner Welt, die +Niagara-Fälle+. Unmöglich ist es auszudrücken, was das Auge da erblickt, was die Seele da fühlt. Der Maler muß hier an seiner Kunst verzweifeln, der Dichter seine Feder weglegen. Aber wenn man einem Todfeinde hier begegnete, müßte man ihm vergeben, oder kein Mensch sein, und wer je an Gott gezweifelt, der gehe an diesen erhabensten seiner Altäre, und gewiß wird er bekehrt, beruhigt heimkehren. O, daß ich doch die Anschauung dieses Wunders mit meinen Angehörigen, mit meinen Freunden, ja mit allen Menschen hätte theilen können! --
Zuerst führte mich die gefällige Frau +Teuscher+ an den Amerikanischen Fall, und ich dachte, es könne nichts Herrlicheres geben als diesen. Die ungeheuere Wassermasse stürzt sich über eine riesig breite, senkrechte Wand. Die Staubwolken sind so mächtig als wollte sich der Strom ein zweitesmal erheben, und doch kaum hundert Schritte von dem Sturze entfernt, fließt er schon wieder so ruhig dahin, daß sich das kleinste Boot sorglos auf seinem Rücken schaukeln kann.
Noch mächtiger aber ist die Wassermasse auf der Canadischen Seite, noch bedeutender ist hier der Umfang des Falles (der die Form eines Hufeisens bildet, und deßhalb „Hufeisenfall“ genannt wird), ich möchte daher doch dem Canadischen Falle die Palme reichen.
Bei Sonnenschein bilden sich an beiden Fällen in den Sprühregen-Wolken die schönsten Regenbogen. Eine ganz eigenthümliche Färbung zeigt das Wasser unmittelbar an den Fällen selbst. Ein schöneres, helleres Grün, durchsichtig wie der reinste, feurigste Chrysolit, sah ich bisher noch bei keiner Wassermasse. Das Getöse der Stürze fand ich jedoch nicht so betäubend und so weit vernehmbar, wie viele behaupten[15].
Auf der Canadischen Seite kann man ein Stück unter den Fall hineingehen. Man erhält zu diesem Zwecke einen Führer und Kleider. Das Schauspiel unter dem Falle ist nicht nur ergreifend und großartig, sondern grauenhaft. Die über dem Haupte rollende Wassermasse, das fürchterliche Toben und Brausen des milchweiß schäumenden Elementes, die schmale, durch die beständige Nässe schlüpfrige Felskante, auf welcher man vor dem Abgrunde steht, in den sich das Wasser stürzt, die überhängenden Felstrümmer, die sich von Zeit zu Zeit lösen, machen diese Parthie wirklich gefährlich und so ergreifend, daß ich nicht jedermann rathen möchte, sie zu unternehmen.
Nachdem ich vor allem die Fälle besucht hatte, nahm ich mir erst Zeit, die Umgebung zu betrachten. Wie bereits bemerkt, theilt sich der Strom kurz oberhalb seines Falles in zwei Arme, von welchen der eine den Fall auf der Amerikanischen, der andere jenen auf der Canadischen Seite bildet. Die beiden Fälle sind sich jedoch ganz nahe und nur durch ein kleines Inselchen getrennt. Die ganze Umgebung der Fälle (eine Insel von einer halben Meile in der Breite und über eine Meile in der Länge) paßt vollkommen zu der erhabenen Naturscene. Sie ist von einem üppigen Urwalde mit majestätischen Bäumen, beinahe den umfangreichsten, die ich in den Vereinigten Staaten sah (Kalifornien ausgenommen), bedeckt; es gab viele Stämme von vier Fuß Durchmesser darunter. Die Menschenhand hat dieses Heiligthum der Natur bisher geachtet und kaum gewagt einige Fahrwege zu bahnen. Gott gebe, daß es immer so bleiben möge; allein schwerlich dürften die künftigen Besitzer dem jetzigen gleichen, der von der Mehrzahl der Menschen eine schöne Ausnahme macht und mehr Achtung für die Natur, als Liebe zu den Thalern hat. Hohe Summen wurden ihm schon für dieß Fleckchen Erde geboten; man wollte da Gasthöfe, Belustigungsorte, Bade-Anstalten u. dgl. mehr errichten, aber gerade deßhalb gab er es nicht her. Die heilige Stille des Haines sollte durch das rastlose Treiben der Menschen nicht entweiht werden, und dem Wunderwerke stets als Vortempel dienen.
In den Schnellen des Hufeisen-Falles steht von dem Sturze kaum vierzig Fuß entfernt, ein kleines Thürmchen aufgemauert, zu welchem eine Brücke führt. Gar manche Stunde stand ich da oben, die sich verfolgenden, überstürzenden Wogen betrachtend. Ich blieb fünf Tage in +Niagara-Falls-Village+, brachte meine Zeit größtenteils an den Fällen zu, und je länger ich sie sah, desto schwerer ward es mir, mich von ihnen zu trennen. So geht es mit allem Großen und Erhabenen; man braucht Zeit, bis man es zu verstehen und in sich aufzunehmen vermag.
Leider vergeht selten ein Jahr, ohne daß die Fälle des Niagara ein Opfer fordern, so vor wenig Monaten drei junge Leute, die eines Abends zum Vergnügen auf dem Strome oberhalb der Fälle spazieren fuhren. Sie wurden in die Schnellen gerissen, und keine menschliche Hülfe war mehr möglich. Einem von ihnen gelang es, während der gräßlichen Fahrt einen in den Schnellen wurzelnden Baumstamm zu erfassen und sich hinauf zu schwingen. Er schrie um Hülfe; doch hörte man die Stimme zu undeutlich durch das Brausen des Wassers, und die Nacht war zu finster, um den Gegenstand zu sehen; erst Morgens entdeckte man den armen Menschen. Da auch er keinen Zuruf würde deutlich vernommen haben, schrieb man auf eine Tafel mit ellenlangen Buchstaben, daß man Vorkehrungen treffe, ihn zu retten. Nach vielfältigen Versuchen gelang es endlich Nachmittags gegen fünf Uhr, ein Boot in seine Nähe zu bringen. Der Arme saß schon darinnen, man zog das Boot mittelst eines Seiles dem Lande zu, allein unglücklicher Weise erfaßte es eine Sturzwoge mit solcher Gewalt, daß das Seil sprang und das Boot mit seinem Opfer in den Fall gerissen wurde. Keine Spur kam mehr zum Vorscheine, weder von ihm noch von seinen Gefährten; nie findet man eine Leiche oder nur das Bret eines Bootes, alles wird von der Gewalt des Sturzes zu Atomen zertrümmert.
Zwei Meilen von Niagara-Falls-Village ist eine Drahtbrücke über die Schlucht gespannt, in welcher der Niagara dem nahen +Ontario-See+ zueilt. Die Schlucht ist enge, und der Strom soll hier an 900 Fuß Tiefe haben. Die Brücke ist ein wahres Meisterwerk, die zusammengeflochtenen Drähte haben die Dicke von starken Tauen und tragen die schwersten Lastwagen. Eine Fahrt dahin sollte man nicht nur wegen der Brücke, sondern auch wegen der reizenden Ansichten machen, die sich überall darbieten. Von der Brücke selbst übersieht man die pittoreske Felsenschlucht einerseits bis beinahe an die Fälle, andererseits bis an den Ontario-See, ja der Blick schweift wie durch ein Fernrohr über einen Theil des Sees bis auf die dahinter liegende lachende Landschaft.
Das Indianische Dorf +Tuscarora+ (sieben Meilen von den Fällen entfernt) ist eines Besuches weniger werth. Seine Bewohner haben nichts eigenthümliches mehr: sie sind Christen geworden, gehen gekleidet wie die Weißen, und bauen und pflegen wie diese ihre Felder.
Am +13. September+ um zwei Uhr Mittags verließ ich Niagara-Falls-Village in einer Postkutsche und fuhr nach dem Städtchen +Lewistown+ (sieben Meilen). Das Städtchen liegt an dem Ausgange der Schlucht, und der Strom nimmt sogleich derart an Breite zu, daß man sich schon in dem See vermuthet, bevor man an ihn gelangt.
In Lewistown bestieg ich den Dampfer +Bay-State+, um nach +Montreal+ zu fahren. Schon sieben Meilen von Lewistown mündet der Niagara in den Ontario-See und verliert sein kurzes aber thatenreiches Dasein. An seinem Ausflusse liegt auf der Amerikanischen Seite die schöne Festung +Georg+, auf der Canadischen die minder schöne Festung +Niagara+.
In dem Ontario-See, welcher 180 Meilen lang, 35 breit ist, hielten wir uns stets der Küste der Vereinigten Staaten nahe. Sie bietet, außer vielen Ortschaften, nichts Sehenswertes.
+14. September.+ Mit Sonnenaufgang ertönte die Schiffsglocke und weckte die Reisenden, daß sie das Ende des See’s, die tausend Inselchen und die Einfahrt in den +Lorenzo-Strom+ nicht verschlafen und übersehen sollten. Bei +Ogdensburg+ vertauschten wir unsern Dampfer mit einem kleineren, +British Queen+, um leichter über die Schnellen des Lorenzo-Stromes zu kommen. Die Fahrt zwischen den tausend Inselchen ist allerdings reizend: die Landschaft wird jeden Augenblick verändert, ein Bild verdrängt das andere; aber mit den tausend Inseln des Mälar-Sees in Schweden hält sie keinen Vergleich aus. Dort besteht die Einfassung des Sees aus herrlichen Bergen, in den verschiedenartigsten Formen, mit finstergrünen Waldungen bedeckt, zwischen welchen pittoresk aufgethürmte Felskolosse, reiche Triften und Wiesen liegen, die Inseln selbst sind ungemein schön und gewähren die abwechselndsten Bilder. Hier ist alles flach und eben, und die Ufer der Inseln, wie des festen Landes überragen kaum die Wasserfläche.
Der Lorenzo-Strom bildet mehrere Schnellen, die aber doch nicht so stark sind, den Dampfern die Fahrt zu sperren. Kunst und Kühnheit errangen den Sieg über sie, und furchtlos steuerte unser Kapitän darüber hin.
Etwas gefährlich ist die Schnelle bei +Lachine+, wo wir spät Abends ankamen. Da es stark regnete, und die Nacht stockfinster war, gingen wir erst den folgenden Morgen darüber. Diese Schnelle sieht weniger drohend aus, als die vorigen, ihre Hauptgefahr besteht in der geringen Tiefe des Stromes. Wir nahmen bei Lachine einen Indianer als Lootsen an Bord. Wenn über die Schnellen gefahren wird, arbeiten stets vier Mann am Steuerruder.
Da Lachine nur neun Meilen von Montreal liegt, kamen wir sehr frühzeitig an. Glücklicherweise hatte das Wetter sich aufgeheitert, und die Sonne beleuchtete den schönen Berg Montreal, an dessen Fuß sich die Stadt ausbreitet. Sie nimmt sich gut aus mit ihren Gothischen Kirchen und den Zinndächern, die bei Sonnenschein eine so blendende Wirkung hervorbringen, als wären sie mit den feinstpolirten Silberplatten belegt.
Wir fuhren in einen schönen Dock ein und wurden durch eine Schleuse dem Quai gleich gebracht.
In Montreal kaum ans Land gestiegen, hatte ich gleich einige Unannehmlichkeiten. Ich fuhr nach dem ersten Gasthofe, Montreal-House, und verlangte ein Zimmer. Der Buchhalter sah mich vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagte endlich: „Wir haben keines.“ -- Die Ursache war, weil ich allein, nur mit einem kleinen Reisesacke kam und nicht ein halbes Dutzend Koffer und Schachteln mit mir schleppte. In einem zweiten Hotel (einem Temperance-House) ward mir dieselbe Antwort zu Theil. Ich legte ein Goldstück von zehn Dollars auf den Tisch, den galanten Wirth versichernd, daß ich stets voraus bezahlen würde, wenn er glaube, es fehle mir an Geld. Dieser Talisman half. Er schob das Geld zurück und ließ mir ein Zimmer geben. Wie doppelt grell fiel mir diese Behandlung auf, da ich gerade aus den Vereinigten Staaten kam, wo man die ärmste Frau mit Achtung, Güte und Zuvorkommenheit behandelt!
Wenn ich in Montreal ausging und auf den Straßen nach einem Wege fragte, gab man mir entweder gar keine Antwort, oder man fertigte mich ganz kurz mit den Worten ab: „~I don’t know~“ (ich weiß es nicht). So viel ich sah, befand ich mich gerade nicht in dem Lande der Höflichkeit. Da ich einige Auskünfte zu haben wünschte, niemanden kannte und keine Empfehlungsbriefe mitgebracht hatte, dachte ich, es sei am besten, mich an eines der größten Zeitungsbureau’s zu wenden. In den Vereinigten Staaten kannte jeder Herausgeber meinen Namen, ich mochte in das kleinste Städtchen kommen, und dann war ich schon geborgen, da jeder mich freundlich aufnahm. Hier war es anders: der Herausgeber des ersten Blattes kannte mich nicht, und dabei war er eben so höflich, wie alle Leute, auf welche zu stoßen ich bisher das Unglück hatte. Endlich fand ich doch ein Paar gefällige Menschen, gebrauchte aber dabei die Vorsicht, sie gleich nach Nennung meines Namens zu versichern, daß ich nicht arm sei und wohl freundschaftlicher Dienste, aber keiner Gabe benöthige. Der Herausgeber des Transcoast, der Belgische Consul Herr +Josef+ und Dr. +Visher+ machten mich die Unart ihrer Landsleute vergessen. Dr. Visher, den ich erst zwei Tage vor meiner Abreise kennen lernte, lud mich sogar in sein Haus ein, wohin ich sogleich übersiedeln mußte. Auch danke ich es seiner Verwendung, daß ich eine Freikarte zur Reise nach +Quebek+ hin und zurück erhielt.
Die Stadt Montreal mit 75,000 Einwohnern, ist nicht wie die Städte in den Vereinigten Staaten, in regelmäßige Blocks getheilt, und zeigt in ihrer ganzen Bauart, daß sie aus ältern Zeiten stammt. Ihre Häuser haben eine alt-französische Form, mit hochaufsteigenden steilen Dachungen; sie sind meistens aus Quadersteinen und so solide gebaut, als sollten sie für die Ewigkeit währen; doch fehlt es ihnen dabei weder an Zierlichkeit noch an Geschmack. Neben manchem palastähnlichen Steinhause stehen wohl auch mitunter bescheidene, halbverfallene Holzhäuser. Die Straßen sind sauber und rein, und das geschäftige Leben in denselben ist nicht störend, die Leute scheinen sich hier mehr Zeit zu gönnen und überstürzen sich nicht so, wie in den Vereinigten Staaten, oder in England. Alles hat einen ruhigen gelassenen Anstrich. In den Nebenstraßen ist es sogar menschenleer.
Die Kirchen sind alle im Gothischen Style gehalten; die schönste ist die katholische Kathedrale, nach dem Muster der Notre-Dame-Kirche in Paris erbaut.
Von den Gebäuden fallen besonders das Jesuiten-Collegium, die Banken, einige Gasthöfe, das Postgebäude, die Markthalle u. s. w. in die Augen.
Das Museum lohnt kaum die Mühe, es zu besehen. Als das Merkwürdigste wurde mir ein Elenthier von ungewöhnlicher Größe und ein Paar kleiner Wallfische gezeigt, die man in dem Lorenzostrome gefangen hat.
Das sogenannte Englische Hospital, eine allerdings gute Anstalt, läßt noch manches zu wünschen übrig. Die Halbgenesenen z. B. haben zur Erholung in frischer Luft nichts als einen leeren Wiesenplatz ohne Baum und ohne Bank. Auch die Luft in den Zimmern fand ich nicht sehr rein, was freilich in kalten Ländern, wo man die Fenster nicht beständig offen haben kann, schwieriger zu erreichen ist, als in den Tropen.
In dem Nonnenkloster der „grauen Nonnen“ gibt es zwei sehr zweckmäßige Anstalten, die eine für arme alte Männer und Weiber, welche da bis zu ihrem Absterben verpflegt werden, die andere für Kinder, die entweder Waisen oder von ihren Eltern ganz vernachläßigt sind. Ich kam um zehn Uhr Morgens dahin, und sonderbarer Weise war dieß gerade die Stunde des Mittagmahles. Die Kost sah sehr schmackhaft aus und bestand aus Suppe, Fleisch und noch einem Gerichte nebst schönem Brode. Eine Klosterfrau theilte die Portionen aus.
Die Säle waren groß und hoch, die Betten bis hinab mit Vorhängen versehen, nur fand ich die Säle ein wenig überfüllt.
Die schönste Ansicht der Stadt und Umgebung hat man von dem +Montreal+-Berge oder von dem Thurme der Kathedrale. Ich war auf beiden Punkten, und meinte kaum sie wieder verlassen zu können, so sehr fesselte mich das vor dem Blicke sich entfaltende Bild. Die ehrwürdig alterthümliche Stadt, die sich traulich an den Fuß des Berges schmiegt, der Hafen mit seinen Schiffen und Dampfern, das rege Treiben auf dem Lorenzostrome, der unfern der Stadt einen See mit vielen Inseln bildet, das reichkultivirte Land umher, und in der Ferne einzeln auftauchende Berge von wenigstens 1000 Fuß Höhe, machen diese Ansicht gewiß zu einer der reizendsten Nordamerika’s.
Herr Konsul Josef war so zuvorkommend mich in seinem Wagen rund um den Berg Montreal (9 Meilen) zu führen. Diese Gegend ist, der schönen Ansichten wegen, die besuchteste und beliebteste; überall liegen niedliche Sommerhäuser mitten in hübschen Gärten.
Canada wäre ebenfalls ein gutes Land für Europäische Ansiedler. Der Boden soll sehr fruchtbar sein, das Klima ist zwar kalt und rauh, doch höchst gesund, der Ankauf des Landes noch billiger als in den Vereinigten Staaten, die Abgaben geringe und die Freiheit ziemlich unbeschränkt. Bei diesen Vortheilen einerseits, besteht jedoch andrerseits ein Gesetz, welches die Einwanderer abhält, Englische Untertanen ausgenommen. Diesem Gesetze zufolge kann nämlich der Einwanderer, wenn er früher stirbt, als er das Bürgerrecht erworben hat (wozu, so viel ich mich entsinne, ein Aufenthalt von zehn Jahren gehört), über seinen festen Nachlaß nicht verfügen. Land, Haus u. s. w. fallen an die Regierung zurück.
+18. September.+ Abends ging ich mit dem großen Dampfer „Quebek“ von Montreal nach Quebek. Es war dieser Dampfer auch wieder einer von den „~splendid ones~,“ gleich dem „Crescent City“ auf dem Erie-See, wo man vor lauter Pracht und Herrlichkeit gar keine Bequemlichkeit fand.
+19. September.+ Um 9 Uhr Morgens kam ich in Quebek an. Die Lage dieser Stadt ist noch bei weitem reizender als jene von Montreal. Zum Theil in demselben Style gebaut, nur noch älter, sind die Straßen etwas enger und winklichter. Quebek besteht aus der obern und untern Stadt. Zu ersterer führen hohe Treppen, doch schlängelt sich auch ein Fahrweg hinauf. Selbst die untere Stadt ist etwas hügelig. Die Bevölkerung zählt 45,000 Seelen, von welchen zwei Drittheile Franzosen, die noch aus den Zeiten stammen, als Canada zu Frankreich gehörte[16].
Für Quebek hatte ich einen Brief mitgenommen, da ich besorgte, wie in Montreal in keinem Gasthofe aufgenommen zu werden. Letzteres war nichts desto weniger der Fall, aber nicht wegen Mißtrauens der Hôtelbesitzer, denn der Herr, an den ich empfohlen war, sandte seinen Neffen mit mir in ein Dutzend Boarding-Houses; wir fanden aber alle überfüllt. Die Parlamentssitzungen hatten gerade begonnen, und viele Fremde waren zugeströmt. Der Herr an welchen mein Brief lautete, schien auch kein Kämmerchen für mich zu haben, obwohl ich hörte, daß er ein schönes Haus bewohnte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Tag über die Stadt ein wenig zu besehen und Abends mit dem Dampfer wieder nach Montreal zurückzukehren.
Ich bestieg vor allem das Kap +Diamant+, 345 Fuß hoch, auf dessen Spitze das Fort Diamant liegt. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß die Quebeker den Montrealern an Höflichkeit nicht nachstanden. Geizend mit der kurzen Zeit, über die ich zu gebieten hatte, wollte ich mich an keine Speisestunde binden, und ging in einen Laden, einige Kuchen zu essen. Dem Laden gegenüber lag die abgebrannte Ruine eines mächtigen Gebäudes. Ich frug das Ladenmädchen, was das für ein Gebäude gewesen sei. Sie antwortete mir: „Da hätte ich gerade Zeit, Ihnen Auskunft zu geben,“ -- an Zeit fehlte es ihr wohl nicht, denn außer mir war kein Käufer im Laden. (Später erfuhr ich, daß diese Ruine des Gouverneurs Palast war.) Als ich das Kap zu besteigen anfing, überall nur grünen Rasen und keinen Weg sah, fragte ich einen Mann, ob es erlaubt sei, da hinauf zu gehen. „~Try it~“ (versucht es) war seine Antwort, und damit ließ er mich stehen.