Chapter 1 of 11 · 3882 words · ~19 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

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Hausbücherei

10

Hausbücherei

der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

10. Band

[Illustration]

Hamburg-Großborstel Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung 1910

21.-30. Tausend

Novellenbuch

2. Band Dorfgeschichten

Ernst Wichert, Heinrich Sohnrey Wilhelm v. Polenz, Rudolf Greinz

[Illustration]

Hamburg-Großborstel Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung 1910

21.-30. Tausend

Inhaltsverzeichnis

zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs.

Band 1 (Hausbücherei Band 9):

~Conrad Ferdinand Meyer~: Das Amulet. ~Ernst von Wildenbruch~: Archambauld. ~Friedrich Spielhagen~: Breite Schultern. ~Detlev von Liliencron~: Greggert Meinstorff.

Band 3 (Hausbücherei Band 14): Geschichten aus deutscher Vorzeit

~Adolf Schmitthenner~: Tilly in Nöten. ~J. J. David~: Frühschein. ~Wilhelm Hauff~: Jud Süß.

Band 4 (Hausbücherei Band 15): Seegeschichten

~Joachim Nettelbeck~: Schiffbruch. ~Wilhelm Hauff~: Das Gespensterschiff. ~Hans Hoffmann~: Die unversicherte Brigg. ~Wilhelm Jensen~: An der See. ~Wilhelm Poeck~: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts. ~Johannes Wilda~: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti.

Band 5 (Hausbücherei Band 22): Frauennovellen

~Clara Viebig~: Brennende Liebe. ~Lulu von Strauß und Torney~: Um den Hof. ~Lou Andreas-Salomé~: Eine Nacht. ~Marthe Renate Fischer~: Auf dem Wege zum Paradies.

Band 6 (Hausbücherei Band 23): Kindheitsgeschichten

~Adolf Schmitthenner~: Der Seehund. ~Helene Aeckerle~: Ein Opfer. ~Meinrad Lienert~: Das Gespenst. ~Marga von Rentz~: Krokus. ~Hans Land~: Die Büßerin. ~Adolph Bayersdorfer~: Die Tintenhose. ~Charlotte Riese~: Die Wiege. ~Thomas Mann~: Die Tanzstunde.

Band 7 (Hausbücherei Band 24): Kriegsgeschichten

~Carl Beyer~: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400. ~Heinr. v. Kleist~: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege. ~W. von Conrady~: In Rußland 1812. ~Max von La Roche~: Todesritt. ~Detlev von Liliencron~: Portepeefähnrich Schadius. ~Theodor Fontane~: Drei Kriegsgefangene.

[Illustration]

Inhaltsverzeichnis

zum 2. Bande des ~Novellenbuches~.

Seite

Vorbemerkungen zum zweiten Bande 6

~Wichert, Ernst~: Ewe 7-123

~Sohnrey, Heinrich~: Lorenheinrich 125-144

~Polenz, Wilhelm von~: Zittelgusts Anna 145-178

~Greinz, Rudolf~: Simerls guter Tag 179-199

Jeder Erzählung geht eine kurze Einleitung über Leben und Bedeutung des Verfassers voraus.

[Illustration]

Vorbemerkungen zum zweiten Bande.

Die Novelle »Ewe« von Ernst Wichert ist mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Ernst Wicherts Gesammelten Werken Band 16 (Littauische Geschichten) (Dresden -- Leipzig: Carl Reißner, 2. Auflage 1900).

»Lorenheinrich« von Heinrich Sohnrey ist von dem Verfasser und der Verlagsbuchhandlung gütigst zur Verfügung gestellt aus »Im grünen Klee -- im weißen Schnee« (Berlin: Martin Warneck, 1. bis 5. Tausend 1903).

Der Abdruck von Wilhelm von Polenz' »Zittelgusts Anna« erfolgte mit freundlicher Einwilligung der Erben des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung aus »Luginsland« (Berlin: F. Fontane & Co., 2. Auflage 1901).

»Simerls guter Tag« ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung entnommen aus Rudolf Greinz' Tiroler Geschichtenband »Über Berg und Tal« (Stuttgart -- Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt, 1899).

[Illustration]

Ernst Wichert:

Ewe.

[Illustration]

~Ernst Wichert~ wurde am 11. März 1831 in Insterburg in Ostpreußen als Sohn eines Justizbeamten geboren. Er verlebte den größten Teil seiner Jugend in Königsberg, wohin der Vater versetzt wurde; dort erhielt der Knabe seinen ersten Unterricht, dort besuchte er das Gymnasium und später die Universität, dort brachte er auch den größten Teil seines Lebens als Richter zu. Nur vorübergehend war er in Memel und in dem littauischen Marktflecken Prokuls tätig, und erst 1888 siedelte er als Kammergerichtsrat nach Berlin über, wo er am 21. Januar 1902 starb.

Die dichterische Tätigkeit Wicherts umfaßte Roman und Novelle, Lustspiel und Drama. Die Lustspiele »~Ein Schritt vom Wege~« und »~Der Narr des Glücks~« sind über viele deutsche Bühnen gegangen. Seine Stärke liegt aber zweifellos in der Schilderung heimatlicher Verhältnisse der Gegenwart oder Vergangenheit in Novelle und Roman; hier entwickelt er eine besondere Kraft der Anschaulichkeit, der psychologischen Vertiefung, des kulturgeschichtlichen und sozialen Verständnisses. Schildert er in dem dreibändigen Roman »~Heinrich von Plauen~« den beginnenden Verfall des deutschen Ordens zu Anfang des 15. Jahrhunderts -- oder in »~Tilemann vom Wege~« den Verzweiflungskampf des Ordens gegen die Städte des Weichsellandes -- oder in dem großangelegten, wieder dreibändigen Roman »~Der große Kurfürst in Preußen~« die schmerzvollen Umbildungen seiner Heimat in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts -- immer stellt er uns ein lebendiges und meisterhaft ausgeführtes Bild jener Zeiten und ihrer Menschen vor Augen.

Unter seinen Novellen sind fraglos die »~Littauischen Geschichten~« die bedeutendsten. Wichert hatte in den Jahren 1860-63 als Richter in dem Marktflecken Prokuls reiche Gelegenheit, die Eigentümlichkeiten des littauischen Stammvolks kennen zu lernen. Die romantischen Verhältnisse, das Urwüchsige dieses vor den Deutschen immer mehr verschwindenden Volkes zogen ihn an, der Mangel an Rechtsbewußtsein, die Häufigkeit von Scheinverträgen und Zeugenbestechungen, Meineiden und Giftmorden beschäftigten lebhaft sein Interesse. So schrieb er aus der genauen Kenntnis dieses zu Grunde gehenden Volkstums Dorfgeschichten von einer psychologischen Gewalt und Stärke, daß sie uns bis ins Innerste ergreifen; und das trotz der größten äußeren Schlichtheit -- denn Wichert erzählt, als ob er ein Protokoll für das Gericht schriebe. ~So~ sind uns die Menschen einfacher Verhältnisse selten näher gebracht worden, und wenn in diesen kraftvollen Gemälden noch etwas besonders unsere Teilnahme fesselt, so ist es -- wie in der monumentalen Erzählung »~Ewe~« -- die Charakterstärke, der Opfermut, die Treue, die Tatkraft seiner Frauengestalten.

Hamburg. Dr. ~Ernst Schultze~.

[Illustration]

Ewe.

1.

Das littauische Grenzdorf Naujokat-Peter-Purwins besteht von alters her aus zwei großen und vier kleineren Höfen, die Eigenkathen nicht gerechnet, die auf abgezweigtem Weidelande erbaut sind. Seit unvordenklichen Zeiten saß auf dem hintersten von den beiden großen Höfen die Familie Naujoks, auf dem vordern die Familie Purwins, und von ihnen hatte unzweifelhaft das Dorf den Namen angenommen. Der Zusatz »Peter« war einmal zur Unterscheidung eingeschoben, als auch einer der kleinern Höfe durch Kauf oder Heirat in den Besitz eines Naujoks oder Purwins gekommen war. Übrigens bestand, soweit sich die ältesten Leute erinnern konnten, Feindschaft zwischen den Besitzern der beiden großen Höfe, die gar keinen andern Grund hatte, als daß jede der beiden Familien wegen ihres Besitzes als erste und angesehenste betrachtet werden wollte. Kam es auch selten zu offenem Streit, so fehlte doch nie die Gelegenheit zu eifersüchtigem Übelwollen, und hielt man sich in Worten zurück, so gönnte man einander doch nichts Gutes.

Jetzt war Eigentümerin jenes Hofes die Urte Naujokene, Witwe des vor etwa zwei Jahren verstorbenen Wirts Martin Naujoks, eine Frau in den Vierzigern. Sie hatte keine Kinder, und die Kinder ihres Mannes aus dessen erster Ehe waren sämtlich abgefunden und auswärts angesessen oder im Dienst. War auch infolgedessen das Grundstück nicht schuldenfrei, so galt die Naujokene doch für eine »reiche« Frau, und man fand es ganz in der Ordnung, daß sie trotz ihres vorgeschrittenen Alters viel umworben wurde. Heiratete sie nicht einen Naujoks, so war freilich die alte Beziehung zwischen dem Hofe und der Familie auch äußerlich aufgehoben. Daraus hätte sie sich aber nichts gemacht, wäre ihr nur der Freier genehm gewesen.

Der vordere Hof war noch im Besitz der Purwins, und es hatte nicht den Anschein, als ob sie da so bald aussterben sollten. Der alte Adam Purwins kränkelte zwar, seit er einmal nach dem Verkauf von Flachs betrunken aus der Stadt gekommen, aus dem Schlitten gefallen und die Nacht über im nassen Schnee liegen geblieben war, wollte doch aber das Grundstück noch nicht abgeben und ein Ausgedinge nehmen. Seine beiden Söhne Ansas und Jurgis waren zu Hause und halfen als Knechte in der Wirtschaft, auch die jüngste Tochter Ewe diente beim Vater. Eine ältere Tochter war in der Gegend von Kinten verheiratet und gut versorgt. Die Frau lebte schon lange nicht mehr.

Das war einer von den Gründen, weshalb die Wirtschaft schon seit Jahren eher zurück als vorwärts ging. Die Hausfrau fehlte, und Ewe konnte das Mannsvolk nicht in Ordnung halten. Sie war auch selbst von leichter Art und so ohne Aufsicht der Mutter aufgewachsen, leidenschaftlich und nicht daran gewöhnt, sich Beschränkungen ihres Willens aufzulegen. Lieber ging sie abends mit den andern Mädchen singend auf der Dorfstraße hin und her, als daß sie zu Hause nach dem Rechten sah, und zur Winterszeit in der Spinnstube wußte sie zwar die schönsten Geschichten zu erzählen und ausgelassene Scherze zu treiben, kam aber mit der Arbeit schlecht vorwärts. Die Magd tat im Stall und in der Klete[1], was sie wollte, und die alte Gaidullene, die Wohnungsrecht und ein kleines Ausgedinge hatte, nahm sich, was ihr gefiel. So sah man's denn schon dem Strohdach und den Lattenzäunen an, daß die Purwins zurückkamen. Es war auch bekannt, daß Ansas und Jurgis viel mit den Juden verkehrten, welche Waren über die Grenze schmuggelten, auch selbst ritten. Ewe war schon zwanzig Jahre alt geworden, und es hatte sich noch kein Mann für sie gefunden. Irgend ein Habenichts konnte da freilich nicht werben. Übrigens behandelte sie die jungen Burschen übermütig genug, als ob's ihr gar nicht darauf ankäme, so bald die langen, blonden Zöpfe unter das Kopftuch zu stecken. Neckte man sie, so sagte sie wohl lachend: »Ich hab' schon meinen Schatz in Gedanken, und der wird mein Mann, oder keiner.« Manchmal fügte sie auch das Reimsprüchlein bei: »Er hat ein Pferd, ich hab' 'ne Kuh; was sonst noch fehlt, gibt Gott dazu.« Niemand nahm's für Ernst.

Mit der Naujokene stand sie nicht auf gutem Fuß. Das ergab sich eigentlich schon von selbst aus der alten Rivalität der Höfe; aber auch sonst hätten sie schlecht miteinander gestimmt. Die Naujokene gehörte zur Sekte der »Frommen«, zeigte ein strenges Wesen und sah meist verdrießlich aus. Ewe meinte, sie schneide dem lieben Gott ein Gesicht, weil er sie täglich älter statt jünger werden lasse, und sie gehe nur so oft in die »Versammlungen«, um sich den geduldigsten Mann auszusuchen. Die Witwe dagegen schalt sie ein leichtsinniges Ding und gab zu verstehen, daß man sich nicht wundern solle, wenn bei den Purwins »etwas passiere«. Sie sprachen beide laut genug, daß man's über die Dorfstraße hören konnte.

Eines Tages, Anfang September, stand Ewe im Garten hinter der Klete und schlug mit einer Bohnenstange die kleinen, rotbäckigen Äpfel vom Baum, die sich mit der Hand nicht erreichen ließen. Den blauen Rock hatte sie vorn faltig aufgenommen und unter das bunte Band gesteckt, mit dem die Weste unter der Brust geschnürt war, und so hing er wie eine Tasche, in die sie nun die Äpfel sammelte, um sie dann in den Flechtkorb von Weidenruten auszuschütten. Sie schlug mitunter in der Ungeduld so kräftig zu, daß ein ganzer Ast abbrach; aber das kümmerte sie wenig: der liebe Gott mochte einen andern wachsen lassen.

Schon mehrmals war hinter dem Vorratshause her ein häßliches, altes Weib bis dicht an den Lattenzaun getreten, um in den Garten zu spähen. Das schwarze Kopftuch ließ vom Gesicht nicht viel mehr erkennen als die kleinen, stechenden Augen, die Habichtsnase und den breiten, zahnlosen Mund. Nun klopfte die Alte mit der knöchernen Hand gegen das Querbrett und rief hinüber: »Hole nur nicht im Eifer aus mit der Stange, Töchterchen. Dort steht mein Apfelbaum, wie du weißt, und ich will nicht, daß die Früchte ins Gras fallen, bevor sie reif sind. Was da am Boden liegt, sammelt doch der auf, der es findet.«

»Sorge nicht, Gaidullene,« antwortete das Mädchen, »ich schlage nur nach dem, was mir gehört, und ich habe genug Äpfel für den Sommer und Winter. Was von deinem Baum abfällt, ist wurmstichig, und meinetwegen mag es im Grase verfaulen, ich bücke mich nicht danach. Tut's ein anderer, so passe ihm auf. Ich habe freilich sagen hören, daß die Gaidullene sich gerade den Baum mit den süßesten Äpfeln zu ihrem Ausgedinge ausgesucht hat.«

»Wer die Wahl hat, nimmt sich das beste Stück,« sagte die Alte, »und die Verschreibung ist in allem andern nicht zu meinem Vorteil, das hab' ich alle Tage erfahren. Dein Großvater hat mich überlistet, als ich ihm vor dreißig Jahren mein Käthnergrundstück nebenan abtrat. Ich hätte lieber mit dem Peter Naujoks verhandeln sollen, dem's auch paßte. Wir haben zu viel Branntwein getrunken, bevor wir aufs Gericht gingen, und da war er sehr freigiebig. Hinterher aber hat er mich gezwackt, wie er konnte. Dein Vater hat's nicht besser gemacht und sich einmal im Prozeß sogar zwei Scheffel Korn abgeschworen. Dafür wird der Teufel seine Seele greifen. Ich muß auf das Meinige sehen, sonst bleibt mir nur gerade genug zum Verhungern.«

Ewe lachte, daß die weißen Zähne in der Sonne glänzten. »Kommst du wieder auf die alten Geschichten!« rief sie. »Ich denke, du hast nicht zu klagen; denn ich passe dir wenig auf. Deine eiserne Kuh gibt so viel Milch, daß sich die Leute wundern, und dein Getreide hat so gut gereicht, daß du neulich noch einen Sack an den Abroms verkaufen konntest. Es geschah des Abends spät über den Zaun, und ich kann nicht dafür, daß ich's zufällig gesehen habe.«

Der Alten zitterte das Kinn vor Ärger. »Du liebst spitze Reden, Töchterchen,« knurrte sie, »das wird dir dein Mann abgewöhnen müssen. Aber Gott weiß, daß du mir unrecht tust. Meine Kuh gibt gute Milch, weil ich nicht träge bin, den Pflock täglich dreimal auszuziehen und an anderer Stelle einzuklopfen; das Getreide war ehrlich erspart, und wenn ich auf meinen Apfelbaum aufpasse, so weiß ich wohl, wer lieber süße Apfel als saure ißt. Damit will ich sonst nichts gesagt haben, Töchterchen.«

Sie zog sich hinter die Ecke der Klete zurück. Ewe zuckte die Achseln und setzte trotzig den Mund auf. Die Hand wie ein Dach gegen die Sonne vor die Stirn haltend, lugte sie zum Wipfel auf und setzte die Stange in Bewegung. Dabei schwenkte sie dieselbe nun wirklich so weit rückwärts, daß der Nachbarbaum getroffen werden mußte, und es rasselten denn auch von dort durch das Laub ein paar Apfel ins Gras. Sie lachte dazu.

Indessen hatte sich auf der Dorfstraße mit ziemlich müden Schritten ein junger Mann genähert. Er trug die blaue, mit vielen kleinen Knöpfen besetzte Tuchjacke der Littauer, ein Beinkleid von weißer Leinwand und eine Soldatenmütze mit Schirm. Seine Stiefel waren bestäubt; an dem Stock, den er über die Schulter gelegt hatte, hing ein Bündel. Er war groß und schlank gewachsen; das kleine Bärtchen über der Oberlippe gab ihm ein keckes Aussehen, und trotz der Müdigkeit hielt er sich gerade. Die kurze Pfeife aber brannte nicht mehr und pendelte mit der Hand, die sie hielt, beim Gehen.

Jetzt, dem Strauchzaun gegenüber, warf er einen Blick in den Garten hinein und stand still. Er beobachtete eine Weile das geschäftige Mädchen, und das Gesicht wurde freundlicher. Dann machte er eine halbe Wendung und trat einige Schritte näher. Eben bückte Ewe sich, um ihre Ernte in den Rock zu sammeln. Sie wurde aufmerksam, richtete sich sogleich wieder auf und ließ den Apfel fallen, den sie gefaßt hatte. »Mikelis,« rief sie, offenbar freudig überrascht, »bist du's denn wirklich?«

Der so Angeredete sprang über den flachen Graben, stützte sich auf der Kante vor dem Strauchzaun gegen den Stumpf einer Weide und nickte dem Mädchen zu. »Grüß Gott, Ewe,« sagte er; »es ist hübsch, daß du mich nicht vergessen hast.«

Sie wurde rot im Gesicht und nestelte den Haken des Mieders zu, der sich über der vollen Brust bei der Arbeit gelöst hatte. »Nun, so lange bist du doch noch nicht fort,« entgegnete sie und trat dabei näher. Sie streckte den Arm mit dem weiten, weißen, am Queder rot und blau gestickten Ärmel über den Zaun und schüttelte ihm die Hand. »Bist du nun ganz frei?«

»Meine drei Jahre sind um,« antwortete er. »Eigentlich fehlt noch ein Monat, aber einige von der Kompagnie sind früher entlassen, da sie sich gut geführt haben. Da komm' ich nun nach Hause und treffe zuerst dich -- das ist ein gutes Zeichen.«

»Geb's Gott,« sagte sie lachend, »ich gönne dir gern alles Gute. Warum bist du denn nicht ein einziges Mal auf Urlaub gekommen, Mikelis?«

»Von Berlin war's zu weit, und ich hatte auch nicht so viel Geld. Und dann ... ich wußte auch nicht einmal, ob ich meinem Schwager, dem Adam Grillus, recht käme! Nach dem ersten Jahre mußte ich ihm schreiben, daß ich mein Erbteil von hundert Talern in zwei Raten heraushaben wollte, und darüber ist erseht ärgerlich gewesen, weil er das Geld in der Stadt zu hohen Zinsen aufnehmen mußte. Ich konnt' ihm aber nicht helfen.«

»So hast du dein Erbteil verbraucht, Mikelis?«

»Bis auf den letzten Groschen. Bei der Garde in Berlin ist mit dem Traktament nicht auszureichen, und wenn man sich nicht lumpen lassen will, muß man von dem Seinigen zulegen und zu rechter Zeit einen blanken Taler auf den Tisch werfen. Es geht da flott her bei der Garde.«

»Wie wird's dir nun bei uns gefallen?« fragte sie, die Augen senkend.

»Hoffentlich gut!« versicherte er. »Ich hätte wohl in Berlin bleiben können; mein Major bot mir einen guten Dienst an. Aber es zog mich zurück in die Heimat, wo ich doch werde schwer arbeiten müssen. Einen Tag und eine Nacht bin ich auf der Eisenbahn gefahren und dann noch einen halben Tag; darauf bin ich ein paar Stunden zu Fuß unterwegs -- es ist nicht viel anders als zwischen gestern und heut. Aber wie ich nur auf littauischen Boden trat, war mir's gleich, als hätt' ich alles Fremde vergessen, das ich in drei Jahren angelernt, und könnte kein Wort deutsch mehr sprechen. Als was ich geboren bin, als das will ich auch sterben.«

Ewe lachte. »So sagt ihr alle, wenn ihr zurückkommt; späterhin aber zeigt sich's doch bald, daß ihr nicht mehr mit ganzem Herzen bei uns seid. Die Feldarbeit wird euch zu schwer, und ihr spielt lieber im Wirtshause die Herren.«

Er seufzte. »Wenn ich's nur mit dem Meinigen zu tun hätte, Ewe! Da wollt' ich gern arbeiten und mich keine Mühe verdrießen lassen. Aber das väterliche Grundstück hat nun die Schwester, weil ihr Mann Geld mitbrachte und das Notwendigste auszahlen konnte. Wir andern Geschwister mögen sehen, wie wir in der Welt durchkommen. Wenn aber einer nicht der Wirt ist, so ist er der Knecht, und vom Knechtslohn läßt sich schwer sparen. Man muß sehen, ob man beim Reiten über die Grenze Glück hat. Da ist bald ein gut Stück Geld verdient, und nach ein paar Jahren reicht's vielleicht aus, etwas zu kaufen, wenn auch nichts Großes. Der Wirt zu werden, darauf kommt's an.«

»Du hättest dein Erbteil doch nicht verbrauchen sollen, Mikelis.«

»Es ging nicht anders. Ich hab's gar nicht in der Art, zu verschwenden oder durchzubringen, und wenn ich nicht sparsam gewesen wäre, hätt's nicht einmal so weit gereicht. Ich hab's aber klug genug angefangen, daß die hundert Taler sich verdoppelten. Die Kameraden waren immer bald mit ihrem Gelde fertig, und dann liehen sie von mir bis zum nächsten Zahltag gegen Zinsen, so viel ich auch forderte. Ich hab' auch gelernt, wie man ein Papier schreibt, das sie Wechsel nennen. Darauf muß sofort gezahlt werden, was geschrieben steht, und es geht keinen was an, weshalb so oder so viel geschrieben ist. Unter den Leuten wird man klug. Hätt' ich noch einmal die hundert Taler, ich wollt' sie wohl auch hier zu brauchen verstehen.« Das sagte er recht wohlgefällig, und die Augen blitzten dazu listig.

Ewe zapfte an ihren Westenbändern und blinzelte von unten auf. »Du mußt dich reich einheiraten,« sagte sie forschend.

»Das kann kommen,« meinte er, den Kopf aufwerfend. »Wir kennen einander gut genug und haben uns schon als Kinder versprochen -- willst du mich jetzt haben?«

Sie schlug ihm mit der Hand auf den Arm und zeigte lachend die weißen Zähne. »Du wärst mir schon recht,« antwortete sie, »aber ich bin nicht reich.«

»Nun -- dein Vater hat den großen Hof.«

»Aber es sind Schulden darauf, und die Brüder werden mir nicht viel lassen. Ich bin das jüngste Kind. Nimmt der Vater ein Ausgedinge, so bleibt vom Kaufgeld nicht viel übrig, und heiratet er noch einmal, so kann ich als Magd dienen gehen.«

»Er wird doch nicht!«

»Wer weiß? Er klagt oft, daß wir's ihm in der Krankheit nicht recht machen. Eine Frau, meint er, hat eine weichere Hand.«

»Mancher hat auch schon Schläge bekommen.«

»So oder so -- zum Wirt kann ich dich nicht machen.«

Er rückte die Mütze von der Stirn zurück und zog die Achseln auf. »Es ist schade, Ewe -- wir hätten ein gutes Paar abgegeben. Eh' ich wegging, dacht' ich bestimmt ... und auch in Berlin ...«

Sie wurde blutrot im Gesicht. »Sprich nicht dummes Zeug,« sagte sie, doch gar nicht ärgerlich. »Gespaßt ist genug. Das hast du wohl auch draußen gelernt, wie man so dreist mit den Mädchen spricht.«

»Es ist schade,« wiederholte er und rückte das Bündel auf seiner Schulter zurecht.

Ewe faßte in ihren Rock und brachte eine Hand voll Äpfel vor. »Willst du?« fragte sie.

»Gib, ich bin hungrig und ich weiß nicht, ob mein Schwager mich zu Tisch ladet.« Er steckte die Äpfel in seine Tasche und biß in den letzten sogleich hinein. »Wir sehen uns nun öfter,« sagte er, »und wollen gute Nachbarschaft halten wie früher.« Damit grüßte er und ging.

[Illustration]

2.

Michel Endrullis hatte es nicht weit bis zu seines Schwagers Hof. Grillus empfing ihn nicht so ganz unfreundlich, als er erwartet hatte. »Ich wußte ja,« meinte er, »daß deine Zeit bald um sein müßte. Festlegen kannst du dich nicht bei mir, aber es ist gerade in der Wirtschaft viel zu tun, und Arbeiter sind schwer zu haben. Wenn meine Frau damit zufrieden ist, magst du für's erste bleiben, und ich will dir Lohn geben, soviel andere bekommen.«

»So mag's gehen,« antwortete Michel Endrullis. »Aber daß es nachher nicht Streit gibt -- du weißt doch, daß ich mit meinem Erbteil noch nicht ganz abgefunden bin?«

»Was --? Die hundert Taler hast du bekommen.«

»Ja. Aber in der Verschreibung steht: hundert Taler und ein Pferd.«

Grillus kratzte den Kopf. »Steht das?«

»Lies nach, wenn du's vergessen hast. Das Pferd will ich nun haben, und es muß ein gutes Pferd sein, auf das ich mich verlassen kann.«

»Ein besseres, als ich selbst habe, kann ich dir doch nicht geben.«

»Auf dem Pferdemarkt hat man die Auswahl.«

»Dränge mich nicht, Mikelis. Willst du's mit Geld ausgleichen, so sage, was du forderst. Zahle ich nicht gleich, so zahle ich mit guten Zinsen.«

»Nein, ich will das Pferd haben.«

»So komm in den Stall. Du sollst wählen dürfen -- nur den Fuchs nehm' ich aus.«

Sie gingen in den Stall. Die Frau kam mit. »Fange nicht gleich wieder Hände! an,« bat sie ihren Bruder.

Die Pferde wurden herausgeführt, besehen, zur Probe geritten. »Da ist keins für mich passend,« sagte Michel Endrullis, »als der Fuchs.«

Es gab Lärm und Streit. Endlich mußte Grillus sich doch fügen. Die Schwäger kamen überein, daß Michel vorläufig im Hause bleiben und für seinen Unterhalt arbeiten, das Pferd aber noch den Herbst über im Stall lassen sollte. Der Wirt dürfte es in der Wirtschaft brauchen, müßte ihm aber dafür das Futter geben. Wolle Michel es »zum Reiten«, das hieß zum Schmuggeln, brauchen, so stehe das bei ihm.

Darauf wurde noch denselben Abend mit den Nachbarn ein guter Trunk getan.

Als die Nächte dunkel wurden, ritt Endrullis für die Juden mit Spiritus über die Grenze. Auch die beiden Purwins waren dabei. Für den Gewinn kaufte er ein kurzes Gewehr. Einmal kam's auch zu einem Gefecht mit russischen Soldaten, und einer von ihnen erhielt einen Schuß. Im Dorfe erzählten sich die Mädchen von seiner Waghalsigkeit, und Ewe sagte: »Wenn er auf dem Fuchs sitzt, sieht er aus wie ein General. Das macht, weil er bei der Garde gedient hat.« Es war bald gar kein Geheimnis mehr, daß sie ganz toll in ihn verliebt war. Endrullis ließ sich's gefallen, band sich aber doch nicht. Dazu war er, wie er selbst rühmte, »zu klug«.