Part 6
Das Gericht wurde herausbeordert. Die Ärzte stellten fest, daß der Schlag von hinten her mit einem scharfen und wuchtigen Instrumente geführt sein mußte, einer Axt oder einem Beil. Das Handbeil, das stets auf dem Herd lag, war vermißt worden und trotz allen Suchens nicht aufgefunden. Der Knecht schlief im Stall bei den Pferden, die Magd in einer entlegenen Kammer; sie hatten in jener Nacht nichts Verdächtiges wahrgenommen, nicht einmal die Hunde bellen gehört. An dem hintern Giebel des Hauses war eine Leiter angelehnt; die Luke nach dem Heuboden stand offen, der hölzerne Riegel, welcher sonst die Lade von innen schloß, zeigte sich abgebrochen. Der Knecht meinte, es hätte keines großen Aufwandes von Kraft dazu bedurft, da das Holz morsch gewesen. Schon bei der letzten Heuernte wäre davon gesprochen worden, daß nächstens ein neuer Riegel eingezogen werden müsse. Der Heuboden war von dem übrigen Bodenraum nur durch eine leichte Holzwand getrennt; hier war am Schornstein, wo sie ohnedies nicht genau anschloß, ein Brett vom untern Nagel gelöst und zur Seite geschoben; durch die Öffnung konnte sich ein Mensch zwängen. Nun war leicht die Treppe zu erreichen gewesen, die in den Herdflur hinabführte, von dort die Schlafstube. Zurück hatte der Eindringling nicht denselben Weg genommen, sondern ein Fenster in der anstoßenden Kammer geöffnet und durch dasselbe einen Sprung ins Freie getan. Auf den Dielen waren Blutstropfen bemerkbar, die wahrscheinlich von dem Beil, das er in der Hand gehalten haben mußte, abgefallen waren. Unter dem Fenster befand sich ein Steinpflaster, das keine Fußspur festhalten konnte. Kästen und Schränke waren unversehrt bis auf eine Schieblade unten in dem großen eichenen Kleiderspind, in der die Wirtsfrau ihre Papiere aufbewahrte. Sie war mit dem richtigen Schlüssel geöffnet und offenbar durchsucht, da die Dokumente und Briefschaften teilweise auf dem Fußboden lagen. Ob irgendetwas von dem früheren Inhalte fehlte, ließ sich nicht ermitteln.
Die Untersuchung wurde mit aller Peinlichkeit geführt, ergab aber nicht das geringste Resultat. Unzweifelhaft war die Frau ermordet; sehr wahrscheinlich handelte es sich um einen Akt der Rache, aber auf den Täter führte keine sichere Spur.
Auch gegen Mikelis Endrullis lenkte sich natürlich der Verdacht, aus gewichtigen Gründen gegen ihn zunächst. Aber man wußte ja nichts davon, daß Urte ihm den Wechsel entwendet hatte, und selbst die Vermutung, daß er sich ihrer habe entledigen wollen, um Ewe Purwins heiraten zu können, wurde dadurch sehr geschwächt, daß die Nachbarn bezeugen mußten, die beiden wären im Streit geschieden. Hatte er sich dann doch auch nicht gescheut, sie auf die Anklagebank zu bringen! Dazu kam, daß er seit jenem Gerichtstage nicht mehr im Dorfe gesehen war und nachweisen konnte, sich mehrere Meilen davon diesseit und jenseit der Grenze aufgehalten zu haben. In jener Nacht war er mit zwei Fäßchen voll Schnittwaren hinübergeritten und hatte am Morgen ein Rencontre mit russischen Soldaten gehabt. Sie hatten ihn verfolgt, und sein Pferd war gestürzt; die kannten den Fuchs genau und wußten, welcher Reiter dazu gehörte, auch wenn derselbe ihnen zu Fuß im Heidegestrüpp entkommen war. Die Zeitangaben der Zeugen konnten freilich nicht für ganz zuverlässig gelten, zumal sie unter sich selbst erheblich abwichen; aber die Nacht stand fest, und es blieb höchst unwahrscheinlich, daß jemand, der abends spät und morgens früh dort gesehen war, in den wenigen Stunden, über die er sich nicht bestimmt ausweisen konnte, in dem meilenweit entfernten Dorfe tätig gewesen war. So ergab sich nicht einmal genügender Grund zu seiner Verhaftung. Nachdem viel Tinte verschrieben war, mußte doch der Staatsanwalt die Akten zurücklegen, da auf die dunkle Tat kein Licht fallen wollte.
Nun hielt Endrullis es nicht mehr für gewagt, sich wieder im Dorf blicken zu lassen. Er kehrte bei seinem Schwager Grillus ein und arbeitete für ihn. Es hieß, er habe in Rußland sein Pferd verloren und könne deshalb nicht mehr über die Grenze reiten. Die Nachbarn selbst meinten, er täte am besten, sich mit Ewe wieder auszusöhnen, da ihrer Verbindung ja jetzt kein Hindernis mehr entgegenstehe. Die Frauen übernahmen die Vermittelung und fanden Ewe nicht abgeneigt. Sie hatte ja auch in ihren Augen den besten Grund, sich dem Ausgleich nicht zu widersetzen. So kam's, daß Endrullis nach einigen Wochen wieder zu ihr zog und das Aufgebot bestellt wurde.
An dem Tage, als der Pfarrer ihre Namen von der Kanzel verkündete, waren sie in der Kirche. Endrullis kniete während des ganzen Gottesdienstes und hatte meist den Kopf auf die Arme gestützt oder die Augen fest auf das Gesangbuch geheftet. Er versuchte auch mitzusingen, aber es war, als ob der Ton nicht aus der Kehle wollte. Als sein Blick einmal auf den gekreuzigten Christus über dem Altar fiel, dem die großen Blutstropfen unter der Dornenkrone über die Stirn perlten, schauerte er sichtlich zusammen und stützte die Schulter gegen den Holzpfeiler. Noch ehe der letzte Vers gesungen war, verließ er die Kirche. Er mußte an der Bank vorüber, auf der die Gaidullene saß; sie nickte ihm grüßend zu.
Er fuhr mit Ewe nach Hause. Die Altsitzerin konnte zu Fuß gehen, da in ihrer Verschreibung Kirchenfuhren nicht vorgesehen waren. Als er die Pferde abgeschirrt und gefüttert hatte, kam sie an der Stalltür vorbei und sagte: »Es hätte deine Braunen wenig beschwert, wenn die alte Frau auf den Wagen genommen wäre.«
»Mach's ein andermal mit der Ewe aus,« antwortete er, »sie ist die Wirtin.«
»Und du willst der Wirt werden, darum halte ich mich an dich. Mit der Ewe spreche ich nur, wenn ich muß, aber dir rate ich, keinen Platz frei zu lassen, wenn du am Kirchhof vorüberfährst. Es könnte da leicht jemand aufsitzen, der den Pferden zu schwer ist.«
»Was willst du damit sagen?« fuhr er sie an. Es war zu merken, wie er erschrak und im Gesicht bleich wurde.
»Nichts, mein Söhnchen, nichts,« zischelte sie, »es ist nur ein Aberglaube -- der Herr Pfarrer hält nichts davon. Die Toten sind tot und begraben. Aber ich hätte letzte Nacht schwören mögen, daß die Urte unter den Erlen am Bach heranschlich und durch die Hintertür in den Stall eintrat -- in diesen Stall. Sie hatte ein weißes Tuch um den Kopf gebunden, damit der Schädel besser zusammenhielt.«
»Was geht mich die Urte an?« rief er mit gepreßter Stimme, scheu in die Ecke des Stalles blickend.
Die Alte trat auf die Schwelle. »Sie ist doch deine Frau gewesen, Mikelis, und jetzt soll die Ewe deine Frau werden, und heut war das erste Aufgebot. Da ist's doch kein Wunder, daß sie sich meldet. Die Herren haben gesagt, daß sie mit einem Beil erschlagen worden sei. Du weißt doch, wo sie ihr Beil neben dem Herd zu verwahren pflegte? Bist ja lange genug in ihrem Hause der Wirt gewesen. Kein anderer weiß das so gut.«
Er hob die Pferdeleine vom Pflock und schüttelte sie in der aufgehobenen Hand. »Fort da, du Hexe!« schrie er, ganz blau im Gesicht. »Fort da, oder ...«
Sie stand ganz ruhig. »Schlage mich nicht, Mikelis, es könnte dich gereuen,« sagte sie. »Alte Leute haben keinen festen Schlaf, und nicht immer wird man ihnen auf den Kopf sagen können, daß sie geträumt haben. Ich kann meine Zunge hüten, und wenn wir gute Freunde sind, Mikelis, nehme ich in's Grab mit, was ich weiß.«
Er ließ den Arm sinken und mühte sich zu lachen. »Was weißt du denn, was --?« fragte er spöttisch. »Hast du belauscht, was die Elstern auf dem Dach zusammen plappern, oder hat dir die schwarze Katze mit den grünen Augen etwas erzählt? Die Erdme will behaupten, daß du sie stets zu dir in's Bett nimmst.«
»Sie kommt gern zu mir -- hi, hi, hi! denn ich tu' ihr Gutes. In jener Nacht aber sprang sie von meinem Bett und schlüpfte durch das Loch unter der Tür. Es ist möglich, daß sie etwas gesehen hat mit ihren grünen Augen. Die Katzen sehen auch im Dunkeln.«
»Und ein altes Weib, das mit einer schwarzen Katze verkehrt, sollte man als Hexe verbrennen -- hi, hi, hi!«
»Lache nur, mein Söhnchen, lache nur -- du kannst lachen. Die Urte ist tot, und du wirst die Ewe heiraten und wirst hier der Wirt werden. Du kannst lachen. Aber sicher ist sicher. Warum willst du dich nicht mit mir gut stellen? Wenn ich Frieden habe, ist alles gut. Die Ewe gibt mir unreines Getreide und schlecht geschwungenen Flachs und sandiges Kartoffelland; sie streitet mir die Eier ab, die meine Hühner legen, und schlägt die Äpfel von meinem Baum, ehe sie reif sind. Und jetzt, nachdem ich gegen sie hab' zeugen müssen, treibt sie's gar arg und möcht' mich am liebsten vom Hofe jagen. Nicht die Stelle auf dem Feuerherd gönnt sie mir, worauf ich meinen Kochtopf stelle. Sieh' zu, daß das anders wird, wenn du Wirt bist. Ich kann schweigen, aber ich kann auch sprechen.«
»Die Ewe behandelt dich, wie du's für deine Lästerzunge verdienst. Was kannst du sprechen? Sag's in Teufels Namen.«
»Du bist klug, Mikelis, aber so dumm, wie du denkst, bin ich auch nicht. Du sollst mir noch hundert Taler zahlen, damit ich nur still bin. Ich will dich etwas fragen, mein Söhnchen. Wo ist denn dein Fuchs geblieben?«
Er lachte. »Das ist kein Geheimniß. Er ist drüben gefallen, als die Grenzreiter mich verfolgten.«
»Und weshalb ist er gefallen? Er war ein kräftiges, schnelles Tier und hat dich schon manchmal gut durchgebracht. Aber in der Nacht war er so viele Meilen gelaufen, daß ihm die Kniee zitterten, und hatte überdies ein Hufeisen verloren --«
»Wer will das behaupten ...?«
»Einer, der die Fußspur im Bruchlande gesehen hat. Ich bringe täglich meine Kuh auf die Weide, wo die Erlen anfangen. Auf dem harten Wege war freilich nichts davon zu bemerken. Das Eisen am rechten Vorderhuf, mein Söhnchen. Und wie mag's gekommen sein, daß hinten an unserm Holzstall ein Brett losgerissen und nur leicht mit den Nägeln wieder eingesteckt war? Wer da hinein gegangen ist, hat sich tüchtig zwängen müssen.«
»Das kann wohl sein. Wer aus des Nachbars Stall Holz holt, mag zusehen, wie er hinein- und hinauskommt -- das hast du wohl schon erfahren.«
»Glaubst du? Passe nur gut auf, wenn du der Wirt bist. Aber zum dritten und letzten will ich dich fragen; wo sind die zwei Knöpfe von deiner Jacke geblieben, Mikelis?«
Er ließ scheu einen raschen Blick über seine Brust hinabgleiten. »Zwei?«
»Ja, zwei. Es sind ihrer freilich noch genug an der Jacke.«
»Was geht es dich an?«
»Nichts. Aber wenn einer davon etwa gefunden sein sollte, was gibst du dafür? Hundert Taler sind nicht zu viel.«
Er trat vor und stieß sie gegen die Brust, daß sie von der Schwelle zurücktaumelte. »Keinen Pfennig, verdammte Hexe,« schrie er, »keinen Pfennig! Meinst du klüger zu sein als die Gerichtsherren und mich schröpfen zu können? Bin ich der Erste, dem die Knöpfe an der alten Jacke nicht festsitzen? Trolle dich und hüte dich, mir in den Weg zu kommen, wenn dir deine Knochen nicht weh tun sollen. Ich verstehe keinen Spaß.«
Die Alte humpelte fort. »Wie du willst, mein Söhnchen, wie du willst,« zischelte sie. »Aber wenn du dich anders besinnen solltest -- hundert Taler sind jetzt zu wenig. Du hast mich vor die Brust gestoßen, das kostet noch fünfzig. Wenn du so viel Geld nicht gleich bei der Hand hast, ich bin auch mit einem Papier zufrieden -- so einem, wie die Ewe dir gegeben hat. Du verstehst dich ja darauf. Vierzehn Tage will ich dir Zeit lassen, die Sache zu überlegen; aber vor der Hochzeit muß ich wissen, woran ich bin.«
Endrullis biß die Zähne zusammen und murmelte etwas in sich hinein. Eine Weile stützte er den Kopf gegen den Pfeiler und versenkte sich in seine Gedanken. »Unsinn!« rief er dann. »Was kann sie wissen? Sie reimt sich's zusammen. Keinen Pfennig soll sie haben, aber bei nächster Gelegenheit eine tüchtige Tracht Schläge. Merkt sie, daß man Furcht vor ihr hat, so hört sie nicht auf zu fordern.« Er sah dabei doch nicht aus wie einer, dem wohl zu Mute war.
Zu Ewe sagte er: »Das alte Weib hat nichts Gutes im Sinn. Nach ihren Jahren hätte der Teufel sie schon längst holen können.« Und nachts, als er nicht schlafen konnte, weckte er sie und erzählte ihr, was die Gaidullene gesprochen hatte. Ewe antwortete nur: »So ist's Zeit.«
[Illustration]
10.
Hatte die Altsitzerin sich früher oft genug über Ewe's Unfreundlichkeit zu beklagen gehabt, so änderte sich nun plötzlich ihr Benehmen ganz und gar. Sie gab ihr gute Worte, zog sie zu leichter Arbeit im Hause heran und bezahlte sie dafür über Gebühr. Auch schenkte sie ihr einen neuen Rock und ein Tuch und ein schönes Gesangbuch, und einmal sagte sie ihr: »Du kannst es gut bei mir haben, wenn du auf meiner Seite stehst. Ich kann dem Mikelis nicht überall aufpassen, und ich glaube, die Erdme gefällt ihm mehr, als der Frau lieb sein kann. Habe die Augen darauf und laß mich wissen, was du siehst. Wir wollen zusammenhalten.« Dabei zwinkerte sie listig mit den Augen.
Die Alte traute ihr doch nicht recht. Einige Tage vor der Hochzeit hatte Ewe Flinsen gebacken. Sie rief die Gaidullene hinein, gab ihr einen Topf Kaffee und bot ihr von dem Gebäck an. Sie teilte mit ihr, was sie auf dem Teller hatte, und aß selbst davon. »Sage mir, ob die Flinsen gut geraten sind,« bat sie, »ich will sie gerade so bei der Hochzeit für die Gäste backen lassen und die Eier nicht sparen.« Auf einem andern Teller lag noch mehr davon. »Ich habe zu reichlich für die Probe Mehl genommen,« fuhr sie fort, »und es bleibt mir zu viel übrig. Nimm diese Flinsen in deine Kammer mit und iß, wenn du Hunger hast.« Sie streute dick Zucker darauf und wickelte sie in ein Papier. Die Alte dankte und ging.
Aber die Freigebigkeit der Wirtin kam ihr doch sehr verdächtig vor. Sie wußte, daß sich schon mancher Altsitzer in Littauen an solchen Flinsen den Tod gegessen hatte, und der Zucker hatte so eigen geglitzert. Sie entschloß sich rasch und warf das Päckchen beim Vorübergehen in den Schweinetrog.
Wenige Stunden später hörte sie Endrullis laut fluchen und wettern. Das größte von den Tieren war dem Verenden nahe. Die Magd wußte keine andere Erklärung zu geben, als daß das Schwein eine giftige Ratte gefressen haben müßte. Die Gaidullene hielt's für geraten, sich eiligst aus dem Staube zu machen und nicht so bald wieder blicken zu lassen. Als Ewe ihre Kammer leer fand, meinte sie: »Die ist über Land gegangen und hat Wegekost mitgenommen. Wer weiß, in welchem Graben man sie findet.«
Am Hochzeitstage, als sich in dem geschmückten Hause die Gäste schon versammelt hatten und die Fuhrwerke in langer Reihe vor der Tür standen, sie nach der Kirche zu bringen, und Ewe die Glückwünsche in Empfang nahm: daß nun doch endlich alles so gekommen sei, wie es nach der richtigen Art hätte von Anfang an kommen müssen -- fuhr ein städtischer Wagen auf der Dorfstraße vor. Er hielt vor dem Hause. Zwei Herren sprangen ab.
»Der Herr Kreisrichter!« lief's von Mund zu Mund, und alle Blicke richteten sich auf Endrullis, der Ewe bei der Hand hielt und scharf von der Seite ansah, als erwartete er von ihr einen Rat. »Schnell zu Pferde,« zischelte sie, »und über die Grenze!«
Er trat ärgerlich mit dem Fuße auf. »An unserm Hochzeitstage --«
»Sie kommen deinetwegen, Mikelis.«
»Sie können mir nichts beweisen. Laufe ich fort, so bin ich schuldig.«
»Aber du bist frei.«
Er blickte zum Fenster hinaus auf die Straße. Eben kam der Gensdarm angeritten. »Es ist auch zu spät zur Flucht. Ja -- wenn der Fuchs noch im Stall stände --!«
Nun trat der Richter ein und sagte: »Michel Endrullis, es tut mir leid, daß ich das Hochzeitsfest stören muß. Ich will wünschen, daß ich dich und deine Braut nicht lange aufzuhalten brauche. Das Gericht hat aber guten Grund, bei dir eine Haussuchung zu halten. Ich frage dich: bist du in der Nacht, als deine abgeschiedene Frau ermordet wurde, hier im Dorfe gewesen?«
»Ich weiß nichts davon, daß sie ermordet ist,« antwortete er, finster zur Erde blickend.
»Antworte geradeaus,« forderte der Richter. »Bist du hier im Dorf gewesen oder nicht?«
»Ich bin drüben in Rußland gewesen -- mein Pferd ist gefallen -- es ist durch Zeugen erwiesen.«
»Und hier im Dorfe warst du nicht? Sieh mich an!«
Endrullis bemühte sich, dem Richter fest in die Augen zu sehen. »Wer sagt, daß ich hier im Dorfe gewesen bin?«
»Das sollst du später erfahren. Ja oder nein?«
»Nein! Ich kann nicht durch die Luft fliegen.«
»Wo sind die Kleider, die du damals getragen hast -- in Rußland natürlich.«
Endrullis warf den Kopf zurück. »Sie sind doch schon einmal untersucht, und es hat sich nichts Verdächtiges daran gefunden.«
»Keine Blutspur, das ist richtig. Aber im Protokoll steht geschrieben, daß an der Jacke zwei Knöpfe fehlten. Die fehlten schon lange, nicht wahr? So hast du früher behauptet.«
»Was ich gesagt habe, ist wahr.«
»Zeige doch die Jacke noch einmal vor.« Sie wurde herbeigebracht. Der Richter wickelte aus einem Stück Papier einen Knopf und verglich ihn mit denen an der Jacke. »Die Knöpfe stimmen genau überein, das wirst du selbst zugeben müssen.«
»Es tragen viele Littauer solche Knöpfe, Herr.«
»Aber dieser hat offenbar hier gesessen; die Fäden sind scharf durchschnitten und passen der Zahl nach zusammen.«
Endrullis versuchte zu lachen. »Das kann ja sein, Herr. Wenn ich ihn verloren habe, kann ihn auch wohl einer gefunden haben.«
»Ganz richtig. Und weißt du auch, wo ihn einer gefunden hat?«
»Was geht mich das an?«
»An der hinteren Ecke des Holzstalls hier auf dem Hofe neben einem losen Brett der Verkleidung.«
Der Littauer besann sich einen Augenblick. Es kam nun darauf an, vorsichtige Antworten zu geben. »Warum soll er da nicht gefunden worden sein, Herr?« fragte er dann zurück. »Seit länger als einem Jahre gehe ich hier auf dem Grundstück herum und habe die Jacke immer getragen.«
»Aber der Knopf ist dort gerade am Morgen nach jener Nacht gefunden.«
»Das lügt die Gaidullene.«
»Die Gaidullene? Wie weißt du, daß von der die Rede ist.«
»Weil sie mir den Knopf für hundert Taler angeboten hat, Herr. Ich habe sie ausgelacht und fortgejagt. Dafür rächt sie sich nun durch falsches Zeugnis.«
Das ließ sich hören. »Gehen wir in den Stall,« sagte der Richter. »Ist in jener Nacht jemand an der Stelle, wo das Brett losgebrochen sein soll, eingedrungen, so wird er auch wohl einen Zweck dabei verfolgt haben. Wo ist der Stall?«
Endrullis zeigte widerwillig den Weg. Ewe, die ihn begleitete, sprach viel von der Schlechtigkeit und Rachsucht der Altsitzerin, die für ein Quartier Branntwein falsch schwöre.
Im Stall lag Holz und Torf, an einem Hauklotz eine Axt. In einer Ecke stand ein Spaten. »Steht der Spaten immer hier?« fragte der Richter. »Wozu wird er gebraucht?«
»Den Torfgrus einzusacken,« erklärte Ewe, »aber der Stall ist lange nicht gereinigt.« Endrullis war ganz still geworden.
Der Richter ließ das Holz hinauswerfen. Unter demselben zeigte sich am Boden eine Stelle, etwa einen Fuß im Geviert, von dunklerer Farbe. Die schwarze Erde lag hier obenauf nur dünn mit Holzabfällen bestreut. »Hier wollen wir nachgraben.«
Nach wenigen Minuten stieß der Spaten auf klingendes Metall. Bei diesem Klange zuckte Endrullis zusammen, und Ewe warf ihm einen ängstlichen Blick zu. Der Richter bückte sich und hob aus dem Loch ein Beil. Die schartige Seite war mit einer dunklen Masse überzogen, an welchem lange Haare hingen. »Nun --? Wem gehört das Beil, Endrullis?«
»Ich weiß es nicht. Es kann da lange gelegen haben. Das Grundstück gehört mir noch nicht.«
Der Richter zeigte das Beil den Umstehenden. »Wem hat das Beil gehört?«
»Der Urte Endrullene,« sagte der Ortsvorstand nach einigem Zögern. »Ich erkenne es an den drei Kreuzen am Stiel.«
»Und mit diesem Beil ist sie erschlagen. Wer hat es hier vergraben, Endrullis?«
»Warum fragt ihr mich das, Herr?« Die Lippen zitterten merklich beim Sprechen.
»Das will ich dir sagen,« antwortete der Richter, der sich nochmals über das Loch im Erdboden gebückt und mit der Hand die lose Erde durchsucht hatte. Er nahm jetzt einen kleinen Gegenstand auf und hielt ihn zwischen den Fingern ihm vor die Augen. »Da ist der zweite Knopf, der an deiner Jacke fehlt. Der erste war beim Zwängen durch die Brettöffnung sogleich abgetrennt und draußen niedergefallen; der zweite hing noch lose am Faden und fiel hier neben dem Beil in die Grube. Willst du noch die Tat leugnen?«
Endrullis schwieg. Seine Lippen waren blau, die Augen richteten sich stier auf den Knopf.
»Du hast das Beil in der Hand behalten,« fuhr der Richter fort, »als du aus dem Fenster sprangst, und dann hast du es nicht fortwerfen wollen, damit es nicht die Tat vor der Zeit verraten sollte. So bist du auf den Gedanken gekommen, es hier zu vergraben. Dein Pferd stand in der Nähe am Torfbruch unter den Erlen.«
Endrullis schüttelte den Kopf, aber die Stimme versagte ihm. Ewe schluchzte laut und rief: »Er ist unschuldig -- sie wollen ihn verderben.«
Der Richter sprach die Verhaftung aus. Ewe hing sich an ihn und wollte ihn nicht fortlassen. Als der Gensdarm sie mit Gewalt von ihm trennte, riß sie ihren Brautkranz aus dem Haar und schleuderte ihn in die Grube. Dann brach sie zusammen.
In der letzten Stunde war sie um ihr Glück betrogen.
Aber auch jetzt noch gab sie den Mann, den sie liebte und der sich ihretwegen versündigt hatte, nicht verloren. Eines Tages rief sie Grillus zu sich und bat ihn, auf ihr Grundstück acht zu geben; es könne sein, daß sie längere Zeit ausbleibe. Sie zog dann mehrere von ihren Röcken und Jacken übereinander, packte Wäsche in ein Bündel und ging zu Fuß fort, ohne zu sagen wohin.
Sie kam nach der Stadt und umkreiste das Gefängnis, ob Endrullis sich nicht erspähen ließe. Und endlich glaubte sie wirklich mit ihren scharfen Augen hoch oben hinter dem Eisengitter eines kleinen Fensters sein Gesicht zu erkennen. Die beiden Hände hatten die Eisenstäbe erfaßt, und es reckte sich zwischen ihnen hinauf, gespenstisch bleich. Sie nahm das Kopftuch ab und winkte damit. Er schien aufmerksam zu werden und zu nicken. Aber die Entfernung war zu groß, um deutlich etwas zu erkennen oder sonst ein Zeichen der Verständigung geben zu können.
Ewe fragte einen von den Beamten, ob er nicht eine Magd brauche. Sie solle sich an den Herrn Inspektor wenden, lautete die Antwort; der habe gerade eins von den Mädchen entlassen müssen, die in der Küche arbeiteten. »Ich denke, wir haben einander schon einmal gesehen,« meinte der Inspektor, der sich flüchtig ihrer erinnerte. »Ja,« sagte sie, »und es geht mir seitdem schlecht. Wer im Gefängnis gesessen hat, bekommt schwer einen Dienst, und ich will doch gern arbeiten.« Sie wurde als Magd angenommen.
In der Küche waren meist Gefangene beschäftigt. Einige derselben hatten den Bedarf an Holz und Kohlen herbeizuschaffen, andere mußten das Brot und die großen Kübel mit den zubereiteten Speisen abholen und in die Korridore hinauftragen. Mit einem Blechmaß wurde dann in Gegenwart des Aufsehers jedem Gefangenen sein Teil in eine Schüssel eingeschöpft. Denen, die ihre Zelle nicht verlassen durften, wurde das Essen zugetragen. Ewe bewies sich so tätig und wußte sich bald soviel Vertrauen zu erwerben, daß sie bei diesen Verteilungen oft zugegen sein und dabei helfen durfte. Durch gelegentliche Fragen erfuhr sie auch, wer in den einzelnen Zellen gefangen saß. Endrullis war in der letzten rechts im obersten Gange verschlossen.
Mitunter wurden die Gefangenen, gegen welche die Untersuchung noch schwebte, vormittags von den Schließern hinab und über den Hof nach dem Gerichtsgebäude zu ihrer Vernehmung vor den Richter geleitet. Ewe wußte sich um diese Zeit in der Nähe der Ausgangstür etwas zu schaffen zu machen und lauerte, bis die Reihe einmal an Endrullis käme. Lange wartete sie vergeblich. Endlich wurde er vorübergeführt, eine Hand an einen Fuß gekettet. Er stutzte, als er sie sah, verstand aber sogleich das Zeichen, das sie ihm gab, zu schweigen. Während sie den Finger der linken Hand auf den Mund legte, hob sie mit der Rechten ein wenig den Rock. Das sollte für ihn Bedeutung haben, wie er sogleich merkte. Seine matten Augen glänzten einen Moment lebhafter.