Part 7
Sie wußte, daß die Zellen der Gefangenen, die zum Verhör geführt wurden, bis zu deren Rückkehr unverschlossen zu bleiben pflegten. Die beiden Schließer begleiteten Endrullis über den Hof. Sie konnte, ohne daß es bemerkt wurde, hinaufeilen und in seine Zelle eintreten. Dort löste sie schnell die Bänder von ihren unteren Röcken, ließ sie zur Erde fallen, wickelte sie zusammen und schob das Päckchen in das Bett. Dazu brauchte sie nur wenige Sekunden Zeit. Als der Aufseher zurückkam, war sie längst wieder in der Küche bei ihrer Arbeit.
Bald darauf fand sie einmal Mittags Gelegenheit, eine kleine Feile, die sie von Hause mitgenommen hatte, in die Schüssel gleiten zu lassen, die für Endrullis bestimmt war. Sie zweifelte nun nicht, daß er in einer der nächsten Nächte die Eisenstäbe durchfeilen, die Röcke zu schmalen Streifen zerreißen und sich daran hinablassen würde. Entkam er glücklich aus dem Gefängnis, so erreichte er wohl auch die Grenze und war in Sicherheit. Drüben hoffte sie dann mit ihm zusammenzutreffen.
Eines Morgens in der Frühe, sie war kaum vor einer Stunde eingeschlafen, wurde sie durch laute Stimmen in der Nähe ihrer Schlafstube geweckt. Der Inspektor verhandelte mit einigen Leuten, die von der Straße hereingekommen waren und von einem Unglücksfalle berichteten. »Ist er tot?« fragte der Inspektor. »Mausetot,« lautete die Antwort, »er muß sich auf dem Pflaster das Genick abgestürzt haben.«
»Und aus dem obersten Eckfenster, sagt Ihr?«
»Da hängt wenigstens etwas wie ein Strick heraus. Er ist abgerissen, und das längste Stück hat er noch in der Hand. Es scheinen lauter Streifen von Weiberröcken zusammengeknüpft zu sein. Wie kann das lose Gewebe auch einen schweren Menschen tragen?«
Der Inspektor hatte sich inzwischen angekleidet und ging mit den Leuten fort; den Aufseher schickte er zur Revision der Zellen hinauf.
Ewe hatte sich im Bett aufgerichtet und gespannt gehorcht. Es war, als ob das Herz stillstand; sie atmete nicht, aber in ihrer Stirn hämmerte das Blut mit fieberhaft raschen Schlägen. Eine Minute lang waren ihr die Glieder wie gelähmt; dann trieb die Angst sie auf. Nur mit einem Rock und Tuch bekleidet, stürzte sie hinaus dem Inspektor nach.
Da lag einen Schritt von der Mauer Michel Endrullis regungslos. Die Leute richteten ihn auf, aber der Kopf sank zurück. Die Schädeldecke war zerbrochen, Blut stand vor dem Munde.
Ewe warf sich aufkreischend über den Toten. Sie hielt ihn so fest, daß es erst nach längerer Zeit den Männern gelang, sie von ihm loszureißen. Dann schien sie ganz kraftlos und ohne Willen; man mußte sie ins Haus tragen. Dort gab sie auf alle Fragen keine Antwort, kauerte in einer Ecke ihrer Kammer und wimmerte kläglich.
Sie wurde einige Wochen gefangen gehalten, dann aber entlassen, weil der Arzt ihren Geist für gänzlich verstört erklärte. Man hatte Grillus benachrichtigt, der sie nun mit einem Fuhrwerk abholte und in ihr Haus zurückbrachte.
Nach einigen Monaten gab sie einem Kinde das Leben. Es war ein Knabe, und sie nannte ihn, ehe er noch getauft war, Mikelis. Man hoffte, daß sie nun wieder zu gesundem Verstande kommen werde, und wirklich nährte und wartete sie das Kind mit größter Zärtlichkeit und Bedachtsamkeit.
Bald aber zeigte sie ein wundersam scheues Wesen. Sie ließ das Kind nicht mehr vom Arme, nachts nicht von der Seite. Im Schlafe schreckte sie plötzlich auf und riß es mit gellendem Aufschrei an die Brust. Jeden, der sich dem Kinde näherte, verfolgte sie mit lauernden Blicken. Sie schien zu argwöhnen, daß man es ihr fortnehmen wolle. Ließ die Gaidullene sich nur auf der Schwelle sehen, so geriet sie in heftiges Zittern, worauf ein Wutausbruch zu folgen pflegte. Aus ihren abgerissenen Reden ließ sich entnehmen, daß sie von der Vorstellung gequält wurde, man wolle das Kind ins Gefängnis bringen und es für seinen Vater büßen lassen. »Sie sagen, es wird keiner mehr hingerichtet,« murmelte sie, »aber so gewiß ist's doch nicht ... Er hat's getan, aber ich hab's ihm geheißen ... und deshalb meinen sie, gehört ihnen das Kind. Oben in der Zelle steht eine Wiege neben seinem Bett ... die Ketten haben sie versteckt, aber ich sehe sie unter dem Stroh liegen. Wenn einmal die Tür geschlossen ist, ist's vorbei ... und täglich schleifen sie das Beil -- schirp, schirp, schirp -- auf dem großen Schleifsteine. Hört nur: schirp, schirp, schirp ...«
Dann mochte ihr das Kind auch in ihren Armen nicht mehr sicher scheinen. Sie schlich heimlich mit ihm fort und versteckte es, bald in einer Kammer des Hauses, bald in einem Winkel der Klete, bald auf dem Heuboden. Mitunter mußte stundenlang gesucht werden, bis man es fand. Endlich schien die Gefahr für das junge Wesen so groß, daß man sich zu seinem Besten zu einem Gewaltschritt entschloß.
Als das Kind einmal wieder mit Mühe in seinem Versteck aufgefunden war, trug man es fort und brachte es zu ihrer Schwester, ohne daß sie es bemerkte.
Sie aber glaubte, man habe diesmal nicht hinter ihre Schliche kommen können, und gab darüber kindische Freude zu erkennen. Erst am andern Tage fing sie selbst an zu suchen, suchte in allen Winkeln und fand nichts. »Du hast das Kind gut versteckt,« sagte ihre Schwägerin, »und kannst nun ganz ruhig sein. Das finden die Herren vom Gerichte nicht.«
Ewe sah sie lange lächelnd an und nickte dann zustimmend. »Das finden sie nicht.«
Sie wurde nun ganz still und in sich verschlossen. Manchmal bewegte sie stundenlang die leere Wiege hin und her; das war ihre einzige Beschäftigung.
Nach einem Jahre fing sie an, körperlich zu kränkeln und abzumagern. Speise und Trank mußte man ihr fast gewaltsam einflößen.
Eines Morgens fand man sie tot. Die kalte Hand lag auf dem Rande der Wiege.
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Heinrich Sohnrey:
Lorenheinrich.
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Heinrich Sohnrey ist am 19. Juni 1859 in Jühnde, einem Dorfe im südlichen Hannover, geboren. Ein Sonntagskind war er; aber sein Leben ließ sich nicht an wie ein Sonnentag. Mit dem ärmlichen Können, das ihm die Dorfschule mitgegeben, hatte er in der Präparandenanstalt einen harten Stand. Das namenlose Heimweh sänftigte allein die Hoffnung, der Mutter bald eine Stütze sein zu können. In Hannover auf dem Lehrerseminar litt der einsame Träumer Not am Körper und an der Seele. Er begann Geschichten und Sagen zu sammeln; der Schriftsteller, der Dichter in ihm wagten die ersten unsicheren Schritte. Sechs Dorfschullehrerjahre in Nienhagen am Solling, in der Nähe von Northeim, nicht gar weit von seinem Heimatorte, brachten zwar nicht die ersehnte Befriedigung; aber sie wiesen den Weg zu ihr. In gründlicher Erforschung des Volkstums, wie es in Sage und Lied, in Spruch und Redensart, in Sitte und Brauch aus dem Urquell hervorbricht, in unermüdlichem Sammeln, Sichten und Gestalten aller Überlieferungen aus dem Volksmunde fühlte er sich immer reicher zu seinem rechten Lebensberuf heranreifen: ~dem Landvolke die Urkraft seiner Eigenart wieder ins Bewußtsein zu rufen, ihm neues Vertrauen zu seiner derben Urwüchsigkeit einzuflößen und es so von der verderblichen Krankheit der Landflucht zu heilen~.
Gleich in seiner ersten großen Dorfgeschichte, »Hütte und Schloß«, die mit keckem Ungestüm diese Gedanken predigt, trat neben den Dichter unvermerkt der Sozialpolitiker, der Nationalökonom; der Schulmeister mußte weichen. Zwar zwang ihn nach zweijährigem Studium auf der Universität Göttingen die Not des Lebens noch einmal ins Lehramt zurück -- er wollte sich eine Familie gründen; dann aber wagte er's mit dem Beruf des Schriftstellers. Nach Fehlschlägen, die ihn und die Seinen in die äußerste Not brachten, ging auch seinem Leben endlich die Sonne auf: seine Schriften hatten Erfolg, seine volkswirtschaftlichen Bestrebungen erregten die Aufmerksamkeit des preußischen Landwirtschafts-Ministeriums, und seit 1895 ist Sohnrey Geschäftsführer des »Ausschusses für Wohlfahrtspflege auf dem Lande« und wohnt jetzt in Berlin.
»Friedesinchens Lebenslauf« und »Hütte und Schloß«, zusammengefaßt unter dem Titel »Die Leute aus der Lindenhütte«, sind sein Hauptwerk. Daneben erschienen mehrere Sammlungen kleiner Skizzen und Erzählungen aus dem Dorfleben seiner Heimat: »Verschworen -- verloren«, »Die hinter den Bergen«, »Rosmarin und Häckerling«. Der letzten Sammlung, »Im grünen Klee -- im weißen Schnee«, ist die wundersam schlichte Erzählung vom »Lorenheinrich« entnommen. Sie ist jener heimlichen Schönheiten voll, die wir erst sehen, wenn ein Sonntagskind uns seine Augen leiht.
~W. Lottig.~ [Illustration]
Lorenheinrich.
Eine Frühlingserscheinung im Dorfe.
Wir sind gute alte Bekannte, der Frühling und ich, und er weiß manches aus meiner Jugendzeit, was ich längst vergessen hätte, hülfe er es mir nicht behalten. Du lieber Gott, unsereins muß das ganze Jahr auf der Erde krabbeln, kann darum nicht so jung bleiben wie er, der Glückliche, Herrliche, der sich allemal aus dem Staube machen darf, wenn der Saft im Stengel zur Neige geht, wenn die Sichel gewetzt wird.
So oft er nun einzieht mit seiner drolligen Hasellämmerherde und seinem schimmernden Gänseblümchenhimmel, ist allemal sein erster heller Ruf in meine dumpfe Großstadtzelle: »Denkst du auch noch an Lorenheinrich ...?«
Ein Lachen kugelt sich über sein Gesicht und über meins, wo es freilich erst ein wenig suchen muß, bis es die alte Stelle wieder gefunden hat. Und nun springe ich wieder zwischen großen Hecken, in denen der Frühling gerade eben seine junge Lämmerherde ausgetrieben hat, in ein rundes Tal hinab, über dem sich ein hoher waldiger Hagen erhebt -- und vor mir liegt inmitten knospender Obstbäume mein heimatliches Dorf mit seinen roten Ziegeldächern, seinen weißen Fachwänden und stattlichen Höfen.
Lorenheinrich?! Ob ich noch an ihn denke? Ei freilich, ei freilich! Ja, und so oft ich's noch Frühling werden sehe, wird auch wohl diese wunderseltsame Frühlingserscheinung -- wunderseltsam in ihrer grotesken Wirklichkeit -- immer wieder in meiner Erinnerung auferstehen.
Ja, wunderseltsam! Wenn die ersten Gänseblümchen auf dem Anger schimmerten und der glücklich gröhlende Hahn seine geliebten Hennen zum ersten Male an die Hecke führte, wo der goldschimmernde Lämmerstaub in den jungen Sonnenschein rieselte, der auf der nackten Erde lag, dann war auch unser »Blaumenheinrich«, oder Lorenheinrich, wie er meistens genannt wurde, nicht mehr weit. Er kam so sicher wie das Amen in der Kirche; auf einmal war er da, wie die Grasveilchen oder wie die Stare im Frühlinge auf einmal da sind. Und die Leute im Dorfe wußten nun, daß es Frühling war.
Die Kinder jubelten und liefen hinaus, ihm entgegen, die Großmütter und Großväter lehnten sich nach langer, harter Winterzeit zum ersten Male wieder in das geöffnete Fenster; die jungen Mädchen, welche nicht mehr müßig stehen durften, kriegten geschwind Schute und Harke aus der dunklen Ecke und eilten freudestrahlend hinaus in den Garten am Hause, wo sie bei munterem Graben über den Zaun ins Dorf hinein lugen und des Kommenden harren konnten.
Während der Frühling selbst seinen Einzug am liebsten durch die dichtesten Hecken zu nehmen pflegte, zog Lorenheinrich mit königlicher Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit durch die Kirchbergstraße ein, die sich schon weithin durch ihre hohen Pappeln als die Hauptstraße des Dorfes ankündigt.
Welch ein Leben dann, welch ein Rufen und Springen, wenn der Ersehnte endlich nahte! Man sah zunächst nur einen großen krabbelnden Kinderhaufen, dessen letzter Anhang noch auf krummen Beinchen einherwackelte und, weil er nicht so rasch mit konnte, in den Jubel der vorderen oft mit bitterem Weinen einstimmte. Der Staub wallte auf wie Opferrauch und zog dahin wie eine Wolke, die auf die Erde gefallen ist und hundert kleine Füße bekommen hat. Allmählich erst hob sich aus der wirbelnden Mitte, gleichsam von der gehenden Wolke getragen, eine hagere, magere Burschengestalt ab, vor sich, strack und steif gehalten, einen langen Stab, um den allerlei Grünes und Blühendes gebunden war, wie es zu derselben Zeit gerade aus der Erde trieb oder in den Büschen und Bäumen prangte; an seiner Seite, leer und schlaff, ein großer, grobleinener Brotbeutel, der ebenfalls mit jungem Frühlingsgewächs geschmückt war. Zumeist waren's jedoch nur Gänseblümchen, die er am liebsten hatte und mit einer ganz besonderen Glückseligkeit trug.
Nur an seinem Hute, wo sonst die jungen Burschen den Frühling stecken haben, trug er nichts, denn er hatte keinen; -- und er hatte doch einen: denn der Himmel war sein Hut. Unter diesem Hute aber, an dem nur das gewöhnliche Auge die Gänseblümchen nicht sah, lag ein mächtiger Wulst weizengelben Haares, von dem etliches straff und lang ins runde Gesicht herabhing, etliches im Nacken zu eckigen Locken sich stauchte -- wirr und wild im ganzen wie ein Haufen Weizenstroh, in dem die Hühner gekratzt haben.
So halb wie ein mächtiger, sonderbarer Königsherold und halb wie ein ganz gewöhnlicher, armseliger und ausgehungerter Bettelbursch, wandelte er langsam, schier feierlichen Trittes inmitten der lachenden und weinenden Dorfjugend einher, und von allen Seiten, aus den Fenstern und über die Zäune schallte es dem Frühlingsbringer in fröhlichen Tönen entgegen: »Willkommen, Lorenheinrich! Juchhe, Blaumenheinrich!« Und manch ein Alter rief wie in gläubiger Hoffnung dazwischen: »Bringest döu üssek ak 'n gaut Freujahr mee?«[2]
Alsdann kamen über die Zäune viel neue Gänseblümchen geflogen; die eine oder andere der grabenden Jungfrauen warf ihm auch wohl etwas prächtigeres zu, einen blühenden Krokus, manchmal auch ein Rosmarinzweiglein, das vom Baume im Garten oder dem Stäudlein im offenen Fenster gebrochen war. Hohen Eifers voll liefen die Kinder, um die Spenden dem Frühlingsboten zuzutragen, und jedes freute sich königlich, wenn es ihm ein Gänseblümchen an den Rock oder Stock heften konnte. Besonders gern wurden kleine Gänseblümchensträuße in seine Rock- und Hosenlöcher gesteckt, und da Heinrichs Rock und Hose sozusagen aus lauter Löchern bestanden, so kann man sich denken, zu welch einem wunderlieblichen Bilde er sich unter den emsigen Händen der Jugend entwickelte. Wenn es fertig war, sah es aus wie ein einziges riesiges Gänseblümchen.
Das nannten sie den Frühling schmücken, und es sei beteuert, daß es ohne jeden argen Spott und Hohn geschah.
Zu all dem Gepränge sagte Lorenheinrich nicht ein Wort, wie man ihn überhaupt niemals hat reden hören; um so beredter war das glückselige Lachen, das gleich dichten Frühlingssonnenstrahlen von seinen großen Lämmeraugen über die kindliche Nase auf den breiten Mund herabfloß, von dem nebenbei ein Volksrätsel sagte, daß er »verquer« säße wie ein »Swinetrog«.
Dies Lorenheinrichs-Lachen hatte wie der Sonnenstrahl etwas Ewiges an sich und war von einer so ansteckenden Gewalt, daß auch der ärgste Griesgram, der sonst nie lachte, davon ergriffen wurde und zuletzt das ganze Dorf vor Lachen wackelte.
Ein besonders feierlicher und drolliger Auftritt ereignete sich allemal vor dem Mühlengrabenhause. Der mehlbestaubte Müller trat heraus auf den Steinweg, nahm die weiße Mütze vom Kopfe, schlug sie in die Hand, daß eine große Mehlwolke aufwirbelte, sah mit seinen zwinkernden Schelmenaugen über die krabbelnde Menge hin, zu der sich jetzt fast das »ganze Dorf«, groß und klein, gesellt hatte, und hob mit urkomischer Mimik an:
»Lorenheinrich, döu leiwe Junge, Is dat Freujahr nöu weer in Swunge? Häst 'ne uten Loche locket, Häst de 'ne an Haare tocket?
Dat is recht un dat is gaut, -- Af de Mütze, af den Haut! Vivat! dat de hage Hogen wackelt.«[3]
Die Mützen flogen empor, ein gewaltiges dreimaliges Lebehoch erdröhnte, worauf der Grabenmüller wiederum anhob:
»Lorenheinrich, döu leiwe Junge, Is dat Freujahr nöu weer in Swunge, Will we ak 'ne Wost[4] ansneggen, Sast ak use Meken freggen.[5] Kumm herin un dau deck gaut -- Af de Mütze, af den Haut! -- Vivat!«
Wiederum ein dreimaliges Hoch, daß der hohe Hagen wackelte, und, des Vaters Lied aufs anmutigste verkörpernd, trat nun das liebreizende, lustige Mühlenhannchen aus der Haustür, in der einen Hand einen eiligst gewundenen, noch im Herauskommen flink zurecht gezupften Kranz von grünem Buchsbaum und weißen Gänseblümchen.
Ein drolliger Knix vor dem freudestrahlenden Frühlingsherold, und mit komischer Feierlichkeit setzte Hannchen ihm den Kranz auf den gelben Weizenbusch. Wenn sie ihm dann in ihrer lustigen, neckenden Ausgelassenheit gar noch ihre apfelrunde Wange zum Kusse darbot, schien es ordentlich wie ein tiefer Wonneschauer über den seltsamen Burschen zu kommen. Wie ein Blütenbaum, den der Lenzwind schüttelt, stand Heinrich da, und ob er auch kein Wörtlein redete, schien doch alles an ihm zu rufen: »Frühling! Frühling! Frühling!«
Die runde Müllerin hatte unterdessen schon die verheißene Wurst von der Rauchbühne heruntergeholt, und während sie eilends den Tisch besorgte, wurde Lorenheinrich von der Tochter im Triumph in das Haus und an den besetzten Tisch geführt.
Hatte er sich gütlich getan, so schnitt Hannchen noch ein großes Stück Brot ab und steckte es mitsamt dem Reste der Wurst und noch einigen anderen kostbaren Sachen in den Beutel an seiner Seite, worauf sie den Glücklichen feierlichst wieder hinausbeförderte.
Die Jugend, die draußen getreulich gewartet hatte, nahm ihn aufs neue mit lautem Jubel in Empfang und führte ihn bis zum nächsten Bauernhause, wo der Tisch für ihn ebenfalls gedeckt stand. Denn das wußte man ja: wie die Flur zum Wachstum der Sonne und des Regens, so bedurfte Lorenheinrich zum Gedeihen unaufhörlich eines reichlichen Labsals an Speise und Trank; und wie das Frühlingsfeld den ganzen Tag der Sonne nicht müde wird, so verdroß auch ihn den ganzen Tag das Essen und Trinken nicht. Es wurde trotzdem wacker genötigt: »Ett man alles up, Heinrich, dat't ak 'n gaut Freujahr gift!«[6]
So aß und trank er sich von einem Haus zum andern und von einem Dorf zum andern, und was er nicht aß, das trug er in seinem großen Seitenbeutel mit sich davon, der gewöhnlich gestopft und gepfropft voll war, wackelte er bei sinkender Nacht aus dem Dorfe hinaus.
Und das nannten die lachenden Bauersleute den Frühling füttern.
Eine ganz besondere Freude hatten sie daran, zu sehen, wie kräftig es allemal bei ihm anschlug. Wenn er das erste Mal erschien, war er ganz mager und blaß, schier wie ein Brachacker im Märzen, also daß ihm Jacke und Hose, die ohnehin schon nicht für ihn gemacht waren, am Leibe hingen, wie an einer großen Vogelscheuche im Erbsenfelde; wenn es aber gegen die Mairüste kam und das Pfingstgeläute erscholl, war er schon ganz rund und rot, also daß ihm Jacke und Hose so prall und putzig saßen, wie die Haut auf einer frischen, dicken Mettwurst, eh' sie geprickt ist.
Wie nun die Erscheinungen des Frühlings sich wandelten, so änderte sich auch der Blüten- und Blätterschmuck an Lorenheinrichs Stock und Rock; eine gar sinnvolle Ordnung herrschte darin. Trug er das letzte Mal noch der Esche und Ulme Knospen geschlossen, so ragten bei seiner Wiederkehr schon die rötlichen Blütenrispen und die purpurbraunen Staubfäden aus den geborstenen Hüllen, und wo heute noch die strotzende Apfel- oder Birnknospe steckte, lachte uns das nächste Mal die schneeweiße oder zartgerötete Obstbaumblüte entgegen, und Himmelschlüssel und Himmeltröpfchen und Grasveilchen und Windröschen wechselten mit Kuhblumen und Kreuzkräutern, mit Hirtentäscheln und Reiherschnäbeln, mit Muskathyazinthen und wilden Tulpen. Immer gleich und immer vorherrschend war allein -- dafür sorgten schon die Schelmereien der jungen Mädchen -- das Gänseblümchen, so daß man sich eigentlich verwundern mußte, weshalb sie ihm nicht den Namen Gänseblümchen-Heinrich beilegten.
Das Taufrecht sollte eben einer noch größeren Merkwürdigkeit zufallen, nämlich dem Frühlingsopfer der armen Leute. Sie, die weder einen Garten noch eine Rauchbühne hatten, überhaupt nichts besaßen, wovon sie dem armen Heinrich etwas zu gute tun konnten, wollten doch an der Frühlingsfreude des Dorfes auch ihren Anteil haben.
Da ist denn der uralte Gemeinschaftsgeist des Dorfes aus dunkler Gruft emporgestiegen und hat gesagt: »Ei, was steht ihr so trüb und traurig! Habe ich euch nicht in alter, ehrwürdiger Zeit das Recht gegeben, eure Zicklein an den Dorfhecken zu weiden! Sind nicht euer zu erb und eigen die Loren (Blätter) alle, die aus den Hecken schießen? Ist ihrer nicht eine unerschöpfliche Fülle? Wahrlich, so arm und rechtlos seid ihr nicht, daß ihr dem armen Heinrich nicht auch ein Opfer bringen könntet!« Und der Frühling, der diese ehrwürdige Stimme vernommen, setzte sich nun in die Hecken und trieb einen Reichtum an Loren hervor, daß jedes arme lorenbedürftige Menschen- und Ziegenherz, was unsere grünheckenleere Zeit kaum verstehen wird, eine wahrhafte Lust und Freude daran haben konnte.
Erschien Heinrich nun an einem Sonntage, so kamen die armen Leute alsbald zusammengelaufen und leiteten ihn, der sich geduldig lachend in alles fügte, in feierlichem Zuge an eine Hecke, wo die Loren am herrlichsten prangten. Es wurden Zweige gebrochen und Loren gerupft, es wurden auch lange Schleifen von Loren geflochten, mit denen man ihn derartig umwand, daß vom eigentlichen Heinrich zuletzt nicht ein Flecklein mehr zu sehen war. Hierauf nahmen sie ihren Lorenheinrich in die Mitte und führten ihn in den uns schon bekannten Mühlgraben hinauf, wohl wissend, daß das lustige und gutherzige Hannchen sie ebenfalls nicht leer ausgehen lassen würde! Sie pflegte dann gewöhnlich mit einer »Slippe«[7] voll großer Brotstücke herauszukommen und in ihrer heiteren und herzgewinnenden Anmut jeder armen Seele etwas zu bescheren. In gleicher Weise wurden die Armen hinterher in vielen anderen Häusern, selbst von der Schloßherrschaft, der man Lorenheinrich ebenfalls zuführte, beschenkt.
Natürlich konnte diese Herrlichkeit nicht alle Tage erneuert werden. Selbst ein König muß einem zur Last fallen, wollte er einen Tag um den andern bei uns Einkehr halten. Das wußte Lorenheinrich gar wohl, obgleich er sonst sehr wenig zu wissen schien. Er pflegte darum nicht nur auf eine gewisse Zeit des Jahres, sondern in dieser Zeit auch auf angemessene Zwischenpausen zu halten, die er wohl auf andere Dörfer im Kreise verwenden mochte.
In dem einen Jahre merkte man aber, daß die Pausen immer kürzer wurden, daß Lorenheinrich immer eiliger im Mühlengraben hinaufpatschte, auch immer wonniger drein sah, immer glückseliger lachte.
Da ging ein allgemeines Prusten und Kichern durchs Dorf, und einer rief dem andern zu: »Weiß't alle? -- Lorenheinrich will't Möhlenhannechen freggen!«[8]
Es verhielt sich wirklich so. Lorenheinrich sagte zwar nichts, aber jeder seiner Lämmeraugenblicke, jede Miene seines wieder voll und rot gewordenen Pausbackengesichts, jedes Gänseblümchen und jedes Lorenblatt an seinem Rocke und Stocke rief's dem lustigen, hübschen Hannchen nach: »Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!«
Sie lachte überlustig und wurde einmal in ihrer Ausgelassenheit gesehen, wie sie Lorenheinrich bei den Ärmeln ergriff und mit ihm über den Hof einen Galopp tanzte, daß er lange nicht wieder zu Atem kommen konnte; war sie doch leicht und behende wie eine Bachstelze, er dagegen schon schwer und rund geworden wie ein »Amman«.
Lorenheinrich war glücklich, wie nur ein Himmlischer glücklich sein kann, und es war niemand, der ihm zugerufen hätte: »Lorenheinrich, Lorenheinrich, daß du nur deine Gänseblümchen nicht vergißt!«
Wenn aber das Gras auf der Wiese reifte und die »Wurst die Füße aufzog,«[9] legte sich plötzlich ein Schatten auf Lorenheinrichs Gesicht; die breiten Ringe seines Lachens wurden kleiner, die blumenfrohen Lämmeraugenblicke trüber und trüber. Und rauschte die erste Sense durchs Gras, ging er eilends fort und wurde bis zum nächsten Frühlinge nicht mehr gesehen. Es hieß, er ginge dann in die anderen Weltteile, wo der Frühling erst begönne -- und der Himmel noch voller Würste hinge.
Das war noch ein Jahr und noch eins so gewesen, bis die rosige Müllersmaid schließlich sein Verhängnis wurde.
Stärker als die Liebe zu seinen Gänseblümchen, stärker zuletzt auch als zu Wurst und Schinken war die Liebe zum Müllerhannchen geworden, und so blieb er an jenem letzten Frühlinge, da er gesehen wurde, lange über Gebühr im Mühlengraben stehen, bis plötzlich ein schöner, schlanker Jüngling daher kam, der ihn mit Gewalt vertrieb. So ist er auch im andern Jahre, verlockt noch durch einen flüchtigen Sonnenschein, allzu früh wieder ausgegangen, ehe noch ein einziges Gänseblümchen gesehen worden war.
Der Frühling, obwohl schon in der Nähe, vermochte ihn noch nicht zu schützen, denn der Winter lag noch mit vieler Macht auf der Lauer. Und der Winter, dem Lorenheinrich wegen seiner Frühlingsfreundschaft schon immer ein Dorn im Auge gewesen, nahm diese Gelegenheit wahr. Er schickte einen jähen Schneesturm hinter ihm drein, schüttete den ganzen Rest seiner grimmigen Kälte über ihn -- und als etliche Tage später der Frühling mit seiner Macht durch die Wolken brach, um Lorenheinrich zu retten, wurde der Ärmste, hager und mager wie immer bei seinem Ausgange, erfroren am Wege gefunden.
Der Frühling weinte drei Tage und drei Nächte, daß es von allen Bergen floß, von allen Büschen und Bäumen tropfte. Und dann standen an der Stelle, wo Lorenheinrich gefunden war, die lieblichsten Gänseblümchen, die je gesehen worden sind.