Part 8
Da sich keine Heimatsgemeinde im ganzen weiten Kreise zu Lorenheinrich bekannte, sollte sein Leichnam nach Göttingen in die Anatomie gebracht werden, wogegen sich indes -- zu ihrem Ruhme sei's gesagt -- die gesamte Jugend meiner Heimat derartig auflehnte, daß es einen ordentlichen Aufruhr im Dorfe gab. Auch ich darf mich rühmen, daß ich mein damaliges Stimmchen sehr tapfer für Lorenheinrichs armen Leichnam erhob. Doch was hätten all unsere Stimmlein vermocht ohne den Beistand, den uns das gute Mühlenhannchen so wacker leistete!
Sie, deren schalkhaftem Liebreiz der ärgste Griesgram nicht zu widerstehen vermochte, steckte sich hinter den Gemeindevorsteher und seine Beigeordneten, führte ihnen noch einmal all die schönen Frühlinge zu Gemüte, die Lorenheinrich dem Dorfe gebracht hätte, und wußte so mit rührender Drolligkeit jedem einzeln eine Stimme für den armen Toten abzuschmeicheln. So kam schließlich im Gemeindevorstande der einstimmige Beschluß zustande, daß Lorenheinrichs Leichnam, entgegen der herrschenden Regel, ein Grab auf dem Gottesacker eingeräumt werden solle, freilich -- diese Einschränkung wurde dennoch gemacht -- nur in einer Ecke des Friedhofes.
Dort ward Lorenheinrich dann auf Kosten der Gemeinde begraben.
Es war ein Leichenzug von nie gesehener Seltsamkeit. Im Gefolge wimmelte wieder die gesamte Dorfjugend, von den wackelnden Kleinen an bis hinauf zu den zwanzig- und mehrjährigen Jungfrauen. Und alle trugen Kränze oder Sträuße von weißen Gänseblümchen in der Hand, denn die Gänseblümchen waren in diesem Frühjahr ungewöhnlich früh erschienen, als die Büsche und Bäume noch ganz kahl standen.
Zu hinterst aber ging in trauriger Bedrücktheit des Dorfes Armut mit Kränzen von gelben Steckrüben- und bunten Runkelblättern, wie sie im Keller wachsen, da es ja noch keine Lorenblätter gab.
Die Jugend konnte sich damit noch nicht genug tun, denn sie fühlte: der wesenhafteste Teil ihres Frühlings war unwiederbringlich dahin. Als die Kränze und Sträuße verdorrt waren, kam sie wieder herbei und bepflanzte den ganzen Grabhügel über und über mit frischen Gänseblümchen, die man auf dem Gemeindeanger mit der Wurzel ausgehoben hatte. Ihr Trauern war ein Lachen, und ihr Lachen war ein Trauern.
Bald danach ist jener schöne, schlanke Jüngling, der Lorenheinrich ausgangs des vorletzten Frühlings aus dem Mühlengraben hinausgetrieben hatte, wiederum in den Mühlengraben gekommen und hat das prächtige Mühlenhannchen ohne viele Umstände weggefreit. Es war wohl ein Glück für den armen Lorenheinrich, daß er das nicht mit anzusehen brauchte.
Das Gänseblümchengrab ist noch manches Frühjahr gehegt und gepflegt worden, bis die heutige Jugend und die heutige Armut aufkam, die beide nichts mehr wissen von den alten, wundersamen Poesieen des Dorflebens.
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Wilhelm von Polenz:
Zittelgusts Anna.
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»Ich bekenne mit Stolz,« sagt ~Wilhelm von Polenz~ von sich, »daß ich mich als Produkt meiner ländlichen Umgebung fühle, daß ich Kind meiner Zeit, Kind meines Volkes und meiner Rasse, in letzter Linie Sohn meiner Familie bin, auch Künstler.« Geboren den 14. Januar 1861 auf dem väterlichen Schloß Ober-Cunewalde bei Bautzen, lernte er von Kind auf das Leben und Treiben auf einem großen Gute, das entsagungsreiche Streben der kleinen Leute und die Leiden, Freuden und Bedürfnisse der adeligen und bäuerlichen Grundbesitzer kennen, und als er nach vollendeten Studien die Bewirtschaftung des Erbes selbst übernahm, fand er durch den täglichen Umgang mit Groß- und Kleingrundbesitzern Stoff die Fülle, der ihn zur schriftstellerischen Darstellung reizte. Von 1890 an folgten rasch auf einander sieben Romane, sechs Bände Novellen und Skizzen und vier Dramen, bis er sich in voller Manneskraft im Krankenhause zu Bautzen zum Sterben niederlegte (13. November 1903).
In dem schriftstellerischen Schaffen des Dichters lassen sich ziemlich deutlich zwei Entwicklungsstufen unterscheiden. Die erste kennzeichnet die ruhige, sachliche, breit ausspinnende Art, wie sie die Darstellung des Bauernlebens mit seinen wechselnden Beziehungen zu Feld und Wald, Haus und Hof, Saat und Ernte, Kauf und Verkauf, Gewinn und Verlust, Freund und Feind, Staat, Kirche und Schule erheischt. Allgemein bekannt ward der Dichter durch den religiösen Zeitroman »~Der Pfarrer von Breitendorf~« (1893), der seinem ehemaligen Rittmeister M. v. Egidy gewidmet ist. Die künstlerische Höhe aber erreichte er erst mit dem Roman »~Der Büttnerbauer~« (1895), dem vielleicht nur Roseggers »Jakob der Letzte« an die Seite zu stellen ist. Das Gegenstück hierzu, »~Der Grabenhäger~« (1897), bietet viele schöne Züge, hat aber nicht die Höhen und Tiefen seines Vorgängers aufzuweisen. -- Die zweite Entwicklungsstufe des Dichters, die der Tod leider jäh unterbrach, ist innerlicher, stimmungsvoller, zarter und poetischer. Hier redet der Aristokrat: vornehm, feinsinnig, weltmännisch. Er findet sein Frauenideal in »~Thekla Lüdekind~« (1899), spürt den Seelenregungen der Jutta Reimers in dem Roman »~Liebe ist ewig~« (1900) nach und schließt seine Lebensarbeit mit dem Literatur-Roman »~Wurzellocker~« (1902).
Verhältnismäßig gering ist die Zahl seiner Novellen und Skizzen. Kann er hierin auch nicht seine eminente Begabung, in ausladender epischer Breite ein farbenvolles Zeitbild zu geben, voll entfalten, so bietet er dafür kleine Ausschnitte aus der dörflichen Enge und Lebensabrisse psychologisch interessanter Personen, deckt die verschütteten Kanäle der Menschennatur auf und sucht uns selbst das abnorme Verhalten seiner Personen verständlich zu machen.
Tonndorf-Lohe, den 19. November 1904. ~Wilhelm Bube.~
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Zittelgusts Anna.
Der Weber Zittel wohnte in dem belebtesten Teile des Dorfes, dort, wo von alters her die Kirche, Pfarrhaus und Schule standen, und wo sich neuerdings neben dem Bahnhofe eine Fabrik aufgetan hat. Das kleine Häuschen, welches er bewohnte, gehörte ihm nicht; er hielt Stube und Kammer nur als Mieter inne. Viel Platz brauchte er ja auch nicht, da er Witwer war und nur ein einziges Kind besaß: die zwölfjährige Anna. Ehemals war die Familie freilich stärker gewesen. Im Laufe ein und desselben Jahres waren dem Manne die Frau und zwei blühende Kinder weggestorben, ihn mit dem jüngstgeborenen kränklichen Mädchen allein lassend. Die Gesunden waren gegangen und die Schwächlichen zurückgeblieben.
Zittelgust stammte aus einer Familie, die seit ungezählten Generationen sich den Lebensunterhalt durch Handweberei verdiente. Er war ein langer, hagerer Mann mit schmaler Brust, völlig bartlos, die hohe Stirn über den tiefliegenden Augen setzte sich in eine glänzende Platte fort. Nur im Genick hing ihm von einem Ohr zum anderen ein schmaler ausgefranster Kragen dunklen Haares als letzter Rest ehemaliger Pracht. Der Kopf glich dem eines Gelehrten; aber es war Entbehrung, schlechte Ernährung, Stubenluft, nicht geistige Arbeit, was diesem Gesichte den Stempel der Vergeistigung aufgedrückt hatte.
Man mußte den Mann gehen sehen: die Schultern zusammengezogen, den Kopf geduckt, die Kniee gekrümmt, und man verstand, daß er Armut, Elend und Unverstand vergangener Geschlechter an seinem erschlafften, ausgemergelten, knochenschwachen und bleichsüchtigen Leibe abbüßte.
Zittelgust war als echter Weber abgesagter Feind der frischen Luft. Der muffige Dunstkreis der niederen Holzstube, in der vom frühen Morgen an gegessen, gekocht, gewirkt, getrieben und gespult wurde, bedeutete ihm altgewohntes und geliebtes Lebenselement. Wie etwas Kostbares, ja Geheiligtes, wurde diese Luft gehütet; Tür und Fenster, durch die sie hätte entweichen können, blieben Sommer und Winter hindurch sorgfältig verschlossen.
Man ging den ganzen Tag in Hemdsärmeln, barfuß oder in Holzpantoffeln einher. Stiefel, Rock und Kopfbedeckung wurden eigentlich nur zum Kirchgang angelegt. Selbst zum Nachbar über die Straße sprang man in dieser unvollkommenen Bekleidung, wenn nicht vorgezogen wurde, das Schiebefenster zu öffnen, das nur so groß war, den Kopf hinauszustecken, um auf diese Weise Neugier und Klatschsucht zu befriedigen und den Bedarf an wissenswerten Ereignissen und Nachrichten einzuziehen.
Der Webersmann war glücklich und zufrieden bei dieser Art Leben. Den Tod seiner Frau und der beiden Kinder hatte er längst verschmerzt. Zittelgust war Philosoph. Sie hatten eben etwas zeitiger dran glauben müssen, tröstete er sich. Um die Frau grämte er sich noch am meisten; sie fehlte ihm besonders anfangs sehr empfindlich im Hauswesen. Die beiden Kinder aber vermißte er kaum. Sie hatten ihm mehr Not und Sorge gemacht als Freude. Für den Armen fällt es eben schwer ins Gewicht, wieviel Menschen an seinem Tische niedersitzen. Jetzt, wo die Familie klein war, ließ sie sich auch billiger ernähren. Er hatte in den letzten Jahren sogar anfangen können, von seinem Weberverdienst zurückzulegen, woran vordem nicht zu denken gewesen.
Anna, sein einziges überlebendes Kind, machte ihm wenig Not. Sie war ein kleines, blasses, schmales Ding, der Körper in der Entwicklung stark zurückgeblieben, während das Gesicht mit seinen ausgearbeiteten Zügen den Eindruck der Frühreife hervorrief. Aus großen, verständigen Augen blickte die Zwölfjährige in die Welt, maß kritisch alle Erscheinungen, die in ihren Gesichtskreis traten, mit ihrem altklugen Kinderurteil. Ihr schmaler Mund verzog sich leichter zu einem spöttischen Lächeln, als daß er ein fröhliches Gelächter oder Schreien hätte hören lassen. Denn dieses junge Geschöpf, das nur die Weberstube, ein Stückchen Dorfstraße und die Schulbank kannte, hatte doch ein fertiges Weltbild im Kopfe, war ein kleiner selbstbewußter, spröder, scharf beobachtender und scharf urteilender Mensch.
Jung wie sie war, hatte Anna schon mancherlei durchgemacht. Sie war das Sorgenkind der Mutter gewesen, von ihr verwöhnt und verhätschelt, von den älteren Geschwistern eher scheel als freundlich angesehen und gelegentlich geneckt und gequält. Dann mit einem Male durch der Mutter Tod verwaist und als einziges Kind eine viel wichtigere Person als vordem.
Sehr bald wurde sich Anna ihrer besonderen Stellung bewußt. Schon in zartem Alter übersah sie ihren Vater. Der Witwer war ängstlich von Natur, ratlos, zaghaft und in allem, was nicht sein Gewerbe betraf, unbeholfen. Er bedurfte der Abwartung und Fürsorge, war gewöhnt, daß ihm jemand das Essen zubereite, sich um seine Kleidung kümmere, alles, was nötig, herbeischaffe und bedenke, während er vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht am Webstuhl saß und wirkte.
Die kleine Anna nahm nach und nach die Führung des Hauswesens an sich. Große Kochkünste waren eben nicht nötig. Frühmorgens Haferschleim, mittags Kartoffeln und Heringstunke, im besten Falle gab es mal Speck dazu oder Wurst, abends wieder Kartoffeln mit Salz und Schmalz; die übrigen Mahlzeiten wurden mit Butterschnitten und Kaffee bestritten.
Früh, ehe Anna zur Schule ging, setzte sie das Essen an, schärfte dabei dem Vater ein, daß er gelegentlich nachlege und den Topf rücke. Wenn sie wiederkam, füllte sie dann die Speise um in die große runde Schüssel, aus der sie tagein tagaus gemeinsam aßen. Den trüben und herzlich dünnen Kaffee trank man dazu aus braunen Henkeltöpfen. Zwar besaß man Teller und Tassen; Blumen waren darauf gemalt, Rosen und Vergißmeinnicht, auch mancher sinnige Spruch in Goldschrift. Wohlverwahrt standen solche Kostbarkeiten im Spind; aber nur zum Staatmachen waren sie da. Auf den Gedanken, dergleichen zum Essen und Trinken zu benutzen, wäre man niemals gekommen.
Bei diesen beiden Menschen drehte sich von früh bis spät alles um die Weberei. Zittelgust arbeitete für einen Fabrikanten, der eine größere Anzahl Handweber beschäftigte. Da der Weber sich um nichts weiter zu kümmern brauchte als um die Leinwand, die er gerade auf dem Stuhle hatte, da keine Feldarbeit, keine andere Hantierung ihn abzog, brachte er eine Menge vor sich. Die kleine Anna stellte ihm auch darin eine tüchtige Gehilfin. Zwar zum Wirken war sie zu schwächlich, aber das Treiben und Spulen hatte sie schon früh gelernt. Auch beim Andrehen und Scheren ging sie dem Vater zur Hand, wie beim Aufbäumen der Kette. War aber einmal das Garn verworren oder der Faden gerissen, dann verstand sie es mit ihren geschickten kleinen Fingern, wie niemand anders, das Ganze wieder in Schuß zu bringen.
In allen schwierigen Fragen verließ sich der Vater auf sie. Zittelgust war zwar durchaus nicht etwa dumm, aber die angeborene Ängstlichkeit hinderte ihn häufig, von seinem Verstande Gebrauch zu machen.
Wenn nicht die kleine Anna gewesen wäre, hätte er sich von aller Welt übers Ohr hauen lassen. Aber das Kind war auf dem Posten; Anna paßte auf, daß der Kaufmann den Vater nicht überteure, sie kümmerte sich darum, ob der Fabrikant die entsprechende Menge Garn geliefert habe, und daß dem Weber bei Ablieferung der Leinewand keine ungerechtfertigten Abzüge gemacht würden.
Bei alledem versäumte das Kind seine Schulpflichten nicht. Anna Zittel war eine der besten Schülerinnen der Dorfschule. Sie schrieb eine saubere Handschrift, rechnete fix und konnte ihre Gesangbuchlieder und Bibelsprüche so gut auswendig, daß man sie mitten in der Nacht hätte wecken können, und auf das betreffende Stichwort würde sie Vers oder Lied heruntergeschnurrt haben, wie der Leierkasten sein Stücklein.
Sie war daher ein besonderer Liebling der Lehrer und wurde den anderen Mädchen immer als Beispiel von Fleiß und guten Sitten vorgehalten. Vielleicht war ihr Verdienst nicht so sehr groß; schwächlich wie Anna war, konnte sie an dummen Streichen kaum teilnehmen. Und das Lernen wurde ihr eben leicht.
Anna war sich bewußt, etwas Besonderes zu sein. Mit stiller Verachtung blickte sie auf die anderen, minderbegabten Mädchen herab; die Jungen aber, die auf der anderen Seite der Schulstube saßen, waren ihr wegen ihrer Begriffsstutzigkeit lächerlich und wegen ihrer Unmanierlichkeit ein Greuel.
Sie las gern und war die fleißigste Kundin der Schulbibliothek. Die Bücher, die sie von dort mit nach Haus brachte, pflegte sie abends ihrem Vater vorzulesen. Der hatte, wenn er Tags über am Webstuhl saß, bei seiner mechanischen Tretarbeit Zeit genug, das Gehörte weiter auszugrübeln und zu Ende zu spinnen.
So lebten diese beiden Menschen glücklich und zufrieden mit einander. Zittelgust vermißte das verstorbene Weib kaum noch; seine Anna ersetzte ihm die Lebensgefährtin vollauf. Daß ihn das Töchterchen ein wenig tyrannisierte, empfand er nicht unangenehm; er wollte es gar nicht anders haben.
Der altersgebräunte Webstuhl aber in der Ecke, der nun schon der dritten Generation diente und manches Tausend Ellen Ware geliefert haben mochte, ließ unter dem gleichmäßigen Treten des Webers seinen altmodischen Rhythmus erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schütternd in die Kammer, und die Lade brummte und dröhnte, daß man schon von weitem auf der Dorfstraße des Meisters regen Fleiß an der Melodie erkannte, die sein Webstuhl sang.
Selten kam mal jemand zu Besuch. Bei Zittelgust gab's wenig zu holen, das wußten die Nachbarn. Während Witwer sich sonst oftmals nicht retten können vor dem Ansturm der ledigen Weiber, die ihnen aus Christenliebe helfen und raten wollen in ihrer Einsamkeit, blieb Zittelgust ziemlich verschont von solcher Zudringlichkeit. Er war eben ein armer, dürftiger Schlucker, und keine mannbare Jungfer, keine einsame Witib riß sich darum, Nachfolgerin zu werden der verstorbenen Frau Zittel.
Nur eine Person kam häufiger ins Haus, das war die Rötschken. Sie war eine Handelsfrau. Ihr Mann besaß draußen im Walde ein Häuschen mit etwas Feld dazu. Die Rötschken hatte kein leichtes Leben. Ihr Mann war ein Bruder Liederlich und Trinker. Sie mußte ihn mitsamt den beiden Kindern erhalten. Wenn sie nicht auf dem Felde arbeitete, dann fuhr sie im Lande umher und handelte mit Schürzenzeug, Haderstoff, Bändern und Leinwandresten, die sie billig aufkaufte und mit Profit loszuwerden suchte. Viel kam dabei nicht heraus; denn was sie etwa auf den Preis schlug, das mußte sie wieder für Eisenbahnfahrt und Schlafquartier an den fremden Orten ausgeben. So kam sie trotz aller Betriebsamkeit auf keinen grünen Zweig, aber sie erhielt sich und die Ihrigen doch wenigstens am Leben.
Mit Zittelgust war die Rötschken von Jugend auf gut bekannt. Sie stammten von einem Jahrgang, hatten in einer Klasse zusammengesessen, waren an einem Ostern konfirmiert worden.
Der Grund, weshalb die Handelsfrau so oft bei ihrem Freunde Zittel einkehrte, war ein praktischer: sie brauchte einen Platz zum Aufstapeln ihrer Ware. Statt die Ballen, Säcke und Stücke bis ans Ende des Dorfes, wo sie wohnte, hinauszuschleppen, ließ sie sie lieber hier in der Nähe des Bahnhofs. Bei Zittelgust war die Ware gut aufgehoben; der Weber nahm auch kein Lagergeld, im Gegenteil, wenn die Handelsfrau müde und hungrig von der Reise zurückkehrte, durfte sie sich in dieser Herberge ausruhen und wärmen, solange sie wollte, und wenn es der Zufall oder die gute Nase der Rötschken wollte, daß sie in eine Mahlzeit fiel, dann bekam sie reichlichen Anteil von dem, was gerade auf dem Tische stand.
Dafür erzählte sie dann dem Weber, der nie aus seinen vier Pfählen herausgekommen war, wie es draußen in der Welt zugehe, wie schlecht die Menschen seien, welche Schwierigkeiten man habe, sein Geld von den Kunden hereinzubekommen, und welche Listen man anwenden müsse, um ehrlich durchzukommen. Auch die Sehenswürdigkeiten in den Städten wußte sie mit beredtem Munde zu schildern, gelegentlich auch flocht sie mal die Schilderung eines schrecklichen Unglücksfalles ein. Zittelgust hörte ihr mit offenem Munde zu; ihre Besuche bedeuteten ihm willkommene Zerstreuung. Die Rötschken mit ihren Erzählungen ersparte ihm das Halten einer Zeitung.
Lina Rötschke war ein derbes, rotwangiges, kerngesundes Frauenzimmer. Unverdrossen und skrupellos schritt sie durchs Leben. Jede Gelegenheit verstand sie auszunutzen, alles, auch das Geringste zu Rate zu ziehen. Wo hätte sie sonst bleiben sollen mit einem verschuldeten Grundstück, einem Mann, der trank, und Kindern, die noch nicht aus der Schule waren! -- Sie hatte neben ihrem Hausierhandel noch einige kleine Nebenbeschäftigungen, die gelegentlich was abwarfen, so das Vermieten von Mägden an Bauern oder von Kindermädchen und Ammen in die Stadt. Auch mit Heiratsvermitteln gab sie sich ab, wenn es gerade in den Gang der Geschäfte paßte. Kurz, die Rötschken war eine vielbeschäftigte, vielerfahrene Person, die nicht leicht etwas verblüffte oder ratlos fand.
Anna liebte die Freundin des Vaters nicht. Jedes Butterbrot, jede Tasse Kaffee, welche die Handelsfrau bei ihnen verzehrte, war in Annas Augen unverantwortliche Verschwendung. Daß der Vater so viel Gefallen fand an der Unterhaltung mit der Person, paßte ihr ganz und gar nicht. Anna war eifersüchtig, fühlte sich beeinträchtigt in dem, was sie für ihr alleiniges Recht ansah. Instinktiv witterte das Kind in dieser Frau eine Rivalin und lehnte sich gegen den fremden Einfluß, von dem sie ihr Machtgebiet bedroht sah, auf. Daß die Rötschken allerhand Versuche machte, ihre Freundschaft zu gewinnen, änderte nichts an Annas ablehnendem Verhalten. Das Kind ließ sich so leicht nicht kirren.
In der letzten Zeit klagte die Rötschken oft, wenn sie bei ihrem Freunde Zittelgust einkehrte, über schlechten Geschäftsgang. Auch daheim hatte sie viel Sorge und Not. Der Mann trieb es schlimmer denn je, in der Betrunkenheit schlug er alles kurz und klein. Ihre beiden Kinder, die nun aus der Schule waren, hatte sie in die Stadt getan, den Jungen als Lehrling, die Tochter als Dienstmädchen. Das bedeutete eine Erleichterung, aber auf der anderen Seite fehlten ihr diese Hände in der Hauswirtschaft und auf dem Felde. Alles blieb da liegen; denn der Trunkenbold von Mann saß in der Schenke und wollte keine Arbeit anrühren.
Eines Tages nun kam die Rötschken in ungewöhnlicher Erregung zu Zittelgust herein. Sie war auf dem Wege zum Standesbeamten und Pastor. Ihr Mann war die Nacht im Säuferdelirium gestorben. Die Trauer der Jungverwitweten war zwar anscheinend nicht groß; immerhin brachte sie anstandshalber ein paar Tränen hervor, wohlbedacht, ihren Vorrat nicht vorzeitig zu erschöpfen. Denn sie brauchte deren noch im Pfarrhause und verschiedenen Freunden und Bekannten gegenüber.
Zum Begräbnis ging Zittelgust selbstverständlich mit. Anna hatte ihm den langschößigen Kirchenrock und den abgeschabten Zylinder ausbürsten müssen. Das Mädchen stand am Fenster, als der Zug vorbeikam. Ihrem Blicke entging nichts. Sie sah die Rötschken hinter dem Sarge schreiten, schwarz angetan, das weiße Taschentuch vor den Augen -- wie es sich für die Witwe schickt -- der Vater schritt unter den Nachbarn.
Dem Kinde war nicht wohl zu Mute. Ohne daß sie recht den Grund dafür gewußt hätte, sagte ihr eine dunkle Ahnung, daß für sie nunmehr böse Zeiten kommen würden.
Der Vater kam spät heim. Er war in einem Zustande, den sich Anna zunächst gar nicht erklären konnte. Er sang und erzählte allerhand verworrenes Zeug. Bis das Mädchen, als sie ihm den Kirchenrock abnahm, am Geruche merkte, daß er Schnaps getrunken habe. Sie hatten den Hingang des Säufers in der Schenke gebührend gefeiert.
Fortan kam die Rötschken öfters noch als vordem; war sie doch nun verwitwet und in ihrem Tun und Lassen unbehindert.
Nicht bloß um sich ein wenig auszuruhen, ihre Sachen abzulegen und eine Stärkung zu sich zu nehmen, sah man die Handelsfrau jetzt bei ihrem Freunde aus und ein gehen, auch außer der Zeit kam sie, blieb stundenlang; und manchmal sahen neugierige Augen sogar des Abends spät die Witwe das Haus des Witwers verlassen. Man fing an, über die beiden zu sprechen.
Der Weber Zittel begann seine Angewohnheiten völlig zu ändern. Er kaufte sich einen neuen Anzug. Beim Weben trällerte er allerhand lustige Melodieen vor sich hin. Des Abends ging er jetzt häufig aus, und Anna konnte nicht von ihm erfahren, wo er sich dann hinbegäbe. Aber in ihrem klugen Kopfe brachte sie seine Ausgänge zusammen mit jener Frau, die sie niemals hatte leiden können.
Ein Gefühl großer Bitterkeit bemächtigte sich der Kindesseele. Die Kleine fühlte sich verdrängt, entthront. Den Vater zu pflegen, stets um ihn zu sein, ihn zu leiten und für ihn zu sorgen, war ihr gutes Recht und ganzes Glück gewesen. Nun wollte ihn ihr eine andere abspenstig machen!
Anna machte kein Hehl aus dem, was sie empfand. Sie behandelte den Vater barsch und unfreundlich, seit er sich mit der Rötschken so tief eingelassen. Zittelgust hatte dem Kinde gegenüber kein gutes Gewissen. Wenn er des Nachts spät zurückkam, stahl er sich ins Bett wie ein Sünder, um Annas Fragen, wo er gewesen, zu entgehen.
Neun Monate etwa waren verflossen, seit die Rötschken ihren trunkenboldigen Mann beerdigt hatte, da kam sie eines Sonntags frühzeitig, um Zittelgust zum Kirchgang abzuholen. Sie war besonders feierlich angetan in einem lila Kleid, mit einem prächtigen Hut, von dem herab künstliche Blumen nickten, während man Lina Rötschke bisher nur in einfachster Gewandung mit einem Kopftuch in der Kirchfahrt erblickt hatte.
Sie trug ein längliches Paket unter dem Arm, das sie mit feierlicher Miene auf den Tisch niederlegte. Dann rief sie die kleine Anna herbei, die verdutzt in der Ecke gestanden hatte, die ungewohnte Pracht dieses Aufzuges anstaunend.
»Na, kumm ack, Madel! Bis ack nich tumm. Hier ha'ch der och was mitgebracht!« hieß es. Da Anna nicht dazu zu bewegen war, entfernte die Rötschken selbst die Hülle von dem Paket. Ein Stück bunten Kleidstoffs kam zum Vorschein. »Das is für dich, Madel, zu an Kleede. Sieh' der 's ack an! Da wirst de schiene drin giehn, zur Huxt!« Dabei stieß sie Zittelgust, der verlegen kichernd dabei stand, mit dem Ellbogen an. »Nu ja doch! Se muß doch och mit zur Kirche, wenn der Vater sich a Weib nimmt! Heute is 's erste Aufgebot von der Kanzel, daß de 's nur weeßt!«
Anna sagte kein Wort des Dankes. Steif wie ein Stock stand sie vor dem Kleid, das sie geschenkt bekam.
Dann ging der Vater mit der Rötschken zur Kirche. Sie wollten sich doch der Gemeinde zeigen als Brautpaar und das Aufgebot persönlich mit anhören. Mittags kamen sie nach Haus und nahmen das Essen ein, das Anna gekocht hatte. Dabei gab es allerhand Scherze, verstohlenes Händedrücken, Anstoßen und Streicheln zwischen den Liebesleuten.
Anna saß mit weit aufgerissenen, erstaunten Augen dabei. Die beiden ließen sich durch die Anwesenheit des Kindes nicht in ihren Zärtlichkeiten stören. Nachmittags unternahmen sie einen Ausflug. Anna wurde zu Haus gelassen; es hieß, sie vertrage das weite Gehen nicht.
Es wurde über diese beiden viel im Dorfe hin und her gesprochen. Zwar war es durchaus nichts Ungewöhnliches, daß ein ehrbarer Witwer eine ehrbare Witfrau zum Weibe nahm -- was man einmal mit heiler Haut durchgemacht hatte, konnte man schließlich auch ein zweites Mal riskieren. -- Trotzdem forderte diese Verbindung das Kopfschütteln der Leute heraus.
Lina Rötschke war bekannt als eine praktische Frau, die das Gras wachsen hörte. Mit ihrem ersten Manne war sie hereingefallen, und nun, wo sie den glücklich los war, nahm sie sich, kaum daß das Trauerjahr um war, einen neuen. Und was für einen!
Was versprach sie sich eigentlich von dem Weber? Dieser hiefrige, lendenlahme, dürftige Stubenhocker! Eine Frau wie sie nahm es doch bequem mit einem halben Dutzend von seiner Sorte auf. Und dazu als Anhang das kränkelnde Kind von der ersten Frau. Ordentlich zugreifen würde Anna kaum jemals lernen, und dabei wollte sie doch auch gefüttert sein.
So sprachen die Nachbarn weise hin und her. Da sah man's wieder mal, wie die Verliebtheit selbst die gescheitesten Weiber rappelköpfisch machte! --
Die Leute hatten gut reden. Die Rötschken wußte ganz genau, was sie tat. Verliebtheit war kaum im Spiele; die lag nicht in ihrer Natur.
Lina Rötschke rechnete so: ihr erster Mann hatte ihr und den Kindern ein Grundstück hinterlassen, das hoch verschuldet war. Der Sohn, der sich an das Stadtleben gewöhnt hatte, bedankte sich dafür, ins Dorf zurückzukehren und dort unter schwierigen Verhältnissen zu wirtschaften; ähnlich hatte sich die Tochter geäußert.