Part 9
Aber jemand mußte doch sein, der nach Haus, Stall und Feld sah, während die Besitzerin verreist war. Denn die Rötschken gedachte ihren Handel keineswegs aufzugeben; im Gegenteil, jetzt wollte sie das Geschäft in größerem Maßstabe betreiben. Sollte man nun für die kleine Wirtschaft eine Magd annehmen, oder gar einen Knecht? -- Das kostete schweres Geld, und dann machten einem die Leute nichts recht, verdarben mehr, als sie schafften, und wenn man sie scharf rannahm, kündigten sie einem womöglich den Dienst auf. Alles das paßte der Rötschken nicht. Sie wollte jemanden haben, der ihr widerspruchslos Gehorsam leistete, der niemals aufmuckte und von dem man nicht befürchten mußte, daß er eines Tages davonlaufe.
Diese Person glaubte sie in dem Weber Zittel gefunden zu haben. Daß er ein Schwächling war, ängstlich und verschüchtert, sah sie natürlich auch. Aber in ihren Augen bedeutete das keinen Fehler. Ihr erster Mann war in seinen guten Tagen ein Riese gewesen an Kraft; gar manchmal hatte sie darunter zu leiden gehabt. Da lobte sie sich den sanften Gust, der würde ihr aus der Hand fressen. Daß er ein Kind mitbrachte in die Ehe, war zwar nicht angenehm; aber schließlich hatte jeder Mensch seine Fehler. Anna war kränklich und würde vielleicht jung sterben; und wenn sie am Leben blieb, konnte man sie beschäftigen mit Weben oder in der leichten Feldarbeit. Einen halben Dienstboten ersetzte einem das Mädel doch, wenn man sie richtig herannahm.
Alles das überschlug die kluge Frau im Geiste, stellte Ziffer gegen Ziffer, Posten gegen Posten. Und das Resultat der Berechnung war, daß ein Plus herauskam für die Verbindung mit Zittelgust.
Nachdem sie sich ihm einmal anverlobt hatte, nahm sie auch sofort alles energisch in die Hand. Die Wohnung, welche der Weber seit vielen Jahren innegehabt hatte, wurde gekündigt; in Zukunft sollte er ja bei ihr wohnen.
Zittelgust fügte sich murrlos in alles. Er war trotz seiner Jahre verliebt bis über die Ohren in die Braut. Ihm hing der Himmel voller Geigen. Nun werde er erst anfangen zu leben, glaubte er. Die Warnungen der Nachbarn wurden von ihm verlacht als müßiges Geschwätz oder boshafte Mißgunst. Und auch die trübe Miene seines Töchterchens beachtete er nicht weiter. Anna verstand wohl nichts davon, sah nicht, daß auch für sie dieser Wechsel ein großes Glück bedeute.
Leichten Herzens nahm er Abschied von allem, was bisher sein Glück ausgemacht, von den vier Wänden, in denen er mit der verstorbenen Gattin Leid und Freud durchlebt hatte.
Anders faßte die kleine Anna die Veränderung auf. Sie hing voll Liebe an dem Raume, der niederen Weberstube, in der sie ihr junges Leben zugebracht, an der ganzen vertrauten Umgebung, dem Stückchen Dorfstraße, das man vor den Fenstern hatte, an allem ringsum. Ihr war zu Mute, als müsse sie eine Reise antreten in ein fernes, unbekanntes Land, weil sie diesen Teil des Dorfes verlassen und eine Viertelstunde weiter ziehen sollte.
An alles das aber, was die Rötschken erzählte von ihrem Hause, dem Grasgarten dabei mit den Obstbäumen, den Ziegen im Stalle, den Hühnern und Gänsen, die sie besitze, glaubte Anna einfach nicht. Und als sie es nach einem Besuche in dem neuen Heim doch schließlich mit eigenen Augen sah und nicht mehr wegleugnen konnte, verachtete sie es im Herzen. Ihre Holzstube war doch viel schöner gewesen, als alles, was die fremde Frau besaß. Das Kind war nun mal entschlossen, diese Person zu hassen, von der sie wußte, daß sie ihr und des Vaters Unglück bedeute.
Anna blieb still und verschlossen, klagte nicht, lebte alles das stumm in sich hinein. Was wollte sie tun? Sie war ja ganz in der Hand der Erwachsenen. Keinen Freund besaß sie, niemanden, dem sie ihr Leid hätte klagen dürfen.
Ihre Erholung war die Schule. Dort galt sie etwas, dort konnte sie zeigen, daß auch sie etwas sei. Während die anderen Mädchen ihres Alters bereits von Liebschaften tuschelten, sah sie dem Augenblicke, wo die Schulzeit zu Ende sein würde, mit Bangen entgegen. Denn was sollte dann aus ihr werden? --
Die Hochzeit hatte stattgefunden. Die Rötschken hieß nun Frau Zittel, und ihr Mann war mit der kleinen Anna zu ihr gezogen.
Das Haus lag als letztes des Dorfes oben am Waldrande. Den Kirchturm und die Fabrikesse sah man ganz aus der Ferne. Es war wirklich, als sei man in eine andere Welt versetzt. Hier gab es keine Dorfstraße, nur ein schmaler Feldweg verband das Häuschen mit der übrigen Welt. Zum Schulweg brauchte Anna jetzt eine halbe Stunde Zeit, während sie früher nur über die Straße gesprungen war.
Und gar verändert war das Leben, das sie hier oben führten. Wenn der Tag kaum graute, mußte aufgestanden werden. Die Hausfrau trieb ihre Leute zeitig aus den Federn und stellte sie zur Arbeit an.
Jede Minute war da ausgefüllt. Die Ziegen wollten gefüttert sein, die Eier mußte man zusammensuchen aus den Verstecken, wohin die eigensinnigen Tiere sie gelegt hatten. Und war man in Haus und Hof fertig, dann ging's hinaus aufs Feld. Zittelgust, der niemals Hacke und Spaten in der Hand gehabt hatte, sollte bei seinen Jahren noch lernen, Feldarbeit zu verrichten. Er stellte sich dabei jedoch so hoffnungslos ungeschickt an, daß es die Frau bald aufgab, ihn vor die Egge zu spannen, ihn das Gras mähen oder das Getreide dreschen zu lassen. Nicht mal einen Schubkarren mit dem Jauchenzuber konnte er hinausfahren, ohne umzuwerfen. Schließlich richtete er nur Schaden an. Da war er noch besser hinter dem Webstuhle untergebracht.
Um so mehr wurde die kleine Anna von der Stiefmutter nützlich gemacht. Zu Arbeiten wie Unkrautjäten, Gießen, Rechen, Heuwenden, Pflanzen, Kartoffelhacken und dergleichen war sie ganz gut zu verwenden. Auch das Besorgen des Kleinviehs hatte sie sehr bald erlernt. Im stillen wunderte sich Frau Zittel, wie geschickt und gelehrig das Kind sei. Nur aus dem Schlaf war sie so sehr schwer zu wecken. Ordentlich angefaßt wollte sie sein, um sie früh wach zu bekommen. Nun, daran ließ es die Stiefmutter nicht fehlen. Eine Dienstmagd konnte nicht schärfer zur Arbeit angehalten werden, als das schwache Kind.
Zittelgust saß also auch im neuen Heim tagein tagaus am Webstuhl. Er war sehr fleißig. Hinter ihm stand seine Frau, die es nicht an aufmunternden Bemerkungen fehlen ließ, wie: wer essen wolle, müsse auch arbeiten, und sie habe keine Lust, einen faulen Mann auf ihrem Buckel durchzuschleppen.
Das Feld lag dicht am Hause. Selbst wenn sie draußen war, konnte die Gattin daher feststellen, ob der Mann daheim auch schön fleißig sei. Wenn dort der Webstuhl mal aussetzte, dann kam sie herbeigeeilt und fragte durchs Fenster: warum er nicht wirke.
Zittelgust fand, daß zwischen seiner ehemaligen Freundin, der Rötschken, und seiner jetzigen Frau ein gewaltiger Unterschied bestehe. Manchmal beschlich ihn ein Ahnen, daß er, als er den Witwerstand aufgegeben, die größte Dummheit seines Lebens begangen habe. Aber er hütete sich wohl, die Gattin von solchen Anwandlungen etwas merken zu lassen. Schlecht genug würde ihm das bekommen sein.
Die besten Zeiten für ihn waren die, wenn seine Frau verreiste. Dann kochte Anna für ihn, und er webte; das erinnerte beide an die schönen Zeiten, wo sie allein mit einander gehaust hatten. Aber selbst aus der Ferne übte die Gestrenge ein unsichtbares Regiment aus über die beiden Menschenkinder. Zittelgust sowohl wie Anna wußten, daß sie, zurückgekehrt, mit scharfem Auge feststellen würde, was in ihrer Abwesenheit im Hause vor sich gegangen sei; ob Anna die Tiere gut versorgt und die aufgetragene Arbeit in Garten und Feld richtig ausgeführt habe. Wehe den beiden, wenn sie nach Ansicht der Hausfrau müßig gewesen waren. Dann gab es harte Worte. Und es blieb nicht immer beim Schelten allein. Frau Zittel hatte ein recht leichtes Handgelenk, das sie nicht gern aus der Übung kommen ließ.
Der Herbst kam heran. Die Äpfel und Birnen im Garten reiften. Aber Zittelgust und Anna, die vordem viel davon zu hören bekommen hatten, wie wohlschmeckend solcher Fruchtsegen sei, fanden sich betrogen in ihrer Hoffnung, hiervon etwas zu genießen. Das Obst wanderte zum Händler. Auch die Gänse und Hühner, die man mit so viel Mühe aufgezogen hatte, wurden zu Geld gemacht, statt daß man sie, wie Zittelgust allzukühn geträumt, in der eigenen Pfanne gesehen hätte.
Mit dem Herbst kam die kühlere Witterung, die kurzen Tage und langen Nächte. Ganz anders pfiff der Sturmwind hier oben um den Giebel, als unten im warmen Dorf, wo ein Haus das andere schützte. Anna lag manchmal des Nachts wach in ihrer Kammer und hörte mit Grauen, wie der Wind hohl tönend über das freie Feld gestrichen kam, und wie es im nahen Walde brauste, knackte, heulte und ächzte. Furchtbare Geräusche waren das für das Weberkind, das nur das gemütliche Klappern und Brummen des Webstuhls gewöhnt war. Die freie Natur flößte ihr Bangen ein. Der Wald, in den sie nie den Fuß gesetzt hatte, stellte sich ihrer Phantasie dar als der düstere Sitz einer Horde böser Geister, die es auf sie abgesehen hatten.
Noch Schlimmeres brachte der Winter. Hohe Schneemauern umgaben das kleine Haus, daß man kaum aus den niederen Fenstern blicken konnte. Da mußte die kleine Anna Besen und Schaufel zur Hand nehmen, um Weg und Steg frei zu machen.
Und dabei war sie so furchtbar müde, alle Glieder taten ihr weh. Am liebsten wäre sie früh gar nicht mehr aufgewacht. Es kam vor, daß Anna in der Schule einschlief vor Ermattung. Schon lange gehörte sie nicht mehr zu den besten Schülerinnen. Sie, die Strebsame, Wißbegierige, war laß geworden, träge und gleichgültig. Selbst der Konfirmationsunterricht, der nunmehr begonnen hatte, und die Aussicht, zu Ostern aus der Schule zu kommen, änderten daran nichts. Für sie gab's ja keine Hoffnung auf Besserung; ihr Leben würde nach wie vor elend und qualvoll bleiben. Viel besser wäre es gewesen, wenn der Tod sie mitgenommen hätte, als er damals die Mutter und die älteren Geschwister holte.
Wenn sie auf dem Wege zur Schule an dem Hause vorbeischlich, in dem sie vordem gewohnt hatte, dann kam ihr alles, was gewesen war, wie ein Traum vor. Kaum daß sie begreifen konnte, daß sie und die Anna von damals ein und dieselbe Person seien. Wie hatte sich in dem kleinen, einfachen Hause, das ihrer Erinnerung dennoch wie ein Paradies erschien, alles verändert! Hier wohnten jetzt Leute, die aus der Fremde zugezogen waren. Eine Familie mit einem Haufen halberwachsener Kinder, die in die nahe Fabrik auf Arbeit gingen. Laute, wilde Gesellschaft war's. Kein Webstuhl klapperte mehr in der Ecke. Wüst und schmuddelig sahen Wände, Fenster und Gerät aus, wie Anna feststellte, als sie von Neugier getrieben einen Blick in das alte, traute Stübchen warf.
Eines Morgens, als die Stiefmutter sie wie gewöhnlich frühzeitig weckte, vermochte Anna sich nicht vom Lager zu erheben. Es ging nicht, beim besten Willen ging's nicht. Ihr Rücken war wie gebrochen.
Die robuste Frau hielt das für Verstellung. Sie wollte Anna mit Gewalt antreiben, riß sie aus dem Bett empor. Aber das hatte nur zum Erfolg, daß sich das Kind mühsam bis zur Tür schleppte und dort ohnmächtig zusammenbrach. Nun mußte Frau Zittel doch einsehen, daß es sich hier nicht bloß um Verstellung handle.
Anna konnte von da ab den weiten Schulweg nicht mehr zu Fuß zurücklegen. Man kam auf folgendes Auskunftsmittel: die Kinder der nächsten Nachbarn spannten sich vor einen Handwagen. Dahinein wurde Anna gesetzt. Leicht war sie ja! So ging es im Galopp, mit menschlichen Pferden, erst den schmalen Feldweg hinab und dann auf der Dorfstraße fort zur Schule. Mit gelblichem Gesicht, verlegen lächelnd, saß Anna in dem kleinen Fahrzeuge. Sie schämte sich, daß ihr Zustand auf diese Weise vor aller Welt offenbar werde.
Aber nach einiger Zeit ging das auch nicht mehr. Anna war zu schwach, das Bett zu verlassen. Lange wurde darüber hin und her beraten, ob man den Doktor holen solle. Wenn's nach Zittelgust allein gegangen wäre, hätte man ihn gerufen; der Vater wollte die kleine Anna nicht gern hergeben. Aber er hatte ja nichts zu bestimmen; die Hausfrau regierte, und die war der Ansicht, daß der Arzt zu kostspielig sei. Es wurde versucht, Anna mit allerhand Kräutern, Einreibungen und Mixturen wieder auf die Beine zu bringen.
Frau Zittel war durchaus keine böse Frau; im Grunde ihres Herzens lebte eine gewisse Gutmütigkeit. Sie war gesund und kräftig von Natur, und wie es bei solchen Menschen manchmal der Fall ist, war sie grausam aus reiner Naivetät. Die Krankheit der anderen kam ihr wie Unrecht, zum mindesten wie Dummheit vor.
Die Kraft hat eben keine Geduld mit der Schwäche. Munter und leichten Sinnes schreitet der Starke über den Schwächling hinweg und empfindet dessen Gebrechen womöglich noch als Beleidigung. Frau Zittel klagte oft ganz ernsthaft, daß sie schön hereingefallen sei bei ihrer zweiten Heirat. Ein Mann, der zu nichts tauge als zum Weben, und dazu ein sieches Kind, das statt Arbeit zu verrichten, welche verursache. Ihr war wirklich ein schweres Kreuz auferlegt vom lieben Gott! --
Schließlich mußte sie sich doch entschließen, den Doktor kommen zu lassen. Es geschah mehr, um das Gerede der Leute zum Schweigen zu bringen, als um Annas willen. Das Dorf sollte kein Recht haben, sie eine böse Stiefmutter zu nennen.
Der Arzt bezeichnete Annas Leiden als ein schweres. Er gab keine Hoffnung, daß das Kind jemals wieder hergestellt werden könne.
Von dem Augenblicke ab, wo feststand, daß es mit der Stieftochter zu Ende gehe, war Frau Zittel die Gutherzigkeit in Person gegen die Kranke. Während man die Lebende hatte verkommen lassen, mußte der Sterbenden jeder Wunsch erfüllt werden, und wäre er noch so unvernünftig gewesen.
Die kleine Anna, deren Bedürfnisse früher die bescheidensten gewesen waren, äußerte mit einem Male Gelüste nach allerhand Leckerbissen. Beim Landvolke sind solche Wünsche eines vom Tode gezeichneten Menschenkindes geheiligt. Die Stiefmutter scheute keinen Weg, keine Kosten, zu schaffen, was Anna heischte.
Für einige Wochen tyrannisierte die Sterbende so das ganze Haus. Ihr Bett war hinuntergeschafft worden in die große Stube, damit sie warm liegen solle. Der Vater mußte nach ihrem Kommando springen, ihr dies und jenes herbeiholen, an ihrem Bette sitzen und ihr vorlesen. Es war, als sei die gute Zeit zurückgekehrt, wo die beiden allein gewesen waren und Anna unumschränkt über ihn geherrscht hatte.
Einmal kam auch der Pastor und betete mit ihr. Von da ab wurde sie stiller, teilnahmloser scheinbar. Es war ihr nun wohl zum Bewußtsein gekommen, daß der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen wolle, sie zu sich zu nehmen.
Eines Nachts wurde das Ehepaar Zittel durch anhaltendes Klopfen von der großen Stube her geweckt. Das war das verabredete Zeichen, durch welches die Kranke sich meldete. Die Frau eilte aus der Schlafkammer hinunter. Aber Anna wehrte sie mit ungeduldiger Gebärde ab. Sie wollte den Vater haben.
Mit kundigem Blicke sah die Stiefmutter, daß es hier zu Ende gehe. Das waren die starr in weite Ferne gerichteten Augen, das verlängerte Gesicht, die unruhig arbeitenden Hände, welche die haben, die sich zur letzten Reise anschicken.
Sie eilte in die Kammer zurück rund zerrte ihren Mann, der sich eines festen Schlummers erfreute, am Arme. »Gust, wach uff! 's Madel will sterben.«
Zittelgust dehnte und reckte sich. Gähnend fragte er, warum man ihn mitten in der Nacht wecke. Als er endlich begriffen hatte, um was es sich handle, fuhr er hastig in die Hosen und eilte hinab.
Der ungewohnt vergeistigte Ausdruck im Angesicht seines Kindes machte ihm alles klar. Er ließ sich an Annas Lager nieder und fing an zu weinen. Eine Ahnung überkam ihn, daß das Beste, was er auf der Welt besitze, nunmehr unwiederbringlich von ihm genommen werden sollte. Er dachte an seine erste Frau und die beiden Kinder, die er schon verloren. Gerade so hatten die auch drein geschaut in ihrem letzten Kampfe.
Doch weinte er eigentlich mehr über sein eigenes trauriges Geschick als über Anna. Daran, die Sterbende aufzurichten und zu trösten, dachte er nicht. Das Kind war selbst in seiner Schwäche noch mutiger und klüger als er. »Weent ack nich, Vater!« sagte sie. »Wenn 'ch nuff kumma und 'ch sah de Mutter, hernachen wer 'ch 'r alles derzahlen.« --
Nach einer Weile fragte sie mit hoher, pfeifender, kaum noch verständlicher Stimme, ob eine Leinewand auf dem Stuhle sei. Zittelgust bejahte; er hatte vor kurzem erst aufgebäumt. Anna bat ihn durch Zeichen -- sprechen konnte sie schon nicht mehr -- daß er sich an den Webstuhl setzen möge. Er tat es und fing an zu wirken.
Der Stuhl ließ seine bekannte Melodie erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schütternd in die Kammer, die Lade brummte und dröhnte.
Das Weberkind lauschte den vertrauten Tönen wie einer herrlichen Melodie. Ein beseligtes Lächeln huschte leicht über das schneeweiße Gesicht. Allmählich wich alle Spannung aus den Zügen. Das Köpfchen lag nach der Ecke gewandt, wo der Vater saß und webte.
Vom Rhythmus des alten Webstuhls wie von Engelsflügeln emporgehoben, so entfloh die junge Seele aus ihrem ärmlichen Gefängnis.
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Rudolf Greinz:
Simerls guter Tag.
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Rudolf Heinrich Greinz ist ein Tiroler Kind. Er wurde am 16. August 1866 zu Pradl bei Innsbruck geboren, besuchte hier das Gymnasium und schließlich auch die Universität, um Germanistik zu studieren. 1887 nötigte ihn eine schwere Krankheit, das milde Klima Merans aufzusuchen, und hier faßte er auch den Entschluß, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. 1889 ließ er sich in München nieder, wohin er auch jetzt noch, da er seinen Wohnsitz in der Heimatstadt am Inn aufgeschlagen, Jahr für Jahr auf einige Zeit zurückkehrt.
Greinz' erste dichterische Arbeiten waren sehr harmloser Art. Ulkige Studentengeschichten und Lieder wechselten mit allerlei lyrischer Kleinware ohne weitere Bedeutung. Eine solche erlangte Greinz' Schaffen erst, als er sich mit dem Tiroler Volksleben vertraut machte. Den Weg zu demselben fand er, als er mit Josef A. Kapferer die »Tiroler Schnadahüpfl« und »Volkslieder« sammelte und in zwei Bändchen von bleibendem kulturellen Wert herausgab. Auf diesen Forscherzügen gewann er jene eingehende Kenntnis von Land und Leuten, jenen tiefen Blick in das Seelenleben des Gebirgsvolkes, von denen seine nun folgenden Bücher beredtes Zeugnis ablegen. Schon die ersteren, wie z. B. »Tiroler Leut'«, »Aus'm Landl«, enthalten Stücke, die zu den besten unserer reichen Dorfgeschichtenliteratur zählen; sie wurden aber noch übertroffen durch den Band »Über Berg und Tal« und das neueste Geschichtenbuch »Das goldene Kegelspiel«. Eine Fülle prachtvoller Menschenoriginale wird uns in diesen Geschichten vorgeführt, die wir schon um des herzlichen Humors, mit dem sie geschildert sind, liebgewinnen. Denn Greinz ist vor allem Humorist, aber keiner, der auf billige Lacheffekte hinarbeitet, sondern einer, dem das Lachen der natürliche Ausdruck seiner heitern, gemütsvollen Art, die Welt zu betrachten, ist. Von dieser heiteren Art sind auch seine dramatischen Arbeiten, mit denen er sich als erster aller Tiroler Dichter die Bretter erobert hat. Aufsehen erregte sein »Krippenspiel von der Geburt des glorreichen Heilands«. Stoffverwandt ist auch die prächtige »Bauernbibel«.
Eine Charakteristik von Greinz' Schaffen wäre jedoch unvollständig, wollte man nicht auch seiner tiefsinnigen Märchen und seiner Schriften gedenken, in denen er seiner religiösen und politischen Überzeugung Ausdruck verleiht. Unerschrocken und mit Begeisterung, manchmal auch mit der Waffe stachlicher Satire zieht er gegen die Schäden unserer Zeit zu Felde. Doch über dem Rufer im Streite der Meinungen steht uns der Dichter Greinz, der das alltägliche Leben so treu und heiter zu schildern und selbst über das Leben der Ärmsten den Schimmer mitleidiger Verklärung zu werfen weiß, wie es in der Novelle: »Simerls guter Tag« geschieht.
~Karl Bienenstein.~
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Simerls guter Tag.
Der Simerl, der alte Haderlump im Armenhaus, war von der Gemeindekasse schon längst auf das Konto der lästigsten und überflüssigsten Ausgaben gesetzt worden. Wenn der Gemeindeschreiber endlich einen dicken Strich über das dem Simerl gewidmete Blatt hätte ziehen können, dann wäre wenigstens nach dieser Richtung kein Geld mehr »außig'worf'n« gewesen.
Das sah jeder im ganzen Dorf ein, vom Vorsteher bis zum Armenvater und vom Kirchpropst bis zum Nachtwächter. Nur der am meisten an der Sache Beteiligte, der Simerl selbst, wollte es noch immer nicht einsehen, wie »übrig« er eigentlich auf dieser Welt war. Sonst hätte er sich schon längst empfohlen und der Gemeinde die Unterhaltungskosten für seinen sterblichen Leichnam erspart. Für die Begräbniskosten wäre man ja schließlich noch gern aufgekommen.
Der Simerl hatte es seiner Lebtag lang nie zu was Rechtem gebracht. Von allem Anfang an war er unvorsichtig in der Wahl seiner Eltern und kam bei einem armen Häusler auf die Welt, wo er das Dutzend Kinder gerade voll machte. In der Jugend war er bei den einzelnen Bauern als »Goasbua« verwendet, dann ging er bei einem Maurer in die Lehre und trieb sich überall im Land und »auswärts« herum, wo es eben Arbeit gab. Als dann die alten Knochen ihre Schuldigkeit nicht mehr recht tun wollten, kam er in der Fremd' draußen ins Spital. Die ohnedies nicht reiche Gemeinde zuhinterst im Zillertal mußte mehrere Monate den Simerl unter den fremden Leuten »aushalten«, als wenn er nicht ebensogut daheim hätte erkranken können! Aber ein eigensinniger Schädel war der Simerl schon immer gewesen.
Endlich wurde er in seine Heimat abgeliefert, und da blieb nichts übrig, als ihn ins Armenhaus zu stecken und dort zu füttern, obwohl es nach dem Ausspruch maßgebender Persönlichkeiten um jeden Bissen für einen solchen unnützen Menschen ewig schad' war! Früher hatte er auch nicht heimgefunden! Jetzt wäre man gut genug, weil er schon die ganze Welt »ausgetorkelt«[10] sei.
Der Simerl griff im Anfang noch da und dort zu. Es war aber nichts Rechtes mehr. Und zuletzt stand er bei jeder Arbeit mehr im Weg, als er nützte.
Er war bereits ein Achtziger. »Wenn der Herrgott an Menschen, der was zu bedeuten hat auf derer Welt, so lang leben laßt« -- meinte selbst der hochwürdige Herr Pfarrer -- »nachher hat die ganze Welt an Vorteil davon. Aber so a armer Hascher, der si selber und den Leuten nur im Weg is, wär' wohl auch im Himmel droben besser aufg'hoben!«
Der Simerl mit seinen achtzig und noch einigen Jahren »auf'm Buckel« ließ sich aber trotzdem nicht überzeugen. Im Gegenteil, er hatte noch immer seine Freud' am Leben. Am glückseligsten war er, wenn er wieder etliche Kreuzer »auf an Tabak« oder auf »a Stamperl[11] Schnaps« zusammengebettelt hatte.
Dann konnte der alte Armenhäusler ganz aufgeräumt werden und meinte gewöhnlich, wenn ihn einer aufzog, daß das Unkraut halt doch nicht verderben könne, sonst wäre er längst schon nimmer da: »Ja, weißt, mit mei'm Leben is 's ganz a eigne Sach'. Wenn du schön stad[12] bist, nachher will i dir's schon anvertrauen. I hab' nämlich a viereckige Seel' -- und dö fahrt durch a rundes Loch so viel schwer aus! Sonst hätt' i sie schon längst ausg'schnauft! Magst mir's glauben oder nit -- aber es wird do völlig so sein! Aber verraten darfst mi beileib' nit! Sonst muß i am End' no zum Tischler und mir mei' Seel' rund hobeln lassen!«
Ostern stand vor der Tür. Der Schnee lag noch überall im Tal. Erst von Schlitters am Eingang des Zillertals an und in den Niederungen des Unterinntals begann es langsam aper zu werden[13]. Weiße Ostern waren einem ziemlich milden Winter gefolgt. Kaum hie und da ein leises Anzeichen des herannahenden Frühlings. Nach Sonnenuntergang erhob sich regelmäßig der eisige Firnwind, der über Nacht alles wieder gefrieren ließ, was die Sonne vielleicht tagsüber aufgetaut hatte ...
Die »herrischen Stadtfrack«[14] haben manchmal sonderbare Einfälle. So kam auch eines Tags im hintersten Zillertal ein Maler daher, der wohl direkt aus dem Narrenhaus ausgebrochen sein mußte. Einem vernünftigen Menschen konnte es ja doch nicht einfallen, »mitten im Winter« in den Bergen herumzukraxeln.
Die Kreuzwirtin, wo der »Pinselwascher« Herberge nahm, maß den Fremden fast mit etwas mißtrauischen Blicken. Als der Maler zur Erklärung seines etwas seltsamen Besuches anführte, daß er vor allem Ruhe und »Stimmung« brauche, wurde die brave Kreuzwirtin ganz konfus.
»Ja, a Ruah kann i dem Herrn schon verschaffen,« meinte sie, »wenn's halt an die Sonntag' a bisserl an Spitakel absetzt, darf's der Herr nit übelnehmen. Aber mit der Stimmung, oder wia dös Ding heißt, wird's schlecht ausschauen. Fleisch gibt's halt iatz nur a schöpsernes. Wenn dös der Herr nit mag, muß i ihm halt a Hendl abstechen.«