Chapter 2 of 11 · 3875 words · ~19 min read

Part 2

Täglich führte ihn sein Weg, wenn er zur Feldarbeit ging, auch an dem Hofe der Naujokene vorbei. Die Frau sah er oft in der Tür stehen und grüßte freundlich. Sie war immer sehr ordentlich und reinlich gekleidet, als ob sie zur Kirche gehen wollte. Die Mägde wußten sich etwas darauf, daß ihre Herrin stets sechs Röcke über einander trüge; denn das war ein Zeichen von Wohlhabenheit. Übrigens wählte sie dunkle Farben, wie einer Witwe zukam, schwarz oder schwarzblau, und trug die Jacke hoch bis unter das Kinn zugehakt, nur den weißen Hemdenkragen ein wenig überstehend. Die Figur sah stattlich genug aus, und auch das Gesicht war noch ziemlich glatt, wenn sie es stillhielt. Sprach sie freilich, so zog die Stirn Falten, und wurde sie ärgerlich, so rötete sich plötzlich die Nase und das Kinn. Das geschah, wie die Dienstleute behaupteten, gar nicht selten.

Michel Endrullis gefiel ihr, vielleicht nicht zum wenigsten deshalb, weil er auch der Ewe Purwins gefiel. Er hielt sich noch immer so gerade, wie er's von seiner Dienstzeit her gewohnt war, bürstete täglich seine Jacke und behandelte die Pferde gut. Die Arbeit schien ihm leicht von der Hand zu gehen; früh morgens war er schon auf, und abends, wenn er vom Felde zurückkam, pfiff er ein lustiges Stückchen. Eines Tages rief sie ihn zu sich heran und sagte: »Gedenkst du bei deinem Schwager zu bleiben, Mikelis?«

»Den Winter über vielleicht,« antwortete er, »wenn wir uns so lange vertragen.«

»Und was wirst du dann anfangen?«

»Ich werde mich nach einem Dienst umsehen müssen; denn kaufen kann ich nichts.«

Sie musterte ihn wohlgefällig. »Ich will dir einen Vorschlag machen, Mikelis. Du weißt, daß eine Witfrau es schwer hat, mit fremden Leuten zu schaffen, in den Ställen nach dem Rechten zu sehen und das Feld ordentlich zu bestellen. Sie muß da einen haben, dem sie Vertrauen schenken kann. Nun war aber dein Vater ein guter Freund meines verstorbenen Mannes, und dich kenne ich von Kindesbeinen an. Beim Militär hast du dich gut geführt und auch Ordnung gelernt. Willst du als Knecht in meinen Dienst treten, so kann's gleich zu Martini richtig werden. Ich will dich über die andern Leute setzen und dich auch sonst halten wie eines Nachbars Sohn. Den Lohn magst du selbst bestimmen, und um ein paar Taler werde ich nicht dingen. Willst du dir das überlegen?«

»Das ist nicht viel zu überlegen,« entgegnete er. »Muß ich dienen, so diene ich dir so gern als einem andern, und mir kann's gefallen, hier im Dorf zu bleiben und den Wirt zu spielen, solange ich's nicht wirklich bin. Ich hoffe, daß du mit mir zufrieden sein wirst.«

»So schließen wir also gleich ab,« sagte sie offenbar erfreut und reichte ihm die Hand zu.

»Das heißt ...,« wendete er zögernd ein, »wenn dir auch meine Bedingung recht ist.«

»Was ist das für eine Bedingung?«

»Ich hab' ein Pferd, das ist mein einziges Besitztum, und davon will ich mich nicht trennen. Willst du's in deinen Stall nehmen und ihm Futter geben, so mag es auch in der Arbeit mithelfen. Wenn ich aber reiten will, so bin ich so weit mein eigner Herr und habe niemand zu fragen; denn es kommt mir darauf an, daß ich außer dem Lohn etwas verdiene. Mein Vater ist Wirt gewesen und mein Großvater auch -- da will ich nicht zurückbleiben. Kann ich's nicht erben, will ich's erwerben.«

Darauf ging die Naujokene gern ein, und als nun Martini herankam, zog Michel Endrullis bei ihr als Knecht an, nicht wie die Knechte sonst, sondern reitend auf seinem Fuchs. Die Ewe rief ihm spöttisch nach: »Halt dein Herz fest, Mikelis.« Er aber wendete sich zurück und antwortete lachend: »Meine Mutter ist lange tot und eine zweite brauche ich nicht.«

Das war wohl ganz ernst gemeint. Aber es zeigte sich doch bald, daß Ewe nicht ohne Grund gewarnt hatte. Nachdem einige Monate vergangen waren, wußten die Mägde kichernd zu erzählen, wie gut der Mikelis gehalten würde. So schlimm die Frau oft gegen sie sei, so höre er doch nie ein böses Wort, könne schalten und walten, wie er wolle. Bei Tisch schiebe sie ihm die fettesten Bissen zu, und zu Weihnachten habe sie ihm eine noch ganz neue Tuchjacke und den besten Pelz von ihrem verstorbenen Manne geschenkt. Wenn sie Sonntags zur Fahrt nach der Kirche so viel Röcke anziehe, daß sie kaum auf dem Schlitten Platz habe, so wisse man wohl, daß sie sich nicht allein für den lieben Gott ausputze. Man hatte ihr auch schon aufgepaßt, wie sie mit Endrullis in der Klete gewesen war und ihm die Kasten mit Leinenzeug und Betten aufgeschlossen hatte. Davon sprach nun das ganze Dorf, und die meisten sagten: »Der macht da sein Glück! Die Naujokene ist noch in den Jahren -- und bringt nicht einmal Kinder mit. So gut trifft's selten einer.« Ewe nur nannte sie ein altes Weib und einen Drachen. Wenn sie ihr begegnete, zog sie ihr ein Gesicht, und in der Kirche setzte sie sich recht geflissentlich in ihre Nähe, als ob sie dem Michel Endrullis zeigen wollte, was für ein Unterschied zwischen ihnen sei.

Michel war ein schlauer Bursche und merkte ganz gut, wie die Sache stand. Er war nur mit sich selbst nicht einig, ob er zugreifen sollte. Zu einem solchen Hofe kam er auf andere Weise nicht. Wäre nur die Ewe nicht gewesen --! Da war nun sein Herz arg zwiegespalten: die Ewe hätte er gern gehabt -- aber den großen Hof auch. Und eine Torheit, meinte er, dürfe er unter allen Umständen nicht begehen; dazu sei er denn doch zu weit »in der Welt herumgekommen«.

Eines Abends paßte er Ewe auf, als sie aus der Spinnstube nach Hause ging. »Laß das die Naujokene nicht merken,« zog sie ihn auf, »daß du mir im Dunkeln nachgehst,« hing sich aber doch an seinen Arm.

»Warum?« fragte er keck und faßte ihre Hand.

»Die Leute sprechen davon, daß es im Dorfe bald eine Hochzeit geben wird.«

»Das könnte wohl sein, wenn dein Vater und deine Brüder wollten.«

»Wenn du mich meinst, Mikelis, zur Hochzeit gehören denn doch allemal zwei.«

»Gewiß! Sind zwei einander gut, das ist unter ihnen bald richtig gemacht. Aber ...«

Ewe drückte zum Zeichen des Einverständnisses seine Hand und lehnte sich an seine Schulter. »Was meinst du?« Ihr glühten die Backen. Er hätte jetzt alles von ihr verlangen können, was sie zu geben vermochte. So gern hätte sie ihn für sich gewonnen.

»Sprich mit deinem Vater und deinen Brüdern,« sagte er. »Sie werden dir den Hof nicht überlassen; aber vor Jahren ist das Käthnergrundstück des Gaidullis zugeschrieben worden. Vielleicht sind sie einverstanden, daß es wieder abgeschrieben wird und dir als Erbteil zufällt. Du kannst sagen, du wüßtest einen, der dir etwas Geld leihen würde, wenn's durchaus zur Abfindung nötig wäre, und wie du hinterher zu Haus, Stall und Scheune kämest, das ginge sie nichts an. Hast du das Land, so wird das andere sich finden.«

Ewe fühlte sich arg enttäuscht. Sie ließ den Kopf hängen. Und doch war's schon etwas, daß er ihretwegen Käthner werden wollte, da er ohne sie ein großer Wirt werden konnte. »Sprich du selbst mit dem Vater, Mikelis,« bat sie.

»Nein -- das kann nicht geschehen. Mein Name darf nicht genannt werden. Wird aus der Sache nichts, so will ich freie Hand behalten --«

»Bei der Urte ...!«

»Da oder wo anders.«

Sie biß die Lippe. »Es wird dich gereuen, Mikelis, eine alte Frau genommen zu haben.«

»Ich habe sie ja noch nicht genommen.«

»Jetzt ist sie süß wie Honig und zahm wie ein Täubchen. Hat sie erst, was sie will, so wird sie ihr Teufelsspiel anfangen. Ins Zuchthaus kommen denke ich mir nicht so schlimm, als an so etwas zeitlebens gebunden sein.«

Er schnippte mit den Fingern in die Luft. »Pah! Wer der Wirt ist, ist der Herr. Aber ich will nichts gesagt haben. Bekommst du das Land, so darfst du dir meinetwegen keine Sorgen machen. Wenn nicht, so muß freilich jeder zusehen, wie er sich am besten in die Welt schickt. Der Arme kann nach seinem Herzen nicht viel fragen.«

Sie machte sich hastig von ihm los. Gleich aber fiel sie ihm wieder um den Hals.

»Wenn du mir gut wärest, Mikelis, wie ich dir gut bin ...«

»Ich bin dir gut, glaub's nur. Aber so unvernünftig ...« Er küßte sie.

»Lieber unvernünftig, als zu wenig! Mikelis, tu's nicht!«

»Was?«

»Ach, geh!«

»Sprich mit deinem Vater, Ewe.«

»Und wenn nicht --«

»Man muß es abwarten.«

Sie seufzte recht schwer, löste ihre Hand und lief fort.

Das Weibsvolk ist doch recht närrisch, dachte Endrullis. Er hatte jetzt nur die Hand nach rechts oder links auszustrecken.

[Illustration]

3.

Ewe sprach nun auch mit den Brüdern und sprach mit dem Vater; aber zu dem gewünschten Ziele kam sie nicht. Am ehesten war noch Jurgis geneigt, ihr zuzustimmen, da er selbst für sich wenig zu hoffen hatte. Ansas aber wollte von der Abtrennung des Käthnerlandes nichts wissen. Es sei eine gute Wiese dabei, und ohne die lasse sich nicht wirtschaften. Purwins war krank und dachte nur darauf, wie er sich ein möglichst großes Ausgedinge sicherte. Nun wußte ihn Ansas zu überreden, die Angelegenheit schnell zu ordnen, damit Ewe ihn in Ruhe ließe. Sie fuhren also aufs Gericht und schlossen den Vertrag ab. Für Ewe wurde eine Summe eingetragen, die erst nach des Vaters Tode fällig sein sollte.

Nun war für Michel Endrullis die Sache entschieden. Er meinte bewiesen zu haben, daß er genügsam sei. Ewe war nun einmal nicht zu haben; sie selbst mußte es nun ganz natürlich finden, daß er unter solchen Umständen »sein Glück« nicht von der Hand wies. Ehrlicher als er konnte kein Mensch verfahren.

Er wollte nun aber auch recht schlau vorgehen und lieber gebeten sein als bitten. Darum sagte er nach Ostern der Wirtsfrau, bis zum nächsten Martini sei's zwar noch weit hin; er wolle ihr's doch aber nicht vorenthalten, daß er darüber hinaus nicht zu bleiben gedenke. Sie möge sich danach bei Zeiten einrichten.

Urte fragte verwundert, ob es ihm bei ihr an etwas fehle, und wo er's besser zu haben hoffe. Michel antwortete ausweichend; auf die Dauer könne es doch nicht so bleiben, und so sei es besser, er gehe wieder nach Berlin zurück und nehme seines Majors Anerbieten an. Ein tüchtiger Mensch komme draußen schneller und leichter zu etwas. Das sei doch so eilig nicht, meinte sie; sie habe sich an ihn gewöhnt und könne ihn schwer missen. Nun trumpfte er. Er habe gehört, daß sie zum Herbst wieder heiraten wolle. Und sei's nicht zum Herbst, so sei's doch sicher zum Frühjahr. »Bei deinem künftigen Manne will ich nicht als Knecht dienen, da ich jetzt halb wie der Herr angesehen bin.«

Die Naujokene war aber auch nicht auf den Kopf gefallen und merkte, daß er sie ausforschen wollte. Das war ihr ein gutes Zeichen, und sie sah ihn daher freundlich an und antwortete: »Es kommt vielleicht nur auf dich an, Mikelis, ob du ganz wie der Herr angesehen sein willst.«

Das war deutlich genug, aber er tat doch, als ob er sie noch nicht verstünde. »Das Grundstück kann ich dir nicht abkaufen,« sagte er.

»Und ich will's auch nicht verkaufen,« erwiderte sie. »Wenn dir's aber gefällt, kannst du's umsonst haben und auch die Wirtin dazu. Höre, ich will mit dir unter vier Augen ganz offen sprechen, weil ich wohl sehe, daß du zu bescheiden bist, mir's in meinen Jahren anzutragen. Ich brauche einen Wirt, und der muß jung und kräftig sein, damit ich im Alter eine gute Stütze habe. Du hast dich in kurzer seit gut bewährt, und ich kann dir auch in Zukunft Vertrauen schenken. Willst du mich heiraten, so kannst du noch vor Martini der Wirt sein, und das Gerede der Leute hört von selbst auf. Dumm wird dich wahrlich kein Mensch schelten, wenn du's tust.«

Das meinte Endrullis auch, und so wurden sie noch in derselben Stunde einig. Am andern Tage wußte es das Dorf, und es war da keiner, der dem armen Burschen nicht sein Glück neidete. Er selbst trug den Kopf auch gewaltig hoch. Nur wenn er der Ewe begegnete, senkte er ihn tief und sah zur Seite, als ob er sich schämte. Es ärgerte ihn, daß er ihr nicht dreist ins Gesicht sehen konnte -- aber er konnte nicht. Sie sagten ihm alle, daß er klug gehandelt habe, und er war doch selbst davon überzeugt; aber in ihrer Nähe wußte er, daß er eine große Dummheit mache; das sagte ihm das Herz. Er konnte doch nicht los davon.

Schon nach wenigen Wochen wurde das Aufgebot bestellt. Zu Johanni gab's Hochzeit, und alle Nachbarn waren dazu geladen. Ewe blieb nicht zu Hause und war so ausgelassen lustig, als ob ihr nichts Glücklicheres hätte begegnen können. Als sie aber mit dem Bräutigam tanzte, flüsterte sie ihm zu: »Jetzt lache ich vor den Leuten, diese Nacht allein in meiner Kammer werde ich weinen. Denn ich weiß doch, daß du an mich denkst, Mikelis.« -- »Es hat nicht anders sein können, Ewe,« antwortete er leise, »du mußt das vergessen.« -- »Versuch's doch selbst,« sagte sie. »Wenn du hättest wollen, wir wären irgendwo zusammen in Dienst gegangen.« -- »Es wäre ein elendes Leben geworden, Ewe.« -- »Wer weiß ...?« Sie machte sich los und tanzte mit andern. Die Urte Endrullene redete sie immer »junge Frau« an und zog dabei den Mund so spöttisch, daß die Gäste wohl merkten, wie's gemeint war.

»Du wirst deine Tochter besser in Zucht nehmen müssen,« sagte Urte innerlich verärgert dem alten Purwins, »sie hat eine lose Zunge.« Nachts gab es argen Lärm vor dem Hause, mehr noch, als es selbst der Brauch in Littauen will. Ewe hatte die jungen Burschen angestiftet, und nun flogen die alten Töpfe gegen die Fensterladen und trommelten die Weidenknüttel auf der Haustür. Gegen Morgen mußte der Gemeindevorsteher aus dem Bett und Ruhe gebieten.

Vom andern Tage ab ging's in der Wirtschaft wie zuvor. Es war keine Veränderung zu bemerken, außer daß Endrullis nun der Wirt hieß. Er wollte es freilich auch sein; deshalb hatte er ja geheiratet, und Urte schob ihn in den ersten Wochen gern überall vor, damit er als der Herr bei denen zu Ansehen komme, mit denen zusammen er zuvor gedient hatte. Nur die Schlüssel behielt sie, und alles mußte durch ihre Hand. Darüber kam's dann zum ersten Streit. Und als erst einmal die Kräfte sich gemessen hatten, galt's auch ferner für beide Teile sich behaupten. Bei der Wirtsfrau war die alte Gewohnheit, das Regiment zu führen, allzu stark geworden, und Endrullis wollte gerade beweisen, daß er nicht nur zum Schein der Herr sei. Fuhren sie zusammen nach der Stadt oder zur Kirche, oder arbeiteten sie auf dem Felde, so verkehrten sie ganz gut und freundlich miteinander. Es war ihm nur nicht ganz wohl dabei zu Mute, wie sie ihm auf Schritt und Tritt aufpaßte, daß er sich im Kruge nicht zu lange verweilte und während der Predigt nicht nach den hübschen Mädchen hinüberschielte und auf dem Felde nicht mit den jungen Mägden scherzte. Am liebsten hätte sie ihn fortwährend unter Augen gehabt. Manchmal besuchte er das Wirtshaus, nur um zu zeigen, daß er sich »von der Alten nicht einsperren« lasse.

Den Sommer über ging's bei alledem leidlich. Die Ernte fiel reichlich aus, und der Acker wurde wieder mit aller Sorgfalt bestellt. Als dann aber der Herbst mit seinen frühen Abenden und finstern Nächten herankam und die Juden anfragten, mit wieviel Pferden man ihnen helfen wolle, da schüttete Endrullis seinem Fuchs die doppelte Portion Hafer, klopfte ihm den Hals und sagte: »Wir müssen auch dabei sein.« Die Urte wollte davon nichts wissen. Es gefiel ihr nicht, daß ihr Mann sich die Nächte durch mit dem Judenpack herumzutreiben gedachte; auch fürchtete sie von dem Verkehr mit den wilden ledigen Burschen üble Folgen. Ob er's denn nötig habe, zu reiten? Und es schicke sich für ihn auch nicht. Darauf aber wollte er nicht hören; er meinte nur, sie gönne ihm die Freiheit nicht und wolle nicht, daß er ein Stück Geld in die Tasche bekomme, das sie ihm nicht nachrechnen könne. Deshalb fruchteten ihre Bitten nichts, und als sie sich erzürnte und ihn mit Scheltreden anfiel, wurde er nur um so hartnäckiger und sagte: »Schweige still! Den Fuchs habe ich in die Wirtschaft eingebracht und habe mir vorbehalten, ihn zu satteln, wann es mir gefällt, schon als ich zu dir zog. Hast du darin deinem Knechte nicht Vorschrift machen dürfen, sollst du's deinem Manne noch weniger.« Er tat, was ihm gefiel.

Meist ritten die Schmuggler vom Hofe des Purwins ab, da Ansas und Jurgis sich eifrig beteiligten. So hatte nun Endrullis häufiger die erwünschte Gelegenheit, sich dort aufzuhalten, und manchmal vergingen Stunden, bis die Pferde bepackt waren und die Kundschafter die Nachricht brachten, daß die russische Patrouille vorbeipassiert sei. Ewe half bei den Pferden, und so sah und sprach er sie oft. Er meinte seiner Pflicht genug getan zu haben, wenn er sie nicht geradezu aufsuchte, und sie ging ihm nicht aus dem Wege. Es blieb ihm nicht unbemerkt, daß sie sich besonders gern an seinem Fuchs etwas zu schaffen machte, Sattelgurt und Zaumzeug untersuchte und das Tier mit Brot und Zucker fütterte. Streichelte sie den glatten Hals, oder kämmte sie mit den Fingern die krause Mähne, so ging's ihm warm durch die Glieder, als ob sie ihn selbst liebkoste. Und so war's sicher auch gemeint. Wollte er aber einmal ihre Hand greifen oder ihre Schulter umfassen, so entschlüpfte sie ihm wie eine Schlange. »Du meinst es ja doch nicht ernst,« sagte sie, und darauf wußte er freilich nichts zu antworten.

Einmal warf sie ihm vor, daß er allzu waghalsig reite. Die andern hätten davon viel erzählt. »Du reitest wie einer, dem das Leben nicht lieb ist.«

»Mir ist auch das Leben nicht lieb,« entgegnete er schnell. »Wenn du wüßtest, Ewe ...«

»Ich habe dir's ja vorausgesagt,« unterbrach sie ihn. »Aber du hast nun den großen Hof und bist Wirt, wie du gewollt hast -- das muß dir genug sein. Wenn dich ein Unglück träfe -- der Urte wegen wäre mir's nicht leid; aber ...«

»Aber --?«

»Ich weiß eine, die dich mehr betrauern würde als sie ... und die hat wahrlich schon genug um dich geweint. Du sollst nicht um dein Leben reiten.«

Er schlug mit der Hand in die Luft.

Dieser Verkehr gerade war's, was Urte am meisten peinigte; denn das Mädchen war ihr verhaßt. Sie rief eines Tages die alte Gaidullene zu sich herein, beschenkte sie mit Mehl und Flachs und sagte ihr: »Passe auf, was da auf dem Hofe geschieht, wenn ich nicht dabei bin. Es soll auch ferner dein Schade nicht sein.« Die Alte verstand recht gut, was sie meinte, und versprach, die Augen offen zu haben. »Ja, ja --,« knurrte sie, »mit einem jungen Mann hat man seine liebe Not, und die Ewe ist eine wilde Katze, vor der man sich hüten muß. Sie sind Nachbarskinder und haben einander immer gern gehabt.«

Eines Morgens nach einer sehr stürmischen Nacht, in der man jenseit der Grenze viel schießen gehört hatte, kam Michel Endrullis auf schweißbedecktem Pferde ins Dorf zurückgesprengt, jagte an seinem Hofe vorbei und sprang erst vor dem des Purwins ab. Er klopfte heftig an die Läden und rief: »Macht auf, es ist ein Unglück geschehen.« Ewe öffnete, der alte Purwins lag krank im Bette und stöhnte. »Was gibt's,« fragte er, »daß du solchen Lärm machst?« Endrullis sah ganz verstört aus, von seiner Stirn tropfte Blut. »Heiliger Gott!« rief Ewe, »du bist verwundet.« -- »Das hat wenig zu sagen,« antwortete er, immer die Augen scheu abwendend, »aber deine Söhne, Adam ...« Der Alte richtete sich hustend auf. »Was ist's mit denen? Ihr habt mit den Russen einen Kampf gehabt!« -- »Ja, der Zug ist verraten -- sie haben uns im Gebüsch an dem Bach, durch den wir reiten mußten, aufgelauert -- zwanzig und mehr Mann. Wir bekamen gleich eine Salve, ehe wir sie noch bemerkten, und zwei von den Unsern stürzten vom Pferde. Wir wollten zurück, aber hinter uns war nun auch der Weg gesperrt. Wir sparten das Pulver nicht: das nützte in der Dunkelheit und gegen die Übermacht wenig, eine ganze Kompagnie muß auf dem Platze gewesen sein. Einige sprangen ab und suchten sich zu Fuß durchzubringen. Der Ansas war gleich unter den ersten gefallen, weil er voranritt --«

»Ansas -- gefallen!« schrieen Purwins und Ewe zugleich auf.

»Ich hörte die Russen sagen: der ist tot. Jurgis hielt das Pferd auf und nahm's an den Zügel, um die Waren zu retten. Das war ihm hinderlich, er konnte nicht so rasch fort, als er sollte. Ich ritt dicht an ihn heran und rief ihm zu: laß los, wir wollen zusammen durchbrechen! Er war eigensinnig. Da umringten uns die Reiter und wollten uns gefangen nehmen. Wir kehrten unsere abgeschossenen Gewehre um und schlugen mit den Kolben um uns. Sie aber schossen mit Pistolen. Plötzlich schrie Jurgis auf, warf sich hintenüber und stürzte zu Boden. Zwei von den Fußsoldaten hoben ihn auf und schleppten ihn fort -- ich weiß nicht, ob er auch tot oder nur verwundet ist. Ich hatte etwas Luft bekommen, warf den Fuchs herum und jagte davon.«

Über diese traurige Nachricht gab's nun ein Jammern und Wehklagen im Hause und bald im ganzen Dorfe. Seit Jahren war kein solches Unglück passiert. Und nun zwei Brüder! Ewe machte sich sogleich marschfertig und ging über die Grenze, im Cordonhause nachzufragen, ob wenigstens Jurgis noch lebe. Man hatte ihn nach einer kleinen Stadt gebracht, in der sich ein Gefängnis und ein Hospital befand. Der Offizier dort hatte Mitleid und führte sie an ein Bett, auf dem Jurgis, von zwei Kugeln in die Brust getroffen, lag und mit dem Tode rang. Er starb wenige Stunden nach ihrer Ankunft in ihren Armen. Man sagte ihr, daß sie ein Fuhrwerk holen und die Leiche nach Preußen hinübernehmen dürfe. Ansas hatte man liegen lassen, wo er gefallen war. Noch denselben Abend brachte Ewe auf einem Leiterwagen die beiden Leichen über die Grenze und auf den Hof. Die ganze Dorfschaft hatte sich versammelt und sang Klagelieder; nur die Naujokene fehlte.

Adam Purwins, tief erschüttert von diesem Unglücksfall, überlebte seine Söhne nur wenige Monate. Bald nach Weihnachten erlag er seiner Krankheit.

[Illustration]

4.

So blieb nur Ewe auf dem Grundstück zurück. Ihre Schwester war abgefunden; sie konnte sich als die alleinige Erbin betrachten. Nach den unvermeidlichen Verhandlungen bei Gericht wurde sie als die Eigentümerin des Grundstücks eingetragen: der zweite große Hof in Naujokat-Peter-Purwins gehörte ihr, das große Ausgedinge ihres Vaters und der Erbteil des Jurgis wurden gelöscht -- sie war ganz unvermutet eine wohlhabende und ganz selbständige Besitzerin geworden.

Michel Endrullis schlug sich vor den Kopf. Wer hätte das ahnen können! Diese Veränderung der Dinge in einem Jahre! Er war so klug und hatte so viel gelernt in Berlin und wußte so trefflich in der Welt Bescheid, aber das war nicht zu berechnen gewesen. Nun hatte er die alte Frau geheiratet und mußte zusehen, wie die hübsche Ewe irgend einen jungen Burschen zum Manne nahm, der vielleicht nicht einmal beim Militär gedient hatte, und ihm den Hof zubrachte. Er war fortwährend in so ärgerlicher Stimmung, daß die Urte sich einmal über das andere verwunderte. Sie konnte ihm nichts recht machen und hörte immer nur unfreundliche Worte. Die gab sie dann mit Zinsen zurück, und so hatte der Hader kein Ende.