Chapter 3 of 11 · 3922 words · ~20 min read

Part 3

Ewe schien übrigens auch jetzt gar keine Eile zu haben, aus ihrem ledigen Stande zu treten. An Bewerbern hatte sie wahrlich keinen Mangel. Alle jüngern Söhne in der Nachbarschaft herum bemühten sich nicht wenig, ihr zu gefallen, und die Freiwerber stürmten das Haus. Als erst Gras auf den Grabhügeln ihres Vaters und ihrer Brüder gewachsen war, zeigte sie sich auch ganz so munter und frohgelaunt wie früher, sang auf der Dorfstraße und ging zum Tanz; aber ein Jawort war ihr nicht abzugewinnen. »Ich bin noch lange nicht so alt wie die Naujokene,« sagte sie wohl, »und die hat noch einen jungen Mann bekommen. Den Hof dazu hab' ich nun auch --;« oder ein andermal: »Ich habe schon einen, dem ich gut bin, und auf den warte ich. Es dauert mir nicht zu lange.«

Nur in einem Punkte hatte sie sich verändert: so lässig sie früher in der Wirtschaft gewesen war und fünf gerade gehen ließ, so genau und umsichtig wurde sie jetzt. Überall war sie hinter den Leuten her und hielt streng auf Ordnung. Die schadhaften Dächer wurden ausgebessert, die Wände weiß gekalkt, die Zäune ergänzt, die Wege und Stege von Gras gereinigt. Die Urte Endrullis sollte ihr in nichts voraus sein; sie wollte auch einen so hübschen Hof haben wie sie. Die alte Gaidullene hatte gehofft, daß nun die guten Tage für sie kommen würden; aber das war eitel Täuschung. So viel die Verschreibung besagte, so viel empfing sie und nichts mehr. Wollte die Altsitzerin sich etwas herausnehmen, gleich war sie hinterher und zeigte ihr die Wirtin. »Ich sehe wohl,« sagte die Alte, »du bist deines Vaters Kind, und ich werde jetzt keinen bessern Frieden haben als zuvor. Du gönnst dem Armen nur knapp sein Stückchen Brot und bist nur immer auf deinen Vorteil bedacht. Aber vergiß nicht, daß auch der Reiche gute Freunde brauchen kann, und daß man in der Not bei denen nicht anklopfen soll, die man im Übermut schlecht behandelt hat. Keiner weiß voraus, wer ihm einmal nützlich sein kann, und schon manchem ist ein Bein gestellt, der sich fest auf den Füßen glaubte. Ich drohe wahrlich nicht, aber was geschieht, das geschieht oft auch ohne unser Gebot.« Ewe lachte dazu. »Die Leute sollen nicht sagen,« antwortete sie, »daß ich zu jung und unerfahren zur Wirtin bin. Willst du für mich arbeiten, so sollst du deinen Lohn haben.«

Auf dem Felde war sie die Fleißigste. Wenn sie frühmorgens, das weiße Kopftuch zierlich umgeknüpft und die lange Harke über der Schulter, hinaus und am Hause des Endrullis vorüberging, sang sie mit lauter Stimme und grüßte neckisch ins Fenster hinein. Michel stand da oft und wartete auf ihr Vorüberkommen, oder er richtete es so ein, daß er eben vor der Tür oder im Garten zu tun hatte. Die Äcker und Wiesen grenzten auch an mehr als einer Stelle, und es konnte gar nicht ausbleiben, daß sie bei der Arbeit einander nahe kamen und über den Rain hin Worte wechselten oder in der Mittagshitze unter demselben Baume den Schatten suchten. Urte sah scheel dazu und ließ es nicht an bissigen Bemerkungen fehlen; aber Michel tat, als ob er sie nicht verstand, und Ewe hatte eine noch spitzere Zunge als sie. Recht ihre Lust schien sie daran zu haben, die Eifersucht der Frau zu stacheln.

Ganz anders benahm sie sich gegen Michel als zuvor, da sie noch ihres Vaters Magd war. In diesem Kopfe gestalteten sich die Dinge nach eigenem Gesetze. Sie hatte nun den großen Hof gerade so wie die Urte; das änderte auch nach ihrer Schätzung die ganze Sachlage wesentlich. Urte hatte jetzt nichts mehr vor ihr voraus; Michel verlor nichts, wenn er sie aufgab. Warum sollte sie nicht nehmen, was ihr doch gehörte? Weshalb sollte sie die verhaßte Gegnerin schonen? Gewissensbedenken kamen ihr gar nicht -- jetzt nicht. In ihren Augen hatte Urte ihr Recht verloren; es hatte ja nie einen andern Grund gehabt, als weil sie die Wirtin war und Ewe eine Magd. Nun stand Wirtin gegen Wirtin; das einzige Hindernis, das ihrer Liebe entgegentrat, hatte ein Zufall beseitigt, der ihr eine himmlische Schickung schien. Sie konnte glücklich sein -- und wollte glücklich sein.

Michel verstand Ewe; sie dachte ja zum Teil mit seinen Gedanken: wenn sie ihn mit den grauen Blitzaugen ansah, lief's ihm heiß durch die Adern, und reichte sie ihm zum Willkommen die Hand, so war's ihm, als ob seine Finger sich gar nicht mehr lösen könnten. Weil ich einmal einen dummen Streich gemacht habe, sagte er sich, soll ich dafür mein Leben lang büßen? Er wartete nicht mehr auf ein zufälliges Zusammentreffen, sondern ging abends fort -- ins Wirtshaus angeblich oder auf die entfernte Weide am Bach, nach dem Vieh zu sehen -- und umschlich den Hof und Garten, ob Ewe sich nicht blicken lassen würde. Selten vergeblich.

Eines Tages war die alte Gaidullene bei Frau Urte zum Besuch. Sie hatten sich wohl eine Stunde lang eingeschlossen, und dann wurde Kaffee gekocht und Kuchen aufgetragen. Den Mägden blieb es nicht unbemerkt, daß der Korb, den die Altsitzerin leer mitgebracht hatte, ihr schwer am Arm hing, als sie sich entfernte. An demselben Abend gab es Lärm auf dem Purwinsschen Hofe. Urte war ihrem Manne nachgeschlichen und hatte sich hinter einem Holzstapel am Gartenzaune versteckt. Als sie nun in der Jasminlaube leise sprechen und lachen hörte, sprang sie vor und überraschte Michel und Ewe, wie sie zusammen auf der Bank saßen und einander umarmt hielten. Mit einem Hagel von Scheltworten drang sie auf das Mädchen ein und fiel sie mit den Nägeln an. »Eine schlechte Person bist du,« rief sie zornig, »eine Verführerin! Treib's mit wem du willst, aber meinen Mann locke nicht. Ich will dir das dreiste Gesicht ...« Michel trat zwischen beide und schob Urte zurück. »Mit mir hast du's zu tun,« sagte er. Aber Ewe brauchte gar keinen Verteidiger. »Wer hat ihn gelockt?« gab sie's der Frau zurück. »Du -- du -- du! Ich brauchte ihn wohl zu locken? Sind wir nicht als Nachbarskinder miteinander aufgewachsen? Sitzen wir heute zum erstenmal zusammen in dieser Laube? Hat er mir nicht lange, bevor er dem König diente, gesagt, daß er mir gut sei, und hinterher, daß er mich nicht vergessen habe in Berlin? Wenn du ihn nicht herangelockt hättest, wär's noch beim alten. Der Hof hat ihn geblendet. Aber jetzt hab' ich auch Haus und Hof, und wenn ich nicht so reich bin wie du, so bin ich doch jung und lustig und nehm's mit dir auf. Ist er dein Mann, so halte ihn fest; wenn er aber zu mir kommt, so mag ich ihn nicht abweisen, und willst du's durchaus unter die Leute bringen, so hab' ich wahrlich nichts dagegen. Denn ich weiß wohl, wen sie auslachen werden. Und nun wag's nicht noch einmal, dich so hinterlistig auf meinem Hofe betreffen zu lassen. Sonst könnten die Hunde dich für eine Diebin halten und dir den Rock zausen. Hier bin ich die Herrin!«

Urte kochte vor Wut. Sowie sie anfangen wollte, schnitt Ewe ihr wieder das Wort ab. Michel fand's gar nicht so übel, daß die beiden Frauen um ihn zankten, und hielt sich klug zurück. Endlich faßte Urte seinen Arm und zog ihn mit sich fort. »Leb' wohl, Ewe,« sagte er zum Abschied. »Ist's so weit gekommen, so mag's nun auch weiter gehen.«

Er hatte diesmal keine friedsame Nacht. Urte holte zu Hause nach, was sie bei Ewe nicht hatte anbringen können, und wenn er meinte, es sei nun genug und er könne sich auf die Seite legen, fing sie dieselbe Litanei aus einem andern Register von neuem an. Und das war immer der letzte Vers vom Liede: »Ich leid's nicht, Mikelis! Und wenn ich dich noch einmal bei der Ewe finde und du auch nur ein freundliches Wort mit ihr sprichst, so ist's aus zwischen uns. Das Grundstück gehört mir, und du bist die letzte Zeit Wirt gewesen.« Er verhielt sich trotzig.

Am andern Tage hatte sie sich beruhigt und versuchte es nun auf andere Weise, ihn zu sich zurückzuziehen. Sie hätte ihn doch ungern verloren und redete sich's willig ein, daß er nur den kleinsten Teil der Schuld trage und bald wieder zu Verstand kommen werde. Als er sich zum Mittagsessen einfand, machte sie ihm freundliche Vorstellungen, die auch nicht ohne Wirkungen zu bleiben schienen. Er hatte sich's schon selbst überlegt, daß die Geschichte ein schlimmes Ende haben könnte und seine Lage sehr unsicher geworden sei.

Nun faßte sie ihn von seiner schwachen Seite. »Du bist sonst ein so vernünftiger Mann, Mikelis,« sagte sie schmeichelnd, »ein so kluger Mann -- weit über deine Jahre klug und verständig. Hätt' ich dich sonst geheiratet und hier zum Herrn eingesetzt? Nun bist du aber wie blind, daß du nicht siehst, wie die Ewe, die schlaue Hexe, dich zum Narren hält. Sie hat auf dich gerechnet und verzeiht dir's nicht, daß du von ihr abgegangen bist und eine kluge Wahl getroffen hast. Deshalb hat sie sich auch so bissig gegen mich gezeigt und mich mit höhnischen Reden aufgezogen, wo sie nur konnte. Dich aber hat sie so lange in Ruhe gelassen, als ihr Vater und ihre Brüder lebten; denn sie wußte wohl, so dumm würdest du nicht sein und in ihr Netz gehen, wenn du Haus und Hof zu verlieren hättest. Nun aber trumpft sie auf und meint, dich überlisten und fangen zu können. Ich sage dir, sie ist eine boshafte Hexe und hat dir's nicht verziehen. Unfrieden möchte sie zwischen uns säen und uns auseinanderbringen -- ja wohl! Aber wenn ihr das gelungen ist, wird sie dir ein anderes Gesicht zeigen. Sie hat's gerade nötig, auf dich zu warten! Die Freier laufen sich nach ihr die Hacken ab. Und, gib Acht! Wenn sie dich erst so weit hat, daß du nicht sicher zurückkannst, schlägt sie dir auch dort die Türe zu. Dann stehst du auf der Landstraße, und das ist die Rache der Listigen. So verdient's auch der Dumme.« Michel horchte auf. Was Urte ihm da zu erwägen gab, war nicht leichtsinnig von der Hand zu weisen! Es ging ihm schwer genug im Kopf herum. Ewe war ihm freilich gut gewesen, und es hatte den Anschein, sie sei's noch. Aber er hatte sie doch arg gekränkt und zurückgesetzt. So eitel er war, fühlte er doch, daß er eigentlich gar keinen Anspruch auf ihre fortdauernde Neigung hätte. Wenn sie handelte, wie Urte argwöhnte, konnte er ihr's kaum übel nehmen. Und ein wenig boshaft war sie wirklich. Er beschloß, sich nicht auf Gnade und Ungnade in ihre Macht zu geben.

[Illustration]

5.

Einige Tage ließ er vorübergehen. Es war Erntezeit und auf dem Felde viel zu tun. Ewe ging ihren gewöhnlichen Geschäften nach und schien sich um ihn gar nicht zu bekümmern. Hatte Urte recht? oder geschah's aus Schlauheit, weil sie aufpaßte? Wie hübsch sie war, wie flink, wie munter bei der Arbeit! Mit den Leuten hatte sie immer etwas zu plaudern und zu scherzen, da konnte es ihnen nicht schwer werden. Am liebsten hätte er die Sense auf die Schulter nehmen und zu ihr übergehen mögen -- »desertieren« nannte er's bei sich selbst. Aber was dann weiter? Völlig blind machte ihn die Leidenschaft doch nicht. Im Gegenteil meinte er, die Augen recht groß aufsperren zu müssen, daß er nicht in eine Falle gehe. Er hatte immer allerhand Praktiken im Kopfe, und wenn das Herz noch so laut sprach. Eines Abends, als Ewe im Graben am Wege unter einem Weidenbaum ausruhte, wußte er's so einzurichten, daß er nach seinem andern Roggenstück vorbeigehen mußte. »Ewe,« sagte er, »es kann so nicht bleiben. Darf ich morgen in der Frühe zu dir kommen? Ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.«

Sie wendete den Kopf ein wenig zurück, nur so viel, daß sie einen raschen Blick über ihn hinstreifen lassen konnte. »Ich locke dich nicht,« entgegnete sie. »Wenn's aber dein ernstlicher Wille ist, so tu', was du mußt. Wie ich gesinnt bin, weißt du.«

»Doch nicht so ganz. Darum muß ich dich geheim sprechen. Schicke deine Leute voraus auf's Feld. Ich werde früh fortreiten, den Fuchs im Wäldchen lassen und den Bach entlang hinter den Erlen zurückgehen. Dann durch deinen Roßgarten. Schließe die kleine Hintertür am Stall nicht. Soll's so sein?«

Sie besann sich eine kurze Weile. »Das ist aber die letzte Heimlichkeit, Mikelis,« sagte sie. »Wenn du nicht den Mut hast, geradeaus deinem Herzen zu folgen, so bleibe lieber fort. Einen Schatz, der's nicht ehrlich meint, finde ich alle Tage.«

»Ich mein's ehrlich, Ewe,« versicherte er, »aber ich muß Gewißheit haben, daß auch du's ehrlich meinst.«

Statt zu antworten, lachte sie hell auf. Er konnte das nehmen, wie er wollte.

Am andern Morgen geschah's, wie verabredet. Ewe erwartete ihn im Stall. »Die Gaidullene ist zu Hause,« bemerkte sie, »und dem alten Weibe ist nicht zu trauen. Meinetwegen freilich mag sie erzählen, was sie will. Aber wenn du Bedenken hast ...«

»Ewe,« sagte er, »ich bedenke nur, was jeder andere an meiner Stelle auch bedenken müßte, wenn er bei Verstande ist. Wär's nur so zum Pfarrer zu gehen und sich trauen zu lassen! Aber bis dahin ist für uns beide leider noch ein weiter Weg.«

Sie hob trotzig das Kinn. »Aber man muß doch den ersten Schritt tun.«

»Der erste Schritt ist bald getan, Ewe. Aber wenn er getan ist, stehen wir sehr ungleich. Hab' ich mit der Urte gebrochen, so verliere ich Haus und Hof.«

»Und bei mir findest du wieder Haus und Hof, Mikelis.«

»Das kann sein, Ewe ... aber es kann auch nicht sein.«

»Wie kann es auch ~nicht~ sein?«

Sie sah ihn forschend an, und die Nasenflügel bewegten sich, als wollte sie zornig aufwallen. »Mißtraust du mir, Mikelis?« fragte sie und zog ihre Hand aus der seinen.

Er haschte sogleich wieder danach. »Ich vertraue dir, Ewe,« antwortete er, »daß du's jetzt gut meinst. Aber was mit der Zeit geschieht ...«

»Mikelis!« --

»Ich sage: wenn wir gleich zum Pfarrer gehen könnten! Das kann doch nicht sein. Und ich weiß nicht, ob dir nicht hinterher ein anderer besser gefällt ...«

»Du denkst schlecht von mir.«

»Gewiß nicht, Ewe. Aber es kann sich selbst keiner so weit trauen. Sonst wär's ja auch nicht nötig, daß der Pfarrer aus zweien ein Paar machte.«

Sie senkte die Augen und zog die Lippe wie zum Lachen. »Es ist auch nicht nötig, wenn zwei einander wirklich lieb haben,« entgegnete sie. »Haben sie einander nicht lieb, so hält das auch nicht.«

Er nickte. »Freilich! Aber vom guten Willen hängt's doch ab -- von dem allein. Und man weiß nicht, ob es beim guten Willen bleibt, wenn der eine Teil sich gebunden hat und der andere fühlt sich frei. Ich will nicht zum Gespött werden. Und wenn du's auch nicht so meinst, so wird's doch nach meinen stillen Gedanken so sein, und daraus kann nichts Gutes werden. Besser ist's, du bindest dich auch, damit wir für alle Fälle gleichstehen. Dann ist kein Zweifel, daß wir früher oder später glücklich zum Ziele kommen.«

»Wie soll ich mich binden?« fragte sie.

Er lächelte überlegen. »Gib mir eine Verschreibung, Ewe.«

»Daß ich dich heiraten will, wenn du mit der Urte auseinander bist?«

»Das könnte wenig nützen. Nein -- über irgend eine runde Summe, die du mir zahlen willst, wenn du hinterher zurücktrittst.«

Sie setzte die Lippe auf. »Ich werde nicht zurücktreten.«

»Dann ist's ja so gut, als ob nichts verschrieben wäre. Nur daß ich etwas in Händen habe!«

»Du bist allzu klug, Mikelis.«

Er zuckte die Achseln. »Willst du, ich soll dir vertrauen, und du vertraust mir nicht?«

»Was soll ich dir verschreiben, Mikelis?« fragte sie nach kurzem Bedenken. »Du hast recht: es ist besser so -- zu deiner Beruhigung, und damit du mir nicht den Vorwurf machen kannst, ich hätte dich von Haus und Hof gebracht. Willst du gleich das Grundstück?«

»Nein ... Nur daß wir ungefähr gleich stehen --«

»Nenne nur die Summe -- es ist gleichviel. Denn ich weiß doch, daß ich nie wanken werde.«

»Schreibe fünfhundert Taler.«

»Wie du willst. Aber wie soll ich schreiben?«

»Wie wir's abgemacht haben. Am Hochzeitstage wird das Papier zerrissen, und es gilt nur, wenn du sagst: ich will dich nicht.«

Sie lachte. »Dann gilt's nie. Es ist närrisch, daß ich so an dir hänge, aber ich kann's nicht ändern. Schreibe mir's vor, und ich will unterschreiben.«

»Das Klügste ist's,« sagte er, »wir machen einen Wechsel. Darauf schreibst du nur oben fünfhundert Taler und quer auf der einen Seite deinen Namen, so ist alles in Ordnung. Soll das Papier einmal gelten, so gilt's, ohne daß irgend ein Mensch zu erfahren braucht, was zwischen uns verhandelt ist. Ich weiß damit Bescheid. In meiner Brieftasche hab' ich noch von Berlin her so einen Zettel, auf dem schon das meiste gedruckt steht. Willst du, so lasse ich ihn dir zurück. Du kannst dich ja dann noch bedenken.«

»Gib nur,« sagte sie, »da ist nichts zu bedenken. Ich will sogleich zum Schulzen gehen und dort schreiben -- der hat Tinte. Dann komm auf dem Felde unter die Weide und hole dir das Papier ab. Ist's nun in Ordnung?«

Er zog den schmalen Papierstreifen aus seiner Brieftasche und zeigte ihr, indem er den Arm um ihre Schulter legte, wo sie die Zahl und wo den Namen zu schreiben hätte. Das schien ihr viel Spaß zu machen. »Und das Ding gilt dann fünfhundert Taler?« fragte sie. »Damit steckt man ja ein halbes Grundstück in die Tasche.«

»Soviel geschrieben steht,« versicherte er, »so viel gilt's.«

»Wenn aber das Papier verloren geht --?«

»So ist's, als ob man das Geld verloren hätte.«

»Dann verwahre es doch nur gut,« scherzte sie, »damit dir's niemand wegnimmt. Kannst du mir das Papier nicht zurückgeben, so heirate ich dich nicht, und wenn schon die Trauung beim Pfarrer bestellt wäre.«

Damit gab sie ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und ließ ihn zur Tür hinaus. Lieber wäre ihr's gewesen, wenn er auf solche Gedanken nicht gekommen wäre. Aber es gefiel ihr doch auch, daß sie mit einem Federstrich über eine solche Summe verfügen konnte, und daß er auf sich etwas hielt.

Eine Stunde später auf dem Felde winkte sie ihn heran und gab ihm den Wechsel mit ihrer Schrift.

»Ist's nun richtig?« fragte sie.

»Es ist richtig,« antwortete er und schüttelte ihr die Hand. »Wann kann ich bei dir einziehen?«

»Heute noch, wenn du willst.«

»Gut! Ich will sehen, ob in der Wirtschaft alles in Ordnung ist, daß die Urte mir nichts Schlimmes nachsagen kann. Braucht sie mich da noch, so komme ich, wenn ich fertig bin.«

Dagegen hatte sie nichts zu erinnern.

Den Wechsel verwahrte er sorgsam in der Brieftasche. Er fühlte sich nun so sicher, daß ihn die Verhandlung mit der Urte gar nicht mehr beängstigte. Und so sagte er ihr denn beim Mittag geradeheraus, wozu er entschlossen sei. Urte legte den Löffel fort und stand auf. »Hast du sonst einen Grund,« fragte sie, »weshalb du von mir gehst?«

»Nein -- aber der ist gut genug.«

»So ist es mir keine Schande, wenn du gehst. Du aber wirst ernten, was du gesäet hast. Ich rate dir gut: geh' nicht! Die Ewe wird dich verderben. Ich sehe dich noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen, nachdem die Ewe dich vom Hofe gejagt hat. Ich rate dir gut: geh' nicht!«

Aber er ging doch. Nichts nahm er mit als den Fuchs, den er eingebracht hatte, seine Kleider und den verdienten Lohn aus seiner Knechtzeit und von den Schmuggelritten. Ewe empfing ihn mit offenen Armen.

Als nun Urte sah, daß ihr Mann Ernst machte, lief sie zu Janis Piklaps, dem Gemeindevorsteher, klagte ihm und forderte, er solle es nicht leiden, daß ihr solches Unrecht geschehe und Ewe ihren Mann bei sich aufnehme. Der zuckte aber die Achseln und meinte, zu ändern sei's doch einmal nicht. Ein Anderer in seiner Stelle hätte auch lieber eine junge als alte Frau. »Glaube nur nicht,« schloß er, »daß der Mikelis wieder von der Ewe abzubringen sein wird. Der ist in Berlin klüger geworden als wir alle und hat sich gut vorgesehen, daß sie ihm nicht den Stuhl vor die Tür setzen kann. Die Ewe ist bei mir gewesen und hat ihren Namen auf einen Wechsel über fünfhundert Taler geschrieben mit meiner Tinte und Feder. Als sie das tat, wußte ich nicht, weshalb es geschah; aber nun begreife ich wohl, was sie mit ihrer Antwort auf meine Frage meinte. Sie lachte und sagte: ich kaufe mir einen Mann. -- Endrullis hat den Wechsel in der Tasche, glaube mir, und bekommt er nicht die Frau, so bekommt er das Geld. Der ist ein Schlauer!«

Darüber erschrak Urte sehr. Denn es war kein Zweifel, daß Piklaps Recht hatte, und wie er die Sache ansah, so mußte sie ja nach ihrer Meinung jeder Verständige ansehen. Sie hatte sich noch Hoffnung gemacht, es werde ihm nicht lange in abhängiger Stellung bei Ewe gefallen; war er aber so gut gesichert, dann kehrte er gewiß nicht zu ihr zurück. Nun überlegte sie sich's, wie sie der Ewe am besten einen Tort tun könne. »Sie meint, ich werde mich von Mikelis scheiden lassen,« rief sie, »damit sie ihn heiraten kann. Aber am Altar soll sie seine Frau nicht werden! Ich tu's nicht, er gehört mir! Und wenn ich sie vor den Menschen nicht auseinanderbringen kann, vor Gott werde ich sie schon auseinanderbringen. Der Herr Pfarrer soll ihnen das Abendmahl verbieten und ihnen von der Kanzel ins Gewissen reden. Und wenn's zehn Scheffel Weizen kosten sollte und manchen Stein Flachs! Ich bin reich genug dazu.«

[Illustration]

6.

Täglich wohl zehnmal sagte sich's die Urte vor: »Ich tu's nicht, er gehört mir! Und wenn ich sie vor den Menschen nicht auseinanderbringen kann, vor Gott sollen sie nicht zusammen gehören!« Sie meinte eine Zeitlang, sie dürfe nur beharrlich bei ihrer Weigerung festhalten, so müßte sich das ganz von selbst ergeben. Und auf ihren harten Kopf durfte sie sich verlassen.

Wäre dabei nur nicht ein schweres Bedenken gewesen. »Es wird dir doch nichts übrigbleiben, als zur Scheidung zu gehen,« meinte Janis Piklaps eines Tages, als sie die Abgaben zu zahlen kam.

»Weshalb glaubst du das?«

»Ich habe über die Sache im Dorf sprechen hören, und die Leute haben recht. Da wir gute Nachbarn sind, will ich dir's nicht vorenthalten. Du und der Mikelis, ihr lebt in Gütergemeinschaft, nicht wahr? Oder habt ihr einen Vertrag gemacht, daß jedem Teil das bleiben soll, was er einbringt?«

»Nein, das nicht.«

»Siehst du wohl! Also gehört von allem ihm soviel als dir. Wenn ich nun heute zu ihm gehe und sage: Mikelis, verkaufe mir den roten Ochsen mit dem weißen Stern, oder den fünfjährigen Schimmel, oder den Wagen mit dem eisernen Tritt, und er sagt Ja und nimmt das Kaufgeld, was willst du tun, wenn ich mir das gekaufte Stück aus deinem Stall oder von deinem Hofe abhole? Da er der Mann ist, hat er darüber zu verfügen und darf die Frau nicht einmal fragen. Und so, wenn ein anderer zu ihm kommt und um Getreide oder Holz handelt. Er kann dir die Zäune abbrechen und das Dach abdecken lassen, wenn es ihm gefällt. Willst du widerstreben, so kommt dir der Exekutor auf den Leib, denn das Gericht muß dem Käufer beistehen. Wenn Mikelis will, kann er dich nackt ausplündern.«

Die Frau wurde kreideweiß. »Ist es so nach dem Gesetz?« stotterte sie.

»Ich glaube, es ist so; und sie wollen sich erkundigt haben. Ich sage dir's nur, damit du dich danach richten kannst, denn Endrullis wird's ja nicht tun.« Das sagte er keineswegs sehr zuversichtlich und fügte auch hinzu: »-- es sei denn, daß er dich ärgern oder zu irgend etwas zwingen will, oder daß er selbst in Not ist.«