Chapter 4 of 11 · 3891 words · ~19 min read

Part 4

Urte schüttelte den Kopf. »Darauf ist wenig Verlaß. Hat er das Recht, es zu tun, so tut er's auch. Sind die andern schon so klug, so ist er sicher noch klüger. Und warum soll er mich schonen? Ich bin ihm verhaßt, weil ich ihm im Wege stehe. Aber ich glaub's noch nicht, daß es sein Recht ist, und ich rate dir, den Leuten zu sagen, daß sie ihr Geld in der Tasche behalten sollen. Von meinem Hofe kommt nichts herunter, als was ich selbst abgebe.«

Sie sprach doch nur so, um ihn nicht merken zu lassen, wie schlecht ihr zu Mute war. Zu Hause ließ sie dann auch sogleich den Wagen anspannen und fuhr nach der Stadt. Dort ging sie zum Anwalt und trug ihm die Sache vor. Er erhielt Vollmacht, den Scheidungsprozeß einzuleiten.

Übrigens hatte der Herr ein Wörtchen fallen lassen, das sie begierig aufnahm und sie ganz froh stimmte. Sie hütete sich wohl, davon im Dorf zu sprechen, um nichts vor der Zeit zu verraten. Nur als Piklaps meinte, er habe also doch Recht gehabt, antwortete sie grinsend: »Wir beide werden geschieden; aber die Ewe soll er doch nicht heiraten.« Der Schulze achtete nicht sonderlich darauf. Das spräche so der Ärger aus ihr, dachte er.

Endlich erging das Erkenntnis: die Endrullis'schen Eheleute waren geschieden. Als Michel die Ausfertigung mit dem Adler oben und dem großen Siegel unten ausgehändigt erhielt, faßte er Ewe um den Hals, tanzte mit ihr durch die Stube und rief: »Nun bin ich frei, und nun will ich dir Wort halten. Unsere Probezeit ist vorüber.«

Kaum war die Entscheidung rechtskräftig, so ging er zum Pfarrer, das Aufgebot zu bestellen. Das Erkenntnis hatte er mitgenommen, und das war gut; denn der Geistliche sagte gleich, daß er's erst einsehen müßte. Und als er's eingesehen hatte, zog er die Stirn in Falten. »Nach diesem Erkenntnis,« sagte er, »darfst du eine andere Ehe überhaupt nur eingehen mit gerichtlicher Erlaubnis, und wie ich das Gesetz kenne, wirst du die niemals erhalten zu einer Heirat mit Ewe Purwins, weil sie es war, die deines Weibes Rechte verletzt hat. Trenne dich noch diese Stunde von ihr, damit deine Sünde nicht wachse.«

»Nimmermehr!« rief Endrullis und riß dem Geistlichen das Blatt aus der Hand. »Ich sehe wohl, daß du uns nicht helfen willst, weil wir auf deine Ermahnungen nicht gehört haben. Aber ich werde mein Recht weiter suchen. Du bist noch nicht der König!«

Damit verließ er das Pfarrhaus. Ewe war sehr bestürzt, als sie erfuhr, was der Pfarrer gesagt hatte.

Sie senkte den Kopf und zupfte an ihrem weißen Ärmel. »Mikelis, Mikelis,« sagte sie, »ich fürchte, du bist der Urte doch nicht klug genug gewesen. Ich habe gehört, daß sie gedroht hat: wir beide werden geschieden, aber die Ewe soll er doch nicht heiraten! Gewiß hat sie's voraus gewußt, daß es so kommen müßte, oder der Anwalt hat es ihr so bei den Gerichtsherren besorgt. Sie ist nie in der Stadt gewesen, ohne für ihn etwas auf den Wagen zu laden.«

»So gibt's ja noch einen andern Anwalt in der Stadt!« rief Endrullis, »und mein Geld ist auch nicht zu verachten. Ich sage dir, es ist nur dummes Zeug, und der Pfarrer tut wichtig.« Er holte den Geldbeutel aus dem Versteck hinter dem Bett vor, zählte sich eine Summe in die Tasche, sattelte den Fuchs und ritt fort.

Er erfuhr nichts Tröstliches. Ohne den gerichtlichen Konsens ging's wirklich nicht. Und der Advokat sagte gleich: »Das steht da nur geschrieben, damit sie ihn dir verweigern können, wenn du wegen der Ewe Purwins kommst. Sonst kannst du jetzt heiraten, wen du willst.«

Endrullis sprach kein Wort, sondern zählte fünf Taler auf den Tisch. Dann sah er den Anwalt listig an und fragte: »Willst du's nun besorgen?«

Der Herr zuckte die Achsel. »Damit läßt sich's nicht machen. Du mußt warten, bis die Urte gestorben ist.«

»Das dauert mir zu lange.« Er zählte noch zehn Taler auf. »Geht's nun?«

»Dein Geld tut's nicht, Endrullis. Verschaffe mir eine Schrift von der Urte, daß sie dir verzeiht und in deine Heirat mit der Ewe willigt, so will ich versuchen, dir den Konsens zu verschaffen.«

Endrullis griff tief in seine Tasche. Es klapperten da noch einige Silberstücke, und er legte sie zu den andern. »Geht's nun ohne das? So dumm ist die Urte nicht.«

Der Anwalt schüttelte den Kopf. »Ich kann dir keinen andern Rat geben.«

»Nicht?«

»Nein.«

Der Littauer strich das Geld langsam vom Tisch und steckte es wieder in die Tasche. »Was hast du für deine Versäumnis zu fordern, Herr?«

Der Anwalt verwies ihn deshalb an seinen Schreiber.

Und so ging nun Endrullis von einem zum andern und hörte überall dasselbe, zuletzt auch auf dem Gericht. Nach einigen Tagen kam er ganz verstört nach Hause. Ewe las es ihm gleich vom Gesicht ab, daß er nichts Gutes mitbrächte. Sie weinte und klagte: »Nun bist du frei, Mikelis, aber wir beide kommen nimmer ehelich zusammen.« Es war ihr jetzt nicht mehr gleichgiltig wie früher, als sie nur ihr Stück durchsetzen wollte. Sie wußte auch, daß die Leute einen Unterschied machen würden. Damals hieß es: »Was weiter? die Hochzeit ist nur aufgeschoben.« Jetzt rechnete niemand mehr darauf, zu Gast gebeten zu werden.

Er mochte noch nicht daran glauben, schrieb Eingaben in deutscher und littauischer Sprache an das Obergericht, an die Herren Minister, auch an seinen Major, zuletzt an den König -- es half alles nichts. Er war in so gereizter Stimmung, daß jeder sich fürchten mußte, in seine Nähe zu kommen, und selbst Ewe ihm scheu aus dem Wege ging, soviel sie konnte. Eines Tages sagte er zu ihr: »Ich will mich Deinetwegen demütigen und zur Urte gehen. Wenn ich sie bitte -- vielleicht verzeiht sie mir.«

Ewe seufzte und antwortete: »Es wird vergeblich sein.«

»Dir wär's wohl lieb,« fuhr er sie zornig an, »wenn's vergeblich wäre. Du brauchst dann dein Wort nicht zu halten.«

»Mikelis!« rief sie, »das hab' ich nicht verdient. Alles tat ich dir zu Liebe, was ich konnte. Und wenn du willst, so geh' ich selbst zur Urte, sie um die Schrift zu bitten. Früher hätt' ich mir eher die Zunge abgebissen, als ihr ein gut Wort gegeben ... jetzt bin ich nicht mehr so stolz.«

»So geh,« sagte er, »du richtest vielleicht mehr aus als ich. Und ich fürchte auch, daß ich heftig werde, wenn ich das boshafte alte Weib sehe, und alles verderbe.«

Ewe kam traurig zurück. »Sie ist hart wie Stein,« schluchzte sie. »Ich hab' ihr in meiner Not den Rock geküßt, und sie hat mich mit dem Fuß fortgestoßen.«

Er ballte die Faust. »So soll sie auf mich nicht warten. Meinetwegen kann's bleiben, wie es ist. Haben wir uns so lange ohne des Pfarrers Segen beholfen, mag's auch weiter so gehen. -- Bist du's zufrieden, Ewe?«

Sie nickte zustimmend, aber antwortete nicht. Das verdroß ihn. Er ging hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Auf dem Hofe spaltete er Holz, und so grimmig schwang er die Axt, daß die Splitter nach allen Seiten flogen. --

Eines Abends fuhr ein kleines Wägelchen mit einem Pferde zwischen der Gabeldeichsel ins Dorf. Auf dem tiefen Strohgesäß saß ein alter Mann, der in der einen Hand lose die Leine, in der andern ein Buch hielt. Er hatte die Pelzmütze aus der kahlen Stirn geschoben und eine große Brille auf der Nase. Es war kaum möglich, daß er bei der stoßenden Bewegung des Wagens lesen konnte, aber er sah doch ins Buch. Wer ihm begegnete, grüßte ehrerbietig. Vor dem Hause der Ewe Purwins hielt er an und stieg ab. Der Knecht Jons Toleikis eilte sofort vom Hofe herbei und nahm ihm die Leine ab.

Der Alte mit dem langen weißen Haar war der Vorsteher der Sekte der »Frommen«, die sich wegen ihrer Zusammenkünfte zu religiösen Übungen »Surimkimniker« nennen. Er hieß der »Engel«, weil er besonders von Gott mit der Rede begabt war und seine Gebote zu verkündigen hatte. In hohem Ansehen stand er auch bei denen, die nicht zur Sekte gehörten; selbst die Geistlichen in den Kirchdörfern behandelten ihn mit großer Zuvorkommenheit, da sie seinen Einfluß bei den Littauern kannten. Hätte er von einem Pfarrer behauptet, er sei nicht rechtgläubig, so würde er bald vor leeren Bänken gepredigt haben. Ewe ging ihm mit gesenktem Kopfe entgegen und küßte ihm demütig die Hand. Ihr ahnte, weshalb er kam.

»Ewe Purwins,« begann er, »ich vernehme zu meiner Betrübnis, daß du großes Ärgernis gibst durch deinen Lebenswandel. Du hast einen Mann von seiner Frau getrennt, und so ist's, als ob du selbst die Ehe gebrochen hast. Aber das ist geschehen, Kind, und nicht mehr zu ändern. Willst du dich dieserhalb mit Gott versöhnen, so frage an, welche Buße dir bestimmt ist. Das Fleisch ist schwach, und sündige Menschen sind wir alle. Weshalb ich aber zu dir komme, das hat nicht den Zweck, dich zu solcher Buße zu mahnen, sondern das öffentliche Ärgernis zu beseitigen. Du hast gehofft, nach der Scheidung dich mit Endrullis verbinden zu können zu einem christlichen Ehebunde. Nun tut aber das Gericht, wie ich höre, Einspruch, und der Herr Pfarrer weigert sich mit Recht, den Segen über euch zu sprechen. Du hast also weiter keine Entschuldigung, wenn du dich an diesen Mann hängst, der dir nicht angehören kann, sondern verharrst in sträflichem Ungehorsam. Darum schickt der Heilige Geist mich zu dir, daß ich dich mahne, von ihm abzulassen und ihn seine Wege zu weisen. Wenn du aber auf seine Stimme nicht achtest, so werden alle Frommen und Gottesfürchtigen im Lande Wehe über dich rufen, und du wirst in der Kirche allein sitzen in deiner Schande, von den Gerechten gemieden. Vernimm es und tue danach!« Dann öffnete er sein Buch und las näselnd und halb singend einen Psalm.

Ewe kniete nieder, faltete die Hände und betete. Endrullis kam dazu und wagte nicht zu unterbrechen. Als der Alte aber geendet hatte, trat er heran und fragte, was diese Litanei solle. »Ich bin nicht gekommen, mit dir zu reden,« antwortete jener salbungsvoll, »sondern mit diesem Mädchen, über das du Gottloser keine Gewalt hast. Ich weiß wohl, daß du schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen bist, denn Gottes Wort ist dir ein Stachel im Herzen, und so will auch ich nicht vergeblich sprechen.«

Endrullis lachte auf. »Die Urte ist nicht umsonst zu den Frommen gegangen. Ich merke, daß sie da Trost gefunden hat. Sie schickt dich wohl, hier unter uns Unfrieden zu säen?«

»Mich schickt niemand als der Heilige Geist,« sagte der Alte, hob die Hände hoch auf und schritt langsam hinaus. Er fuhr sogleich wieder ab, ohne sich im Dorfe zu verweilen.

Daß er nicht ohne Erfolg Ewe ins Gewissen geredet hatte, mußte Endrullis bald erkennen. War sie schon vorher oft traurig gewesen und kopfhängerisch im Hause herumgegangen, so verlor sie jetzt alle Munterkeit und zeigte in seiner Gegenwart ein scheues Wesen, das ihn wohl besorgt machen mußte. Sie klagte zwar nicht laut, forderte ihn auch nicht auf, das Haus zu verlassen; wenn er sie aber liebkoste, schob sie seine Hand sanft fort, und wenn sie etwas zu ihm sprach, klang's wahrlich, wie sonst gar nicht ihre Art war. »Es kann nicht anders sein«, sagte er einmal seufzend, »ich muß jetzt zur Urte.«

Einen so schweren Gang hatte er noch sein Leben lang nicht gemacht. Sein Herz war voll Grimm, und in Gedanken kamen ihm böse Worte auf die Zunge. Und doch sollte er bitten! Als er zum Hoftor hineinging, sahen ihm die Leute von der Dorfstraße verwundert nach, und er ärgerte sich darüber. Als er an die Tür der Wohnstube klopfte, in der er Urte am Webstuhl arbeiten hörte, biß er die Lippe mit den Zähnen. Es mußte doch sein.

»Urte,« sagte er finster, nachdem er eingetreten war, »es ist nicht zu unserm Glück gewesen, daß du mich einmal angerufen hast. Ich kann dir nichts Übles nachsagen, aber alt und jung paßt nicht zu einander -- das hättest du besser bedenken können als ich. Nun ist's gekommen, wie's gewöhnlich so kommt, wenn etwas in der Ehe nicht richtig ist, und ich bin trotzig fortgegangen und hab' gemeint, die Dinge nach meinem Willen zwingen zu können. Es ist auch so weit alles in Ordnung, daß wir geschieden sind und ich der schuldige Teil bin, und ich begehre nichts von dem, was dir gehört. Du aber trittst mir in den Weg und willst mich unfrei machen, so lange du lebst, und mir vorenthalten, was mir gehört. Hätt' ich gewußt, daß es so kommen könnte, ich hätte wohl andere Mittel gehabt, uns zur Scheidung zu bringen, und dein Vorteil wär's nicht gewesen. Nun freilich muß ich dich bitten! Aber so schlecht, hoff' ich, wirst du nicht sein, daß du aus Rachsucht die Bitte abschlägst. Unterschreibe ein Blatt, daß ich die Ewe heiraten kann.«

Die Frau hatte unbeweglich dagesessen und ihn ohne Unterbrechung aussprechen lassen. Nur das graue Auge blitzte mitunter unruhig. Nun warf sie das Webeschiffchen drei-, viermal hin und her durch den Aufzug und ließ die Kämme knarrend sich auf- und abbewegen, als wollte sie ihn einer Antwort gar nicht würdigen. Vielleicht dachte sie aber inzwischen auch nur auf eine recht schneidige, und so richtete sie nun den Kopf ins Genick und entgegnete: »Ich habe dir's vorausgesagt, Mikelis, daß du noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen würdest. Das war nun wohl damals anders gemeint, aber es trifft auch so zu und wird noch besser zutreffen, wenn wir länger leben. Als ein Bettler kommst du, und ich antworte: was bin ich dir schuldig? Als du arm warst, habe ich dich reich gemacht; als du ein Knecht warst, habe ich dich zum Herrn eingesetzt. Und wie hast du mir vergolten? Statt mit Dank mit Undank, statt mit Treue mit Untreue, statt mit Lohn mit Schimpf. Und nun soll ich dir dazu helfen, daß alles dies ungeschehen sei? Was bin ich dir schuldig? Nicht einmal so viel als einem Bettler. Geh! ich habe nichts weiter mit dir zu tun.«

Er trat einen Schritt vor und faßte den Ständer des Webegestells. »Bringe mich nicht in Verzweiflung, Urte,« rief er, »es könnte dich gereuen! Ich will nicht umsonst gebeten haben.«

Sie ging ans Fenster, um im Notfall den Knecht rufen zu können.

»Dir könnt' ich vielleicht verzeihen,« antwortete sie, »aber der Ewe nimmermehr. Will sie aufheben, was ich fortwerfe, das kann ich nicht hindern; aber was ich dir war, das wird sie dir nicht! Kann ich ihr's sonst vergelten, so geschieht's gern. Und nun geh! Ich habe dir nichts mehr zu sagen.«

»Urte, gib mir den Schein!«

»Nein!«

»Ich will ihn dir abkaufen mit allem, was ich besitze.«

»Mit dem Wechsel, den die Ewe dir geschrieben hat -- nicht wahr? Ha, ha, ha!«

Er erschrak. »Was weißt du von dem Wechsel?«

»Ich weiß davon.«

»Urte, ich bin nicht umsonst über die Grenze geritten -- ich hab' mir etwas erspart. Und wenn's nicht genug ist -- der Jude braucht mich und borgt mir mehr.«

»Geh! Ich mag dein Geld nicht. Zu verkaufen bin ich nicht wie du.«

»So mag der Teufel dir's bezahlen!« schrie er wild und warf die Tür hinter sich zu.

[Illustration]

7.

So war nun das Letzte vergeblich versucht. Hätte er sich nur auf Ewe fest verlassen können! Die aber schien jetzt, da sie sich in der Not beweisen sollte, ganz den Mut verloren zu haben. Er ließ sie nicht aus den Augen, und was er sah, konnte ihm nicht gefallen. Es kam zu Vorwürfen, zu harten Reden. Und dann gingen sie tagelang stumm und verschlossen neben einander her. Michel war so verbittert, daß er ihr schon das Schlimmste zutraute. »Warum weinst du?« fragte er barsch.

»Weil ich traurig bin,« antwortete sie sanft.

»Und warum bist du traurig?«

»Weil es uns so schlecht geht, Mikelis.«

»Es geht uns nicht schlecht. Du hörst nur zu viel auf andere Leute.«

»Sie sprechen ja gar nicht mit mir.«

»Was geht es dich an? Werden sie dich brauchen, werden sie auch wieder freundlich sein.«

»Die Frommen nicht, Mikelis.«

»Zum Teufel mit den Frommen! Ich glaube nicht daran, daß sie zwei von einander beten können, wenn die nur selbst festhalten. Aber ich merke wohl, dir tut's schon leid.«

»Mikelis --!«

»Da es zur Heirat nicht kommen kann, willst du's so lange treiben, bis ich freiwillig vom Hofe gehe.«

»Es wäre vielleicht besser, du gingst.«

»Und dann käme ein Anderer.«

»Ich denke an keinen Andern, Mikelis. Aber so kann's nicht bleiben.«

Er griff nach seiner Brieftasche und legte sie vor sich hin. »Kann's nicht? Meinetwegen schon. Der Wirt auf deinem Grundstück kann ich freilich für jetzt nicht werden. Aber ...« Er klopfte auf seine Brieftasche.

Sie sah ihn fragend an, indem sie den Kopf in die Hand stützte. »Mikelis,« sagte sie dann, »es ist besser, wir trennen uns jetzt und geben den Frommen kein Ärgernis. Sie machen uns Schande in der Kirche.«

Er sprang wild auf. »Ist das dein ernstlicher Wille?«

»Verstehe mich nur recht, Mikelis. Ich bleibe dir gut, und du bleibst mir gut, und wir lassen nur das Unwetter vorüberziehen.«

Er knirschte mit den Zähnen. »Wegen des Wechsels, nicht wahr? Du willst nicht geradeaus mit mir brechen -- ich soll der Dumme sein, der verspielt.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll mir deshalb Angst sein? Das Papier gilt ja doch nichts.«

»So! Warum gilt es nichts?«

»Weil du mir dein Versprechen gar nicht halten kannst, Mikelis. Wie kann ich da sagen: ich will nicht?«

Er sah sie ganz verdutzt an. »Ei, du Schlaue!« rief er. »Meinst du mich so zu überlisten? Ist's denn schon so gewiß, daß ich dir mein Versprechen nicht halten kann? Heute nicht und morgen nicht -- allerdings. Aber wenn's zehn Jahre dauert, deine Unterschrift löscht nicht aus. Und mir soll's zu lange nicht dauern -- mir nicht.«

Ewe wendete sich unwillig ab. »Wenn ich dich los werden wollte, wären mir fünfhundert Taler nicht zu viel dafür.« Sie fing heftig an zu schluchzen.

Er ärgerte sich, daß er so weit gegangen war, und reichte ihr die Hand hinüber. »Nimm's vernünftig,« sagte er. »Um was zanken wir denn?«

Diesmal kam eine Versöhnung zustande; doch traute er Ewe nicht mehr recht.

Er beschloß zu bleiben, aber auch den Wechsel, seinen letzten Halt, besser zu sichern. In der Brieftasche mochte er bei Tage gut aufgehoben sein, wenn er sie bei sich trug; aber sie war ihm bei der Arbeit oft lästig. Und nachts legte er sie zwar unter sein Kopfkissen, aber wußte auch, daß er fest schlief und schwerlich geweckt wurde, wenn sie ihm eine geschickte Hand hervorzog. Daß Ewe mit dem Gedanken umgehe, ihm das Papier mit ihrer Unterschrift fortzunehmen, wurde mehr und mehr überzeugende Gewißheit. Es galt ihm jetzt nicht die fünfhundert Taler, sondern in seiner Vorstellung war es der Schein, mit dem Ewe sich ihm für ihre Person anzugehören verpflichtet hatte; und so, meinte er, sehe sie's auch selbst an, daß sie sich frei wissen wollte. Daß sie sich ein Gewissen daraus machen könnte, ihn zu überlisten, wenn es irgend in ihrer Macht stehe, vermochte er sich eigentlich gar nicht vorzustellen, so lieb er sie hatte.

Eines Tages zu ungewöhnlicher Zeit ging er in das Futtergelaß neben dem Stall, wo er sich unbeobachtet glaubte, setzte sich auf die Schwelle, zog seine Jacke und Weste aus und schnitt mit dem Messer auf der linken Seite der Weste ins Unterfutter ein. Dann nahm er, nachdem er noch einmal in den Stall hineingespäht hatte, ob keiner ihm aufpasse, aus seiner Brieftasche den Wechsel, steckte ihn in den Schlitz und umnähte die Stelle mit ganz dichten Stichen. Nadel und Faden hatte er dazu mitgebracht. Dann zog er die Kleidungsstücke wieder an und entfernte sich. -- Er hatte nur nicht bedacht, daß auf der andern Seite des Futtergelasses die Schlafkammer der Altsitzerin lag und sich in der Bretterwand Ritzen und Astlöcher befanden, durch die man sehen konnte, was in dem Mittelraum vorging.

Ewe fiel's gleich auf, daß Endrullis seine Brieftasche nicht mehr so ängstlich bewahrte, nachts nicht einmal mehr unter das Kissen steckte. Als er sie gar einmal beim Weggehen auf dem Tisch hatte liegen lassen, konnte sie sich nicht enthalten, ihm spöttisch nachzurufen: »Vergiß nicht die Brieftasche -- ich hätt's sonst gar zu leicht, dir deinen Wechsel fortzunehmen. Du bist ja deshalb immer so in Sorge.«

»Sieh doch nach«, antwortete er, »ob du ihn da findest. Den hab' ich für alle Fälle besser bewahrt.«

»Vor mir hast du dich ja auch in acht zu nehmen,« bemerkte sie achselzuckend.

Nun hätte sie aber doch gern herausgebracht, wo er das Papier gelassen hatte, das ihm von so großem Wert war. Es hatte gewiß seinen Grund, daß er mit der Weste schlief; und da zeigte sich auch eine Stelle abgenäht unter der linken Brust. Es verdroß sie, daß er vor ihr mit solchen Heimlichkeiten umging, und im Ärger sagte sie: »Du hast es gemeint recht klug zu machen, Mikelis, aber wer zu klug sein will, der wird dumm. Wenn du schläfst, kann ich dir freilich die Weste nicht ausziehen, aber was willst du tun, wenn ich dir den Zipfel mit der Schere abschneide? Sieh dich vor.«

Diese Reden bestärkten ihn noch mehr in dem Glauben, daß sie ihm aufpasse und auf eine Gelegenheit lauere, den Wechsel an sich zu bringen. Nur zu leicht konnte sie ihre Drohung wahr machen.

Deshalb schlich er, als er die Gaidullene mit einer Hacke auf der Schulter fortgehen sah, wieder in das Futtergelaß, zog die Weste aus, wickelte sie zusammen und steckte sie, soweit sein ausgestreckter Arm reichte, unter das Heu links von der Stalltür. Darauf warf er einige Bund Stroh. Er hatte ganz den Kopf verloren.

Die Altsitzerin war aber leise in ihre Kammer zurückgekehrt und hatte am Astloch gelauscht. Noch denselben Abend machte sie einen Gang ins Dorf, und am andern Morgen, als die sämtlichen Bewohner des Hauses aufs Feld gegangen waren, steckselte sie die hintere Stalltür nach dem Roßgarten auf und entfernte sich dann ebenfalls.

Am zweiten Tage darauf sagte die Altsitzerin bei einem anscheinend zufälligen Begegnen auf dem Hofe zu Ewe: »Wenn du etwas suchen solltest, mein Töchterchen -- ich weiß, wo es zu finden ist.«

Ewe wurde aufmerksam. »Was meinst du?«

»Ich hoffe, daß du mir das Getreide nicht wieder so schlecht messen wirst, wie letzten Herbst. Als meine Verschreibung gemacht wurde, galt hier überall der alte littauische Scheffel, und der hielt gut zwei Metzen mehr als der, den man in der Stadt braucht. Wir Littauer haben ihn stets von Weiden geflochten gehabt, und von diesen Neuerungen will ich nichts wissen.«

»Wir wollen sehen, Mare. Aber wovon sprachst du vorhin?«

Die Alte hüstelte und sah nach allen Seiten um, ob sie nicht belauscht würden. »Es geht mich nichts an,« sagte sie, »aber dich vielleicht -- der Mikelis ist ja auch noch nicht dein Mann.«

»Was sprichst du von Mikelis?«

»Nur was ich weiß, Töchterchen, nur was ich weiß. Ich wollte mir lieber die Zunge abbeißen, als etwas sagen, was ich nicht weiß. Er hat neulich seine Weste unter dem Heu in der Futterkammer versteckt -- links vor der Tür im Winkel, und Stroh darüber gelegt. Hä -- hä -- hä ... um die Weste wird er wohl nicht so besorgt gewesen sein. Aber ich sage nur, was ich gesehen habe, und es ist mir ganz gleich, ob du es ihm erzählst oder nicht.«

»Schweige du nur still,« bat Ewe, »daß es nicht ein Anderer erfährt.«

Die Alte grinste. »Lehre du mich, was ich zu tun habe.« Damit kehrte sie ihr den Rücken und ging in ihre Kammer.