Part 2
Auf dem Chore stimmte man Geigen und Trompeten und Pauken, und als an der Sakristeithür das Glöcklein klang und der Pfarrer in funkelndem Meßkleide, begleitet von Ministranten und rotbemäntelten Windlichtträgern, über den purpurroten Fußteppich zum Altare ging, da rauschte die Orgel in ihrem ganzen Vollklang, da wirbelten die Pauken und schmetterten die Trompeten.
Weihrauch stieg auf und hüllte den ganzen lichterstrahlenden Hochaltar in einen Schleier. -- So begann das Hochamt, und so strahlte und tönte und klang es um Mitternacht. Beim Offertorium waren alle Instrumente still, nur zwei helle Stimmen sangen ein liebliches Hirtenlied, und während des Benedictus jodelten eine Klarinette und zwei Flügelhörner langsam und leise den Wiegengesang. Während des Evangeliums und der Wandlung hörte man auf dem Chore den Kuckuck und die Nachtigall wie mitten im sonnigen Frühling.
Tief nahm ich sie auf in meine Seele, die wunderbare Herrlichkeit der Christnacht, aber ich jauchzte nicht auf vor Entzücken, ich blieb ernst, ruhig, ich fühlte die Weihe.
Aber während die Musik tönte, dachte ich an Vater und Mutter und Großmutter daheim. Die knieen jetzt um den Tisch bei dem einzigen Kerzenlichtlein und beten, oder sie schlafen gar, und es ist finster in der Stube, und nur die Uhr geht, sonst ist es still, und es liegt eine tiefe Ruhe über den waldigen Bergen, und die Christnacht ist ausgebreitet über die ganze Welt.
Als endlich das Amt seinem Ende nahte, erloschen nach und nach die Kerzlein in den Stühlen, und der Kirchenmann ging wieder herum und dämpfte mit seinem Blechkäppchen an den Wänden und Bildern und Altären die Lichter aus. Die am Hochaltare brannten noch, als auf dem Chore der letzte freudenreiche Festmarsch erscholl und sich die Leute aus der weihrauchduftenden Kirche drängten.
Als wir in das Freie kamen, war es trotz des dichten Nebels, der sich von den Bergen niedergesenkt hatte, nicht mehr ganz so finster wie vor Mitternacht. Es mußte der Mond aufgegangen sein; man zündete keine Fackeln mehr an. Es schlug ein Uhr, aber der Schulmeister läutete schon die Betglocke zum Christmorgen.
Ich warf noch einen Blick auf die Kirchenfenster; aller Festglanz war erloschen, ich sah nur mehr den matten, rötlichen Schimmer des ewigen Lichtes.
Als ich mich dann wieder an den Rock des Großknechtes halten wollte, war dieser nicht mehr da, einige fremde Leute waren um mich, die miteinander sprachen und sich sofort auf den Heimweg machten. Mein Begleiter mußte schon voraus sein; ich eilte ihm nach, lief schnell und an mehreren Leuten vorüber, auf daß ich ihn bald einhole. Ich lief, so sehr es meine kleinen Füße konnten, ich kam durch den finstern Wald, und ich kam über Felder, über welche scharfer Wind blies, so daß ich, so warm mir sonst war, von Nase und Ohren fast nichts mehr fühlte. Ich kam an Häusern und Baumgruppen vorüber, die Leute, die früher noch auf der Straße gegangen waren, verloren sich nach und nach, und ich war allein, und den Großknecht hatte ich noch immer nicht erreicht. Ich dachte, daß er auch hinter mir sein könne, ich beschloß, geradewegs nach Hause zu eilen. Auf der Straße lagen hie und da schwarze Punkte, die Kohlen der Spanfackeln, welche die Leute auf dem Kirchwege abgeschüttelt. Die Gesträuche und Bäumchen, die neben am Wege standen und unheimlich aus dem Nebel emportauchten, beschloß ich gar nicht anzusehen, ich fürchtete mich davor. Besonders in Angst war ich, so oft ein Pfad quer über die Straße ging, weil das ein Kreuzweg war, an dem in der Christnacht gern der Böse steht und klingende Schätze bei sich hat, um arme Menschenkinder dadurch mit sich zu locken. Der Stallknecht hatte zwar gesagt, er glaube nicht daran, aber geben mußte es denn doch dergleichen Dinge, sonst könnten die Leute nicht so viel davon sprechen. -- Ich war aufgeregt, ich wendete meine Augen nach allen Seiten, ob nicht irgendwo ein Gespenst auf mich zukomme. Endlich nahm ich mir vor, gar nicht mehr an solches Zeug zu denken, aber je fester ich das beschloß, desto mehr dachte ich daran.
Nun war ich zum Pfad gekommen, der mich von der Straße abwärts durch den Wald und in das Thal führen sollte. Ich bog ab und eilte unter den langästigen Bäumen dahin. Die Wipfel rauschten stark, und dann und wann fiel ein Schneeklumpen neben mir nieder. Stellenweise war es auch so finster, daß ich kaum die Stämme sah, wenn ich nicht an dieselben stieß, und daß ich den Pfad verlor. Letzteres war mir ziemlich gleichgültig, denn der Schnee war sehr seicht, auch war anfangs der Boden hübsch glatt; aber allmählich begann er steil und steiler zu werden, und unter dem Schnee war viel Gestrüppe und hohes Heidekraut. Die Baumstämme standen nicht mehr so regelmäßig, sondern zerstreut, manche schief hängend, manche mit aufgerissenen Wurzeln an anderen lehnend, manche mit wild und wirr aufragenden Ästen am Boden liegend. Das hatte ich nicht gesehen, als wir aufwärts gingen. Ich konnte oft kaum weiter, ich mußte mich durch das Gesträuche und Geäste durchwinden. Oft brach der Schnee ein, das steife Heidekraut reichte mir bis zur Brust heran. Ich sah ein, daß ich den rechten Weg verloren hatte, aber war ich nur erst im Thale und bei dem Bache, dann ging ich diesen entlang aufwärts, und da mußte ich endlich doch zur Mühle und zu unserer Wiese kommen.
Schneeschollen fielen mir in das Rocksäcklein, Schnee legte sich an die Höschen und Strümpfe, und das Wasser rann mir in die Schuhe hinab. Zuerst war ich durch das Klettern über das Gefälle und das Kriechen in dem Gesträuch müde geworden, aber nun war auch die Müdigkeit verschwunden; ich achtete nicht den Schnee, und ich achtete nicht das Heidekraut und Gesträuche, das mir oft rauh über das Gesicht fuhr, sondern ich eilte weiter. Oft fiel ich zu Boden, aber ich raffte mich schnell auf. Auch alle Gespensterfurcht war weg; ich dachte an nichts als an das Thal und an unser Haus. Ich wußte nicht, wie lange ich mich so durch die Wildnis fortwand, aber ich fühlte mich kräftig und behendig, die Angst trieb mich vorwärts.
Plötzlich stand ich vor einem Abgrund. In dem Abgrunde lag grauer Nebel, aus welchem einzelne Baumwipfel emportauchten. Um mich hatte sich der Wald gelichtet, über mir war es heiter, und am Himmel stand der Halbmond. Mir gegenüber und weiter im Hintergrunde war nichts als seltsame, kegelförmige, waldige Berge.
Unten in der Tiefe mußte das Thal mit der Mühle sein; mir war, als hörte ich das Tosen des Baches, aber es war das Rauschen des Windes in den jenseitigen Wäldern. Ich ging rechts und links und suchte einen Fußsteig, der mich abwärts führte, und ich fand eine Stelle, an welcher ich mich durch Gerölle, welches vom Schnee befreit dalag, und durch Wachholdergesträuche hinablassen zu können vermeinte. Das gelang mir auch eine Strecke, doch noch zu rechter Zeit hielt ich mich an eine Wurzel, fast wäre ich über eine senkrechte Wand gestürzt. Nun konnte ich nicht mehr vorwärts. Ich ließ mich aus Mattigkeit zu Boden. In der Tiefe lag der Nebel mit den schwarzen Baumwipfeln. Außer dem Rauschen des Windes in den Wäldern hörte ich nichts. Ich wußte nicht, wo ich war. -- Wenn jetzt ein Reh käme, ich würde es fragen nach dem Weg, vielleicht könnte es ihn mir weisen, in der Christnacht reden ja Tiere die menschliche Sprache! --
Ich erhob mich, um wieder aufwärts zu klettern; ich machte das Gerölle locker und kam nicht vorwärts. Mich schmerzten Hände und Füße. Nun stand ich still und rief, so laut ich konnte, nach dem Großknecht. Meine Stimme fiel von den Wäldern und Wänden langgezogen und undeutlich zurück.
Dann hörte ich wieder nichts als das Rauschen des Windes.
Der Frost schnitt mir in die Glieder.
Nochmals rief ich mit aller Macht den Namen des Großknechtes. Wieder nichts als der langgezogene Wiederhall. Nun überkam mich eine fürchterliche Angst. Ich rief schnell hintereinander meine Eltern, meine Ahne, alle Knechte und Mägde unseres Hauses. Es war vergebens.
Nun begann ich kläglich zu weinen.
Bebend stand ich da, und mein Körper warf einen langen Schatten schräg abwärts über das nackte Gestein. Ich ging an der Wand hin und her, um mich etwas zu erwärmen, ich betete laut zum heiligen Christkind, daß es mich erlöse.
Der Mond stand hoch am dunklen Himmel.
Ich konnte nicht mehr weinen und beten, ich konnte mich auch kaum mehr bewegen, ich kauerte mich zitternd an einen Stein und dachte: Nun will ich schlafen, das ist alles nur ein Traum, und wenn ich erwache, bin ich daheim oder im Himmel.
Da hörte ich plötzlich ein Knistern über mir im Wachholdergesträuche, und bald darauf fühlte ich, wie mich etwas berührte und emporhob. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht, die Stimme war wie eingefroren. Aus Furcht und Angst hielt ich die Augen fest geschlossen. Auch Hände und Füße waren mir wie gelähmt, ich konnte sie nicht bewegen. Mir war warm, und mir kam vor, als ob sich das ganze Gebirge mit mir wiegte. -- --
Als ich zu mir kam und erwachte, war noch Nacht, aber ich stand an der Thür meines Vaterhauses, und der Kettenhund bellte heftig. Eine Gestalt hatte mich auf den festgetretenen Schnee gleiten lassen, pochte dann mit dem Ellbogen gewaltig an die Thür und eilte davon. Ich hatte diese Gestalt erkannt -- es war die Mooswaberl gewesen.
Die Thür ging auf, und die Ahne stürzte mit den Worten auf mich zu: »Jesus Christus, da ist er ja!«
Sie trug mich in die warme Stube, aber von dieser schnell wieder zurück in das Vorhaus; dort setzte sie mich auf einen Trog, eilte dann hinaus vor die Thür und machte durchdringliche Pfiffe.
Sie war ganz allein zu Hause. Als der Großknecht von der Kirche zurückgekommen war und mich daheim nicht gefunden hatte, und als auch die anderen Leute kamen und ich bei keinem war, gingen sie alle hinab in den Wald und in das Thal und jenseits hinauf zur Straße und nach allen Richtungen. Selbst die Mutter war mitgegangen und hatte überall, wo sie ging und stand, meinen Namen gerufen. --
Nachdem die Ahne glaubte, daß es mir nicht mehr schädlich sein konnte, trug sie mich wieder in die warme Stube, und als sie mir die Schuhe und Strümpfe auszog, waren diese ganz zusammen- und fast an die Füße gefroren. Hierauf eilte sie nochmals in das Freie und machte wieder ein paar Pfiffe und brachte dann in einem Kübel Schnee herein und stellte mich mit bloßen Füßen in diesen Schnee. Als ich in dem Schnee stand, fühlte ich in den Zehen einen so heftigen Schmerz, daß ich stöhnte, aber die Ahne sagte: »Das ist schon gut, wenn Du Schmerz hast, dann sind Dir die Füße nicht erfroren.«
Bald darauf strahlte die Morgenröte durch das Fenster, und nun kamen nach und nach die Leute nach Hause, zuletzt aber der Vater, und zu allerletzt, als schon die rote Sonnenscheibe über der Wechselalpe aufging, und als die Ahne unzähligemale gepfiffen hatte, kam die Mutter. Sie ging an mein Bettlein, in welches ich gebracht worden war, und an welchem der Vater saß. Sie war ganz heiser.
Sie sagte, daß ich nun schlafen sollte, und verdeckte das Fenster mit einem Tuche, auf daß mir die Sonne nicht in das Gesicht scheine. Aber der Vater meinte, ich solle noch nicht schlafen, er wolle wissen, wie ich mich von dem Knechte entfernt, ohne daß er es merkte, und wo ich herumgelaufen sei? Ich erzählte sofort, wie ich den Pfad verloren hatte, wie ich in die Wildnis kam, und als ich von dem Monde und von den schwarzen Wäldern und von dem Windrauschen und von dem Felsenabgrund erzählte, da sagte der Vater halblaut zu meiner Mutter: »Weib, sagen wir Gott Lob und Dank, daß er da ist, er ist auf der Trollwand gewesen!«
Nach diesen Worten gab mir die Mutter einen Kuß auf die Wange, wie sie nur selten that, und dann hielt sie ihre Schürze vor das Gesicht und ging davon.
»Ja, Du Donnersbub, und wie bist denn heimkommen?« fragte mich der Vater. Darauf sagte ich, daß ich das nicht wisse, daß ich nach langem Schlafen und Wiegen auf einmal vor der Hausthür gewesen und daß die Mooswaberl neben mir gestanden. Der Vater fragte mich noch einmal über diesen Umstand, aber ich antwortete, daß ich nichts Genaueres darüber sagen könne.
Nun sagte der Vater, daß er in die Kirche zum Hochgottesdienst gehe, weil heute der Christtag sei, und daß ich schlafen solle.
Ich mußte darauf viele Stunden geschlafen haben, denn als ich erwachte, war draußen Dämmerung, und in der Stube war es fast finster. Neben meinem Bette saß die Ahne und nickte, von der Küche herein hörte ich das Prasseln des Herdfeuers.
Später, als die Leute beim Abendmahle saßen, war auch die Mooswaberl am Tisch.
Auf dem Kirchhofe, über dem Grabhügel ihres Mannes war sie während des Vormittagsgottesdienstes gekauert, da trat nach dem Hochamte mein Vater zu ihr hin und nahm sie mit in unser Haus.
Über die nächtliche Begebenheit brachte man nicht mehr von ihr heraus, als daß sie im Walde das Christkind gesucht habe; dann ging sie einmal zu meinem Bette und sah mich an, und ich fürchtete mich vor ihren Blicken. --
In dem hinteren Geschosse unseres Hauses war eine Kammer, in welcher nur altes, unbrauchbares Geräte und viel Spinnengewebe war.
Diese Kammer gab mein Vater der Mooswaberl zur Wohnung und stellte ihr einen Ofen und ein Bett und einen Tisch hinein.
Und sie blieb bei uns. Oft strich sie noch in den Wäldern umher und brachte Moos heim, dann ging sie wieder hinaus zur Kirche und saß stundenlang auf dem Grabhügel ihres Mannes, von dem sie nicht mehr fortzuziehen vermochte in ihre ferne Gegend, in der sie wohl auch einsam und heimatlos gewesen wäre wie überall. Über ihre Verhältnisse war nichts Näheres zu erfahren, wir vermuteten, daß das Weib einst glücklich und sicher bei voller Vernunft gewesen war, und daß der Schmerz über den Verlust des Gatten ihr den Verstand geraubt hatte.
Wir hatten sie alle lieb, weil sie ruhig und mit allem zufrieden lebte und niemandem das geringste Leid zufügte. Nur der Kettenhund wollte sie immer noch nicht sichern, der bellte und zerrte überaus heftig an der Kette, so oft sie über den Anger ging. Aber das war anders von dem Tiere gemeint; als einmal die Kette riß, stürzte der Hund auf das Weib zu, sprang ihm winselnd an die Brust und leckte ihm die Wangen.
Da kam einmal in den Spätherbsttagen, an welchen die Mooswaberl fast ununterbrochen auf dem Grabhügel saß, eine Zeit, in welcher unser Kettenhund, statt lustig zu bellen, stundenlang heulte, so daß meine Ahne, die indes schon mühselig geworden war, sagte: »Schau, jetzt wird in unserer Gegend herum bald einmal wer sterben, weil der Hund gar so heent; tröste ihn Gott!«
Und nach kurzer Zeit wurde die Mooswaberl krank, und als die Winterszeit gekommen war, starb sie.
In ihren letzten Augenblicken hielt sie noch meinen Vater und meine Mutter an der Hand und sprach die Worte: »Vergelt's Euch Gott zu tausend und zu tausendmal, bis in den Himmel hinauf!«
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Was bei den Sternen war.
Selbst der Naturforscher giebt es diesmal zu, was der Poet behauptet, daß nämlich im Waldlande die Sterne heller leuchten als sonst wo. Das macht die reine, feuchte Luft, sagt der eine; der andere hingegen meint, der kindliche Glaube der Einschichtbewohner sei Ursache, daß der Sternenhimmel so hell und hold niederfunkle auf den weiten stillen Wald.
Hat doch mein Vater zu mir gesagt, als wir noch beisammen auf dem Holzbänklein unter der Tanne gesessen:
»Du bist mein liebes Kind. Und jetzt schau zum Himmel hinauf, die Augen Gottes blicken auf uns herab.«
Ei freilich, ich konnte mir's wohl denken, Einer, der auf des Menschen Haupt die Haare zählt, muß hunderttausend Augen haben. Nun war es aber schön zu sehen, wie mir der liebe Gott mit seinen Augen zublinzelte, als wollte er mir was zu verstehen geben; -- ja, und ich konnte es doch um alles nicht erraten, was er meinte. -- Ich nahm mir wohl vor, recht brav und folgsam zu sein, besonders bei Nacht, wenn Gott da oben seine hunderttausend Augen aufthut und die guten Kinder zählt und die bösen sucht und recht scharf anschaut, auf daß er sie kennt am jüngsten Tage. ....
Ein andermal saß ich auf demselben Holzbänkchen unter der Tanne, an Seite meiner Mutter. Es war bereits späte Abendstunde, und die Mutter sagte zu mir:
»Du bist ein kleiner Mensch, und die kleinen Leute müssen jetzt schon in's Bett gehen, schau, es ist ja die finstere Nacht, und die Engel zünden schon die Lichter an, oben in unseres Herrgotts Haus.«
Mit solchen Worten ein Kind zur Ruhe bringen? Das war übel geplant.
»In unseres Herrgotts Haus die Lichter?« fragte ich, sofort durchaus für den Gegenstand eingenommen.
»Freilich«, entgegnete die Mutter, »jetzt gehen alle Heiligen von der Kirche heim, und im Hause ist eine große Tafel, und da setzen sie sich zusammen und essen und trinken was, und die Englein fliegen geschwind herum und zünden alle Lichter an und den großen Kronleuchter auch, der mitten hängt, und nachher laufen sie zu den Pfeifen und Geigen und machen Musik.«
»Musik?« entgegnete ich, in die Anschauung des Bildes versunken. »Und der Wollzupfer-Michel, ist der auch dabei?«
Der Wollzupfer-Michel war ein alter blinder Mann gewesen, der bei uns Waldbauern das Gnadenbrot genossen und dafür zuweilen Schafwolle gezupft und gekraut hatte. Wenige Wochen vor diesem Abendgespräche war er gestorben.
»Ja Du,« versetzte die Mutter auf meine Frage, »der Wollzupfer-Michel, der sitzt ganz voran bei unserem lieben Herrgott selber, und er ist hoch in Ehren gehalten von allen Heiligen, weil er auf der Welt so arm gewesen und so verachtet und im Elend hat leben müssen, und weil er doch alles so geduldig ertragen hat.«
»Wer giebt ihm denn beim Essen auf den Teller hinaus?« war meine weitere Frage.
»Nu wer denn?« meinte die Mutter, »das wird schon sein heiliger Schutzengel thun.« Sogleich aber setzte sie bei: »Du Närrisch, der Michel braucht jetzt ja gar keine Behelfer mehr, im Himmel ist er ja nimmer blind; im Himmel sieht er seinen Vater und seine Mutter, die er auf der Welt niemalen hat gesehen. Und er sieht den lieben Herrgott selber und unsere liebe Frauen und alle, und zu uns sieht er auch herab. Ja freilich, mit dem Michel hat's gar eine glückselige Wendung genommen, und hell singen und tanzen wird er bei der himmlischen Musik, weil der heilige David harfenspielen thut.«
»Tanzen?« wiederholte ich und suchte mit meinen Augen das Firmament ab.
»Und jetzt, Bübel, geh schlafen!« mahnte die Mutter. Wohl machte ich die Einwendung, daß sie im Himmel erst die Lichter angezündet hätten und also gewißlich auch noch nicht schlafen gingen; aber die Mutter versetzte mit entschiedenem Tone, im Himmel könnten sie machen, was sie wollten, und wenn ich fein brav wäre und einmal in den Himmel käme, so könnte ich auch machen, was ich wollte.
Ging zu Bette und hörte in selbiger Nacht die lieben Englein singen. --
Wieder ein andermal saß ich mit der Ahne auf der hölzernen Bank unter den Tannen.
»Guck, mein Bübel,« sagte sie, gegen das funkelnde Firmament weisend, »dort über das Hausdach hin, das ist Dein Stern.«
Ein helles, flimmerndes Sternchen stand oft und auch heute wieder über dem Giebel des Hauses; aber daß selbes mein Eigentum wäre, hörte ich nun von der Ahne das erste Mal.
»Freilich,« belehrte sie weiter, »jeder Mensch hat am Himmel seinen Stern, das ist sein Glücksstern oder sein Unglücksstern. Und wenn ein Mensch stirbt, so fällt sein Stern vom Himmel.«
Todeserschrocken war ich, als gerade in diesem Augenblicke vor unseren Augen eine Sternschnuppe sank.
»Wer ist jetzt gestorben?« fragte ich, während ich sogleich schaute, ob mein Sternchen wohl noch über dem Dachgiebel stehe.
»Kind,« sagte die alte Ahne, »die Welt ist weit, und hätten wir nur Ohren dazu, wir thäten Tag und Nacht nichts hören als Totenglockenklingen.«
Focht mich dieweilen nicht an.
»Ahndl,« fragte ich; denn Kinder, die in ihrem Haupte so viel Raum für Vorstellungen und Eindrücke haben, sind unermüdlich im Fragen, »Ahndl, wo hast denn Du Deinen Stern?«
»Mein Kind,« antwortete sie, »der ist schon völlig im Auslöschen, den sieht man nimmer.«
»Und ist das ein Glücksstern gewesen?«
Da schloß sie mich an ihre Brust und hauchte: »Wird wohl so sein, Du herzlieber Enkel, wird wohl so sein!«
* * * * *
Ein alter Schuhmacher kam zuweilen in unser Haus, der redete wie ein Heide. Wir Menschen, meinte der alte Schuhmacher, kämen nach dem Tode weder in den Himmel, noch in die Hölle, sondern auf einen Stern, wo wir so wie auf dieser Welt wieder geboren würden und je nach Umständen weiter lebten.
Das Närrischste aber sagte schon der Schulmeisterssohn aus Grabenbach, der als Student einmal zu uns kam. Der schwätzte von Bären und Hunden und Wasserschlangen, die da oben am Himmel herumliefen, und ein Widder und ein Walfisch sei auch dabei; und gar eine Jungfrau wollte er durch seine Augengläser gesehen haben. Dieser Schulmeisterssohn war schuld daran, daß mich mein Vater nicht studieren lassen wollte.
»Wenn sie solche Narrheiten lernen in der Stadt,« sagte mein Vater, »daß sie auf unseres Herrgotts goldnem Firmament lauter wilde Tiere sehen, nachher hab' ich genug. Mein Bub, der bleibt daheim.«
Eine junge Magd hatten wir im Hause; die war gescheit, die hat einmal was gesagt, was mir heute das Herz noch warm macht. Sie hatte es sicherlich von ihrem alten Ziehvater, der so ein Waldgrübler gewesen war. Der Mann hat etwas Wundersames in seinem Kopfe gehabt; er wäre gern Priester geworden, aber blutarm, wie er war, sind ihm alle Wege dazu verlegt gewesen. Da wurde er Kohlenbrenner. Ich habe den Alten oft heimlich belauscht, wenn er auf seinem Kohlenmeiler stand und Messe las, oder wenn er den Vögeln des Waldes vorbetete wie voreinst der heilige Franziskus in der Wüste. Von diesem Manne mag unsere junge Magd das seltsame Wort gehört haben.
»Der Sternenhimmel da oben«, sagte sie einmal, »das ist ein großmächtiger Liebesbrief mit goldenen und silbernen Buchstaben. Fürs erste hat ihn der liebe Herrgott den Menschen geschrieben, daß sie doch nicht ganz auf ihn vergessen sollten. Fürs zweite schreiben ihn die Menschen für einander. Das ist so: Wenn zwei Leut', die sich rechtschaffen lieb haben, weit auseinander müssen, so merken sie sich vorher einen hellen Stern, den sie beide von aller Fremde aus sehen können, und auf dem ihre Augen zusammenkommen. -- Dasselbig funkelnde Ding dort,« setzte die Magd leise und ein wenig zögernd bei, indem sie auf ein glühend Sternlein deutete, das hoch über dem Waldlande stand, »dasselbig Ding, das schaut zu dieser jetzigen Stund' auch der Hans an, der weit drin in Welschland ist bei den Soldaten. Ich weiß wohl, er wird nicht darauf vergessen, es glänzt wie der kein Stern so hell auf dem ganzen Firmament.«
* * * * *
Eines Tages mußte ich am Waldrande spät abends noch die Rinder weiden, die tags über im Joche gegangen waren. Sonst war in solchen Stunden lieb Ahne bei mir, aber die war nun schon seit länger unwohl und mußte zu Hause bleiben. Jedoch hatte sie mir versprochen, oftmals vor das Haus herauszutreten und den Hühnerpfiff zu thun, damit mir in der einschichtigen stillen Nacht nicht zu grauen beginne.
Ich stand zagend neben meinen zwei Rindern, die auf der taunassen Wiese eifrig grasten, aber ich hörte heute keinen jener lustigen Pfiffe, welche meine Ahne mittelst zweier Finger, die sie in den Mund legte, so vortrefflich zu machen verstand, gewöhnlich zu dem Zwecke, um die Hühner damit zusammen zu locken.
Das Haus lag still und traurig oben auf dem Berge. Von der tiefen Schlucht herauf hörte ich das Rieseln des Wässerleins, das ich sonst hier noch nie vernommen hatte. Hingegen schwiegen heute die Grillen ganz und gar. Ein Uhu krähte im Walde und erschreckte mich dermaßen, daß ich die Hörner des Rindes erhaschte und dieselben gar nicht mehr loslassen wollte.