Chapter 8 of 9 · 3993 words · ~20 min read

Part 8

Als wir schweigsam und müde über unsere Auen fuhren, standen die Sterne am Himmel. Allerwärts im Grase rieselte das Lied der Heimchen. An der Zaunschranke, wo unsere Halde anhub, stand eine schwarze Gestalt, welche uns ansprach, ob wir's wären?

Mein Vater war's, der uns entgegengekommen. Meine Mutter nannte ihn beim Namen; die Stimme war weich und zitternd.

Der Vater geleitete uns in das Haus, ohne eine Frage zu thun.

Erst als wir in der Stube waren und das Spanlicht brannte, fragte er mit Befangenheit, wie es uns denn ergangen wäre?

»Nicht schlecht,« sagte der Steffel, »gar nicht schlecht; wir sind recht munter gewesen.«

»Und der Stegthomerl -- was hat er denn gesagt?«

»Der hat gesagt, daß auch die Waldbäuerin nicht ewig leben wird, daß es mit ihr aber noch lang Zeit hat -- noch lang. Nur schön achtgeben; zur Sommerszeit hübsch in der guten Luft sein, nicht anstrengen und nicht aufregen, gut essen und trinken und keine Medizin -- nur keine Medizin, hat er gesagt. Nachher wird's schon wieder gut werden.« --

Darauf verging eine Zeit. Mein Vater trachtete nach dem Ausspruche des Steffels, von dem er glaubte, daß es der Ausspruch des Stegthomerl wäre, die Mutter zu pflegen, und als der Winter kam, saß sie am Spinnrocken und spann. Die Maus hatte den Faden nicht entzwei gebissen.

Im selbigen Winter kam die Nachricht, daß unweit des Schanzwirt auf der Fischbacheralpe der Stegthomerl erfroren unter dem Schnee gefunden worden sei. Wir beteten für ihn ein Vaterunser.

Der Samersteffel, der bisweilen zu uns kam und stets der gute, heitere Mann blieb, hatte dem Thomerl auch verziehen und zwar einzig nur, weil dieser damals Unrecht gehabt.

Mir fehlte -- um nun wieder auf unsere übrigen Verhältnisse zurückzukommen -- alle Freude an dem Bauernstande und freilich auch die Kraft dazu. Ich ging denn zu einem Handwerk, aber den Eltern konnte ich nicht helfen. Die Sonntagskost, die ich daheim hatte, wollte ich meinem Vater zahlen, er nahm nichts, er sagte, ich sei nach wie vor sein Kind, nur nicht so viel Späne brennen sollte ich in den Samstagnächten, wenn ich zu Hause wäre.

»Mein, so laß ihm die Freud, er hat sonst auch keine«, sagte da die Mutter und war meine Fürbitterin.

Da wurde es mit mir anders. Ich ging in die Welt.

Der Abschied von meiner Mutter war hart, aber nach kurzer Zeit hatte sie es erfahren, daß mein Leben ein glücklicheres geworden.

Wie nun das Glück da war, so kam bald der Neid herangehumpelt -- oder die Dummheit? Ein Gerücht ging in den Waldbergen: »Es wär so weit schon recht mit dem Peter, aber wie's eben geht in der Stadt, vom christlichen Glauben wird er abfallen.« Und bald hieß es weiter: »Saubere Geschichten das! Wird ihm auf einmal die ehrlich' Arbeit zu schwer und die rechtschaffen' Kost zu schlecht, geht in die Stadt und ißt Fleisch am Tag unserer lieben Frau und fällt ab vom Glauben.«

Meine Mutter hatte zuerst gelacht, als sie das hörte, sie kannte ja ihr Kind. Dann kam ihr aber der Gedanke: Wenn's denn doch wäre! Wenn ihr liebes Kind denn doch auf Gott vergäße und verloren ginge!

Sie hatte keine Ruhe, sie ging und borgte Kleider aus von der blinden Jula und borgte von einer gutherzigen Hausiererin drei Gulden und reiste -- krank und hinfällig, an jeder Hand einen Stock -- in die Hauptstadt. Sie wollte sich überzeugen, was Wahres war an der Leute Gerede. Sie fand ihr Kind als armen Studenten in schwarzem, geschenktem Rock und mit zurückgekämmten Haaren. Das gefiel ihr schon nicht recht, doch gelang es, sie zu beruhigen. Aber sie sah in den zwei Tagen ihres Aufenthalts in der Stadt überall das tolle, leichtsinnige Treiben, sah Außerachtlassung von alten, ihr ehrwürdigen Gebräuchen und Spott über Dinge, die ihr heilig waren, und sie sagte zu mir: »Unter solchen Leuten wirst doch nicht bleiben können, Kind, sie thäten Dich zu Grunde richten.«

»Nein, Mutter,« antwortete ich, »denken kann man, was man will, und gute Gedanken können die Leute nicht rauben.«

Sie schwieg. Aber als sie zurückkam in die Waldberge und wieder das Gerede hörte, war sie gebrochener als je. --

Mit der Wirtschaft war es nun entschieden. Haus und Hof wurden veräußert, den Gläubigern überlassen; meine Geschwister verdingten sich an fremde Bauern. Den hilflosen Eltern wurde ein Häuschen angewiesen, das bisher zum Gute gehörte. Mein jüngster Bruder, der noch nicht im stande war, sich das Brot zu erwerben, und eine Schwester blieben bei ihnen und übten Pflege an der armen Mutter. Der Vater ging allweg über die Berge zu den Ärzten und verschrieb ihnen schier sein Leben, wenn sie jenes seiner Gattin retten könnten.

In dem Häuschen sah es armselig aus. Die Kranke duldete still. Ihr Augenlicht wollte sie verlassen, ihr Denkvermögen wollte sich auflösen. Der Tod klopfte in wiederholten Schlaganfällen an ihr Herz. Oft schien sie schwer zu leiden, aber sie schwieg; sie hatte nichts mehr mit der Welt -- nur nach ihrem Gatten, nur nach ihren Kindern fragte sie. -- Es war ein jahrelanges Sterben.

Ich habe sie in dieser Zeit oft besucht.

Sie erkannte mich kaum, wenn ich an ihrem Bette stand; dann sagte sie doch wieder wie im Traume: »Bist Du's, Peterl? Gott sei Lob und Dank, daß Du wieder da bist!«

Im Hochsommer trugen wir sie einmal mitsamt dem Bette aus der dumpfen Stube in das Freie, daß sie noch einmal den Sonnenschein sehen sollte. Ich weiß nicht, ob sie ihn sah, sie hielt das Auge offen und blickte die Sonne an, die Sehnerven schienen erstorben zu sein.

Da kamen plötzlich Tage, da sie umgewandelt war. Sie war heiter und verlangte in das Freie.

»Wirst mir doch wohl wieder gesund, Maria, und wir bleiben noch eine lange Weil beisammen,« sagte ihr Gatte.

»Ja,« antwortete sie. ---

Das alles hatte ich auf diesem Waldwege überdacht -- und jetzt war es vorbei mit diesem armen reichen Leben.

Als ich endlich nach stundenlangem Wandern durch die Wälder des Alpsteigs das strohgedeckte Häuschen am Berghange sah, da war es wie ein bläulicher Schatten über Wald und Feld und allem, und doch lag der Sonnentag darüber. Aus dem kleinen Rauchfange stieg ein grauer Hauch. -- Ahnt sie's, daß ich komme, kocht sie mir meine Lieblingsspeise? -- Nein, fremde Leute bereiten ein Totenmahl.

Lange standest du vor der angelehnten Hausthür, deine Hand zitterte, als sie sich endlich an die Holzklinke legte. Da ging die Thür auf, da tratest du ein, da war es dunkel in der engen Vorlauben, nur ein mattes Öllämplein flatterte in einem Glase, und da sahest du's wohl -- an der Wand, unter der räucherigen Bodenstiege, auf einem Brette lag die Bahre, ganz zugedeckt mit einem großen weißen Tuche. Zu Häupten stand ein Kruzifix und die Schale Weihwasser mit einem Tannenzweig ..

Da fielst du nieder aufs Knie ... Endlich kam die Thräne. Die Thräne, die uns einst das Mutterherz mitgegeben auf die Welt zur Linderung im Leid und zum einzigen Trost in der Stunde, wo kein anderes Heil der Seele naht, wo die Freunde uns nicht verstehen können und das Mutterherz gebrochen ist. O, sei gegrüßt, du reiches, ewiges Erbe!

Jetzt ging leise die Stubenthür auf, und Maria, die jüngste Schwester, trat heraus. Sogleich hub das Mädchen laut zu weinen an, als es den Bruder sah, von dem sie alle so oft gesprochen, nach dem der Mutter letzter Blick gefragt, und der in der Ferne war, als sie das Auge schloß. Nun lag er da und weinte um ihre Lebenszeit.

Selbst ihre Kinder daheim hatten geschlafen in der Sterbenacht. Erst als das Morgenrot durch die Fensterchen leuchtete, ging der Vater zu ihnen in die Kammer und sagte: »Thut die Augen auf und schaut, über den Wechsel steigt schon die Sonne herauf, und unsere liebe Frau thut drin sitzen mit dem heiligen Christkindlein, und auf dem Schemel zu ihren Füßen sitzt eure Mutter und thut aus einem Rocken das himmlische Kleid spinnen.«

Da wußten sie's gleich, es war die Mutter gestorben.

»Willst Du sie anschauen?« fragte mich jetzt die Schwester. Dann trat sie an das Haupt der Bahre und hob langsam das Leintuch.

Ich sah meine Mutter, noch auf ihrem erstarrten Antlitz lag das Heil. Die Last war weg von meinem Herzen, erleichtert und getröstet, als ob ich auf eine weiße Blume blickte, schaute ich die lieben Züge. Das war ja nicht mehr das arme, kranke, mühselige Weib, das war das von einem Strahle aus längst vergangenen Jugendtagen verklärte Angesicht. Sie lag da im Schlummer und war gesund. Sie war wieder jung und weiß und milde, sie lächelte ein wenig, wie sie gern that, wenn sie auf den kleinen lustigen Knaben blickte, der sich mit seinen Spielzeugen zu ihren Füßen umhertrollte. Die dunkeln, glänzenden Haare (sie hatte noch kein graues) waren ihr sorgsam gewunden und guckten an den Schläfen etwas hervor aus dem braunen Kopftuche -- wie sie's immer gern hatte, wenn sie an den Festtagen zur Kirche ging. Die Hände hielt sie gefaltet über der Brust mit dem Rosenkranze und mit dem Wachsstocke. Als wie wenn sie eingeschlummert wäre in der Kirche am Pfingstsonntage während des freudenreichen Hochamtes, so lag sie da, und noch im Tode tröstete sie ihr Kind.

Aber an den rauhen Händen sah man's wohl, daß die Schlummernde durch ein mühevolles Leben geführt worden war. So standest du vor diesem heiligen Bilde -- fast so still und regungslos wie die Ruhende.

Endlich flüstertest du zu dem leise weinenden Schwesterlein: »Wer hat ihr die Augen zugemacht?« --

In der Stube erschallten Hammerschläge. Der Schreiner zimmerte das letzte Haus.

Endlich hüllte Maria das Leintuch wieder über das Haupt, so sanft, so sorglich, wie sie hundert- und hundertmal das Mütterlein zugedeckt hatte in der langen Zeit des Siechtums.

Dann trat ich in die kleine, warme Stube. Der Vater, die ältere Schwester, die beiden Brüder, wovon der jüngere noch ein Knabe war, traten mir betrübt entgegen. Sie sagten kaum ein Wort, sie reichten mir die Hand, bis auf den Kleinen, der duckte sich im Ofenwinkel, und man hörte sein Schluchzen.

Der Zimmermann-Sepp hobelte gleichmütig an dem bereits zusammengefügten Sarg und rauchte dabei eine Pfeife. --

Später, als draußen schon die Schatten des Nachmittags gewachsen waren weit über die schneeglitzernde Wiese hin, als in der Stube der Sepp auf den Deckel des Sarges das schwarze Kreuz zeichnete, saß der Vater neben demselben und sagte leise: »Wie's Gott will. -- Jetzt hat sie doch wieder ein eigenes Haus.«

Am ersten Tage nach der Mutter Sterben war kein Feuer gemacht worden auf dem Herde der Hütte. Allmiteinander hatten sie vergessen, daß der Mensch zum Morgen, zum Mittag wohl eine warme Suppe ißt. Hingegen war auf dem Anger hinter dem Häuschen ein hellflammendes Feuer angezündet, um das Bettstroh zu verbrennen, auf welchem sie gestorben war. -- Wie voreinstmal die Vorfahren ihre Wuotansfeuer haben entfacht, den teuren Verstorbenen der Göttin Hell, der Bergenden, empfehlend.

Ich hatte mich auf die Bank gesetzt und das Brüderchen zu mir emporgehoben. Der Kleine blickte völlig furchtsam zu mir auf, ich hatte einen schwarzen Rock an und eine weiße Halsbinde um, ich kam ihm so vornehm vor. Seine kleine Hand, die auch schon Schwielen hatte, hielt ich in der meinen. Dann bat ich den Vater, daß er etwas erzähle aus dem Leben unserer Mutter.

»Wartet ein wenig,« antwortete der Vater und sah wie träumend der Zeichnung des Kreuzes zu. Endlich that er einen tiefen Atemzug und sagte: »So, jetzt wär's fertig. Wohl lang hat ihr Kreuz und Leiden gedauert, aber das Leben ist kurz gewesen. Kinder, das sag ich Euch, jeder hat keine solche Mutter, wie die euere ist gewesen. Für Dich, Peter, hätt' sie schier das Leben aufopfern müssen, wie Du bist auf die Welt gekommen. So sind sie drauf gekommen nacheinander, die Freuden und Leiden, die Sorg und Not -- das Elend! Und wie ich krank gewesen bin auf den Tod und die Ärzte all' gesagt haben, ich müßt' fort, es gäb' kein Mittel mehr, hat mein Weib die Hoffnung nicht aufgegeben, hat mich nicht verlassen. Tag und Nacht ist sie bei mir gewesen, hat auf ihren Schlaf vergessen und auf ihren Bissen Brot. Schier mit ihrem Atem hat sie mir das Leben eingegossen -- mein gutes Weib. -- --«

Die Stimme wollte ihm brechen, mit dem Rockärmel wischte er sich das Nasse aus den Augen.

»Was eine gute Wartung ist, das sollt' eins nicht glauben,« fuhr er fort, »gesund bin ich wieder worden. Wir haben fortgelebt in der Treu'; daß Du, Peter, in der Fremde Dein Glück hast gefunden, das ist Deiner Mutter größte Freud' gewesen. Wie sie krank und serbend ist gelegen an die zehn Jahre und drüber, wie sie uns haben hinausgestoßen aus unserem Haus, wie das schlechte Gered' ist gewesen, und wie wir doch das größte Vertrau' gehabt haben zu Euch Kindern, das wisset Ihr ja selber. Völlig dreißig Jahr sind wir beisammen gewesen im Ehestande. Allweg hab ich gebetet, +mich+ sollt' der lieb' Herrgott zuerst nehmen, jetzt hat er +sie+ doch noch lieber gehabt. -- Müsset nicht so weinen, Kinder, Ihr seid Eurer Mutter beigestanden.« --

Weiter sprach er nicht.

Als der Sarg gezimmert war, legte der Vater Hobelspäne als Hauptkissen hinein. Er hatte immer die Gewohnheit gehabt, daß er nach gethaner Arbeit zu seinem Weibe ging und sagte: »Jetzt bin ich fertig.« Als er nun die Hobelspäne zurecht geschichtet und auch die übrigen Vorbereitungen gethan hatte, ging er in die Lauben zur Bahre und sagte: »Jetzt bin ich fertig.«

Am späten Abend, als auf dem tiefdunkeln, klaren Himmel der Halbmond stand und sein Dämmerlicht ergoß über die Wälder und schneeschimmernden Auen und über das Waldhäuschen am Hange, da winselte allfort der Schnee am Wege, da kamen aus Bauernhöfen und fernen Hütten Leute herbei. Wenn sie auf den Wegen, die sie gekommen, auch laute, heitere Gespräche miteinander geführt hatten, so wurden sie doch jetzt, da sie dem Häuschen nahten, schweigsam, und man hörte nur das Knistern ihrer Tritte im Schnee.

In der kleinen Vorlauben, die durch das Lämplein matt beleuchtet war, kniete jeder hin auf den kalten Lehmboden und betete still vor der Bahre und besprengte sie dann mit Weihwasser. Hernach ging er in die Stube zu den anderen, die da um den Tisch und den Ofen herumsaßen, Lieder sangen und geistlichen Betrachtungen oblagen. Sie waren alle da, um die arme Häuslerin zur letzten Ruhestätte zu begleiten.

Ich hätte, wären die Leute nicht dagewesen, allfort an der Bahre stehen und die Mutter ansehen mögen. Ich las in ihren Zügen meine Kindheit und meine Jugend. Ich meinte, noch einmal werde sich das klare Auge öffnen und mich anlächeln, noch einmal werde mir das Wort fließen von diesen Lippen, das in ihrer Liebfreude so weich und herzensreich war gewesen. Aber wie ich auch ihr lieber Sohn gewesen war, und wie lange ich noch stehen mochte bei ihr -- sie schlief den ewigen Schlaf.

Ich ging in die niedere Küche, wo die Nachbarinnen das Totenmahl kochten, ich suchte im Rauche herum die Geschwister, auf daß ich sie tröstete.

Drin in der Stube war jetzt alles mäuschenstill und in großer Spannung. Der alte Jäger Mathias, der ein braunes Hemd und einen weißen Bart trug, saß am Tische und erzählte eine Geschichte.

»Ist einmal ein Bauer gewesen,« begann er, »und der hat ein Weib gehabt, gar ein armes, krankes Weib. Und einmal, an einem heiligen Ostermorgen, da ist ihm das Weib gestorben. Wie die Seel' von dem Leib abgeschieden ist gewesen, da ist sie dagestanden ganz mutterseelenallein in der finsteren Ewigkeit. Kein Engel hat wollen kommen und sie führen und weisen hinein in das himmlische Paradies. Christi Auferstehung wird gefeiert im Himmel, hat es geheißen, und da hat kein Engel und kein Heiliger Zeit für die arme Seel', daß er sie thät weisen. Die arme Seel' aber ist gewesen in unaussprechlicher Angst, sie hat bedacht, daß sie ihrer Krankheit wegen schon lange in keine Kirche hat kommen mögen. Und sie hat schon allweg die Teufel winseln und pfeifen gehört, und sie hat gemeint, jetzt ist sie verloren. O mein heiliger Schutzengel und Namenspatron! hat sie gerufen, kommt mir zu Hilf in dieser Not, sonst muß ich hinab in die Höllenglut! -- Aber sie sind halt alle beisammen gewesen im Himmel bei der Auferstehung Christi. Darauf ist das arme Weib schon zum Hinsinken gewesen ohne Trost und Beistand, aber auf einmal ist unsere liebe Frau gestanden an ihrer Seiten, gehüllt wohl in ein schneeweißes Kleid und in der Hand zur schönen Zier einen Kranz von Rosen. Sei gegrüßt und sei getröstet, Du armes Weib! hat sie lieblich gesagt zur abgeschiedenen Seel', Du bist eine fromme Dulderin gewesen all Deiner Tage lang, und an jedem Samstag mein hast Du gefastet mir zu Lieb, und das, was Dir dadurch übrig geblieben, hast Du den Armen gereicht, mir zu Lieb. Das will ich Dir nimmer vergessen, und wenn mein lieber Sohn seine glorreiche Auferstehung feiert an diesem Tage, so will ich Deiner gedenken und Dich hinaufführen zu seinem goldenen Thron und zu Deinem freudenreichen Platz im Rosengarten bei den Engelein, den ich bereitet habe Dir zu Lieb, und wo Du kannst warten auf Mann und Kinder. Und darauf hat unsere liebe Frau das arme Weib bei der Hand genommen und hinaufgeführt in den Himmel. -- Deswegen sag ich, ein Fasten und ein Almosen zu Ehren unserer lieben Frau ist gar ein gutes Werk.«

So erzählte der Mathias im braunen Hemde.

»Auch unsere Waldbäuerin, die wir morgen bestatten, hat gern gefastet,« sagte ein Weiblein, »und rechtschaffen gern gegeben.«

Der Vater schluchzte vor Rührung. Der Gedanke, daß seine Gattin nun im Himmel sei, legte ein gar liebliches Licht in sein betrübtes Herz.

Die alte rußgebräunte Hängeuhr -- das war dieselbe, welche seit dem fröhlichen Hochzeitstage des Waldbauers alle Stunden getreulich gezählt, die freudvollen und die leidvollen; welche die erste Stunde wies, als voreinst das Knäblein geboren wurde in der Sonntagsfrühe; welche nun nach vielen Jahren die sechste Stunde zeigte, als der Erlösungsengel durch die Stube zog und seinen Kuß der Dulderin auf die Stirne drückte -- die Hängeuhr rückte ihren Zeiger jetzt gegen zwölf.

Und als so ein vergangenes Leben gemessen war wie ein einziger Tag von Sonnenaufgang bis Niedergang -- da sagte mein Vater: »Bub, geh hinaus in den Stall, und leg Dich ein Stündlein aufs Stroh, daß Du ein wenig magst rasten. Wenn es Zeit ist, will ich Dich schon wecken.«

Ich ging hinaus, that in der Lauben noch einen Blick auf die Bahre und trat dann in die freie, kalte, sternenvolle Nacht. Die Mondessichel war hinter die Wälder gesunken; ihren letzten Strahl hatte sie noch durch die Thürfuge gleiten lassen auf das Bahrtuch -- morgen, wenn sie wieder aufging, war dieses arme Menschenwesen ja schon in der dunkeln Erde. --

So lag ich nun im Stalle auf dem Stroh, wo sonst meine zwei Brüder schliefen. Neben mir, an Hängketten standen oder saßen die drei Rinder und scharrten im Wiederkäuen mit den Zähnen. Es war eine dunstige Wärme in dem Stalle, und von der halbmorschen Decke tropfte es nieder auf mein Strohlager.

Voreinst -- ja, da zitterten wohl auch die Tropfen nieder, die Tautropfen von den Bäumen, als dich die Mutter zur ersten Kommunion führte. Du hast ein neues Jöpplein an, und auf deinem Hut steckt ein frischer Rosmarin. Über dem Brustfleck am Halse schaut das schneeweiße Hemdchen heraus, und die Wangen sind rosenrot vor lauter Waschen. Die Mutter hat ein hellfarbiges Kleid, ein braunes Vortuch und eine schwarze, knappanliegende Joppe an. Das breite Halstuch ist von roter Seide und leuchtet wie Glut und Flamme. Ein grünweißes Blumensträußchen wächst aus dem Busen hervor. Auf dem Haupte trägt sie eine hohe, kostbare Goldhaube, wie sie damals Mode war im ganzen Lande; und an beiden Seiten der Stirne gucken die Locken hervor, schwarzglänzend wie die zwei großen Augensterne und zart und weich wie die Wimpern an den Lidern. Die Wangen sind angehaucht von dem Morgenrote, das Kinn ist weiß und lieblich gebogen. Die roten Lippen lächeln ein wenig und grollen dabei, weil du gar so vorwitzig hüpfest, Kleiner, über die Steine und Baumwurzeln und dabei die Nägel aus den Schuhen trittst. -- Aber in ihrer blühendsten Schöne hat noch kein Kind seine Mutter gesehen; und doch, wie ist es so lustig, Knabe! Da glitzert es im Wald und leuchtet in den grünen Lärchenbäumen, und da duftet das Blühen, und die Vöglein singen auf allen Wipfeln. Kindeszeit, Maienzeit! --

Dumpfe Schläge weckten mich aus meinem Traume, ich fuhr empor. Jetzt legen sie die Mutter in den Sarg, jetzt hämmern sie den Deckel darauf. --

Ich stürzte aus dem Stalle und in das Haus. Da stand in der Lauben der weiße, schlanke, zugedeckte Sarg, und die mattflackernde Öllampe beleuchtete nur mehr das leere, öde Bahrbrett.

.... Ich hätte sie gern noch einmal gesehen.

Die Leute bereiteten die Trage. Der Vater kniete hinter der Thür und betete; die Schwestern weinten in ihre Schürzen, und der kleine Bruder schluchzte so sehr. Ach, er wollte das Weinen zurückhalten; hatte er doch gehört, für die Mutter sei es am besten so, und sie sei nun in der himmlischen Freude -- er hatte ein bißchen gelächelt dazu, aber nun, da sich die Leute anschickten, die Mutter hinauszutragen und fort für alle Ewigkeit, war der Trost vergessen in dem kleinen, bedrängten Herzen.

Ich nahm das Brüderlein an der Hand, und wir gingen in die dunkle, hinterste Ecke der Stube, wo sonst niemand war, wo nur die kranke Mutter gern gewesen. Dort setzten wir uns auf die Bank. Und dort saßen wir, während draußen alles vorbereitet wurde, während sich die Leute zu Tische setzten und das Totenmahl verzehrten.

Sie waren gekommen, um Leid zu tragen mit uns; jetzt aßen sie, jetzt lachten sie, und dann thaten sie wieder, wie's der Gebrauch war und sie freuten sich schier, daß wieder einmal einer gestorben war und ihnen dadurch Abwechslung in das alltägliche Leben brachte.

Plötzlich wurden draußen laute Worte gesprochen: »Wo ist der Überthan? Wir finden den Überthan nicht!«

Der Überthan ist ein dünnes Leinengewebe, welches als ein Schleier über den Sarg gehüllt wird und nach dem Glauben des Volkes am jüngsten Tage dem Auferstehenden als Überkleid dient.

Der Vater wurde durch den Ruf von seinem Gebete aufgeschreckt; jetzt torkelte er herum und suchte die Leinwand in seinem Kasten, auf den Wandstellen und in allen Winkeln. Er hatte sie ja gestern nach Hause gebracht, und jetzt war sie nirgends zu finden. Er wußte auch nicht, wo ihm der Kopf stand -- jetzt sollte er sorgen, daß alle zum Mahle kämen, jetzt sollte er sich umkleiden zum Kirchgange, jetzt sollte er seine Kinder beruhigen, jetzt sollte er eine frische Kerze auftreiben, weil die alte schon auf den Grund gebrannt war und die Leute in das Finstere zu kommen drohten, jetzt sollte er gar in den Stall gehen und die Rinder füttern für den ganzen Tag, da niemand daheim sein würde -- und jetzt sollte er sagen, wo er gestern in seiner Wirrnis den Überthan hingelegt hatte. -- Und in den nächsten Minuten trugen sie sein Weib aus dem Hause.

Alles kam in Aufregung. »So hat der Alte keinen Überthan,« murrten sie, »das hat man auch noch nicht gesehen, daß eine Totentruhen nackt und bloß davongetragen wird, aber bei der armen Waldbäuerin muß es wahr sein: elend gelebt und elend gestorben!«

Auch die beiden Schwestern huben zu suchen an, und Maria rief klagend: »Jesus mein, ohne Überthan darf mir meine Mutter nicht begraben werden; da muß sie noch liegen bleiben daheim, und ich gebe mein Kresengeld (Patengeschenk) und kaufe ihr das letzte Kleid. Wer hat die Leinwand weggethan? O Gott, jetzt wollen sie ihr das Allerletzt' auch noch versagen!«

Ich suchte das Mädchen zu beruhigen, und wir würden im Dorfe draußen schon eine Leinwand bekommen, und wenn nicht, so ruhe sie auch unter bloßem Tannenholz in Frieden.

»Du kannst so reden!« rief sie, »hat Dir die Mutter seiner Tage nicht auch die Kleider gekauft von ihren blutig ersparten Kreuzern? Und jetzt soll sie auferstehen am jüngsten Tag in ihrem armen Gewande, wo alle anderen ein weißes Kleid tragen!« In ein lautes Weinen brach sie aus und lehnte ihre glühende Stirne an die Wand.