Chapter 6 of 9 · 3997 words · ~20 min read

Part 6

Um Mitternacht kam ich zu Hause an. Sie waren ein wenig in Spannung und schliefen noch nicht. »Wir haben schon gemeint, der Kindberger Apotheker hat zum Schweinschmalz Dich selber als Draufgab genommen«, sagte der Vater, das war Spaß. Dem alten Weber Hartl jedoch war etwas ganz anderes eingefallen. Er erinnerte sich einmal gehört zu haben, daß die Apotheker jährlich ein Menschenkind abthäten, um daraus eine ganz besondere Medizin für ganz besondere Krankheiten zu gewinnen. -- Es war wohl die höchste Zeit für den alten Hartl, daß ich mit dem Hasenöl heimkam!

Erst steckte er seine Nase ins Tiegelchen. »Scharf schmecken thut's, das wird schon angreifen«, murmelte er, »thut eh schon wieder so viel brummen im Kopf.« Mein Vater roch auch und schaute mich grauenhaft strenge an. -- Ich hatte nie begriffen, weshalb die Apotheker auf jeden Tiegel, den sie verkaufen, einen Zettel mit ihrem Namen und Wohnort kleben. Jetzt ward es mir klar, ohne diesen Zettel auf dem Tiegelchen hätte man es mir daheim niemals geglaubt, daß ich mein Hasenöl nicht aus dem Schweinsfettkübel genommen, sondern aus der Apotheke zum heiligen Josef in Bruck.

»Hat er's genommen, wo der will,« rief der alte Weber hochgemut aus, »wenn's nur hilft!« und begann sich gleich die Stirn einzureiben mit dem Hasenöl.

Hat's geholfen? -- Nun, die Wahrheit zu sagen, beim alten Weber Hartl konnte eine nennenswerte Besserung nicht nachgewiesen werden, hingegen ist mein Vater durch dieses Hasenöl klüger geworden, obschon er sich damit gar nicht eingerieben hatte. Er hat wohl auch in späterer Zeit noch manches Küblein Schweinsfett, manches Bündlein Wurzeln und Kräuter in die Apotheke geschickt -- holen aber ließ er nichts mehr aus ihr. -- Das für alles heilsame »Hasenöl« hat uns für alle Zukunft geheilt.

[Illustration]

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Als ich mir die Welt am Himmel baute.

War damals ein Bursche von zwölf Jahren. Trug eine ungebleichte Leinwandhose, eine Jacke aus grauem Wilfling und eine buntgestreifte Zipfelmütze. War barfuß und ungeschickt im Gehen und Laufen, jeden Tag trug ich eine andre Zehe in der Binde. Die Haare hatte ich mit den fünf Fingern vorn herabgekämmt, mit den Zähnen kaute ich an einem Strohhalm. Es war mit mir bisweilen nichts anzufangen; wenn man mich auf das Feld stellte, so stolperte ich über den Pflug und den Spaten, und wenn man mich in den Wald schickte, so hieb ich die Axt anstatt in das Holz in einen Stein, und bald war die Schneide des Werkzeuges so stumpf, daß man hätte darauf reiten können. Und dann stand ich da und hielt die zehn Finger in den Händen und glotzte zum Himmel auf.

Unsere Waldberge waren mir schon gar so lästig geworden, das ewige Dunkelgrün und das ewige Vogelzwitschern und Windrauschen war nicht mehr auszustehen. Es war ein Einerlei, nicht zu sagen. Und ich sann, ich träumte anderem nach. Da -- eines Tages -- ich weidete unsere Herde auf der Hochöde, wie wir ein hochgelegenes Brachfeld, auf dem schon die Eriken und Wachholder wuchsen, nannten -- entdeckte ich -- den Himmel, den wunderbaren, ewig mannigfaltigen Wolkenhimmel. Ich war nun plötzlich entzückt über die Formen und wunderbaren Gestaltungen in allen Lichtarten. Ich wunderte mich nur, daß mir der Wolkenhimmel nicht schon längst aufgefallen war. So stand ich nun da und sah empor zu der neuen Welt, zu den Ebenen und Bergen und Schluchten, zu den ungeheuerlichen Tieren, die bewegungslos dastanden und dennoch dahinkrochen und sich reckten und dehnten und Arme und Beine ausstreckten, die sich wieder in Wedel und Rümpfe und Flügel verwandelten. Und ich glotzte die Luftschlösser an, die sich vor mir aufbauten, und kaute dabei an meinem Grashalm.

Von nun an war auf der Heide meine Freude, und gerne weidete ich die Herde, weidete ich dabei doch auch die lockigen Lämmer des Himmels.

In demselben Jahre war ein heißer Sommer, da ging's am Himmel wohl auch oft ein wenig einförmig zu, aber des Morgens und des Abends gab's doch immer was zu sehen. Ich war eine Zeit lang wie vernarrt in das Firmament. Mein Vater wunderte sich, daß ich oft gar der erste aus dem Bette war, daß ich die Morgensuppe stehen ließ und die Rinder mit einer fast ängstlichen Behendigkeit auf die Hochöde jagte. Er wußte nicht, warum. Ich aber setzte mich in der Hochöde auf einen Stein, über welchen das Moos ein zartes, gelblich-grünes Sammetpelzchen gelegt hatte, und während die Kühe und die Kälber emsig im Heidekraut grasten und dabei mit ihren Schellen lustig glöckelten, biß ich allfort an einem dünnen Federgrashalm und blickte hin gegen Sonnenaufgang. Da war zuerst über dem fernen Gebirgszug des Wechsels eine dunkle mattrote Bank; sie dehnte sich weit, weit hin und verlor sich, man wußte nicht wo. Mit einemmale zogen sich goldige Fäden durch, und die ganze Wolkenbank wurde lieblich durchbrochen von Licht und sah nun aus wie ein ungeheurer rotglühender Eisenklumpen.

Da waren alle meine Kühe plötzlich rot, und das Heidekraut war rot, das sie grasten, und die Steine waren rot, und die Stämme am Waldrande waren rot, und meine Leinwandhose war rot. Jetzt flammte am Rande der Wechselalpe plötzlich ein kleines Feuer, wie es Hirtenjungen gern anzünden, wenn sie sich Erdäpfel braten wollen. Aber das Feuer dehnte sich aus nach rechts und links und ging in die Höhe; das war ja ein Brand, zuletzt brannten dort alle Alpenhütten? Aber in einer wunderbaren Regelmäßigkeit hob sich der Brand empor, und eine großmächtige Glutscheibe tauchte auf -- die Sonne. Da hatten meine Kühe und die Steine und ich auf einmal lange Schatten hin über die Heide. Mein Schatten war so lang, daß, wenn er vom Boden aufgestanden wäre, er mit seinen Fingern in den weißgelblichen Wolkenballen des Himmels hätte Wolle zupfen können. Die Nebelbank über dem Gebirgszuge wurde schmächtiger, es ging ihr ans Herz, noch streckte sie einen glühenden Speer aus, der ging mitten durch die Sonne, aber er schmolz, und die Sonne wurde kleiner und funkelnder, und bald war die Wolkenbank, waren die roten Fäden am Gesichtskreise verschwunden.

Hie und da in der weiten Himmelsrunde hing es wohl noch wie weiße Wolle, und dort und dort schwamm ein Federchen hin, aber bald gingen auch die Federchen verloren, und die Wolle wurde unmerklich langsam auseinandergezupft in leichten Locken und dünnen Fädchen, und auf einmal war gar nichts mehr da als der tiefblaue Himmel und der blitzende Sonnenstern.

Es lag fast wie Dunkelheit über den Waldbergen, so unsäglich klar und leer war der Himmel, es war, als ob die Sonne zu klein werden wollte für die unendliche Weite.

Gegen die Mittagszeit ging die Bläue etwas in das Graulichte über, da sah es noch sonniger aus, und es war sehr heiß. Meine Herde hatte schon kühles, schattiges Dickicht aufgesucht, um sich die stechenden Fliegen abzuhalten; ich saß noch auf dem Stein und sah den Himmel an und dachte, wie schön das sein müßte, wenn die Himmelsrunde ein Spiegel wäre, und wenn das Bild der ganzen Erde drin läge mit aller großen Herrlichkeit; vielleicht hätte ich dann von meiner Hochöde aus fremde Länder und große Städte sehen können.

Nach der zwölften Stunde, die ich an dem Schatten einer aufrechtstehenden Stange bestimmte, erhob sich gewöhnlich ein Lüftchen, das ein paar Stunden fächelte und leise in den Bäumen säuselte. Das war zum Einschlummern süß zu hören. Mir fiel gar der Grashalm aus dem Munde. Die Ameisen konnten innerhalb meines Höschens emporkrabbeln, wie sie wollten, ich gewahrte sie nicht. Ja, ich gewahrte es nicht einmal und wußte nicht, wie es kam, aber plötzlich waren auf allen Seiten des Gesichtskreises, sowohl über den schwarzbläulichen Waldbergen der Mittagsseite, als über der Wechselalpe und über den Matten der Mitternachtshöhen, hinter welchen die kahle, wettergraue Rax aufragte, und über der fernen Felsenkette der Abendseite -- schneeweiße Wolken. Sie waren in halbrunden Haufen, sie waren wie dicht aufqualmender Rauch, der plötzlich versteinert wird zu weißem Marmor.

Die Ränder waren so scharf, wie mit einer feinen Scheere von Papier geschnitten. Ganz unbeweglich schienen die Wolken, und doch änderten sie sich in jedem Augenblick und bauten sich auf, eine über die andere, und schoben sich von unten nach, dichter und dichter, grauer und grauer, oder es war jählings ein Riß, eine Lücke hinaus in die unendliche Bläue.

Und hoch oben über meinem Scheitel standen auch Wolkenschichten, grau, stellenweise ganz dunkel, aber mit lichten, federartigen Rändern.

Da blickte man hin und sah das Verwandeln nicht und sah die Verwandlung. Wie war das wunderbar! Ist es möglich, daß das jeden Tag geschieht, und die Menschen achten es nicht, bemerken es nicht einmal und wundern sich mehr über ein artiges Taschenspielchen als über den allherrlichen Wolkenhimmel?

Die Schichten über der fernen Felsenkette waren niedlicher und gegliederter als die näheren Ballen; sie waren zum Teile bläulich wie der Himmel und wären von diesem oft kaum zu unterscheiden gewesen, wenn die Ränder nicht milchweiß geglänzt hätten.

Ich that die Füße auseinander, bückte mich und guckte zwischen den Beinen hindurch auf die fernen Wolkenschichten hin, um durch diese ungewohnte Lage des Blickes ein möglichst abenteuerliches Bild zu schauen. Da sah ich unerhörte Bergriesen mit den schwindelndsten Kuppen und schauerlichsten Abgründen, und da ragten die Felshörner, und da glänzten die Gletscher in unermeßlichen Höhen. Wenn dann vor diesen Gebilden ein dunkles Wölkchen dahinschwamm, so hielt ich das für einen riesigen Steinadler oder gar für den Vogel Greif. Das war mein Tirol, von dem ich schon gehört hatte, und ich guckte so lange zwischen den Beinen darauf hin, bis ich schwindlig wurde und in das Gras purzelte.

Fürchterliche Riesen mit goldigem Mantelsaum, mit verknorrten Gliedern und gewaltigen Köpfen standen am Himmel und schwangen ihre Arme und streckten ihre Finger nach der Sonne aus. Die Sonne hatte sich lange sehr geschickt zwischen diesen Ungeheuern durchgewunden, aber endlich ging sie doch ins Netz. Da lag dann ein dunkler Flecken über dem Waldlande oder über den kleinen reifenden Feldern im Thale, und es lagen mehrere Flecken und zogen sich langsam hin auf ebenen Flächen und krochen wachsend empor an Hängen und verschwanden endlich wieder.

Je mehr die Sonne niedersank, desto schwächer wurde ihr Strahl; der Himmel graute, aber die dichten Wolken schwanden, gingen in Federn und Fransen aus, und gegen Abend weideten am Firmamente, wo früher die Ungeheuer gestanden, milde, weiße Lämmchen.

Nur die Bilder über der fernen Felsenkette blieben am längsten. Aber auch dort waren großartige Veränderungen; das gewaltige Hochgebirge war zu einer leuchtenden Stadt mit goldigen Türmen und Kuppeln und Zinnen geworden. Das war mein Zion, ich blickte wieder zwischen den Beinen darauf hin.

Aber wie wenn das ganze Reich von Butter gewesen wäre, so zerging es nun, als die Sonne nahe kam, und es dehnte sich eine weite Ebene aus über der Felsenkette, eine rötlich-graue, unabsehbare Ebene mit Licht- und Schattenfäden und darüber hin der Himmel. Das war mir das Meer, und ich guckte wieder durch mein dreieckiges Fernrohr.

Die Sonne durchbrach die Ebene und tauchte als große rote Scheibe hinter den scharfen Kanten der Felsen hinab. Da lagen rote Linien und glühende Nadeln darüber hin, die noch lange leuchteten und erst zur späten Stunde erloschen, als über unserem Gehöfte schon die Stille der Nacht lag und am Himmel die Sterne sichtbar wurden oder das milde Mondlicht liebliche Schleier wob.

So waren die Tage des Juli und August. Die Kornfelder im Thale nahten langsam der Reife, sie wurden gar sorgfältig bewacht, sie machten für den Winter die einzige Hoffnung aus. Die Früchte an den Berghängen aber waren im Verdorren, denn es rieselte wochenlang kein Regen. Da blickten auch andere Leute zuweilen aufwärts zu den Wolken oder hin gegen die Rax, die aber stets klar war und an der nie die Nebelflocke klebte; eine Nebelflocke an der Rax war das einzige sichere Anzeichen eines nahen Regens.

Ich saß täglich auf meiner Hochöde und sah den Himmel an. Ich wußte nicht, warum, ich dachte mir es auch kaum, was ich sah, ich fühlte es nur.

Einmal gegen die Abendstunde hin saß über der Felsenkette ein ungeheures Eichhörnchen. Es setzte seine Vorderfüßchen gerade auf, es hatte ein deutliches Schnäuzchen und spitzte die Ohren, und der buschige, sanft wollige Schweif ging weithin gegen die Neubergeralpen. Es war ein launiges Wolkengebilde, gar ein Äuglein hatte das Tier, ein blaues Äuglein, durch welches der klare Himmel guckte; aber auf einmal wurde es licht und funkelnd in diesem Auge, und es warf einen mächtigen Strahl über den ganzen Himmel. Es hatte sich hinter der Wolke ja die Sonne verborgen gehalten. Endlich erlosch das Auge wieder, ich wußte nicht, hatte ein Wölklein das Lid zugedrückt oder war die Lichtscheibe zu sehr gesunken; aber ich wartete, bis die Sonne unterhalb am Halse herauskommen würde, und ich freute mich schon auf das goldige Halsgehänge, das mein Eichhörnchen bekommen sollte. Aber siehe, während ich so wartete und mich freute, war das Tier zu einer formlosen Masse geworden, nur der buschige, sanft wollige Schweif ging noch weit hin in das Österreicherland.

Einmal war der Himmel mit einer leichten, gleichmäßigen Nebelschichte umzogen, auf welcher tiefer liegende Wolken verschiedene Figuren bildeten. So kroch eine Kreuzspinne dahin und der Sonne zu. Die Kreuzspinne war riesig groß, und meine Phantasie sah acht oder zehn Füße. Sie kam der ohnehin matt scheinenden Sonne immer näher, und sie fraß sie auf, so daß ein tiefer Schatten lag über dem Waldlande. Als ich wieder hinaufsah, war das Gebilde verschwommen, und eine plumpe Wolkenmasse verhüllte die Sonne.

Wieder zu anderen Tagen war es aber wirklich lebendig am Himmel. Von der Felsenkette über unsere Waldberge und gegen Morgen und Mittag hin zog ein endloses Heer von Wolken. Stellenweise wanderten sie einzeln, stellenweise wieder in großen Gruppen und Massen, licht und dunkelgrau und »wollig« und »lämmelig«, und sie duckten sich untereinander, und sie ritten übereinander, und es war eine wüste Flucht. In den Wäldern rauschte unwirtlich der Wind.

Das war eine wahre Völkerwanderung am Himmel tagelang. Ich fragte die Wolken, woher sie kamen, wohin sie zogen; sie hatten nur Schatten für mich und keine Antwort.

Nach den Tagen des Windes blieb der Himmel eine zeitlang gleichmäßig trüb, und es strich eine kühle, oft fast frostige Luft. Die Leute meinten, nun werde der ersehnte Regen kommen. Aber das Wolkengewölbe wurde lichter und durchsichtiger, und endlich sah man durch dasselbe wieder den weißen Punkt der Sonne schimmern.

Ich vergaß wohl die welkenden, verdorrenden Pflanzen der Erde, die bereits fahl oder rot gebrannt waren, ich vergaß auch die Waldvöglein, die nicht mehr singen wollten, weil sie schier vertrocknete Kehlen haben mochten, ich freute mich, daß sich der Himmel wieder erheiterte. Die Wölklein waren nun so zart und leicht und milchweiß, und leichte Fäden zogen hin, als ob in den weiten Lüften eine unsichtbare Spinnerin wäre, oder ein Webstuhl stünde in der hohen Himmelsrunde.

Und aus all den wunderbaren Geweben fügten sich Nester mit Eiern und schneeweißen Tauben; dann machten diese Tierchen hohe Krägen und schnäbelten miteinander, und da dachte ich mir: zuweilen trifft es doch zu, daß der Himmel ein Spiegel ist für die Erde. Ich hatte zu derselben Zeit mehrmals von einem Müllerstöchterlein geträumt, das Maria hieß und ein schneeweißes Hemdchen trug.

Die Himmelsgebilde waren an diesen Tagen gar zu lieblich, und dazu hauchte eine labende Kühle von der fernen Felsenkette her. Die Leute aber waren mißmutig, man hörte kein Singen und Jauchzen, das sonst den Wald so lebendig macht. Es war eine eigenartige Trägheit im Walde.

Endlich, eines Morgens -- es war ein tiefblauer Himmel -- klebte an der halben Höhe der Rax ein Nebelchen. Die Leute jubelten; ich betrachtete gedankenlos die Flocke an der Felswand, die fast den ganzen Vormittag in derselben Stellung blieb. Es zog ein beinahe frostiger Alpenhauch, zur Mittagsstunde aber wurde es empfindlich schwül.

Am Gesichtskreise stiegen wieder die vielgestaltigen Wolkenhaufen auf. Die Sonne verzog sich für kurze Zeit; an der Mitternachtsseite gingen mattgraue Streifen nieder, und man hörte mehrmals ein dumpfes Donnern. Das Gewitter verging, ohne daß auf unsere Gegend ein Regentröpfchen fiel. Das Wölkchen an der Rax war längst verschwunden. Über der Felsenkette baute sich sandgraues Gewölke, und eine gleichmäßige Schichte zog sich über den ganzen Himmel.

Das Waldland lag im Schatten, kein Vöglein war zu hören, nur vernahm man zuweilen den Pfiff eines Geiers. Ich wäre noch gern auf der Hochöde geblieben und hätte die so ruhsamen Dinge betrachtet, aber meine Herde graste thalab und gegen unser Haus, ehe es noch Abend wurde.

Als ich zum Hause kam, stand die Mutter am Gartenrain und betete aus einem Buche halblaut das Evangelium des heiligen Johannes und machte mit dem hölzernen Kruzifix unseres Hausaltares Kreuze nach allen Himmelsrichtungen hin.

Es war noch die Sonne nicht untergegangen, aber es war schon ganz dunkel. Das Bächlein unten in der Schlucht war so klein, daß es nur sickerte, und doch war ein seltsames Brausen wie von einem mächtigen Wasserfalle. Der Hof lag wie träumend da, die Tannen daneben regten sich nicht. Ein großer, glitzernder Habicht schwamm von der Hochöde hernieder und über den Hof hin. Im Gewölke hallte ein leises, fast röchelndes Donnern, das sich mit Mühe weiter zu drängen schien und plötzlich erstickte.

An der Mitternachtsseite des Hauses wurden die Fensterbalken geschlossen; einzelne Schwalben flatterten verwirrt unter dem Dache umher. Der Brunnen vor dem Hause spritzte zuweilen unregelmäßig über den Trog hinaus, und doch merkte man kein Lüftchen. Mein Vater ging vor der Hausthüre auf und ab und hielt die Hände über den Rücken.

Plötzlich begann es in den Tannen zu rauschen, und mehrere bereits vergilbte Ahornblätter hüpften vom Walde heran. Regentropfen schlugen nieder und spritzten von der Erde wieder auf. Jetzt war es wie ein schwaches Aufleuchten durch die Abenddämmerung, dann tanzten wieder lose Blätter über den Anger. In den Wolken rauschte es wie das Rollen wuchtiger Sandballen.

Nun brach es los. Die Bäume wurden lebendig, und es krachten die Strünke. Vom Dache der Scheune rissen sich ganze Fetzen los und tanzten in den Lüften.

In demselben Augenblicke sauste das erste Schloßenkorn nieder; hoch sprang es wieder auf und kollerte hüpfend über den Boden hin. Das Schloßenkorn war so groß wie ein Hühnerei.

Die Leute sahen es, und mit einem leisen: »Jesus Maria!« eilten sie ins Haus. Ich blieb so lange im Freien, bis mir ein Eisklumpen auf die Zehen fiel, daß ich vor Schmerz fast zusammensank; dann huschte ich unter das Dach.

Nun war eine halbe Stunde lang nichts als ein fürchterliches Geknatter. Die Leute beteten den Wettersegen, aber man verstand kein einziges Wort.

Zuletzt klirrten gar die Fenster der Morgenseite, auf den Dächern knatterte es gräulich, und zackige Schloßen kollerten in die Stube, und der Wind wogte herein und blies die geweihte Wetterkerze aus und fachte das Herdfeuer an zu einem wilden Sprühen, und wir glaubten schon, es käme uns das Feuer zum Rauchfang hinaus. Erst als ein gewaltiger Donnerschlag krachte und ein zweiter, legte sich das Mark und Bein durchdringende Getöse, und es zog nur noch ein eiskalter Luftzug durch die Fenster, und es rieselte der Regen. Endlich legte sich auch dieser. Es war Nacht geworden; draußen lag eine Winterlandschaft.

Wir nahmen kein Nachtmahl, wir gingen nicht zur Ruhe. Ich legte Strohschuhe an und ging mit meinem Vater hinaus auf das hohe knisternde Eis. Wortlos schritten wir um das Gehöfte. An den Gebäuden lagen Haufen von Schloßen und Dachsplittern, unter den Tannen waren hohe Schichten von Reisig, und die schönen Stämme hatten nur kahles oder zerzaustes Geäste. Auf dem Kornfeld und auf dem Kohlgarten lag die gleichmäßige Eisschicht; kein einzig Hälmlein, kein einzig Häuptchen ragte hervor.

Mein Vater stand still, hielt die Hände über das Gesicht, und seine Atemstöße zitterten.

Von der Mittagsseite war noch das ferne Murren des Gewitters zu hören. Über dem Wechsel ging zwischen zerrissenen Wolken der Mond auf, und aus dem dunklen Grunde der Wälder erhoben sich weiße Nebelgebilde. Am Himmel standen zarte Flocken mit silberigen Rändern.

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Von meiner Mutter.

In der Stadt Graz war der lustige Karneval. An den Abenden ein tolles Gedränge auf den Gassen, ein fast betäubendes Rasseln der Wagen, ein Johlen und Schreien, ein Flimmern und Leuchten aus den Gewölben und Auslagen und von den hundert Laternen und zahllosen Transparenten der Fenster. Gold und Silber, Seide und Damast funkelten aus den Glaskästen. Gesichtsmasken in allen Farben und Formen grinsten daneben. Ha, das Leben ist ja gar so toll. Ich eilte durch das Gedränge. Die Uhr am Schloßberge that sechs Schläge, so hell -- sie überklangen alles Geräusch, sie widerhallten von den hohen, lichtdurchbrochenen Mauern der Häuser. Eine ernste Mahnerin ist der Ruf der Uhr; möge der Mensch auch kindisch spielen mit Flitter und Tändelei, sie rechnet ihm die Stunde vor und schenkt ihm nicht eine Minute.

Ich ging nach Hause in meine stille Stube und begab mich bald zur Ruhe.

Des andern Morgens lag das Winterglühen der Sonne auf den schneeigen Dächern, ich schrieb eben das Märchen auf von dem verlornen Kinde -- als es an meiner Thür klopfte. Ein Mann trat herein und brachte mir folgendes Telegramm:

»Lieber Sohn, gestern Abends um sechs Uhr ist unsere liebe Mutter verschieden. Komme zu uns, wir erwarten Dich in größter Trübsal. Dein Vater.«

-- Gestern Abends, als ich durch das Weltleben schritt, war es geschehen in der armen Hütte. Und zur sechsten Stunde.

Am andern Tag in der Morgenfrühe war ich im Pfarrdorfe. Allein trat ich den Weg an, über schneefunkelnde Höhen und durch lange Wälder, weit hinein in das einsame Gebirgsthal. Unzähligemale war ich den Weg gewandelt, immer hatte ich mich ergötzt an dem Glitzern des Schnees, an den funkelnden Eiszapfen, an den Schneemänteln der Baumäste, oder wenn es Sommerszeit war, an dem Grünen und Blühen und Duften, an dem Vogelsang, an den Tropfen des Lichtes, die niedersickerten zwischen den Ästen, an der Ruhe und tiefen Einsamkeit. Wie oft war ich hier mit der Mutter gegangen, als sie, noch gesund und blühend gewesen, und später, als sie durch Krankheit schon zum Krüppel gemacht, an meinem Arm einherwankte. -- Und ich dachte auf diesem Waldweg an den Lebenslauf meiner Eltern.

Er war junger Mann im Waldhofe gewesen.

Die Leute heißen ihn den Lenz, nicht weil er so jung und blühend und heiter war wie der Lenz, sondern weil er Lorenz hieß.

Sein Vater war, bei einem Raufhandel schwer verletzt, nur kurze Zeit krank gewesen und eines frühen Todes gestorben.

Nun war der Lenz Besitzer des Waldhofes. Um die Traurigkeit seines Vaters wegen ein wenig in den Hintergrund zu drängen, that er etwas Gutes, er suchte sich ein Weib. Er nahm schier die Ärmste und Unbeachtetste, die im Waldthale war -- ein Mädchen, das schauderlich schwarz war die ganze Woche hindurch, das aber am Sonntage doch ein gar zartes weißes Gesichtchen hatte. Es war das Kind einer Kohlenbrennerin, das für seine betagte Mutter arbeitete, seinen Vater aber nie gesehen hatte.

Ein Jahr nach der Hochzeit, im Sommer, schenkte die junge Waldbäuerin ihrem Lenz den Erstgebornen. Der erhielt den Namen Peter und läuft nun damit durch alle Welt, ein ewiges Kind.

Ihr Leben war so eigenartig, ihr Leben war so gut, ihr Leben hatte eine Dornenkrone.

Unser Hof war nicht klein und seiner Tage gut bestellt; aber meine Mutter spielte nicht die vornehme Bäuerin, sie war die Hausfrau und die Dienstmagd zugleich.

Meine Mutter war gelehrt, sie konnte »Drucklesen«; das hatte sie von einem Köhler gelernt. Sie kannte die biblische Geschichte auswendig, und sie wußte eine Unzahl von Sagen, Märchen und Liedern -- das hatte sie von ihrer Mutter. Dabei war sie Beistand mit Rat und That, und sie verlor in keinem Unglücke den Kopf und wußte immer das Rechte. -- »So hat's meine Mutter gethan, so hat's meine Mutter gesagt,« meinte sie stets, und das war ihre Lehre und Nachfolge, selbst als ihre Mutter schon lange im Kirchgarten ruhte. Freilich war zuweilen ein wenig Köhlerglaube dabei, aber in einer Gestalt, daß er nicht schadete, sondern daß er eine milde Poesie verbreitete über das arme Leben in den Waldhäusern.

Die Armen kannten meine Mutter weit und breit; umsonst klopfte keiner an ihrer Thür, hungrig ging keiner davon. Wen sie für wahrhaft arm hielt, und er bat um ein Stück Brot, so gab sie einen halben Laib, und bat er um ein »Gafterl« Mehl, so reichte sie ihm auch ein Stück Schmalz dazu. Und »gesegn' Euch's Gott!« sagte sie dazu, -- das sagte sie immer.