Part 9
Aber bald darauf war ein Aufatmen unter den Leuten, der Überthan hatte sich gefunden.
Und als gegessen war -- wir genossen keinen Bissen -- und als alles bereitet war, da machten sie die Thür auf in die Vorlauben hinaus und knieten nieder vor dem Sarg und beteten laut die fünf Wunden Christi.
Dann stellten vier Männer den Sarg auf die Trage und huben ihn auf und trugen ihn aus der armen Menschenwohnung im Walde und davon über die Heiden und Wiesen und durch hohe Wälder.
Und ringsum war die Winternacht, und über allem lag der Sternenhimmel.
Noch einen Blick auf das leere Bahrbrett, dann zog ich rasch meinen kleinen Bruder mit mir fort, und Vater und Schwestern eilten auch nach, und der ältere Bruder verschloß die Thür, und nun lag die Waldhütte da in der Dunkelheit und in der tiefsten Stille. Das Leben war fort, der Tod war fort -- eine größere Einsamkeit kann nicht mehr sein. --
Man hörte das Summen des betenden Leichenzuges, man sah das Flimmern der wenigen Laternen zwischen den Baumstämmen. Die Träger gingen mit schnellem Schritte, die Beter konnten schier nicht nachkommen auf dem holperigen Schneepfade. Ich war mit dem kleinen Bruder weit zurückgeblieben, der Knabe konnte so schnell nicht vorwärts. -- Im Leben hätte uns die Mutter nie so zurückgelassen, da hätte sie gewartet, ein wenig lächelnd und ein wenig grollend, und den Kleinen an der Hand geführt. Jetzt verlangte ihr schon nach der Ruh'.
Vor dem Pfarrdorfe am Wege steht ein hohes Kreuz mit dem lebensgroßen Bilde des Heilands. Hier setzten sie nach stundenlangem Wallen vom Gebirge her den Sarg zu Boden und warteten auf den Arzt, der aus dem Dorfe kam zur Totenbeschau. Aber als wir zwei Zurückgebliebenen nachkamen, da war der Sargdeckel bereits wieder festgehämmert. -- So konnte ich Dich denn nimmermehr sehen auf dieser Erde, meine Mutter! --
Im Dämmerlichte der Morgenröte zogen sie zur Pfarrkirche ein.
Die Glocken klangen hell zusammen. Mitten in der dunkeln Kirche war ein hoher Sarkophag aufgerichtet, es strahlten viele Kerzen, und es begann ein feierlicher Trauergottesdienst. Der Pfarrer des Ortes, ein alter, blinder Mann mit schneeweißen Haaren, eine ehrwürdige Gestalt, umgeben von Priestern in reichem Ornat, hielt das Requiem. Seine Stimme war hell und feierlich, ein Sängerchor antwortete, und Trompeten und Posaunen tönten durch die Kirche.
Ich sah den Vater an, er mich, wir wußten nicht, wer das alles so angeordnet hatte. Heute weiß ich, daß es meine Freunde in Krieglach gewesen, die uns den schönen Liebesdienst gethan haben.
Als der Trauergottesdienst vorüber war, wurde der Sarkophag weggeräumt, wurden am Hochaltare alle Festkerzen angezündet, und drei Priester, nicht mehr in Farben der Trauer, sondern in rosigem, golddurchwirktem Meßgegewande, traten an die Stufen des Altares, und es wurde ein feierliches Hochamt mit hellem Glockenschall und fröhlichem Musikklange aufgeführt. »Weil sie erlöst ist von dem Leide«, sagte ich zu dem Knaben.
Endlich schwankte der Sarg, reich geziert, von der Pfarrkirche, in welcher die Waldbäuerin voreinst getauft und getraut worden war, dem Friedhofe zu. Die Priester und der Sängerchor sangen laut und hell das Requiem, die Glocken klangen über das Dorf weit hin in die Wälder, und die Kerzen flackerten im Sonnenschein. Ein langer Zug von Menschen bewegte sich durch die breite Dorfgasse. Wir gingen hinter dem Sarg und hielten brennende Kerzen in den Händen und beteten.
Draußen zwischen Äckern und Wiesen auf einer sanften Anhöhe liegt der Friedhof. Er ist nicht klein, denn die Pfarre erstreckt sich weit hin über Berg und Thal. Er ist eingefriedet mit einem Bretterzaun, viele Kreuze von Holz und verrostetem Eisen stehen darin, und mitten ragt das Bildnis des gekreuzigten Erlösers.
Vor diesem Bilde, zur rechten Hand, war das tiefe Grab -- gerade an derselben Stelle, wo sie vor Jahren die zwei verstorbenen Kinder der Waldbäuerin gebettet hatten. Zwei frische Erdhügel lagen am Grabe geschichtet.
Hier ließen die Träger den Sarg zu Boden und entkleideten ihn aller Zier, und arm, wie er gekommen war aus der Waldhütte, rollte er hinab in die Grube.
»Heut' ist's an Dir, morgen ist's an mir; so bin ich schon zufrieden,« murmelte mein Vater, und der Priester sagte: »Sie ruhe im Herrn!«
Dann warfen sie Erdschollen hinab und gingen davon. Gingen dem Wirtshause zu, genossen Wein und Brot und redeten von täglichen Dingen. -- Als die zwölfte Stunde war und nach der Sitte die Kirchenglocken noch einmal anhuben zu läuten, der Bestatteten zum letzten Gruß, machten sich die Waldbewohner auf den Weg gegen ihr Hochthal.
Wir Zusammengehörigen saßen noch eine Weile beisammen und sprachen traurig von der Zeit, die nun kommen mußte und wie sie einzurichten sei. Dann nahmen wir Abschied, Vater und Geschwister gingen heim in die Waldhütte, um in derselben wie die Mutter zu leben und zu sterben.
Mich hat ein Freund in Krieglach zu seinem Tisch geladen, hat einen Becher mit Schaumwein gehoben und das Wort gesagt: »Die Toten sollen leben!«
Sie leben in unserem Herzen.
In der letzten Stunde vor der Abreise nach der Stadt ging ich durch ein Nebengäßchen nach dem Friedhof. Das Grab war noch offen, und einsam stand unten der weiße Sarg. -- Die Sonne Deines letzten Tages geht jetzt unter, und dereinst werden die Zeiten nimmer zu messen sein, vor denen Du das irdische Licht hast gesehen.
Die Erde rollte hinab, und über den Bergen der Waldheimat lag ein fremder Schatten.
[Illustration]
Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
Verlag von L. Staackmann in Leipzig.
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