Chapter 4 of 9 · 3993 words · ~20 min read

Part 4

Was blieb uns übrig, als anzunehmen? Nun gingen wir eine warme Suppe essen, dann machten wir uns flink an das Standaufrichten. Die Thresel hatte ihr eigenes Zeug dazu, welches in einem Gelasse der Taferne aufbewahrt war, und welches wir nun herbeischleppten. Als wir die Bretter heranschleiften, wußte die Thresel ein paarmal solche Schwenkungen zu machen, daß wir damit scharf an das gegenüberstehende Judenständlein anrannten. Dieses wackelte, aber der Maischel stützte es behendig und schmunzelte dabei. Der Jud Maischel war ein gar schlichtes, aber rührsames Männlein, sein Haar und Bart waren kohlschwarz und gekräuselt wie bei neugebornen Lämmern die Wolle, in seinem dunkelroten Gesichte lugten zwei Äuglein, die einem nie ins Antlitz schauten, sondern allemal, wenn er sprach, der Gegenperson an den Hals oder an die Achsel guckten. Der Jud Maischel hatte eine geradezu überchristliche Sanftmut, er war mit nichts zu erzürnen. Tief entrüstet war er einzig nur, wenn man ihm für eine Ware, die er um drei Gulden schätzte, etwa zwölf Groschen anbot. Aber voll tiefer Verachtung schlug er die Ware um dies schmähliche Angebot los, und dem Käufer wurde angst und bang.

»Frau Thresel,« sagte ich nun zu meiner etwas schwermütig gewordenen Prinzipalin, »die Rattnerleut sind Ehrenleut, die kaufen dem Leutanschmierer nichts ab, die Frau Thresel wirds schon sehen.«

»Gott geb's!« seufzte sie auf.

Nun wurde es Abend, und am Abend wurde es lustig. Beim Taferner waren alle Tische besetzt, und auf jedem Tisch stand ein Kerzenlicht, und darüber war der Wein- und Bratenduft und der blaue Tabakrauch, daß es eine helle Pracht war.

Wir zwei saßen im Ofenwinkel, hatten neben uns auf der Bank ein Glas Obstmost stehen, in das wir -- einmal ich und einmal die Thresel -- eine Semmel tauchten. Die Wirtin wollte auch uns Licht bringen, indem sie sagte: »Nicht einmal ein Toter mag ohne Licht sein.«

»Das schon,« antwortete die Thresel, »aber wir zwei sind noch lebendig, und zum Dasitzen sehen wir häufig genug, und daß wir uns für andere beleuchten lassen wollten, dazu sind wir zu wenig schön.«

In Wahrheit wollte sie nur nicht, daß das übrige Krämervolk, welches in der Wirtsstube hochmütigerweise bei Wein und Schöpsenfleisch schwelgte, unser bescheidenes Nachtmahl sehen sollte. Sie hatte eine Ahnung davon, was bei einem Kaufmann der äußere Schein bedeutet.

Die Gesellschaft wurde immer lauter und unbändiger, und etliche Bursche huben an zu singen:

»In Ratten, da ists lustig, In Ratten, da ists lustig, In Ratten, da ist alles frei, Da geht ka Polizei!«

»Leider Gottes!« sagte die Kramer-Thresel vor sich hin, »und jetzt gehen wir schlafen.«

Sie hatte sich eine Kammer bestellt; ich wurde zum Pferdeknecht ins Bett gethan. Der Pferdeknecht hatte schon von Natur einen stattlichen Leib, als er aber so neben mir im Bette lag und schlief -- er schlief wie ein Pferdeknecht -- floß er so sehr auseinander, daß ich an den Rand gedrückt wurde und Gefahr lief, auf den Boden zu fallen. Glücklicherweise war vom Bette etwa nur einen Fuß entfernt die Stallwand, an welcher zwar das Wasser des Stalldunstes niedertropfte, an welche ich mich aber mit dem ausgestreckten Arm dermaßen anstemmen konnte, daß ich dem Drucke meines Bettgenossen die ganze Nacht hindurch glücklich stand hielt. Daß man in solcher Lage vom Schlafe nicht belästigt wird, ist selbstverständlich, und so hatte ich denn Zeit, in Gedanken den Pferdeknecht zu entschuldigen, der, müde von des Tages Last und Plage, rechtmäßig ja über das ganze Bett verfügen konnte; und in Gedanken auch Gebete zu verrichten, daß morgen unter meiner Mitwirkung der Kirchtag für meine Prinzipalin doch um Gotteswillen gut ausfallen möge. Ich sann mir Reden aus, um die Käufer anzulocken und die Waren zu preisen, und ich sah die Leute herbeiströmen zu unseren köstlichen Sachen. Wir hätten Alles verkauft, auch das leere »Standl« noch dazu, wenn ich nicht zu früh von meinem Traume erwacht wäre. Und nun gewahrte ich, daß sich mein Pferdeknecht mitsamt den Pferden fortgemacht hatte -- »schon fahrend draußen aus den kalten Straßen«. Jetzt, das war ein Wohlbehagen, wie ich mich nach Gefallen strecken konnte im weiten Bette und mich einmal gründlich durchwärmen. Ich bedauerte den Pferdeknecht, daß er schon so früh in den Winter hinaus mußte, aber im Grunde wars mir doch lieber, als wenn er noch im Bett gelegen wäre mit seiner breiten, schlaftrunkenen Wesenheit.

Leider dauerte das nicht lange. Die Thresel tastete sich in den Stall, rief meinen Namen und fragte, ob ich ausgeschlafen hätte. Ich sprang sogleich auf. Als wir bei der Frühsuppe saßen in der wohldurchwärmten Wirtsstube, gab mir die Thresel Weisung, wie ich mich am Standl zu verhalten hätte. Für's erste einmal achtgeben, daß nichts »Füße kriegt«, dann, wenn um den Preis von etwas gefragt würde, es ihr -- der Thresel -- allsogleich mitzuteilen, nach ihrem Ausspruch nachher aber nicht mehr »handeln« zu lassen, weil sie die Sachen nicht überschätze. -- Dann gab sie mir zwei Sechser, damit ich wisse, wofür ich mir am Standl Finger und Nase erfrieren lasse, dann nahm sie ihre Kraxe, und wir gingen in des lieben Gottes Namen hinaus auf den Kirchplatz.

Es war noch nächtig, aber man hörte schon das Gesurre der Leute, und die Kirchenglocken läuteten zu der Rorate. An den »Kramerstandln« war viel Hämmern und Schreien, und auch wir prüften nochmals unsere Bude und legten, während drin in der Kirche die Orgel tönte, unter stillem Einschluß in die heilige Messe die Waren aus. Und nun trat mir die Größe und Vielfältigkeit der Habe meiner Prinzipalin ganz vor Augen. Sie hatte alles, denn was sie nicht hatte, daran dachte ich nicht, es war Nebensache. Sie hatte Klein- und Galanteriewaren, wie sie der Bauer braucht, oder wenigstens gerne besäße, wenn er sie kaufen könnte: allerlei Messer und Gabeln und andere Werkzeuge, Geldtäschchen, Brieftaschen, Hosenträger, Uhrschlüssel, Rauchzeug, Sacktücher, Heiligenbildchen, Einschreibebüchlein, Zwirn, Bänder, Kinderspielwaren, Handspiegel und so weiter über den langen und breiten Tisch hin, und was an den Stangen und Haken hing, und was noch in den Laden der Kraxe und in dem unerschöpflichen Ballen war.

Aber als nun der Tag graute -- ein trüber, sachte schneiender Wintertag -- da mußte ich sehen, daß der Jude uns gegenüber all dieselben Sachen ausgestellt hatte, aber viel kecker und wirrer ausgestellt, daß sie ordentlich in die Augen schrien. Und an den Dachecken seines Standls prangten zwei rote Fähnlein wie bei uns zu Kriegszeiten, wenn die Soldaten fortzogen, oder beim Festscheibenschießen am Kaisertag, oder wenn sonst etwas Unerhörtes war. Und zwischen den Fähnlein war eine große Tafel: »Gut und billig, da kauft's ein!« Und nahm jetzt -- wie die Leute aus der Kirche strömten -- der Racker eine Mundharmonika zwischen die Zähne und blies darauf los und schrie über die Leute hin, daß er einen Haupttreffer gemacht hätte in der Lotterie und daher heute alles verschenke. »Das Stück Silberlöffel fünf Kreuzer, das Dutzend noch billiger!« rief er und brachte damit die Leute in Verwirrung. Dann schwang er hellrote Seidentücher über die Köpfe hin, »für Dirndaln!« rief der Maischel, konnte aber nicht einmal die Worte aussprechen, »und wenn eine das tragt um den Hals, laufen ihr alle Buiben nach. Ich gebs aber nicht her!« Und zog es hastig wieder zurück. Solche Sachen trieb er und schrie fortwährend: »Da geht's herbei! da wird gehandelt, geschenkt, noch was draufgegeben, da ist der Glücksberg!« Und immer dichter wurde um das Judenstandl die Menschenmenge, und uns, dem ehrbaren Stande der Thresel, wendeten sie den Rücken zu.

Mir wurden in meinem Zorne alle Schneeflocken grün und gelb vor den Augen, und ich stieß die Thresel: sie solle doch auch zu schreien anheben, daß uns die Leute sähen.

»Du bist nicht gescheit,« sagte sie zu mir, »wo +solche+ Leut lärmen, da ist's ein Schand und Spott das Maul aufzumachen. Da packen wir lieber z'sam'.«

Jetzt hub weiter unten auf dem Platz auch noch ein anderer zu schreien an; das war ein Krainer, wollte aber gescheiter sein als der Jude und rief: »Daher, Leutel, daher! Bei mir ist die Schönheitsseife zu haben, die echte, approbierte und privilegierte Schönheitsseife! Werden alle garstigen Dirndln, die sich damit waschen, engelsauber und alle alten Weiber blutjung!«

»Das ist Schwindel vom Krainer!« rief der Maischel, »bei mir zu bekommen die ganz neu erfundene, blütelweiße und rosenrote Schönheitsseife, aber +nur für die Jungen und Schönen+ zu gebrauchen, daß sie nicht werden alt. Echt und billig. Meine Herren und Damen, geht nicht vorbei an Eurem Glück!«

Selbstverständlich wählte jede die Seife des Juden.

Nun hub der Maischel an und schellte mit einem Sack Nummern und ließ ziehen. Er spielte seine Waren aus; mit einem Groschen Einsatz konnte man goldene Ringe und Uhren, ganze Fläschchen von Liebestränken und die unglaublichsten Schätze gewinnen.

Die Thresel hatte den lärmenden Juden lange beobachtet -- Zeit hatte sie dazu -- und nun sagte sie kopfschüttelnd: »Der ist vom Teufel besessen.«

Der Markt war schon im vollsten Gange, es wurde gefeilscht und gekauft, es wurden Späße getrieben beim Lebzelter und beim Schnapsschenker, und man hörte singen:

»In Ratten, da ist alles frei, Da giebt's ka +Polizei+!«

Weiber gingen umher von Stand zu Stand und füllten ihre Handbündelchen mit Äpfeln, Nüssen, Lebzelten und Spielwaren für ihre Kinder zum »Nikolo«. Ich hielt die Hände in den Hosentaschen und zappelte mit den Füßen hin und her und klöpfelte die hartgefrornen Schuhe aneinander. Von den Zehen wußte ich ohnehin nichts mehr, sie gaben kein Lebenszeichen von sich, was übrigens in jenen Zeiten bei mir nichts Neues war -- die Zehen hielten ihren Winterschlaf, und die Kälte fing mir in ihnen allemal erst an weh zu thun, wenn es warm wurde. Nun so trippelte ich an unserem vergessenen Standl, und wir hatten immer noch nicht ein Stück verkauft. Mir war zum Verzagen.

»Ich möchte in den Erdboden sinken,« flüsterte ich der Thresel zu.

»Dazu ist er viel zu hart gefroren,« war ihre Antwort, »aber das muß ich schon sagen, ein solcher Kirchtag ist mir was Neues.«

Das Wort hat mich ins Herz getroffen. Vielleicht war ich die Schuld! Ich hatte keinen Schick, gar keinen, konnte die Sache nicht betreiben, stand da »wie der Damerl beim Thor« und schaute blitzdumm drein. -- Ein solcher Kirchtag ist ihr was Neues!

Jetzt sah ich am Rande unseres Standels einen guten Bekannten von meiner Gegend, es war des Grabenbergers Geißbub, das Natzelein. Das lugte so auf die bleiernen Taschenuhren her und auf die Ludelpfeifen und auf die blinkenden Federmesserlein und auf mich, wohl erwägend, wieso ich bei diesen Schätzen stehe, die er mit gierigen Augen angriff, nachdem ihm früher die Thresel mit den Worten: »Schau, das gehört nicht Dein, das laß stehen!« seine Finger von einem zinnernen Streichholzbüchslein losgelöst hatte. Zu diesem Natzelein strich ich nun hin, und ihm heimlich meine zwei Sechser in die Hand drückend, flüsterte ich ihm hastig ins Ohr: »Kauf was! Kauf Dir was!«

Alsbald stand ich wieder an meinem Platze und schaute mutiger auf die ergebene Thresel hin, mit Herzklopfen die Herrlichkeit erwartend, da ja jetzt bald ein Käufer anrücken würde.

Das Natzelein lugte in seine hohle Hand, und als es sah, es wären zwei silberne Sechser drin, machte es ein grinsendes Gesicht zu mir herüber, dann drehte es sich flugs um und kaufte drüben beim Juden ein Tabakrauchzeug.

Jetzt vergaß ich meiner Würde, hin schoß ich zwischen den Beinen der Leute wie ein gereizter Tiger auf das Natzelein zu und warf es zu Boden. Ein Gebalge entstand, daß der Schnee stäubte und die Leute mit hellem Gelächter einen Kreis um uns bildeten. Ich wollte dem Natzelein für seinen Hochverrat die neue Pfeife entwinden und sie zu Scherben machen, aber der Rattner Gemeindediener ließ mir keine Zeit dazu. Dieser Mensch faßte mich auf einmal beim Rockkragen an und zog mich hübsch kräftig in die Höhe; und weil alles rief, ich hätte ohne allen Anlaß den arglosen Jungen überfallen, so war nun vom Gemeindekotter die Rede.

Da kam ich drauf, daß der Ausspruch der Thresel auch auf mich passe: »Ein solcher Kirchtag ist mir was Neues.« Aber ich biß in die Lippen hinein, und wie sie mich auch verhörten: warum ich wäre raufend worden? das wäre sauber, wenn es an Kirchtagen die kleinen Buben den Großen nachmachen wollten! -- ich sagte kein Wort. Ich konnte keins sagen und wollte auch nicht, weil ich mir dachte, sie könnten dann glauben, das, was geschah, wäre aus Geschäftsneid geschehen.

So wurde ich nun befragt, ob ich der Kramer-Thresel ein Sohn sei; da schrie meine Prinzipalin vom Standel her, ich wäre nichts weniger als ihr Sohn, ich wäre der Waldbauernbub, sonst ein gutes Kind, aber ich müsse vor Kälte wahnsinnig geworden sein.

Der Gemeindediener von Ratten konnte nichts Besseres thun, als stark in seinen riesigen Schnurrbart hineinzupfauchen und mich dann an der Hand durch die Leute, die ganz grauenhaft bereitwillig uns eine Gasse bildeten, vom Marktplatze wegzuführen. Vom Markte weg und hinaus vor das Dorf, wo er mich mit dem wohlgemeinten Rate, ich solle schauen, daß ich heimkäme, auf der freien Straße stehen ließ.

Von rechtswegen hätte ich jetzt wimmern sollen, allein ich konnte nicht, meine Entrüstung war zu groß. Ich beschloß, nicht zu schauen, daß ich heimkäme, sondern auf der Straße zu warten, um über den Grabenberger Buben, wenn er des Weges ginge, ein gerechtes Gericht zu halten und auch die Kramer-Thresel abzupassen, um ihr den ganzen Sachverhalt mitzuteilen, wie ich dem Natzelein mein Geld gegeben, daß er ehrenhalber bei uns was für sich kaufe, und wie diese falsche Kreatur die Silberlinge zum lärmenden Juden getragen habe.

Spät am Nachmittage, als schon das Volk der ganzen Gegend mit seinen verschiedenen Einkäufen und Räuschen zu Fuß und zu Schlitten vorübergezogen war, kam die Thresel mit ihrer schweren Trage herangeschnauft, und neben ihr watschelte die Kreatur daher mit verbundenem Kopf, liebreich von der Alten an der Hand geführt und gezärtelt, als wollte sie es gut machen, was ihr Bursche an diesem Natzelein verbrochen. Unter solchen Umständen verbarg ich mich rasch hinter einen Fichtenstamm und ließ sie vorbeiziehen. Und dann ging ich ihnen langsam nach, voll der tiefsten Betrübnis.

Ich war noch nicht auf halbem Wege, als eine solche Müdigkeit über mich kam, daß ich mich an den Schnee hinlehnte um zu rasten. Auf diesem Pfade gingen keine Menschen mehr. Es war im Hausteiner Walde, die Häher und Krähen stäubten Schnee herab von den Bäumen. -- Ich mußte schon recht gut geschlafen haben, da wurde ich plötzlich aufgerüttelt, und vor mir in der Abenddämmerung stand der Hausierer Maischel mit seinem Bündel.

»Was ist's denn mit Dir, Würmlein,« sagte er, »das Erfrieren ist ja nicht gesund! Da müssen wir noch beizeiten einheizen!« Er hielt mir ein Holzplützerchen an den Mund, und als ich daraus ein paar Schlucke that, da wurde mir so warm inwendig, so warm ums Herz, daß es mir zu Sinn kam: der Maischel ist doch kein schlechter Mensch. Da er fand, daß es nicht ratsam sei mich allein zu lassen, so ging er mit mir bis zum Hause meines Vaters. Also ist es geschehen, daß ich mit der Thresel ausging und mit dem Maischel heimkam.

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Als ich das Ofenbückerl war.

Warum es so frostig wird heutzutage? Warum wir gefroren sind? Weil wir keinen ordentlichen Ofen mehr bauen können. Allen Respekt vor den schwedischen und russischen Öfen, vor den Berliner und Meißner Öfen, gar zierlich sind sie und ein Zimmerschmuck und alles mögliche, aber so recht gemütlich? -- So recht gemütlich ist nur der große, breite, behäbige Kachelofen mit seinen grünen oder braunen Augenreihen, mit seinem Holzgeländer und seiner Ofenbank. Die Ofenbank, wo die Kindheit und das Alter hocken, das Enkelein und die Großmutter -- und die alten Märchen!

Daheim in meinem Vaterhause, da stand so einer! Ganz hinten in der linken Stubenecke, wo es immer etwas dunkel war. Über der breiten Ofenbank, die sich um ihn herumzog, war eine Reihe viereckiger Plattkacheln und darüber in weißem Lehm eingefügt die runden Kacheln mit hervorquellenden Bäuchen, in welchen sich die lichten Stubenfenster mit ihren Kreuzen spiegelten. Der Ofen strebte breit auf und wölbte sich oben in Kacheln sachte zusammen. Wenn man fragte, wie alt er sei, so antwortete der Vater: »Mein Ähndl wird ihn haben setzen lassen, oder der Urähndl.« Freilich wurde jeder kleine Schaden an ihm sofort verkleistert und mit weißem Lehm übertüncht, freilich wurden ihm fast alle Samstage die großen Augen gewaschen, so daß er immer jung und frisch in die Stube schaute. Umfriedet war er von dem leiterartigen Geländer, an das die Mutter unsere frischgewaschenen Hemden zum Trocknen hing. Denn warm war es bei diesem Ofen immer, selbst im Sommer, wo sonst der Brunnentrog warm und der Ofen kalt zu sein pflegt. Er wurde überhaupt nie kalt, und es mochte sein, wie es wollte, es mochte regnen oder schneien oder winden -- auf der Ofenbank war's immer gut. Und wenn draußen der Sturm toste in den alten Fichten und der hölzerne Hirsch an der Wand klapperte, und wenn die Blitze bleckten, daß die ganzen Berge über dem Graben drüben grün und gelb waren, und wenn der Donner schmetterte, als breche schon der Dachstuhl nieder mitsamt dem Giebel und seinen Schwalbennestern, da dünkte mich die Ofenbank der sicherste Ort, wohin das Verderben so leicht nicht reichen könne. Kurz, die Ofenbank war mir der trautsamste Mittelpunkt des heimatlichen Nestes. Lange Zeit hatte ich mein Bett auf derselben. Ich lag auf der Ofenbank, als ich so klein war, daß im Munde noch der »Zutzel« und zwischen den Beinen noch die Windel stak; ich lag auf der Ofenbank, als ich so krank war, daß die Mutter mich dem Himmel gelobte, wenn er mich nicht zu zeitlich nähme (das wurde später rückgängig, weil das Geistlichwerden Geld kostete). Ich lag auf der Ofenbank, als ich so dumm war, allmorgentlich die Oberlippe mit Seife einzureiben, damit der Schnurrbart endlich wachse. Ich lag auf der Ofenbank viel später, als der Bruder Jakob mir den Bart wegkratzte, weil er mir zuwider war. Und wenn ich in früheren Zeiten dort so lag, da hörte ich manchmal hinter den Kacheln drin leise das Feuer knistern, wenn die Mutter morgens eingeheizt hatte; es wurde wärmer, aber es wurde nicht schwül um mich. Es wurde nie kalt, und es wurde nie heiß, und wenn mir einer so einen alten Kachelofen plump und unförmig schimpft, so stelle ich seinem Leben nach. Denn über den besten Freund unseres Hauses lasse ich nichts kommen.

Er gab uns nicht allein Wärme, er gab uns auch Brot. Alle zwei Wochen einmal war Backtag. Man kennt die Stattlichkeit der Brotlaibe bäuerlicher Abkunft; solcher Laibe ihrer vierzehn hatten nebeneinander Raum auf dem glühheißen Steinboden drinnen.

Während der Ofen also das Brot buk, hatte unsere Mutter ein besonderes Heil mit ihm. Da durfte kein feuchter Lappen in seiner Nähe hängen, da durfte in der Stube keine Thür und kein Fenster aufgemacht werden, damit kein ungeschaffenes Lüftchen den braven Ofen anwehe und seine Frucht etwa beeinträchtige. Zwei Stunden lang dauerte die Backzeit, und da war es in der Stube allerdings so, daß nicht bloß die Heiligen schwitzten auf dem Hausaltare, sondern auch alle Fenster -- selbst im hohen Sommer. Die Fenster sind sonst nicht so wie unsereiner, der im Sommer schwitzt; die Fenster schwitzen im Winter, wenn's drinnen wärmer ist als draußen. Aber beim Backen gab's eine Ausnahme. Einmal stieß in solch heikler Stunde des Backens der Wind ein Fenster auf; was geschah? Die Brotlaibe, die schon angefangen hatten aufzuschwellen, fielen in sich zusammen und blieben spickig wie ein Klumpen Schmer. Nicht +ein+ so großes Löchelchen im Innern des Laibes, daß man ein Haferkorn, geschweige eine Erbse drin hätte verstecken können! Damals hat die Mutter geweint. Wir aßen das Brot in der Suppe wie sonst. »Wenn's den Laib im Ofen nicht auftreibt, so treibt's den Magen auf,« heißt es, und so war's auch.

Am Backtag gab's für mich kleinen Buben allemal eine säuerliche Freude. Denn bevor das Brot in den Ofen kam, mußte ich hinein. Aber zum Glücke nicht nach dem Feuer, sondern vor demselben. Da war's etwas staubig drinnen und rußig und ganz finster. Mit einem Besen aus Tannenreisig hatte ich den Steinboden des Ofens auszufegen, Kohlen, Asche fortzuschaffen und dann die großen Holzscheiter übereinander zu schichten, die mir die Magd zum Ofenloch hineinsteckte. Ich weiß nicht, ob die Spanier im Mittelalter auch so geschichtet haben: zuerst eine Brücke gerade aus, darüber eine Brücke in die Quere, dann wieder eine gerade aus und eine in die Quere u. s. w. So baute ich den Scheiterhaufen, und so brennt's am besten. Die Scheiter waren anderthalb Ellen lang, und als das Gebäude aufgeführt war bis fast zur Wölbung, da engte es sich arg, und da kroch ich ringsherum, zu sehen, oder vielmehr zu tasten, ob es gut war -- und dann zum Loch hinaus.

Zum Lohn für solch finstere Thaten bekamen wir Kinder jedes ein frischgebackenes Brotstritzlein, welches wir gleich in noch dampfendem Zustande verzehrten.

Wie die Scheiter gebaut wurden, ist schon gesagt worden. Alsdann den Stoß anzünden, brennen lassen, ausgluten lassen, die Glut mit einem Krückel auseinanderstieren, dann herauskratzen und mit der Ofenschüssel, einer langbestielten Holzscheibe, die kugelrunden Teigklumpen hineinschießen.

»Einschießen«, ja, das war der Ausdruck dafür. Ich vermute, die Mutter hat während des Einschießens allemal ein heiliges Gelöbnis gemacht: Einen Rosenkranz extra will sie beten, oder einem Bettler besonders will sie ein großes Stück Brot schenken, wenn's gelingt. Denn wie ich schon angedeutet -- allemal gelang es nicht.

Einigemal lieferte uns der Ofen etwas besonders Gutes. Ein strudelartig breit und dünn ausgewalzter Teig wurde in den heißen Ofen geschossen; nach einiger Zeit kam die Platte heraus, hatte eine bräunliche Farbe und war hart und spröde wie Glas. Schon das war fein zu knuspern. Nun kam aber die Mutter, zerkleinerte mit dem Nudelwalzer knatternd diese Scheibe aus Mehl, that die Splitter in eine Pfanne, wo sie geschmort und geschmälzt wurden. Das war hernach ein Essen! Scharlbrot wurde es genannt. Ich habe diese ganz eigenartig wohlschmeckende Speise sonst nirgends wieder gefunden, möchte aber gerne ihren und ihres Namens Ursprung wissen.

Der Ofen hatte auch noch andere Verpflichtungen: er dörrte das Korn, bevor es in die Mühle kam. Denn da oben im Gebirge will's nicht recht trocknen, und so mußte das Korn auf den heißen Boden hinein, wo es mit dem langstieligen Krücklein fortwährend umgerührt ward. Desgleichen dörrten wir im Ofen auch das »Hablam« (trockene Blüten- und Samenabfälle des Heues), aus welchem ein sehr geschätztes Mehl für Mastvieh bereitet wurde. Auch Kirschen, Heidelbeeren und Schwämme machte uns die Ofenhitze solchermaßen tauglich zum Aufbewahren für den Winter. »Die ausgetrockneten Früchte halten länger als die vollsaftigen!« sagte das steinalte und spindeldürre Everl, als die junge Martel auf der Bahre lag. Das Everl dachte dabei vielleicht an die schwere heiße Lebenszeit, die es selber ausgetrocknet und gedörrt hatte, wie der Ofen die Pflaume.

Einmal -- und das ist's, was ich eigentlich erzählen will -- spielte es sich, als sollte in unserem großen Ofen auch Fleisch gebraten werden.

So um Allerheiligen herum war ein junger, schlank gewachsener Vagabund zu uns gekommen. Ich weiß nur noch, daß er sehr lange Beine hatte und im Gesicht eine platte Nase und darunter eine Hasenscharte. Er schien soviel als erwachsen, hatte aber das Stimmlein wie ein Knabe. Und mit diesem Stimmlein fragte er ganz hell und grell meinen Vater, ob er über den Winter dableiben dürfe?

»Das ledige Herumzigeunern ist halt nur im Sommer lustig,« antwortete ihm mein Vater. »Nun, wenn Du dreschen willst, so kannst bleiben. Kost und Liegerstatt wirst Dir doch verdienen.«

Der Bursche war nicht blöde, that gleich, als ob er bei uns zu Hause wäre, und beim Nachtmahl erzählte er laut, daß er vor kurzem in einer Gegend gewesen sei, wo es ein sehr gutes Essen gab: das Kraut wäre gezuckert gewesen, der Sterz mit Wein geschmalzen, und die Knödeln wären durch und durch schwarz gewesen vor lauter Weinbeerln.

Darob wurde der Junge ausgelacht, und unser Stallknecht sagte: die Sachen wären ja nicht zuwider, aber anders gemischt müßten sie sein: zum Sterz die Weinbeerln, zum Wein der Zucker und zu den Knödeln das Kraut. Hernach sagte der Kaunigl -- so nannte sich der Bursche mit seinem Kinderstimmlein -- er habe auch schon Schwabenkäfer in Buttertunke gegessen, die seien sehr gut! worauf ihm mein Vater den Rat gab, er solle stille sein.