Part 5
Nach dem Essen, als kaum das letzte Kreuz gemacht war, zog der Kaunigl ein Büschel Spielkarten aus der Hosentasche, mischte es kundiger Hand, warf für drei Personen ein Spiel aus und blickte fast erstaunt umher, ob denn keiner mitthun wolle? Ich lugte hin nach den leicht geschweiften Karten mit dem geeichelten Rücken und den bunten Figuren, die der Kaunigl so glatt abzulegen und so schön pfauenradförmig in der Hand zu halten wußte. Ich wollte schon anbeißen, da fuhr der Vater drein: »Weg mit den Karten! Morgen ist der Armenseelentag (Allerseelen)! Denkt's aufs Beten!«
Am nächsten Tage, während der Vater in der Kirche war, saßen wir, der Kaunigl und ich, in der Flachskammer und spielten Karten. Ich mußte erst die Blätter kennen lernen, aber merkwürdigerweise wurde ich mit den zweiunddreißig Kartenfiguren viel leichter vertraut, als ein Jahr vorher mit den vierundzwanzig Buchstaben. Leider kam die Mutter um einen Rocken für ihr Spinnrad, sie verdarb alles. »Aber Buben!« sagte sie, »derbarmen euch die armen Seelen nicht, daß ihr so was treibt am heutigen Tag?!« Wir verzogen uns. Aber der Hasenschartige hatte mir's schon angethan. Er wußte und konnte allzuviele merkwürdige Sachen, die noch dazu verboten waren!
An einem der nächsten Tage hockten wir im Heustadl auf einem Futterhaufen und spielten wieder Karten. Ich hatte solche Fortschritte gemacht, daß mir nicht bloß die Figuren, sondern auch schon sehr viele Spiele bekannt waren. So thaten wir »zwicken«, »brandeln«, »mauscheln«, »bettlerstrafen«, »königrufen«, »grün' Buben suchen«, »pechmandeln«, »mariaschen« und anderes. Weil kein Tisch war, so legten wir die Karten aufs Knie, zwickten sie zwischen die Beine, und der Kaunigl steckte seine Trümpfe sogar einmal in die Hasenscharte. Keuchte gählings das alte Everl die Leiter herauf. Wir verhielten uns im dunklen Raum mäuschenstill, aber sie hatte uns doch bemerkt. »Buben!« rief sie, »was thut's denn, Buben?«
»Beten,« gab der Kaunigl zur Antwort.
»Ja, beten! Mit des Teufels Gebetbuch, gelt?« rief das Weiblein. »Wißt's es nit, daß der Vater das Kartenspielen nit leiden mag? Wird euch schön sauber der Schwarze bei den Füßen packen und in die Höll hinabschleifen.« Somit war's mit dem Spiel wieder aus. In die Höll hinabschleifen, das wär so etwas!
Am nächsten Sonntage machte der Kaunigl den Vorschlag, daß ich mit ihm in den Schachen (Wäldchen) hinausginge, damit wir bei unserer Unterhaltung endlich einmal Ruh hätten. Aber es regnete, und es schneite, und es ging ein kalter Wind, also daß ich der Einladung nicht nachkam. Ob ich aus Papier wäre? piepste hierauf der Kaunigl, daß ich fürchten müsse, vom bissel Regen aufgeweicht zu werden und auseinanderzufallen! Im Wassergraben habe er seiner Tage am besten geschlafen, und so wie er schwarze Erde mit Brennesseln esse, wenn er sonst nichts habe, so wolle er sich in Ermanglung eines Bettzeuges nackend in Schnee einwickeln, und ich solle lieber in der Mutter ihren Kittel hineinschliefen. -- Aber schon an demselben Nachmittage kam der Kaunigl mit etwas anderem, was ich in der Lage war anzunehmen. Die Stube war besetzt vom Vater, der an der Wanduhr etwas zu basteln hatte, und von den Knechten, die ihre Schuhe nagelten. In den übrigen Winkeln des Hauses war es auch nicht sicher, also in den Ofen hinein! In demselben war ein Holzstößlein geschichtet, wir krochen hinter das Stößlein. Nachdem der Kaunigl den Deckel des Ofenloches zugezogen hatte, zündete er die mitgebrachte Kerze an, that die Karten hervor, und wir huben an. Gemütlicheres giebt's gar nicht auf der Welt, als in einem großen Kachelofen bei Kerzenbeleuchtung »brandeln« oder »zwicken« oder »mariaschen«. Die rötlich gebrannte Mauer, die schwarzen Kachelhöhlen um und über uns bargen und hüteten, und nun waren wir doch einmal sicher und konnten »fabeln« oder »mauscheln« oder was wir wollten, bis in die späte Nacht hinein. Durch die Kacheln von der Stube her hörten wir ein Surren; sie thaten Rosenkranz beten, der Kaunigl warf die Blätter auf ein »Brandeln«. Wir spielten um Geld. Gewann er, so blieb ich schuldig, gewann ich, so blieb er schuldig. Es soll keine größere Ehrlosigkeit geben, als Spielschulden nicht zahlen. Lieber Leser, so einer bin ich! -- Just hatte ich wieder ein schönes Blatt in der Hand: zwei Könige und drei Säue und den Schellschneider, der Trumpf war -- da klirrte plötzlich der blecherne Ofenthürdeckel. Das Licht war sofort ausgeblasen, und wir verhielten uns still wie zwei tote Maulwürfe. Jetzt geschah etwas Unvorhergesehenes, etwas Schreckliches. Vor dem Ofenloche stand das gedörrte Everl und fuhr mit einer Spanlunte herein in den Holzstoß, der zwischen uns und dem Ausgange war. Die Flammen leckten an den Scheitern hinauf. Ich zwischen durch und mit einem kreischenden Schrei hinaus, daß das alte Everl vor Schreck in den Herdwinkel fiel. Dem Kaunigl ging's nicht so gut, dem spießten sich die langen Beine, er konnte zwischen Wand und Scheiterstoß nicht sofort heraus, der Rauch verschlug den Atem, und schon hörte man nichts mehr von ihm.
»Der Kaunigl ist drinnen!« schrie ich wie verzweifelt, da wurde mit dem Sterkrampen der brennende Holzstoß, Scheit um Scheit, herausgerissen auf den Herd, und schließlich wurde mit demselben Krampen ein Häuflein Mensch herausgezogen, das ganz zusammengekauert war wie eine versengte Raupe und dessen Kleider bereits an mehreren Stellen rauchten.
Zwei Schöpfpfannen Wasser goß ihm das Everl ins Gesicht, da wurde der Kaunigl wieder lebendig.
Als jetzt auch einige Spielkarten zum Vorschein kamen, so kannte sich das Everl gleich aus. »Was hab ich denn gesagt, Buben!« so redete sie, »hab ich nicht gesagt, ihr kommt's mit dem verflixten Deuxelszeug in die Höll? Im Fegfeuer seid's nu schon gewesen.«
Mein Vater wollte den Burschen davonjagen, that's aber nicht, weil der Bursche nicht darauf gewartet hat. Wo der Kaunigl anders zugesprochen, das weiß ich nicht; jedenfalls konnte er eine neue Erfahrung zum besten geben: Er hatte nicht allein Schwabenkäfer in Buttertunke gegessen, in Wassergräben geschlafen, sich nackend in Schnee gewickelt, er hatte auch im Feuerofen Karten gespielt.
Mir war von diesem Tage an der alte große Ofen auf lange nicht geheuer; mit seinen grünen Augen schaute er mich so drohend an: Bübel, wirst noch einmal Karten spielen, während die anderen beten?!
Erst als ich wieder brav geworden war, ganz ordentlich und fleißig, blickte mich der Ofen neuerdings freundlich an, und es war wieder so heimlich bei ihm wie früher. Später sind seine guten Augen erblindet, dann ist er in sich zusammengesunken wie ein Urgroßmütterlein, und heute geht's ihm, wie es bald uns allen ergehen wird -- nichts mehr übrig als ein Häufchen Lehm.
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Als ich um Hasenöl geschickt wurde.
Im Jahre so und so viel hatten wir zu Pfingsten noch einen Kübel Schweinsfett vorrätig. Der Vater hatte ihn nicht verkauft, weil er meinte, die Mutter würde ihn zu Hause aufbrauchen, und die Mutter hatte ihn nicht aufgebraucht, weil sie glaubte, der Vater würde ihn ja verkaufen wollen. Und während dieses wirtschaftlichen Zwiespaltes war das Fett ranzig geworden. Jetzt hätte es die Mutter gerne verkocht, allein so oft ein Sterz mit diesem Fette auf den Tisch kam, schnupperten die Knechte mit der Nase und sagten: Schusterschmer äßen sie nicht! Es war aber kein Schusterschmer, es war heilig ein echtes reines Schweinsfett, und das wußten sie auch, und deshalb war es höllisch bösartig, daß sie solche Reden führten. Die Mutter war sonst ein sehr frohes und glückliches Weib, wenn aber ein Dienstbote über die Kost klagte, da wurde sie ganz verzagt und lud die anspruchsvollen Knechte wohl auch ein, sich nur selber einmal zum Herde zu stellen und mit den vorhandenen Mitteln eine Prälatenmahlzeit zu kochen. Unter Prälatenmahlzeit verstanden wir nämlich nichts Schlechtes.
Nun hatten wir zu dieser Zeit eine alte Einlegerin im Hause, die für alles einen guten Rat wußte. Sie war zwar auf beiden Augen blind, sah aber doch gleich, was da zu machen war.
»Ein schlechtes Schweinschmalz hast, Bäuerin!« rief sie kecklich aus, »ranziges Schmalz kaufen sie nur noch in der Apotheken, sonst nirgends nit und gewiß auch noch!«
Ja, die Apotheken, das ist wahr. Die hat im vorigen Jahre auch Gamswurzeln genommen und Arnikablumen und gedörrte Hetschepetsch, die nimmt alles, was schmeckt (riecht), die nimmt auch das Schweinschmalz. Und ich, der zwölfjährige Hausbub, bin hervorgesucht worden, um am Pfingstmontag zeitlich in der Früh das Kübelchen beim Henkel an den Stock zu hängen und so über der Achsel hinabzutragen nach Kindberg in die Apotheke. Und bei dieser Gelegenheit sollte ich auch etwas anderes besorgen.
Da hatten wir zur selbigen Zeit einen alten Weber in der Einwohne, der nahm, wenn keine Arbeit war, oft den Kopf in beide Hände, brummte schier unheimlich vor sich hin und sagte dann zu dem, der just da war: »Mensch, ich werde ganz blöd. Just, als hätte ich ein Hummelnest im Kopf, so thut's brummen, weiß der Ganggerl, was das ist. Immer einmal ganz dumm komm ich mir vor, das ist mir jetzt schon zu dumm!«
Und antwortete ihm nun auf einmal die alte Einlegerin: »Wenn Du dumm bist, Hartl, so mußt Du Dir mit Hasenöl die Schläfe einschmieren.«
»Alte Dudl, wo soll denn ich ein Hasenöl hernehmen?« begehrte der Weber auf.
»In der Apotheken kriegt man's,« lautete ihr Bescheid, und so sollte ich nun für den Weber Hartl um zwei Groschen Hasenöl einkaufen in der Apotheke zu Kindberg. Hasenöl? Geben denn diese Tiere auch Öl sowie der Leinsamen und der Rüps? Natürlich wird's so sein, denn, wenn's kein Hasenöl gäbe, so könnte man ja keins kaufen.
Als ich nach langem Marsche gegen Mittag mit meinem Küblein in die lateinische Küche zu Kindberg kam, hieß es dort, Schweinsfett brauche man jetzt nicht, und wäre es auch ganz frisch.
»Es ist aber nit frisch!« versicherte ich, »es schmeckt schon!«
Dann sollte ich nur in die Apotheke nach Bruck hinabgehen! meinte der Herr lachend; ich aber dachte: Wenn Du mir kein Schweinsfett abkaufst, so kaufe ich Dir kein Hasenöl ab -- und machte mich auf den Weg. -- Daß es aber so lange Straßen geben kann auf der Welt, wie dieser Weg war bis Bruck! An beiden Seiten des Thales Berge und Gräben, das Wasser einmal rechts und dann links und dann wieder rechts; ein Dorf um das andere, dieses hatte einen Kirchturm, jenes keinen, in manchem Wirtshause gab es Musik, in manchem helles Geschrei; mancher Wanderer lallte taumelnd des Weges dahin, mancher ruhte friedsam im Straßengraben -- und immer so fort. Allzumal muß auch erzählt werden, daß die Sonne sehr heiß schien und mein Schweinsfett hinter dem Rücken Fluchtversuche machte, wie später an den Spuren auf meinem Rock zu bemerken war.
Bruck ist eine Stadt. Ich hatte noch nie eine Stadt gesehen. Ein vielgereister Handwerksbursche hatte bei uns einmal erzählt, Wien, Paris und Bruck wären die größten Städte der Welt, und in Bruck stünde das achte Weltwunder: ein eiserner Brunnen.
Auf dem Wege zu solchen Merkwürdigkeiten wird man nicht müde. Die Sonne ging schon hinter den Berg hinüber, als ich mit meinem Küblein einzog in die große Stadt Bruck. Mein erstes war, dem eisernen Brunnen nachzufragen, denn auf dieses Wunder war ich vor allem gespannt. Welche Enttäuschung, als aus einem rostigen Gitterwerke ein Brunnen herausrann, ganz wie jeder andere Brunnen auch -- von Wasser, und nicht von Eisen!
Die Apotheke ließ sich auch nicht lange suchen, stand doch der heilige Josef mit dem Knäblein an die Thür gemalt, und der steht, das wußte ich schon, immer bei den Apotheken. Da drinnen war ein altes weißköpfiges Männlein mit Brillen, die es dazu benützte, über- oder unterhalb derselben recht schalkhaft auf mich herzublicken, als ich mein Schweinsfett ausbot, das Pfund um sieben Groschen. Er fragte, ob Safran in der Butten wäre! worauf ich eine Weile that, als besänne ich mich.
»Na na,« näselte das Herrlein, »wenn Du Deine Schmier nicht gern giebst, so geh nur gleich wieder!« Da ließ ich sie ihm ab. Er wog das Küblein mit einer unendlichen Gleichgiltigkeit, das gab gerade drei Pfund, das Holz wie das Fett zahlte er pro Pfund zu fünf Groschen. Der Kübel wurde in eine dunkle Nebenkammer getragen, leichten Herzens bin ich von ihm geschieden. -- Und nun um zwei Groschen Hasenöl! -- Solle in einer Viertelstunde wiederkommen.
Ich war hungrig und durstig geworden, ging hinaus und suchte ein Wirtshaus. Es standen ihrer ein paar stattliche da herum, mit großen Fensterscheiben, durch die schneeweiß gedeckte Tische zu sehen waren. Ich traute ihnen nicht recht. Wenn andere +gute+ Wirtshäuser suchen, so ist das ihre Sache, ich für meinen Teil suchte ein schlechtes, war mir wohl bewußt, was draufgehen durfte. Glücklich fand ich das gesuchte; die Stube war dunkel und voller Fliegen, die an den braunen kleberigen Holztischen herumkrochen; das halbe Seidel Wein war lau und kamig, aber naß, und das genügte mir. Die Semmel von vorgestern war schon deshalb zweckmäßig, weil sie mehr ausgab als etwa eine von heute. Diese Genüsse verschlangen zu meinem nicht geringen Schrecken ein halbes Pfund Schweinsfett, und ich -- als der bloß nach Kindberg geschickte -- durfte über das Kapital nicht verfügen!
In die Apotheke zurückgekehrt, gab es dort Leute. Ich hatte zu warten und setzte mich hinterwärts auf eine Winkelbank, von der aus schön zu sehen war, wie dieses ehrwürdige Geschäft, mit allerhand Mitteln die Leute gesund zu machen, betrieben wurde. Da kam jemand und verlangte Fuchsschmalz. Das alte Männlein langte einen schwefelgelben Tiegel vom Gesimse, stach mit einem zierlichen Schaufelchen ein Batzlein heraus auf ein Papier, legte es auf die kleine Wage: »So, Vetter, da sind vier Quintel Fuchsschmalz, kosten zwei Groschen.« Hernach verlangte eine Frau Pillen. Eine andere bekam ein winziges Fläschchen. Ein Knabe begehrte Dachsfett als Mittel gegen den Kropf. Der Apotheker langte emsig nach dem schwefelgelben Tiegel auf dem Gesimse und gab, ähnlich wie früher, das Verlangte. Das fiel mir auf, er mußte sich vergriffen haben, in diesem Tiegel war doch das Fuchsschmalz. Hierauf wurden Pulver angefertigt und kleine Schächtelchen und Fläschchen allerlei. Ein altes Weib kam hereingehumpelt, beklagte sich über die Gicht, und ob sie nicht eine Gichtsalbe haben könne. »Gewiß, liebe Frau!« sagte das Männlein, langte wieder nach dem schwefelgelben Tiegel und gab die Gichtsalbe heraus. Jetzt hub dieser schwefelgelbe Tiegel auf dem Gesimse an mir unheimlich zu werden. Weil die Zeit verging und ich immer noch nicht bemerkt wurde, so trat ich endlich aus dem Winkel hervor und bat um mein Hasenöl.
»Ei ja richtig, Kleiner. Du bist auch da. Du bekommst Hasenöl!« sprach freundlich das Männlein, nahm den Schwefelgelben vom Gesimse und stach mir gestocktes Hasenöl heraus.
Noch hatte ich das kostbare Mittel, welches in ein ganz kleines Tiegelchen gethan war, kaum geborgen in meinem verläßlichsten Rocksack und es redlich bezahlt, als wieder ein Frauchen zur Thür hereinkam und fragte, ob frisches Schweinsfett zu haben wäre als Medizin?
»Vollkommen frisch!« rief der Apotheker, »heute erst bekommen!« und stach aus dem schwefelgelben Tiegel Schweinsfett.
Hierauf bin ich fortgegangen und habe gleich bei mir selber die Erfahrung gemacht, wie heilsam so ein bißchen Hasenöl ist gegen die Dummheit. -- Fuchsschmalz, Dachsfett, Gichtpflaster, Hasenöl und Schweinsfett, alles in _einem_ Tiegel! Jetzt erst ist mir klar geworden, welch einen Schatz von köstlichen Arzneien ich in meinem Kübel aus dem Gebirge herabgeschleppt hatte.
Als ich von der Bruckerstadt fortging, lagen die Schatten der Berge schon weit in das Thal hinein. Meine Füße hatten sich in schwerem Schuhwerk heiß gegangen, auch das Atemziehen machte sich wichtig, und es war, als ob mir jemand ein hartes Brett fest an die Brust gebunden hätte. Nach Alpel war es bloß noch acht Stunden. Weil es etwas langsam voran ging, so holte mich ein Fuhrwerk ein. Zwei klobige Pferde zogen einen großen Bauernwagen, auf dessen Vordersitz ein Bursche, etwa in meinem Alter, kutschierte. Der Wagen selbst war fast leer. Er war mit Lärchentaufeln (Faßdauben) nach Bruck zum Faßbinder gefahren, auf dem Rückweg hatte er einen Sack Feldbohnen und einen Stock Salz aufgeladen; daneben war noch reichlich Platz für einen einfältigen Buben, der am Leiblein ein Paar müde Beine hatte, hingegen aber in der Tasche die Salbe für Dummköpfe, die gescheit werden wollen. Ich war bereits so gescheit, um den Burschen auf dem Wagen anzurufen, ob er mich aufsitzen lassen wolle.
»Wohin willst denn?« fragte er fast vornehm von seiner Höhe herab.
»Heimzu.«
»So setz dich auf, ich fahr auch heimzu.«
Bald war der Bohnensack mein Kopfkissen und der Salzstock mein Schlafkamerad, der Fuhrmann schnalzte mit der Peitsche, und es ging knarrend voran. -- Viel weiß ich nicht von derselbigen Fahrt »heimzu«. Einmal, als ganz zufällig die Augen aufgingen, sah ich kohlschwarze Baumzacken in den nächtigen Himmel aufragen, welche ganz unheimlich ächzten, knarrten und holperten. Und dann wieder nichts.
Als ich erwachte, na, da war etwas! Da lag ich auf dem Wagen unter einem alten Holzschoppen, um mich war ein heller Tag und eine fremde Welt. Eine schreckbar fremde Welt. Der rauschende Bach mit der Mühle daneben, das gemauerte Haus mit einer breiten, braunangestrichenen Thür, der Anger mit den Pferden und solcherlei war mir seltsam genug, noch unheimlicher war etwas anderes. Dort hinter den Waldbergen stand breit und hoch etwas Weißes, Leuchtendes auf, fast ähnlich den mittägigen Sommerwolken, wie sie sich am Sehkreise emporbauen, wenn's nachmittags Gewitter giebt. Aber das stand so starr und ruppig und rissig da im Sonnenschein, und von unten hinauf sah es aus, als ob blauende Wälder sich hinanzögen, von steilen grauen Streifen überall unterbrochen. Und höher oben war alles wie purer Stein, der zerklüftet und zersprungen ist. Und so war es voran oben, und so war es rechts oben, und so war es links oben und überall die ungeheure Höhe, daß mir schwindlig ward, als ich den Kopf soweit nach rückwärts bog um hinauf zu schauen. Mein Lebtag hatte ich derlei nicht gesehen. Zum Glücke kam nun mein junger Fuhrmann, der fragte mit lautem Lachen, ob ich gut ausgeschlafen hätte. Vom Wagen gesprungen war ich schon, so rief ich nun voll Entsetzen: »Mensch, wohin hast mich geführt?«
»Heimzu!« lachte er, »da bin ich daheim.«
»Wie heißt's denn da?«
»Da heißt's Tragöß,« sagte er.
»Und das da droben? Was ist denn das lauter?«
»Die Berge meinst?«
»Nit die Berge, was +hinter+ den Bergen so steht, das meine ich.«
»Jeßtl!« lachte der Bursche und klatschte mit beiden Händen auf seine Knie, »das sind halt wieder Berge, da ist die Meßnerin, dort ist die Pribitzen, und hier ist der Hochturm, und du sollst jetzt ins Haus gehen Suppen essen.«
So habe ich an jenem Morgen das erstemal die hohen Felsenberge in der Nähe gesehen und jene Gegend, aus der mir fünfundzwanzig Jahre später der Geist zu meinem »Gottsucher« aufgestiegen ist. Auf dem Tisch der Hausstube, in die der Junge mich geführt, stand schon die dampfende Suppenschüssel mit weißem Brote. Ich wollte aber den Löffel nicht in die Hand nehmen; ißt du, so gehörst du ihnen, mußt dableiben und weißt gar nit, wer sie sind. Von der Küche kam ein älteres Weib herein, das schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als es hörte, wie weit ich verführt worden war, und daß ich anstatt nach Krieglach im Mürzthale, nach Tragöß am Fuß des Hochschwabengebietes gekommen bin.
»Jetzt mußt erst recht essen, Bübel, daß Du nachher heimgehen magst.«
»Frau Mutter, wie weit hab ich denn heim?«
»Jetzt wart einmal,« antwortete sie und hub an, an ihren Fingern die Ortschaften und die Stunden abzuzählen, »ihrer zwölf Stunden wirst wohl brauchen bis ins Krieglach hinaus. Bist aber schon ein rechtes Tschapperl! So fest schlafen! Mein Seppel hats freilich nit wissen können, wo Du hinwillst und hat sich gedacht, 's wird eh recht sein ins Tragöß herein. Aber das ist jetzt schon ein helles Kreuz. Mach Dir nur nichts draus, mein Wagen hat Dich hergeführt, und Dein Schutzengel wird Dich hinführen.«
Während sie mich so tröstete, war draußen in der Küche fortwährend ein klägliches Wimmern, und nun kam der Seppel herein und berichtete, das Mentschl hätte halt wieder gar so viel Zahnweh.
»Was aber das Zahnweh für ein Elend ist!« rief das Weib, »jetzt leidet das Kind schon die ganze Nacht wie eine arme Seel im Fegfeuer. Alles haben wir schon angewendet: heiße Tücher aufgelegt, kaltes Wasser in den Mund gethan, mit Rosenbuschbalsam ausgewaschen, Kalmusgeist hineingetropft, mit Salz eingerieben, einen Mariazeller Rosenkranz umgehängt, zwei Zehen mit einem Seidenfaden zusammengebunden, die Füße ins Ofenloch gesteckt und sonst allerhand Sympathiemittel angewendet. Einen Kletzen hat's geholfen! Schreien thut das arme Wesen, als ob man's wollt köpfen, und jetzt weiß ich nichts mehr. -- Katherl, Katherl, Du gutes, armes Kindel Du! Wart einmal, jetzt will ich Dir Hühnermist aufs Gnack legen, das zieht's aus, das hilft, Katherl, wirst es schon sehen, das hilft!« Damit eilte sie wieder hinaus in die Küche.
Das ganze Hausgesinde war zusammengeeilt um die Leidende, die nun neuerdings anhub herzbrecherisch zu schreien: »Mein Zahnt, mein Zahnt! Ahndl, mein Zahnt thut mir so viel weh!«
»Laß nur Zeit«, tröstete die Angerufene, »das Mittel greift halt an, jetzt wird's bald besser sein, schau, bist ja mein liebes Katherl, Du!«
Auch ich war in die Küche hinausgegangen. Auf dem Herde, mit den Füßen im Ofenloch, kauerte ein Dirndel, das ein so rundes, liebes Gesichtlein hatte, seine gefalteten Hände, wie um Hilfe flehend, an die rechte geschwollene Wange preßte und mich schrecklich erbarmte. Jedes im Hause hatte schließlich noch ein Mittel gewußt, keines und gar keines hatte geholfen. Ein Mensch war zugegen, der behauptete, Dummheit wär's, die Zähne nicht ordentlich zu pflegen, und deswegen alleweil das Zahnweh! -- Gott, wenn's von der Dummheit kommt, da muß ja mein Hasenöl helfen! -- Aus meinem tiefen Sacke zog ich das kostbare Tiegelchen hervor und aus meinem gescheiten Kopf den guten Rat, mit diesem gestockten Hasenöl die geschwollene Wange einzuschmieren. -- »Schaden wird's wohl doch nit, wenn's ein Hasenöl von der Apotheken ist, kann's unmöglich schaden!« sprach die Großmutter und fettete das Dirndel ein. -- Nicht fünf Minuten, so rief die Kleine aus: »Ahndl, jetzt ist's gut!« und flink sprang sie vom Herde herab.
Freilich ging nun meine Not an, denn alles Hasenöl wollten sie haben, ich sollt nur sagen, was es kostet! Von ihren dringenden Bitten kamen sie erst ab, als das geheilte Dirndel erklärte, der Zahn wäre so fest gut geworden, daß er gar nimmer weh thun werde, also konnte ich mein Öl wieder in den Sack stecken und sehen, wie man von Tragöß nach Krieglach-Alpel kommt.
Unterwegs bedachte ich das Hasenöl. Wenn es beim dummen Weber-Hartl auch so heftig wirkt wie bei dem Zahnweh-Dirndl, dann geht er mit den drei Weisen aus dem Morgenlande als der vierte.
Nach einer fünfstündigen Wanderung war ich beiläufig wieder dort, wo der müde Junge einen Tag früher in den Bauernwagen gestiegen. In einem Gehöfte sprach ich zu und fragte, wie viel es an der Uhr sei, wie weit es noch bis Krieglach wäre, ob ich wohl den richtigen Weg hätte. Die gründlichsten Auskünfte haben sie gegeben, jedoch, ob ich etwa einen Löffel Suppe möchte, das fragte niemand. Unter einem Kirschbaum lag ein Mensch und wimmerte vor Kopfweh; allsogleich wollte ich mein Mittel anbieten, jedoch ein Weibsbild behauptete scharf und stramm, das Kopfweh sei in der vorigen Nacht in einem Wirtshause eingekauft worden, und vor dem Abend gebe es gar kein Mittel; am Abend aber würde dieser Kopf schon von selber gut, hingegen dürften nachher dem, der ihn auf hätte, die Backen weh thun! -- Eine Handbewegung des Weibes hat das undeutliche Wort sehr klar gestellt.
Unterwegs nach Krieglach lud mich ein Flossenführer (Roheisenführer) ein, auf seinen Eisenschollen Platz zu nehmen; ich besorgte, auch der möchte mich »heimzu« führen in die Stanz oder in die Veitsch oder sonstwohin; wollte daher ablehnen. Der Fuhrmann kannte mich aber und sagte, daß er über Alpel nach dem Rettenegger Hammer fahre -- ja, das war freilich eine Schickung Gottes. Gelegen bin ich mein Lebtag schon weicher als damals auf den Eisenflossen, geschlafen habe ich selten besser. Richtig hätte ich mich jetzt auch an Alpel vorbei bis weit hinüber ins Rettenegg geschlafen, wenn mein Führer mich nicht abgesetzt hätte beim Heidenbauern-Thörl, nahe von daheim.