Chapter 7 of 9 · 3982 words · ~20 min read

Part 7

»Wo werden wir hinkommen mit unserer Sach', wenn Du alles verschenkst?« sprach zu ihr mein Vater oft schier ungehalten.

»'leicht gar in den Himmel hinauf,« antwortete sie, »meine Mutter hat oft gesagt, jedes Vergeltsgott von den Armen graben die Engel in den heiligen Thron Gottes ein. Wie werden wir froh sein zu einer Zeit, wenn wir bei dem lieben Herrgott die Armen zu Fürbittern haben!«

Mein Vater fastete gern jeden Samstag und nahm oft keinen Bissen zu sich, ehe die Schatten zu wachsen anhuben. Er that das zu Ehren unserer lieben Frau.

»Ich sag, Lenz, ein solches Fasten hilft nichts für eine gute Meinung,« versetzte da meine Mutter zuweilen, »was Du heut dabei ersparst, das kannst Du morgen essen. Meine Mutter hat immer gesagt: was übrig bleibt durch das Fasten, das opfere der Armut Lasten. -- Ich denk, sonst thut es nichts helfen.«

Mein Vater betete an den Abenden, besonders zur »Rosenkranzzeit«, an den Samstagen gern lange und laut, that aber dabei häufig allerhand Verrichtungen, als Schuhnageln, Beinkleider ausflicken, oder sich gar rasieren. Dabei verlor er nicht selten den Faden vom Gebet, so daß ihm meine Mutter die Dinge oft aus den Händen nahm und rief:

»Meiner Tag, was ist denn das für ein Beten! Knie zum Tisch und bet drei Vaterunser mit Fleiß, ist besser wie drei Rosenkränz', bei dem Dir unter dem Herumdalgern der bös' Feind die guten Gedanken stiehlt!«

Wenn zu Zeiten die Arbeit schwer war, so hielt meine Mutter viel auf einen guten Tisch. -- »Wer lustig arbeitet, mag auch lustig essen,« meinte sie, »meine Mutter hat alleweil gesagt: wer sich nichts traut anzubringen, der traut sich auch nichts zu gewingen.«

Mein Vater nahm vorlieb mit schmaler Kost; er fürchtete immer den Ruin des Hauses.

Das waren in der Ehe die einzigen Zwistigkeiten. Aber sie griffen nicht tief. Sie äußerten sich nur gegeneinander; wenn der Vater mit fremden Leuten sprach, so pries er die Mutter; wenn die Mutter mit fremden Leuten sprach, so pries sie den Vater.

In der Kinderzucht waren sie eins. Arbeit und Gebet, Sparsamkeit und Redlichkeit waren unsere Hauptgebote.

Vom Vater bekam ich nur ein einzigmal ordentlich die Rute. Vor dem Hause hin war junger Lärchen- und Tannenanwuchs, der nach und nach so hoch emporwuchs, daß er die Aussicht auf die jenseitigen Berge verdeckte. Ich hatte aber diese Aussicht lieb, und ich meinte, auch der Vater müsse mir Dank wissen, wenn ich -- wie ich damals ein unternehmender Knabe war -- die Bäumchen umhieb. Und richtig, eines Nachmittags, als alle auf dem Felde waren, schlich ich mit einer Axt in das Wäldchen und hub an junge Bäume umzuhauen. Da kam zu guter Stunde mein Vater herbei; aber der Dank, den er mir wußte, sah wunderlich aus. »Leih mir die Hack', Bub!« sagte er ruhig. Ich dachte, jetzt greift er selber zu, um so besser, und gab ihm die Axt. Er haute damit eine Birkenrute ab und strich sie glatt über meinen Rücken. »Wart!« rief er, »wenn Du den jungen Wald umbringen willst? Er hat noch Ruten für Dich!«

Von meiner Mutter bekam ich die Rute auch ein einzigmal. Da stieß ich einmal -- wie ich schon gern auf dem Herde saß, wenn die Mutter kochte -- den vollen Suppentopf um, so daß das halbe Feuer gedämpft wurde und ich mir schier die bloßen Füßchen verbrannt hätte. Meine Mutter war den Augenblick nicht dagewesen, und als sie nun auf das mächtige Gezische herbeieilte, rief ich, feuerrot im Gesichte: »Die Katz', die Katz' hat den Suppentopf umgeworfen!«

»Ja, dieselb' Katz' hat zwei Füß' und kann lügen!« versetzte die Mutter und nahm mich und strich mich eine lange Zeit mit der Rute. »Wenn Du mir noch einmal lügst,« rief sie hernach, »so hau' ich Dich mit dem Ofengabelstiel!« Ein arges Wort! Aber die Ausführung ist -- Gott Dank -- nicht nötig geworden.

Hingegen wenn ich gut und folgsam war, so wurde ich belohnt. Mein Lohn waren Lieder, die sie mir sang, Märchen, die sie mir erzählte, wenn wir zusammen durch den Wald gingen oder sie abends an meinem Bett saß. Das Beste in mir -- ich habe es von ihr. Sie hatte in sich eine ganze Welt voll Poesie.

Als nach und nach meine Brüder und Schwestern kamen, da hat uns die Mutter alle gleich geliebt, keines bevorzugt. Als hernach zweie in ihrer Kindheit starben, sah ich die Mutter das erste Mal weinen. Wir anderen weinten mit ihr und weinten fortan immer, so oft wir die Mutterthräne sahen.

Und das war von dieser Zeit an gar oft.

Zwei Jahre lag der Vater auf dem Krankenbette. Wir hatten Unglück an Hof und Feld, Hagel und Viehseuche kam, unsere Kornmühle brannte nieder.

Da weinte die Mutter im Verborgenen, daß wir Kinder es nicht hätten sehen sollen. Und sie arbeitete unablässig, sie grämte sich und wurde endlich krank. Die Ärzte der ganzen Gegend wurden herbeigezogen; sie konnten nicht helfen, aber gut rechnen; nur einer sagte:

»Ich nehme nichts von so armen Leuten.«

Jawohl, trotz aller Lustigkeit, die so oft gewesen, wir waren arme Leute geworden. Die Fahrnisse waren alle weg, von dem ganzen großen Besitztume blieb uns nichts als die Steuern.

Nun beschloß mein Vater, den verschuldeten Hof so gut als möglich zu veräußern. Aber die Mutter wollte nicht, sie arbeitete, wenn auch krank, allfort mit Müh und Fleiß und ließ die Hoffnung nicht sinken. Sie konnte den Gedanken nicht fassen, daß sie fort sollte von ihrer Heimstätte, von dem Geburtshause ihrer Kinder. Sie verleugnete ihre Krankheit, sie sagte, sie sei nie gesünder gewesen als nun, und sie wolle arbeiten für drei.

Meine Geschwister glaubten auch, sie könnten das Heimatshaus nicht lassen, dabei hatten sie kein gutes Paar Schuhe mehr anzuziehen. Und die Mutter, wenn sie einmal in die Pfarrkirche gehen wollte, mußte sich von irgend einem Holzknechtweib ein Jöpplein ausborgen, das noch keine Flicken hatte. Und von allem die höchste Pein war der Hochmut der Leute und der Hohn, wenn sie doch zuweilen eine Beihilfe leisteten. Sie hatten die Wohlthaten vergessen, welche meine Mutter einst nach ihrem Vermögen jedem angedeihen ließ. Damals war sie die geachtetste Bäuerin in den Waldhäusern. Aber -- das Unglück frißt die Freunde! Das hatte auch ihre Mutter, die Köhlerin, oft gesagt.

Aus jener traurigen Zeit, da meine Mutter krank war, will ich hier ein Erlebnis erzählen. Es beginnt mit einem sonnenfreudigen Pfingsten.

An jenem sonnenfreudigen Pfingstmontag war sie neununddreißig Jahre alt gewesen. Es war lustig. Die Saaten standen grün auf den Feldern, und auf der hohen Weide grasten die Herden, die zwar nicht uns gehörten, sondern dem Nachbar, an denen wir uns aber doch freuten, weil sie munter und leibig waren. Mein Vater hatte die Steuer des vorigen Jahres bereits gezahlt, die wirtschaftlichen Verhältnisse, die während der mehrjährigen Krankheit des Vaters zerrüttet worden waren, schienen sich allmählich zu ordnen, und damit stiegen wir auch wieder im Ansehen der Leute. Wir gingen an diesem Tage zusammen über die Auen, und die Kleinen sammelten Blumen, und die Großen lobten durch ein heiteres Wort oder durch ein Lied die Werke unseres lieben Gottes. Da setzte sich die Mutter auf einen Stein und wollte sterben.

Wir schleppten sie nach Hause, wir legten sie aufs Bett, wo sie lange lag -- wochenlang, monatelang. Alle Nachbarn kamen und brachten wohlgemeinten Trost; alle Ärzte der weiten Umgegend kamen und brachten wohlgemeinte Medizin. Die Kranke war, wie man hinter ihrem Rücken zugestand, vom Schlage gerührt, sie siechte. Als aber der kühle Herbst kam, da wurde ihr besser, sie lag nun tagsüber nicht mehr im Bette, sie saß auf der Ofenbank oder am Tische, wo die Kinder spielten, oder am Herde, wo sie den ungelenken Vater im Kochen unterwies. Sie war nicht heiter, und sie war nicht betrübt, sie war ruhig und hatte keine Klage -- nur wenn sie allein war, machte sie bisweilen einen schweren Seufzer. So verging der Winter, es kam wieder das liebliche Pfingsten, und die Mutter war krank.

Da kam an diesem Feste die alte Riegelbergerin zu uns, die brachte etliche Semmeln mit, sie gab allerlei Hausmittel an und zählte kerngesunde Leute auf, die durch solche Hausmittel kerngesund geworden wären. Endlich fragte sie, ob wir nicht schon beim Stegthomerl gewesen wären?

Nein, bei dem wären wir freilich noch nicht gewesen.

Wesweg wir so nachlässig sein könnten und noch immer nicht beim Stegthomerl gewesen wären? Zu dem müsse man in einer solchen Krankheit doch zu allererst schicken!

Aber, es sei so viel weit dahin, wandte mein Vater ein.

»Und wenn es drei Tagreisen wäre, um die Gesundheit ist's nicht zu weit.«

»Das ist freilich wohl wahr, um die Gesundheit wär's nicht zu weit,« meinte mein Vater. »Und meinst, Riegelbergerin, daß er ihr helfen thät'?«

»Das Helfen, mein lieber Waldbauer, das steht bei Gott,« antwortete die Riegelbergerin in ihrer gewohnten Überlegenheit. »Wunder wirken kann auch der beste Arzt nicht. Aber kennen thut er's, der Stegthomerl, und sagen wird er's, ob noch eine Hilf' möglich ist oder nicht.«

Schon am nächsten Tage ging ein Bote hin über die Berge in das Thal, wo der Stegthomerl wohnte. Er ging früh aus, und er kam spät heim, und er brachte den Bescheid, der Stegthomerl hätte gesagt, er könne gar nichts sagen, so lange er die Kranke nicht selber sähe.

Am nächsten Tage ging ein anderer Bote (denn der erste war auf dem weiten Weg hinkend geworden), um den Stegthomerl zu holen. Er kam spät in der Nacht allein zurück und brachte den Bericht, der Stegthomerl gehe zu keinem Kranken, er sei selber nicht mehr jung, auch wolle er sich nicht wieder einsperren lassen, weil die geprüften Doktoren einen höllischen Brotneid hätten und selber jeden unter die Erde bringen möchten. Wenn die kranke Waldbäuerin zu ihm kommen wolle, so ließe sich vielleicht was machen. Aber nach laufe er den Kranken nicht.

Das war doch männlich gesprochen, und wir begriffen es alle mit einander, daß ein Mann, der seinen Wert kennt, sich nicht just wegwerfen wolle. Aber nun war eine große Bedrängnis. Das Wetter -- allerdings -- das war schön und warm, die Tage waren lang, die Mutter war auch bereit. Doch, konnten wir sie hinübertragen den viele Stunden langen Weg bis zum Stegthomerl? Es war keine Möglichkeit. Fahren? Wir hatten keinen Wagen, und das letzte Paar Zugochsen hatten uns die Gläubiger weggetrieben, bei denen während der Mutter Krankheit neuerdings angeklopft worden war. Die Nachbarn brauchten ihre Ochsen zu dieser Zeit auf dem Brachfelde. Der Knullbauer hatte zwei Pferde, er wollte sie leihen, aber sie kosteten für den Tag -- der Vater schlug die Hände zusammen -- fünf Gulden und den Hafer.

Und als wir um die kranke Mutter herum so betrübt dasaßen, nach Rat suchten und keinen fanden, ging die Thür auf und trat der Knabe des Straßenwirtes herein.

»Was willst denn Du, Bübel?« fragte mein Vater.

Das Bübel schlenkerte mit den Händen. »Ja,« sagte es, »der Samersteffel laßt sagen, wenn der Waldbauer sein Roß und Wagen haben will, so kann er's haben.«

»Wo ist denn der Samersteffel?«

»Bei uns sitzt er und hat sein Roß und Wagen bei uns eingestellt.«

Mein Vater sann ein wenig nach, was er sagen sollte; dann sagte er: »Der Steffel, der möcht mir einen schönen Preis mache; sag: ich ließe mich bedanken.«

Der Knabe ging, und nach einer Stunde kam der Samersteffel selber. Es war ein kleiner, wohlbeleibter Mann, der einst, so lange die Straße noch nicht gebaut war, über den Alpsteig mit einem Saumroß verschiedenerlei Dinge befördert hatte. Seit die Straße war, hatte er sich ein Steirerwäglein angeschafft, mit dem er Getreide, Salz, Most und Sonstiges transportierte, aber alles ums Geld, natürlich, weil er davon leben mußte, und nicht nur das, sondern auch reich werden wollte, um an der neuen Straße ein großes Wirtshaus zu bauen. Ein Gastwirt zu sein, das war sein Ideal, und er hatte auch das Zeug dazu, er war allfort bei Humor und hätte es schon verstanden seine Gäste zu unterhalten.

Heute aber, da er in unsere Stube trat, war er gar nicht bei Humor.

»Ihr macht unsereinem eine recht unnötige Mühe,« sagte er und setzte sich schnaufend auf die Wandbank. »Hast Du schon gehört, Waldbauer, daß ich mich Geschäfts wegen wem angekoppelt hab? Wirst so was von mir nicht gehört haben, weil ich's gottlob nicht vonnöten hab. Wenn ich mich aber einmal selber antrag, daß ich was führen will, so führ ich's umsonst. Ich hab gehört, daß Dein Weib zum Stegthomerl möcht und kein Fuhrwerk hat. Meine Mutter, Gott tröst ihre Seel, ist auch lang so krank gewesen, ich weiß, wie das ist, es ist ein Elend. Wenn's Euch recht ist, so führe ich morgen die Waldbäuerin hinüber zum Stegthomerl.«

Da sind wir alle wohl gar recht froh gewesen. Wir haben nicht weiter dran gedacht, ob die weite Fahrt nützen wird oder schaden, oder ob die neue Medizin angreifen wird, oder wie die Krankheit hernach ausgehen wird. Zum Stegthomerl, nur zum Stegthomerl, damit war uns alles gewonnen.

In der nächsten Frühe, als der Morgenstern zwischen den mächtig schwarzen Eschenbäumen herlugte, wurde ich geweckt. Der Vater mußte ja daheim bei der Wirtschaft bleiben, so sollte ich, der dreizehnjährige Junge, mit der Mutter sein, um darauf zu achten, daß ihr nichts widerfahre. Die Mutter saß schon bei ihrem Frühstück und that, als ob ihr die Milchsuppe rechtschaffen munde. Der Samersteffel und ich aßen eine Pfanne Sterz weg, und dann fuhren wir davon. Der Steffel saß auf dem Kutscherbänklein und redete laut seinem Rößlein zu, daß es heute einen Gescheiten machen und recht flink dreintraben solle, »damit wir die Waldbäuerin heimbringen, so lang es noch heut heißt.« Meine Mutter saß, in alle ihre Kleider und obendrein noch in den Wettermantel meines Vaters vermummt, auf einem Lederkissen, zu Füßen hatte sie Stroh, und über das Ganze lag eine schwere Bettdecke, aus der nur ein Teil ihres Hauptes ein wenig hervorschaute. Neben diesem Krankenbette saß ich und hatte ein schweres Herz.

Es war noch die frostige Nacht, über dem Wechselberg wurde der Himmel erst ein wenig blaß. Der Weg ging über die Auen dahin. -- Jetzt erwachten die Vögel, jetzt begann die Herrlichkeit des Morgenrotes, jetzt stieg die große Sonne empor. Meine Mutter zog die Decke ein wenig zurück und schaute hinauf in die Sonne.

»Ich habe einen guten Trost,« flüsterte sie und suchte meine Hand anzufassen, »wenn der Sommer ein wenig mithilft und der Stegthomerl auch -- ich bin ja doch noch nicht so alt ... was meinst, mein Kind, werd' ich gesunderweise noch einmal können die Welt anschauen?«

Ich war so zuversichtlich wie sie, mir war leicht geworden. Die Morgensonne! Die liebe, warme Morgensonne!

Die Mutter wurde gesprächig. »'s ist närrisch auch noch,« sagte sie auf einmal und lachte fast laut, »daß der Mensch so viel gern auf der Welt ist. Meine Leut' möchte ich halt wohl ungern verlassen. Mein Lenzel, Dein Vater, thät mir so viel derbarmen, wenn er niemand mehr hätte; die Kinder sind noch klein.«

»Ich werde jetzt doch schon ziemlich groß,« war mein Einwand.

Da wendete sich die Mutter mit dem Gesichte ganz zu mir und sagte: »Just Du, mein Peter, just Du machst mir die meisten Sorgen. Du kommst mir halt ganz anders vor, wie andere Buben in Deinen Jahren. Hast zur Arbeit keinen rechten Schick -- heißt das, Schick schon, aber halt deutsch keine Freud. Ja, ja, wenn Du's auch leugnest, ich kenn Dir's an, Dich freut die Bauernarbeit nicht, Du tappst herum und willst was anders und weißt selber nicht was -- schau, das ist gerade das Gefährlichst'. So wollt ich unseren Herrgott wohl schön bitten, daß er mich bei Dir laßt, daß ich Dich kann anhalten und bis ich weiß, was aus Dir wird.«

»Ein Fuhrmann wirst, gelt Bub?« rief der Steffel über seine Achsel her zu uns in den Wagen.

»Ein braver Fuhrmann, der arme Leut' thut führen, das wollt mir schon gefallen,« bemerkte meine Mutter; darauf schmunzelte der Steffel ein wenig.

Der Weg ging stark aufwärts und wurde steinig; der Steffel und ich gingen neben dem knarrenden Steirerwagen zu Fuß. Die Sonne war heiß geworden. Es war eine mühevolle Fahrt, und wir kamen nur langsam weiter. Als wir hoch oben durch die fast ebenen, aber finsteren Waldungen der Fischbacheralpe dahinfuhren, da hörten wir kein Wagenrad, denn der Erdboden war dicht mit Fichtennadeln besäet, nur daß die Räder bisweilen an eine Baumwurzel prallten. Die Vögel waren still geworden, denn über den Wipfeln lag der heiße Tag. Meine Mutter war eingeschlummert. Ich schaute in ihr blasses Gesicht und dachte: Der Stegthomerl wird schon ein gutes Mittel wissen; es ist doch ein Glück, daß wir zum Stegthomerl fahren können.

»Magst ein Trumm Brot, Peter?« fragte der Steffel.

»Ein Brot, das mag ich schon.«

Und wie ich hierauf das Stück Brot erhielt, lag auch ein Stück Speck drauf, und jetzt fing meine Bedrängnis an. Ich hielt das Ding lange in der Hand und schaute es an und schaute auf die Mutter hin; sie schlief. Den Steffel, der es so gut mit uns meinte, wollte ich nicht beleidigen. Da ich die Sache aber nicht so auf sich und auf meiner Hand belassen konnte, so hub ich endlich an, zuerst ganz leise, aber allmählich lauter: »Steffel!« zu rufen.

»Was willst denn?« fragte dieser endlich.

»Ich thät schön bitten,« sagte ich gar verzagt, »schön bitten, daß ich den Speck da nicht essen müßt'. Weil ich halt keinen Speck nicht mag.«

»Du weißt nicht, was gut ist,« lachte der Fuhrmann und befreite mich von meiner Not.

Endlich begann es bergab zu gehen, da holperte der Wagen auf den heißen Steinen, rüttelte die Kranke aus dem Schlaf, und die Sonne brannte ihr ins Mark hinein, und dabei fröstelte sie.

Murmelte der Steffel: »Der Stegthomerl muß schon ein höllisch guter Arzt sein, daß eine solche Fahrt der Mühe wert ist. Nur aushalten, Fuchsel, wir haben nimmer weit.«

Um den späten Mittag war's, als wir ins Thal kamen und vor dem Häuslein des Stegthomerl hielten.

Wir führten die Mutter in die dumpfig mürfelnde Stube, in der alle Fensterlein fest geschlossen waren, dort ließen wir sie auf die Bank nieder und fragten nach dem Thomerl.

Ein altes, brummiges Weib gab uns zur Antwort, der Thomerl wäre nicht da.

»Das sehen wir,« sagte der Steffel, »möchten nur wissen, wo er ist?«

»Kunnt's nit sagen.«

»Wann er kommt?«

»'leicht, daß er nimmer lang ausbleibt, 'leicht, daß er erst in der Nacht einmal kommt, 's ist möglich, daß er zum Schanzwirt gegangen ist.«

Die Alte ging aus der Stube, wir saßen da. Meine Mutter that einen schweren Atemzug.

Der Steffel ging der Alten nach und bat sie um einen Löffel warmer Suppe für die Kranke.

»Wo sollt' eins jetzt eine warme Suppe hernehmen; ist schon lang kein Feuer mehr auf dem Herd.« So der Bescheid. Da machte sich der Fuhrmann selber dran, Feuer zu schaffen, Milch zu suchen und zu kochen.

Die Mutter aß nur ein weniges von der Suppe, schob die Schüssel uns zu, daß auch wir was Warmes bekämen.

Als all das vorbei war, gab der Steffel dem Weib einen Silberzehner für die Milch und für das Heu, welches der Fuchs fraß.

Nach einer Stunde, während es in der Stube ein paarmal schier finster geworden war, weil draußen Wolken vor die Sonne zogen, trat der Stegthomerl endlich in die Stube. Es war ein kleiner, dünnbeiniger Mann, der aber einen großen Kopf, breite Achseln, eine sehr hohe Brust und einen tüchtigen Höcker hatte. Und der Kopf war in die Schultern gebohrt, so daß sich das Männlein allemal mit dem ganzen Körper umkehren mußte, so oft es den Kopf wenden wollte. Ich sehe ihn heute noch lebhaft, wie er zur Thür hereintrat und uns mit seinem weitläufigen, verdunsenen Gesichte zuerst scharf, dann lächelnd ansah.

Meine Mutter war sogleich unruhig geworden und suchte sich von ihrem Sitze zu erheben, um ihm ehrerbietig ihr Anliegen vorzutragen.

Der Thomerl winkte mit der Hand, sie möge das lassen, und sagte hernach mit etwas lallender Stimme: »Ich weiß schon, Du bist die Waldbäuerin aus dem Alpel, Dich hat vor einem Jahr der Schlag getroffen.«

»Der Schlag hat mich getroffen?« fragte die Kranke mit Schrecken.

»Hast weit und breit herumgedoktort, und jetzt, weil Dir sonst keiner helfen kann, kommst zu mir. Ist allemal so, versterbend kommen sie, und wenn nachher dem Stegthomerl seine Arznei nicht Wunder wirkt und der Kranke draufgeht, so heißt's dann: der Stegthomerl hat ihn umbracht.«

Diese Worte waren an und für sich ganz schrecklich zu hören, doch waren sie noch erträglich, weil sie mit lächelnder Miene gesagt wurden, und weil der Thomerl nun beisetzte: »Verhoff's, daß es mit Dir noch eine Ausnahme hat, Waldbäuerin. Ich werde Dich jetzt untersuchen.«

Fürs erste, selbstverständlich, fühlte er ihr den Puls. »Der hupft,« murmelte er, »der hupft.« Dann zog er ihr mit seinen breiten Fingern die Augenbrauen auseinander und guckte auf das Weiße hinein -- und sagte nichts. Hierauf mußte sie den Nacken entblößen, und er legte sein Ohr dran -- und sagte nichts. Ferner betrachtete er mit großer Aufmerksamkeit die Linien in der inneren Handfläche, erkundigte sich dann nach dem näheren Befinden der Kranken und fuhr fort, die Pulsadern und die Atemzüge zu untersuchen, so daß ich von der Gewissenhaftigkeit dieses Mannes sofort eine hohe Meinung gewann.

Und als er mit der Untersuchung fertig war, setzte er sich meiner, sich langsam wieder in ihre Tücher hüllenden Mutter gegenüber auf einen Stuhl, spreizte die Beine aus, bohrte sein Kinn in seinen Rumpf, und, die Arme über der Brust gekreuzt, sagte er: »Ja, meine liebe Waldbäuerin, Du mußt sterben.«

Meine Mutter zuckte leicht zusammen, ich sprang auf. Der Steffel aber blieb ganz gelassen auf seinem Platze sitzen, schaute eine Weile starr auf den Stegthomerl und sagte plötzlich: »Mußt Du nicht auch sterben? Nein, Du wirst hin, altes Kamel, gottverfluchtes!«

Jetzt war's die höchste Zeit. Wir packten eilig zusammen und fuhren heimwärts.

Es war schwül und schattig, der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt, es meldete sich kein Tier, es rührte sich kein Wipfelchen, unser Wagen knarrte schwerfällig dahin. Meine Mutter lag still in ihrer Ecke und schaute mit ihren großen, dunklen Augen die dämmernde Welt an.

Der Steffel saß wutschnaubend auf seinem Bock, allmählich jedoch wurde er ruhiger, und nun brummte er:

»Aber einen +solchen+ Rausch haben!«

»Wer?« fragte ich.

»Ein solcher Rausch ist wirklich der Mühe wert, daß man eine Tagreise weit fahrt und ihn anschauen geht,« fuhr der Steffel fort. »Hab mir's ja sagen lassen, daß es selten soll nüchtern sein, das alte Kamel; und heut ist es geradewegs vom Schanzwirt gekommen.«

»'s wird wohl gut gewesen sein,« sagte nun meine Mutter, »wenn er nüchtern gewesen wäre, hätte er mir die Wahrheit vielleicht nicht gesagt.«

Und so sind wir schwer betrübt dahingefahren. Über den Bergen her hat der Donner gemurrt, ganz heiser und dumpf; aus der Ferne her hat die Wetterglocke von Fischbach geklungen. Da richtete sich meine Mutter auf und sagte: »Eins mußt mir zu Lieb thun, Peter, und den Steffel will ich auch bitten: dem Vater, meinem Mann, thut es nicht sagen, was der Stegthomerl gesagt hat.«

»Thät sich wahrlich nicht auszahlen, daß man so eine Narrenred' weiter sagt,« rief der Fuhrmann sehr laut, »aber zum Gericht geh ich! Verklagen geh ich ihn! Das thu ich!«

»Bitt' Dich gar schön, Steffel, laß das sein,« bat meine Mutter, »mußt nicht glauben, daß ich mir das Wort so schwer leg, ich hab mir's selber oftmals gedacht, mit mir wird's ausgehen, wie es mit allen serbenden (kränkelnden) Leuten ausgeht. Was kann der Stegthomerl dafür! Wir sind nicht zu ihm gefahren, daß wir uns von ihm anlügen lassen. Mich schmerzt es nur, daß wir ihn nicht einmal gefragt haben, was wir für die Aufrichtigkeit schuldig sind.«

Jetzt stieß der Steffel ein Lachen aus und ließ die Peitsche ein paarmal durch die Luft pfeifen, gleichwohl das Pferd nach Kräften seine Schuldigkeit that.

Als wir über die Höhen dahinfuhren, hatte sich das drohende Gewitter gänzlich verzogen, die untergehende Sonne schien mit einem weichen Goldglanze auf die weite Gegend hin, über Wald und Auen, und ein erquickender Hauch floß in unsere Brust.

Auf der blassen Wange meiner Mutter lag eine helle Thräne.