Chapter 3 of 9 · 3940 words · ~20 min read

Part 3

Der Sternenhimmel hatte heute einen so heiligen Ernst; mir war, als hörte ich durch die große Stille das Saitenspiel des heiligen Sängers David klingen. -- Siehe, da löste sich plötzlich ein Stern und fiel in einem scharfen Silberfaden, der gerade über unser Haus niederging, vom Himmel herab. -- --

Mir zuckte es heiß durchs Herz, mir blieb der Atem stehen. -- Jetzt ist die Ahne gestorben! sagte ich endlich laut, das ist ihr Stern gewesen. Ich hub an zu schluchzen. Da hörte ich vom Hause her bereits des Vaters Stimme, ich sollte eilends heimzu treiben.

Bald jagte ich in den Hof ein. Das Haus war in allen Fenstern beleuchtet; ein Geräusch und Gepolter war, und Leute eilten hin und her nach allen Ecken und Winkeln.

»Geschwind, Peterle, geh her!« rief es mir von der Thür aus zu, und das war die Stimme der Ahne. Ich lief in das Haus -- was hab' ich gehört? Kleinkindesgeschrei.

»Ein Brüderlein hast kriegt,« rief die Ahne, »das hat ein Engel vom Himmel gebracht!«

So war es. Mutter lag schon im Bette, und sie hielt das winzige Kindlein an der Brust.

Ein Engel vom Himmel! ja, ich habe ihn fliegen gesehen.

»Ahndl,« sagte ich, »es ist nicht wahr, daß Sterne fallen, lauter Engel sind es, die mit kleinen Kindlein niederfliegen vom Himmel!«

Ich verharre bei diesem Glauben noch heute, da ich vor einer Wiege stehe, in die mir selbst ein liebes himmlisches Wunder gegeben ist.

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Auf der Wacht.

Mein Vater litt zu jener Zeit an einer langwierigen Krankheit. Es war selten wer um ihn als sein ältestes Söhnlein. Auch der Jäger Wolf saß zuweilen neben auf der Ofenbank und freute sich, wenn dem Kranken der gespendete Wildbraten recht mundete. Und der Wildbraten stellte meinen Vater richtig so weit wieder her, daß dieser eines Tages, es war im August um die Zeit des Maria-Himmelfahrtsfestes, zu mir sagte: »Bub, jetzt werd ich doch endlich wieder was anfangen müssen. Was meinst, zum Korbflechten wär ich wohl stark genug?«

Und am nächsten Tage gingen wir schon zur Morgenfrühe aus und gegen die sogenannte Wildwiese hinauf, wo viele Weiden wuchsen. Die Wildwiese war oben in den hinteren Waldungen. Oft blieb mein Vater unterwegs stehen, stützte sich auf seinen Stock, schöpfte Luft, und dann fragte er mich immer, ob ich ein Schnittchen Brot beißen wolle.

Als wir über die Schafhalde hinaufgekommen waren, wo der junge Lärchenanwuchs noch im Morgentaue stand, sahen wir im Dickichte einen Mann dahinhuschen, der ein Stück Hochwild über der Achsel trug und etwas wie ein Schießgewehr hinter sich herschleppte. Er duckte sich so sehr, daß nur ein paar kohlschwarze Haarfetzen von seinem Haupte zu sehen waren.

Als diese Gestalt vorüber war, blieb mein Vater wieder stehen und sagte: »Hast geguckt? Das ist der schwarz' Toni gewesen.«

Der schwarz' Toni war ein Mann, vor dem sie überall die Thüren verriegelten.

»Ja, Kind,« sagte der Vater, als wir uns auf den Stamm eines gefallenen Baumes gesetzt hatten, »ist hart für einen Menschen, dem's so geht wie dem Toni. Der hat sein Lebtag nicht Vater und Mutter gesehen. Als Kind ist er aus dem Findelhause in unsere Gegend gebracht worden. Freilich nicht aus christlicher Barmherzigkeit, sondern des Geldes wegen, das für ihn ausgezahlt worden, hat ihn ein Köhlerweib an Kindesstatt genommen. Halb erwachsen hat sich der Toni im Wald herumgetrieben, kein Mensch hat sich an ihn gekehrt; so ist er verwahrlost und verwildert. Wie das Köhlerweib sieht, der Ziehsohn bringe nur Schande, so hat sie gesagt: Toni, Du Lump, bei mir bist nimmer daheim! -- Wo denn? hat sie drauf der Toni gefragt, aber überall, wo er angeklopft, ist ihm die Thür verschlossen gewesen. Mögen ihn die Menschen nicht, so giebt er sich mit den Tieren ab -- verlegt sich auf's Wildern. Vor einem Jahr hat ihn der Jäger Wolf in das Zuchthaus gebracht; aber jetzt wieder frei, mag ihm kein Mensch gern begegnen, gleichwohl ich nicht glaub, daß er wem was zu Leide thät. Schlecht, sag ich, ist er nicht, aber verkommen durch und durch; und so, mein Büblein, wird oft ein Mensch hinausgestoßen auf die schiefe Straßen, und so rutscht er ab und kann sich nicht mehr halten.«

Nach diesen Worten schritten wir wieder langsam dahin, und nachdem wir durch viel Wald und schattendunkle Schluchten gegangen waren, kamen wir endlich zur Lichtung der Wildwiese. Teilweise lag sie noch im Schatten des Teufelssteinberges; die Bachweiden aber, die in einer langen Reihe hin standen und sich über ein stillrieselndes Wässerlein wölbten, schimmerten in dem lichten Sonnentag, als ob sie alle silberne Blätter hätten. Die Wiese war bereits gemäht und das Heu fortgebracht; sehr still und verlassen lag die Matte. An den Rändern wuchsen blaue Enzianglocken, und es war schon die Zeitlose da.

Wir kamen um die Weidenruten, die am Bache standen. Wir gingen quer über die Wiese bis hin zum Rande, wo wieder die sehr hohen Fichten des Waldes begannen und wo ein rot angestrichenes Kreuz stand, dessen Dachbrettchen reichlich mit Moos bewachsen waren. Hier wollten wir vor der Arbeit uns ein wenig setzen, auf die Bäume hinausschauen und ein Stück Brot verzehren.

Aber noch ehe der Vater sich niederließ, sah er lange und unverwandt auf eine Stelle hin.

Am Fuße einer Weißtanne lag ein Mann. Ein Jägersmann mit einem Schießgewehr; die Locken gingen ihm über Stirn und Auge, man wußte nicht, ob er denn wirklich so fest schlafe, als es aussah.

Mein Vater trat endlich hinzu, schob aber mich mit der Hand hinter sich zurück. Dann sahen wir es: Der Mann lag in einer Blutlache; der aus einer Halswunde sprudelnde Quell war bereits gestockt.

Mein Vater legte die Hände ineinander und sagte ganz leise: »Jetzt haben sie da den Jäger Wolf erschlagen!«

Als ich hierauf zu weinen begann, hob mich mein Vater empor zu seiner Brust; und wie ruhig er auch scheinen wollte, ich hab es doch wahrgenommen, wie sein Herz so heftig schlug.

Dann untersuchte er den Erschlagenen -- die Augen waren gebrochen, die Lippen fahl wie trocken Erdreich -- das Leben war dahin.

»Mit dem Weidenschneiden ist es heute nichts,« sagte mein Vater, »jetzt muß einer von uns Leute holen, daß sie den Wolfgang wegtragen; und der andere wird dieweilen dableiben müssen. Einen Toten kann man nicht allein lassen, solange er nicht im Grabe ruht. Es könnte auch leicht ein Tier über ihn kommen. Das Beste wird sein, ich holpere hinaus in den Brandgraben zu den Holzknechten, und Du setzest Dich schön still da unter das Kreuz.«

Mir gab's einen Stich im Herzen. Wie konnte mir mein Vater das anthun, mich stundenlang allein lassen im Walde bei einem Toten! Aber ich wußte den Weg nicht und hätte die Holzknechte nicht gefunden.

»Freilich, Büblein, ist das ein trauriges Warten da,« fuhr er fort, »aber wachen muß wer dahier, diese christliche Lieb müssen wir dem Wolf schon erweisen.«

Ich starrte auf den Toten.

Mein Vater zog seine kleine Axt aus dem Gürtel, mit welcher er die Weidenruten hauen wollte, und fällte nun Äste von den Bäumen und hüllte den Jägersmann mit Reisig ein. Dann kniete er nieder vor der grünen Bahre und betete still ein Vaterunser. Und als er sich wieder erhob, sagte er: »Und jetzt, mein Knabe, thu unserem Mitbruder den Liebesdienst, und wache. Die Axt laß ich Dir da, die halt fest. Fuchsen und Raben können leicht kommen; andere Raubtiere weiß ich in der Gegend nicht. Bis zu den Weiden dort magst hingehen, aber weiter weg nicht. Ich will recht eilen; bis die Schatten anheben zu wachsen, wird schon wer kommen!«

Dann legte er für mich noch Brot unter ein Bäumchen, und dann ging er davon. Er ging hin quer über die Wiese, wie wir hergegangen waren, und er verschwand in dem Dunkel des Waldes.

Nun war ich allein auf der umwaldeten Wiese, und das milde Sonnenlicht war ausgegossen über die einsame Matte, über die glitzernden Weiden und über den stillen Reiserhügel am Waldrande. Ich wollte nicht hinblicken auf die seltsame Bahre; ich schritt gegen das Weidengebüsche, aber mein Auge wendete sich immer wieder zurück zum roten Kreuze und zu dem, was daneben lag.

Der arme Jäger Wolf! Ich wußte es noch recht gut, wie er vor wenigen Jahren mit seiner Braut und seinem Hochzeitszuge an unserem Hause vorübergezogen war. Die Waldhörner und die Pöller schallten, daß die Fenster unseres Hauses klirrten. Der Wolf war ein hübscher Bursche gewesen; einen großen Strauß trug er auf dem Hut, und ein rotes Band ging nieder über seinen Nacken, wo jetzt die Blutstrieme war. --

Ich ging den Weidenbüschen entlang. Manches Zweiglein regte sich und zitterte fort und fort. Hie und da schnellte ein Heupferdchen. Ich bog die Äste auseinander und blickte in das Wässerlein; das stand still unter dem dichten Flechtwerke und glitzerte kaum. Ein großgefleckter Molch kroch hervor und nahm seine Richtung gegen mich; da floh ich entsetzt davon.

Dann begann ich mit meinen kurzen Schritten die Schatten der Bäume zu messen -- bis diese zu wachsen anheben, kommen die Leute. -- Noch aber wurden sie kürzer und kürzer. Die Sonne stand hoch über dem Teufelsstein, und über dem Thalgrunde lag ein bläulicher Duft.

Ich kehrte wieder zum Kreuze zurück und setzte mich auf den Stein, auf welchem sonst andächtige Waldwanderer knien. Das Kreuz war hoch und hatte keinen Heiland. Weit streckte es seine Arme aus, als wollte es den Wald umfangen.

Ich wendete mich von dem Pfahle und von dem Bahrhügel und sah hin gegen den Bergrücken des Teufelsstein. Die Himmelsglocke lag in mattem Blau, kein Vogel und kaum eine Mücke war vernehmbar. Es war ein fast traumhafter Frühherbstmittag, durchklungen von einer ewigen Stille. --

Wildschützen haben ihn erschossen. Ich ging über die Wiese und sagte mir, wenn ich zehnmal über die Wiese gegangen sein würde, dann wollte ich wieder den Schatten messen. Aber der Schatten duckte sich noch mehr unter die Bäume als früher.

Dann ging ich hin zu der verhüllten Leiche des Waidmannes und stand lange vor derselben; ich fühlte kaum ein Schauern mehr. Dann setzte ich mich wieder unter das Kreuz und aß ein Schnittchen Brot. Da hörte ich plötzlich ein Knistern; ein Reh stand und guckte durch das Gestämme.

Zuletzt kam das Tier gar zu dem Reisighügel heran und schnupperte; vor diesem Jägersmanne fürchtete es sich nicht mehr. Erst als es den Pulvergeruch des Gewehrlaufes gewahrt haben mochte, wendete es sich mit großen Sätzen dem Dickichte zu.

Endlich, als ich wieder den Schatten maß, hatte er sich um ein Weniges gedehnt. Ich mußte ja doch schon viele Stunden auf der Wildwiese geweilt haben.

Wie immer, so hatte mein Vater auch diesmal recht. Ich hörte einen getragenen Schall und Wiederhall im Walde. Es nahten Menschen. Doch nicht die Holzknechte waren es, die um den Wolfgang kommen sollten, sondern quer über die Wiese her kam ein junges Weib, das trug einen Korb am Rücken und führte ein etwa dreijähriges Kind am Arm. Sie sangen ein lustiges Kinderlied, und das kleine Mädchen lachte dabei und hüpfte flink über das weiche Gras.

Ich erkannte die Nahenden bald, es war das Weib und das Kind des erschlagenen Jägers Wolf.

Sie kamen heran, und als sie mich sahen, sagte die Jägerin zum Mädchen: »Schau, Agatha, da beim Kreuz sitzt ein Bub, der betet ein Vaterunser; das ist gar ein braver Bub.«

Dann kniete sie hin auf den Stein, legte die Hände zusammen und betete auch. Das Kind that desgleichen und war gar ernsthaft dabei.

Mir war unbeschreiblich weh. Wie hätte ich sagen können, was unter dem Reisig lag? Ich ging abseits gegen die Weiden.

»So, mein Herz,« sagte das Weib hierauf zur Kleinen, »jetzt geh ich Enziankraut schneiden, Du setz Dich dieweilen da auf das G'reisigbett und brocke Dir Zäpfchen ab. Hernach kommt der Vater vom Teufelsstein herab, und hernach setzen wir uns zusammen und essen den Schottenkäs, den ich im Korb hab, und hernach hopsen wir lustig miteinander heimzu.«

Und sie setzte das Kind auf den Reisighaufen -- auf die Bahrstätte des Vaters. Dann ging sie mit dem Korb gegen den Wiesenrain, wo Gebüsche von Enzian standen. Von dort aus rief sie mich an, was ich denn so allein mache auf der Wildwiese, ob ich mich verirrt hätte oder etwa Ziegen suchte?

Ich wußte keine Antwort, deutete auf einen großen schneeweißen Schmetterling und sagte: »Jetzt schau das Tier an, wie's herumfliegt; schau, wie's fliegt!«

»Bist ein rechter Närrisch, Du!« versetzte die Jägerin lachend und ging an ihre Arbeit.

Die kleine Agatha spielte auf dem Reisighügel, sie zupfte an den Zweigen und wühlte in denselben und nestelte etwas hervor. Endlich wurde ihr bang, und sie hub an nach der Mutter zu rufen.

Nach einer Weile kam das Weib heran, da hielt ihm das Kind einen Ring entgegen und sagte: »Schau, das hab ich gefunden, das ist des Vaters!«

Die Jägerin that einen hellen Ruf: »Kind, wie kommst Du zu diesem Ring?«

Die Kleine lachte vergnügt.

Das Weib hub das Kind auf die Erde, warf einen Blick auf das Gezweige und stieß einen gellenden Schrei aus. Sie sah durch das Reisig eine Menschenhand.

Wie wütend stürzte sie hin auf die Schichtung und raffte die grünen Zweige auseinander -- mit Hast und heißer Angst -- dann sank sie zurück und schlug sich die flachen Hände in das Antlitz. Vor ihr lag im Blute erstarrt ihr gemordeter Gatte. --

Zur selben Stunde gingen zwei Holzhauer über die Wiese und brachten eine Tragbahre mit. Zuerst knieten sie vor dem Toten und beteten still, dann hoben sie ihn auf die Bahre, legten das Gewehr an seine Seite und trugen ihn davon.

Der Korb blieb stehen bei dem Enziangebüsche, das Weib folgte der Bahre; es sagte kein Wort, es vergoß keine Thräne, es trug das spielende Mädchen auf dem Arm. Das blasse, starre Angesicht der Gattin, das rotwangige, helläugige Lockenköpfchen des Kindes hinter der Bahre her -- das mag ich nimmermehr vergessen.

Ich bin auch hintendrein gegangen. Die Weiden standen in ihrem wässerigen Schimmer; die Schatten der Tannen lagen hingestreckt über die ganze Wiese. Das rote Kreuz ragte regungslos im Dunkel des Waldrandes.

Die Bahre schwankte dem entfernten Jägerhause zu. Ich ging gegen unser Gehöfte. Als ich zu demselben hinabkam, führten handfeste Burschen einen wüst aussehenden Mann herbei. Es war der schwarz' Toni. Da wir ihn am Morgen im Lärchenanwuchs gesehen, so hatte mein Vater auf seine Spur gewiesen. Der Richter kam, und unter der großen Esche, die vor unserem Hause stand, wurde das Verhör gehalten. Der Toni war geständig, den Jäger Wolfgang aus Rache erschossen zu haben. Hierauf wurde der Bursche in Ketten gegen die Stadt geführt, aus der er einst als Wickelkind gekommen war.

Als ich in die Stube kam, saß mein Vater an seinem Bette. Er war sehr bewegt, hub mich zu sich auf das Knie und sagte: »Bübel, das ist ein böser Tag gewesen. Deinetwegen ist mir ein Stein auf dem Herzen gelegen.«

Wir gingen in jenem Jahre nicht mehr hinauf zur Wildwiese. Seither aber bin ich wohl mehrmals auf derselben gewesen. Die Weiden glitzern, die hohen Fichten stehen noch heute -- und ihr Schatten schwindet und wächst, wie das trübe Erdengeschick, und ihr Schatten wächst und schwindet, wie das menschliche Leben.

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Wie ich mit der Thresel ausging und mit dem Maischel heimkam.

Die Kramer-Thresel, das war eine der acht Seligkeiten meiner Kindheit. Sie war ein altes Weib, und das war ein Glück, denn die +jungen+ Weiber jener Gegend tragen ihre Seligkeiten nicht auf dem Rücken umher, wie das die Kramer-Thresel that, und die jungen Weiber bieten ihre Schätze nicht an Knaben unter siebzehn Jahren aus, wie das die Kramer-Thresel that. Sie trug eine braune Holzkraxe auf ihrem krummen Rücken, in derselben waren der Schubladen drei oder vier, und obendrauf lag noch ein großes blaues Bündel festgebunden.

Wenn wir Kinder etwas recht Braves, recht unerhört Braves thaten, so sprach aus dem Munde unserer guten Mutter der Geist der Verheißung. »Kinder,« sprach er, »wenn einmal die Kramer-Thresel kommt, so will ich Euch was kaufen.«

Da huben wir denn allemal ein Freudengeschrei an und stampften mit den Füßen, bis die Mutter wieder sagte: »Ja, wenn Ihr ein solches Getös' macht, da werde ich Euch nichts kaufen!«

Allsogleich war's still, daß man ein Mäuschen hätte laufen hören können, wenn eins gelaufen wäre. Aber die Mäuse kamen nur in der Mitternacht hervor -- und die Kramer-Thresel kam gar nicht.

Heißt das, sie kam. Seit urewigen Zeiten kam sie des Jahres ein- oder zweimal in unser Haus, wir selbst hatten das schon erlebt -- doch so unbeschreiblich langsam ging die Zeit dahin, daß uns Kindern zwischen Frühjahr und Herbst und zwischen Herbst und Frühjahr eine blaue Ewigkeit lag, in der die Mythe von der Kramer-Thresel schwamm und verschwamm wie eine Lerche im Himmelsblau.

Und einmal mitten im Winter, an einem ganz gewöhnlichen Tage, da der Vater im Stalle die Ochsen striegelte und die Mutter in der Stube spann und meine kleineren Geschwister sich einer zerbrochenen Spule wegen auf dem Flötz (Fußboden) herumbalgten und ich Feldrüben in den Schweinstrog schnitt, im Busen den Trieb, mich an dem Kampfe zu beteiligen -- ging die Thür auf, und sie war da.

Die Kramer-Thresel. Und als aus ihrer Kraxe die Schubladen mit den Taschenveiteln und den Mundharmoniken, und den Tabakspfeifen, und den hellrot angemalten Spielkästlein, und den messingenen Hosenknöpfen und Hafteln, und den bunten Zwirnsträhnen und Nähzeug, und den feingeschnitzten Holzlöffeln, und den Stehaufmandeln und allem, allem auf unserem Tische ausgestellt waren und wir Kinder mit Poltern und Stoßen ringsumher die Bänke besetzten und Augen und Mund aufthaten, da sah ich erst ein, was dieser Tag für ein grauenhaftes Loch gehabt hätte, wenn die Kramer-Thresel nicht gekommen wäre.

Mein Sinn stand nach allem, obzwar ich mir sofort klarstellte: Alles kannst nicht haben, den Himmel kriegst erst, wenn Du gestorben bist, aber auf Eins setz Dich fest. -- Meine Hand zuckte nach einem Rößlein, das auf einem Brettchen stand, welches vier »Radeln« hatte. Das Rößlein war ziegelrot angestrichen und hatte an den Weichen weiße Blumen.

Und im Sattel saß ein blauer Reiter, der hatte einen großen Schnurrbart im Gesicht und sogar Augen und einen wirklichen Federbusch auf.

»Laß stehen, Bub, und greif nicht alles an!« verwies mir die Mutter, aber die Kramer-Thresel, welche so gütig und geduldig war wie unsere liebe Frau, sagte: »Oh, das macht nichts, thu's nur angreifen, das Zeugl, schau, der Husar reitet Dir schon entgegen!« und schupfte das Rößlein, daß es zu mir über den Tisch her rollte.

»Haben ja kein Geld nicht,« bemerkte die Mutter.

Die Kramer-Thresel überhörte zum Glück das gefährliche Wort, sie machte einen Deuter auf mich und sagte: »Das ist gewiß das ausbündige Bübel, das lesen und rechnen kann und allerhand Gedichtet's austüpfelt, wie's die Leut verzählen.«

»Ja,« antwortete die Mutter, ohne das Spinnrad auch nur einen Augenblick stehen zu lassen, »austüpfeln kann er schon was, wenn er nur nicht so schlimm sein thät!«

»'s selb glaub ich nicht, daß er schlimm ist,« meinte die Thresel, »weißt was, Waldbäurin, das Bübel kunntst mir leihen. -- Ganz ernster Weis, Waldbäurin. Meine Tochter, die hat bei den Geißen heimbleiben müssen, und nu bin ich morgen auf dem Rattner Kirchtag hell allein. Der Kramerstand (die Verkaufsbude) ist just nicht klein, Leut sind viel, und ist allemal ein Gedräng ums Standel herum, eins kann nicht genug aufpassen, und hab ich mir unterwegs noch träumen lassen: wenn ich den Waldbauernbuben kunnt mitkriegen. Ich thät schon was hergeben.«

So die Thresel, und als jetzt die Mutter das Spinnrad stehen ließ, um Antwort zu geben, war mir, »wie einer armen Seel' beim jüngsten Gericht«.

Die Mutter sagte: »Ja, wenn die Thresel meint, daß sie ihn brauchen kann, vielleicht friert ihm der Unend (Vorwitz) dabei ein Eichtl aus, und Zeit hat er, daß er mitgeht auf den Rattner Kirchtag.«

Ich bin von der Bank geflogen, und ehe noch an den Vater berichtet werden konnte von meiner unglaublichen Standeserhöhung, war ich schon im Sonntagsgewandel.

Meine Geschwister erhielten jedes ein Holzlöffelchen, das glänzend schwarz lackiert war und in der Höhlung ein rotes Blümlein hatte. Sie fuhren allsogleich damit in den Mund und bildeten sich ein, sie äßen Kindsbrei.

»Und der Reiter gehört Dein,« sprach die Kramer-Thresel zu mir, »den hebt Dir die Mutter auf, und morgen, wenn Du heimkommst, laßt ihn recht ausreiten.«

Die Mutter riet, ich sollte ein Stück Brot mitnehmen, allein die Thresel sagte, indem sie ihre Warentrage wieder zurecht machte: »Das wär nicht schlecht: Verköstigen werde ich meinen jungen Kramer schon selber. Verhoff's, daß wir ein gutes Geschäft machen werden auf dem Rattner Kirchtag. Und jetzt werden wir anrucken müssen, Bübel.«

»So geht's halt in Gottesnamen!« sagte die Mutter und spann. Meine Geschwister aßen mit ihren neuen Löffeln von der Tischplatte weg noch die leere Luft, und wir gingen, wie es die Mutter gesagt.

Ratten ist ein Dörflein zwischen den Waldbergen der Feistritz am Fuße der Rattneralpe. Es hat viele Bauernhäuser auf den Hängen und in den Schluchten zerstreut. Es hat einen ausgiebigen Dorftrost, nämlich ein paar stattliche Wirtshäuser, und es hat eine schöne, geräumige Kirche, in welcher der heilige Nicolaus als Pfarrpatron wohnt. Diesem Patron zu Ehren wird alljährlich zu seinem Namenstag, am 6. Dezember, ein Kirchtag abgehalten, und das war der Kirchtag, zu dem wir gingen.

Wir hatten drei Stunden dahin zu gehen, weil wir unterwegs in einigen Häusern zusprachen, verhoffend, ein paar Kreuzer zu lösen. Die Leute schoben aber ihre Einkäufe auf den morgigen Kirchtag. »Macht nichts,« meinte die Thresel, »sie kommen uns morgen.« Da im tiefen Schnee der Graben, den wir Pfad nannten, gar schmal war, so schritt voran die Thresel mit ihrer Kraxe, deren angebundener Ballen hoch über ihr Haupt hinausragte; und hintendrein trippelte ich und hatte nur selten einen Blick frei über die Schneemauer hinaus in die weite Welt. Diese weite Welt dehnte sich bis zum Waldhang, der hinter dem vereisten und versulzten Wasser aufstieg, und an welchem dort und da ein Häuslein klebte oder eine träge rauchende Kohlstätte war. Und endlich sah ich über einer Höhung den roten Riesenzwiebel des Kirchturms von Ratten hervorragen. Auf der Straße, in die wir nun einbogen, war es recht lebhaft. Da fuhren Schlitten, mit einem alten Roß oder mit einem alten Weib bespannt, da schleppten andere an hochgeschichteten Rückentragen, Jüdlein darunter mit ihren Bündeln doch den Übrigen vorhastend, da huschten mit aufgestülpten Rockkrägen Musikanten mit vereisten Schnurrbärten, da kamen schon Holzknechte und Tagwerker in ihrem Sonntagsstaate daher und trotteten recht langsam, als wenn es gar nicht eile, aber doch auf kürzestem Wege dem schon durch und durch lebendigen Wirtshause zu.

Auf dem Kirchplatz baute das Krämervolk schon an seinen »Ständen«, deren Bretter noch öde und leer lagen, deren Wand- und Dachgerippe noch von keiner Plache überspannt waren.

Als wir mitten auf den Platz gekommen waren, blieb die Thresel stehen, starrte gegen das Kirchhofsthor hin und murmelte: »Was ist das?«

War der Standplatz schon verbaut, der an der lebhaftest begangenen Stelle lag, just vom Kirchenthore her, und den die Thresel seit altersher besessen hatte. Der Maischel, ein wegen seiner spottbilligen Waren berüchtigter Hausierjude, hatte hier seine Stätte aufgeschlagen.

»Ich pack nit aus,« sagte die Thresel in einem schönen Ebenmaß von Entrüstung und Selbstgefühl und that just so, als wollte sie auf der Stelle umkehren. Stand noch zu rechter Zeit der Taferner da, der Kirchenwirt, der die Standplätze zu vergeben hatte, und der seine Handlung damit entschuldigte, daß er der Thresel zu bedenken gab, der Jude habe doppeltes Standgeld für den Platz am Kirchhofsthore geboten.

Für einen solchen Handel, sagte nun die Thresel, sei ein Jude zu wenig, einer müsse sein, der das Gebot mache, und ein zweiter, der es annehme.

Der Taferner that ein süßes Lächeln, als hätte ihm die Thresel eine Schönheit gesagt, dann schlug er ihr den gegenüberliegenden Platz vor, just neben der Bildsäule des heiligen Nicolaus, das wäre eigentlich noch ein viel besserer Platz und für den alten Preis zu haben.