Part 10
Unsere Division (Herzog Wilhelm von Mecklenburg) lag in Rambouillet. Wir waren 5 Regimenter stark: Brandenburgsche Kürassiere, Fürstenwalder Ulanen, Zieten-Husaren, — das waren die alten; dazu zwei neue: die 15. Ulanen und die 16. Husaren, beides Schleswig-Holsteiner. Ich stand bei den 16. Husaren, 3. Eskadron.
Am 7. Oktober Mittags wurden wir allarmirt und auf einer der nach Chartres führenden Chausseen (nicht auf der Hauptstraße) bis zum Dorfe #Ablis# vorgeschoben. Wir waren die äußerste Spitze. In Chartres stand der Feind.
Es mochte 5 Uhr sein, als wir in Ablis einrückten; es dämmerte schon. Wir suchten das Dorf ab, fanden nirgends Verdächtiges, besetzten die nach Süden zu gelegenen Gehöfte und stellten Doppelposten an die vier Ausgänge des Dorfes. Das sah sehr gut aus und konnte einen Rekruten beruhigen, aber nicht einen Alten. Es war ein Fehler von Grund auf. Unser Rittmeister behandelte uns wie Infanterie; wir waren aber nicht hierher geschickt worden, um Schützen oder Jäger zu spielen. Wir waren #Husaren#; wir mußten Spielraum haben. Statt dessen hatten wir #Barrikaden#. Unsinn. Sie kamen uns später theuer genug zu stehen.
Um 9 Uhr — wir lagen schon bei unseren Pferden —rückte noch eine Unterstützung für uns ein: 60 Mann vom 11. Bayrischen Regiment. Nun sicherlich wär’ es an der Zeit gewesen, unsere Husaren wieder zu Husaren zu machen und nach allen vier Seiten hin Vedetten zu stellen und Recognoscirungspatrouillen auszuschicken; aber nichts von dem allen geschah. Wir sollten als »Infanterie« zu Grunde gehen.
Eine halbe Stunde später nach Einrücken der Bayern schlief alles fest. Ich allein wachte. Ich hatte in dem Gehöft, in dem wir lagen, den ganzen Abend über ein Kommen und Gehen bemerkt, ein Tuscheln und Flüstern und dann wieder ein rasches Abbrechen, wenn sie sich beobachtet glaubten; — das ganze Nest war mir unheimlich vorgekommen; es stand fest in mir, daß es was geben müsse. Bei jedem Geräusch horcht’ ich auf; aber es war nichts. Ich hört’ es noch Mitternacht schlagen; dann fiel ich in tiefen Schlaf wie die andern.
Es mochte 3 Uhr sein, als es an die Stallthür pochte; klick, klack. Ich sprang auf und rief noch in halbem Schlaf: »gleich, gleich«; aber während ich noch auf die Stallthüre zutappte, steigerte sich das Klopfen so, daß es kein Klopfen sein konnte; klick, klack; wie wenn Steine aufs Dach fallen. Jetzt wußt ich was los war; ’raus Kerls, wir sind überfallen«.
In meinem Stall lagen 10 Mann. Wie ein Wetter waren sie auf; aller Schlaf wie weggeblasen; Karabiner in Hand stürzten wir hinaus. Als wir in die Dorfgasse traten, stand schon alles im Gefecht. Von rechts her, aus der Mitte des Dorfs, wo die beiden Gassen sich schneiden, hörten wir das Commando der Bayrischen Offiziere, von links her blitzten die Karabinerschüsse der Unseren, oder leuchtete mitunter das Blau und Weiß der Uniformen. Der Feind schien überall. Im Einverständniß mit den Bewohnern drang er weniger durch die Eingänge des Dorfs, als durch die Häuser und Gärten vor; aber noch war nicht alles verloren. Die Bayern, ersichtlich, hielten Stand; ja, wir konnten hören, daß sie Terrain gewannen. Wir riefen uns einander zu. Wenn wir jetzt als richtige Husaren, unsere Pferde unterm Leibe, in die zerstreut kämpfenden Feinde hineingefahren wären und in immer wiederholtem Auf- und Niederjagen die beiden Dorfstraßen leer gefegt hätten, während die Bayern die vier Eckhäuser am Kreuzungspunkt besetzt hielten, so wären wir vielleicht durch gewesen. Aber die verd... Barrikaden! Keine 50 Schritt freie Bewegung. Wir scheiterten, weil wir uns statt auf die Pferde, auf den Karabiner verlassen mußten. Jeder kann nicht jedes.
So knatterte es hin und her. Unsere dünne blaue Linie wurde immer dünner; die anstürmenden Franctireurs drängten uns von der Straße auf das Gehöft, von dem Gehöft in die Ställe; hier standen wir jetzt rathlos bei unsren Pferden; von außen her, durch Thüren und Luken, knallte der Feind aufs Gerathewohl in die dunklen Räume hinein. Unteroffizier Balzer, eines reichen Gutsbesitzers Sohn, unser Aller Liebling, sprang, als er Mann und Pferd neben sich fallen sah, mitten in den Haufen der Draußenstehenden hinein und rief: Pardon! Sein gutes Gesicht, seine bittende Stimme schienen ihn retten zu sollen: der Zunächststehende setzte das Gewehr ab und sah ihn an; aber im selben Augenblick sprang ein Zuave vor und jagte ihm mit einem Deutsch gesprochenen »stirb Hund« die Kugel durch den Kopf.
Wir andern kapitulirten. Alle Offiziere waren todt; wir waren noch 56 Mann.
#Corporal Vollnhals erzählt#:
Wir rückten um 9 Uhr ins Dorf, drin wir die Schleswiger Husaren schon vorfanden. Wir waren 60 Mann unter Oberlieutenant #Schneider# vom 11. Regiment, 1. Bataillon (Regensburg). Die Ausgänge waren von den Husaren besetzt; wir verdoppelten die Posten, legten eine Feldwache von 30 Mann nordwestlich und bezogen mit dem kleinen Rest, der uns blieb, Allarmquartiere in der Mitte des Dorfs. Ich war im Dorf.
Um 3 Uhr knatterte es draußen. Der Feind griff von allen Seiten gleichzeitig an; so hieß es denn Knäuel bilden, um die Zurückgehenden aufnehmen und den Feind, woher er auch komme, erwarten zu können. Unsere ausgestellten Posten waren sämtlich weggeschossen worden; die zurückgehende Feldwache hatte schwere Verluste gehabt, so musterten wir denn nur noch 40 Mann. Mit diesen galt es jetzt das Dorf zu halten. Nach Süden hin, in geringer Entfernung, standen die Husaren.
Eine Viertelstunde lang ging es. Wir attakirten mit dem Bajonet und drängten das, was uns gegenüber stand, mehrmals bis an die Einfassungsmauer zurück; aber jedesmal wenn wir anschlugen, um eine volle Salve in den dichten Haufen hinein abzugeben, hieß es aus dieser Masse heraus: »schießt nicht Kinder, wir sind ja Preußen«. Im selben Augenblick trafen uns Kugeln von #hinten# her. Nun machten wir Kehrt, glaubten wirklich den Feind blos im Rücken und in unsrer Front die Preußen zu haben, aber im selben Moment, wo wir die Schwenkung gemacht, umzischten uns auch schon wieder die Kugeln unserer vermeintlichen Deutschen Brüder. Wir wußten nicht ein noch aus, und zuletzt von Wuth und Todesangst getrieben, schossen wir blind in alle Haufen hinein, um dem Spiel ein Ende zu machen.
Aber das Spiel war uns bereits theuer zu stehen gekommen. Alle Offiziere todt. Als ich jetzt an dem Straßenkreuzungspunkte mich umschaute, sah ich, daß wir nur noch 15 Mann waren. Ich war der einzige Chargirte und übernahm das Commando. Von allen Seiten gedrängt, zog ich mich in das zunächst gelegene massive Haus zurück und besetzte den ersten Stock, nachdem ich die Thür unten, so gut es ging, verrammelt hatte. An jedem Fenster 4 Mann. Ich postirte sie schräg hinter dem rechten Pfeiler, so daß sie gedeckt standen und einen sichern Schuß hatten. Der Himmel war mit uns. Bis dahin war es dunkel gewesen; jetzt aber dämmerte es, und der erste über die Dächer kommende Tagesschimmer fiel so hell auf unsere Läufe, daß wir das Korn sehen und scharf zielen konnten, während die Franzosen unten im Halbdunkel standen. So ging es fort bis alle Patronen verschossen waren; unser matter werdendes Feuer hatte ohnehin dem Feinde schon verrathen, wie’s mit uns stand. In diesem Augenblick rückte die Masse drüben zum Sturme vor; noch einen letzten Schuß gab ich ab; dann hörten wir wie unten die Fenster und Hinterthüren eingestoßen wurden und alles treppan lärmte. Eine Salve in unser Zimmer hinein; vier von meinen Leuten stürzten; ein Chasseur packte mich beim Kragen und schüttelte mich. Ich stieß ihn in eine Ecke zurück. Wüthend setzte er mir das Gewehr auf die Brust und drückte los, während ich eben den Lauf an der Mündung gefaßt hatte. Die Kugel riß mir die Spitze des kleinen Fingers fort. Jetzt mußte sich’s entscheiden. Wir wollten uns eben an den Hals fahren, als ein Offizier, so viel ich verstehen konnte ein Pole, zwischen uns sprang und mich rettete. Er erklärte uns alle »als in seinen Schutz gestellt«, und als er sah, daß wir nur noch 11 Mann waren, lobte er uns. Mir nickte er zu, was er jedesmal wiederholte, wenn er später an mir vorüberkam.
#Sergeant Polzin erzählt weiter#:
Um 5 Uhr früh war alles was von uns noch übrig war, in dem großen Gastzimmer des einen Gehöftes versammelt; Husaren und Bayern, alles bunt durcheinander. Verwundete gab es nicht; wenigstens haben wir nichts davon gehört.
Es war eine wunderliche Beleuchtung; Kaminfeuer und ein halbes Dutzend Lichter, auf Blaker und Flaschen gesteckt. Zwei oder drei dieser Lichter standen auf einem großen runden Tisch, der an ein offenstehendes Fenster gerückt worden war; Tageslicht drang ein. Wir athmeten auf in dieser Morgenfrische. Auf dem Tische selbst lag alles aufgeschichtet, was man den Todten draußen an Geld und Geldeswerth abgenommen hatte; jetzt mußten auch wir deponiren, was wir in unseren Taschen hatten. Mitunter half eine Franctireur-Hand nach und beschleunigte die Untersuchung. Nun ging es an ein Sortiren und Theilen. Ein Zehnthalerschein, dessen Werth der großen Mehrzahl ein Geheimniß war, wurde verächtlich bei Seite geschoben. In demselben Augenblick aber fuhr durch die dem Tisch zunächst stehende Franctireur-Mauer eine Hand hindurch, griff nach dem Schein und sagte mit unverkennbarem Accent: »#dir# kann ich jrade brauchen«. Es war eine Art Elite-Corps, mit dem wir es zu thun gehabt hatten, Fremdenlegionaire, Abhub aus aller Herren Länder, Italiener, Polen, Hannoveraner, und — wie überall in der Welt — auch Berliner.
Von Geldeswerth war uns allen nur eines geblieben: einem meiner Husaren hatte ein Seitenschuß die ganze Uhr aus der Kapsel herausgeschossen; an seiner Uhrschnur hing nichts als die silberne Schale. In gutem Humor hatte man sie ihm als »Andenken an Ablis« überlassen.
Wir erhielten einen Frühtrunk und einen Bissen Brod; dann ging es auf Chartres zu. Unter dem Jubel der Bevölkerung zogen wir ein.
Gegen Abend sahen wir von unserem Gefängniß aus, daß sich der Himmel gegen Norden hin röthete. Wir ahnten was es war, drei Tage später #wußten# wir es. Die ganze Division war von Rambouillet aus gegen Ablis vorgerückt, um das Dorf für seinen Verrath zu strafen. In weitem Kreise standen die Regimenter; dann feuerte die reitende Batterie ihre Brandgranaten in das unglückliche Dorf, und am andern Morgen war Ablis ein Aschenhaufen.
11. Drei von den 3. Garde-Ulanen.
Sie preschten zurück in vollem Galopp, hopp, hopp, Daß an der Lanze das Fähnlein stob, hopp, hopp, Leb wohl, leb wohl, lieb Kamrad mein, Es mußte doch mal geschieden sein, Ach ja, Er stürzte vom Pferde allda. G. Hesekiel.
#Unteroffzier Janeke erzählt#:
Wir lagen bei dem Dorfe Villaines, zwei Meilen nördlich von St. Denis. Am 3. November früh erhielt ich Ordre, mit vier Mann einen Recognoszirungsritt bis Ecouen und Sarcelles zu machen und Nachricht zu bringen, #ob# sie besetzt seien, #wie stark# und #womit#. Das große Dorf Ezonville war halber Weg. Hier sollte das Absuchen beginnen. »Es ist nicht #wahrscheinlich#, daß sie schon in Ezonville stecken, aber es ist #möglich#. Also aufgepaßt. Und nun mit Gott.«
Wir ritten aus; es nebelte noch. Das erste Dorf, das wir passirten, hieß Villiers-le-Sec, das zweite Lemesnil-Aubry; der Nebel war inzwischen gefallen und Alles versprach einen klaren Tag. Wir trabten nun auf das #dritte# Dorf zu. Es war Ezonville. Sein heller Kirchthurm blinkte #schon durch die Pappeln.
Als wir dicht heran waren, stießen wir auf drei Mann von unserer 5. Escadron, die schon vor uns ausgeritten waren. Der Gefreite machte Meldung und stellte sich unter mein Commando. Ich hatte nun 7 Mann und war guter Dinge; mit sieben Lanzen ist schon was anzufangen.
Ich theilte jetzt meine Streitkräfte in zwei Seiten- und eine Mittel-Patrouille. Die Mittel-Patrouille (für das Dorf bestimmt) war die Hauptsache. Diese führte ich selber und suchte mir zwei Mann dazu aus, die beiden besten. Ich sagte mir so: die drei von der 5. Escadron mögen gut sein, aber du kennst sie nicht; deine eigenen kennst du: Rabinsky is ein Deubelskerl, aber Pollacke und unzuverlässig; Pottmüller is willig, aber noch ein halber Rekrut; bleiben dir noch Sattler Gemke und der rothhaarige Schindler; #die# nimm, die sind jut. Und so nahm ich mir denn Gemken und Schindlern; die drei von der 5. schickt’ ich links um das Dorf rum; Rabinsky und Pottmüller rechts.
Sattler Gemke hatte die Spitze; dreißig Schritt hinter ihm Schindler und ich; so ritten wir in das Dorf ein. Ich kannt’ es schon von Mitte Oktober her, wo wir bei hellem Mittagsschein durchgekommen waren. Ein langes Dorf, blos zwei Reihen Häuser; in der Mitte die Kirche mit einem Platz. Ich hatt’ es noch gut in Erinnerung.
Die ersten Gehöfte in ihrem weißen Anstrich und mit den Vorgärten, in denen noch das bunte Laub hing, sahen freundlich genug aus; aber in jeder Thür stand ein altes Weib, was mir all mein Lebtag nichts Gutes bedeutet hat. Ich ritt an die erste heran und fragte: »Franctireurs?« worauf sie mit dem Kopf #schüttelte#, nach Süden hin zeigte und blos immer wiederholte en bas. Ich sagte »Dank, Mütterchen«, ritt auf die zweite zu und fragte wieder »Franctireurs?« worauf diese mit dem Kopfe #nickte#, auch nach Süden zeigte und auch wiederholte en bas.
Ich war jetzt ärgerlich; die eine schüttelte, die andere nickte; ich warf ihr also einen altmärkischen Morgengruß an den Kopf, den ich hier nicht wiederholen will. Vielleicht hatte sie’s gut mit mir gemeint. Es ist schlimm, wenn man sich in fremden Sprachen vernachlässigt hat.
Gemke war uns jetzt erheblich vorauf. Schindler und ich ritten rechts und links an den Gehöften vorbei; wo es möglich war, hielten wir uns so dicht an den Häusern hin, daß wir in die Fenster des ersten Stocks hineinsehen und den Flur und die Zimmer mustern konnten. Aber nirgends zeigte sich etwas Verdächtiges; die Dorfstraße war leer, die Gehöfte wie ausgestorben; nur Kinder spielten im Hof. Männer schien es nicht zu geben.
So waren wir an der Kirche vorbei bis an die letzten, schon vereinzelt stehenden Häuser gekommen und wollten eben auf Ecouen und Sarcelles zu uns in Trab setzen, als zwei Schüsse fielen, und Gemke, sein Pferd herumwerfend, in voller Carriere auf uns zu sprengte. Er hielt seinen linken Arm in die Höh’, der stark blutete. Jetzt wußt’ ich Bescheid. »Gemke« rief ich ihm zu »helfen is nich; Sie müssen sehen wie Sie durchkommen; immer querfeldein; Gott verläßt keinen Ulanen nich.« Ich sah noch wie er über den Graben setzte. Schindler und ich aber machten Kehrt und jagten wieder zurück in das Dorf hinein, das wir eben erst verlassen hatten.
Welch Wechsel! Die Gasse stand jetzt so vollgepfropft als ob Jahrmarkt oder Hinrichtung wäre. Es war auch so was. Durch diesen Menschenhaufen mußten wir hindurch. Es schien glücken zu sollen. Die ganze Masse war ersichtlich noch nicht recht in Ordnung; nur einzelne Schüsse fielen. So kamen wir bis an den Kirchenplatz, wo die Straße nach links hin ausbuchtet. Hier war alles leer; ich that einen vollen Athemzug und dachte so vor mich hin: Janeke, das war überstanden.
Aber ich hatte mich verrechnet. In der zweiten Dorfhälfte hatten sie derweilen Zeit gefunden sich zurecht zu machen, und als wir jetzt in die wieder schmaler werdende Gasse hinein wollten, da sahen wir aus allen Fenstern und Dachluken Gewehrläufe auf uns gerichtet, und gleich dahinter einen in drei Gliedern stehenden Schützenzug, der uns mit Flintenschüssen empfing. Ich duckte mich; als wir aber glücklich durch waren, richtete ich mich hoch auf, um zu sehen, was wir noch vor uns hätten, und sah nun, daß bis ans Ende des Dorfes hin und drüber hinaus, alle hundert Schritt eine solche Chaine gezogen war, und daß wir also auf dem zwischenliegenden freien Raum das Seitenfeuer der Häuser und das Frontfeuer dieser Chainen auszuhalten haben würden.
An diesen Ritt will ich denken. Schindler, nach links, immer dicht neben mir; nur so viel Zwischenraum, daß er mit seiner Rechten frei hantiren konnte. »Mann«, rief ich ihm zu, »wir müssen durch!« Sein Sommersprossengesicht nickte mir zu und der rothe Spitzbart tupfte ihm dabei vorn auf die Ulanka und das Kreuz von 66. So ging es hinein; Schindlers Lanze immer um drei Fuß vor. Ich faßte meinen Säbel krampfhaft fest und stieß und hieb, aber das war nur Spielerei; davon ist nicht zu sprechen neben der Lanze meines Rothkopps. Was ich sonst nur immer gehört hatte, hier sah ich es: die #Lanze ist eine furchtbare Waffe#. Ich will nicht Zahlen nennen, sie möchten doch nicht geglaubt werden; zudem bin ich meiner Sache nicht sicher. Ich weiß auch nicht wie viel der Anprall der Pferde und wie viel die bloße Furcht vor dieser langvorgestreckten Spitze gethan haben mag, aber das muß ich sagen, ich habe den Eindruck, daß uns diese eine Lanze unsern Weg durch all die Colonnen bohrte. Keine Kugel traf; wir hörten nur das Klatschen auf den Dachziegeln gegenüber.
Jetzt kam wieder eine Lichtung, ein größerer Zwischenraum, und über die Köpfe der zwei letzten Chainen weg, die den Ausgang sperrten, sah ich schon die Pappeln der Chaussee und dachte eben in meinem Sinn: »sie schießen doch zu schlecht«, klatsch, da hatt’ ich eins weg in den Schenkel, nicht viel, aber mein Pferd mußte scharf getroffen sein, denn das Blut spritzte hoch auf und meine weißen Fangschnüre waren wie getränkt damit. Ein Unglück kommt nie allein. In diesem Augenblick rief Schindler: »Unt’roffizier, ich bin getroffen«, und ich sah deutlich, daß er zusammenzuckte. »Halt Dich fest,« schrie ich ihm zu, »durch, durch,« und er packte mit der Linken den Hals seines Braunen und ging wieder hinein. Es war ein prächtiger Kerl. Aber plötzlich fehlte er neben mir; mit halbem Blick nach links sah ich, daß Pferd und Reiter zusammengebrochen waren und daß man über ihn her war. Ich hatte nicht viel Zeit drüber nachzudenken, denn im nächsten Augenblick war es auch mit mir vorbei. Mein Pferd, von einer zweiten Kugel in den Kopf getroffen, stürzte zu Boden; ich lag drunter und verlor die Besinnung.
Als ich wieder zu mir kam, war ich unter einem Dach von Bajoneten. Man zog mich hervor und schleppte mich im Triumph in die Mitte des Dorfes, an meinem treuen Schindler vorbei. Er richtete sich noch einmal auf; der Todesschmerz stand ihm im Gesicht. Es hat nicht lange mehr gedauert. Einer von den Franctireurs gönnte ihm eine letzte Kugel. Es war auch das Beste.
Sattler Gemke, wie ich gehört habe, ist durchgekommen und hat seine Meldung gemacht. Ich gönn’s ihm; einer hat eben Glück vorm andern; die Loose fallen verschieden. Gemke lebt, Schindler ist todt und ich — sitze #hier#.
12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon.
≈Tarry, dear cousin! My soul shall thine keep company to heaven, Tarry, sweet soul, for mine, then fly a-breast.≈ ≈Shakespeare. (Henry V.)≈
#Jäger Schoenfeldt erzählt#:
Wir lagen 2 Meilen rechts von Corbeil, die ganze 17. Brigade, das Grenadier-Regiment aus Schwerin, die Rostocker Füsiliere und unser Jäger-Bataillon. Alles war guter Dinge; unsere Offiziere wetteten »in 4 Wochen ist es vorbei«; nur in Einem sah es schlecht aus: wir hatten nichts zu essen. Das ist immer schlimm, aber für einen Mecklenburger doppelt.
Am 16. Oktober erhielt unser Bataillons-Kommando, Major v. Gaza, einen Brief von guter Hand, in dem zu lesen stand, daß in dem Städtchen Nogent ein deutscher Kaufmann wohne, der noch Vorräthe habe und gewillt sei, sie gegen gute Prozente zu verkaufen. Gut so. Das war just was wir brauchten. Ein Detachement sollte am andern Morgen aufbrechen, um bei besagtem Kaufmann für 100 Thaler Brod, Cognac und Taback zu erhandeln. Mit dem Brod stand es schon seit 14 Tagen schlecht. Ein Wagen, ein guter Zweispänner, sollte für die Fahrt beschafft werden. Ich erfuhr spät Abends, daß ich mit von der Parthie sein werde.
Zwei Tage hin, zwei Tage zurück; ich freute mich nicht wenig.
Am 17. früh brachen wir auf; in Mormant sollten wir übernachten und am Nachmittage des zweiten Tages in Nogent eintreffen. Dies war Alles. Karten hatten wir nicht. Wir wußten nur dreierlei: Bestimmungsort Nogent, Richtung nach Osten, Entfernung 10 Meilen. So ausgestattet, hofften wir in der That uns durchtappen zu können. Wir waren guter Dinge und ohne Ahnung davon, daß es in Frankreich anderthalb Dutzend Nogents giebt. Das sollte verhängnißvoll für uns werden.
Das Detachement, wenn ich von mir absehe, war gut gewählt. Unteroffizier Ellis, Gefreiter Fritsche, Jäger Lübbe, Jäger Jahn; dazu ich. #Ellis#, Gutsbesitzer, hatte das Jahr vorher als Freiwilliger beim Bataillon gestanden; #Fritsche#, Schiffscapitain oder Steuermann, ich weiß nicht genau, war eben aus England zurückgekommen; #Lübbe#, Apotheker; #Jahn#, Mediciner. Sie waren all aus gutem Hause und konnten parliren. Jahn am besten. Fritsche war aus Rostock, Sohn des Professors; Jahn aus Schwerin, Sohn des Hofpredigers. Ich für mein Theil wußte nichts. Es muß auch solche geben.
Der erste Tag verging ohne Störung. Wir fuhren bei guter Zeit in #Mormant# ein; vier Meilen waren gemacht. Wir befanden uns hier noch im Bereich unserer Armeen; Alles war dienstfertig und bereit. So verging die Nacht.
Sechs Uhr früh saßen wir wieder auf unserem Wagen, die Büchse im Arm, und trabten auf Nogent zu. Wir hatten am Abend vorher Information eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß wir über #Provins# fahren müßten. »Immer #ostwärts# die Chaussee hinunter; noch drei Meilen bis Provins, noch sechs Meilen bis Nogent.« Das schien zu stimmen; Entfernung und Himmelsgegend waren richtig. Es war aber dennoch falsch. Wir fuhren auf Nogent #sur Seine#, statt auf Nogent #sur Marne#; das Marne-Nogent (Eisenbahnstation zwischen Chateau-Thierry und La Ferté) lag unterm Schutz der Preußischen Bajonete, das Seine-Nogent unterm Schutz der Franctireurs. Unser Schicksal wollte es, daß wir auf das #Franctireur#-Nogent zufuhren. Ob uns der Wirth von Mormant (Mormant #war Gabelpunkt für beide Wege) absichtlich in die falsche Direktion schickte? Ich glaub’ es kaum.
Es war ein kostbarer Tag dieser 18. Oktober und heiter wie der Tag gings in die Landschaft hinein. Fritsche richtete sich hoch auf, schwenkte seine Büchse und rief, als wir das nächste Dorf passirten: »Hoch Deutschland; #heut ist der 18. Oktober#!« Wir stimmten jubelnd ein; die Chaussee hinauf, hinunter, ging es durch die schönen lachenden Dörfer. So kamen wir nach Provins. Es war gerade Mittag.
Provins ist eine reizend gelegene Stadt am Fuß und Abhang eines Berges; beinah einsam, vom Berge herab, grüßt eine alte Kirche; durch die Stadt hin aber schlängelt sich ein Fluß mit Lohmühlen und Gerbereien, und dazwischen — Rosengärten. Einzelne Stämme standen noch in Blüthe.
Wir fuhren auf den Markt, hielten vor einem Gasthaus um zu futtern und begannen eben Fragen zu stellen, wie man wohl thut, wenn man sicher und guter Dinge ist, als wir plötzlich den Marktplatz mit Hunderten von Menschen sich füllen sahen, viele blos neugierig, aber die meisten ersichtlich feindselig. Die Antworten auf unsere Fragen wurden immer kürzer; ein Murmeln begann, ein Andrängen auf unsern Wagen zu, so daß Ellis, der Ordre hatte alle Häkeleien zu vermeiden, uns schnell entschlossen zurief »aufsitzen«, und im nächsten Moment schon rasselte der Wagen wieder über das Pflaster hin, mitten durch die auseinanderstiebende Menschenmenge hindurch, zur andern Seite der Stadt hinaus. Ein Gespräch mit dem Wirth hatte uns schon vorher genau die Richtung angegeben. Die Richtung auf das #falsche# Nogent. Es war noch drittehalb Meilen.
Das Geschrei der Menge folgte uns, starb aber bald, und der ganze Vorgang, dem wir bis dahin wenig Bedeutung beigelegt hatten, da wir uns auf völlig gesichertem Boden glaubten, war schon halb wieder vergessen, als wir, dreiviertel Meilen hinter Provins, in den Forêt de Sordun eintraten, der, mehrere Stunden groß, das halbe Terrain zwischen Provins und Nogent mit seinen Wald- und Berg-Coulissen ausfüllt. Wir mußten jetzt durch Schluchtenwege hindurch, die zu beiden Seiten sich bald zu beleben anfingen; hinter jedem Baum trat ein Blaukittel hervor, einige bewaffnet, andere nicht; auch Frauen und Kinder. Diese begannen ein Gejohle und Geschrei; alles aber folgte und hing sich wie eine Heerde Wölfe, die auf den richtigen Moment wartet, an unser Gefährt.
»Nicht umsehen«, kommandirte Ellis und nahm selber die Leinen in die Hand. Er war ein guter Fahrer und die beiden dampfenden Pferde, die in Provins ohnehin um ihre volle Ration gekommen waren, griffen jetzt aus mit ihrer #letzten# Kraft. Das half zunächst; der Wald lag alsbald hinter uns; nur die besten Läufer hatten Schritt mit uns gehalten; Nogent konnte keine Stunde mehr ab sein; #wenn# die Pferde aushielten ...?! In diesem Augenblick fuhren wir in ein Dorf hinein; in Mitte desselben standen die beiden Braunen still; sie konnten nicht weiter. Ellis warf die Zügel aus der Hand und sprang vom Wagen; wir andern folgten.