Chapter 6 of 13 · 3993 words · ~20 min read

Part 6

Wir stiegen nun eine Art Wendeltreppe hinauf, wie sie alle alten Thürme haben, geriethen auf einen holprigen Steinflur, der von der Seite her durch ein kleines rundes Thürfenster ein spärliches Licht erhielt, und tappten nun auf eben diese Lichtstelle zu. Es war die »Infirmerie«. Der Schließer schob einen Riegel zurück und wir traten ein. Ich konnte im ersten Augenblick, bei dem Dunkel, das auch #hier# noch vorherrschte, nur wahrnehmen, daß wir uns in einem ungewöhnlich großen Raum befanden; ob Saal, Halle, oder Kornboden war zunächst nicht zu unterscheiden. Schreck und Heiterkeit wechselten in meiner Stimmung; alles war gespenstisch und lächerlich zugleich. E. T. A. Hoffmann hätte hier eine glückliche Stunde feiern können. Auch in mir überwog bald ein gewisses poetisches Interesse jede andere Regung. Der Schließer führte mich an einen Bettstand, der für mich hergerichtet worden war, legte mein Gepäck zu Füßen und wünschte mir gute Nacht.

Ich setzte mich neben mein Bündel auf die Eisenkante des Bettes, um zunächst einige Orientirung zu gewinnen. Dies dauerte auch nicht lange. Es war eine mächtige, quadratische Halle, in der ich mich befand, mit tiefen Fensternischen und zahlreichen Bettständen; alle mit dem Kopfende der Wand zu. Mitten durch den Raum, nach Art einer Brücke, war ein großer Bogen gespannt, der ein zweites Stock trug. Unter diesem Bogen, genau im Centrum des Ganzen, stand ein flacher Kochofen, aus dessen drei Löchern ein Lichtschein aufstieg, derselbe, der uns, als wir noch draußen umhertappten, den Weg hierher gezeigt hatte. Jetzt sah ich, bei eben diesem Schimmer, daß drei vermummte Gestalten um den Ofen her saßen. Mitunter, wenn einer der drei mit einem Schüreisen in die Gluth fuhr, wurd’ es auf einen Moment etwas heller und ich konnte dann erkennen, daß es blutjunge Leute waren, die hier fröstelnd und zusammengekauert sich an der spärlichen Gluth zu wärmen suchten. Ich trat jetzt an sie heran. Einer erhob sich, um mir seinen Stuhl anzubieten, was ich auch annahm. Ich versuchte nun eine Conversation; die Antworten blieben aber einsilbig, bis aus einer Ecke am Fenster her endlich meine Unterhaltungsversuche aufgenommen und ich verbindlich eingeladen wurde, »doch mehr ins Licht zu rücken«.

Dies hätt’ ich nun wohl gleich bei meinem Eintreten gethan, wenn die Ecke am Fenster damals schon eine Lichtecke gewesen wäre; sie war es aber erst während der letzten Minute geworden, wo, nach mehreren gescheiterten Versuchen, eine Art Küchenlampe glücklich in Brand gesetzt worden war. Ich dankte jetzt dem Sprecher zunächst und rückte dann in den Lichtkreis ein, der einen Durchmesser von 4 Schritt haben mochte; alles andere lag nach wie vor in Dämmer.

Ich befand mich nunmehr in dem Westend der Infirmerie, in dem »aristokratischen Viertel«, das, wie ich bald erfahren sollte, ausschließlich aus den beiden »≈cuisiniers≈« des Gefängnisses bestand. Im ersten Augenblicke wußte ich nicht, ob sie Haus-Beamte oder Mitgefangene wären, doch ließen ihre eigenen Mittheilungen mich nicht lange in Zweifel darüber. Mein- und Dein-Fragen, falsche Wechsel, unmotivirte Schwüre, so schien es mir, hatten sie hierher geführt. Es war ein Junger und ein Alter. Der #Junge# war Koch von Fach, hatte in Homburg, Aachen, Baden-Baden die große Schule durchgemacht und peinigte mich durch lange Schilderungen des Koch- und Bade-Lebens, die er mit Fistelstimme und einer unheimlich geschraubten Begeisterung vortrug. Gemüthlicher war der #Alte#. Er war über sechszig, trug eine Brille mit ungewöhnlich großen Gläsern und war seines Zeichens ein lateinischer Sprachlehrer aus Moulins. Seit Jahr und Tag kochte er nun als Auxiliar-cuisinier die Gefangenensuppe und behandelte den Wechsel der Dinge ≈en philosophe≈. Dabei republikanisirte er scharf. Ich mußte immer an »Vater Karbe« denken. Den Verdacht, daß er eigentlich ein verkleidetes altes Weib sei, was das Gespenstische steigerte, bin ich übrigens nie ganz los geworden. Doch mag das auf sich beruhn.

Dieser Alte dirigirte nun die Infirmerie. Er hatte Streichhölzer, Salz, zwei Handtücher und ähnliche Luxusartikel; sein eigentliches Ansehn beruhte aber doch auf seiner »Bibliothek« und vor allem auf jener Küchenlampe, die ich ihn eben hatte anzünden sehen. Diese Lampe wurde denn auch von ihm selber, wie von allen Mitgefangenen gehegt und gepflegt; alles putzte an ihr herum, um sie hübsch blank zu erhalten, und rührend war es geradezu, mit welcher Liebe und Zartheit ihr defekter Cylinder behandelt wurde. Anderthalb Stunden lang, wie ich mich am andern Tage überzeugen konnte, drehte sich alles um ihn. Der Cylinder (ein sogenannter Bauchcylinder) hatte nämlich außer den ihm rechtmäßig zustehenden zwei Löchern oben und unten, noch zwei Seitenlöcher gerade an der Bauchstelle und diese Havarie immer wieder auszubessern war die Aufgabe aller Insassen der Infirmerie, besonders der beiden Cuisiniers. Es wurden zwei Stückchen Papier geschnitten von der Größe einer Kartoffelscheibe und am Rande hin mit angefeuchteten Oblatenschnitzeln besetzt. Dies kunstvoll hergerichtete Pflaster wurde dann auf die große Wunde gelegt, der gestörte Luftzug war nun wieder hergestellt und alles drängte sich an den Tisch, um das abermals gelungene Werk zu begrüßen. So war es am zweiten Tag.

Auch gleich der erste Abend, trotzdem alles schon geschehen war, ließ mich noch Einblick gewinnen in eine »Reparatur«. Der Alte, der (schon von Metier wegen) an Klassizität meinem ≈penseur libre≈ in Besançon wenig nachstand, unterhielt mich eingängig noch eine halbe Stunde; dann ging ich zu Bett. Am Fenster brannte das Lämpchen und hatte seinen Lichtkreis. In diesem Lichtkreis saß der lateinische Lehrer und Auxiliar-Koch und las in Rabou’s »≈La grande Armée≈«. Weißhaarig, die große Brille auf der großen Nase, sah er aus wie eine Eule. In dem weiten Rest des Zimmers herrschte Dämmerung. Das Feuer in dem Kochofen wurde immer kleiner; wenn einer der drei Umsitzenden aufstand und auf und ab schritt, tanzten riesige Schatten an Wand und Decke hin. Es war wie die Laterna magica in Kindertagen. Das Getrappel über uns, wo Gefangene auf und ab liefen, um sich zu erwärmen, hörte endlich auf; alles wurde still. Nur die Cylinderlampe brannte dankbar die Nacht hindurch.

Als ich aufstand, waren die Cuisiniers nicht mehr zugegen; der Küchendienst hatte sie bereits abgerufen. Statt ihrer machten sich jetzt die Drei, die am Abend vorher beim Kochofen so tapfer ausgehalten hatten, im Zimmer zu schaffen, wuschen, fegten, lüfteten und beeilten sich, mir meine Wünsche zu erfüllen, mein Leben erträglich zu machen. Ich ließ Wein und Cognac kommen, und half dadurch ihrem Eifer nach. Sie versicherten sämmtlich, daß ihre Krankheit (wir waren ja in einer »Infirmerie«) darunter nicht leiden würde. Der eine, ein Luxemburger, hatte die Gelbsucht. Ich lasse dahin gestellt sein, ob der Hausarzt später die Zustände gerade #dieses# Patienten verbessert gefunden hat.

Um 10 Uhr war ich so weit, mich, ein Buch in der Hand, in eine der großen Fensternischen setzen zu können. Diese Nischen hatten über 7 Fuß Tiefe. Zu Füßen des alten Donjon lag Moulins, jetzt so schön und lachend, wie ich es mir vordem gedacht hatte. Um die goldenen Spitzen seiner Cathedrale spielte das Frühlicht und durch den Schimmer hin flogen die Tauben.

Ich begann zu blättern. Es war das Buch, das der Alte bis spät in die Nacht hinein emsig studirt hatte: »≈La grande Armée≈«. Ich las 50 Seiten: das Lager bei Boulogne, die Capitulation von Ulm, Austerlitz, zuletzt Jena, — nach diesem hatte ich genug; ich war verstimmt. Und ich glaube mit Grund. »Solche Bücher,« sagt’ ich mir, »schreibst Du selbst. Sind sie #ebenso#, so taugen sie nichts. Die bloße Verherrlichung des Militairischen, ohne sittlichen Inhalt und großen Zweck, ist widerlich.« Damit klappte ich das Buch zu und sah wieder auf die Cathedrale hinüber.

Dann machte ich meinen Spaziergang von Thür zu Fenster und von Fenster zu Thür, bis um Mittag die ersehnte Nachricht kam, »morgen früh weiter ins Land hinein«.

Wohin, wußte Niemand.

4. Gueret.

Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt Verschwinden? der dem Schwachen beisteht, Der den #Neid# nicht kennet, denn er ist der Größte! (Jungfrau von Orleans.)

Nach meiner Berechnung mußte die Weiterreise auf #Tours# gehen, also nach dem Sitz der »provisorischen Regierung«. Ich wünschte dies, und hatte bereits eine Anrede an den Minister Cremieux fertig, der dann, dacht’ ich, seinem Collegen Gambetta ein paar Worte zuflüstern und nach zustimmendem Kopfnicken dieses letztern, meine Freilassung anordnen würde. All dies scheiterte aber vorweg an #einer# unerbittlichen Thatsache: es ging #nicht# auf Tours. Die nächste Etappe hieß #Gueret#.

Die Fahrt dorthin war insoweit eine höchst angenehme, als das Landschaftsbild, das ich zum Beginn des vorigen Kapitels zu beschreiben versucht habe, sich fortsetzte. Dicht in einander geschobene Berg- und Hügelpartien, schmale Wiesengründe, Wasserläufe, dazwischen Tunnel, Brücken, Viadukte, die Kuppen und Abhänge mit Kastanien, Nußbaum und den verschiedensten Obstarten, aber #nicht# mit Weingeländen besetzt, — so ging es durch diese schönen, aber verhältnißmäßig wenig fruchtbaren Landschaften hin, die den Namen des Departements »≈La Creuze≈« führen.

Am Mittag schon, bald nach 1 Uhr, trafen wir in Gueret ein. »Ein freundliches Städtchen«, hatten uns die Gensdarmen gesagt, die ihrer Sache selbst so sicher waren, daß sie die Karabiner, die mir immer mehr fürs Volk als für uns da zu sein schienen, auf dem Bahnhof ließen, also uns nahezu unbewaffnet in die Stadt begleiteten. Diese steckte reizend in den Bergen; hier und dort wuchs ein Thurm, eine Esse über die Pappeln hinaus und graue Rauchwolken lagen wie schwebend, fast unbeweglich, in der stillen, regenschweren Luft. Wir passirten eine Plantage, einzelne Gehöfte, Niemand zeigte sich; mit dem Eintreten in die Stadt aber gestaltete sich das Bild wie immer. Hunderte von Jungen, die in dem scheinbar menschenleeren Ort wie Pilze aus der Erde wuchsen, umdrängten uns im Nu, alte Weiber, von denen jedes einzelne in eine beliebige Macbeth-Aufführung ohne die geringste Kostüm-Veränderung hätte eintreten können, erschienen in allen Thüren und unter dem Geschrei: Bismaarck, Bismaarck (immer mit langgezogenem a) verschwanden wir endlich im Gefängnißthore. Ich muß übrigens hinzufügen, daß das Ganze doch mehr den Charakter einer Volksbelustigung hatte. Gueret bezeichnete in dieser Beziehung die Grenze. Von da ab wurde es immer besser, bis zuletzt, auf dem Küstenstriche des Westens, jeder Beisatz von Verbissenheit aufhörte.

Das »Büreau« des Gefängnisses bestand aus drei Personen, aus dem Schließer, dem ≈gardien-chef≈ und der Frau dieses letzteren, einer großen braunäugigen Person von etwa sechsunddreißig, die nach der Art, wie sie uns musterte, eine Vergangenheit haben mußte. Selbst mit einer Lücke neben dem einen Augenzahn wußte sie geschickt zu kokettiren; sie gehörte eben zu denen, denen #alles# dienen muß, die oberen und die unteren Mächte. Ihr Beistand schien mir gewichtig. Ich machte einen Versuch, mich ihrer zu versichern, doch hatte sie Verstand und Erfahrung genug, um einen jungen Badenser mit Vollbart und rothen Backen vorzuziehen.

Inzwischen war mein vielcitirtes Beglaubigungspapier (»≈comme officier supérieur≈«) wieder vorgezeigt worden und schuf hier eine völlige Verwirrung. Man wußte offenbar nicht, was man daraus machen sollte. Die ganze Scene erinnerte mich lebhaft an die Vorgänge, die sich in kleinen Badeörtern mit Filial-Apotheken regelmäßig zu wiederholen pflegen, wenn Lehrling, Gehülfe, Prinzipal das aus der großen Stadt kommende Rezept nicht entziffern, das neueste Modemittel nicht errathen können und nach langem Getuschel und Aufwand einiger Fremdwörter endlich erklären: ein solcher Arzneikörper existire nicht. So schien auch der ≈gardien-chef≈ entschlossen, nicht geradezu die Existenz eines officier supérieur, aber doch die Verpflichtung seinerseits bestreiten zu wollen, in #seinem# Gefängnisse einen solchen unterzubringen. Man kam endlich überein, gar nichts zu thun und mir die Initiative zu überlassen.

Wir stiegen nunmehr die Treppe hinauf; ein großer viereckiger Raum wurde geöffnet, die Badenser traten ein und man wartete ersichtlich, ob ich folgen würde. Ich folgte aber #nicht#. Dies machte einen Eindruck, und in rascher Ausnutzung des Moments bat ich jetzt um ein apartes Zimmer. Man weigerte sich auch nicht, blieb aber der Rolle treu, Alles der historischen Entwickelung zu überlassen, und ließ mich zunächst, das Weitere abwartend, in eine nebenangelegene Zelle eintreten. Sie war absolut kahl. Ich sagte ruhig: ≈ah, c’est bon; seulement la fourniture là, — elle n’est pas très complète≈. Dieser Hohn wirkte; der ≈gardien-chef≈ lächelte verlegen, und ehe er sich noch besinnen konnte, schob ich ein: ≈du feu me paraît indispensable; naturellement je le payerai≈. Das war das erlösende Wort und ohne Säumen wurde ich nunmehr in ein #drittes# Zimmer geführt, das als Schmuckkästchen der Gesammtlokalität zu gelten schien. Es war gewiß auch das beste, was man hatte, aber immer noch trist genug. Das Bett bestand aus einem Strohsack, der Kamin war ein großes schwarzes Loch und das Geflecht des Binsenstuhls hing wie ein Strohwisch nach unten. Es wirkte beinahe unheimlicher als der Nachbar-Raum; dennoch hatte ich nach gerade Erfahrung genug, um gleich zu erkennen, daß hier die Elemente zur Entwickelung gegeben waren. Es kam nur auf die rechte Hand an. Ich stellte mich also vor den Schließer hin, versicherte ihm, daß ich einen starken Appetit hätte und ihn bitten müsse, mir ein Diner und eine Flasche vom besten Wein zu bestellen. Ich fügte einen Frank für seine vorläufige Bemühung hinzu. Ersichtlich betroffen, willigte er ein. In der Thür rief ich ihn zurück und flüsterte vertraulich: Sie sorgen wohl für ein #Feuer# und ein gutes #Bett#. Er versprach Alles. Ich hatte meinen Zweck erreicht. Diner und Wein, die mir gleichgültig waren, fielen ihm schließlich als gute Prise zu, aber drei wollene Decken sah ich sich über die Matratze breiten und im Kamin flackerten und prasselten alsbald die großen Scheite von Kastanienholz. Eine Stunde später war das Zimmer wie umgewandelt. Ich saß auf dem Stuhl, der sein Geflecht wieder gewonnen hatte, wiegte mich hin und her und blickte träumend in die immer ruhiger werdende Flamme. Liebe, freundliche Gesichter traten mir entgegen; ich sah deutlich die großen klugen Augen meines Lieblings; es war mir, als spräch’ es lieb und traut in mein Ohr. So saß ich im Gefängniß zu Gueret, schwere Tage hinter mir, schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.

O trübe diese Tage nicht, Sie sind der letzte Sonnenschein, Wie lange, und es lischt das Licht Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag Viel Tage gilt in seinem Werth, Weil man’s nicht mehr erhoffen mag Daß so die Stunde wiederkehrt.

Die Fluth des Lebens ist dahin, Es ebbt in seinem Stolz und Reiz, Und sieh’, es schleicht in unsern Sinn Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt Und jede prüft auf ihren Glanz, O sorge, daß uns keine fehlt Und gönn’ uns jede Stunde #ganz#.

Der andere Morgen war hell und sonnig; aber ein scharfer Wind pfiff. Ich mußte trotzdem in den Hof hinunter, um meine Morgentoilette zu machen. Es war also immer noch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen. An einem steinernen Brunnentrog badete ich den Oberkörper; eine »≈Brosse à dents≈« und ein geschliffenes Flacon mit ≈Esprit de Menthe≈ (Souvenirs von Langres her), die ich beide auf den breiten Rand des Steintrogs legte, nahmen sich in dieser Umgebung ziemlich wunderlich aus.

Etwa um 10 Uhr erhielt ich Besuch, der dann fast bis zum Moment meiner Weiterreise keinen Augenblick abriß. Der erste, der erschien, war ein Arzt, ein Mann von etwa sechszig, klugen Auges, mit Doktorhut und Doktorstock. Er habe gehört, so führte er sich ein, daß ich aus Berlin sei; »ob ich den berühmten Professor Wirscho kenne«? Ich stutzte einen Augenblick, fand mich aber schnell zurecht und erkannte, daß unser Virchow gemeint sei. Das gab nun ein Hin und Her. Er sprach lebhaft und voll Verbindlichkeit gegen die Deutschen, deren Wissenschaftlichkeit er auf allen Gebieten anerkannte. Auch in der Medizin. Nach so viel empfangenem Lob, glaubte ich schließlich auch ein Uebriges thun zu müssen und bemerkte, »daß die Pariser Schule wohl ebenbürtig sei«. Dies machte indessen gar keinen Eindruck auf ihn, und nur zum Zeichen, daß er meine Worte wohl verstanden habe, begann er seinen nächsten Satz mit der leichthingeworfenen Bemerkung: »≈naturellement, l’école de Paris c’est la première du monde≈« und fuhr dann in seinen Auseinandersetzungen, namentlich in einer Parallele zwischen Virchow und anderen deutschen Physiologen fort. Es war spezifisch französisch. Ich bemerke noch, daß er sich lebhaft nach dem ≈Dr.≈ Jacoby in Königsberg erkundigte, der überhaupt, neben Bismarck und Moltke, die in ganz Frankreich am meisten besprochene Persönlichkeit war. Jeder kannte ihn und Jeder knüpfte Hoffnungen an ihn. Der Ertrinkende greift nach einem Strohhalm.

Sehr bald nach dem Doktor erschien der #Vicar#. Ein großer, schöner Mann, blond, von den freundlichsten Augen und dem gefälligsten Wesen. Ueberhaupt war ich von hier ab in keinem Gefängniß mehr, in dem ich nicht den Besuch eines Geistlichen, oft von zweien, empfangen hätte. Dies ist eine sehr schöne Sitte. Freilich müssen die Geistlichen danach sein. Wenn sie kommen, um einem die Hölle heiß zu machen, oder auch nur, um einen Sermon zu halten, steif, langweilig, salbungsvoll, so sind sie unerträglich, wenn sie kommen, wie diese französischen Aumoniers, so kann kein Herz so roh, so verschlossen, so religionslos sein, daß es nicht Freude empfände an so menschlich schönem Zuspruch.

Dieser Vicar war nun von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit, fein, klug, unterrichtet. Schade, daß ich erst um eine Stunde später erfuhr, wer er eigentlich war; unsere Unterhaltung würde sonst einen noch freieren Verlauf genommen haben. Er lenkte nämlich bald ins Politische hinüber, verwarf das #Empire# in lebhaften Ausdrücken, ein Bild 20 jähriger Corruption vor mir entrollend, beleuchtete dann die #Republik#, die in Frankreich eigentlich ohne wahren Boden, vielmehr abwechselnd ein Schatten oder ein Schrecken sei und versicherte mich dann einmal über das andere, daß alles Heil lediglich in Wiederanknüpfung an den abgerissenen Faden, lediglich in Legitimismus, in #≈Henri-quint≈# zu finden sei; der Orleanismus werde dann #später# (durch die Verhältnisse legitim geworden) die große Erbschaft antreten. Wie mir das im Ohr klang! Nach dem wüsten Geschrei in Lyon und Moulins endlich wieder eine Menschenstimme! Ich fühlte mich wie mir selbst zurückgegeben und vergaß fast, daß ich in einem Gefängniß sei. Ich sage »fast«. Es wäre besser gewesen, ich hätt’ es #ganz# vergessen; neue weitere Aufschlüsse würden der Lohn gewesen sein. Aber ich konnte das alles in jenem Augenblick nicht wissen! Neben dem lebhaftesten Interesse, mit dem ich folgte, lief doch immer wieder die Frage her: Wer ist es, der diese Sprache führt. Will man dich aushorchen? Sollen sich neue Verlegenheiten für dich bereiten! So blieb ich vorsichtig, abwägend, auf meiner Huth, ich bekämpfte sogar einzelne seiner Sätze, Auslassungen über ≈Henri-quint≈, die ich wenigstens #prinzipiell# ohne Weiteres hätte unterschreiben müssen. Wie gesagt, ich hätt’ es rückhaltlos wagen können. Der junge Vikar, der anderthalb Stunden lang die Grundsätze der Legitimität vor mir verfochten hatte, war ein Vicomte d’Ussel, ein jüngerer Sohn der gleichnamigen, im Departement la Creuze begüterten Grafen-Familie. Der Legitimismus der Familie war übrigens kein Geheimniß; ihr Ansehn nur um #so größer#. Der Respekt, mit dem ich, noch am andern Tage, ein halbes Dutzend Personen darüber sprechen hörte, war sehr unrepublikanisch.

Dem Besuche des Vicars folgte der des Geistlichen selbst, eines Mannes von funfzig, heiter wie jener (der Vicomte), aber von ersichtlich anderer politischer Richtung. Er kam vorwiegend, um mir mitzutheilen, daß er seit 3 Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge: den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht das von #Confessions# wegen bereits Erlebte, von #Nationalitäts# wegen noch einmal zu erleben. Wie gern hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten wiegt nicht das was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf dem Wege nach Poitiers.

5. Poitiers-Rochefort.

#Jetter#. #Diese# Kerle sind wie Maschinen, in denen ein Teufel sitzt.

#Vansen#. Sie sehen nicht aus, als wenn sie so bald Brüderschaft mit uns trinken würden. Egmont.

Um 4 Uhr nach Poitiers. Wie schön der Name in meinem Ohre klang! Aber seitdem Moulins meine Erwartungen so arg getäuscht hatte, hatt’ ich den Muth verloren, meiner alten Neigung zu leben und auf Namen und Namensklang zu bauen.

Wir hatten eine stärkere Begleitung als gewöhnlich. Die Folge war, daß #ein# Coupé (oder wie es in Frankreich heißt, ein »Compartiment«) für die Gesammtheit von Gefangenen und Gensdarmen nicht ausreichte und eine Theilung vorgenommen werden mußte. Der »Brigadier« und ich sonderten uns aus und bezogen ein Nachbar-Coupé. Dies war zunächst sehr angenehm; man hatte freie Bewegung, konnte rechts und links in die Landschaft hineinblicken und rechts und links die Stationen mustern. Dazu kam ein direktes Angewiesensein auf einen Begleiter, der nach Sprache, Haltung, Benehmen eher ein »Brigadier« in #unserem#, als in französischem Sinne war. Er hatte etwas Distinguirtes, war leicht, gefällig, unterrichtet, dabei ohne alle Renommisterei, weder persönliche noch nationale. Unter allen Gensdarmen, die ich in Frankreich kennen gelernt habe (wenigstens 40 an der Zahl), war er unstreitig der Sanspareil; die ganze Klasse verdient es aber, daß ich ihr an dieser Stelle, wo ich ohnehin bald von ihr Abschied nehmen werde, eine warme Lobrede halte. Sie waren alle gut. Im ersten Moment in der Regel nüchtern, steif, selbst ein wenig schroff, kehrten sie nach 10 Minuten regelmäßig die gemüthliche Seite heraus, waren mittheilsam, ertrugen Widerspruch, luden mich zu ihrem Frühstück ein (was ich auch in der Regel annahm), und erwiesen sich als absolut unbestechlich, selbst in Kleinigkeiten. Sie mieden, klugerweise, auch den Schein. So oft ich einen Versuch machte, mich am Buffet zu revanchiren, meine Anerbietungen wurden stets artig aber entschieden abgelehnt. Ich war #ihr# Gast, nicht sie die meinigen. Dazu ein wahres Elite-Corps. Große, schöne Männer zwischen dreißig und vierzig, vielfach aus den Kürassier-Regimentern, am liebsten aus der Artillerie genommen; alles Leute, die in der Krim, in Italien und Mexiko mitgefochten hatten, von Algier und Kabylien gar nicht zu sprechen. Wenige, die #nicht# die Solferino-Medaille trugen. Alle die liebenswürdigen Züge des alten Soldaten waren bei ihnen heimisch; nie verstimmt, nie feindselig, immer ein Schutz, immer zu Zuspruch geneigt; — dabei (vielleicht ihr hervorstechendster Zug) von einer unsagbaren Verachtung gegen die Populace und gegen die Militairspielerei, die sich vor ihren Augen breit machte. Möglich, daß sie #später#, als sich die aus dem Boden gestampften Armeen mit rühmlicher Bravour in den Tod stürzten, eine veränderte Stellung zu dieser Frage einnahmen; im Dezember lagen die Dinge anders als im Oktober.

Ich kehre nunmehr zu meinem »Brigadier« zurück. Er erzählte mir viel von der Familie des Vicomte d’Ussel, dessen älterer Bruder sein Escadronchef gewesen war, lobte die Gesinnung und Noblesse des alten Adels und that mir durch die Einfachheit und Leichtigkeit seiner Unterhaltung geradezu wohl. Er war auch der einzige, der Verstand und Takt genug besaß, sich in große politische Gespräche gar nicht einzulassen.

All dies machte die Fahrt nach Poitiers zu einer sehr angenehmen; aber sie hatte doch auch ihre unangenehme Seite. Bis dahin immer warm zusammengepfercht, mußte hier die freiere Bewegung und die frischere Luft mit einer sehr empfindlichen Kälte bezahlt werden, die nur wuchs, wenn ich auf die mondbeschienene fast wie in einem dünnen Schneeschleier daliegende Landschaft sah. Ich wurde der Schönheit dieser Bilder nicht recht froh und segnete die Stunde, als wir endlich zwischen 10 und 11 durch die glitzernden Felsmassen hindurchfuhren, auf deren Höhe sich Poitiers erhebt. Das allgemeine Frösteln spornte zur Eile; im Geschwindschritt ging es, über wohl 100 Steinstufen, die Berglehne hinan, bis wir, durch ein Gewirr von Gassen hindurch (natürlich völlig unbelästigt) das Gefängniß erreichten.

Es war 11 Uhr; alles schlief. Die verschiedenen Beamten in zum Theil fragwürdigen Costümen erschienen staffelförmig, nach dem Grade ihres Ranges; der vornehmste zuletzt. Die üblichen Fragen und Schreibereien erfolgten rasch; ich bat um ein Kaminzimmer, wurde geschäftsmäßig nach der Ausreichendheit meiner Kassenbestände befragt und erhielt das Gewünschte ohne Weiteres, nachdem ich die ausreichenden Garantieen gegeben hatte. Diese nüchtern-geschäftsmäßige Behandlung, wie immer in Geldsachen, war auch hier das beste. Daran muß ich noch, wie vorhin ein Lob der französischen Gensdarmerie, so hier ein Lob der französischen Beamten knüpfen, so weit ich sie kennen gelernt habe, sowohl hier in Poitiers, wie #überhaupt#. Sie waren nämlich nie ärgerlich und gereizt, nie #schlechter Laune# und sind mir nach #dieser# Seite hin geradezu als ein Muster erschienen. Es spricht sich darin entweder eine gewisse #Wohlerzogenheit# oder ein tiefgehender, längst Allgemeingut gewordener #humaner Zug#, oder aber drittens eine richtige Vorstellung vom #Metier#, von der Beamtenpflicht aus. Wahrscheinlich wirkt alles drei zusammen. Alle diese Beamten wurden unseretwegen aus dem ersten Schlaf geholt, die Unbequemlichkeit war groß; aber ich habe keine unfreundliche Miene, keine gerunzelte Stirn gesehen. Im Gegentheil, man war artig und zeigte eine gewisse Theilnahme. Es war #Dienst# und damit abgemacht.