Part 5
So freundlich diese Worte gesprochen wurden, so trafen sie mich doch zunächst sehr hart. Ich hatte mich eben immer noch mit Illusionen getragen. Der Kommandant nahm dies wahr und gütigen Sinnes fuhr er fort: »ich bin im Uebrigen erfreut, die böse Nachricht, die ich Ihnen bringen mußte, durch eine gute einigermaßen balanciren zu können. Se. Eminenz der Cardinal hat sich für Sie verwandt. Sie werden in Folge dieser Verwendung als ≈officier supérieur≈ angesehen und bei ihrem Eintreffen auf ≈île Oléron≈ einer relativen Freiheit theilhaftig werden; Sie werden sich auf der Insel ungehindert bewegen können. Die Bevölkerung der Westdepartements, besonders der Inseln, ist liebenswürdig, gastfrei, human. Ich werde Ihnen zudem eine Empfehlung an einen Freund und Verwandten mitgeben. Ihre Abreise wird sich noch einige Tage hinausschieben; bis dahin aber werden Sie bereits all der Vorrechte theilhaftig sein, die Ihnen von diesem Augenblick an zuständig sind. ≈Mr. le Principal≈ (dies war die euphemistische Bezeichnung für den Greffier) wird das Weitere veranlassen.« Ich dankte; ein Soldat nahm mein Bündel und, unter Händeschütteln von meinen Mitgefangenen Abschied nehmend, übersiedelte ich nunmehr unverzüglich in das, auf einem anderen Citadellhofe gelegene, aristokratische Viertel.
Ich blieb hier noch drei und einen halben Tag. Das Leben gewann wieder Reiz; ich konnte schreiben, Zeitungen lesen, mich sammeln, ungestört meinen Gedanken nachhängen. Es waren glückliche Tage. Meine besondere Freude war der Kommandant, dem ich, wie schon erwähnt, von Anfang an so viele Freundlichkeit zu verdanken gehabt hatte. »≈He took a fancy for me.≈« Freilich hatte ich für diese Freundlichkeit auch meinerseits schwer zu zahlen, denn eine Nachmittagsconversation, die nie unter zwei Stunden, einmal aber volle #vier# Stunden dauerte, war eine Anstrengung für mich, an die ich mit einem leisen Schauder zurückdenke. Es trat dabei schließlich, mal für mal, ein Zustand völliger Erschöpfung ein, in dem ich schon längst nicht mehr einen Gedanken, aber zuletzt auch kein einzig Wort mehr finden konnte. Wie immer dem sei, es war wohlgemeint, und ich befand mich genau in einer Lage, in der mir das Wohlwollen eines Menschen, noch dazu eines Vorgesetzten, #Alles# bedeuten mußte.
Am 29. Oktober, drei und eine halbe Woche nach meiner Gefangennehmung in Domremy, wurde ich in meine eigentliche Kriegsgefangenschaft, »≈far in the West≈« abgeführt. Die Reise quer durchs Land, so lehrreich, so anregend, so bedeutungsvoll sie war, war doch ein neues Schreckniß. Wer als Kriegsgefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, weiß, was das sagen will. Die Begegnungen und Erlebnisse auf dieser zehntägigen Reise gebe ich nun in diesem zweiten Abschnitt.
Sechs Uhr früh (am 29.) traten wir auf dem Hofe an, außer mir noch 5 kriegsgefangene Badenser. Im Geschwindschritt ging es den Berg hinunter, an Jesuitenkirche und Kommandantur vorbei, auf den Bahnhof hinaus. Die Bevölkerung ließ uns ruhig ziehen. Der Nebel fiel fast wie ein Regen.
Von Besançon bis Lyon werden noch nah an 30 Meilen sein. Die Landschaft bot anfangs nichts Besonderes, nur wo wir Flüsse zu passiren hatten, zeigten sich Bilder von eigenthümlichem Reiz. An den Ufern hin, oft auf Landzungen, die sich bis in die Mitte des Stroms erstreckten, erhoben sich schloßartige Gehöfte mit Rundthurm und Spitzdach; hohe italienische Pappeln, die alle noch ihr herbstlich gelbes Laub trugen, bildeten die Avenuen oder standen in Gruppen um das Gehöft umher; es berührte mich, als wäre ich all diesem auf Gallerien, in breitem goldenen Rahmen schon mal begegnet.
So ging es 15 oder 20 Meilen weit. Da änderte sich das Bild. Wir hatten die Jura-Kette blau und duftig zur Linken, nach rechts hin dehnte sich ein Flachland, eine fruchtbare Niederung, von Waldstreifen und kleinen Höhenzügen coulissenartig durchzogen. Am fernen Horizont, nach eben dieser Seite hin, hing der gelbglühende Ball der Sonne und lieh allem ein entzückendes Licht; es war als sähe man eine der weitgedehnten Veduten Claude Lorrains. Dann kam eine große Stadt, #Bourg# (Hauptort im Departement Ain), dessen berühmte Kirche Brou, mit den reichen Mausoleen des Hauses Savoyen, umblitzt vom Wiederschein der sich neigenden Sonne, an dem nach Osten hin wolkengrauen Himmel stand.
Von Bourg traten wir ersichtlich in eine mehr südliche Landschaft ein. Namentlich die Architektur, das Aussehen der Dörfer, gewann einen abweichenden Charakter, alle Gothik hörte auf und das Flachdach, die italienische Vigne, wurde allgemein.
Zwischen 4 und 5 gelangten wir in den Bereich der Rhone. Alles Land war überschwemmt, Häuser und Bäume wuchsen wie aus einem großen See heraus, bis wir in der Dämmerstunde die aufgeworfenen Erdbefestigungen und bald darauf auch den ersten, weit vorgeschobenen Bahnhof Lyons erreichten. Als wir in der #zweiten# Bahnhofshalle hielten, war es dunkel; dazu regnete es. Dies galt immer als ein Glück. Es war gleichbedeutend mit Wegfall jeder Volks-Escorte.
Vom Bahnhofe aus ging es zunächst eine Steintreppe hinauf; damit hatten wir das Niveau der Stadt gewonnen, die in gedämpftem, flackerndem Lichterglanze vor uns lag. Wir passirten eine Rhonebrücke (so schien es mir wenigstens), tausend Gasflammen warfen hüben und drüben ihren Schein in den breiten Strom, einige erleuchtete Pfeiler, wie Wahrzeichen für die Schiffahrt, schienen daraus hervorzuragen. Dann kam ein großer Platz; nach links hin schimmerte ein Standbild halb nebelhaft, und in einiger Entfernung an ihm vorbei marschirten wir in eine der langen Straßen hinein, die von verschiedenen Seiten her auf den Platz mündeten. Nach 10 Minuten hielten wir vor dem Gefängniß, pochten und traten in den Hof.
Es goß jetzt in Strömen. Die Gensdarmen und einige unliebsame Gestalten, die trotz ihrer Uniformen stark an 1793 erinnerten, sprachen lebhaft hin und her; endlich wurde ich aufgefordert, einzutreten. Die armen Badenser wollten folgen, aber man stieß sie unter Geschrei in den Hof zurück. Ich erachtete jetzt den Augenblick für gekommen, ein Schreiben vorzuzeigen, das mir, kurz vor meinem Aufbruch von Besançon, unterschrieben und untersiegelt eingehändigt worden war, und so zu sagen meine französische Ernennung zum »≈officier supérieur≈«, zugleich die Aufforderung an alle Militair- und Civilbehörden enthielt, »mir die meinem Range schuldigen Ehren« (»≈dû à mon rang≈«), zu erweisen. Das Papier wurde gelesen; der diensttuende Sergeant indeß, ein frecher, verlebter, verliederter Kerl, hatte wenig Lust, Notiz davon zu nehmen und erklärte, es sei unmöglich. Inzwischen waren andere Beamte erschienen, unter ihnen der eigentliche »≈gardien-chef≈«, ein geborner Pariser, an dem nichts auszusetzen war, als daß er für seine Stellung zu sanft und zu gebildet sprach. Auch das kann zu einem Fehler werden. Man denke sich einen Scharfrichter, der seinem Opfer zuflüstert: »Das Leben ist der Güter Höchstes nicht.« Wie immer dem sei, die wohlaccentuirte Rede meines neuen »Principal« hat wenigstens das Gute, daß Platz für mich geschafft und eine Art »Fremdenstube« zu meiner Aufnahme hergerichtet wurde. In diese trat ich jetzt ein. Im ersten Augenblick erschrak ich, denn sie war nichts als eine vergrößerte Alte-Wäschkiste, auf die ganz und gar die Beschreibung paßte, die Falstaff, in den ≈Merry wives of Windsor≈, von einem solchen Wirthschaftsstücke entwirft. Eine unglaubliche Lokalität! Bettlaken, Strümpfe, Chemisen aller Arten und Grade lagen in den Ecken aufgeschichtet, dazwischen halb-erbrochene Bücherkisten, Koffer von Seehundsfell, die längst die letzte Borste eingebüßt; an den Riegeln aber hingen rothe Militairhosen (letzte Garnitur), verstaubte Uniformstücke, ein verrosteter Degen und Spinnweben in langen Fahnen. Besonders bedrohlich erschien mir ein großer aufgeplatzter Sack mit Kalbshaar, der mitten im Zimmer lag und eine Art Gebirgsstock für alles übrige bildete. Einen ähnlich ängstlichen Eindruck machte das Bett, aber der ≈gardien-chef≈, der selbst empfinden mochte, wie wenig das alles zu den Ansprüchen eines ≈officier supérieur≈ stimmte, half aus eigenen Mitteln nach und erschien mit einem brauncarirten Plumeau, mir dadurch für meinen Lyoneser Aufenthalt einen Comfort und einen Luxus schaffend, den ich während all der Wochen meiner Gefangenschaft, weder vorher noch nachher, gehabt habe. ≈Enfin≈ — ich kauerte mich in meinem Bett zurecht, zog meinen Körper gerade ausreichend zusammen, um unter dem etwas knapp bemessenen Federkissen Platz zu finden und schlief ein, während die Spinneweben leise über mir wehten.
2. Lyon.
Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm? Das ist Sturm.
* * *
Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf, Macht mir das Herz so schwer, Als daß ich #Dich# nicht hören darf, Mein tief aufdonnerndes Meer. Strachwitz.
In aller Frühe war ich wach, machte meine Toilette und sah alsbald eine junge Frau, die Besitzerin eines nahe gelegenen Cafés, erscheinen, die nach meinen Befehlen fragte. Ich bestellte möglichst viel, da ich nach gerade einzusehen begann, daß der ≈officier supérieur≈ sein Patent weniger aus dem Portefeuille, als aus dem Portemonnaie zu beweisen habe und daß überall räthselvoll-geheime Beziehungen zwischen den Gefängniß-Autoritäten und den nahegelegenen Restaurants beständen. Wer #diese# für sich hatte, hatte sich alsbald auch die Geneigtheit jener erworben: mit Liberalität gelangte man fast bis an die Grenzen der Libertät.
Die Freundlichkeit der jungen Frau, die all die Tage über fast immer selbst kam und an der fremdländischen Unterhaltungsweise ersichtlich ein Gefallen fand, that mir wohl und war jederzeit wie ein Lichtschein, der in den grauen Dämmer meines Gefängnisses fiel. Ich sog mir noch einen #besondern# Trost daraus, da ich offen bekennen will, die Tage meines Aufenthalts in Lyon unter einem beständigen Herzschlagen zugebracht zu haben. Ich war durch lange Unterhaltungen, die ich in Besançon geführt, noch mehr durch die Lyoner Journale, die ich während der letzten Tage auf der Citadelle regelmäßig zu lesen pflegte, über die Stimmung der Rhone-Hauptstadt vollkommen aufgeklärt und hatte mit allem Fug und Recht das bange Gefühl, mich auf einem Krater zu befinden. In Besançon hatten die Obrigkeiten geherrscht, hier herrschte bereits die Masse, oder stand doch jeden Augenblick auf dem Punkt, die Herrschaft an sich zu reißen. Vor drei Tagen war das Redaktionslokal des »≈Salut public≈«, vor fünf Tagen die Wohnung des für imperialistisch geltenden Divisions-Generals vom Volke gestürmt worden; ich konnte, Angesichts dieser Thatsachen, die Frage nicht los werden: »was nun, wenn diese Septembriseurs in die Gefängnisse einbrechen und furchtbar Musterung halten?« Hinterher ist über solche Anwandlungen von Furcht gut lachen, im Momente selbst aber war die Situation alles andere eher als lächerlich.
Es geschah überdies allerhand, das nicht gerade angethan war, das fehlende Gefühl der Sicherheit mir wieder zu geben. Verschiedene Leute aus der Stadt, vielleicht Freunde des Gefängnißvorstandes, kamen, um mit mir zu politisiren; sie waren alle artig, fast verbindlich in ihren Formen, aber ersichtlich aufgeregt und zerstreut.
Endlich sollt’ ich erfahren, was die Ursache war: »#Bazaine hatte capitulirt#«; die Nachricht drang bis in meine vergitterte Zelle. Einige Stunden später ward es mir gegenüber wieder bestritten, aber nur, weil man es bestreiten wollte. Ich war übrigens fast eben so aufgeregt, wie die Franzosen, die kamen und gingen.
Die letzten Besucher hatten mich eben verlassen und ich suchte es mir in einer Art Gartenstuhl, während ich die Füße auf den aufgeplatzten Sack mit Kalbshaar stellte, möglichst bequem zu machen, als draußen, von den Thürmen der unmittelbar anstoßenden Kathedrale hernieder ein Läuten begann, wie ich es all mein Lebtag nicht gehört habe, vielleicht auch nicht wieder hören werde. Eine tiefgestimmte Riesenglocke gab alle 10 Sekunden einen Schlag, eine zweite Glocke, in regelmäßigen Schwingungen, rollte klangvoll und gewaltig dazwischen; hinein aber in dies großartig ernste und zugleich melodische Concert klang das disharmonische Geschrei und Geächz kleiner und allerkleinster Glocken, wie wenn in Posaunentöne hinein ein halbes Dutzend Pickelflöten kreischt. Es war tiefe Klage, lauter Hilferuf, leises Gewimmer; eine unbeschreibliche Angst bemächtigte sich meiner, hörbar schlug mir das Herz. Was war es? war ein Feuer ausgebrochen? nein! kein Lichtschein röthete den Himmel, keine Wagen und Spritzen rasselten über das Pflaster hin; nur ein lautes Geschrei von Menschenstimmen kam die Straße herauf, immer näher. Ich war ganz sicher, daß sich ein Volksaufstand vorbereite, daß »≈la terreur≈« heranziehe und seine Herrschaft proklamire. Was war zu thun? ich sah stumm vor mich hin und wartete ab. So ging es eine Viertelstunde, dann war alles wie abgeschnitten; die Glocken schwiegen, das Gekreisch draußen war vorübergezogen, alles still.
In Fieberhast lief ich alle Möglichkeiten durch, endlich hatt’ ich es: der andere Tag (2. November) war #Todtentag#. Dies Glocken-Wehklagen hatte den Tag aller Seelen eingeläutet.
Der Allerseelentag verlief ruhig, weniger Geräusch als sonst war äußerlich wahrnehmbar; nur im Gefängniß selber belebte sich’s über den Alltagsverkehr hinaus. Das machte, sieben norddeutsche Schiffscapitaine waren von Marseille her als Gefangene eingetroffen und warteten in einem kleinen Büreauzimmer auf den Bescheid des Lyoner Divisions-Generals, der über ihren weiteren Verbleib entscheiden sollte. Man schwankte zwischen Tours, Clermont und Moulins. Es war um die Mittagsstunde, als ich, durch freundliche Vermittlung des ≈gardien-chef≈, Gelegenheit fand, meinen Landsleuten mich vorzustellen. Wir verplauderten eine angenehme halbe Stunde, gegenseitig unsere Herzen ausschüttend. Es waren sämmtlich Pommern und Mecklenburger, der Mehrzahl nach große, breitschultrige Leute, aber alle von jenem sentimalen Zug, dem man bei starken Naturen, namentlich auch bei Seeleuten, so oft begegnet. Sie hatten alle etwas Trauriges, Verschleiertes im Auge und nur die Wahrnehmung beruhigte mich (sie waren eben beim zweiten Frühstück), daß ihr frischer, meerentstiegener Appetit unter dieser Stimmung keinen Augenblick gelitten habe. Mehrere Limburger Käse, die sie in flachen runden Schachteln, genau so wie man Feigen verschickt, mit sich führten, verschwanden im Umsehn. Einer, ein Kleiner, mit genirtem Blick, nahm an der allgemeinen Sentimentalität nicht Theil; er war offenbar der Klügste und hatte sich, auf mir unerklärliche Weise, sogar mit #neuen# deutschen Zeitungen auszurüsten gewußt. Vielleicht ein kühner Griff in ein Marseiller Lesecabinet! Als die Reihe des Erzählens an mich kam und mein herkömmliches Sprüchel: »Toul, Jungfrau von Orleans, Vaucouleurs und Domremy« diesmal in deutscher Sprache von mir aufgesagt worden war, fragte der Kleine nach meinem Namen. Ich nannte ihn. Er lächelte listig-vertraulich und überreichte mir gleich darauf eine neueste, höchstens 5 oder 6 Tage alte Nummer der »Hamburger Börsenhalle«, worin ich in einer Berliner Correspondez die Geschichte meiner Verhaftung las. Ich kann wohl sagen, daß das einen sonderbaren Eindruck auf mich machte.
Wir politisirten auch ein wenig. Das Hauptgespräch drehte sich natürlich um die Capitulation von Metz. Ich sagte ihnen, »die Sache würde neuerdings wieder bestritten«, worauf der Kleine mir zuflüsterte: »wir wissen nur zu gut, daß es wahr ist; wir haben es, so zu sagen, an uns selber erfahren. Die Nachricht war noch keine 2 Stunden in Marseille bekannt, als wir von Oran her landeten und durch die Stadt mußten. An diesen Marsch will ich denken. Die Aufregung war furchtbar; das Hafenvolk drohte uns, drängte sich an uns, warf mit Steinen, neben uns her aber, in dichten Colonnen, zogen die Mobil- und Nationalgarden und trugen große schwarze Fahnen, zum Zeichen der Trauer. Wir waren froh, als wir unter Dach und Fach waren.«
Einer der Capitaine, ein großer, schöner Mann, mit einem langen schwarzen Sappeurbarte, war nicht nur verheirathet, sondern hatte auch seine kleine blonde Frau, eine Rostockerin, mit auf die Fahrt genommen; eine »Hochzeitsreise nach Konstantinopel« in glücklicher Mischung des Nützlichen mit dem Angenehmen. Die Frau regierte natürlich, und zwar nicht nur #ihren# Mann, sondern auch die sechs andern, was bei der besondern Stellung, die sie einnahm, keinen Augenblick zu verwundern war. Sie sprach ein leidliches Französisch, machte deshalb den Interpreten und focht für die #Gesammtheit# alle Kämpfe siegreich durch. Ihr Ehegespons war ihr eigentlich nur »beigegeben«. Dies hatte seine gute Seite, aber doch auch seine schlimme. Ueberall wo die 7 Capitaine eintrafen, wurden 6 in’s Militairgefängniß abgeführt, der siebente aber, der junge Gemahl, folgte seiner Frau in das beste Hotel der Stadt und bezog Zimmer mit ihr. Er war ihr ≈ad latus≈. Dies, um es zu wiederholen, hatte unzweifelhaft sein Angenehmes, aber ebenso wenig ließ sich verkennen, daß der so Bevorzugte seiner Königin gegenüber einer gewissen hofstaatlichen Abhängigkeit bereits völlig verfallen war. Er wußte es übrigens selbst und trug es mit ritterlichem Anstand.
Wir trennten uns, nachdem wir einen gemeinschaftlichen ≈Café noir≈ eingenommen hatten, der, in richtiger Rollenvertheilung, meinerseits aus Kaffee und Cognac, seitens der Capitaine aus Cognac und Kaffee hergerichtet worden war.
Unter allen Gefangenen, mit denen ich durch Monate hin in Berührung gekommen bin, waren die Schiffscapitaine (diese wie andere, denen ich später begegnete) immer die behäbigsten, die am besten situirten, und dennoch flößten sie mir stets eine ganz besondere Theilnahme ein. Dies mochte darin seinen Grund haben, daß jeden Einzelnen sein Schicksal völlig unvorbereitet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte. Selbst #ich#, bei aller Friedfertigkeit meines Berufs, war doch immerhin mit dem Bewußtsein in Frankreich eingerückt, daß eben Krieg sei und daß ich die Chancen und Gefahren des Krieges bis zu einem gewissen Grade zu theilen haben werde. Anders diese Capitaine. Sie hatten in tiefem Frieden ihren heimatlichen Hafen verlassen, in tiefem Frieden Gibraltar und die Dardanellen passirt, und sahen sich, ohne die geringste Kenntniß von dem, was sich inzwischen in der Welt zugetragen hatte, plötzlich unter Breitseiten genommen und fortgeführt. Man kann sagen, sie waren noch eher Kriegs#gefangene#, als sie vom Kriege selber wußten.
Noch am Abend des Allerseelentages theilte mir mein ≈gardien-chef≈ mit, daß ich am andern Morgen weiter escortirt werden würde, wahrscheinlich nach Moulins. Er lud mich zugleich ein, ihn auf eine halbe Stunde in seiner Wohnung zu besuchen. Ich folgte der Einladung und erfuhr die Auszeichnung, daß mir zu Ehren eine große papperne Kathedrale, die von einem Zellengefangenen angefertigt worden war, durch ein kleines Wachslicht erleuchtet wurde. Ich bewunderte alles, verbreitete mich ausführlicher über Architekturformen, Wachslichte und Isolirhaft und nahm dann Abschied von meinem freundlichen Wirth und Chef.
Ich kroch zum letzten Male unter das Plumeau und schlief wie in meinen besten Tagen.
3. Moulins.
Was ist das?! Deutlich (nur getrübt Vom Dunst der hin und wieder schiebt) Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten, Und nun, nun kömmt es hergeschritten, Ganz wie ein Schatten an der Wand, Es hebt den Arm, es regt die Hand, — Nun ist es an den Tisch geglitten. Annette Droste-Hülshoff.
Sieben Uhr am andern Morgen nach Moulins. Die Stadt (Lyon) war noch ziemlich still; auf dem großen Platze, an dessen einer Seite unsere Straße mündete, sah ich jetzt das Reiterbild des ersten Kaisers im Morgenlichte aufragen; an der Stelle aber, wo ich bei meiner Ankunft tausend im Wasser sich spiegelnde Lichter gesehen zu haben glaubte, exercirte jetzt eine ganze Brigade Mobilgarde in breiten Zugfronten; was mir bei Dunkel und niederfallendem Regen als das Bett der Rhone erschienen war, war eine breite, mit Bäumen und Obelisken besetzte Esplanade. Man achtete unserer wenig; einige Hälse drehten und reckten sich nach uns, ein paar Minuten später hatten wir unsere Plätze im Coupé eingenommen.
Das Land war ziemlich reizlos auf viele Meilen hin. Ich begann schon die Ursache davon in mir selber zu suchen und einfach anzunehmen, daß das Auge des Gefangenen todt sei für die Schönheiten der Natur, als ich plötzlich, etwa an der Grenze des Departements Allier, gewahr wurde, daß es doch an der Landschaft und nicht an mir selber gelegen haben müsse. Wir traten mehr und mehr in ein entzückendes Stück Natur ein, das ich vielleicht am besten als das »Land um Vichy« bezeichne, denn an diesem berühmten Brunnen- und Badeort kamen wir auf Entfernung von wenigen Stunden vorüber.
Ich muß die Scenerie dieses Departements Allier, die mir ganz eigenthümlich zu sein schien, näher zu beschreiben suchen. Alle Landschaft, die ich bis dahin in Frankreich gesehen hatte, in Lothringen, Champagne, Franche Comté, war durch wenige Linien wiederzugeben: weite Höhenzüge und weite Thäler dazwischen. Eine Landschaft derart entbehrt nicht eines gewissen großen Stils, aber immer wiederkehrend, immer in derselben Weise mit Wein oder Laubholz besetzt, wirkt sie zuletzt monoton und giebt sich — weil alles große Flächen bietet, selbst die Berghänge — um vieles öder, trister, als sie in Wahrheit ist. Hier plötzlich nun traten wir in ein Gebiet ein, das sich vorgesetzt zu haben schien, diese bisherigen Eindrücke alle auf einen Schlag zu balanciren. Die Hügel schoben und #drängten# sich so #dicht# aneinander, als wären sie aus einer Riesenspielzeugschachtel genommen, während sie in Zahl und Form mich beständig an die endlosen Kuppen und Kegel des historischen Dreiecks zwischen Main und Tauber erinnerten. Aber diese #Gedrängtheit# der Landschaft war doch nur #eine# Seite derselben; schöner und charakteristischer noch berührte mich der tiefe, flußdurchschlängelte Wiesengrund, der sich um jeden Hügel sorglich herumlegte und diesen, wie mit Bewußtsein, zu einer kleinen Berginsel gestaltete. Dazu hatte alles einen satten, #braungrünen# Ton, der mich mehr als einmal an Ruysdael erinnerte, von dem ich noch 4 Wochen vorher einiges Treffliche in Nancy gesehen hatte.
Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt; wahrscheinlich die Station, von wo aus in ruhigen Zeiten die Diligencen und Journalieren nach Vichy hinüberfahren; riesige, halb abgerissene Affichen deuteten darauf hin. Eine Stunde später fuhren wir in den Bahnhof des Bischöflichen Moulins ein.
Ein Bischofssitz! das war eins. Vor allem aber heimelte der Name mich an; was konnte reizender klingen als #Moulins#. Ich stellte es mir vor als von Wind- und Wassermühlen umgeben, die einen still und lauschig, die andern rasch und plauderhaft, und dazwischen eine Bevölkerung von Klosterschülern und Mühlknappen, die einen schwarz, die andern weiß, aber alle gleichmäßig heiter, ihr Leben theilend zwischen Singen und Angeln. Nie war eine Vorstellung falscher gewesen.
Schon auf dem Bahnhofe (es war 4 Uhr Nachmittags) wurden wir umringt. Der Weg führte durch eine Vorstadt, die zu gutem Theile aus dem Stadtpark und ähnlichen Anlagen bestand; hier, auf zahllosen Bänken, war die Kindermuhme und ihr Anhang zu Hause, hier tobte der Gamin statt des erwarteten stillen Klosterschülers, und ehe 5 Minuten um waren, hatten wir ein Gefolge, das nach Hunderten zählte. Allerhand Blaukittel gesellten sich hinzu, drohende Worte aussprechend, und während wir sonst daran gewöhnt waren, unsere Gensdarmen das neugierig andrängende Volk bei Seite schieben zu sehen, zeigten sie hier eine unverkennbare Verlegenheit und ließen den tobenden Menschenhaufen gewähren. So ging es in die Stadt hinein, ein paar steile Gassen hinan, dann hatten wir die Straßenfront des Gefängnisses, ein Stück Mauer mit einem eingebauten Conciergenhaus, erreicht. Unter Gezische und den üblichen Schmeichelworten verschwanden wir in dem niedrigen Portal.
Hier war kaum Aufenthalt. Wir traten alsbald auf einen Hof hinaus, der von verschiedenen Baulichkeiten, kreuz und quer und hoch und niedrig, umstellt war und warteten unseres Looses. Der Gensdarmerie-Wachtmeister, dem ich meine mehrerwähnte »Bestallung« schon vorher überreicht hatte, machte inzwischen vor dem Büreau-Personal meinen Anwalt; einer der Herren zuckte verlegen die Achseln, kam mir aber bis zur Schwelle entgegen und bat mich einzutreten. Ich folgte. Es zog auf dem Hofe empfindlich; nichts destoweniger wär’ ich lieber draußen geblieben, so stickig war die Luft des kleinen Zimmers, in dessen einer Ecke ich Platz nahm. Ein eiserner Ofen, gegen dessen ganzes Geschlecht ich eine Todfeindschaft unterhalte, stand glühend in der Mitte und das Kohlengas legte sich wie betäubend um meine Sinne. Ich wurde aber mit Gewalt aus diesem Zustand gerissen; ein elegant gekleideter Herr, stark, kurzhalsig, das Bild des Apoplektikus, erschien in der Thür und trat auf mich zu. Er musterte mich; das Kinn saß ihm in einem türkisch geblümten Shawl, das bekannte rothe Band blühte im Knopfloch; so entspann sich folgende knappe Unterhaltung:
≈Vous êtes arrêté?≈
≈Oui.≈
≈Où donc?≈
≈A Domremy.≈
≈Comme espion?≈
≈Oui.≈
≈Que vous êtes?!≈
Ich hatte nicht Geistesgegenwart genug, einfach zu schweigen, sondern lehnte diese Bezeichnung kurz ab. Dies war offenbar ein Fehler. Indessen man ist klüger, wenn man vom Rathhause kommt. Die Unterredung selbst habe ich hierher gesetzt, weil sie die #einzige# Insolenz ist, der ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft ausgesetzt gewesen bin. Ich hatte viel zu ertragen, auf noch mehr zu verzichten, aber nach #dieser# Seite hin wurde ich geschont.
Inzwischen hatten die Beamten, denen mein Patent wieder viel Sorge gemacht hatte, über mich »befunden« und waren schlüssig geworden, daß ich, in meiner Eigenschaft als »≈officier supérieur≈«, in der Infirmerie des Hauses untergebracht werden solle. Man entschuldigte sich einigermaßen, daß man nichts Besseres habe; das ganze Gefängniß sei ein alter Donjon der Grafen von Bourbon; sehr mittelalterlich, eine Art »Bastille«. »≈Tout-à-fait dans le style #avant# 1793≈«, setzte der Eine lächelnd hinzu.