Chapter 11 of 13 · 3944 words · ~20 min read

Part 11

Nur Fritsche blieb oben stehen; er hatte die angeborene Heldennatur und schrie in das Geschrei des andrängenden Menschenhaufens hinein: »≈Qu’est c’est-que ça? que voulez-vous?≈« Sie blieben ihm die Antwort nicht schuldig: »≈Vos fusils! vous êtes prisonniers≈« und im selben Augenblick stürmten sie auf ihn ein; ein Franctireur, ein schöner junger Kerl mit Klapphut und rother Schärpe, an ihrer Spitze. Ich seh ihn noch. Fritsche schlug an und der Franctireur stürzte zu Boden. Ich habe nie so viel Blut an einem Menschen gesehen. Aber dies Blut kam über uns. Eh uns noch klar war, was geschehen, waren wir entwaffnet. Fritsche, der sich auch jetzt noch zur Wehr setzte, wurde vom Wagen gezerrt und an die Wand des nächsten Hauses gestellt: »≈meurs chien prussien!≈« Er wußte jetzt, daß er vor dem Tode stand, richtete sich in die Höh, riß Rock und Weste auf und schrie: ≈tirez≈. Im selben Moment lag er todt am Boden. Ellis, in Verzweiflung, machte sich gewaltsam los, um die Hand des Todten noch einmal zu fassen; aber eh er zehn Schritt gemacht hatte, trafen ihn drei Kugeln in Kinnbacke, Brust und Schenkel; er kroch jetzt heran und umarmte zärtlich die am Boden liegende Leiche des Freundes. Selbst die Feinde hielten einen Augenblick inne und sahen dem grausig-rührenden Schauspiel zu. Aber im nächsten Augenblick war Lübbe auf den Tod getroffen, und Jahn und ich wurden an die Bäume der Chaussee gestellt, um hier das Schicksal Fritsches zu theilen. Ich war fertig und hatte nur noch ein Flimmern vor den Augen; aber Jahn (Gott segne jede französische Privatstunde, die er gehabt) sprang jetzt vor und haranguirte die tobende Volksmasse. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, er wird es selber kaum wissen, aber als er schwieg, setzten sie die Gewehre ab und erklärten uns als Gefangene. Wir mußten uns jetzt auf die Bank des Wagens setzen, zwei Franctireurs dicht neben uns; dann wurden die beiden Verwundeten aufgeladen, zwischen ihnen die Leiche Fritsches. So ging es auf Nogent zu.

Ellis litt unsäglich. Er beschwor die Franzosen, seiner Qual ein Ende zu machen. Umsonst. Im Trabe ging es weiter. Als wir Schritt fuhren, eine Berglehne aufwärts, kam ein Bauer uns nachgelaufen, der den anstoßenden Acker pflügte. Er verwünschte uns Alle; dann nahm er seinen Peitschenstock und schlug den sterbenden Ellis ins Gesicht. Das war den Franctireurs denn doch zu viel; sie sprangen vom Wagen und stießen das blaukittlige Scheusal in den Chausseegraben hinein.

Um 3 Uhr waren wir in Nogent. Welch Einzug! So hatten wir den »Tag von Leipzig« gefeiert.

Am 2. November kamen wir hier auf der Insel an. Es war Todtenfest. Das paßte schon besser.

13. Begräbniß.

Sie hüllten ihn ein in weißes Lein Und trugen ihn dann zur Ruh, Die Mönche sangen die Todtenmess’ Und Litaneien dazu. W. Scott.

Arbeit und Lektüre kürzten die Zeit, aber für Jeden, der weder das Eine noch das Andere hatte, waren es langweilige Tage, #nichts geschah#, und Sergeant Genzel, wenn er seinen Heine so gut kannte wie seinen Schiller, durfte citiren:

Nur wenn sie einen begraben, Bekommen wir was zu sehn.

Leider kam dies »Begraben« bald öfter vor, als auch dem Zerstreuungssüchtigsten unter uns wünschenswerth sein mochte. Niemand konnte wissen, wie bald die Reihe an #ihn# kommen würde. Erst starb ein Alter, ein bayerscher Fuhrmann. Offiziell hieß es, er habe einen »organischen Fehler« gehabt. So heißt es immer. Der zweite war ein Cürassier (auch Bayer), den man von Orleans krank hergebracht hatte. Am 22. November begruben wir ihn.

Um 9 Uhr wurd’ es lebhaft. Chorknaben, vier oder sechs, mit weißen Hemden und rothen fezartigen Mützen, erschienen auf dem Kasernenhofe; dann kamen drei Geistliche, schwarz und weiß, mit Mitren auf dem Haupt. Die Bayern standen schon da und formirten sich zu einer Kolonne. Acht von ihnen, in blankem Helm, trugen den Sarg herbei, der bis dahin in einem Schuppen gestanden hatte, und setzten ihn auf die Bahre. Es war eine einfache Holzkiste mit einem zugeschrägten Deckel. Das schwarze Tuch mit dem silbernen Kreuz wurde drüber geschlagen; dann setzte sich der Zug in Bewegung, zunächst auf die Stadt und die Kirche zu, die Chorknaben mit Crucifix und rothen Laternen allen Uebrigen vorauf. So ging es durch das Portal über die Zugbrücke. Als wir an der Cantine vorbei kamen, schwenkten einige Leidtragende ab; ihre Empfindungen nahmen plötzlich eine andere Richtung. Die Mehrzahl folgte. So erreichten wir die Kirche, die sich bald füllte; denn auch die Stadt nahm Theil. Freund und Feind durcheinander, so saßen wir da.

Die acht Bayern hatten inzwischen die Bahre mit dem Sarg in das Mittelschiff gestellt, unmittelbar in Nähe des hohen Chores, der nur durch ein vergoldetes Eisengitter von uns und dem Todten geschieden war. Die geistlichen Herren nahmen innerhalb des Chores Platz; dann begannen die Litaneien. Es klang misererehaft.

Ich konnte den Worten nicht folgen und betrachtete deshalb lieber die Kirche. Sie war in gutem Styl aus gutem Materiale gebaut; dabei mit Bildern reich geschmückt. Die Altar-Nische wies, außer dem großen Altarbilde, noch zwölf kleinere auf. Aehnlich die ganze Kirche. Mehrere waren gut, viele mittelmäßig, keins schlecht. Man konnte hier, wie in jeder französischen Kirche, wahrnehmen, daß die Durchschnittsleistung nach #dieser# Seite hin besser ist als bei uns. Ich lege nicht viel Gewicht darauf, aber es ist doch immerhin etwas.

Nun waren die Litaneien vorüber. Die Geistlichen erschienen neben dem Sarg und lasen die Gebete; ein Chorknabe schwenkte den Weihkessel; dann that der fungirende Priester dasselbe. Damit war der kirchliche Akt geschlossen, und der Zug setzte sich aufs Neue in Bewegung, der Begräbnißstätte zu.

Es war noch eine hübsche Strecke. An zahlreichen Mühlen vorbei (weiße Rundthürme mit grüner oder rother Dachmütze) ging der Weg. Endlich sahen wir die weiße Mauer, das Thor stand auf und der Zug bog ein. Die Stätte machte einen guten Eindruck; Kreuze und Denkmäler, Alles in Marmor; man ehrte die Todten hier; dazu sprach aus Allem eine gewisse Wohlhabenheit. Cypressenbäume und wilder Lorber faßten die Gänge und Steige ein; hier und dort ragte ein Ginsterstrauch, kahl wie ein Besen, mit seinen hundert Ruthen in die Luft; Hagebutten standen zu Füßen der Gräber, zwischen ihren großen, rothen Früchten noch mit vereinzelten, blaßrothen, halbverwaschnen Blüthen geschmückt.

Nun hielten wir am Grabe; die thonige, graublaue Schlickerde lag uns zur Seite. Der Nordwest ging immer schärfer und mahnte zur Eile. Das Brett, auf dem der Sarg stand, wurde an die Grube getragen und dann #gesenkt#, so daß der Todte allmälig hinabglitt. Ein Tau, von zwei Männern gehalten, regelte das Hinabgleiten. Nun wurde die Planke zurückgezogen; noch ein kurzes Gebet, dann griffen die Muthigsten in den nassen Schlick und warfen einen Erdklos hinunter. Damit war es gethan. In drei Minuten war Alles verschwunden, der Friedhof leer.

Ich konnte so nicht scheiden. Der Todtengräber, ein Alter, kam und begann zu schaufeln. Ich sah ihm eine Weile zu, sprach zu ihm und gedachte derer, die, fern in der Heimath des Todten, dieser Stunde #nicht# gedachten. Dann, an den Hagerosen vorbei, von denen auch nicht #eine# auf sein Grab gelegt werden wird, trat auch ich meinen Rückweg an.

So stirbt man in der Fremde.

14. Sturm im Glase Wasser.

War ich, wofür ich gelte, Ich hätte mir den guten Schein gespart, Dem Unmuth Stimme nie geliehn. (»Wallenstein.«)

Das Sterben wurde bald Tagesordnung auf Oléron. Es konnte kaum anders sein. Etwa Mitte November trafen 700 Bayern auf der Citadelle ein, die man, nach Einnahme Orleans, durch General Aurelles de Paladine, in den dortigen #Lazarethen# zusammengesucht und als »#Gefangene#« nach Oléron geschickt hatte. Etwa ebenso viele, nach andern Angaben erheblich mehr, waren nach Pau dirigirt worden.

Dies Verfahren, lediglich um sich vor versammeltem Volk mit einer erträglich hohen Zahl von Gefangenen brüsten zu können, hatte wenig einer Gloire-Nation Entsprechendes, dennoch hätte man mit Rücksicht auf die Nothwendigkeit, dem Volke einen Sporn zu geben, solche Maßregel verzeihlich, oder meinetwegen selbst #sehr# verzeihlich finden können, wenn man bei diesem Zusammensuchen etwas humaner vorgegangen wäre. Es hätte sich dann darüber reden lassen. In solchen Zeiten (leider) muß zuletzt #Alles# dem letzten großen Zwecke dienen. Aber ein ernster Vorwurf für die französischen Machthaber, oder für diejenigen, die in ihrem Namen handelten, wird es bleiben, daß man nicht blos wirkliche Reconvalescenten und leicht Verwundete, sondern auch Personen fortschleppte, die dicht vor dem Typhus standen oder ihn kaum erst überwunden hatten. Unter allen Umständen aber (und das ist das Geringste, das gefordert werden darf) mußte man, wenn man #so# tief in die Lazareth-Bestände hineingreifen wollte, vorher wissen, daß man auf Oléron im Stande sein werde, diesen noch halb Kranken Pflege, oder doch ein Bett, oder doch eine Decke geben zu können. Statt dessen hatten die auf Oléron eintreffenden Siebenhundert in den ersten Nächten #kaum# Stroh. Das war natürlich kein Zustand, um Reconvalescenten aufzuhelfen; Rückfälle kamen vor, und der Geistliche, die Chorknaben und der Todtengräber mußten Tag um Tag, in dem Aufzuge den ich geschildert, auf den Begräbnißplatz hinaus.

Eine Verstimmung über diese Zustände war unausbleiblich; besonders die Preußen, unter denen sich viele Unteroffiziere und Sergeanten befanden, waren empört und gaben nach ihrer heimathlichen Art (wer raisonnirte #nicht# in Preußen!) dieser Empörung einen unverhohlenen Ausdruck. Beim Cantinen-Grog, auch wohl in der Stadt beim Einkäufemachen, fielen Worte, »daß dies eine erbärmliche Wirthschaft und ein schlechter Dank für die Rücksicht sei, die man unsererseits gegen 300,000 Franzosen bisher beobachtet habe«; Worte, die alsbald von Mund zu Mund gingen und im Weiterrollen folgende groteske Gestalt annahmen: die tausend Gefangenen der Citadelle sind im Complott; sie haben vor, die Wachtmannschaften zu entwaffnen, die Außen-Posten ins Meer zu werfen; man wird Chateau überfallen und von der ganzen Insel Besitz ergreifen. Preußische Kriegsschiffe kreuzen bereits in der Nähe. Man wird weitere Truppen landen, Rochefort einschließen und von dort aus das Land insurgiren. Ein Napoleonischer Aufstand im Rücken der republikanischen Armee, — #das# ist der Plan. Der »Gefangene auf Wilhelmshöhe« ist mit im Komplott.

Wir erfuhren dies wieder und lachten herzlich. Die Heldenrolle, die uns zudiktirt wurde, hatte etwas Ehrendes und Schmeichelhaftes für uns; aber bald überzeugten wir uns, daß solche Gerüchte doch höchst gefährlich für uns seien und unser relatives Wohlleben arg gefährden könnten. Was aber, namentlich dem engeren Kreise, der sich bei mir zu versammeln pflegte, das Allerpeinlichste war, war das, daß unser guter Kommandant #mit# in die Angelegenheit hineingezogen und um seiner Nachsicht und Güte willen (die übrigens nie in Schwäche ausartete) bezichtigt wurde, das eigentliche Haupt des Komplotts zu sein.

Wir beschlossen also, nicht nur äußerste Vorsicht zu üben, sondern namentlich auch die Anstandsbesuche, die wir von Zeit zu Zeit in der Kommandantur gemacht hatten, einzustellen. Ich wurde dazu noch durch einen besonderen Vorfall bestimmt, der, so klein und geringfügig er war, doch am besten zeigte, wie kritisch bereits die Lage geworden war.

Ich hatte bei einem Nachmittagsbesuche eben neben dem Kommandanten Platz genommen und ließ mir das Straßburger Bier schmecken, das in einer Steinkruke wie immer auf ein zwischen uns stehendes Tischchen gestellt worden war, als der eintretende Diener den Kapitain ≈N. N.≈ meldete. Den Namen überhörte ich. Es war, wie ich mich bald überzeugen sollte, ein See-Kapitain, der zugleich das Kommando über die Nationalgarden der Insel übernommen hatte. Mein guter Kommandant nickte, zum Zeichen, daß er bereit sei, den Angemeldeten zu empfangen, sprang aber in demselben Augenblick, in dem der Diener das Zimmer verlassen hatte, vom Fauteuil auf, um mit geschwindester Geschwindigkeit einen großen Wandschrank zu öffnen und die Steinflasche, sowie die beiden noch halb vollen Biergläser dahinter verschwinden zu lassen. Der Verschwinde-Akt war kaum ausgeführt, als der See-Kapitain eintrat und das Dienstgespräch seinen Anfang nahm. Ich empfahl mich; mein halbes Glas Bier hatte ich eingebüßt. Dies war zu verschmerzen; der ganze Vorgang bekümmerte mich aber um des Kommandanten willen. Dieser war nicht nur ein liebenswürdiger, sondern vor Allem auch ein sehr feinfühliger Mann, der nothwendig eine Verlegenheit über die Komödie empfinden mußte, zu der er sich verurtheilt sah.

Er empfand es auch wirklich, so vermuthe ich; vor Allem aber sah er ein, daß etwas geschehen müsse, um ihn in seiner unhaltbar gewordenen Stellung neu zu befestigen. Dies zu erreichen, wählte er den klügsten Weg. Er bat um einen Auxiliar-Kommandanten, dem die Gefangenen-Angelegenheiten ausschließlich unterstellt werden möchten. Ein vorzüglicher Schachzug. Seinem Wunsche wurde nachgegeben und auf #einen# Schlag war er den Verdacht und — die Arbeit los. Den Verdacht hatte das #Gouvernement# natürlich nie getheilt; aber das war ein geringer Trost. Ueberall im Lande stand das Volk auf dem Punkt, die #Entscheidung selbst in die Hand zu nehmen#. Der Einzug von »König Lynch« war jeden Augenblick möglich.

Wir erhielten in Folge dieser Vorgänge und Gesuche denn auch wirklich einen Vice-Kommandanten, einen schönen Blaubart, den Baron de la Flotte, der in Straßburg als Chef eines Mobilgarden-Bataillons mitkapitulirt und sich, nach seiner Entlassung auf Ehrenwort, aus dem Lärm des Krieges in die westlichen Departements zurückgezogen hatte. Er war ein feiner Herr, von vornehmer Haltung, sehr artig und — sehr bestimmt. Unser »Sturm im Glase Wasser« beruhigte sich und — die Gerüchte in der Stadt nahmen ein Ende.

Sie nahmen ein Ende in demselben Verhältniß, in dem das #eigene Schuldbewußtsein# der Behörden und Bewohner sich minderte und sich mindern #durfte#. Viele Uebelstände, von denen man sehr wohl gewußt hatte, daß es Uebelstände waren, sie wurden abgestellt; man that was man konnte, man anerkannte gewisse #Verpflichtungen# und beeiferte sich, ehrlich und nachdrücklich, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Das half. Der eifrigste und tapferste dabei war der französische Arzt. Er fuhr nach La Rochelle hinüber, entwarf ein Bild der Lage und erklärte rund und nett, daß er entschlossen sei, seine Stellung sofort niederzulegen, wenn nicht die Hälfte seiner Kranken in die großen Lazarethe von La Rochelle aufgenommen und die ihm verbleibende andere Hälfte mit allem Nöthigen versehen würde. Drei Tage später fuhren 30 Kranke in einem großen Seedampfer nach La Rochelle hinüber. Alle seine Forderungen waren bewilligt worden.

So endigte dieser Zwischenfall, der uns, wenigstens in den Augen unserer Insel-Bevölkerung, bis an die Grenzen der Meuterei geführt hatte. In Wahrheit aber hieß es selbst von den Verwegensten und Abenteuerlustigsten unter uns: »Kühn war das Wort, weil es die That #nicht# war«, und während man die Neu-Erklärung des Kaiserreichs von #uns erwartete, beschäftigte uns vorwiegend die Frage, ob der verd... Cantinier nicht endlich einen besseren Wein anschaffen, oder mit Rücksicht auf seine Kunden in #Hellblau# »a Bierche« auflegen würde.

15. »≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈«

≈But where was this? »Mylord, upon the #platform# where we watched.« I will watch to-night Perchance ’t will walk again.≈ ≈Hamlet.≈

Um Mitternacht (Gott sei Dank) schlief ich fest, wenn nicht das Zusammenbrechen der verkohlten Scheite mich auf einen Augenblick weckte. Nur #einmal# wachte ich die Mitternacht heran.

Es war bei Vollmond. Als die zwölf Schläge über den Kasernenhof hin verklungen waren, hüllte ich mich in Shawl und Kaputze und tappte an der Wand des Corridors entlang bis an die schmale Hinterthür, die auf den Wallgang hinaus führte. Entzückendes Bild! Nach rechts hin stand der Mond und goß sein volles Licht in breitem Streifen über die Wasserfläche. Kein Lüftchen ging; das Meer wie ein Spiegel; alles still; ich hörte nichts als in einiger Entfernung den Schritt der Wachen und am Fuße des Bastions ein leises Brauen und Murmeln, denn die Fluth kam.

Ein weißer Schimmer lag wie Schnee auf den grauen Fliesen des Rempart und ich begann jetzt, immer dicht an der Brüstung hin, einen Mitternachtsgang anzutreten, wie ich gewohnt war an eben dieser Stelle meinen Morgengang zu machen.

Ich sah hinüber nach dem Festland, das schwach heraufdämmerte. Nahes und Fernes immer schärfer musternd, empfand ich plötzlich, daß ich dies alles, an einem #andren# Orte, schon mal gesehen habe: dieselbe verschwimmende Küste, den Meeresarm, den Wallgang mit seinen Bastionen, das Portal und die Zugbrücke und dahinter das Fanal. Ich brauchte auch nicht lange zu suchen: #Helsingör#. Alle Empfindungen, mit denen ich damals über den »Hamlet-Rempart« hingeschritten war, sie wurden wieder lebendig in mir. Nur gesteigert. Wohl war das Schloß am Sunde, aus dessen Dachfirst eine nadelförmige Spitze wie das Horn aus dem Haupte des Einhorns phantastisch räthselvoll aufwächst, der #ächtere# Ort, dort war es, wo »≈the majesty of buried Denmark≈« in poetischer Wirklichkeit gewandelt war, aber #eines# hatte meinem verlangenden Sinn die Plattform von Helsingör #nicht# geben können: die rechte #Stunde#. Es war heller Mittag als ich drüber hinschritt. #Hier# hatt’ ich jetzt was mir Helsingör verweigert hatte. »≈’T was now struck twelve.≈« Für den ächteren Ort hatt’ ich die ächtere Stunde eingetauscht.

Ich zog meine Kaputze fester an und setzte mich innerhalb eines Brüstungsvorsprungs auf eine Steinbank, die, hufeisenförmig, diesen Vorsprung beinah ausfüllte. Ich sah in den Mondstreifen hinein, der in schräger Linie über das Meer und dann, glitzernd, über die schneeweißen Fliesen lief und mit schauerndem Entzücken begann ich Lieblingsstellen zu citiren. Was halb vergessen war, #jetzt# hatt’ ich es wieder. Ort und Stunde halfen nach. Ich hielt Zwiegespräche, Scene um Scene, Frage und Antwort.

Wer bist Du, der sich dieser Nachtzeit anmaßt Und dieser edlen, kriegrischen Gestalt? Sag’, ich beschwör dich.

Und dann klang es Antwort:

Ich bin Verdammt auf eine Zeit lang Nachts zu wandern, Und Tags gebannt, zu fasten in der Glut Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit Hinweggeläutert sind. Wär’ mir’s verstattet Das Innre meines Kerkers zu enthüllen, So hob ich eine Kunde an, von der Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte, Dir die verworren krausen Locken trennte Und sträubte jedes einzle Haar empor Wie Nadeln an dem zorngen Stachelthier.

In diesem Augenblick schlug es halb und noch eh der Schlag verklungen war, mit einer Plötzlichkeit wie ein Schuß fällt, begann jetzt vom Portal her das Anrufen der ausgestellten Wachen. »≈Sentinelle, prenez garde à vous!≈« Der nächste Posten nahm den Anruf auf und im fünffachen Echo lief es jetzt um die Citadelle herum, von Posten zu Posten, bis der mir zunächst stehende, mit dem die Kette schloß, dieselben Worte über den Rempart hinrief. Es war, als gälten sie mir selber.

Ich stand jetzt auf, um meinen Rückzug anzutreten. Mich fröstelte. Als ich durch den Mondstreifen hindurchschritt, der jetzt zwischen mir und der schmalen Hofthür lag, war mir’s, als streifte mich etwas. Ich zuckte zusammen und eilte vorwärts.

Der Wachen Ruf war längst verklungen, aber immer noch klang es in mir nach: ≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈

[Illustration]

Frei.

1. Unverhofft kommt oft.

Andrer Gram birgt andre Wonne; Ueber ein Stündlein Ist deine Kammer voll Sonne. Paul Heyse.

»Es ist gar nicht zu sagen wie schnell ein Ereigniß da ist, wenn man es #nicht# erwartet hat! Hat man es erwartet, so dauert es viel länger, #und manchmal kommt es gar nicht.« Mit diesen Worten etwa beginnt eine liebenswürdige Roquette’sche Novelle. Die Wahrheit, die sich darin ausspricht, sollte sich auch an mir erfüllen. »Unverhofft kommt oft.«

Es war Sonnabend den 26. November. Die erste Hälfte des Tages mit Spaziergang und Arbeit lag hinter mir, das Mittags-Beefsteak war verzehrt, »in seinem zähen Widerstand gebrochen«, und die Kaffeestunde umblühte mich bereits. Duft und Wärme füllten das Zimmer. Rasumofsky war bei mir. Wie die beiden wilden Männer im Preußischen Wappen standen wir am Kamin, er rechts, ich links, während zwischen uns das Feuer glühte und die mehrerwähnte bauchige Blechkanne, mitten in die Kohlen hinein gestellt, eben mit ihrem Deckel zu klappern begann. Es war das Wasser für den #zweiten# oder Rasumofsky-Aufguß; den ersten hielt ich bereits in Händen und nippte mit der Bedächtigkeit eines »Connaisseurs«.

Rasumofsky hatte seinen sentimentalen Tag und sagte: Jott, Herr Leutnant, wann werden wir wieder den ersten Preuß’schen Kaffe trinken? Mit Weihnachten wird es nichts.

Nein, Rasumofsky, auf Ostern müssen wir uns gefaßt machen. Vielleicht sehn wir hier noch den Flieder blühn.

Ach, Herr Leutnant, hier blüht ja gar kein Flieder nich.

Aber Rasumofsky, Sie werden doch diesen Gegenden, die dicht an der Grenze des Mandelbaums und der Goldorange liegen, nicht den landesüblichen blauen Flieder absprechen wollen?

Ich glaube hier gar nichts mehr. Die Franzosen lügen alle. Wer weiß wo wir hier sind? Sie können sich gar nicht denken, Herr Leutnant, was die armen Kerls drüben frieren. Ich glaube, wir sind hier gar nicht südlich.

Na, Rasumofsky, da können Sie sich nun auf mich verlassen. Funfzehn Meilen von Bordeaux. Da hilft alles nichts, Geographie und Karten, damit wissen wir Bescheid.

Er nickte zustimmend.

Und am Ende, so fuhr ich fort, Ostern oder nicht, ich kann es so schlimm hier nicht finden. Rasumofsky, ich sage Ihnen, alle Dinge haben zwei Seiten.

Er nickte wieder.

Sehen Sie, es ist jetzt halb zwei; vor einer Viertelstunde erst hab ich mein Beefsteak gegessen und schon halt’ ich hier ein Glas guten Javakaffee in Händen. Glauben Sie, Rasumofsky, daß man das haben kann, wenn man frei ist? Gott bewahre. So ’was hat man nur in Gefangenschaft.

Er griente.

Sie sind ein vernünftiger Mensch, Rasumofsky, und kennen die Welt. Es wird wohl in Posen auch so sein wie anderswo. Der Hausherr, sehen Sie, das ist eine ganz sonderbare Stellung. Es wird ihm zwei- bis dreimal des Tages vorerzählt, er sei ein Tyrann, ein wahrer Pascha, und an dieser Ehrenerklärung muß er saugen wie an einem Stück Zucker. Nun sollen die Paschas viel Kaffee trinken. Aber ich sage Ihnen Rasumofsky, #die# Berliner Tyrannen, die um halb zwei eine Tasse Kaffee kriegen können, #die# sind zu zählen. Es ist entweder Wäsche, oder das Wasser kocht nicht, oder die Schornsteinfeger sind angemeldet. Sehen Sie, man könnte beinah sagen: nur der Gefangene ist frei.

Hier hielt er sich nicht länger und brach in die Worte aus: ach, Herr Leutnant, das is ja, als ob ich meinen Rittmeister reden hörte. Grade so war es in Posen. Es ist zu merkwürdig.

Seine Betrachtungen über dies wunderbare Zusammentreffen wurden durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen. »≈Entrez!≈« Ein preußischer Infanterist mit einer 25 auf der Achselklappe und einem Klapphut auf dem Kopf, die ganze Erscheinung der typische Rheinländer, trat ein, um mich wissen zu lassen: »Monsieur le Commandant (der Auxiliar-Kommandant) wünschten mich zu sprechen.« Zu Befehl. Ich folgte unverzüglich.

Der Vice-Kommandant, über den ich in einem früheren Kapitel bereits berichtet, hatte während der letzten Tage unmittelbar unter mir, in dem mit rothen Teufelchen garnirten Zimmer, ein Büreau etablirt, in dem einige französische Marine-Soldaten, unter Assistenz jenes 25ers (eines Kölners, der brillant französisch sprach), das ganze Schreiber- und Verwaltungswesen leiteten. Die Federn flogen hin und her; in der Mitte des Zimmers stand Baron de la Flotte. Ich verneigte mich vor »König Blaubart«. Mit schätzenswerther Raschheit sprang er gleich in ≈medias res≈ und erklärte mir: »≈Monsieur le Ministre de la Guerre a ordonné votre libération; — Monsieur F. vous êtes libre.≈« Ich verneigte mich. »Im Uebrigen,« fuhr er fort, »muß ich Sie bitten, ein Papier zu unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, einerseits, nach dem Maße Ihrer Kraft, auf die Befreiung eines französischen Oberoffiziers hinwirken, andererseits gegen Frankreich weder irgend etwas sagen, noch schreiben, noch thun zu wollen.«

Ich stutzte einen Augenblick, wiederholte überlegend die Worte: »≈ni dire, ni écrire, ni faire quelque chose contre la France≈« und fragte dann: ob bei dieser Erklärung aller Accent auf das Wort »≈contre≈« gelegt würde? Ich nähme dies vorläufig an; hätt’ ich darin Recht, so würd’ es mir leicht, die geforderte Verpflichtung einzugehen, da in meinem Herzen nichts lebe, was als eine Empfindung »≈#contre# la France≈« gedeutet werden könne. Kommandant Blaubart lächelte und machte eine gefällige, halb zustimmende, halb ablehnende, also, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine neutrale Handbewegung, die etwa ausdrücken sollte: »dies ist eine heikle Frage; die Entscheidung steht bei Ihnen« und entließ mich dann mit jenen Formen, die er beherrschte und die ihm so wohl kleideten.

Rasumofsky erwartete mich oben. Dies Abgerufen-werden zum Kommandanten war natürlich ein »Ereigniß«, und nach nichts, selbst den Taback nicht ausgeschlossen, sehnte sich alle Welt so sehr wie nach Neuigkeiten. Ein wegen »unerlaubter Schiffszwiebacks-Aneignung« zu drei Tagen Gefängniß verurtheilter Mecklenburger machte sechs Tage von sich reden; man mag sich also vorstellen, welche Neugiers-Unruhe in Rasumofsky’s Seele seit meiner Abberufung zum Kommandanten gestürmt hatte.

»Rasumofsky, ich bin frei.«