Part 9
In der Regel kam man zu zweien, so daß wir uns zu Dritt an den Kamin setzen konnten; Rasumofsky als dienender Bruder im Hintergrunde. Das Hauptpaar waren zwei Einjährige, ein Bayerscher Chevauxlegers, Graf A., und ein Frankfurter Dragoner, eines Großweinhändlers Sohn. Sie waren sehr verschieden, aber jeder angenehm und tüchtig in seiner Art. Der Dragoner, ein stattlicher Rheinfranke, hatte das Breite, Männliche des ganzen Stammes; jener, der Chevauxlegers, war heiter, liebenswürdig, und vor allem ganz blond, was mich bei seinem italienischen Namen und seiner italienischen Mutter immer am meisten verwunderte. Beide sprachen vollkommen französisch[1] und hatten, wie die sprachliche Fähigkeit, so auch den moralischen Muth, jederzeit für die Interessen ihrer Mitgefangenen einzutreten. Das machte sie natürlich beliebt. Bei dem jungen Grafen kam noch hinzu, daß er keine Spur von Standesdünkel zeigte; er half, unterstützte, interpretirte, aber in allem Uebrigen war er einfacher Reitersmann, wie jeder andere. Es waren sehr liebenswürdige junge Männer, fein, rücksichtsvoll, unterrichtet, aber eines werden sie mir nicht übel nehmen: sie waren keine brillanten Unterhalter, so daß ich mitunter einen schweren Stand hatte. Die Conversation begann immer mit den Tagesfragen, die theils ihrer Einfachheit, theils ihrer geringen Zahl halber, schnell erledigt waren. Der Mensch wird in solchen Zeiten auf einen gewissen Naturstandpunkt herabgedrückt; aller Luxus fällt ab; es handelt sich für Vornehm und Gering um dieselben Dinge, und so nimmt auch die Unterhaltung entsprechende Formen an. Es war kein Unterschied, ob ich mit Rasumofsky oder mit diesen beiden feingebildeten Herren sprach; es wurden dieselben Fragen gestellt, dieselben Bedenken, Klagen und Hoffnungen laut. Es ist begreiflich, daß ein solches Fünf-Minuten-Material für anderthalb Stunden nicht ausreichte, die Rede stockte, und da ich kein Freund der »Ausschweige-Soiréen« bin, so fiel mir, wie schon angedeutet, die nicht leichte Aufgabe zu, wie für den Thee so auch für den Unterhaltungsstoff zu sorgen. Alle meine alten Steckenpferde mußten aus dem Stall und nie hab ich in Völkerpsychologie und vergleichender Stamm- und Racenforschung so geschwelgt, als an meinem Kamine in Oléron. Wenn ich dann über die Weltherrschafts-Qualität der germanischen Race, über die Nicht-Gefahr des Panslavismus, über die Wellenbewegungen im Volksleben, über die eigentlichen und uneigentlichen Demokratien meine freien Vorträge gehalten und der Graf (darin ganz Graf) mit völligster Ungenirtheit sich ausgegähnt hatte, zogen sich gegen acht die beiden Herren zurück und ließen mich mit Rasumofsky und eine halbe Stunde später mit Blanche allein.
Diese zwei Volontairs waren die Aristokratie der Gesellschaft. Es kamen aber auch andre, gewöhnlich paarweise, ein Preuße und ein Bayer; immer beste Freunde.
Das #erste# Paar war Sergeant Polzin von den Schleswigschen Husaren und Unteroffizier Vollnhals vom 11. bayrischen Regiment. Sie hatten den Ueberfall von Ablis gemeinschaftlich durchgemacht und sich bei jener Gelegenheit bewährt und gefunden. Es waren ein paar Typen Norddeutscher und Süddeutscher Soldatenschaft. Polzin, wie schon sein Name angiebt, ganz Pommer, stammte im dritten oder vierten Gliede aus einer Sergeanten-, Gensdarmen- und Steueraufseher-Familie (auch eine Art Adel), soldatisches Vollblut nach Abstammung und Trainirung. Wie so viele Kinder solcher Beamten war er in #Annaburg# erzogen. Das sind die Plätze, die, wie sie aus einer Eigenart heraus entstanden, nun diese Eigenart auch weiter fortbilden. »Scharf aber jut«, dahin faßte Polzin selber sein Urtheil über diese Militair-Erziehungsanstalt zusammen. Mit Vorliebe sprach er vom Jahre 48, wo er, damals zehn Jahre alt, jedesmal mit dem Gefühl auf Wache gezogen sei, daß sich die ganze Demokratie der Nachbarschaft an seiner kleinen Bajonettspitze brechen werde. Seitdem waren viele Jahre ins Land gegangen; er hatte Provinzen und Armeecorps gewechselt; jetzt stand er in #Schleswig#. Er war stolz auf sein Regiment, aber doch noch stolzer auf #Preußen#. »Diese Schleswiger — so sagte er wohl, wenn er ans Fenster trat, und unten seine eignen stattlichen Leute in hellblau und weiß über den Kasernenhof hinschreiten sah — diese Schleswiger, sehen Sie, ein richtiger Preuße is in solchen Kerl nicht ’reinzukriegen; nichts Adrettes, Strammes. Aber das muß wahr sein, tapfer sind sie; sie stehen wie die Mauern. So recht Kerle auf die man sich verlassen kann. Sie halten aus bis zuletzt.« Uebrigens hielt sich Polzin, auch darin alt-preußischen Traditionen huldigend, nur selten mit #Thee# auf. Die Theestunde war für ihn ein bloßer Name. — Aus ganz andrem Holze war Unteroffizier Vollnhals. Diese Bayern, wenn man sie zu nehmen versteht und ihren kleinen Schwächen etwas nachsieht, vor allem sich nicht über sie erheben will, sind überhaupt entzückend. Von ihrem Muth red’ ich nicht erst. Er ist auch in diesem Kriege wieder sprüchwörtlich geworden. Neben diesem Muthe aber haben sie noch etwas Naives, das den Verkehr mit ihnen sehr angenehm macht. Sie haben alle etwas Männliches, individuell Freiheitliches, und sind auf jede Gefahr hin widerstandsbereit, wenn man das Letzte in ihnen herausfordert; aber #bis dahin# sind sie wie die Kinder und haben vor jeder Potenz des Lebens, es sei Amt, Wissen, Vermögen, einen ungeheuchelten Respekt. Dies alles trat auch bei meinem Vollnhals hervor. Er wußte recht gut, daß er sich bei Ablis wie ein Held geschlagen hatte und erzählte mir lächelnd, daß die französischen Offiziere sich unter einander angestoßen und sich zugeflüstert hätten »das ist er«, aber bei allem Heldenthum und aller naiven Freude darüber, war er bescheiden und dankbar für jeden Beweis von Aufmerksamkeit.
Das #zweite# Paar war ein Gefreiter vom 96. Regiment, ein Sachse (Altenburger), dessen Namen ich vergessen habe, und Sergeant Genzel von den 10. Ulanen. Der Gefreite war ein guter, umgänglicher Mensch, aber doch ein wahres Kreuz für mich. Man urtheile selbst. Ich liebe die Sachsen, bin dankbar für glückliche Tage und Jahre, die ich unter ihnen verlebte und habe vor ihrer Energie, Zähigkeit und #Durchschnittsgebildetheit# allen möglichen Respekt; aber in dieser letztern Eigenschaft steckt doch auch wiederum ihr Schreckniß. Lebhaft und intelligent von Natur, gut erzogen und von Jugend auf mit Zeitungslektüre und Kannegießer-Weisheit vollgestopft, treten sie mit der größten Ungenirtheit an all und jede Frage heran und wissen ganz genau, daß Freiheit der Kirche vom Staat, oder Freiheit der Schule von beiden, oder Confessionslosigkeit, oder Kindergärtnerei einzig und allein noch die Menschheit retten können. Sie haben immer eine ≈Revalenta arabica≈ oder einen Hoffschen Malz-Bonbon ≈in petto≈, womit alle Schäden der Gesellschaft kurirt werden können. Während es in Norddeutschland, namentlich an den Küsten hin, immer noch eine Bauernweisheit giebt, giebt es in Sachsen einen allgemeinen Winkeladvokatenschnack, der nach unten hin imponirt, nach oben hin aber nervös macht. Von diesem Schnack leistete auch mein 96er sein vollgewogen Theil. Er hatte in dem Reisebündel eines später eingetroffenen Gefangenen ein »Dresdener Journal« vom 27. September gefunden und mit Hülfe dieses zwei Monate alten Zeitungsblattes terrorisirte er seine Mitgefangenen und löste alle schwebenden Fragen. — Desto brillanter war Sergeant Genzel. Er war ein Halberstädter, also #auch# sehr gebildet, aber denn doch aus ganz anderem Holze #geschnitten. Schon physisch. Ein großer, schöner Mann, breitschultrig, bärtig, der immer, um Hauptes Länge alle anderen überragend, wie ein Halbgott über den Kasernenhof hinschritt. Als ich ihn das erste Mal bei mir sah, sprach er wenig und erzählte nur, wie er gefangen nach Orleans hineingeschleppt worden sei. »Man warf mit Steinen, man spie vor mir aus, und #Damen#, #nicht# Weiber, stürzten auf mich los und hielten ihre kleinen weißen Fäuste mir drohend ins Gesicht. Ich schritt ruhig weiter, aber in mir dacht’ ich unwillkürlich an unsern unsterblichen Schiller und sprach halblaut vor mich hin: #da werden Weiber zu Hyänen#.« Dies Citat hatte er wie eine Visitenkarte bei mir abgegeben, und ich wußte nun, woran ich war. Er war von der höhern Ordnung. — An anderen Abenden, die jenem ersten Besuche folgten, kam er dazu, seine Schicksale, seine Gefangennehmung und die Gefechte, die dieselbe begleiteten oder ihr vorausgingen, ausführlicher zu erzählen. Er that dies ganz wie ein vornehmer Mann und legte in allem was er vortrug den Accent immer auf die #Gesinnung#, nicht auf die That. Das bloße Todtschlagen imponirte ihm gar nicht, im Gegentheil, alles Massacre verletzte nur sein ästhetisches Gefühl. Er hatte einen Einzelkampf mit einem Turco gehabt, der in eine Schmiede retirirte und sich hier mit außerordentlicher Bravour vertheidigte. Endlich packte ihn Genzel und spaltete ihm den Nacken. Aber in seinem Vortrag ging er rasch drüber hin. Er liebte es nicht, auch noch seine Erzählungen roth zu färben. Wie unser Schicksal übrigens so oft an unsrer Gesinnung hängt, so auch bei ihm; — sein chevalereskes Empfinden hatte ihn in Gefangenschaft geführt. Ein junger Offizier des Regiments verlor in der Attacke sein Pferd. Genzel, verbindlich wie immer, sprang aus dem Sattel und präsentirte das seine. Ein Dank, und weiter ging es in den Feind. Aber nach fünf Minuten schon riefen die Signale zurück; man war in Kartätschfeuer hineingerathen; kehrt, rückwärts! und der mächtige Genzel trabte nun zu Fuß nebenher. Endlich verließ ihn die Kraft; unter einem Blutsturz brach er zusammen. Er hatte in jener Unglücksstunde wie seine Freiheit so auch seine Stimme eingebüßt; er sprach heiser seitdem. Man schleppte ihn nach Orleans hinein, Frauen insultirten ihn (wie schon erzählt), endlich trat ein Elsässer Offizier an ihn heran und rief ihm zu: »wißt Ihr, was wir jetzt mit Euch machen könnten?!« »Mit mir machen?« schrie der empörte Genzel, »#gar nichts# könnt Ihr mit mir machen; #todtschießen# könnt Ihr mich und dafür will ich Euch noch dankbar sein. Geht erst hin und lernt wie man einen anständigen Soldaten behandelt.« Das half. Solche Anreden halfen immer. Wer zu reden verstand, war durch. Das Wort ist in Frankreich eine größere Macht als bei uns.
Das #dritte# Paar, das Abends zum Thee kam, war Unteroffizier #Janeke# von den Garde-Ulanen und Sergeant #Heglmaier# vom 6. oder 9. Bayerischen Jäger-Bataillon. Doch bin ich der Zahl nicht sicher. Diese waren ≈Inséparables≈ geworden, liebten sich schwärmerisch und machten beständig Pläne, wie sie sich gegenseitig in München und Potsdam besuchen würden. Janeke, persönlich äußerst bescheiden, hatte doch, wenn er #Potsdam# nannte und seinem Freunde den großen Springbrunnen in Aussicht stellte, ein ungeheures Gefühl von Superiorität, etwa wie wenn er in der Lage wäre, den Vorhang von einer neuen Welt wegziehen zu können. Heglmaier, ein oberbayrischer, rothblonder Mann, von besondrer Gutmüthigkeit, ließ sich das alles gefallen. Er mochte denken: »der Preuß ist fünfmal so stark als der Bayer, muß auch Berlin-Potsdam fünfmal so schön sein als München.« Vielleicht aber dacht’ er auch gar nichts, ja, ich halte dies für das Wahrscheinlichere. Er war nämlich ein musikalisches Genie, und neben seiner Liebe zu Unteroffizier Janeke füllten nur Virtuosenträume und Concertpassionen seine Seele aus. Ich wurde durch eine feierliche Morgenvisite, die mir Janeke noch in den letzten Tagen meiner Gefangenschaft machte, in diese Zustände seines Freundes eingeweiht. Nach einer Vorrede hieß es: »ich sei mit dem Kommandanten so gut wie befreundet; derselbe würde mir gewiß etwas zu Gefallen thun. Heglmaier könne es nicht mehr aushalten; ich möchte also den Antrag stellen, daß die #Insel Oléron nach einer Zither durchsucht würde#. Heglmaier wolle dann ein Concert für die Verwundeten geben.«
So waren die Paare, die sich abwechselnd zum Thee bei mir versammelten. Mit herzlichem Vergnügen denke ich an jene Stunden zurück. Sie gönnten mir Einblick in das Leben unsres Volks, in seine Kraft und seine Güte.
[1] Unter den Gefangenen, auch schon in Besançon, befanden sich stets sehr viele, die französisch sprachen. Dies hatte darin seinen Grund, daß die Meisten weggefangene Patrouillen waren und daß zum Patrouillen- und Recognoscirungs-Dienst, so lang es sich ermöglichte, immer wenigstens #ein# Französischsprechender genommen wurde.
9. Regentage.
Du strebst vergebens des Menschen Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden, Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung. Göthe. (Episteln.)
Sturm- und Regentage, und ihrer waren nicht wenige, unterbrachen den gewöhnlichen Tagesgang und gehörten vorwiegend der Arbeit und der #Lektüre#.
Der Lektüre! Unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich hätt’ es nothwendig schlecht damit stehen müssen, da ich nichts besaß als ein kleines unterwegs aufgekauftes Eisenbahn-Coursbuch und eine drei Jahr alte Nummer des Witzblattes »≈La Lune≈«, die ich in einem Kommodenkasten leidlich wohlerhalten vorgefunden hatte. Der Leser mag sich berechnen, wie weit das reichte. Es hätte aber keinen Kommandanten aus Oléron geben müssen, wenn diese Verlegenheit eine dauernde hätte sein sollen; — Capitain Forot hatte kaum von meinem Wunsche gehört, als auch schon Rasumofsky erschien, um mir, mit Gruß und besten Empfehlungen, drei Bücher zu überreichen, ein kleines, ein großes und ein #sehr# großes.
Mit dem kleinen wollt’ es nicht gehen. Ich glaube, es hieß »eine Reise ins Freie« und schilderte in unangenehm pointirter Sprache eine rasche Reihenfolge von Coupé-Aventuren: auflodernde Leidenschaft (natürlich immer von unwiderstehlicher Gewalt), intervenirende Gatten, ≈high-life≈-Duelle, todtgeschossene Grafen etc. Noch ehe ich bis Seite 100 gekommen war, warf ich das Zeug in die Ecke. Es war mir um einen Grad #zu# Französisch.
Ich ging nun an das #große# Buch. Es war das »Memorial von St. Helena«, das bekannte Tagebuch des Grafen Las Cases. Ich sage »bekannt«, aber freilich wohl den meisten Menschen (wie mir selber) nur dem Namen nach. Man muß gefangen sein, um dergleichen nachzuexerciren. Ich las mit dem größten Interesse. Gleich die ersten Kapitel (die Einschiffung Napoleons auf dem Bellerophon und die vorhergehenden Verhandlungen mit dem englischen Capitain Maitland) versetzten mich genau in jene Insel- und Städte-Gruppe, innerhalb deren ich mich jetzt befand; Einzelnes, was ich auf den ersten Seiten dieses dritten Abschnitts über Oléron gesagt habe, ist diesen Las Cases-Memoiren entnommen. Die Lektüre, neben manchem anderen, hatte den besonderen Reiz für mich, daß sie in einem gewissen, übrigens höchst pikanten Durcheinander des Stoffs, zu einer Art General-Revue meines historischen Wissens wurde, zu einer großen Repetition, bei der ich die Befriedigung hatte, leidlich gut zu bestehen. Dieser Reiz steigerte sich noch dadurch, daß ich mich fähig fühlte, mit Kritik zu lesen; selbst diesem #Quellen#buche gegenüber glückte es mir, die Fehler, die Illusionen, die absichtlichen Täuschungen zu erkennen. Nicht Frankreich hatte diesen 25jährigen Riesenkampf verschuldet, sondern England. #Pitt# hatte diesen Brand entzündet, halb aus nationalem Egoismus, halb aus Legitimitäts-Donquixoterie. Das alles war so ruhig, so bestimmt gesagt, durch Las Cases so überzeugungsvoll bestätigt, daß ich Tage lang in meinem Innersten wie beunruhigt war. Ich mußte, während draußen Sturm und Regen an die Fenster schlugen und Rasumofsky ein Scheit nach dem andern auf den Herd legte, förmliche Kämpfe in mir durchmachen, hatte aber die Freude, mit gestärkter Ueberzeugung zu meinen alten Fahnen zurückkehren zu können. Das Nationalitätsprinzip hatte gegen den Napoleonischen #Weltmonarchie#-Gedanken gestritten; — es wird noch auf lange hin ein Ruhm Pitts bleiben, #jenes# siegreich vertheidigt zu haben.
Meine eigentlichste Freude war aber doch das »#sehr# große Buch«, in dem sich nicht eigentlich lesen, sondern nur naschen ließ. Es war in reicher Schale das süßeste Dessert. Wenn mir Las Cases anfing etwas zu substantiell zu werden, so schob ich dies ≈pièce de résistance≈ bei Seite, um von dem Confektteller und seinen Knallbonbons zu nehmen.
Dieses »sehr große Buch« hieß Autographen-Album, war in rothen Maroquin gebunden und enthielt, in Facsimiles, die handschriftlichen Aufzeichnungen von mehr als tausend Personen, Celebritäten aus aller Welt Enden, zu elf Zwölftel natürlich Franzosen. Deutsche fast gar nicht. Ich gebe Einiges aus diesem Schatz. Die Personen, die jene Aufzeichnungen gemacht, theilen sich, wie mir scheinen will, in sieben Gruppen: die Historischen, die Ernsthaften, die Heiter-Graziösen, die Falsch-Bescheidenen, die Bequemen, die Geistreichen und die bedenklich Geistreichen.
#Die Historischen#. Den Reigen eröffnet hier Louis Napoleon selbst, mit einem am 5. Dezember 1848 geschriebenen Briefe. Es heißt am Schlusse desselben: ≈Lorsque une révolution est dans le vrai elle produit de grands hommes et de grandes choses, lorsqu’elle est dans le faux elle ne produit que #du bruit et des larmes#.≈ Das war drei Jahre vor dem Staatsstreich. Was lag alles dazwischen! Ich mußte unwillkürlich auch an die #jüngste# Phase französischer Entwicklung denken: ≈Lorsqu’elle est dans le faux, elle ne produit que #du bruit et des larmes#≈. Neben diesen Zeilen des Vaters befindet sich eine leicht hingeworfene Federzeichnung Lulus: alte Troupiers, die auf Wache ziehen. Darunter in schöner, fast schon ausgeschriebener Handschrift: Louis Napoleon.
Das nächste Blatt bringt Folgendes von der Hand des Bürgerkönigs: ≈J’abdique cette couronne que la voix nationale m’avait appelé à porter, en faveur de mon petit-fils le Comte de Paris. Puisse-t-il réussir dans la grande tâche qui lui échoit aujourd’hui. 24 Février 1848. #Louis Philippe#.≈ Dies »≈aujourd’hui≈«, 23 Jahre vertagt, ist vielleicht #heute#.
Unmittelbar darunter: ≈Soldati. Ciò che offro a quanti vogliono seguirmi eccolo: fame, freddo, sole, non pane, non caserne, non munizioni, ma avvisaglie continue, stenti, battaglie, marcie forzate e fazioni alla bajonetta. Chi ama la patriami seguite. #Garibaldi#.≈ So schrieb er 1849. Der Zauber auch #dieses# Namens ist verblaßt.
#Die Ernsthaften#. ≈La #modestie# est une grande lumière, elle laisse l’esprit toujours ouvert et le coeur toujours docile à la vérité. #Guizot#.≈
≈#Le rationalisme#! c’est l’homme fait Dieu à la place du Dieu fait homme. #Molé#.≈
≈Je ne puis refuser ma signature. Quant à la prose et aux vers, n’y comptez pas. J’adore Homère, Sophocle, Euripide, mais les ingrats ne m’ont rien révélé. J. #Ingres#.≈
≈Sancta Maria, mater Dei, ora pro nobis peccatoribus, nunc, et in hora mortis nostrae. #Louis Veuillot#.≈
Dieser Anruf an die heilige Jungfrau ist mir in einem Autographen-Album fast zu ernsthaft erschienen; das ostensive Karte-Abgeben als »Katholik quand même« verstößt gegen den guten Geschmack.
Viel beweglicher als diese Worte aus der kirchlichen Welt wirken die nachstehenden aus der Bühnenwelt. Das Profane schlägt das Heilige.
≈Lorsqu’on a mis le pied une fois dans la fatale carrière du théâtre, il faut la parcourir jusqu’au bout, épuiser ses joies et ses douleurs, vider sa coupe et son calice, boire son miel et sa bile; il faut finir comme on a commencé, mourir comme on a vécu,≈ ≈mourir comme est mort Molière, au bruit des applaudissements, des sifflets et des bravos! Mais lorsqu’il est encore temps de ne pas prendre cette route, lorsqu’on n’a pas franchi sa barrière, il faut n’y pas entrer. Croyez-moi sur mon honneur, croyez-moi. #Frédérick Lemaître#.≈
Hieran reihen sich noch zwei Aufzeichnungen Duclercs und Odilon Barrots, in denen sich zugleich eine tiefe politische Verstimmung, ein Haß gegen das kaiserliche Gouvernement ausspricht:
≈Les meilleurs gouvernements tombent, mais — #les pires aussi#. #Duclerc#.≈
≈Silence, on nous écoute! l’an de grâce 1852. #Odilon Barrot#.≈
Das Album erschien Anfang der 60er Jahre, als das Kaiserthum auf der Höhe seines Ansehens stand. Der Herausgeber hielt es deshalb für nöthig, diesen Hohn Odilon Barrots mit einer spöttischen Bemerkung seinerseits zu begleiten und fügte deshalb ziemlich witzig hinzu: »Mr. Odilon Barrot ist bekanntlich der einzige #Odilon# in Frankreich, der Herrn #Barrot# für ernsthaft nimmt.«
#Die Heiter-Graziösen#. In dieser Gruppe habe ich nur #einen# Namen zu verzeichnen: Eugène Scribe. Auf den verschiedensten Blättern des Albums fand ich seine Signatur; fast immer waren es vierzeilige Verschen, immer Ausdrücke des liebenswürdigsten Naturells.
≈#Sur un parapluie#. Ami commode, ami nouveau Qui, contre l’ordinaire usage, Reste à l’écart, quand il fait beau, Et se montre les jours d’orage!≈
Seiner in der Nähe von Paris erbauten Villa hatte er folgende, in diesem Album von ihm wiedercitirte Inschrift gegeben:
≈Le théâtre a payé cet asyle champêtre, Vous qui passez, merci! je vous le dois peut-être.≈
#Die Falsch-Bescheidenen#. Hier begegnen wir einigen Namen und Berühmtheiten ersten Ranges:
≈Mon nom n’est point digne de figurer dans un recueil. #V. Broglie#.≈
≈Ni le mien non plus. #George Sand#.≈
≈Ni le mien non plus. #Eugène Sue#.≈
Alle drei finden aber rasch ihre Verurtheilung. Gleich der folgende (Viennet) schreibt unter die drei Bescheidenen: ≈O triple orgueil≈, und Charles Filipon geht noch einen Schritt weiter und fügt hinzu: ≈Farceurs!≈
#Die Bequemen#. Die Gruppe dieser ist sehr groß. Sie besteht zunächst aus solchen, die, kritiklos und mittelmäßig beanlagt, sich keinen Augenblick geniren, den allergrößten Gemeinplatz niederzuschreiben. Hier befindet sich denn auch der einzige Deutsche, der gewürdigt worden ist, einen Platz in diesem Album einzunehmen, #Johannes Ronge#. Er schrieb: #Saarbrücken#, den 8. Februar 1863. Keine Verdammung, keine Ketzer mehr. Es giebt nur einen Gott für alle Kirchen und alle Völker. Es ist nicht leicht möglich, trivialer zu sein. Einem Franzosen gelingt es aber schließlich #doch#: ≈Aimons-nous les uns les autres. #Havin#.≈ Hoffen wir, daß diese Worte wenigstens in Damengesellschaft geschrieben wurden.
≈L’esprit n’est jamaix vieux tant que le coeur est jeune. #Paul Lacroix#.≈
≈La jeunesse n’a pas assez souffert pour savoir consoler. #Legouvé#.≈
Zu dieser Gruppe der »Bequemen« gehören aber vor Allem auch diejenigen, die (weil beständig in Autographen-Contribution genommen) ihren bestimmten Album-Vers ein für allemal bei sich führen und jahraus jahrein mit denselben Vierzeilen debütiren.
≈Au clair de la lune, Mon ami Pierrot, Prête-moi ta plume Pour écrire un mot.≈ ≈#Jules Sandeau#.≈
≈C’était, dans la nuit brune Sur le clocher jauni, La Lune Comme un point sur un J.[2]≈ ≈#Alfred de Musset#.≈
≈La cigale ayant chanté Tout l’été Se trouva fort dépourvue Quand la bise fut venue.≈ #≈Jules Janin.≈#
Der Herausgeber fügt in Betreff dieser drei scherzhaft hinzu: »≈Se sont donné le mot pour ne pas perdre de #copie#.≈«
Wir haben solche Album-Versler, die das »Copie-Recht nicht verlieren wollen«, namentlich auch in Deutschland. Einfälle, Impromptus sind nicht unsere starke Seite.
#Die Geistreichen#. Es hätte kein #französisches# Album sein müssen, wenn diese Gruppe nicht am stärksten vertreten gewesen wäre. Vieles war entzückend.
≈Je me résigne et je signe.≈ ≈#Montalembert#.≈
≈Je ne sais quoi dire et j’en fais l’aveu.≈ ≈A. #Thiers#.≈
≈Le goût est le sentiment prompt d’un esprit bien fait.≈ ≈Le Duc #de Noailles#.≈
≈L’esprit qu’on veut avoir, gâte celui qu’on a.≈ ≈Le prince #de la Moskowa#.≈
≈J’en fais moi-même en ce moment la triste expérience.≈ ≈#de Persigny.#≈
≈Ce n’est pas la fortune qui vient en dormant, c’est le terme.≈ ≈Emile Marco #de St. Hilaire.#≈
≈Les hommes se suivent et ne se ressemblent pas.≈ ≈#Carnot#≈ (Sohn des alten).
≈L’or est une chimère pour celui qui n’a pas le Sou.≈ ≈#Peupin#≈, Uhrmacher, später Tresorier der Kaiserin.
≈Quelle est la femme qui ne fait pas ce qu’elle dit? Celle qui jure de n’aimer jamais, ou d’aimer toujours.≈ ≈#Charles Briffault.#≈
Also etwa:
Welche Frau hält gewiß nicht, was sie verspricht? Die, die da schwört, niemals zu lieben oder immer.
≈L’amour est comme l’opéra. On s’y ennuie, mais on y retourne.≈ ≈#Gustave Flaubert#.≈ (Verfasser von »Madame Bovary« und »Salambo«.)
≈Il est plus facile de #faire# ce qu’on doit, que de le #payer#.≈ ≈#Jacques Herz#, frère de Henri.≈
≈#Rêver#, c’est le bonheur; #attendre# c’est la vie.≈ ≈#Victor Hugo#.≈
Die Auswahl, die ich hier getroffen, ließe sich verzehnfachen. Nur sehr selten überschlägt sich die Geistreichigkeit. Ein Schriftsteller dritten Ranges schreibt einfach seinen Namen und fügt hinzu: ≈Mon nom est assez≈. Noch weniger angenehm berühren die Worte der Rachel:
≈Oh, réclames!! Avis aux lecteurs. Je rentrerai à la comédie française Samedi≈ ≈prochain par le rôle de Phèdre. Paris, 18. Novembre 1849.≈
Die Rachel, deren häßliche, vor #nichts# zurückschreckende Gewinnsucht ein öffentliches Geheimniß war, durfte solchen Scherz nicht wagen.
Ich schließe mit den handschriftlichen Aufzeichnungen zweier Engländer: ≈All that I could say of my books, I have said in them. #Charles Dickens#.≈ Wie liebenswürdig!
In derselben Gesellschaft befand sich auch der »Vater der Friedens- und Manchester-Schule«. Aufgefordert, sich ebenfalls einzutragen, schrieb er einfach:
≈Richard Cobden. Paris, 30. Auguste 1849.≈
Ganz charakteristisch. In allem der ≈Matter-of-fact≈-Mann!
[2] In #Freiligraths# vorzüglicher Uebersetzung, die fast das Original schlägt:
Den Mond durch Nebel scheinen Hoch überm Thurme sieh’, Wie einen Punkt über einem i!
10. Der Ueberfall von Ablis.
#Schleswiger Husaren und elf vom 11. Bayrischen Regiment.#
Wir standen, keines Ueberfalls gewärtig, Bei Neustadt schwach verschanzt in unsrem Lager, Als gegen Abend, unser Vortrab fliehend Ins Lager stürzte, rief, der Feind sei da. (Wallenstein.)
Von 6 an war Plauderstunde. Dann kamen, wie schon in einem früheren Kapitel erzählt, die Avantageure, Sergeanten und Unteroffiziere (meist Cavalleristen), um, ein Glas Thee in der Hand und die Füße am Kamin, die Tagesereignisse durchzusprechen: wer krank sei? wer gestorben sei? ob es noch lange dauern werde? ob der Cantinier den Cours des Papierthalers abermals um 5 Sgr. herabgedrückt habe? ob die angesagten Oefen und Strohsäcke eine Wirklichkeit werden oder eine Mythe bleiben würden? Es waren nicht gerade welterschütternde Fragen, die uns beschäftigten und die an zweiten und dritten Abenden mit derselben Hingebung behandelt wurden, wie am ersten; die Hauptunterhaltung blieben aber doch die Kriegsabenteuer, namentlich die Momente der #Gefangennehmung#, und aus der Fülle von Stoff, der damals vor mir ausgeschüttet wurde, geb ich das Nachstehende.
Sergeant #Polzin# erzählt: