Chapter 4 of 13 · 3982 words · ~20 min read

Part 4

Eine andere Figur war »≈le raconteur≈«, der Liebling und das Ferment der ganzen Gesellschaft. Er machte mir das Bett, gab mir sein Strohkissen, deckte mich mit seiner Decke zu, so daß ich eigentlich nicht weiß, wie er sich durch die kalten Nächte durchgeschlagen hat. Er war ein ausgesprochener Humorist und hatte, neben seinem Spaßmacherthum, vor allem auch jene Herzensgüte, ja jene Feinheit der Empfindung, die den wirklichen Humoristen allemal charakterisirt. Er erzählte sehr gern, aber im Erzählen beobachtete er beständig, ob er vielleicht Anstoß gäbe, oder durch ein Zuviel die Geduld erschöpfe; glaubte er derartiges wahrzunehmen, so schwieg er sofort und wartete ab, bis er ermuntert wurde, den Faden wieder aufzunehmen. Er hatte ein Paar Diensthosen verkauft, um seine Kameraden in Wein freihalten zu können; darauf hin war er, nachdem ihn eben #diese# Kameraden angezeigt hatten, zu 6 Monaten verurtheilt worden. Für mich ein offenbarer Vortheil. Ich liebte ihn förmlich. Bei weiterer Schilderung meiner Tage in Besançon komme ich auf ihn zurück.

Der letzte, von dem ich zu sprechen gedenke, war »≈le penseur libre≈«, ein kleiner, kratzbürstiger Kerl, nah an funfzig, seines Zeichens ein »Kommissionär in Hülsenfrüchten«. Er war eingesperrt worden, weil er den Preußen eine Ladung Mehl verkauft hatte. In einem scharfen Gegensatz zu dieser merkantilen Beschäftigung stand sein geistiges Leben. Er war Philosoph; sein Lieblingsschriftsteller Victor Cousin, dessen gediegene Uebersetzungen der klassischen Literatur, griechisch wie lateinisch, er besaß, beziehungsweise auswendig konnte. In einer Anzahl kleiner blauer Notizbücher, die er als ≈Vademecum≈ auch mit ins Gefängniß genommen, hatte er sich die Weisheit des Alterthums für den Hausgebrauch zurecht gemacht. Gleich den zweiten Tag fragte er mich, ob es mir Recht sei, Seneca’s Betrachtungen über den Tod, über das ruhige sich schicken ins Unvermeidliche, zu lesen? Ich hielt es für artig, »ja« zu sagen, und mußte nun zwei Stunden lang meinen Kopf und meine Augen anstrengen, um mich in diesen »Blaubüchern« zurecht zu finden, die für mich wenigstens das Schicksal aller ≈blue books≈ theilten, ziemlich langweilig zu sein. Solche Gedanken aus sich heraus zu gebären, sie #selbstständig# zu haben, kann Trost verleihen und das Gemüth adeln; es zurecht gemacht an sich herantreten sehen, ist mindestens unfruchtbar. Da wirkt ein Gesangbuchvers von Paul Gerhardt doch anders! Es blieb nun aber nicht blos bei Seneca. Dieser furchtbare penseur libre hatte, mit Hülfe seines Victor Cousin eine eminente Kenntniß von Plato, Tacitus, Plutarch und vielen andern noch, und vielleicht niemals hat ein deutscher ≈homme de lettres≈ vor einem französischen Hülsenfruchthändler eine so kümmerliche Rolle gespielt, wie ich. Er wußte Alles, ich wußte nichts. Glücklicherweise war ich nicht in der Stimmung, über diese constanten Niederlagen mich besonders zu grämen. Auch bin ich ihm das Zeugniß schuldig, daß er mich nie ironisch behandelte, und sein offenbares Uebergewicht keinen Augenblick mißbrauchte.

Ich versuche nun, nachdem ich den Leser mit den »Spitzen der Gesellschaft« bekannt gemacht habe, ihm im Weiteren einen Tag zu schildern, wie wir ihn in der Citadelle zuzubringen pflegten.

Um 6 Uhr rasselte draußen das Schlüsselbund, die schwere Thür wurde geöffnet, der Sergeant trat ein, und das Abzählen begann, um festzustellen, daß über Nacht nichts von der Heerde verloren gegangen sei. Wir waren zuletzt 22 in einem ursprünglich für höchstens 12 Personen bestimmten Raum. Dem Ueberwerfen der nothwendigsten Kleidungsstücke folgte draußen auf dem Hof der Waschprozeß; abgetrocknet wurde an den Bettlaken, die von der Nacht her noch etwas Wärme conservirten. Einige Aristokraten der Gesellschaft, zu denen ich leider nicht gehörte, hatten es bis zu einem Handtuch gebracht. Nur ein Stück »≈Monstre-Savon≈« war mir von Langres her geblieben.

Nun begann der Morgenspaziergang, und zwar in einem mit Flußkieseln bestreuten Hofe, der 40 Schritt lang und 15 Schritt breit sein mochte. Von diesen 15 Schritt in der Breite waren aber wieder 5 Schritt zu einer Art Terrasse abgeschnitten, welche letztere ein Allerheiligstes bildete, das von uns nicht betreten werden durfte. Es war die »Gartenanlage« der Citadelle, auf deren Beeten etwas Kerbel und Petersilie, an der Wand aber ein wie verkrüppelte Georginen aussehendes Strauchgewächs wuchs. Es trug Tomaten-Aepfel, die nicht reif werden wollten.

Wie es für etwa 80 Menschen möglich wurde, auf diesem Stückchen Hof ein oder zwei Stunden lang spazieren zu gehen, weiß ich nicht; gleichviel es geschah. Der blaue Himmel, die Morgenfrische thaten meinen Sinnen wohl, nur wurde dies Behagen, durch unliebsame Töne aus der Ferne her, häufiger unterbrochen, als mir angenehm sein konnte. Es war in der Regel 7 Uhr; eine Salve krachte herüber; das Echo antwortete in den Bergen. Eine Gruppe trat dann zusammen, einer warf den Cigarren-Rest in die Luft und sagte ruhig: heute werden drei erschossen. Ich konnte nicht gleichgültig dabei bleiben; wie ein physischer Schmerz ging es mir oft durch die Brust.

Die Promenade wurde fortgesetzt; die Meisten lachten, plauderten; wenige trugen schwer. Zwischen 8 und 9 hieß es in viertelstündigen Pausen: »≈à l’eau≈«, »≈du pain≈«, »≈la commission≈«, Schlachtrufe, die jedesmal ein halbes Dutzend Personen abriefen, die nun Wasser und Brod für die Gesammtheit herbeizuschaffen, oder aber (»≈la commission≈«), die #Extras# in Empfang zu nehmen und zu vertheilen hatten. Alle diese Rufe waren aber bedeutungslos neben dem Rufe »≈à la soupe≈«, der ungefähr um 9½ Uhr laut wurde. Nun stürzte Alles der Küche zu und kam mit Schüsseln und Kübeln zurück, die eine leidlich gute Fleischbrühe enthielten; die einzig warme Mahlzeit, die vorschriftsmäßig und gratis verabreicht wurde. Ein gutes Stück Fleisch war wie ein Gewinn in der Lotterie.

Nach der Suppe begann eigentlich wieder eine mehrstündige Einschließung, die von 10 Uhr früh bis 4 Uhr Nachmittags zu dauern hatte. Dies wurde aber nie in voller Strenge inne gehalten, eines Theils wohl, weil wir ohnehin über alle Gebühr hinaus eingepfercht waren, andern Theils, weil wir tagelang Regenwetter hatten, und die uns dadurch auferlegte, totale Einsperrung an den klaren Tagen, schon um unserer Gesundheit willen, wieder ausgeglichen werden sollte. Ein starker Bruchtheil der Gesellschaft zog sich aber um 10 oder 11 von selbst, aus eigenem Antrieb, in die Kasemattenräume zurück, um sich zu strecken oder Briefe zu schreiben, oder Dame zu spielen. Dies letztere geschah in ziemlich ingeniöser Weise. Auf jeder Pritsche befand sich ein mit Bleistift oder Dinte aufgezeichnetes Damenbrett, dessen Steine einerseits aus den leicht beschaffbaren Kieseln des Hofes, andererseits aus rund geschnittener Brodkruste bestanden. Alle Franzosen spielten es gern und mit besonderem Geschick. Mitunter verirrte sich ein Zeitungsblatt in unsere Mitte; hinter dem letzten Bettstand, der mit seinen aufgetürmten Strohsäcken wie ein Schirm wirkte, etablirte sich auch wohl eine geheime Piquetpartie; unbeweglich daneben saß der ≈penseur libre≈ und las Abhandlungen über die Frage: »Wann einer Zeugenaussage zu trauen sei und wann nicht.«

Endlos waren diese Stunden von 10 bis 4; sie hatten aber doch ihre Unterbrechungen, einmal, wenn der Kommandant der Citadelle und der Ronden-Offizier ihren Umgang hielten, namentlich aber, wenn »Neue« eintrafen oder die in bloßer Untersuchungshaft gehaltenen aus dem Verhör in der Stadt zurückkamen. Durch diese Elemente hingen wir mit der Welt zusammen und folgten dem Laufe der Politik und des Krieges. Ob das Berichtete wahr war oder nicht, war der Mehrzahl völlig gleichgültig; es unterhielt doch. Den einen Tag war General Moltke erschossen, den nächsten Tag gefangen, den dritten hatte er einem Kriegsrathe präsidirt; der König, der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl, alle waren sie einige Tage lang todt, um dann wieder unter den Lebenden zu erscheinen. Es fiel keinem ein, sich über diese Widersprüche zu verwundern; man nahm sie als selbstverständlich hin; ja, man war vielleicht dankbar dafür. Der Stoff wuchs auf diese Weise. Etwa in der Mitte des Monats erschien Garibaldi in Besançon; drei, vier Tage später hieß es, »die Preußen rücken an«; mit beiden Nachrichten hatte es ausnahmsweise seine Richtigkeit. Es wurde viel von »in die Luft sprengen« gesprochen, und im Großen und Ganzen bemächtigte sich des deutschen Elements ein wenig behagliches Gefühl bei der Aussicht, von den eigenen landsmännischen Granaten todtgeschossen zu werden. Ich machte dem liebenswürdigen Kommandanten der Citadelle, der sich oft halbe Stunden lang mit mir unterhielt, eine halb scherzhafte Vorstellung darüber, worauf er ruhig antwortete: »Ja, diese #Obergewölbe# sind in 5 Minuten weggeblasen«. Der Trost, der uns daraus erfloß, war begreiflicherweise gering.

Die Preußen (es war die badische Division) hatten sich uns inzwischen mehr und mehr genähert. Am 23. hieß es: Heute giebt es eine Schlacht; 8 Kilometer von hier, bei Chatillon #müssen# sie zusammenstoßen. Und in der That, es kam zu einem Gefecht. Wir hörten deutlich den Donner der Kanonen und von dem Tisch unseres Gefängnisses aus, der uns gestattete, durch die obersten Scheiben hindurch, über die Festungsmauer fortzusehen, folgten wir einzelnen Bewegungen nachrückender französischer Bataillone. Einige von uns schwuren, den Lichtstreifen fliegender Granaten deutlich an dem schwarzgrauen Regenhimmel gesehen zu haben. Um 5 Uhr Abends kam Meldung aus der Stadt: »≈1200 Badois sont captivés, ils arriveront ce soir encore.≈« Zwei Stunden später trafen auch wirklich die Gefangenen ein. Es waren aber nur fünf. Als ein echter Oberländer gefragt wurde: »wo denn die 1200 seien«, antwortete er ruhig: »’s is halt a Trost, wenn mer mit 500 ins Gefecht geht, kann mer nit 1200 verliere«. Ich übersetzte es, was sofort allgemeine Heiterkeit erweckte. Von Groll keine Spur.

So war es Sonntag den 23. Oktober. Aehnlich an anderen Tagen. Wir lebten von Gerüchten. Erst die »Abendsuppe«, die bei Dunkelwerden servirt wurde, machte regelmäßig der politischen Diskussion und — dem Tage selbst ein Ende. Mit dem Moment, wo die Blechlöffel wieder hinter dem Brett steckten, fiel der Vorhang. Die Nacht begann.

Nun rasselte, wie am Morgen, das Schlüsselbund; der Sergeant, ein alter ≈grognard≈, passirte abermals unsere Reihen mit hochgehobener Laterne, zählte die Häupter seiner Lieben und verschwand dann mit einem freundlich-bärbeißigen: ≈bon soir, messieurs.≈ Eine halbe Stunde später lag alles ausgestreckt unter den Decken, jeder mit einer Nachtmütze über der Stirn und nur »≈le raconteur≈« hockte noch auf seinem zusammengerollten Zeugbündel und wartete auf das Signal zum Erzählen. Er war die Scheherezade dieses Kreises, dem die Aufgabe oblag, den Sultan »Volk« in Schlaf zu erzählen. Es gab ein halbes Dutzend Lieblingsgeschichten: ≈le dragon vert, le curé et le saint esprit, Milord à Paris≈, — alle liefen sie auf Liebesabenteuer, auf Spott gegen die Geistlichkeit und auf Ridikülisirung der Engländer hinaus. Das letztere war meist das Wirksamste. Unendliche Heiterkeit begleitete diese Vorträge, und nie hätte ich es für möglich gehalten, in einem Kasemattengefängniß einem solchen Uebermaß von guter Laune, von Lachen und Ausgelassenheit zu begegnen. Ich stimmte dann und wann mit ein, ohne recht zu wissen, um was es sich handelte. Das Lachen selbst war so herzlich, daß es mit fortriß.

Diese Erzählungen dauerten oft 2 Stunden. Um 8 Uhr hielten dann mehrere Trommeln und Hörner, eine Art großer Zapfenstreich, ihren Umgang um die Citadelle, und in dem Moment, wo sie schwiegen, klangen von Besançon die Abendglocken der Cathedrale herauf. Ein paar leidenschaftliche Raucher fuhren manchmal mit dem Streichholz über die Wand hin, um die verglimmende Pfeife neu zu beleben; ein flüchtiges Licht blitzte durch den dunklen Raum; noch ein paar Züge, dann schliefen auch sie. Alles still.

Nacht lag über der Citadelle von Besançon.

6. Rückblicke.

So lang der Wirth nur weiter borgt, Sind sie vergnügt und unbesorgt. Faust.

Es kann die Ehre dieser Welt Dir keine Ehre geben, Was Dich in Wahrheit hebt und hält Muß in Dir selber leben.

Ich war 18 Tage in Besançon; am 29. Oktober verließ ich es, um, quer durch Frankreich hindurch, über Lyon und Moulins, dann über Poitiers und Rochefort nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean geschafft zu werden. Die letzten drei Tage auf der Citadelle waren mir in verhältnißmäßigem Comfort vergangen; ich hatte sie, in Folge eingetretener Intervention, im Offizier-Gefängniß zugebracht, wo ich, in allem was Speis’ und Trank angeht, in der angenehmen Lage gewesen war, meiner Gewohnheit gemäß oder wie es im Französischen heißt — »im Einklang mit meinem ≈ancien régime≈« leben zu können. Ein Ausdruck, der mich jedesmal amüsirte. Ueber diese »guten Tage von Besançon« berichte ich in aller Kürze im Eingange des nächsten Kapitels; aber #hier# schon, als am passendsten Platz, versuche ich die Eindrücke wiederzugeben, die ich in fast dreiwöchentlichem Zusammenleben mit französischen Soldaten und Civilpersonen verschiedenster Art, von dem Charakter des Volkes, von den Vorzügen und Schwächen desselben empfangen habe.

Es ist Pflicht zu sagen, daß diese Eindrücke die allerangenehmsten waren und daß ich mir keine Nation denken kann, die in #so# vielen, ihrer aufs Gerathewohl gewählten Repräsentanten im Stande wäre, ein günstigeres Urtheil hervorzurufen. Im Allgemeinen wird man sagen können, daß, je nach den Landestheilen, in denen man lebt, auf 10 oder 7 oder 5 Individuen immer ein unleidlicher Mensch kommt; hier lebte ich mit 70 oder 80 Gefangenen zusammen, die in der Zeit meiner Anwesenheit zwei oder dreimal wechselten (so daß ich etwa 200 verschiedene Personen kennen lernte) und nicht die geringste Unannehmlichkeit, geschweige Unart habe ich zu erfahren gehabt; sie waren alle verbindlich, rücksichtsvoll, zuvorkommend, dankbar für jeden kleinen Dienst, nie beleidigt durch Widerspruch, vor allem #ohne Schabernack und ohne Neid#. Wir könnten, nach #dieser# Seite hin, viel von ihnen lernen. Es offenbarte sich mir ein unerschöpflicher Schatz von Gutmütigkeit, leichtem Sinn und heiterer Laune. Lauter Sanguiniker. Viele waren eitel, andere ruhmredig. Wenn ich aber den Rodomontaden dieser letztern scherzhaft erwiderte, hatte ich jedesmal die Lacher auf meiner Seite. Von nationaler Gereiztheit keine Spur, wiewohl sie alle, ohne Ausnahme, voll lebhaften, patriotischen Gefühls waren. Auch ihr #Bildungsgrad#, um das noch zu bemerken, hatte mindestens, bei sonst gleichen Voraussetzungen, das Niveau des unsrigen, wie ich denn überhaupt glaube, daß wir uns nach #dieser# Seite hin, allzu selbstgefälligen Vorstellungen hingeben. Wir glauben eine Art #Schul-Monopol# zu besitzen und es giebt Leute unter uns, die, einen alten »Dieterici« in der Hand, wo möglich den Beweis führen möchten, daß jenseit der deutschen Grenze alles Lesen und Schreiben aufhöre, wie etwa 20,000 Fuß hoch das Athmen aufhört.

Ich #meinerseits# habe indessen immer nur gefunden, daß die Bewohner anderer Kulturländer, besonders der westlichen, nicht schlechter lesen, wohl aber erheblich besser schreiben können, als die Menschen bei uns. So in England, Schottland, Dänemark; so auch wieder in Frankreich. Die statistischen Zahlen um deshalb zu befehden, fällt mir nicht ein; sie werden schon richtig sein. Es wird unzweifelhaft, namentlich in England und Frankreich, ganze Volksschichten geben, die ich nicht kennen lernte, #unterste# Schichten, die von der Schule unberührt, mithin auch unerobert blieben; die Zahlen sollen also bestehen bleiben. Aber gestützt auf eben diese Zahlen wächst für viele unter uns ein falsches #Gesammtbild# empor, ein Bild, das von vornherein verschoben und immer ins #Dunkle# retouchirt, schließlich einfach zu einem Zerrbild wird. Hinterm Berge wohnen auch Leute. — Ich kehre nun zu meinen Mitgefangenen zurück.

Sie waren liebenswürdig, gutherzig, neidlos (so etwa sagt’ ich); aber so angenehm der Eindruck war, den sie als Individuen hervorriefen, so traurig war der Eindruck, den jeder einzelne als Theil des Ganzen machte. Sie boten das Bild völliger Zerfahrenheit, zu nichts eine Herzensstellung einnehmend, als zu »≈La France≈« und zur Ruhmesgeschichte ihres Landes. Dies ist etwas, aber nicht viel; oft mehr eine Gefahr, als ein Segen. Losgelöst von allem Tieferen wird auch die Vaterlandsliebe (die #dann# nur eine gewisse Form persönlicher Eitelkeit ist) leicht zu einer Carrikatur, überschlägt sich und gewinnt den Charakter des Hohlen, einer schillernden Seifenblase, eines Nichts. Diese Wahrnehmung hatte ich sehr oft. Ein fester, schöner Glaube existirte an nichts, weder an die Dinge der sichtbaren noch der unsichtbaren Welt. Die Geistlichkeit wurde beständig verhöhnt, der Kaiser war ein Spott, die Marschälle ein Gegenstand der Verachtung; ich begegnete keiner anderen Ueberzeugung als der einen, daß #alles käuflich sei#. Sedan war ein »≈job≈« im großen Stil; nur Mac-Mahon behielt seinen diamantnen Glanz. Der französische Soldat hielt aus bei ihm, wie der österreichische (1866) bei Benedek. Aber diese eine leuchtende Ausnahme zeigte nur die Zweifelstrübe, in der man alles andere erblickte, desto deutlicher. Regierung, Kirche, Gesetz, alle drei waren nach ihrer Meinung nur da, um das Volk in Banden zu schlagen und #sich selbst# zu behaupten und zu bereichern. Alles Einzelne sich selber Zweck, nie im Dienst einer Idee, nie im Dienst des Ganzen! Der Eindruck war kläglich und zeigte den tiefsten Verfall. Wie oft sprach es still in mir: glücklich das Land, das diesen Heimsuchungen noch nicht erlegen ist. Das Furchtbare einer Revolution, sie sei nun berechtigt gewesen oder nicht, habe ich nie so lebendig empfunden wie hier. Die klugen Engländer! Sie haben dasselbe gethan, aber sie haben #eines# vermieden: #das Brechen mit der Tradition#.

So viel über meine Mitgefangenen. Auch noch ein Wort über Wahrnehmungen, die ich, während der schlimmen Tage (denn sie waren nicht alle schlimm) an mir selber machte.

Ich hob schon hervor, wie gleichgültig mich der Wechsel der äußern Glücksumstände, der Wegfall des sogenannten Comfort berührte; ich fand bald heraus, daß sich bei einer dünnen Fleischbrühe, einem Glase Landwein und einigen Schnitten Weißbrod sehr wohl leben lasse, im Grunde genommen besser als bei Majonnaisen und Nußtorte. Beiläufig eine furchtbare Zusammenstellung, die durch einen zwischengeschobenen Rehrücken nicht besser wird. Tag um Tag wurde ich an den Ausspruch eines gefeierten Wiener Arztes erinnert, der mir vor Jahren versicherte, »daß er erst Herr seiner Zeit und seines Geistes geworden sei, seitdem er von einer Tasse Bouillon, etwas Brod und einigen Rüben oder Erdäpfeln lebe.« Ich meinerseits trank viel #Thee#, aber nur um mich zu erwärmen und durch Wärme gesund zu erhalten; von Wohlgeschmack konnte bei dem seltsamen Gebräu, das auf der Citadelle von Besançon den Namen »Thee« usurpirte, keine Rede sein.

So gleichgültig wie gegen allerhand »Lebensbedürfnisse«, die schließlich eben #keine# Lebensbedürfnisse sind, beobachtete ich mich auch gegen gewisse Ansprüche und Feinfühligkeiten des #Ehrenpunktes#. Was mir, vier Wochen früher, ganz speziell auch auf #diesem# Gebiete als eine Lebens-Unerläßlichkeit erschienen wäre, erschien mir jetzt als Luxus und weil als Luxus auch als entbehrlich und abthubar. Dies überraschte mich, als ich erst dazu kam, über diese Dinge nachzudenken, am meisten; doch haben mir andere seitdem versichert, daß sie dieselbe Gleichgültigkeit gegen all diese mannigfachen Formen und Scenen der Erniedrigung, die eben keinem Gefangenen erspart werden, empfunden hätten. Das durch die Straßen Geschleppt-, das Angegafft- und Angestarrtwerden, das Geschrei und Gejohle des Pöbels, die zudringlichen Fragen, das Hutabziehen- und Geradestehenmüssen, das Abgezählt werden bei erhobener Laterne, all das war lästig, bedrücklich, zu Zeiten #sehr# unangenehm; ich kann mich aber keines Momentes entsinnen, wo ich all dies als ehrenrührig empfunden hätte. Die Gefangenen, auf ihrem Transporte quer durchs Land, wurden meistens gekettet; ich wartete ruhig auf den Moment, wo mir ein gleiches Loos zufallen würde. Es blieb aus, es blieb mir erspart. Ich weiß aber, daß auch #das# mich in meinem Gleichmuth wenig gestört haben würde. Man hat das Gefühl des völligen Preisgegebenseins, des Ueberantwortetseins auf Gnade und Ungnade und empfindet deutlich, daß die Uebergriffe, die sich der Machthaber erlaubt, wohl die #Ehre dieses Machthabers, nicht aber die eigene treffen können#. Vieles zudem, was Flitter ist, wird in solchen Momenten als Flitter erkannt. Das Meiste, worin wir stecken, ist #konventionell#! Der Stein des Gassenbuben, der gegen uns erhoben wird, mag alles treffen, nur unsere Ehre nicht. Wie eine Zauberformel, die hieb- und schußfest macht, schützt uns das alte: ≈Sancta simplicitas.≈

Ich litt nicht unter dem Wegfall dessen, was man mit größerem oder geringerem Recht als die künstlich gesteigerten Ansprüche einerseits des Wohllebens, andererseits eines gewissen Gefühls-Luxus, ansehen kann, aber ich litt dafür unter dem Wegfall #solcher# Dinge, die sich der gebildete Mensch recht- und #pflicht#mäßig zur zweiten Natur gemacht hat, unter dem Wegfall der Sauberkeit und alles dessen, was zum geistigen Bedürfniß gehört.

Die Unmöglichkeit einer gewissen, wenn auch bescheidentlichen Pflege des Körpers wurde peinlich genug von mir empfunden, und diese Empfindung glaub ich, hat man nicht als etwas künstlich Hinaufgeschraubtes anzusehen. Es ist Pflicht, auf eine Reihenfolge, oder eine bestimmte Zubereitung von Schüsseln, wie bescheiden diese immerhin sein mögen, auf launenhafte, unmotivirte Angewöhnungen, vor allem auf alles, was den Charakter der #Verwöhnung# trägt, verzichten zu können, aber es ist #nicht# Pflicht, #nicht# in der Ordnung, sich gegen die Wasch- und Wasserfrage in allen ihren Stadien, in gleicher Weise gleichgültig zu stellen. Es giebt freilich, und dies ist nicht ironisch gemeint, einen äußersten Erhabenheits-Standpunkt, wo auch #dies# wieder als ein Aeußerliches und Gleichgültiges abfällt, wie die Geschichte der Märtyrer und der Heiligen lehrt, aber mit diesem Maße hat der moderne Mensch nicht Anspruch gemessen zu werden. Für uns liegen die Dinge so, daß mit dem Gefühl des äußerlichen Unsauberseins mehr und mehr auch die Vorstellung einer gewissen innerlichen Unreinheit über uns kommt, ein Gefühl, das uns gradatim allen Muth und alle Zuversicht raubt, und uns schließlich dahin bringt, im tiefsten Mißtrauen gegen uns selbst, jede Unbill als etwas Selbstverständliches und Wohlverdientes hinzunehmen.

Ich litt hierunter, während der ersten Wochen in Besançon, wie schon angedeutet, ziemlich erheblich; worunter ich aber doch noch mehr litt, das war, daß auch meinem Geiste alles frische Wasser genommen wurde, sich drin zu erlaben; die Berührung mit geistig Ebenbürtigem hörte auf und ich verfiel der Phrase, dem Geschwätz, der Trivialität. Es bildete sich eine Conversationsform aus, die ich als Greffier-, Schließer- und Gensdarmen-Unterhaltung bezeichnen möchte, eine unsagbar schreckliche Form geistigen Verkehrs, immer dasselbe, so daß ich zuletzt genau berechnen konnte: »jetzt kommt das«. Der Wiederkäuungsprozeß erreichte Grade, daß man sich das Leben hätte wegwünschen mögen. Das Aufsagen meines auswendig gelernten Spruches von: »Reise auf den Kriegsschauplatz, Anwesenheit in Toul und Verhaftung in Domremy«, weil es sich hierbei um #Tatsächliches# handelte, um Realitäten, die Niemand besser kannte, als ich, war dabei lange nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Conjectural-Strategie und die in den Wolken schwebende hohe Politik, die ich ≈nolens volens≈ treiben mußte! Fragen, über die sich Generalstab und Cabinet bis diese Stunde den Kopf zerbrechen, hatte ich längst gelöst. Ich ließ beständig Armeen marschiren, diese Armeen immer neue Curven und Schleifen bilden, hunderttausende von Franzosen wurden bald hier, bald dort gefangengenommen und nur drei Generale ließ ich als widerstandsfähig und selbst gefahrdrohend für uns gelten, die alten Wintergenerale: Dezember, Januar und Februar. So viel als Stratege. Meine eigentlichsten Unthaten verübte ich aber doch als Taschen-Bismarck. Ich schrieb die Waffenstillstands-Paragraphen, entwarf Präliminarien, setzte den Tag des Friedens-Abschlusses auf 24 Stunden ganz genau fest und zog die künftige Grenzlinie zwischen Frankreich und Deutschland mit einer Sicherheit, die nur durch meine genaue Berechnung der Kriegskosten übertroffen wurde. Ich habe (sonst gewissenhaft und beinahe peinlich in Sachen der Unterhaltung) während dieser Gefängnißwochen wahre Berge von Schwatzsünden auf mein Haupt geladen und muß dennoch schließlich mich selber wieder dahin rechtfertigen, daß ich nicht gut anders konnte, wenn ich nicht durch kühle Reservirtheit alle Wohlgeneigtheit meiner Machthaber einbüßen wollte. Ich hatte beständig ein Gefühl der Scham und des Unwürdigen, das in diesem Auftischen vager, fundamentloser Hypothesen und willkürlicher Redensarten lag, und dennoch

... war es Sünde, So es noch einmal vor mir stünde, Ich thät es wieder, thät es doch.

[Illustration]

»≈Comme officier supérieur.≈«

1. Von Besançon bis Lyon.

An der duftverlornen Gränze Jener Berge tanzen hold Abendwolken ihre Tänze.

* * *

Trübe wirds, die Wolken jagen Und der Regen niederbricht. Lenau.

Die letzten dreimal 24 Stunden meiner Gefangenschaft in Besançon hatten, wie zu Eingang des vorigen Kapitels bereits bemerkt, ein heitereres Kleid getragen als die vorausgehenden Wochen, freundlichere Tage bereiteten sich für mich vor, wenngleich ich, in demselben Moment, in dem sie begonnen, die bis dahin immer noch gehegte Hoffnung auf das Bourgautsche »≈renvoyé dans votre pays≈« zu Grabe tragen mußte. Meine #Freisprechung# erfolgte, aber nicht meine #Freilassung#. Ich habe bei diesen Vorgängen noch einen Augenblick zu verweilen.

Am 15. Tage meiner Gefangenschaft erschien der Citadell-Kommandant, mein besonderer Freund und Fürsprecher, in der großen Kasematten-Halle, um mir mitzutheilen, daß sich das Kriegsgericht inzwischen von der Wahrheit meiner Aussagen, will also sagen von meiner vollständigen Unschuld, überzeugt habe. Der General indessen sei nichts destoweniger der Ansicht, daß ich als Kriegsgefangener im Lande verbleiben müsse. Wie aus meinem Notizbuche, meinen Papieren und meinen eigenen Angaben hervorgehe, sei ich nicht nur mit vielen preußischen Offizieren bekannt, sondern habe auch »militairische Augen«, denen die Zustände und Vorgänge im Lande, die Befestigungen und Truppenbewegungen nicht entgangen sein würden. Darauf hin sei es unmöglich, mich in meine Heimath zu entlassen; ich würde vielmehr, mit einer Anzahl badischer Gefangener, nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean transportirt werden.