Chapter 7 of 13 · 3807 words · ~19 min read

Part 7

Unser Gefängniß zu Poitiers war das besteingerichtete unter allen die ich kennen lernte; es hatte etwas von der Opulenz eines großen Bahnhofs oder eines Musterkrankenhauses. Am andern Morgen erschien ein Mitgefangener, um ein Kohlenfeuer zu machen und überhaupt auf 8 Stunden in meinen Dienst zu treten. Es war ein Pariser, ein allerliebster Kerl, der sich auf die Kunde hin, »daß ich aus Berlin sei«, zu diesem Dienst gemeldet hatte. Wir wurden bald gute Freunde. Er hatte nämlich in Constantine, ich glaube ein halbes Jahr lang (von 1864 auf 65) Offiziers-Burschendienste beim Ulanen-Lieutenant v. Prittwitz gethan, der damals nach Paris kommandirt, auch nach Algier gegangen war, um die Kämpfe gegen Kabylien mitzumachen. Von diesem seinem ehemaligen Herrn sprach er nun mit der größten Anhänglichkeit, betrachtete jene Wochen als die beste Zeit seines Militärdienstes und schilderte mir in lebhaften Farben das Aufsehn, das sein »Lieutenant« gemacht habe, als er das erste Mal, in vollem Ulanen-Aufputz durch die Straßen von Constantine gegangen sei, um sich dem General zu präsentiren. Ich versprach, bei meiner Rückkehr nach Berlin, seinem Herrn von ihm zu erzählen. Vielleicht lösen diese Zeilen mein Wort ein. Sein Name war Louis Charbault, Voltigeur im 93. Regiment.

Die anderen Begegnungen in Poitiers waren die herkömmlichen, so daß ich — und um so lebhafter, als der schlechtziehende Kamin meine Zelle mehr und mehr mit Kohlengas zu füllen begann — mit wahrer Freude die Nachricht begrüßte: um 4 Uhr nach #Rochefort#. Die Fahrt war der vom Tage vorher sehr ähnlich, nur mit dem einen Unterschiede, daß wir diesmal wieder »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge« saßen, was ich, als das kleinere von zwei Uebeln, freudig willkommen hieß. Um 11 Uhr Ankunft. Rochefort ist noch 2 Meilen von der Küste entfernt, aber die Fluth dringt bis hierher vor und macht es zu einer Seestadt. An den Brücken, am Bollwerk hin, lagen Briggs und Dreimaster; ihr Raaen- und Spierenwerk schimmerte phantastisch im Mondenlicht. Im Gefängniß wiederholten sich die Scenen vom Tage zuvor. Es war bitterkalt. Der Schließer, trotz später Stunde, brachte mir noch ein Abendbrot, das aus Landwein, großen Birnen und einigen Nüssen bestand. Gut gemeint, aber wenig geeignet mich zu erwärmen. Ich wickelte mich in mein Reiseplaid, ganz dicht und fest wie man ein Kind wickelt, und schob mich vorsichtig unter die Decken, aus meinem Ueberzieher gleichzeitig eine Art Koppel aufbauend, die sich über Brust und Kopf wölbte. So schlief ich endlich ein, träumend von Schneestürmen, und daß ich am Wege eingeschlafen und erfroren sei.

6. Marennes.

Es rauscht kein Wald, mit hartem Schrei Nur fliegt die Wandergans vorbei, Am Strande weht das Gras. Th. Storm.

Gebt uns ein Lied! »Wenn ihr begehrt, die Menge.« Nur auch ein #nagelneues# Stück. Faust.

Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen.

Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5 Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben.

Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine »≈Archéologie chrétienne≈« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seine #in# Paris, der meine #davor#; die Väter saßen hier friedfertig bei einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.« Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den französischen Gefängnißvorständen #mehrfach# begegnet. Sie erkannten ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männer #empfanden sich als Träger einer Aufgabe# und nahmen eine Stellung zu dieser.

Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zu #Schiff#, die Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier, fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns — unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich den #Land#weg machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns noch eine Etappe. Diese Etappe war #Marennes#.

Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »≈officier supérieur≈« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich sehr einverstanden war.

Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene, meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen.

Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens, wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch, nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaariger #Ziegenfell#-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus. Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu erleichtern.

So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt, ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen.

Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein, das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe), angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten. Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden.

Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt. Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen Krücken, den »≈râbles≈«, werden die Krystalle herausgefischt und dann in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt. Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.

Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich, die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten, kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der Front her erscholl jetzt der Ruf: #singen#. Ich drehte mich um und nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden? Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem »≈vin blanc≈« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in Schmerz.

Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, als #Kriegsgefangene# in Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor. Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.

Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr. Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles dazwischen! Tod und Leben.

Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, als #Schäfer verkleidet#, bei Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigung #darüber#, daß wir es überhaupt noch konnten.

Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er »schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen.

In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic« hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es mir, als rausche und grüße es herüber.

Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.

[Illustration]

≈Ile d’Oléron.≈

1. Die Insel Oléron.

Auf dem erhöhteren Fels erscheint ein zerfallenes Vorwerk, Mit Schießscharten versehn, sei’s, daß hier immer ein Wachtthurm Ragte, den offnen Strand vor Algiers Flagge zu hüten, Sei’s, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide. Platen.

Zwischen den Mündungen der Loire und Gironde, aber mehr in Nähe dieser letzteren, buchtet der atlantische Ocean ziemlich tief ins Land hinein und schafft hier eine Küstenformation, die eine Landung des Feindes begünstigt. Es handelte sich also seit lange darum, das Land an dieser verwundbaren Stelle fest zu machen. La Rochelle und Rochefort, die an dieser Bucht gelegen sind, wurden Festungen. Dies genügte aber nicht. Die #Annäherung# mußte bereits erschwert werden und hierzu boten die vorgelegenen Inseln die beste Gelegenheit. Die kleineren wurden ihrem ganzen Umfange nach in Forts verwandelt, die größeren wurden mit einem Kranz von Werken umgeben. Dieser größeren Inseln waren zwei: Isle Ré und Isle d’Oléron, von denen man jene als ein Außenfort von La Rochelle, diese von Rochefort ansehen kann. Zwischen beiden, als ein Punkt von besonderer Wichtigkeit, liegt noch die kleine Insel Aix. Zu allen Zeiten hatte diese Inselgruppe eine Bedeutung in der Geschichte des Landes; schon das Mittelalter kannte ein »#Oleronisches# Seerecht« (ich glaube das älteste), und was die Befestigungswerke angeht, so fügte jede neue Regierung seit den Tagen Ludwigs XIV. das eine oder andre hinzu.

Eine ganz besondere Wichtigkeit gewannen diese Inseln während des 25jährigen Kampfes Englands gegen die Republik und das Empire. Hier spielte der letzte Akt des Kaiserreichs. Zwischen Isle Ré und Isle d’Oléron, die Ausgänge schließend, lag die englische Escadre unter Admiral Hotham, die Auftrag hatte, eine Flucht des Kaisers zur See zu hindern; in vorderster Reihe der Bellerophon, Capitain Maitland. Am 3. Juli war der Kaiser in Rochefort, am 12. Juli auf Isle d’Aix, wo er am 14. die berühmt gewordenen Zeilen an den Prinz-Regenten richtete: »≈En butte aux factions qui divisent mon pays, et à l’inimitié des plus grandes puissances de l’Europe, j’ai consommé ma carrière politique. Je viens, comme Thémistocle, m’asseoir sur le foyer du peuple britannique; je me mets sous la protection de ses lois, que je réclame de Votre Altesse Royale, comme celle du plus puissant, du plus constant, du plus généreux de mes ennemis.≈«

Den Tag darauf begab sich der Kaiser an Bord des Bellerophon, um Frankreich nicht wiederzusehen. Am 26. Juli lag er auf der Rhede von Plymouth, am 16. Oktober, am Jahrestage der Schlacht von Leipzig, landete er auf St. Helena.

Seit 1815 wurde die Inselgruppe vor Rochefort und La Rochelle nur immer als Detentionsort genannt, zumal während der ununterbrochenen Kriege jenes zweiten Kaiserreichs, das sich mit den Worten introducirt hatte, der Friede sein zu wollen. Anno 54 und 55 waren Russen, Anno 59 Oesterreicher hier in Gefangenschaft; im Winter 70 auf 71 machte die Insel die Bekanntschaft der Preußen und Bayern.

Isle d’Oléron ist 4½ Quadratmeile groß, also ebenso groß wie Wollin, etwas größer wie Fehmarn. Die Bevölkerung, ziemlich zahlreich und wohlhabend, hat sich in zwei Städten und vier Dörfern concentrirt. Die beiden Städte sind Chateau und St. Pierre. St. Pierre ist um etwas größer, steht aber an Bedeutung hinter Chateau zurück. Hier ist die Citadelle, hier sind die Forts und Kasernen, hier wohnen die Behörden; es ist der beherrschende Punkt, während St. Pierre, als behagliche Ackerstadt, inmitten der Insel liegt. Der Boden von Isle d’Oléron wechselt zwischen großer Fruchtbarkeit und Sterilität; weite Strecken sind Sumpfland wie die Marais zwischen Rochefort und der Küste, und hier wie dort hat man diese unfruchtbaren, wenn auch jetzt trocken gelegten Sümpfe zur Gewinnung von Seesalz hergerichtet, ganz in der Art, wie ich es in dem Kapitel Marennes beschrieben habe. Der ärmste Theil der Bevölkerung lebt von dieser Salz-Industrie; andere sind Schiffer, Fischer und versorgen den inländischen Markt mit Fischen und Austern, von denen sich die letzteren (sie sind grünlich und von einem aparten Wohlgeschmack) der besonderen Geneigtheit der Pariser Gourmands erfreuen. Die Wohlhabenden auf Isle d’Oléron sind die Ackersleute; einige Wenige treiben Handel.

Dies war die Insel, für die wir bestimmt waren, der wir jetzt zufuhren.

2. Ankunft.

Steige, Insel, aus dem blauen Reinen Wogenbad empor, Hell ist schon die Stadt zu schauen Und das weiße Haus am Thor.

B. v. Lepel. (Die Wittwe von Capri.)

Marennes liegt nicht so unmittelbar am Meere, daß sich von hier aus die Ueberfahrt nach der Insel ermöglicht hätte; es bedurfte also noch eines kurzen Marsches, um die eigentliche Fährstelle zu erreichen. Diese ist ein einzeln stehendes Gehöft, das nach der Seeseite zu einen Quai bildet. An diesem Quai liegt das Dampfschiff, das den bescheidenen Dienst einer Fähre versieht.

Es regnete, als wir in das Fährhaus eintraten, und so hatten es denn die hohen, durchwärmten Räume mit ihren flackernden Feuern verhältnißmäßig leicht, einen anheimelnden Eindruck auf uns zu machen. Es war aber nicht blos der Gegensatz von draußen und drinnen, der uns hier mit einem lebhaften Behagen erfüllte, die Ordnung, die Sauberkeit, die Wohlhabenheit, die hier unverkennbar zu Hause waren, trugen das Ihrige dazu bei. Inmitten des großen Gastzimmers standen zwei riesige Betten von Nußbaumholz mit grünen Decken und Vorhängen von derselben Farbe. Das Holz war spiegelblank und gab einen ordentlichen Glanz durch das ganze Zimmer hin.

Die Beherrscherin dieser Räume war eine Frau von Mitte siebzig, klein, aber mit großen, klugen Augen voll unerloschenen Feuers, unverkennbar eine Person, die vor 50 Jahren allen jungen Männern zwischen Marennes und Isle d’Oléron die Köpfe verdreht hatte. Sie wählte mich gleich aus der Gruppe heraus, um mir in einer liebenswürdigen, kleidsamen und ihrem Alter entsprechenden Weise den Hof zu machen. Dabei beherrschten ihre Augen mitten im Geplauder den ganzen Haushalt, nichts entging ihr und man sah, daß alles ängstlich nach ihr hinüber fragte.

Es ist sehr interessant, derartige Frauen zu beobachten; sie bilden eine ganze Gruppe. Von Jugend auf gewöhnt zu gefallen, Aufmerksamkeit zu erregen und eine #Macht# auszuüben, bleibt ihnen eine gewisse Koketterie (die nach den Jahren sich #modelt#) bis in ihr höchstes Alter hinein, während zugleich ihre Siegergewohnheit sich zu jener absoluten Herrschergewalt ausbildet, von der die Haushaltungen und ihre #nominellen# Vorstände zu erzählen wissen. Diese Alte, die mir mit Eleganz, Schelmerei und mütterlichem Wohlwollen den Kaffeetisch arrangirte, während ihr Augenzwinkern durch drei Stuben hin dirigirte, war ein Musterstück ihrer Gattung. Ein Haus- und Eheherr, den ich in Verdacht hätte haben können, der zeitige Bewohner einer jener blanken Nußbaumbettstellen zu sein, war nicht sichtbar; — ich vermuthe #längst# seinem Geschick erlegen.

Der Regen legte sich, der Dampfer zischte, die Gensdarmen mahnten zum Aufbruch; eine Viertelstunde später schwammen wir zwischen Festland und Insel; noch zehn Minuten (durch die übliche Unterhaltung, die mich am Beobachten hinderte, leider getrübt) und wir lagen an dem Quaderdamm von Isle d’Oléron. Im Geschwindschritt, durch Neugierige wenig belästigt, ging es auf die Commandantur zu.

Sie lag am andern Ende der Stadt; wir hielten vor einem Gartenzaun, über dessen Spitzen allerhand Baum- und Strauchwerk hinüberwuchs; das Ganze mehr idyllisch, nach Art einer Pfarrerwohnung, als kommandanturhaft-militairisch. So war auch das spalierumhegte Haus, in das wir jetzt eintraten. Wir wurden rangirt; ich, in einigem Abstand, erhielt den rechten Flügel; es fehlte mir nur noch der Sponton des Unteroffiziers. Dann erschien ein freundlicher Herr in Civil mit dem üblichen Ponceau im Knopfloch, das aber diesmal eine rothgefärbte beinerne Rosette war und aussah wie eine kleine Schachfigur. Der Herr selbst war Capitain Forot, Bataillonschef, Kommandant von Isle d’Oléron. Er musterte uns, entließ die Colonne und bat mich, ihm in sein Zimmer zu folgen. Hier wurde ich den Damen vorgestellt, unter denen sich, neben der Frau vom Hause, eine hübsche blonde, eben erst verheiratete Elsässerin befand, deren eigentliche, stillschweigend verabredete Aufgabe dahin ging, im Verkehr mit den täglich eintreffenden Gefangenen den Interpreten zu machen; eine Aufgabe, deren sie sich aber nach Möglichkeit entschlug, indem sie, wie mir Capitain Forot vertraulich versicherte, ihre Zeit lieber dahin anlegte, »Vormittags Briefe zu schreiben und Nachmittags zu weinen.« Er setzte hinzu: »So ein Krieg, der in die Flitterwochen fällt, ist allerdings das Empörendste, was man sich denken kann.«

Wir plauderten das Uebliche, und der Friede (wie immer) wurde wieder auf Tag und Stunde durch mich festgestellt. Inzwischen waren einige Flaschen Straßburger Bier erschienen, die junge Elsässerin präsentirte das vaterländische Gebräu und ich letzte mich nach 6 Wochen zum ersten Male wieder an einer Art Gerstensaft. Es war ein sehr mäßiges Produkt, aber, wie immer auch, es war doch #Bier#, hatte etwas von jenem nervenstärkenden Bitterstoff, der die Hauptsache bleibt, und so kam es mir vor, als ob ich Gesundheit tränke. Capitain Forot ließ bald die Politica fallen und ging in den Ton über, der seiner feinen und liebenswürdigen Natur der entsprechendste war, in humoristische Neckerei. Sein Hauptstichblatt war die junge Blondine mit ihrem antecipirten Wittwenschmerz; aber auch ich erhielt meinen Theil und mußte mir Scherze über die Gefahren des Romanticismus gefallen lassen. Ich that es nur zu gern. Es waren doch wieder verwandte, anheimelnde Töne. »≈Enfin≈, so schloß er, ich sehe die Tage heraufziehen, wo Sie die Gefangenschaft auf Isle d’Oléron segnen werden; Sie werden einen guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.«

3. Die Citadelle.

Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden. Th. Storm.

≈Thy fire, thy wine, All is mine.≈

Inzwischen wurde gemeldet, daß der »Fournisseur« eingetroffen sei, eine behäbige Person mit rothblondem Bart und Klapphut, etwas Engländer, etwas Hecker-Struve und ganz Fournisseur. Unter seinem Beistand sollte eine Wohnung für mich gesucht werden, und zwar auf der »Citadelle«. Wir schritten zu Dritt dieser zu, passirten ein Glacis, dann ein paar Brücken und Thore und standen nunmehr auf einem Triangel-Hof, dessen drei Seiten von eben so vielen kasernenartigen Gebäuden umstellt waren. Zwei davon waren bereits mit Gefangenen belegt; die dritte Seite, die die Offiziersquartiere enthielt, war noch frei.