Chapter 3 of 13 · 3860 words · ~19 min read

Part 3

Besançon, wie schon angedeutet, erschien mir lediglich als Etappe zurück in die Freiheit. Ganz abgesehen von den direkten Zusicherungen Mr. Bourgauts, glaubte ich, nach einem gewissen ästhetischen Gesetz, die Lösung des Konflikts innerhalb der nächsten 24 Stunden erwarten zu müssen. Mein Leben hatte mir bis dahin immer den Gefallen gethan, sich nach künstlerischen Prinzipien abzurunden, derart, daß ich nicht nur Exposition, Schürzung und Lösung des Knotens jederzeit bequem verfolgen, sondern auch in einem gewissen Verwickelungsstadium genau vorhersagen konnte: nun kommt noch #das#, dann dämmert es wieder und dann wird es Tag. So, guter Dinge, stand ich auch vor #diesem# Erlebniß. Der dritte Akt, der tragisch werden wollte, schien mir mit allen Fährlichkeiten überwunden, selbst der vierte Akt (die Tante und der Taubenbraten) lag glorreich hinter mir und ich blickte auf Besançon wie auf ein bloßes Schlußtableau, in dem, nach dem Vorbilde des Fürsten, der plötzlich seinen Stern zeigt und alles glücklich macht, ein alter wohlwollender General auftreten und mir sagen würde: »≈Mr. F.≈, wir beklagen die Ungelegenheiten, die wir Ihnen gemacht haben; Sie sind ein lieber Mensch; reisen Sie glücklich.« Es ging aber diesmal alles verquer; von regelrechter Entwicklung keine Rede. Immer neues Wirrsal. Erst als ich ganz resignirt war, wurd’ es besser.

Ich fahre jetzt in Darstellung meiner Erlebnisse fort. Sechs Uhr früh am anderen Morgen trat ich in den Hof des Gefängnisses; die Gensdarmen warteten schon. Ein kurzer Abschied; dann ging es im Geschwindschritt bis an den Bahnhof. Diesmal #bergab#. Die frühe Morgenstunde sicherte einigermaßen vor der Zudringlichkeit der Bevölkerung.

Es war naßkalt; ein heftiger Regen hatte erst gegen Morgen aufgehört; alle Thüren des Wartesaals standen offen. Ich fand hier Gesellschaft, die gleich mir ins Land hinein transportirt werden sollte, aber nicht nach Besançon. Einer von ihnen war ein gefangener Unteroffizier vom 32. Regiment (Meiningen). Wir fröstelten alle, die Gensdarmen in ihren Mänteln nicht ausgenommen. Nach etwa halbstündigem Warten setzten wir uns in ein Coupé (immer 2. Klasse) und fuhren südwärts. Ich fragte, ob ich mich mit meinem Landsmann in deutscher Sprache unterhalten könne, was ohne Weiteres zugestanden wurde. In welche Lebensschicksale man in solchen Zeiten Einblick gewinnt! Dieser gefangene Unteroffizier, seines Zeichens eigentlich ein kleiner Kaufmann aus Cöslin, war 24 Jahre alt und seit zwei Jahren verheirathet. Mit dem Moment seiner Einberufung hatte er seinen Kramladen geschlossen und seine Frau den Schwiegereltern zurückgeschickt; er selbst war zum 32. Regiment beordert worden. Bei Wörth am Knie verwundet, hatte er nach seiner Wiederherstellung sich mit einigen Kameraden durchzuschlagen und die preußischen Marschlinien wieder zu gewinnen gesucht, war aber auf diesem Wege »beim Absuchen eines Dorfes« (denn die armen Kerle hatten nichts) von Franctireurs umstellt und nach kurzem Kampfe, wobei ihm die linke Hand zerschmettert wurde, als »Marodeur« eingefangen worden. Da saß er mir nun gegenüber, keinen Pfennig in der Tasche, blaß, rothblond, mager, ein krankes Eichkätzchen, nur weniger warm bekleidet. Er hatte nichts als seinen Waffenrock, seine zerschossene Hand und eine Photographie seiner Frau, die er mir zeigte. Ich gab ihm etwas Geld, was er anfangs nicht nehmen wollte; »er brauche nichts, allabendlich werde er in ein französisches Hospital abgeliefert, wo ihn die »Schwestern« bis diesen Tag gütig gepflegt und verbunden hätten.« Es kam kein Klagelaut über seine Lippen; man transportirte ihn nach Marseille. »Da ist es wärmer« setzte er hinzu, während ihn die Morgenfrische kalt überlief.

Mein Gespräch mit dem landsmännischen Unteroffizier mochte eine Viertelstunde gedauert haben; es war nun Zeit mich meinen eigentlichen Begleitern zu widmen. Sie ließen mir auch keine Wahl; namentlich der eine, ein alter Chasseur d’Afrique, der 20 Jahre in Algier gewesen war, bemächtigte sich meiner. Wie ein Sturzbach brach es über mich herein. Wer dabei geneigt sein möchte anzunehmen, daß solche Passivität, solch bloßes Stillhalten, zu dem ich mich verurtheilt sah, am Ende nicht als große Anstrengung betrachtet werden könne, der irrt. Ein taubes, #theilnahmloses# über sich ergehen lassen wird von dem Sprecher sehr bald als solches erkannt und als persönliche Beleidigung empfunden; es handelte sich also für mich darum, immer auf dem ≈qui vive≈ zu sein und jeden Augenblick zu wissen, was obenauf schwamm. Ich wurde ganz erschöpft und mit eigenthümlichen Empfindungen gedachte ich einer Strachwitz’schen Douglas-Ballade.

Sie ritten vierzig Meilen fast Und sprachen Worte nicht vier.

Beneidenswerther Douglas! Wir hatten noch nicht vier Meilen gemacht und waren längst in die Tausende hinein.

Endlich heuchelte ich Schlaf, schloß mit krampfhafter Gewalt die Augen, als vermöcht’ ich durch gesteigertes Zudrücken auch eine größere Garantie der Ruhe zu gewinnen, und rasselte nun in wachen Träumen ins Land hinein. Etwa halben Wegs erreichten wir Gray, einen größeren Ort, wo angehalten wurde. Es gab ein wirres Durcheinander, dem ich mich, durch Ausharren auf meinem Platze, zu entziehen suchte; aber ich sollte nichtsdestoweniger in die bunte Scene, als eine Art Mitspieler, hineingezogen werden. Das Coupé stand offen, Hunderte, die ein Unterkommen suchten, starrten hinein und verschwanden wieder, sobald sie die Plätze belegt oder besetzt sahen, bis plötzlich aus einer dieser auf und ab wogenden Gruppen ein herzliches Lachen und zugleich die Worte zu mir herklangen: ≈Bon jour, Monsieur; vous souvenez-vous de Domrémy?≈ Einen Augenblick, weil ich das Wort »Domremy« nicht deutlich gehört und #ohne# dies Wort keinen Schlüssel zum Verständniß hatte, starrte ich wie verwirrt in die beständig grüßende und nickkopfende Soldatengruppe hinein, bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen fiel. Der Vorderste, in rother Schärpe und Hahnenfeder war einer jener Herren, die meine Verhaftung vor dem Hause der »Pucelle« herbeigeführt, hinterher aber freilich die Rechnung wie quitt machend, durch ihren Beistand mich vor den Insulten des Dorfpöbels gerettet hatten. Gerade eine Woche war seitdem vergangen. Die ganze Franctireursschaft von Domremy zog jetzt südwärts, um sich dem großen, unter Garibaldi zu bildenden Freicorps anzuschließen. Unser Wiederzusammentreffen, so weit von dem Schauplatz unserer ersten Begegnung entfernt, weckte allgemeine Heiterkeit, auch bei denen, die blos flüchtig davon hörten, und alles drängte herbei, um die augenblickliche Bahnhofs-Sehenswürdigkeit von Gray wie einen alten Bekannten zu grüßen.

Hier in Gray ging auch der 32er Unteroffizier auf eine andere Bahnlinie über; wir anderen fuhren, unter Beschreibung einer Curve, zunächst auf Auxonne zu. Dies ist abermals ein Kreuzungspunkt; wir mußten die Wagen wechseln und hatten eine halbe Stunde Zeit, um ein kleines Dejeuner zu bestellen. Ein interessanteres Frühstück hab’ ich all mein Lebtag nicht eingenommen. Es traf sich, daß wir unter den Ersten im Wartesalon waren, also einen guten Platz und einen Imbiß erhalten konnten, eh’ der Rest, der, von einer Seitenlinie her, ziemlich gleichzeitig mit uns eintraf, seinen Sturm auf das Büffet ausführen konnte. Es waren etwa 500 Soldaten, die sich alle auf Dijon, Belfort und Besançon zu dirigirten. Wenn ich sage 500 Soldaten, so giebt dies freilich eine nur sehr unvollkommene Vorstellung von dem »Wallenstein’s Lager«, das sich auf 10 Minuten hier in Scene setzte. Theaterhaft bunt drängten sich Linie, Gardes mobiles und Legionaire; die Hauptmasse bildeten die Franctireurs. Ich konnte sie nicht ansehen, ohne immer wieder an einen lesenswerten Aufsatz Hugo v. Blomberg’s zu denken: »Ueber das Theatralische im französischen Volkscharakter.« Welche natürliche Begabung sich zurecht zu machen, sich zu drapiren und ornamentiren! Es war nicht Einer unter ihnen, von dem man nicht hätte sagen können: seht, welch ein Bild! Bei jedem ein Ueberschuß von Roth, aber immer kleidsam, als Gürtel, Schärpe, Aufschlag. Viele hatten ein Gefühl davon, wie hübsch sie aussahen, und schritten an dem breiten Pfeilerspiegel des Wartesalons nie vorüber, ohne einen Blick hineinzuthun und sich »befriedigend« zu finden. Alle Jahrgänge waren vertreten und neben rothbäckigen jungen Leuten, die kaum die Kinderschuhe ausgezogen, bewegten sich Weißköpfe, alte Troupiers, die ersichtlich froh waren, aus dem langweiligen Alltagsleben heraus und wieder in frisches Wasser hinein zu kommen. An Haß oder Hohn gegen den »Prussien«, als den sie mich natürlich sofort erkannten, war gar nicht zu denken; sie waren zu gutmüthig dazu, vielleicht auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Eine Frage aber drängte sich mir beständig auf: Wer regiert diese Truppe? Sie schienen absolut führerlos zu sein.

Nach halbstündigem Aufenthalt ging es weiter auf Besançon zu. Wir kamen bald in seine Nähe und fuhren gegen 2 Uhr in den weiten Kessel hinein, in dem die Stadt gelegen ist. Die Befestigungen derselben umgürten nicht unmittelbar die Stadt, sondern sind auf den einschließenden Bergen gelegen. Bis zum Ausbruch des Krieges, vielleicht bis zur Kapitulation von Sedan, war »≈la Citadelle de Besançon≈« das eigentlich beherrschende Fort. Von dem Augenblick an aber, wo es feststand, daß der Krieg auch hier seinen Schauplatz suchen werde, mußte man sich wohl oder übel überzeugen, daß die Citadelle zwar die Stadt beherrsche, ihrerseits aber von den nahegelegenen Kuppen #höherer# Berge beherrscht #werde#. Man schritt denn auch sofort zur Befestigung und Armirung dieser eigentlich dominirenden Punkte und in diesem Augenblicke mag Besançon als eine der am besten befestigten Festungen des Landes gelten.

Der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur war wieder so weit wie möglich; wir mußten durch die ganze Stadt hindurch. Ich habe Besançon nachher noch öfter passirt (beispielsweise wenn die Verhöre stattfanden) und ich fasse gleich an dieser Stelle zusammen, wie es sich mir #überhaupt# präsentirte. Daß es zur Hälfte aus Uhrmachern besteht (20,000) und als der eigentliche Konkurrenzort von Genf zu betrachten ist, setze ich als bekannt voraus. Die Stadt macht einen sehr guten Eindruck, wohl zumeist deshalb, weil sie einen bestimmten Charakter, ein Gesicht für sich hat. Alle charakteristischen Städte wirken viel anheimelnder, als die architektonisch-korrekten; ja die #malerische# Schönheit — ich erinnere nur an Kopenhagen — ist so entschieden siegreich über die #bauliche#, daß wir zuletzt jede Stadt schön nennen, die wie ein reizendes #Bild# uns berührt.

Als eine solche präsentirt sich auch Besançon. Seine Quaderhäuser, mit keinem anderen Façadenschmuck als einem Balkon oder einem Bogen am Fenster, sind freilich weder sonderlich originell, noch pittoresk; desto mehr jedoch sind es seine Kirchen. Vor allem die alte Kathedrale. Aber nicht sie allein. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein moderner Bau, die Johannis- oder Magdalenenkirche. Ich bin, was den Namen angeht, meiner Sache nicht sicher. Desto sicherer steht das Bild vor meinem Auge. Pfeiler mit korinthischem Kapitell schaffen eine griechische Front, aus der zugeschrägt ein tumulusartiger Thurm aufwächst, der gewiß der Schrecken jedes geschulten Architekten ist. Aber nicht des Malers. Man verweilt mit Interesse bei dieser Baumeisterlaune und ein goldenes, weithin leuchtendes Kreuz, das aus Stäben reich geflochten wie eine Riesen-Filigranarbeit das Ganze bedeutungsvoll abschließt, adelt es und giebt ihm den kirchlichen Charakter.

Wir hatten endlich die Kommandantur, die hier den Namen »≈la Division≈« führt, erreicht und nahmen in einem Vorzimmer auf einem Armensünderbänkchen Platz. Ein beständiges Kommen und Gehen von Adjutanten und Ordonnanzen; so vergingen fast zwei Stunden. Die Gensdarmen, die nach ihrem Mittagbrod verlangten, wurden ungeduldig. Endlich erschien ein blasser Herr, dessen ausgearbeiteter, beinahe kahler Schädel in einem argen Größen-Mißverhältniß zu dem kleinen Gesichte stand. Die Augen waren klug und lebhaft. Er musterte mich scharf und rasch mit einem bloßen Streifblick, wie Leute das thun, die für das Beleidigende des Anstarrens eine feine Empfindung haben. Er überreichte dann dem Gensdarmerie-Brigadier mehrere Papiere; ich hörte meinen Namen und gleich darauf die ruhige Weisung: »≈à la Citadelle≈«.

5. Die Citadelle von Besançon.

≈Misery acquaints a man with strange bedfellows.≈ ≈Shakespeare (Tempest).≈

Ich hatte dies »≈à la Citadelle≈« keineswegs erwartet, vielmehr von unmittelbarer Freilassung und Unterbringung in einem Hotel geträumt; nichtsdestoweniger erschreckte mich diese Ordre nicht geradezu. Ich entsann mich eines Besuches, den ich vor vielen Jahren einmal auf der Spandauer Citadelle gemacht hatte, und knüpfte an Festungshaft, die für mich ohnehin nur 24 Stunden dauern konnte (so wähnte ich), die Vorstellung von Nachmittagskaffee und einer Partie Sechsundsechszig. Welche Illusionen!

Der Berg war wieder sehr hoch. Wir passirten zunächst im Hinaustreten aus der Stadt ein triumphbogenartiges, höchst pittoreskes Portal, hinter dem sich (schon am Abhange des Citadellberges) die Kathedrale, eine mächtige Jesuiterkirche, erhob. Ich suchte mir ihr Bild einzuprägen, reckte den Hals und stieg immer höher; alles im Geschwindschritt. In Freiheit — bei attestirter Herz- und Lungenschwäche — hätte ich geglaubt, auf dem Platze bleiben zu müssen; #hier# ging es. Auf dem niedrigen aber breiten Mauerwerk, das den Weg einfaßte, streckten sich die dienstfreien Mannschaften der Citadelle und schliefen in den allerwunderlichsten Positionen. Die meisten lagen auf dem Bauch und hatten ein oder auch beide Beine rechtwinklig in die Höhe. An ihnen vorbei, über eine Zugbrücke hin, mündete der Weg endlich auf einen Vorplatz, den allerhand Bauten unregelmäßig umstanden. An der einen Steinwand, dicht neben einem schmalen Thorwege, hing ein Brett mit verwaschener Inschrift: ≈Prison militaire≈.

Das sah nicht sehr einladend aus; meine Hoffnungen sanken jetzt rapide, wie das Wetterglas bei Erdbeben. Die Ablieferung erfolgte unter den üblichen Formalitäten und ein alter Sergeant führte mich an ein langgestrecktes Haus mit fünf Thüren, deren Inschriften auf ≈Prévenus≈, ≈Disciplinaires≈ und ≈Condamnés≈ lauteten. Es hatte aber mit diesen Unterschieden nichts auf sich, alles wurde durch einander geworfen. Nachdem wir in die verschiedenen Thüren hineingeguckt, kehrten wir endlich zur ersten zurück, und der Sergeant belehrte mich dahin, daß ich hier zu wohnen haben werde. Es war ein gewölbter Raum von bedeutender Tiefe, in dem damals 12 Pritschen standen; auf der zwölften befand sich ein Berg von Strohsäcken; ein Dutzend Gefangene gingen im Zimmer auf und ab oder saßen auf den Bettständen umher. Mein Eintreten machte nicht das geringste Aufsehen; man war an solche Erscheinungen gewöhnt. Ich legte mein kleines Bündel (mein Reisegepäck war in Toul geblieben) auf ein Wandbrett und setzte mich, um mich von der Anstrengung des Bergsteigens zu erholen. Die erste Anfrage, die an mich erging, war: »ob ich mich für die »Abendsuppe« einschreiben lassen wolle«, was ich ohne Weiteres ablehnte, da ich doch mindestens dieselben Ansprüche wie in Neufchateau und Langres auch an #dieser# Stelle glaubte erheben zu können. Ich begab mich denn auch in das Büreau des Vorstandes, welcher letztere den Titel »≈Monsieur le Principal≈« führte und stellte ihm mein Anliegen vor, das auf ein Zimmer und selbstständige Beköstigung lautete, aber rundweg abgeschlagen wurde. Dies sei unmöglich. In einem ≈prison militaire≈ existire dergleichen nicht.

Gut. Ich kehrte auf meinen Bettplatz zurück, kreuzte die Hände über’m Knie und starrte in’s Blaue, soweit dies an diesem Orte möglich war. Nach einer halben Stunde, auf ein Signal, das mir entgangen war, stürzte alles auf den Hof und kehrte nach 2 Minuten mit der schon erwähnten »Abendsuppe« zurück, die ich so stolz abgelehnt hatte. Ich sollte indeß nicht zu kurz kommen. Ein junger badischer Gefreiter, mit dem ich mich gleich in den ersten Minuten bekannt gemacht hatte, stellte einen glücklich eroberten Kübel vor mich hin und forderte mich auf zu kosten. Ich mußte es schon Artigkeits halber. Es war heißes Wasser, mit Brot und Kartoffel, durch etwas Salz und Zwiebel schmackhaft gemacht. Ich aß und nahm von da ab an der allgemeinen Gefangenenkost Theil. Sie bestand in einer Fleischsuppe Morgens und einem halben Laib Brod. Wein, Käse und die Abendsuppe waren erlaubte Extras, für die aber gezahlt werden mußte. Mir wurde später (als ich leicht erkrankte) #Thee# bewilligt; aber dabei blieb es. Ich habe dies ohne besonderes Herzeleid ertragen und an mir selber wieder die alte Wahrnehmung gemacht, daß die sogenannten »verwöhnten Leute«, wenn sie nicht absolute Gecken sind, sich in den Wechsel der Glücksumstände am leichtesten finden. Die Bekanntschaft mit den Finessen und Delikatessen des Lebens macht zuletzt ziemlich gleichgiltig dagegen; ihr Werth ist ein relativer, oft geradezu ein imaginairer, und die flüchtigste Erkenntniß davon macht es einem verhältnißmäßig leicht, #diese# Art von Opfer zu bringen.

Es hatte freilich bei #dieser# Art von Opfern nicht sein Bewenden; Härteres, #sehr# Hartes wurde mir zugemuthet. Indessen es sei drum. Die Dinge liegen hinter mir, und es thut nicht gut, ja es schädigt einen geradezu, die ganze ≈petite misère≈ eines solchen Daseins auf den Tisch zu legen. Misère weckt Mitleid, aber auch ≈dégoût≈. Es ist, als ob es auch von #diesen# Dingen hieße: ≈aliquid haeret≈. Ich lasse Gras darüber wachsen und führe lieber Erlebnisse vor, über die leichter und lachender zu berichten ist. Ich beginne mit Schilderung einzelner Persönlichkeiten, die mir das Schicksal zu Bettgenossen gab. Mit einigen war ich die ganze Zeit über, volle 18 Tage, zusammen, andere schieden früher, theils um ihre Freiheit wiederzufinden, theils um in Kriegsgefangenschaft landeinwärts geführt zu werden.

Ich lasse dem #deutschen# Elemente, das anfangs ziemlich stark vertreten, zuletzt nur noch in einzelnen Exemplaren vorhanden war, den Vortritt. An der Spitze desselben, nicht seinen Jahren, aber allem andern nach, stand der junge badische Gefreite, »≈le caporal badois≈«, dessen ich schon erwähnt habe. Wir schlossen eine Freundschaft, soweit dies der Altersunterschied zuließ.

Er war aus Pforzheim, eines reichen Fabrikanten Sohn, und würde, frischen, braven Herzens wie er war, nach dem Vorbilde der »400 Pforzheimer« gewiß tapfer gefallen sein, wenn ihn das Schicksal in eine ähnliche Situation gestellt hätte. Aber gleich im ersten Gefecht, das er mitzumachen hatte, war ihm der Auftrag geworden, nicht in Gemeinschaft mit 399 andern, sondern #ganz allein#, eine Munitionscolonne aus Saint-Dié, wenn ich nicht irre, herzubeordern; auf diesem Einsamkeitsmarsche war er durch ein Dutzend Franctireurs umstellt und gefangen genommen worden. Seine äußere Erscheinung ließ ihn im ersten Augenblick kaum als reicher Leute Kind erkennen. Der badische Waffenrock, den er trug, saß noch schlechter als ein preußischer (was viel sagen will) und in Folge dicker Leibbinden und Unterhosen hatte sich das ganze Brust- und Rückenstück des Rockes nach oben geschoben. Der Eindruck davon verschwand aber in demselben Moment wo er lachte, und er lachte viel. Er präsentirte dann vier Schneidezähne, die nur an den Rändern leise lädirt, eine feine kaum haarbreite Goldeinfassung erhalten hatten. Unverkennbar ein zahnärztliches Meisterstück und muthmaßlich enorm theuer. Diese vier Zähne wirkten wie die Visitenkarte eines Banquiersohnes. Wir waren fast 14 Tage zusammen und plauderten das Mannigfachste durch. Er schwärmte für Preußen, hielt uns ohne Weiteres für ein Heldengeschlecht und hatte bei seinem ersten Verhör dem Colonel eine Rede in diesem Sinne gehalten, die freundlich aufgenommen und ein paar Tage später in den Lokalblättern von Besançon ≈in nuce≈ gedruckt worden war. Ich muß hinzufügen, daß er geläufig französisch sprach. Dies alles war gut; aber weitaus am meisten interessirte es mich doch, wenn er leuchtenden Auges über den Juwelenhandel einen kleinen Vortrag hielt. Dann erschloß sich mir eine neue Welt. Gerade auf diesem Gebiet hatte ich wenig Gelegenheit gehabt, mich zu orientiren. So jung er war, so sprach er doch von Smaragden, wie andere junge Leute von schönen Augen sprechen. Er schilderte mir einen Besuch in einem Pariser Juwelenladen, den er im Sommer 1870, kurz vor Ausbruch des Krieges, gemacht hatte, wobei ihm die Sorglosigkeit, mit der die Besitzer ihr Geschäft betrieben, das Imponirendste gewesen war. Auf eine bloße Empfehlungskarte hin, hatte man ihm für 6000 Francs Smaragden mit nach Pforzheim gegeben, alles rasch und ≈sans phrase≈, während junge und alte Juwelenkäufer (meist Juden) an den andern Tischen des Lokals standen, die Diamanten aus ihren Baumwollpacketen herausnahmen, nebeneinander auf die flache Hand legten und minutenlang sich in den Anblick dieser Herrlichkeit vertieften; dabei zugleich jede kleinste Werth- und Schönheitsnüance erkennend. »Das #Bijouterie#-Geschäft«, so schloß er wohl, »hat seine Reize, aber es ist klein, ärmlich, prosaisch neben dem #Steinhandel#.«

Ein #zweiter# Deutscher unserer Colonie führte den Namen: »≈le cocher de Bismarck≈«. Er trug ein ächt preußisches Kutscher-Costüm mit Stulpstiefeln, Wappenknöpfen und breiter Goldborte, und war in der Nähe von Epinal, auf Spionage hin, verhaftet worden. Eine wunderliche Figur, gutmüthig und schlau zugleich; bei Fritzlar im Hessischen zu Hause. Was ihn mir interessant machte, war, daß er 17 Jahre lang als Kunstreiter-Groom die Loissets, die Franconis, die Cinisellis begleitet hatte. Ich darf sagen, in jeder Stadt Europas über 50,000 Einwohner war er gewesen; er wußte in Petersburg, Konstantinopel und Lissabon gleich vortrefflich Bescheid, sprach ein gutes Französisch, ein leidliches Englisch und hatte von allen andern Sprachen wenigstens eine oberflächliche Kenntniß. Ich muß bemerken, daß er niemals den Gesellschaften als solchen, sondern immer nur einem einzelnen hervorragenden Mitgliede derselben als Reitknecht und Pferdepfleger angehört hatte. Die längste Zeit über war er bei einem ungarischen Schärpen- und Reifenspringer gewesen, von dem er mit ungeheuchelter Hochachtung sprach. Er betrachtete dies alles als ernsthafte #Kunst#, lobte die Ordnungsliebe, die Sauberkeit, die Gewissenhaftigkeit seines Herrn, stellte der Mehrzahl der Damen die glänzendsten Tugendzeugnisse aus und ließ mich wieder recht empfinden, wie sehr wir Draußenstehenden auf diesem wie auf ähnlichen Gebieten mit unsern Vorstellungen in die Irre gehen. Die Welt ist oft schlechter als wir sie nehmen, aber noch öfter vielleicht ist sie besser.

Der Dritte, zu dem ich in Beziehung trat, war »≈le maître d’école≈«, ein Deutsch-Franzose. Ich konnte mich anfangs nicht mit ihm befreunden, theils weil er etwas Sonderbares, beinahe Unheimliches in seinem tiefliegenden Auge hatte, theils weil ich das Bild des »Schulmeisters« aus den Geheimnissen von Paris nicht los werden konnte. Es kam dazu, daß er sich beim Sprechen etwas zierte und durch Correctheit und obligate Nasaltöne den »≈maître d’école≈« beglaubigen wollte. Er war, wie so viele andere, denuncirt und verhaftet worden, weil er mit einem preußischen Offizier gesprochen hatte. Endlich kam der ersehnte Tag der Freiheit; daheim in Lothringen saß seine Frau mit sechs Kindern. Aber wie hin kommen? Er fragte mich, ob ich ihm das Reisegeld geben könne. Ich that es ohne Weiteres. In solchen Zeiten empfindet man doppelt: gieb, auf daß #Dir# gegeben werde. Dem Manne traten die Thränen in die Augen und er dankte mir herzlich, übrigens ohne sich das Geringste zu vergeben. Der eigentliche Gewinner war ohnehin ich. Hatte ich dem Manne einen Dienst geleistet und seine Dankbarkeit erworben, so war ich ihm doch ungleich mehr verpflichtet, daß er mir die Gelegenheit dazu gegeben hatte. Die Kunde von dieser Großthat lief wie ein Feuer durch die ganze Citadelle von Besançon; ich war auf einen Schlag »etablirt«, man gab mir ungesucht eine exceptionelle Stellung und der alte Sergeant, auf den ich wohl noch zurückkomme, adressirte sich immer mit den Worten an mich »≈un homme comme vous≈«. Ich hatte Ursach, mich Alles dessen zu freuen; zugleich empfand ich schmerzlich die furchtbare Macht des Geldes. Wen diese Worte etwas verwunderlich anblicken, der vergesse nicht, daß unter Blinden der Einäugige König ist. Es schlug vielleicht manch gütigeres Herz auf der Citadelle von Besançon; aber was frommte es, so lange sich diese Güte nicht »berechnen« und nicht in Zahlen ausdrücken ließ.

Neben dem Schulmeister schlief »≈le bon tireur≈«, ein schöner Mann, an dem nur auszusetzen war, daß er es zu sehr wußte. Er kam aus Rom, hatte ein Jahr lang der Legion von Antibes angehört, und diente jetzt, wie viele andere seiner alten Kameraden, in einem Marsch-Bataillon. Die Geschenke hübscher Frauen, dazu die zahlreichen Prämien, die er sich als brillanter Schütze erworben (er trug immer einen breiten Leibgurt, der in Front die Lederhülsen für mindestens 30 Patronen aufwies), hatten ihn sichtlich verwöhnt und gaben seinem elastischen Gange, seiner beinahe eleganten Tournure doch ein Maß von Prätension, das zu seiner Stellung nicht paßte. Er war wegen Hochfahrenheit zahllose Male bestraft und saß jetzt hier, weil er auf den Zuruf seines Capitains »≈vous êtes un lâche≈« geantwortet hatte »≈pas plus que vous≈«. Er machte beständig Vorstellungen an den General, in denen er eine ähnliche kecke Sprache führte und sich auf sein gutes Recht steifte, »weil er zuerst beleidigt worden sei«. Auf meine Bemerkung, daß solche Eingaben, in so selbstbewußtem Tone abgefaßt, in Preußen ganz unmöglich seien, antwortete er nur mit superiorem Lächeln: »≈Je sais, je sais: vous avez encore le régime du bâton; nous sommes plus libre en France.≈« Er ließ sich das auch nicht ausreden.