Part 9
Von amphibischen Schwimmpflanzen sei hier nur noch des +Wasserknöterichs+ (_Polygonum amphibium_) mit einigen Worten Erwähnung gethan. Der Gegensatz einer besondern Landform und Wasserform tritt bei ihm besonders hervor. Wächst +Polygonum amphibium+ im Wasser, so bildet es die Form +natans+ mit langgestielten, breitlanzettlichen, am Grund herzförmigen Schwimmblättern von lederartiger Konsistenz der Blätter und Stengel. Bei der Landform +P. terrestris+ sind dagegen die dem Wurzelstock entspringenden Stengel aufrecht von unten auf mit schmallanzettlichen, festsitzenden Blättern besetzt, deren Fläche nicht glatt, sondern runzlig ist. Während bei der Wasserform der +Luftkanal stärker entwickelt+ und dadurch das spezifische +Gewicht des Stengels herabgesetzt ist+, bildet die +Landform zur Erreichung+ der für sie unentbehrlichen +Biegungsfestigkeit+ ausserhalb des Bastgewebes (Phloëms) +besondere mechanische Zellen+, ein Skelett, im Stengel aus[50]. Das ganze Hautgewebe hat zum Zweck der Transpiration und Durchlüftung besondere Umgestaltungen erfahren. Besonders beachtenswert ist aber, dass die +Landform besondere Schutzmittel gegen ungeflügelte aufkriechende Tiere+ hat. Kerner[51] hebt es besonders hervor, dass den +Wasserpflanzen+, wie +Alisma, Butomus, Sagittaria, Hottonia, Utricularia, Villarsia, Nuphar, Nymphaea, Hydrocharis, Stratiotes, welche durch das umgebende Medium vor aufkriechenden Tieren+ (Ameisen, Raupen etc.) +geschützt sind, die besonderen Schutzmittel der Blüte fehlen, welche bei den Landpflanzen in so reichem Masse zur Entwickelung gelangt sind+. „Sehr lehrreich in dieser Beziehung“, sagt Kerner, „ist das Verhalten des _Polygonum amphibium_. Die schön rosenroten Blüten dieser Pflanze sind zu kleinen Cymen vereinigt und diese bilden eine dichte, cylindrische, ährenförmige, sehr reiche Inflorescenz von 2.5 bis 3.5 _cm_ Länge und 1 bis 1.2 _cm_ Breite. Die Blätter des Perianthiums sind fast bis zum Grunde getrennt; der Fruchtknoten ist von einem fleischigen, roten, fünflappigen, nektarabsondernden Becher umgeben und der Grund der Blüte auch reichlich mit Nektar erfüllt. Die mit der Basis des Perianthiums verwachsenen Pollenblätter sind sehr kurz und die Pollenbehälter bleiben in der Tiefe der Blüte geborgen; die zwei Griffel des Gynaeceums sind dagegen sehr lang und ragen sogar über die Blätter des Perianthiums hinaus. Während der Anthese beträgt die Länge des Perianthiums 4 _mm_, die obere Weitung kaum 3 _mm_. Da der Nektar im Blütengrunde durch kein besonderes Gebilde am Perianthium geschützt ist, so erscheint er selbst kleinen Insekten zugänglich und wird von diesen auch gern abgeholt. Bei den angegebenen Dimensionen der Blüte können aber selbst sehr kleine +anfliegende+ Insekten nicht vermeiden, dass sie beim Abholen des Nektars zuerst an die über das Perianthium vorstehenden und etwas spreizenden Narben und dann an die dicht über dem Nektar befindlichen Pollenbehälter streifen, und da die Blüten proterandrisch sind, so wird selbst durch sehr kleine anfliegende Insekten, welche mehrere Blüten und Blütenstände nach einander besuchen, Kreuzung der Blüten (bald Geitonogamie, bald Xenogamie) veranlasst. Die von unten her kommenden flügellosen, +aufkriechenden+ kleinen Insekten würden sich aber nicht die Mühe nehmen, über den obern Rand des Perianthiums an den aus der Apertur hervorragenden Narben vorbei zum Blütengrunde vorzudringen, sondern auf dem kürzesten und für sie bequemsten Wege von unten durch die tiefen, die Perigonzipfel trennenden Spalten sich den Nektar holen. Sie würden daher auch eine Belegung der Narben nicht veranlassen und es würde somit der Nektar geopfert, ohne dass zugleich der Vorteil der Allogamie erreicht wäre. Da zudem bei Polygonum amphibium infolge der Dichogamie und der gegenseitigen Lage der Blütenteile eine Autogamie (Selbstbestäubung) unmöglich ist, würde durch den Besuch solcher aufkriechenden kleinen Insekten das Entstehen von Früchten überhaupt gänzlich vereitelt werden. Zu den Blüten der im Wasser wachsenden Stöcke des Polygonum amphibium können nun sehr kleine ankriechende Insekten auch nicht kommen. Wie aber dann, wenn das Wasser abgelaufen ist und Polygonum amphibium aufs Trockene gesetzt wird? -- Da ist es nun sehr merkwürdig, +dass sich in solchem Falle besondere Schutzmittel ausbilden, welche der im Wasser wachsenden Pflanze bisher fehlten+. Es entwickeln sich nämlich dann aus der Epidermis sowohl der Blätter als der Stengel eine Unzahl horizontal abstehender, im Mittel 0.7 _mm_ langer Trichomzotten („Drüsenhaare“), die insbesondere an dem Stengelteile, welcher durch eine Inflorescenz abgeschlossen ist, so dicht als nur möglich gestellt sind und deren kugelige Schlusszellen einen klebrigen Stoff secernieren, so dass sich die Achse, welche die Inflorescenz trägt, ganz schmierig anfühlt. Jene kleinen, flügellosen aufkriechenden Insekten, welche den Nektar rauben möchten, ohne dabei den Vorteil einer Kreuzung der Blüten zu vermitteln, können über diese klebrige Achse nicht emporkommen, sie würden an derselben wie an Leimspindeln kleben bleiben.“ Die Landform hat also dasselbe Schutzmittel gegen unberufene Blütenbesucher wie die Pechnelke (_Lychnis viscaria_) und viele andere Pflanzen. Wird der Standort des Polygonum aber wieder einmal unter Wasser gesetzt, so entwickelt dasselbe Rhizom wieder die Wasserform ohne diese Trichomzotten, aber mit allen Anpassungen an das Wasserleben. -- Übrigens dürfte Kerner bei den oben beschriebenen Exemplaren nur die langgrifflige Form des Wasserknöterichs vor sich gehabt haben, daneben aber eine kurzgrifflige (wie bei der +Wasserfeder+ und dem +Fieberklee+) existieren; wenigstens hat Kirchner[52], wie bereits angedeutet wurde, in der Landform +einen neuen Fall des Vorkommens der Heterostylie+ entdeckt. Ob bei dem Wasserknöterich eine ähnliche Blühfolge besteht, wie ich sie für den +gemeinen Wiesenknöterich+ beschrieben habe[53], hat ebenso besonderes Interesse (weil diese Art +nicht+ heterostyl ist), wie die Frage, welches der Insektenkreis der Bestäubungsvermittler der Landform und welches der der Wasserform ist. Doch ist man zur Beantwortung dieser wie tausend anderer ebenso einfacher und doch wichtiger Fragen zur Biologie der Wasserpflanzen bisher nicht gekommen.
Die Luftpflanzen unserer Gewässer.
Die Luftpflanzen unserer stehenden und fliessenden Gewässer sind stets im Boden festgewurzelt, haben zumeist auch einen sehr kräftig entwickelten Wurzelstock, wie z. B. der +Kalmus+, die +Schwertlilien+ etc., zeigen im übrigen aber noch deutliche Anpassungen an das Wasserleben. Wir können zwei Hauptformationen unterscheiden, die +Schilfgewächse+ und die unter deren Schutz (gegen Wind und Wasserströmung) gestellten, die Wasserfläche nur wenig überragenden +Sumpfpflanzen+. Beginnen wir mit den letzteren, die sehr verschiedenen Abteilungen, zumeist aber den Monokotyledonen angehören.
Am tiefsten in die Gewässer steigen von höheren Gewächsen (z. B. neben der den Kreuzblütlern angehörigen Brunnenkresse, den Wasserehrenpreisarten etc.) noch einige Doldenpflanzen, wie der +Wassermerk+ (_Sium_, _Berula_), die +Sumpfdolde+ (_Helosciadium_), die +Rebendolde+ (_Oenanthe fistulosa_ und _aquatica_) und der +Wasserschierling+ (_Cicuta virosa_) hinein. Besonders +Oenanthe aquatica+ ist mit röhrigem Stiel (wie auch der noch durch Gift geschützte Wasserschierling) und mit haarförmigen, sehr fein zerteilten Wasserblättern versehen und kann in sehr tiefem Wasser nur die letzteren untergetaucht ausbilden, ein völlig submerses Wasserleben führend. Auch die +Froschlöffelgewächse+ (Alismaceen) bilden noch besondere Wasserblätter aus und führen gewöhnlich ein Wasserluftleben oder unter besonderen Verhältnissen sogar ein Wasserleben. Nur der schwimmende +Froschlöffel+, der von Buchenau, dem Bearbeiter dieser Pflanzenfamilie, unter die besondere Gattung +Elisma+ (_Elisma natans_) gebracht wird -- Buchenau beschreibt zehn Gattungen mit 45-48 Arten von Alismaceen --, ist eine echte Schwimmpflanze mit Schwimmblättern und submersen Blättern. Die beiden verbreitetsten Arten unserer Flora sind der +gemeine Froschlöffel+ (_Alisma Plantago_) und das +Pfeilkraut+ (Sagittaria sagittifolia), welche beide mit ihren zierlichen Blattbüscheln und hübschen Blütenständen die Ufer unserer Teiche und Flüsse schmücken. Beide bilden in tiefem Wasserstand submerse Formen mit schmallinealischen Blättern (_forma graminifolia_), die von Linné sogar mit einer Vallisnerie verwechselt werden konnten, auch der +hahnenfussblättrige Froschlöffel+ (_Echinodorus ranunculoides_) verhält sich so. Unser +Alisma Plantago+, dessen Blütenstand sich mit mathematischer Regelmässigkeit in die Luft erhebt (nach den Messungen und Abbildungen von +Xaver Pfeifer+[54] träte das Verhältnis des goldenen Schnittes besonders häufig in dem Aufbau dieser Pflanze zutage), besitzt zierliche kleine Zwitterblüten mit sechs (2 × 3) vor den Kelchblättern stehenden Staubgefässen, während der Blütenstand des +Pfeilkrautes+ aus grösseren, rötlichweissen Blüten getrennten Geschlechts besteht, von denen die oberen männlich, die unteren weiblich mit vielen Staubgefässen bezügl. Stempeln in spiraliger Anordnung versehen sind. Beide Pflanzen sind der Bestäubung durch Vermittlung der Insekten angepasst (sind entomophil). Nach Hermann Müller sind bei Alisma Plantago die pollenübertragenden Insekten +Schwebfliegen+ (Eristalis, Syritta, Ascia, Melanostoma, Melithreptus). Bei +Elisma natans+ kommen nach Hildebrand auch kleistogamische Blüten vor[55]. Die Verbreitung der Samen geschieht durch den Wind (mit teilweiser Anpassung an die nächstgelegene Verbreitung durch das Wasser), bei der ostindischen Gattung +Limnophyton+ besitzen die Samen zwischen der verholzten Innenschale (Endocarpium) und der Aussenschale Lufthöhlen (Schwimmvorrichtung); +Caldesia parnassifolia+ kommt bei uns überhaupt nicht zur Fruchtbildung, sondern pflanzt sich nur durch Brutknospen fort. -- Die gleichfalls im Schutz der Schilfpflanzen wachsende +Schlangenwurz+ (_Calla palustris_), welche bei uns zweimal blüht (im Mai und September), wäre besonders in Bezug auf die Bestäubungsweise zu untersuchen. Ob diese durch Raphiden geschützte Pflanze durch Schnecken oder Insekten befruchtet wird oder, wie Kerner u. A.[56] vermuten, einer Befruchtung durch Regen und Tau angepasst ist, ist bisher nicht festgestellt worden (vgl. die Bemerkung bei Lemna). Sie hat rote Beerenfrüchte (Verbreitung durch Vögel!).
[Illustration: Fig. 15.
Schematische Querschnitte durch Blätter der Schilfgewächse. _a_ Schwertlilie -- _b_ Kalmus -- _c_ Ästiger Igelskolben -- _d_ Einfacher Igelskolben -- _e_ Wasserveilchen oder Blumenbinse -- _f_ Breitblättriger Lieschkolben -- _g_ Schmalblättriger Lieschkolben -- _h_ Waldbinse.]
Ein hervorragendes Interesse beanspruchen noch die +Schilfgewächse+, welche neben dem Röhricht der Schachtelhalme und +Binsen+ der Wasserlandschaft ihr eigentümliches Gepräge verleihen. Sie gehören alle den Monokotyledonen an, und da zudem ihre Arten bereits in den Tertiärformationen auftreten, ist es wahrscheinlich, dass sie eine der ältesten Anpassungen an das Luftwasserleben darstellen. In den Luftströmungen und besonders gegen die Bewegung des Wassers, wie sie besonders bei heftigeren meteorologischen Katastrophen (Wolkenbrüche, Überschwemmungen etc.), die in der Vorzeit noch weit mächtiger und häufiger eingetreten sein mögen als jetzt, vorkommen, sind die schmallinealischen (schwertförmigen), sehr elastischen, leichten und dabei biegungsfesten Blätter der Schilfgewächse (die Wind und Regen eine minimale Angriffswaffe darbieten) besonders widerstandsfähig. Ihr ganzer Aufbau (Fig. 15), das von Lufthöhlen durchzogene Blatt (dem meist auch der Blütenschaft gleichgestaltet ist) mit seiner verdickten Mittelrippe, den oft parallel gestellten Querwänden, die wie Strebepfeiler wirken (bei Iris, Typha, Scirpus silvaticus), deuten darauf hin. Mächtige, weit verbreitete Rhizome, welche am Grunde festgewurzelt sind, sichern diesen Pflanzen eine dauernde Existenz durch Sommer und Winter und eine rasche Ausbreitung über ein grosses Areal. Besondere Vorkehrungen[57] schützen die jugendlichen Teile gegen Verletzungen durch die Bodenteile (tütenförmige Niederblätter bei Glyceria etc.). So schildert Warming[58] die besondere Entwickelung der Rhizome von Phragmites communis. Die neuen, am Grunde der Muttersprosse entspringenden Sprosse senken sich tief in die Erde, ehe sie sich umbiegen und nach oben wachsen. Das ganze unterirdische Stengelsystem wird so immer weiter in die Erde gebracht, bis es eine gewisse Normaltiefe hat, und es entsteht in wenigen Monaten ein sehr reich und weit verzweigtes Rhizom. -- In welcher Weise die von der mittleren Windrichtung beeinflusste Verwachsung der Teiche, Seen und Flüsse durch solch üppige Rhizombildung vor sich geht und durch sie ein Weiterrücken der Flussläufe bewirkt wird, hat kürzlich +M. J. Klinge+[59] in einer besonderen Abhandlung ausgeführt. Haben flutende, schwimmende und untergetauchte Gewächse, die sich am günstigsten entwickeln an Stellen, die von der Stromrichtung nicht getroffen sind, im Verein mit dem zwischen ihnen abgelagerten Detritus soweit vorgearbeitet, dass Butomus umbellatus, Sagittaria sagittifolia, Glyceria, Acorus, Arundo, Phragmites, Scirpus lacustris etc. geeigneten Boden finden, so arbeiten diese Gewächse durch Massenentwickelung darauf hin, das Gefälle der Flüsse durch Überwachsen ganz zu heben, um für ihre Sippschaft weiten Raum zu schaffen. Der Fluss sucht der Pflanze seitlich auszuweichen und zwar meist unter dem Winde.
Zu den +Schilfgewächsen+ gehören zunächst von ausgeprägten Windblühern die +Lieschkolben+ oder +Rohrkolben+ (Typhaceen), deren kolbenförmiger Blütenstand zuoberst die männlichen, unten die weiblichen Blüten trägt. Den eigentümlichen Blütenstand, welcher einem Lampencylinder-Putzer nicht unähnlich ist, haben +Dietz+[60] und +Kronfeld+[61] näher untersucht. Die Blüten stellen die denkbar einfachsten Monokotyledonenblüten dar, aus zwei Staubfäden oder einem Stempel bestehend, an dessen Grund haarähnliche Gebilde stehen. Sie bilden bei den weiblichen Blüten später den Flugapparat der Früchtchen, die aber auch zu schwimmen vermögen. Im Herbst und Frühjahr treiben sich die letzteren in mächtigen wolligen Massen auf und an den Gewässern umher. Gegen Tierfrass sind die Lieschkolben durch Büschel von Nadeln des Kalkoxalats (Raphiden) geschützt. Von zwölf bekannten Arten finden sich bei uns verbreitet der +breite+ und der +schmalblättrige Lieschkolben+ (_Typha latifolia_ und _angustifolia_), selten der +kleine Lieschkolben+ (_T. minima_). Ihnen verwandt sind sodann die gleichfalls windblütigen +Igelkolben+ (Sparganiaceen), deren männliche Blüten in zahlreichen endständigen Köpfchen der einfachen oder verästelten, ährig angeordneten Inflorescenzen drei langfädige Staubgefässe haben, während die gleichfalls kugeligen weiblichen Köpfchen am Grunde sitzen und 1-2 Griffel haben. Die Haargebilde fehlen und könnten die Früchte des stacheligen Fruchtstandes wohl eher durch Tiere verbreitet werden. Der Blütenstand ist hier wie bei den Typhaceen proterandrisch, so dass der Wind nur Fremdbestäubung bewirkt. Am häufigsten ist _Sparganium ramosum_ und _S. simplex_, während _S. minimum_ und _S. affine_, die häufig flutende Formen ausbilden und echte Schwimmpflanzen darstellen können, seltenere Arten sind.
Von anderen Gattungen, die das Wasserleben vereinigt und +in Bezug auf die vegetativen Organe+ gleichgestaltet hat, die aber +in Bezug auf die Biologie der Blüte sehr verschiedene Anpassungen+ -- nämlich die der nahe verwandten Landpflanzen -- besitzen, mögen hier noch die +Blumenbinsen+ (_Butomus_), die +Schwertlilien+ (_Iris_) und der +Kalmus+ (_Acorus_), welche alle drei zoidiophil sind, Erwähnung finden. Die prächtigen Blütendolden des +Wasserveilchens+ (_Butomus umbellatus_), welche in dem schwertförmigen Blattwerk einen ebenso fremdartigen Eindruck auf den Beschauer machen, wie die gelben, grossen Blumen der +Wasserschwertlilie+ (_Iris Pseudacorus_) mit ihren blattähnlichen Griffeln, werden durch Insekten bestäubt. Sprengel und H. Müller fanden sie ausgeprägt proterandrisch, während sie A. Schulz[62], der gleichfalls ihre Blüteneinrichtung beschreibt, homogam oder +schwach proterandrisch+ fand. Am nächsten ist unserem +Wasserveilchen+ die ausländische Gattung +Tenagocharis+ mit langgestielten eilanzettförmigen Staubblättern verwandt, während eine andere Butomacee Lemnocharis (ebenso wie die Alismaceen Echinodorus und Hydrocoleis) auffallende Ähnlichkeit mit Nymphaea und der Gentianee Limnanthemum nymphaioides haben. Die Wasserbinsengewächse, welche überhaupt den Froschlöffelgewächsen nahe stehen, haben wie diese Milchgefässe, welche eine Ölemulsion (Schutzmittel?) enthalten. -- Der +Kalmus+ (_Acorus Calamus_) ist dagegen durch ätherische Öle geschützt, ein Umstand, der ebenso wie die Zugehörigkeit zu den Schilfpflanzen um so mehr auffällt, als die ihm verwandte (gleichfalls zu den Arongewächsen gehörige) Schlangenwurz (_Calla palustris_), die die Blattform unserer Zimmer-Calla (_C. aethiopica_) teilt, Raphiden zum Schutz hat.
Der grünlichgelbe Blütenkolben des Kalmus gehört nach den Vermutungen Delpinos zu den malacophilen (der Schneckenbefruchtung angepassten) Blüteneinrichtungen. Bei uns bringt der Kalmus, der sich sehr rasch durch sein Rhizom vermehrt, überhaupt keine Früchte, er ist „selbst steril“, adynamandrisch, wie dies z. B. die Fliegenfalle (_Apocynum_), gewisse Reiherschnabelarten (_Erodium macrodenum_) u. a. Pflanzen sind. Die letzteren bringen nie Früchte, wenn die Bestäubung zwischen Stöcken vollzogen wird, welche von demselben Rhizom abgezweigt sind, setzen wohl aber bei Kreuzung zweier Stöcke verschiedenen Ursprungs Früchte an. Unsere Kalmuspflanzen sollen samt und sonders von einem Rhizom abstammen, das 1574 von Clusius in Wien eingeführt worden ist. Verbreitet ist der Kalmus ausser in Europa in dem tropischen und extratropischen Ostasien, Ostindien, auf der Insel Bourbon und in Nordamerika und da trägt er Beerenfrüchte. Wäre daher die Adynamandrie des Kalmus auf ähnliche Ursachen zurückzuführen wie bei anderen bekannten Pflanzen, so würde ein Experiment dies leicht bestätigen, das indessen bisher noch nicht gemacht worden ist. Man brauchte nämlich dann nur von einem andern Erdteil Kalmuspflanzen in unsere Teiche mit einzusetzen und -- falls die Bestäubungsvermittler fehlten -- den Blütenstaub zwischen den Stöcken verschiedener Herkunft wechselweise zu benutzen, um Früchte zu erzielen -- ein Versuch, den ich begonnen habe. In Japan giebt es noch einen schmalblättrigen Kalmus (_Acorus graminifolius_).
Bei unserer +Wasserschwertlilie+ ist es +zur Ausbildung zweier an verschiedene Insekten angepassten Blütenformen gekommen, indem bei der einen Form die Narbenlappen der drei äusseren Blätter der Blumenkrone anliegen, bei der andern von ihr abstehen. Die Bestäubungsvermittler der ersten Blütenform ist eine Schwebfliege+ (_Rhingia rostrata_), +die der zweiten sind Hummeln+ (_Bombus vestalis_, _B. agrorum_, _B. hortorum_). Ein ähnlicher Fall von Dientomophilie wie der hier erwähnte, über den bei Hermann Müller (Befr. d. Bl. p. 68, 69) des Näheren nachzusehen ist, ist nur noch für _Aconitum Lycoctonum_, eine Landpflanze, durch +Aurivillius+ nachgewiesen worden[63]. Aurivillius fand im mittlern Schweden von dieser Pflanze gleichfalls zweierlei Stöcke, von denen die Blüten der einen einen +kurzen+ stärkern, fast +geraden+ stumpfern, die der anderen einen engen, nach hinten verschmälerten und +aufwärts gebogenen Sporn+ haben. Während die erstere Form von +Schmetterlingen+ besucht wird, sind diese von dem Besuch der zweiten Blütenform gänzlich ausgeschlossen. Letztere wird denn auch regelmässig von Hummeln (_Bombus hortorum_ und _B. consobrinus_) bestäubt. -- An der Schilfbildung unserer Gewässer beteiligen sich noch mannigfach andere Pflanzengruppen, so besonders die grösseren Riedgrasarten und Gräser (_Phragmites_, _Arundo_, _Glyceria_) und die flachblättrigen +Binsen+ (_Scirpus_), von denen häufig Verwandte submers und flutend auftreten (_Scirpus fluitans_, _Glyceria_ etc.). Doch soll auf sie wie auch auf die eigentlichen Wasserbinsen (_Scirpus lacustris_ etc.) hier nicht näher eingegangen werden.
Die Schutzmittel der Schilfpflanzen gegen die Tierwelt sind schon früher erörtert worden. Trotz derselben findet sich in dem Röhricht und Schilf noch ein reiches Tierleben, das jedoch nur unwesentliche Schädigungen der Pflanzenwelt des Wassers herbeiführt. Auch die pflanzlichen Parasiten thun bei uns den Wasserpflanzen nur geringen Schaden. Dieselben bestehen zumeist aus dem Wasserleben angepassten Pilzen -- +Chytridiaceen+ bei +Acorus+, +Iris+ etc. (_Cladochytrium tenue_) -- der Brandpilzgattung +Doassansia+ (bei _Butomus_, auch bei _Alisma_, _Potamogeton_), den allenthalben verbreiteten +Ascomyceten+ und den +Rostpilzen+ (auf Iris Puccinia Iridis und Uromyces Iridis, auf Acorus Calamus Uromyces pyriformis). Von anderen Wasserpflanzen beherbergen ausser den bereits erwähnten Seerosen z. B. noch Hippuris (_Aecidium Hippuridis_, dessen Teleutosporen auf Uferhalbgräsern zur Entwickelung kommen), Limosella (_Uromyces Limosellae_), Cicuta virosa (_Puccinia Cicutae virosae_), Hydrocotyle, Oenanthe, Nasturtium, Veronica Anagallis, Polygonum amphibium u. a. Rostpilze. Von den Rostpilzen sind besonders diejenigen Arten von Interesse, welche +Beziehungen zwischen den Wasserpflanzen und gewissen Landpflanzen unterhalten+, indem sie wirtwechselnd auftreten, +in der ersten Generation+ (_Aecidium_) meistens +Landpflanzen, in der zweiten+ gewisse +Wasserpflanzen befallend+. So verursachen Rostpilze, welche zuerst die +Lysimachia vulgaris+, +Cineraria palustris+, +Achillea Ptarmica+ etc. erkranken machen, in ihren weiteren Generationen Krankheiten verschiedener +Riedgräser+ etc. unserer Teiche und die Krankheiten der +Landhahnenfussarten+ und +Ampferarten+ haben weitere Rostkrankheiten des gemeinen Schilfrohres (_Phragmites communis_) zur Folge.
Litteratur und Anmerkungen.
[1] Vergl. meinen Aufsatz in Naturw. Wochenschrift von Dr. +H. Potonié+, Bd. II, 1888, p. 113-115, 123-125, 159: „Die Feigen und ihre Liebesboten“.
[2] Referate über die bisher erschienenen Abhandlungen über Myrmecophilie gab ich im Biologischen Centralblatt Bd. IV–IX.
[3] =Axell Lundström=, Pflanzenbiologische Studien II. Die Anpassungen der Pflanzen an Tiere. Mit 4 Taf. Upsala 1887.
[4] =Ernst Stahl=, Pflanzen und Schnecken. Eine biologische Studie über die Schutzmittel der Pflanzen gegen Schneckenfrass. Jen. Zeitschr. f. Naturw. u. Med. Bd. XXII. N. F. XV. Jena 1888 (126 S.).
[5] Vgl. auch =Seligo=, Hydrobiologische Untersuchungen. I. Zur Kenntnis der Lebensverhältnisse in einigen westpreussischen Seen. Schriften d. Naturforsch.-Ges. zu Danzig. N. F. Bd. VII, H. 3. 1890 (47 S.).
[6] Das wichtigste Werk über die Biologie der Wassergewächse, das mehrfach benutzt wurde, ist das von =H. Schenck=, Die Biologie der Wassergewächse. Bonn 1886 (162 S. u. 2 Taf.). Von demselben Verf. erschien „Vergleichende Anatomie der submersen Wassergewächse“ (mit 10 Taf.). Bibliotheca botanica Heft I.
[7] =F. Ludwig=, Über die Bestäubungsverhältnisse einiger Süsswasserpflanzen und ihre Anpassungen an das Wasser und gewisse wasserbewohnende Insekten. Kosmos V., 1881, S. 7-12. Mit 17 Holzschn.
[8] =John E. Klercker=, Sur l’anatomie et le développement de Ceratophyllum. Meddelanden från Stockholms Högskola. No. 26 m. Bihang t. k. Svenska Vet-Akad. Handl. 1884.
[9] =E. Rodier=, Sur les mouvements spontanés et reguliers d’une plante aquatique submergée, le Ceratophyllum demersum. Compt. rend. 1877, T. LXXXIV, No. 18, 30. Apr. Seconde note sur les mouvements etc. ibid. T. LXXXV, No. 20, 12. Nov. u. Sep.-Abdr. (in Bordeaux erschienen).
[10] =Charles Darwin=, Ges. Werke in deutsch. Übers. Bd. XIII.
[11] =Herm. Beyer=, Die spontanen Bewegungen der Staubgefässe und Stempel. Wehlau 1888 (Beil. zum Progr. d. kgl. Gymn. Ostern 1888, Progr. No. 18, 56 S.).
[12] =Egon Ihne=, Geschichte der Einwanderung von Puccinia Malvacearum und Elodea canadensis. 18. Ber. d. Oberhess. Ges. f. Nat. u. Heilkunde. Giessen 1879.
[13] =Ferd. Cohn=, Die Pflanze. Breslau 1882, XI. Insektenfressende Pflanzen, S. 341-366.
[14] =Ch. Darwin=, Ges. Werke Bd. VIII.
[15] =H. von Klinggraeff=, Schmetterlingsfang der Drosera anglica Huds. Naturf.-Ges. zu Danzig. N. F. Bd. VII, H. 3. 1890.
[16] =Burdon Sanderson=, Die elektrischen Erscheinungen am Dionaeablatt. Biol. Centralbl. II. 1882, S. 481-500, IX. 1889, S. 1-14, Bot. C. XXXVIII 1889, S. 701-708.
[17] =S. Korschinsky=, Über die Samen der Aldrovandia vesiculosa. Bot. Centralbl. XXVII, 302-304, 334-335, m. 1 Taf.
[18] =Ferd. Cohn=, Beiträge zur Biologie der Pflanzen I, 3, p. 71. 1875.
[19] =M. Büsgen=, Über die Art und Bedeutung des Tierfangs bei Utricularia vulgaris. Ber. d. D. Bot. Ges. 1888. VI, p. LV-LXIII.
[20] =H. N. Mosely=, Nature. Vol. XXX, 1884, p. 81. Naturforscher 1884, S. 276.
[21] =Ch. Darwin=, Ges. Werke (Leben u. Briefe III.) Bd. XVI, S. 315.
[22] =A. v. Kerner= und =R. v. Wettstein=, Über die rhizopodoiden Verdauungsorgane tierfangender Pflanzen. Sitzber. d. k. Akad. d. Wiss. Wien 1886 I. Bd. XCIII; vgl. Biol. Centralbl. VI, p. 484.
[23] =V. Fayod=, Über die wahre Struktur des lebendigen Protoplasmas und die Zellmenbranen. Naturw. Rundschau V. 1890 (Vorläuf. Mitteil.).
[24] =Buchenau= in Bot. Ztg. 1865, S. 93.
[25] =Hildebrand= in Bot Ztg. 1869, S. 505-507.
[26] =Herm. Müller=, Die Befruchtung der Blumen durch Insekten und die gegenseitigen Anpassungen beider. Leipzig 1873. -- The fertilisation of flowers. London 1883 (564 S.).
[27] =Gilbert=, Reproduction végétative de l’Ultricularia intermedia. Bull. Soc. bot. belg. Extr. Justs Bot. Jahresber. XI. (1883), S. 55.
[28] =Ch. Darwin=, Ges. Werke Bd. IX, 2. Abteil.
[29] =Justs= Bot. Jahresber. 1880-1881, S. 182.
[30] =v. Schlechtendal, Langethal= u. =Schenk=, Illustr. Flora von Deutschland. Neue Aufl. von Hallier besorgt.
[31] =Julius Wiesner=, Biologie der Pflanzen (III. T. d. wissensch. Botanik). Wien 1889 (305 S. m. 60 Illustr. u. 1 Karte).
[32] =A. v. Kerner=, Über explodierende Blüten. V. K. k. bot. zool. Ges. Wien, XXXVII, 1887, S. 28 ff. Bot. Centralbl. Bd. XXX, 1887, S. 180 ff.
[33] =Hegelmaier=, Monographie der Lemnaceen. Leipzig 1868. Über die Fructifikationsteile von Spirodela, Bot. Ztg. 1871; danach die Lemnaceen in Englers Monographie (+Engler+ u. +Prantl+, Die natürl. Pflanzenfamilien 1890).
[34] =William Trelease=, On the Structures which favor Cross-fertilizization in several Plants. Proceed. of the Bost. Soc. of Nat. Hist. Vol. XXI, 1882, March 15, p. 410-440 (m. 52 Fig. auf 3 Taf.).
[35] =George Engelmann=, Spirodela. Bull. Torr. Bot. Club Nov. 1870 I, p. 42-43; Anthers of Lemnae (l. c. März 1871 II, p. 10-11).
[36] =Federico Delpino=, Rivista botanica dell’ anno 1881. Milano 1882, S. 33.
[37] =Henry Gillmann=, Lemna polyrrhiza again discovered in flower on the Detroit river. Amer. Naturalist. XV, 1881, Nov., p. 896-897.
[38] Graf =von Saporta=, Die Pflanzenwelt vor dem Erscheinen des Menschen. Deutsch von Karl +Vogt+. Braunschweig 1881.
[39] Vgl. =Casparys= Bearb. d. Nymphaeaceen in Potoniés illustr. Flora von Nord- u. Mitteldeutschl. Berlin 1889. S. 249-251.
[40] =Engler= und =Prantl=, Die natürlichen Pflanzenfamilien. Leipzig 1888.
[41] =Charles Robertson=, Bot. Gaz. Vol. XIV, S. 122-125, 297-298. -- =W. Watson=, Notes on nymphaeas. Gardeners Chronicle 1884, XXI, S. 87-88. (Das Öffnen u. Schliessen zu bestimmter Tageszeit kann durch künstliche Belichtung oder Verdunkelung nicht abgeändert werden.) -- Die Bestäubungseinrichtungen der Nymphaeaceen sind auch von +A. Schulz+ (Beiträge zur Kenntnis der Bestäubungseinrichtungen u. Geschlechtsverteilung bei d. Pflanzen. I. Bibl. bot. Heft X, II. Bibl. bot. Heft XVII) beschrieben worden.
[42] =K. Fr. Jordan=, Die Stellung der Honigbehälter und Befruchtungswerkzeuge in den Blumen. Doktordiss. Halle 1886.
[43] =F. Hildebrand=, Die Verbreitungsmittel der Pflanzen. Leipzig 1873.
[44] =E. Huth=, Die Klettpflanzen mit besonderer Berücksichtigung ihrer Verbreitung durch Tiere. Bibl. bot. Heft IX. Cassel 1887 (36 S. u. 78 Fig.).
[45] =F. Ludwig=, Über durch Austrocknen bedingte Keimfähigkeit der Samen einiger Wasserpflanzen. Biol. Centralbl. VI, S. 229.
[46] =A. G. Nathorst=, Untersuchungen über das frühere Vorkommen der Wassernuss Trapa natans. Bot. Centralbl. XXVII, 1886, S. 271-274.
[47] =V. B. Wittrock=, Einige Beiträge zur Kenntnis der Trapa natans. Bot. Centralbl. XXXI, 1887, S. 352-357, 387-389.
[48] =Potonié=, Illustrierte Flora von Nord- u. Mitteldeutschland. Berlin 1889, S. 241-242.
[49] Siehe 11.
[50] Vgl. =Volkens=, Beziehungen zu Standort und anatomischem Bau der Vegetationsorgane. Jahresber. d. kgl. bot. Gart. Berlin, Bd. III, 1884.
[51] =A. Kerner=, Ritter von Marilaun, Die Schutzmittel der Blüten gegen unberufene Gäste. Wien 1876, S. 22, 23.
[52] =O. Kirchner=, Neue Beobachtungen über die Bestäubungseinrichtungen einheimischer Pflanzen. Stuttgart 1886.
[53] =F. Ludwig=, Biologische Notizen. I. Das Blühen von Polygonum Bistorta. D. Bot. Monatsschr. VI, 1888, S. 4 ff.
[54] =Fr. Xav. Pfeifer=, Der goldene Schnitt und dessen Erscheinungsformen in Mathematik, Natur u. Kunst. Augsburg 1885. -- Vgl. auch meinen Aufsatz in d. wiss. Rundsch. d. Münchener N. N, 1889, No. 84.
[55] =F. Hildebrand=, Die Geschlechterverteilung bei den Pflanzen. Leipzig 1867.