Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1921 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Im Original waren in zwei Absätzen Zeilen untereinander vertauscht, was das Verständnis des Texts erschwert. Die Vertauschung wurde vom Bearbeiter wieder rückgängig gemacht. Hierbei waren die Stellen betroffen, die mit den folgenden Passagen beginnen:
»Du mußt mir nicht böse sein, mein lieber Dorsch,«
und
»Wenn ich euch nur beide unterbringen kann,«
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Buches verschoben.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Mutter Natur erzählt
Naturgeschichtliche Märchen
von
Karl Ewald
Erster Band der autorisierten deutschen Gesamtausgabe von +Hermann Kiy+
Mit neun Tafeln und zahlreichen Abbildungen von Willy Planck
28. Auflage
[Illustration]
+Kosmos+, Gesellschaft der Naturfreunde Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1921
Alle Rechte vorbehalten.
~STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI HOLZINGER & Co. STUTTGART~
Inhalt
Seite
Das Meer 5
Die Erde und der Komet 28
Die Spinne 44
Die Anemonen 74
Die Heuschrecken 84
Der alte Pfahl 107
Der Sperling 124
Die Bienenkönigin 136
Der alte Weidenbaum 148
Fünf Großmächte 188
Der Nebel 206
Der Regenwurm und der Storch 214
In der Tiefe 229
Vorwort.
„Natur! Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arm entfallen... Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich... Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter... Sie hat an allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung... Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will... Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und schrecklich, kraftlos und allgewaltig.“
Diese Worte Goethes werden in uns lebendig, wenn wir die Märchen Karl Ewalds lesen, mit denen der vorliegende Band uns bekannt macht. Allmutter Natur erzählt sie uns durch den Mund eines Poeten, in dessen Schöpfungen sich die schlichte Anmut und dichterische Phantasie H. C. Andersens mit frischem, launigem Humor, genauer Naturkenntnis und modernem Forschergeist vermählen. Der erquickende Hauch freien Menschentums durchweht diese Märchen, deren Dichter die großen und die kleinen Geschöpfe und Wunder der Welt mit gleicher Liebe umfaßt. Feld und Wald, Luft und Wasser, Weltall und Bienenstaat nehmen Leben an, und vor unsern Augen spielt sich eine Fülle ergötzlicher Tragikomödien ab. Das verborgene Getriebe der Natur enthüllt sich uns als ein heftiger Kampf aller gegen alle. Und doch spenden die Geschichten heiteren Trost und helle Lebensfreude; denn immer wieder wird das eine Grundgesetz offenbar, daß alle Vernichtung gleichbedeutend ist mit dem Entstehen neuen Lebens. Über allem Kampf und Spiel der Kräfte leuchtet die innere Harmonie der Welt. Und wenn der Dichter auch oft die Gelegenheit wahrnimmt, den lieben Menschenkindern einen unsanften Hieb zu versetzen, so bleibt es doch sein besonderes Verdienst, daß es ihm gelingt, seine kleinen Helden lebendig zu machen, ohne sie in banaler Weise zu vermenschlichen und ohne die Natur zu vergröbern oder Moral zu predigen; der Respekt vor dem Unfaßbaren geht ihm niemals verloren.
Karl Ewald wurde am 15. Oktober 1856 auf Bredelykke bei Gramm in Schleswig geboren als der älteste Sohn des Kgl. Landmessers, späteren Professors und Romanschriftstellers, Hermann Frederik Ewald. Er absolvierte das Gymnasium in Frederiksborg, bestand sein „Philosophicum“, war ein Jahr Hauslehrer und widmete sich dann auf der Landwirtschaftlichen Hochschule in Kopenhagen dem Studium der Forstwissenschaft. Eine langwierige Krankheit veranlaßte ihn jedoch, das Studium aufzugeben. Er wurde Lehrer an verschiedenen Lehranstalten der dänischen Hauptstadt. 1880 übernahm er die Leitung einer Knabenschule. 1883 trat er von diesem Amte zurück, und nun begann seine literarische und journalistische Tätigkeit, der er bis zu seinem am 23. Februar 1908 erfolgten Tode ohne Unterbrechung treu blieb. 1882 erschien in Kopenhagen das erste Heft der „Märchen“, die seinen Ruhm begründen sollten.
Ewalds Liebe und Kampf galten einer freien Entwicklung der Kräfte in Staat, Schule und Familie. Vor allem bewies er für die Seele des Kindes viel feines, warmes Verständnis.
Sein literarisches Schaffen war außerordentlich vielseitig. Neben den Märchen schrieb er moderne Erzählungen, Lustspiele und historische Romane. Besondere Meisterschaft offenbarte er auf dem Gebiet der kurzen satirischen Skizze. Mehrere seiner Werke sind ins Deutsche übersetzt worden; Erwähnung verdienen die Erzählung: „Der Kinderkreuzzug“ sowie die beiden prächtigen Erziehungsbücher: „Mein großes Mädel“ und „Mein kleiner Junge“.
Die naturgeschichtlichen Märchen Ewalds sind bisher nur zum +kleineren+ Teil in deutscher Sprache erschienen; von den Arbeiten des vorliegenden ersten Bandes der Gesamtausgabe sind die meisten in Deutschland noch nicht veröffentlicht worden. Eine deutsche Gesamtausgabe dieser reizvollen, glänzend geschriebenen Geschichten, in denen sich Ewalds Kunst am reinsten und schönsten entfaltet, war stets ein Lieblingswunsch des Dichters selbst und längst ein Bedürfnis, nachdem bereits Gesamtausgaben der Märchen in England, Amerika, Schweden und Holland erschienen und nachdem auf Veranlassung des dänischen Kultusministeriums mehrere der Märchen in die dänischen Schullesebücher aufgenommen worden waren. Karl Ewald hat die Erfüllung seines Wunsches nicht mehr erlebt. Der Verlag hat es sich jedoch, ohne Opfer zu scheuen, angelegen sein lassen, des Dichters Gedächtnis durch eine würdige Ausgabe von bleibendem Wert zu ehren.
=Hermann Kiy.=
Das Meer.
Mit seinen weißen Kreidefelsen ragte das Land aus dem +Meere+ empor.
Da oben wuchsen grüne Buchenwälder und Gräser und goldenes Getreide und tausend bunte Blumen. Die Vögel zwitscherten und die Hirsche sprangen. Die Bauern pflügten ihre Felder, und hart am Felsufer hatte ein vornehmer Herr sich ein Schloß erbaut, das mit Türmen und Türmchen und goldenen Wetterfahnen in die Lüfte ragte.
[Illustration]
Darüber lag, hoch und blau, der Himmel. Und unten rollten die Wogen des Meeres.
„Ich kann machen, was ich will,“ rief das Meer. „Bin ich milde gestimmt, so lasse ich die kleinste Nußschale auf meinem Rücken tanzen; und es geschieht ihr nichts. Bin ich aber zornig, so zerschmettre ich das größte Schiff und sende es mit Mann und Maus auf meinen Grund hinab. Niemand ist über mir, niemand neben mir.“
„+Ich+ bin über dir,“ grollte der +Himmel+.
„Gott mag wissen, was für ein Geselle du eigentlich bist,“ sagte das Meer. „Du hängst da oben und blähst dich auf, aber bei genauerer Prüfung würde sich wohl herausstellen, daß du nur Humbug bist.“
„Ich spiegle mich ja in dir, so daß du sehen kannst, wer ich bin,“ erwiderte der Himmel.
„Das tust du, solange es +mir+ paßt,“ sagte das Meer. „Kräusle ich mich aber nur ein wenig, so verwische ich dein Bild.“
„Von mir hast du deine blaue Färbung,“ entgegnete der Himmel.
„Pah,“ sagte das Meer. „Das magst du Kindern und Bauern vorreden. Ich habe meine eigne Farbe. Und ich habe viele Farben ringsum in der Welt, soweit ich meine Wellen rollen lasse. Die habe ich von den Tieren und Pflanzen, die in meinem Schoße wachsen.“
Da rief das Land: „Ich bin auch noch da, und ich bin doch zum mindesten deinesgleichen, wenn nicht noch mehr.“
Da schlug das Meer mit seinen Wellen gegen die Felsküste und riß ein kleines Stück von dem Kreidefelsen los.
„Du?“ drohte es. „Du bist mein Geschöpf und nicht ein bißchen mehr. So wie du dastehst mit all der Herrlichkeit, mit der du prahlst, bist du aus meinem Grunde emporgewachsen.“
„Du lügst,“ rief das Land.
„Wirklich?“ war die Antwort des Meeres. „Greif’ in deine Brust, und du wirst sehen, daß es wahr ist, was ich sage. Deine weiße Kreide ist voll von meinen Tieren, Schnecken, Muscheln und Korallen. Jede Handvoll deines Bodens zeigt, woher du stammst.“
„Ich mache mir nichts aus solchen alten Geschichten,“ sagte das Land. „Das ist schon so lange her, daß es jetzt nicht mehr wahr ist. Jetzt habe ich meine eigenen Pflanzen und meine eigenen Tiere, die hundertmal schöner sind als die deinen. Und ich denke, du läßt mich bleiben, was ich bin.“
„Das meinst du,“ sagte das Meer. „Aber daß du so dastehst, verdankst du meiner Gnade. Ich habe dich aufgebaut; und ich reiße dich wieder nieder, wenn ich Lust dazu habe. Ich mache, was ich will.“
„Komm, wenn du den Mut hast,“ rief das Land.
Das Meer lachte und zeigte seine weißen Zähne. Dann erfaßte es wieder ein kleines Stück Kreidefelsen und noch eins und noch eins.
„Viel Vergnügen!“ sagte das Land.
Und die Wälder und Gräser grünten, die Blumen dufteten, die Vögel zwitscherten, und die Hirsche sprangen, die Bauern pflügten ihren Acker, und das Schloß ragte mit seinen Türmen und Türmchen und goldenen Wetterfahnen in die Lüfte.
Jahr auf Jahr, Jahrhundert auf Jahrhundert verging; denn die Großen rechnen mit großen Zahlen. Das Meer umschäumte das Land und nahm ein Felsstückchen nach dem andern fort.
„Du wirst mir etwas zudringlich,“ sagte das Land.
„Ich mache, was ich will,“ entgegnete das Meer. „Und ich nehme nur, was mein ist.“
„Meine Spitze erreichst du nie,“ versicherte das Land.
Aber das Meer wogte und arbeitete, Tag auf Tag, Jahr auf Jahr, Jahrhundert auf Jahrhundert. Immer mehr Felsstücke rollten in seinen Schoß und wurden zerdrückt und fortgespült. Immer tiefer höhlte das Meer den Felsen aus. Im Keller des Schlosses hörte man bei richtigem Sturme schon das Getöse der See.
Und eines Nachts stürzte der Kreidefelsen mit der Burg und dem Walde zusammen.
Mit fürchterlichem Krachen fiel er ein, so daß niemand den Todesschrei der Menschen und Tiere hörte. Der Schaum spritzte hoch empor, während der Sturm sang und die Wogen erbrausten.
Drei Tage danach war das Meer still und blank. Nur die Hälfte des Felsens war übriggeblieben. Der Rest war zerschmettert, verschwunden, spurlos ausgelöscht von der Erde.
„Jetzt bist du da, wo du vorher warst,“ triumphierte das Meer. „Wir wollen einmal sehen, wie du dich aufführst; vielleicht erlaube ich dir, dich noch einmal zu erheben.“
„Du böses Meer,“ schalt der Felsen.
Doch das Meer blieb hart: „Ich mache, was ich will.“
* * * * *
Dem Felsen gegenüber, auf der andern Seite des Meeres, aber viele, viele Meilen weit entfernt, sah das Land ganz anders aus.
Es war flach, und ringsum grünten große Wiesen, auf denen die Kühe weideten. Viele Häuser gab es dort nicht; und die, die da waren, waren auf hohen Wällen, Steindämmen oder Pfahlwerken errichtet.
„Ich habe Furcht vor dem Meere,“ sagte der Bauer, „dem mächtigen, eigenwilligen Ungetüm, das da macht, was es will. Stets kann es kommen und mir meine Wiesen und Kühe wegspülen. Ich lebe von seiner Gnade und hoffe auf seine Barmherzigkeit.“
„Sieh da -- das war wohlgesprochen,“ sagte das Meer. „Der Vernünftige weiß, wer der Stärkere ist.“
Und manchmal überspülte das Meer die Wiesen, um zu zeigen, daß es machen konnte, was es wollte. Der Bauer erbaute Deiche, um sich durch Schleusen zu schützen, damit das Meer wieder ablaufen konnte, wenn es hereingespült war.
„Bau’ du nur,“ höhnte das Meer, „ich spül’ über die Firlefanze da weg, sobald ich Lust habe.“
[Illustration]
„Ich weiß es wohl,“ erwiderte der Bauer. „Ich habe die Schleusen erbaut, damit deine Herrlichkeit möglichst leicht zurücklaufen kann, wenn es dir behagt.“
„Gut,“ sagte das Meer.
„Verschone meine grünen Wiesen,“ bat das Land.
„Ich mache, was ich will,“ rief das Meer.
Und um seine Macht zu zeigen und sie in Unruhe zu versetzen, spielte das Meer täglich mit ihnen.
Es zog sich so weit zurück, daß man nur fern am Horizont einen glitzernden Streifen gewahrte. Der ganze Grund war trocken, der Tang ließ seine Blätter hängen und die Garnelen ihre Fühler, und sie fühlten sich entsetzlich unbehaglich.
„Es ist Ebbe,“ sagte der Bauer.
Eine Weile danach kam das Meer wieder, zuerst sachte und dann schneller, in kleinen Wellen, die sprangen und hüpften, und in großen, die mit Macht heranrollten. Im Handumdrehen war der Boden wieder bedeckt. Die Tangblätter fächelten wie die Blätter im Walde. Und die Garnelen sprangen zwischen ihnen umher wie die Vögel in den richtigen Bäumen oben am Lande.
„Es ist Flut,“ sagte der Bauer.
„Ich bin es,“ berichtigte das Meer. --
Eines Tages ging die Möwe dicht am Strande spazieren. „Ich weiß nicht, was das ist,“ bemerkte sie, „hier wird es seichter und seichter. Man kann sich ja kaum noch ordentliche nasse Füße holen.“
„Das kommt daher, weil ich ein Stück Land baue,“ erklärte das Meer.
[Illustration]
„Du?“ erwiderte die Möwe. „Ich dachte, du reißt nur nieder.“
„Ich mache, was ich will,“ sagte das Meer.
Und als es Ebbe wurde, und das Meer fort war, stand eine seltsame Pflanze auf dem Meeresgrunde. Die hatte keine Blätter, sondern nur merkwürdige, dicke Stengel, in denen Saft war. Sie war rot und grün und durchsichtig wie Glas. Und ihre Blüten waren so winzig, daß man sie kaum bemerkte.
„Was bist du für ein Geselle?“ fragte der Tangbusch.
„Ich bin das Salzkraut.“
„Du gleichst uns nicht.“
„Ich gehöre auch nicht zu euch,“ antwortete das Salzkraut. „Ich gehöre zu den Pflanzen oben am Lande.“
„Dann steh dir Gott bei, wenn das Meer kommt,“ erwiderte der Tangbusch.
„Mach’ dir meinetwegen keine Sorgen,“ sagte das Salzkraut. „Ich finde mich schon zurecht und erfülle meine Mission.“
[Illustration]
„Also du hast sogar eine Mission,“ sagte der Tangbusch und lachte; aber ganz schwach; denn er war sehr ermattet von der Dürre.
„Ich sammle Schlick,“ sagte das Salzkraut. „Ich helfe nach, so daß alles, was von kleinen Stückchen Lehm und Kreide und andern Dingen im Meere ist, Zeit findet, zu Boden zu sinken. Das ist der Schlick. Mit der Zeit wird richtiges Land, werden grüne Wiesen daraus.“
„Und du bildest dir ein, daß das Meer dich gewähren läßt?“ fragte der Tangbusch.
„Wart’ es ab,“ erwiderte das Salzkraut. „Und ruhe ein bißchen! Du siehst ziemlich angestrengt aus. Du kannst nicht alles vertragen, so wie ich.“
Dann kam die Flut wieder, und das Meer rollte herzu.
Der Tangbusch freute sich, das Salzkraut ins Unglück kommen zu sehen. Aber es wurde ein mäßiges Vergnügen. Denn das Salzkraut stand aufrecht da und streckte seine Zweige ins Wasser aus.
„Du mächtiges Meer,“ sagte der Tangbusch. „Da steht ein grüner Bursche, der sich Salzkraut nennt und erzählt, daß er mit deiner Erlaubnis Land baut. Ist das wohl richtig?“
„Gewiß,“ sagte das Meer. „Du dummer Tangbusch verstehst auch immer nur die Hälfte von den Dingen. Du glaubst, ich hätte kein andres Vergnügen als zu rollen und zu schäumen und das Land zu zerstören; und du weißt nicht, daß es mir ebensogut gefällt, Land +aufzubauen+. Jetzt baue ich; und es wird nicht lange dauern, dann liegst du in der Sonne und verfaulst.“
„Gott stehe denen bei, die sich auf die großen Herren verlassen,“ sagte der Tangbusch.
„Du bist heute so unruhig, Meer,“ schalt das Salzkraut. „Wenn du dich nicht legst, so kann ich keinen Schlick sammeln.“
„Verzeihung, Verzeihung, mein liebes Salzkraut,“ sagte das Meer. „Jetzt werde ich aufpassen. Ist es nun gut?“
„Du mußt noch ruhiger sein,“ sagte das Salzkraut.
Und es breitete seine Zweige aus, so daß sie den Wellenschlag durchbrachen, und schimpfte und zeterte unaufhörlich. Immer neue Millionen winziger Lehm- und Kalkstückchen sanken zu Boden, der unmerklich, aber stetig stieg.
„Hat man je so etwas gesehen?“ fragte der Tangbusch. „Er redet mit dem Meere, als wäre er sein Herr.“
„Es ist mein Kind,“ sagte das Meer, „mein liebes, liebes Salzkraut.“
Da war der Tangbusch vor Erstaunen ganz sprachlos. Die Möwe aber flog in die Welt hinaus und erzählte, das Meer habe sich völlig verändert und sei nicht mehr wiederzuerkennen.
Der Bauer stand auf seinem Deich und sah über den blanken Spiegel hin.
[Illustration]
„Wie schön das Meer heute ist,“ sagte er. „Wer sollte glauben, daß das dasselbe Meer ist, das neulich so sehr gebrüllt und schäumend meine Deiche durchbrochen hat?“
Plötzlich begann das Meer zu zittern.
„Salzkraut,“ sagte es. „Liebes Salzkraut!“
„Was ist denn?“ rief das Salzkraut ungeduldig. „Jetzt ist es so großartig mit dem Schlick gegangen, und nun verdirbst du das ganze durch deinen Wellengang.“
„Du darfst nicht böse auf mich werden,“ sagte das Meer. „Aber jetzt kommt die Ebbe, und ich muß meiner Wege gehen. Wie ich sehe, sind deine Samen jetzt reif; und wenn du sie jetzt fortwirfst, fürchte ich, daß ich sie unversehens mit mir in die Tiefe ziehe.“
„Daran habe ich wohl gedacht,“ sagte das Salzkraut. „Kümmere dich nur nicht darum! Jedem meiner Samen habe ich eine Menge Härchen gegeben, so daß sie sich am Boden festhalten können. Nimm du nur Reißaus, wenn du dazu genötigt bist, und komm mit neuem Schlick zurück!“
„Wie klug und bedachtsam du doch bist, mein liebes Salzkraut,“ lobte das Meer.
Dann lief es davon, und das Salzkraut säte seine Samen aus.
Nach einiger Zeit war der ganze Meeresboden voller Salzkrautpflanzen, die sich ausbreiteten und blühten, Schlick sammelten und Samen auswarfen. Das Wasser wurde immer niedriger.
„Darf man sich hier aufhalten?“ fragte der Tangbusch.
„Rücke lieber etwas weiter fort,“ entgegnete das Salzkraut.
„Kann ich denn?“ seufzte der Tangbusch verdrießlich. „Ich sitze auf einem Stein, den kaum das Meer von der Stelle bewegen kann; so tief steckt er im Sande.“
„Ja, ich kann dir nicht helfen,“ sagte das Salzkraut. „Deine Zeit ist vorbei. Auch die meine wird einmal vorübergehen.“
Und der Boden wuchs mehr und mehr an. Jetzt war kaum noch etwas andres da als Pfützen zur Flutzeit. Dann starb der Tangbusch.
„Ich finde übrigens auch, daß es hier etwas trocken zu werden anfängt,“ sagte das Salzkraut.
„Ich werde dir helfen,“ meinte der Bauer. „Du stiftest Nutzen; ich kann dich gut leiden.“
Er grub tiefe Gräben, darin das Wasser eine Weile stehen blieb; und da wuchs das Salzkraut stark und üppig. Es bildete einen regelrechten grünen Teppich überm Meeresboden. Und in diesem Teppich sprangen munter alle möglichen Tiere umher, die einander auffraßen und starben und den fruchtbaren Boden düngten.
Das Meer kam und ging wie gewöhnlich.
„Mein liebes Salzkraut!“ rief es.
Doch das Salzkraut erwiderte: „Ich bekomme dich jetzt so wenig zu sehen. Ich fürchte, es geht zu Ende mit mir.“
„Soll ich eine Sturmflut kommen lassen?“ fragte das Meer.
„Gott bewahre, nein,“ antwortete das Salzkraut erschrocken. „Dann vernichtest du ja meine ganze Arbeit. Verhalte dich nur vollständig ruhig, dann helfe ich mir, solange ich kann.“
„Ich mache, was ich will,“ sagte das Meer.
Aber diesmal tat es nichts.
Der Bauer stand da und blickte über das neue Land hin.
„Das sind die Watten,“ sagte er. „Wir werden nichts davon haben. Aber es kommt einmal, es kommt einmal.“
Eines Morgens stand eine neue Pflanze zwischen den Salzkrautpflanzen.
„Wer bist du, und was willst du?“ fragten die Salzkräuter.
„Ich heiße Strandhafer,“ erwiderte die Pflanze. „Und ich will hier stehenbleiben. Ich bin übrigens nur ein ganz gewöhnliches Gras.“
[Illustration]
[Illustration: „Aber das Meer wogte und arbeitete, Tag auf Tag, Jahr auf Jahr, Jahrhundert auf Jahrhundert.“]
„Wie bescheiden du bist!“ riefen die Salzkräuter.
Der Strandhafer trieb ein paar lange Ausläufer, die Wurzel schlugen, und aus denen neue Gräser aufschossen.
„Wohin willst du nun?“ fragten die Salzkräuter. „Halt ... da kommst du ja auch von der +andern+ Seite her. Was beabsichtigst du eigentlich?“
„Ach, ich breite mich ein wenig aus,“ antwortete der Strandhafer. „Ich denke, meine Ausläufer halten die neue Erde zusammen. Sie ist ja so schrecklich lose.“
„Ich danke dir für deine Hilfe,“ sagte das Salzkraut. „Du bist willkommen, wenn du für die neue Erde sorgen kannst. Wir haben sie zusammengebracht, will ich dir sagen. Ich glaube nicht, daß das Meer gegen deine Anwesenheit etwas einzuwenden hat.“
„Mit dem Meer habe ich nichts zu schaffen,“ entgegnete der Strandhafer. „Ich halte mich nicht wie du einmal zu dieser und dann zu jener Seite. Ich gehöre dem Lande und nur dem Lande an.“
„Gut,“ sagten die Salzkräuter. „Du brauchst dich nicht so aufzuregen. Wenn wir nur hier bleiben dürfen!“
„Jeder sorge für sich selbst, und ein jeder hat seine Zeit,“ sagte der Strandhafer. „Jetzt ist die meine gekommen.“
Und das Gras wuchs. Ein Hügelchen hier und ein Hügelchen da. Immer mehr Ausläufer schossen mit fabelhafter Geschwindigkeit auf und faßten sofort Wurzel. Und bald wuchs das Gras hoch über die Salzkräuter weg und wuchs mitten zwischen ihnen und ringsum auf allen Seiten.
„Wir ersticken,“ schrien die Salzkrautpflanzen.
„Das ist der Lauf der Welt,“ sagte das Gras. „Wenn man seine Pflicht getan hat, so ist man eben fertig und muß dem nächsten Platz machen.“
„Meer! Meer! komm und hilf uns!“ riefen die Salzkräuter.
Aber das Meer war weit weg und hörte sie nicht. Nie mehr kam es zur Flutzeit bis dahin, wo das Gras stand. Es blieb weiter draußen, wo andere Salzkräuter standen, die Schlick sammelten.
Dann starben die alten Salzkräuter, sie verfaulten und düngten den Boden, wie der Tang es getan hatte. Und der Strandhafer breitete sich nach und nach über das ganze Land aus, das sich aus dem Meere erhoben hatte. Und mitten dazwischen kamen andere Pflanzen hervor.
Da wuchsen Strandnelken und Strandastern mit hohen Stielen und violetten Blüten; und die Bienen umsummten sie und sogen Honig aus ihnen. Da wuchs Meermilchkraut und Sandkraut und Meerstrandwegerich und noch manches andere.
Die Möwen brüteten auf dem Lande und düngten es, so daß es mit jedem Tage fruchtbarer wurde. Planken kamen herangetrieben und Tang und was sonst noch im Meere schwamm; und das alles sammelte sich an und machte das neue Land höher und stärker.
Und so wie der Strandhafer die Salzkräuter erstickt hatte, so kam auch der Tag, wo der Strandhafer weichen mußte.
Das Harrilgras nahm seinen Platz ein. Und Schwingel und Beifuß.
„Jetzt glaub’ ich beinahe, daß es am besten ist, wenn ich ein wenig helfe,“ sagte der Bauer. „Hier kann eine schöne Wiese entstehen, wenn ich Glück habe.“
Aber weit draußen rief das Meer, das an diesem Tage ziemlich unruhig war:
„Vergiß nie, daß du das neue Land von mir bekommen hast! Wenn jemand dir erzählen will, daß ich böse sei und nur Unglück anstifte, so zeige ihm deine neue Wiese und sage ihm, daß das gute Meer sie dir geschenkt hat!“
„Das werde ich besorgen,“ erwiderte der Bauer; „wenn deine Großmächtigkeit das nur nicht eines Tages vergißt und mit der einen Hand nimmt, was sie mit der andern gibt. Ich halte es für das beste, die Wiese mit einem kleinen Deich einzufriedigen, für den Fall, daß du dich in einem Augenblick der Erregung vergessen solltest.“
„Darin steckt etwas Richtiges,“ sagte das Meer. „Bau’ du nur einen Deich, der mich daran erinnern kann, daß es mein Land ist, wenn ich es vergessen sollte. Du weißt ja wohl: wenn ich ernstlich böse werde, nützen dir die Narrenpossen nichts.“
„Das weiß ich allerdings,“ sagte der Bauer. „Ich entsinne mich ...“
„Gut,“ sagte das Meer, das nicht gern an seine Ausbrüche erinnert wurde, besonders wenn es unruhig war.
[Illustration]
Der Bauer baute die Deiche und machte sie so hoch, wie er konnte. Er grub und dränierte und säte Futtergras. Jahr auf Jahr wurde das Land fruchtbarer und grüner. Es war bald voll roter Kühe, die bis zum Bauch im Grase gingen und sich fett fraßen.
Eines Tages, als er grub, stieß sein Spaten auf etwas Hartes. Er nahm den Gegenstand auf und betrachtete ihn. Es war ein großes, rostiges Eisen; und er erkannte, daß es einmal eine Wetterfahne gewesen war.
„Gott mag wissen, wo du einmal gesessen und dich gedreht hast,“ sagte er. „Vergoldet bist du vielleicht auch gewesen. Du hast eine so vornehme Form.“
Mit diesen Worten warf er das Ding auf den Deich und vergaß es.
* * * * *
Jahr auf Jahr verging, und ein Bauerngeschlecht folgte dem andern.
Das neue Land war nicht von dem alten zu unterscheiden. Ruhig und grün lag es hinter den Deichen, die die Menschen fortwährend stärker machen lernten, so daß sie dem Meere besser widerstehen konnten, wenn es herankam; und das tat es ja hin und wieder.
[Illustration]
Ringsum in der +Marsch+ -- so hieß das fruchtbare Land -- lagen reiche Höfe. Aus weiter Ferne kamen magere Kühe, weideten in dem saftigen Grase, fraßen sich fett und wurden zum Schlächter gesandt.
Und vor den Deichen lag das Meer und hatte seine Ebbe und Flut und spülte über Salzkräuter hin, die Schlick sammelten, neues Land bildeten und von dem Strandhafer erstickt wurden -- genau so wie früher.
[Illustration]