Chapter 6 of 14 · 3978 words · ~20 min read

Part 6

Und dann erhoben sie die Flügel.

In diesem Augenblick stimmte eine Heuschrecke ihre Violine. Gleich fielen auch die vielen Millionen Violinen ein; und während der Schwarm in die Lüfte stieg, klang es hernieder über das verwüstete Land:

„Wir Heuschrecken ... hopp, hopp, hopp ... Kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp ... Gras und Strauch fressen wir, Meere durchmessen wir, verdunkeln das Sonnenlicht, Morden und ruhen nicht, Bis wir ins Menschennest Tragen die Pest! Millionen ... Billionen ... Trillionen ... Quadrillionen ... Fliegen ... hopp, hopp, hopp ... Durch alle grünen Zonen Im Galopp, lopp, lopp.“

[Illustration]

Und sie stiegen und stiegen in die Luft; noch nie hatte man ein so gewaltige flatternde Schar gesehen. Sie verdeckten die Sonne gleich einer Wolke, so daß es ganz dunkel wurde. Die Neger warfen sich aufs Gesicht und dachten, die Sonne sei erloschen und der Weltuntergang sei nahe herangekommen.

Aber einmal nimmt ja alles ein Ende. Als der Schwarm endlich nach Norden hin verschwunden war, da kam die Sonne wieder hervor, und neues Gras wuchs auf den verödeten Landen.

* * * * *

Ganz im Norden von Afrika, an der Küste des Mittelländischen Meeres, liegt ein Land, das eines der schönsten in der ganzen Welt ist.

Regen und Sonne wechseln miteinander ab, so daß das Getreide aufs beste gedeiht. Das Gras steht mannshoch auf den Wiesen, und die Weinreben auf den Bergen biegen sich unter den schweren Trauben. Dort gibt es keinen Winter, der das Leben trübe und traurig macht, sondern bloß eine stille Zeit, wo alles Wachsende ruht, ehe es wieder blüht. Und es gibt keinen dürren Sommer, wo die Sonne das Gras absengt und das Wasser austrocknet, so daß Menschen und Tiere verdursten. -- Die Quellen springen und geben klares, kühles Wasser, und die Sonne ist schön anzusehen, wenn sie über die Berge steigt, und wenn sie ins Meer sinkt. Die großen wilden Tiere sind längst erlegt. Der Wald ist voll springender Hirsche und munterer Vögel. Bienen und bunte Schmetterlinge schwärmen zwischen duftenden Blumen umher.

[Illustration: „Sie traten auf die Heuschrecken, die unter ihren Füßen knirschten, aber immer mehr fielen hernieder -- ein endloser Sturzregen.“]

Und mitten in all dem leben die Menschen, von der Sonne gebräunt, zufrieden mit ihrem Lose und Frieden miteinander bewahrend.

In einem Dorfe dieses Landes waren eines Sonntags die Leute vor einem Gehöft versammelt, in dem eine Hochzeit gefeiert wurde.

Alle waren seelenvergnügt, und die Munterkeit sollte gegen Abend noch größer werden, da auf dem Rasen getanzt werden sollte. Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm, -- alle wollten an der allgemeinen Freude teilnehmen. Die Musikanten stimmten ihre Instrumente; sie mußten aber noch ein wenig warten, denn ein alter Mann, der Älteste des Dorfs, hielt eine Ansprache an das Brautpaar. „Hier habt ihr’s besser als irgendwo anders in der Welt,“ schloß er. „Wenn ihr nur gut und fromm seid, so sorgt der liebe Gott für das übrige. Die Erde gibt euch eure Aussaat hundertfältig wieder; und nichts Böses bedroht die Menschen in unserm glücklichen Lande.“

Dann drückte er ihnen die Hände, und sie riefen alle Hurra. Auf einmal aber zeigte ein junger Mann nach dem südlichen Himmel und sagte:

„Seht ... seht ... die schwarze Wolke dort! Wir bekommen zur Nacht ein Gewitter.“

„Zu dieser Jahreszeit bekommen wir kein Gewitter,“ entgegnete der Alte. „Und seit hundert Jahren, solange ich lebe, hat uns der Wind, der heute weht, keinen Regen gebracht.“

„Was hat denn die Wolke zu bedeuten?“ fragte der Jüngere.

Da sahen alle nach der Wolke hin. Aber niemand konnte sagen, was sie bringen werde.

Sie war groß und dicker und schwerer, als Wolken gewöhnlich sind. Sie schwebte tief über der Erde, und es sah aus, als ob sie bis an den Rand des Himmels hinabreichte Und sie kam näher und wuchs und wuchs. Die sie betrachteten, meinten bereits, daß es um sie her finsterer werde.

„Was ist das? Was ist das?“

Sie scharten sich zusammen und starrten und fragten. Die kleinen Kinder schrien, und die Gesichter der Männer wurden ernst und die der Frauen ängstlich.

Vergebens forderte der Bräutigam seine Gäste auf, zu trinken und vergnügt zu sein. Vergebens begannen die Spielleute aufzuspielen. Bald verstummten sie, standen bei den andern, starrten nach der Wolke hin und wunderten sich, was es sein könnte. Mit der Festfreude war es vorbei. Niemand konnte sagen, wovor er Angst hatte; aber alle wurden von bösen Ahnungen befallen.

Und die Wolke wuchs und wuchs und senkte sich immer dichter über sie nieder. Jetzt trat sie vor die Sonne. Eine Finsternis befiel das Land, die Vögel im Walde verstummten, und die Menschen faßten einander voller Furcht bei den Händen.

„Still!“ sagte der Alte. „Hört ihr?“

„Wir Heuschrecken ... hopp, hopp, hopp ... Kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp ... Gras und Strauch fressen wir, Meere durchmessen wir, Verdunkeln das Sonnenlicht, Morden und ruhen nicht, Bis wir ins Menschennest Tragen die Pest!“

Es war der Schlachtgesang der Heuschrecken. Die Leute verstanden ihn nicht, denn es waren ja nur Menschen. Sie hörten nur das Sausen und Brausen der unzähligen Flügel und sahen die Wolke wachsen und wachsen.

„Da ist etwas von der Wolke herabgefallen,“ rief ein kleiner Knabe.

Er hielt eine Heuschrecke in der Hand; und alle liefen herzu, um zu sehen, was das sein könnte. Aber im selben Augenblick fielen immer mehr Heuschrecken aus der Wolke herab, und jetzt stürzte die ganze Wolke mit seltsamem Krachen und Tosen herab.

Die Leute faßten sich an die Köpfe und bürsteten die Tiere von sich ab. Frauen und Kinder schrien, und die Männer schlugen mit ihren Stöcken um sich. Sie traten auf die Heuschrecken, die unter ihren Füßen knirschten, aber immer mehr fielen hernieder -- ein endloser Sturzregen, wie ihn noch niemand erlebt hatte.

Da liefen die Menschen durcheinander, fochten schreiend mit den Armen um sich und wußten nicht aus noch ein. Jeder lief nach Hause, fand es aber dort ebenso schlimm oder noch schlimmer. Die Heuschrecken fielen in die Brunnen, durch die Schornsteine und durch offene Fenster herein ... Es gab keinen Fleck, wo sie fehlten.

Zwei Stunden lang dauerte der Regen an. Dann war der Himmel wieder klar, und die Sonne schien. Aber jeder Fleck war mit einem Gewirr von Heuschrecken bedeckt. Sie hingen an den Zweigen der Bäume, die zu Boden niedergedrückt wurden und zerbrachen. Sie bissen in die Steine, wenn sie in nichts andres zu beißen hatten. Sie krochen und sprangen auf Menschen, Hunden und Hühnern herum, rieselten herunter und kletterten wieder hinauf. Und wo ein Grashalm oder ein Blatt war, da fraßen sie sofort alles auf.

Die Leute wußten sich nicht zu helfen. Sie stiegen auf die Anhöhen und blickten über ihre fruchtbaren Felder hin ... alles war von dem Heuschreckenteppich bedeckt. Sie starrten zum Himmel und sahen in der Ferne am Horizont eine neue Wolke, drohend und schwarz wie die erste. Und während sie starrten, wuchs sie und kam näher; und ehe sie zur Überlegung kamen, fiel ein neuer Heuschreckenregen über sie nieder. Sie glaubten, das Ganze habe weder Anfang noch Ende, saßen in ihren Häusern und verzweifelten.

Dann stürzten sie hinaus, brachen die Zweige von den Bäumen und schlugen auf die Tiere los, bis sie die Arme nicht mehr bewegen konnten. Millionen lagen erschlagen auf der Erde. Billionen und Trillionen krochen und sprangen knirschend und fressend umher.

Man zündete das Gras an, wo die Tiere am zahlreichsten waren. Das Feuer knisterte, der Rauch quoll empor, das grüne Gras und das gelbe Getreide loderten auf. Man konnte die Heuschrecken im Feuer krachen hören. Aber es half nichts. Millionen und Billionen flogen über das Feuer weg an Stellen, wo es nicht brannte, und fraßen und fraßen weiter.

Acht Tage dauerte es. Dann war nichts mehr zu fressen da. Der Schwarm erhob sich, sammelte sich in der Luft zu einer ungeheuren Wolke und zog fort ... nach Norden übers Meer hin.

Und die Menschen standen und starrten ihnen nach. Braut und Bräutigam beweinten ihr zerstörtes Heim. Die Spielleute hängten die Geige an die Wand, und der alte Mann starb vor Gram.

Das ganze glückliche Land war verödet.

* * * * *

Im Herbst flog die Schwalbe wie gewöhnlich nach Afrika. Sie hatte Hochzeit gefeiert und ein Nest erbaut, hatte ihre Eier gelegt und ausgebrütet und die letzte Mücke verzehrt. Damit war ihre Arbeit im Norden für diesmal getan, und zugleich war der Sommer vorbei. Es war eine alte Schwalbe, die die Reise bereits viele Male hin und her zurückgelegt hatte, so daß sie den Weg recht genau kannte. Sie hatte auch ihre Raststätten, wo sie ihre Flügel für einen oder zwei Tage ausruhen ließ, bevor sie weiterflog.

Im Mittelmeer lag eine wunderschöne kleine Insel, die die Schwalbe auf ihrem Wege nach Süden stets besuchte. Sie war nicht so groß, daß sie auf der Landkarte stand; aber darum kann es doch eine schöne Insel sein, besonders für eine Schwalbe; und außerdem hat sie den Vorzug, daß man sich in der Geographie nicht mit ihr zu quälen braucht. Und herrliche Bäume waren da und Felder und Menschen und Tiere; darunter befand sich ein kleiner grüner Zeisig, der ein guter Freund der Schwalbe war.

[Illustration]

Als nun die Schwalbe diesmal auf die Insel kam und sich auf dem Baume niederließ, wo der Zeisig wohnte, sah sie sich erstaunt um.

Die Insel war gar nicht wiederzuerkennen. Im Walde hörte man keinen einzigen Vogel zwitschern, und es war kein Tier auf dem Felde. Auch Menschen sah man nicht. Kein Rauch stieg aus den Schornsteinen der Häuser auf; alle Fenster und Türen waren weit geöffnet. Von Getreide war keine Spur zu sehen, alles Gras war weg; die Bäume hatten nur noch wenige Blätter, viele von ihnen waren gestürzt, bei andern waren die Zweige abgestorben. Es war ein trauriger Anblick. Da begann die Schwalbe zu glauben, sie sei verkehrt geflogen, aber dann kam der Zeisig und setzte sich neben sie. Er war mager und zerzaust und sah traurig drein.

„Was in aller Welt bedeutet das hier?“ fragte die Schwalbe.

„Das darfst du wohl fragen,“ erwiderte der Zeisig. „Ich bin der einzig Überlebende auf der ganzen Insel, und ich werde auch sterben, ehe die Woche um ist. Denn ich glaube nicht, daß ich die Kraft habe, mit dir zu fliegen.“

„Was ist denn geschehen?“ fragte die Schwalbe.

„Es sind die Heuschrecken,“ erzählte der Zeisig. „Sie sind zur Hochsommerzeit gekommen und haben die ganze Insel kahlgefressen.“

„Das verstehe ich nicht,“ sagte die Schwalbe. „Ich habe einmal weit, weit in Afrika mit einem Heuschreckenweibchen gesprochen. Sie spielte Violine und fraß Gras, ohne sonst einer Menschenseele etwas zuleide zu tun ... Ja ... wart’ ein wenig ... jetzt entsinne ich mich, daß sie davon sprach, daß ihre Kinder nach Norden reisen sollten ... Millionen von Kindern sollten zur Welt kommen.“

„Die sind zur Welt gekommen,“ sagte der Zeisig. „Millionen und Billionen und Trillionen. Sie sind über uns hergefallen gleich einer schwarzen Wolke und haben das Ganze aufgefressen.“

„Mit dem Gras und den Blüten mag es hingehen,“ sagte die Schwalbe. „Aber wo sind die Kühe und Pferde und Menschen geblieben? Die haben sie doch nicht fressen können.“

„Nicht so unmittelbar,“ antwortete der Zeisig. „Aber nun sollst du hören.“

Da bekam die Schwalbe plötzlich Angst. Es fiel ihr ein, daß das Heuschreckenweibchen sich so genau nach dem grünen Lande im Norden erkundigt und seinen Kindern in den Eiern zugeflüstert hatte, daß sie dorthin ziehen sollten.

„Um Gottes willen ... sag’ mir zu allererst, wohin die Heuschrecken gezogen sind,“ fragte sie.

„In den Tod,“ erwiderte der Zeisig. „Nicht viele von ihnen sind mit dem Leben davongekommen.“

„Erzähle,“ sagte die Schwalbe beruhigt.

Und der Zeisig erzählte.

Daß sie gekommen wären, wie sie zu kommen pflegten, und daß sie am Himmel gestanden hätten als eine ungeheure schwarze Wolke, die dann über die Insel niedergefallen wäre. Die Wolke wäre größer als die Insel gewesen, so daß viele der Tiere ringsum ins Meer gefallen wären. Und nur einen Tag hätte es gedauert, bis alle grünen Hälmchen aufgefressen waren.

„Und was dann?“ fragte die Schwalbe.

„Dann entstand am Abend ein entsetzlicher Sturm,“ berichtete der Zeisig. „Noch nie habe ich solch einen Sturm erlebt. Die Dächer flogen von den Häusern, die Bäume im Walde zerbrachen, und die Wogen rollten in Bergeshöhe auf die Küste zu. Und dieser Sturm vernichtete das ganze Heuschreckenheer. Als er vorüber war, da war das Meer, soweit man sehen konnte, mit toten Heuschrecken bedeckt. In vielen Schichten lagen sie da, gleich einer dicken Decke, die auf und nieder wogte. Das Ufer war ganz mit Leichen angefüllt, und jeder Wellenschlag brachte mehr und mehr heran. Zuletzt umgab ein gewaltiger Wall von toten Heuschrecken die ganze Insel. Denn es war gleichgültig, woher der Wind wehte; das Meer war überall voller Leichen, und sie trieben hierhin und dorthin und endigten sämtlich auf der Insel.“

„Das war gut für sie,“ sagte die Schwalbe.

„Vielleicht,“ sagte der Zeisig. „Aber es war nicht gut für uns. Denn dann kam die Pest.“

„Erzähle,“ bat die Schwalbe.

„Es ist bald erzählt,“ sagte der Zeisig. „Auf den Sturm folgte eine Windstille, und dann folgte viele Wochen hindurch eine solche Wärme, wie sie noch niemand je erlebt hatte. Die Sonne brannte vom Morgen bis zum Abend hernieder, die Bäume ließen ihre entblätterten Zweige hängen, alles Wasser trocknete ein, und Tiere und Menschen saßen still da und ächzten und konnten sich kaum bewegen.“

„Und dann?“

„Dann kam die Pest,“ fuhr der Zeisig fort. „Die toten Heuschrecken verfaulten, und es entstand ein entsetzlicher Gestank, der sich mit jedem Tage verschlimmerte. Ein ganzer Nebel von Gift und Fäulnis lag über der Insel. Die Tiere wurden krank, und die Menschen wurden krank. Die Fliegen fielen tot aus der Luft herab, die Vögel piepten und waren im selben Augenblick entseelt. Die Pferde und Kühe stürzten tot zu Boden. Die Menschen seufzten auf, wo sie saßen und Qualen litten, und dann war es vorbei. Es war die Pest, die alle lebenden Wesen ergriff. Ich bin der einzige Überlebende auf der Insel, und ich sterbe, bevor es Abend wird.“

„Das ist ja eine grauenhafte Geschichte,“ sagte die Schwalbe. „Das einzige Gute daran ist, daß auch die Heuschrecken tot sind. Das kommt davon, wenn man den Mund zu weit auftut. Und dann spuckten sie obendrein ihr Futter wieder aus. Hätten sie wie andere ordentliche Leute gegessen, so wäre genug für sie und für uns alle vorhanden. Ich will daran denken, es da unten zu sagen, wenn ich in das Land komme, wo sie wohnen. Wie seltsam! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön das Heuschreckenweibchen Violine spielte!“

Sie saß ein Weilchen da und dachte über die Sache nach. Dann lüftete sie die Flügel.

„Jetzt muß ich fort,“ sagte sie. „Willst du mit?“

Der Zeisig antwortete nicht. Er war vom Zweige herabgefallen und lag tot auf der Erde.

Da flog die Schwalbe allein weiter.

[Illustration]

[Illustration]

Der alte Pfahl.

An einer Stelle im Limfjord in Jütland stand einmal ein alter +Pfahl+.

Niemand wußte, wie er dahingekommen war. Er wußte es selbst nicht mehr, so alt war er. Und zuweilen war es recht ärgerlich für ihn, daß er dort stand.

Eines Tages lief ein Dorsch mit der Stirn gegen ihn und fluchte darob ganz grauenhaft.

„Du mußt mir nicht böse sein, mein lieber Dorsch,“ sagte der Pfahl. „Ich kann mich nicht von der Stelle rühren, aber du kannst es. Sieh dich vor und schwimm ein andermal um mich herum.“

Und dann stieß eines Tages ein Boot gegen den Pfahl; denn er reichte nicht bis über die Wasserfläche, so daß man ihn von oben hätte sehen können.

„Wozu in aller Welt steht denn hier dieses alte Gestell von Pfahl!“ rief der Mann in dem Boote ärgerlich.

„Ich weiß es wahrhaftig nicht,“ erwiderte der Pfahl sanftmütig. „Ihr dürft deswegen nicht böse auf mich sein, denn ich kann nichts dafür. Ich habe mich nicht selbst hierher gesetzt und kann mich nicht mehr darauf besinnen, wer es getan hat. So alt bin ich. Will jemand mich wegnehmen, so sei er so gut! Ich hab’ die Sache längst satt.“

[Illustration]

So bescheiden sprach der Pfahl jedesmal, wenn er jemandem unbequem war. Aber man antwortete ihm nie. Denn niemand hörte, was er sagte. Die Sache war die, daß er seine Reden in den Bart hineinmurmelte.

Einen +Bart+ hatte er nämlich.

Einen großen, grünen Tangbart, darin sich kleine Muscheln und Schnecken und andere Tiere aufhielten. Dieser Bart wallte im Strome hin und her, war sehr hübsch und gab dem Pfahl ein ehrwürdiges Aussehen, so daß er durchaus Respekt bei der Jugend verdient hätte.

Aber die Jugend ist nun einmal nicht anders. Und es quälte den Pfahl über die Maßen, daß er nicht Rede und Antwort auf die Frage stehen konnte, welchen Sinn sein Leben hier im Fjord habe. Wenn er es gekonnt hätte, würde er größere Achtung bei den Leuten genossen haben, davon war er überzeugt. Aber wie sehr er sich auch mit seinen alten Gedanken quälte, es schwebte ihm nur eine undeutliche Erinnerung daran vor, daß er einmal jung und grün gewesen war und Blätter und Zweige gehabt hätte. Dann war er als Nutzholz gefällt worden ... aber was für Nutzen hatte er gestiftet?

Der einzige Lichtpunkt im Leben des alten Pfahls waren seine beiden Logiergäste.

Zuerst war da der +Bohrwurm+.

Das war ein komischer Kerl, der eines Tages kam und sich daran machte, den Pfahl auf das sorgfältigste zu untersuchen, ohne um Erlaubnis zu bitten oder überhaupt ein Wort zu sagen. Er hatte einen langen, weichen Würmerleib, an dessen Ende ein paar Luftgefäße saßen, während sich am andern Ende zwei kleine harte Schalen befanden.

Als er genug herumgeschnuppert hatte, fing er an, sich mit den Schalen in den Pfahl hineinzubohren, und die Arbeit machte ihm nicht lange zu schaffen. Bald war sein ganzer langer Körper darin geborgen. Von Zeit zu Zeit steckte er die Luftgefäße zu dem Loche hinaus. Und im übrigen fuhr er fort zu bohren und zu wühlen, so daß der Pfahl dachte, er würde zusammenbrechen.

„Guten Tag in der Stube,“ sagte schließlich der Pfahl.

„Guten Tag, guten Tag,“ erwiderte der Bohrwurm. „Entschuldige, ich vergaß gewiß, mich vorzustellen. Ich bin der Bohrwurm, und ich möchte gerne bei dir wohnen.“

„Du bist willkommen,“ sagte der Pfahl. „Wenn du dich nur wohl fühlst! Es ist immer ein Vergnügen für ein altes Wrack wie mich, sich nützlich machen zu können. Und dann ist es ja schön, wenn man hier und da ein wenig mit jemand plaudern kann.“

„Ich habe nicht viel Zeit zum Plaudern,“ antwortete der Bohrwurm. „Aber da kommt die Auster. Ich werde dich ihr empfehlen, falls sie sich die Hörner abgelaufen hat und daran denkt, sich festzusetzen. Das ist eine redselige Mamsell, das kannst du mir glauben. Sie gehört zu meiner Familie, ist aber zu fein für einen Arbeitsmann wie mich.“

Und dann kam die +Auster+.

Der Bohrwurm rief sie an und erzählte, daß hier eine gute Wohnung bei dem alten Pfahl frei sei.

„Wenn ich euch nur beide unterbringen kann,“ sagte der Pfahl betrübt. „Ich möchte so gerne; aber wenn du ebenso in mir herumrumorst wie der Bohrwurm, dann wird es, denke ich, kein gutes Ende nehmen.“

„Es braucht dir nicht bange zu sein,“ erwiderte die Auster und lachte still und vornehm vor sich hin. „Der Bohrwurm und ich haben nicht viel gemeinsam, und wir leben jeder auf seine Weise. Ist das Wasser hier in der Gegend frisch? Rinnt es lebhaft? Ist der Grund klar?“

„Das glaube ich wohl,“ sagte der Pfahl. „Aber du fragst ja nur nach den Bequemlichkeiten +außerhalb+ des Hauses.“

„Das ist das einzige, was mich interessiert,“ entgegnete die Auster. „Und ich frage nicht deshalb, weil ich ausgehen und mich unterhalten will. Wenn ich mich jetzt auf dir festsetze, dann bleibe ich sitzen und rühre mich nie vom Fleck.“

„Gott behüte,“ sagte der Pfahl. „Dann bist du ja ein unvergleichlich ruhiger Logiergast ... Darf ich fragen, ob du nicht wenigstens hin und wieder ausgehst, um zu essen?“

„Das könnte mir nie einfallen,“ sagte die Auster. „Ich gähne nur. Dann fließt mir das Wasser mit all seinem kleinen Gewürm in den Magen hinein, und dann bin ich satt.“

„Sehr vornehm,“ bemerkte der Bohrwurm.

„Untertänigst willkommen,“ sagte der Pfahl.

So saß nun die Auster da und blieb sitzen. Der Bohrwurm nagte, und der Bart des alten Pfahls wogte im Strome hin und her. Wenn er zwischendurch einmal melancholisch wurde, klagte er seinen Logiergästen sein Leid.

„Wüßte man nur, warum man überhaupt in die Welt gesetzt ist und gerade hier in den Limfjord,“ sagte er oft.

„Ich wohne ja in dir ... ist dir das nicht genug?“ fragte der Bohrwurm.

„Du hast die Ehre, +mich+ zu beherbergen,“ fügte die Auster hinzu. „Und ich bin das vornehmste Tier im Meere.“

„Zum Teufel, ist das wahr?“ fragte der Pfahl.

„Es ist wahr,“ erwiderte die Auster. „Ich will dir etwas sagen ... Ich bin überzeugt, daß du nur deshalb hierher in den Fjord gesetzt bist, damit ich auf dir wohnen soll.“

„Sollte das möglich sein?“ fragte der Pfahl. „Du darfst nicht böse auf mich werden ... Aber dann ist es doch verwunderlich, daß du nicht früher gekommen bist. Ich stehe hier seit vielen, vielen Jahren, so lange schon, daß ich mich gar nicht mehr auf den Anfang besinnen kann. Und früher bin ich ein anderer Kerl gewesen. Jetzt bin ich nur ein altes Wrack.“

„Spät ist besser als nie,“ versetzte die Auster. „Und ich bin vorläufig recht zufrieden mit dir.“

„Hättest du etwas dagegen, wenn du mir ein wenig von deiner Vornehmheit erzähltest?“ fragte der Pfahl.

Die Auster gähnte mit Wohlbehagen und ließ das Wasser aus- und einströmen.

„Nicht das geringste,“ sagte sie. „Ich habe nichts anderes zu tun als zu gähnen und zu fressen und Schicht auf Schicht auf meine Schalen zu legen, darum habe ich Zeit genug für ein Plauderstündchen. -- Du mußt wissen, daß meine Vornehmheit eigentlich erst bei meinem Tode zum Vorschein kommt.“

„O weh!“ rief der Pfahl.

„Ich kann dein Bedauern wohl verstehen,“ fuhr die Auster fort. „Es ist allzu natürlich. Aber es ist nicht vornehm. Und wenn ich plötzlich etwas Feines würde und dann stürbe, sobald ich das Glück erreicht hätte, dann würdest du recht haben. Aber so verhält es sich gar nicht. Ich bin fein von meiner Geburt an. Mein Leben und mein Wohlergehen sind Kostbarkeiten. Mein Tod ist ein Fest.“

„Wollen Sie mir nicht sagen, für wen Sie so viel Wert haben?“ fragte der Pfahl.

„Gerne,“ antwortete die Auster. „Das ist wahrhaftig kein Geheimnis. Die +Menschen+ sind es, die vornehmsten Geschöpfe der Welt. Dieselben, die dich hierher ins Wasser gesetzt haben. Die Menschen sind überhaupt die Beherrscher der Welt.“

„Wenn ich mir erlauben darf, meine Meinung zu äußern,“ sagte der Bohrwurm, „so gibt es doch auch Dinge, über die die Menschen keine Macht haben. Zum Beispiel mich.“

„Lieber Bohrwurm,“ erklärte die Auster. „Natürlich gibt es winzige Dinge, aus denen sich die Menschen nichts machen.“

„Ja, aber aus mir machen sie sich etwas,“ sagte der Bohrwurm. „Ich ärgere sie, wenn ich mich in ihre Schiffe und in ihre Brücken hineinbohre und sie zerstöre.“

[Illustration: „Ein Mann kam auf dem Boden gegangen ....“]

„Du sprichst so laut und bist so rechthaberisch,“ tadelte die Auster. „Man kann gleich merken, was für ein gewöhnlicher Kerl du bist.“

„Unterbrich die Auster doch nicht immer,“ sagte der Pfahl.

In diesem Augenblick entstand eine starke und ungewöhnliche Bewegung im Wasser.

Ein Mann kam auf dem Boden gegangen. Er hatte einen Taucherhelm auf dem Kopfe und guckte durch zwei große Glasaugen in die Runde nach den Steinen, die dort lagen. Jetzt sah er die Auster scharf an.

„Noch nicht reif,“ sagte er und ging weiter.

„Wer in aller Welt war das?“ fragte der Pfahl.

„Das war der Fischer,“ erwiderte die Auster. „Es war doch immerhin ein feierlicher Augenblick.“

„Du warst aber froh, daß du so leichten Kaufs davonkamst, Cousine!“ sagte der Bohrwurm.

„Viertelscousine, wenn ich bitten darf, falls wir überhaupt von Verwandtschaft reden wollen,“ sagte die Auster. „Na -- es eilt nicht. Ich erlebe es ja doch einmal.“

„Aber wenn er dich nun genommen hätte?“ fragte der Pfahl.