Part 12
„Allerdings,“ entgegnete der Fäulnisbazillus. „Überall, wo ein Wesen liegt, das gestorben ist, erscheine ich und verwandle es im Handumdrehen in die nützlichsten Stoffe, die die lebenden Wesen brauchen können. Existierte ich nicht, so wäre die ganze Welt ein Haufen von Leichen. Nehmen wir z. B. an, daß der geehrte Cholerabazillus eine Anzahl der Menschen erschlagen hat, auf die er so ergrimmt ist. Dann komme ich und bewirke, daß sie verfaulen. Ich lasse Menschen verfaulen und lasse Cholerabazillen verfaulen, ohne Ansehen der Person. Und selbst wenn die Menschen die sämtlichen drei anwesenden Herren und alle möglichen andern Krankheiten, die sie plagen, überwunden haben, +mir+ entgehen die Menschen darum doch nicht. Sterben müssen sie; und wenn sie gestorben sind, dann lasse ich sie verfaulen. Darum mache ich mich so oft über alle ihre Sorgen und Faxen lustig. Sie endigen ja alle bei mir.“
„So so,“ sagte der Cholerabazillus nachdenklich.
Und auch die beiden andern dachten nach. Der Diphtheriebazillus wollte soeben etwas sagen, als sich der Fäulnisbazillus wand, wie er es noch nie getan hatte.
„Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,“ bemerkte er. „Und vergessen Sie nicht, was Sie sagen wollten! Ich bedaure, daß ich dem Beispiel des Gärungsbazillus folgen und sterben muß. Ich bin ganz eingetrocknet, und hier ist nichts für mich zu tun. Mein verstorbener Kollege dort ist zu klein und zu vertrocknet. Sonst würde es mir eine Ehre und Freude sein, ihn verfaulen zu lassen. Adieu also, meine Herren!“
Damit war auch er tot.
„Tja,“ sagte der Cholerabazillus. „Komisch! Ich glaube, der war echt.“
„Das glaub’ ich auch,“ stimmte der Diphtheriebazillus zu.
„Ich auch,“ gestand der Tuberkelbazillus.
Nun lagen sie eine Weile schweigend nebeneinander. Dann krümmte sich plötzlich der Cholerabazillus sehr heftig.
„Warum kommt Katharine nicht mit dem nassen Tuch?“ seufzte er. „Was für ein Pech, daß ich in so ein unordentliches Haus hineingeplumpst bin! Es ist ja doch ein dringendes Bedürfnis, daß hier abgestäubt wird.“
Die andern sagten nichts dazu, und der Cholerabazillus krümmte sich noch mehr. Er glich einem ganz kleinen, fürchterlich alten Mann mit krummem Rücken.
„Ich sterbe,“ rief er schließlich „Adieu, meine Herren! Lassen Sie es sich gut gehen!“
Damit war er tot.
„Nun sind nur wir beide noch übrig,“ seufzte der Tuberkelbazillus.
„Das sind wir.“
„Das kommt daher, weil wir am zähesten sind. Zähigkeit ist die wichtigste Eigenschaft für einen Bazillus.“
„Allerdings,“ bestätigte der Diphtheriebazillus. „Nächst seiner Kleinheit natürlich. Stellen Sie sich einmal vor, daß wir so groß wie Elefanten wären!“
„Ho ho ho,“ lachte der Tuberkelbazillus „Ja, dann wären wir allerdings bald fertig. Oder was meinen Sie dazu, wenn wir so empfindlich wären wie die Menschen?“
„Hi hi hi,“ lachte der Diphtheriebazillus. „Ja, dann wäre wirklich kein Staat mit uns zu machen.“
In diesem Augenblick wurde eine Tür geöffnet. Ein Zugwind wehte durch die Stube. Es war ein so schwacher Zugwind, daß ein Mensch schon fürchterliche Zahnschmerzen hätte haben müssen, um ihn zu merken. Aber für die Bazillen war es ein regelrechter Sturm.
Er packte sie und wirbelte sie in die Luft empor; und wo sie geblieben sind, das weiß ich nicht.
Der Nebel.
Die Sonne war soeben untergegangen.
Der Frosch quakte sein Gutenacht, das so lang war, daß er gar nicht fertig damit wurde. Die Biene kroch in ihren Bienenkorb; und die kleinen Kinder weinten, weil sie zu Bett sollten. Die Blume schloß ihre Blätter und neigte ihren Kopf, der Vogel barg seinen Schnabel unter dem Flügel, und der Hirsch ließ sich in dem hohen, weichen Grase auf der Waldwiese nieder.
[Illustration]
In der Dorfkirche läutete die Glocke, und als das besorgt war, ging der alte Küster nach Hause. Auf dem Heimwege plauderte er ein wenig mit den Leuten, die draußen ihren Abendspaziergang machten oder vor der Tür standen und eine Pfeife rauchten; und dann sagte er gute Nacht und schloß seine Tür.
Allmählich wurde es ganz still, und die Dunkelheit brach herein. Im Pfarrhof und beim Doktor war noch Licht. Aber in den Häusern der Bauern war es dunkel; denn die stehen im Sommer früh auf, und darum müssen sie früh zu Bett.
Die Sterne schimmerten am Himmel hervor, und der Mond schlich sich höher und höher hinauf. Drunten im Dorfe bellte ein Hund. Aber das war sicher im Traume, denn es war nichts da, weswegen er hätte bellen können.
„Ist hier niemand?“ fragte der Nebel.
Aber niemand antwortete, denn da war niemand.
Da brach der Nebel in seinen hellen, leichten Gewändern hervor. Er tanzte hin über die Wiesen, auf und nieder, hin und her. Dann lag er ein Weilchen ganz still da, und nun begann er seinen Tanz wieder. Hinaus über den See hüpfte er und in den Wald hinein, wo er seine langen, nassen Arme um die Baumstämme schlang.
„Wer bist du, Kamerad?“ sagte die Nachtviole, die dastand und ihren Duft zu ihrem eigenen Vergnügen aussandte.
Der Nebel antwortete nicht, sondern tanzte weiter.
„Wer bist du, Kamerad?“ fragte die Nachtviole. „Weil du mir keine Antwort gibst, vermute ich, daß du ein Grobian bist.“
„Jetzt werd’ ich dich einschließen,“ flüsterte der Nebel und legte sich um die Nachtviole.
„Nimm deine Finger fort, Freund! Mir ist, als wäre ich in den Teich getaucht. Du brauchst doch nicht gleich so böse zu werden, weil ich dich frage, wer du bist.“
Da hob sich der Nebel wieder.
„Wer ich bin?“ sagte er. „Du würdest es doch nicht verstehen, wenn ich es dir auch erzählte.“
„Versuch’s einmal,“ bat die Nachtviole.
„Ich bin der Tautropfen an der Blume, die Wolke am Himmel und der Nebel auf der Wiese,“ begann der Nebel.
„Was ist das?“ sagte die Nachtviole. „Willst du das nicht noch einmal sagen! Den Tautropfen kenne ich. Der setzt sich jeden Morgen auf meine Blätter: und mir scheint, er gleicht dir gar nicht.“
„Ja, und doch bin ich es,“ sagte der Nebel betrübt. „Aber keiner kennt mich. Ich muß mein Leben in mancherlei Gestalten zubringen. Manchmal bin ich Tau, und manchmal bin ich Regen, und manchmal riesle ich als klare, kühle Quelle durch den Wald. Aber wenn ich am Abend auf der Wiese tanze, dann sagen die Menschen: der Fuchs braut.“
„Das ist eine sonderbare Geschichte,“ erklärte die Nachtviole. „Möchtest du sie mir nicht erzählen? Die Nacht ist so lang, und ich langweile mich zuweilen wirklich ein wenig.“
„Es ist eine traurige Geschichte,“ erwiderte der Nebel. „Aber ich will sie dir gern erzählen.“
[Illustration]
Damit wollte er sich niederlegen, aber die Nachtviole bewegte erschrocken alle ihre Blätter.
„Sei so freundlich und bleib mir ein paar Schritt vom Leibe,“ sagte sie, „wenigstens bis du dich ordentlich vorgestellt hast! Ich bin nie gern gleich mit Leuten intim gewesen, die ich noch nicht kenne.“
Da ließ sich der Nebel ein Endchen weiter weg nieder und fing an zu erzählen:
[Illustration: „Dann lag er ein Weilchen ganz still da ...“]
„Ich bin tief unten in der Erde geboren -- viel tiefer, als deine Wurzeln reichen. Da kamen wir, ich und meine Schwestern -- denn wir sind eine große Familie, mußt du wissen -- zur Welt als reine, kristallklare, kleine Quellen, und da unten mußten wir lange verborgen liegen. Aber eines Tages sprangen wir plötzlich an der Halde hervor, mitten im vollen, hellen Sonnenlicht. Du kannst dir nicht denken, wie herrlich das war, so durch den Wald dahinzutollen. Wir hüpften über die Steine und plätscherten gegen das Ufer. Hübsche Fischlein tummelten sich in uns, und die Bäume neigten sich über uns und spiegelten ihre grüne Pracht in uns. Fiel ein Blatt herunter, so wiegten wir es und liebkosten es und trugen es in die weite Welt hinaus. Oh -- es war so schön! Das war die glückseligste Zeit meines Lebens.“
„Bekomme ich bald zu wissen, wie es zuging, daß du zu Nebel wurdest?“ fragte die Nachtviole ungeduldig. „Die Quelle kenne ich. Wenn es ganz still ist, kann ich sie von hier aus, wo ich stehe, rieseln hören.“
Der Nebel hob sich ein wenig und machte ein Tänzchen über die Wiese hin. Dann kam er zurück und erzählte weiter:
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„Das ist das schlimmste hier im Leben, daß man nie zufrieden mit dem ist, was man hat. So liefen wir weiter und weiter, und zuletzt liefen wir in einen großen See hinaus, auf dem die Seerosen auf dem Wasser schaukelten und über dem die Libellen mit ihren großen, steifen Flügeln schwirrten. An der Oberfläche war der See blank wie ein Spiegel, aber wir mochten wollen oder nicht, wir liefen ganz unten am Boden entlang, wo es dunkel und unheimlich war. Und das konnte ich nicht aushalten. Ich sehnte mich nach den Sonnenstrahlen. Die kannte ich ja so gut von der Zeit her, wo ich mit im Bache dahinlief. Da guckten sie zwischen den Blättern durch und fuhren wie hastige Lichter über mich hin. Ich wollte sie wiedersehen, drum schlich ich an die Oberfläche hinauf und legte mich im Sonnenschein mitten zwischen die weißen Seerosen und ihre großen, grünen Blätter. Aber, o weh, wie die Sonne da draußen auf dem See brannte! Es war gar nicht auszuhalten, und ich bereute es bitterlich, daß ich nicht da unten auf dem Grunde geblieben war.“
„Das macht mir keinen Spaß,“ sagte die Nachtviole. „Kommt nun bald der Nebel?“
„Hier ist er!“ drohte der Nebel und legte sich von neuem um die Blume, daß ihr fast der Atem verging.
„Au! Au!“ schrie die Nachtviole. „Du bist wahrhaftig der hitzigste Gesell, den ich kenne. Weg mit dir; und erzähle weiter, wenn es denn nicht anders sein kann.“
„Am Abend, als die Sonne untergegangen war, wurde mir plötzlich so sonderbar leicht zumute,“ fuhr der Nebel fort. „Ich weiß nicht, wie es zuging, aber mir war, als müßte ich aus dem See aufsteigen und fliegen. Und ehe ich mich’s versah, schwebte ich wirklich über dem Wasser, fort von den Libellen und Seerosen. Der Abendwind trug mich von dannen; hoch in der Luft flog ich, da traf ich viele von meinen Schwestern, die ebenso neugierig wie ich gewesen waren, und denen es ebenso ergangen war. Wir schwebten am Himmel dahin ... wir waren Wolken geworden, verstehst du?“
„Ich weiß nicht,“ sagte die Nachtviole. „Sehr glaubwürdig klingt das eigentlich nicht.“
„Aber wahr ist es doch,“ antwortete der Nebel. „Höre jetzt weiter ... Ein langes Stück trug uns der Wind durch die Luft. Aber da auf einmal mochte er nicht mehr und ließ uns fahren. Als ein plätschernder Regen fielen wir auf die Erde nieder. Die Blumen hatten es eilig damit, sich zu schließen; und die Vögel verkrochen sich -- nur die Enten und Gänse nicht; denn die waren um so froher, je nässer sie wurden. Ja ... und dann der Bauer, der freute sich, weil sein Getreide Wasser nötig hatte. Er machte sich nichts daraus, daß er naß wurde. Aber sonst richteten wir gar große Verwirrung an.“
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„So so, also der Regen bist du auch,“ sagte die Nachtviole. „Hör’ mal, du hast eigentlich ziemlich viel zu besorgen.“
„Ja ... ich habe nie Ruhe,“ erwiderte der Nebel.
„Aber ich habe nun doch nicht gehört, wie du zu Nebel wurdest,“ sagte die Nachtviole. „Werd’ aber nur nicht gleich wieder hitzig ... du hast mir ja selbst versprochen, es mir zu erzählen; und ich will lieber die ganze Geschichte von vorne hören, als noch einmal in deinen widerwärtigen, feuchten Armen liegen.“
Der Nebel lag ein Weilchen traurig da, und dann erzählte er weiter:
„Nachdem ich als Regen zur Erde niedergefallen war, sank ich durch das schwarze Erdreich hindurch und freute mich schon darauf, an meinen Geburtsort zurückzukommen, zu der tiefen, unterirdischen Quelle. Da hatte man doch wenigstens Frieden und keine Sorgen. Aber wie ich schön sank, saugten mich die Wurzeln der Bäume auf; und ich mußte mich dareinfinden, den lieben, langen Tag rings in den Zweigen und Blättern umherzuspazieren. Die gebrauchen mich als Lasttier, verstehst du. All die Nahrung, die die Blätter und Blüten nötig hatten, mußte ich von der Wurzel her zu ihnen hinaufschleppen. Erst am Abend kam ich frei. Als die Sonne untergegangen war, seufzten alle Blumen und Bäume tief auf, und ich und meine Schwestern flogen bei ihren Seufzern fort als helle, leichte Nebel. Heute nacht tanzen wir auf der Wiese. Aber morgen, wenn die Sonne aufsteht, werden wir wunderschöne, klare Tautropfen, die unter deinen Blättern hängen. Dann schüttelst du uns ab; und wir sinken tiefer und tiefer, bis wir zu der Quelle kommen, von der wir herstammen, wenn uns nicht diese oder jene Wurzel unterwegs aufschnappt. Und dann geht die Fahrt weiter: durch den Bach, in den See hinaus, in die Luft hinauf und wieder zur Erde nieder ...“
„Halt!“ rief die Nachtviole. „Mir wird ganz schwindlig, wenn ich dich höre.“
Jetzt fing der Frosch an, sich zu rühren. Er streckte seine Beine aus und ging in den Graben hinab, um sein Morgenbad zu nehmen. Die Vögel im Walde fingen an zu zirpen, und der Hirsch brüllte zwischen den Stämmen.
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Der Morgen graute, und die Sonne guckte über den Hügel.
„Was ist das?“ rief sie. „Wie sieht es hier aus? Man kann ja nicht die Hand vor Augen sehen. -- Morgenwind, auf mit dir, du Faulpelz, und feg’ die häßlichen Nebel fort!“
Und der Morgenwind fuhr über die Wiese und blies die Nebel weg. Da sandte die Sonne ihre ersten Strahlen gerade auf die Nachtviole hinab.
„Potztausend!“ sagte die Blume. „Da haben wir schon die Sonne. Dann muß ich mich aber schnell schließen. Wo in aller Welt ist nun der Nebel geblieben?“
„Hier bin ich ja,“ sagte der Tautropfen, der an ihrem Stengel hing.
Aber die Nachtviole schüttelte sich ärgerlich.
„Das kannst du anderen weismachen,“ sagte sie. „Ich glaube kein Wort von dem, was du erzählt hast. Das ist alles dummes, wässeriges Zeug.“
Die Sonne aber lachte und sagte:
„Da hast du recht!“
Der Regenwurm und der Storch.
Mitten in einem alten Garten lag einmal ein altes Haus, und rings um den Garten dehnten sich grüne Wiesen, soweit man sehen konnte.
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Das Haus hatte ein Strohdach und war ganz mit Efeu überwachsen. Die Ranken krochen über das Dach bis zum Schornstein hin und über diesen weg und hingen vor den Fenstern wie dichte, grüne Gardinen hinab, so daß beinahe gar kein Lichtstrahl in die Stuben hineinschlüpfen konnte.
Das machte freilich nichts aus, denn das alte Haus war leer.
Vor vielen Jahren hatte ein Pastor darin gewohnt; als aber seine Frau und seine beiden kleinen Jungen infolge der Feuchtigkeit gestorben waren, reiste er fort; und seitdem wollte niemand mehr dort wohnen. Das Haus lag einsam und verlassen da, die Wände waren schimmlig vor Feuchtigkeit, der Keller stand voll Wasser, und die Fußböden verfaulten. Im Garten wuchsen die Bäume, wie sie Lust hatten, und das Gras wucherte wild auf allen Wegen.
Doch draußen auf den Wiesen weideten und brüllten im Sommer die Kühe, und die Frösche quakten am Abend munter in den tiefen Gräben. Wenn die Erntezeit heranrückte, kamen die Knechte oben vom Gute, mähten das Gras und banden es zusammen und fuhren es nach Hause. Dann wurde es Herbst, und der Sturm heulte, und die Blätter fielen von den Bäumen im Garten. Und dann kam der Winter, und der Schnee lag auf dem alten, toten Hause und den großen Wiesen.
Doch wenn der Schnee geschmolzen war, und die Wiesen wieder grün wurden, und das Frühjahr seinen Einzug hielt, dann kam der Storch.
Er hatte sein Nest seit langer Zeit auf dem Dache des alten Hauses gehabt und seine Sommerwohnung da oben behalten, als der Pastor auszog. Die Feuchtigkeit drang nicht so hoch hinauf, und im übrigen war die Wohnung ganz nach seinem Geschmack. Ruhig konnte er auf den Gartenwegen spazierengehen, das ganze Haus hatte er zu seiner Verfügung; und anderswo hätte er lange suchen müssen, um so viele Frösche zu finden, wie auf den großen Wiesen. Er wußte auch recht gut, daß er den besten Storchbezirk im ganzen Lande hatte, und machte sich in jedem Frühjahr schleunigst auf den Weg dort hinauf, daß kein anderer Storch ihm zuvorkäme.
[Illustration]
An einem Sommertag kehrte er einmal von einem Wiesenspaziergang nach Hause zurück. Er hatte fünf Frösche zu seiner Frau und den Kindern hinaufgebracht, die im Neste auf dem Dache lagen. Er selbst hatte zwei verzehrt und dann eine halbe Schlange zum Nachtisch, so daß er satt und guter Laune war. Die andere Hälfte der Schlange hatte er im Schnabel.
Mitten auf dem Wege blieb er stehen; denn er hatte einen gewaltigen Regenwurm bemerkt, der sich auf der Erde wand.
„Du hast doch nicht etwa Angst?“ fragte der Storch.
„Verschont mein Leben, hoher Herr, wer Ihr auch seid!“ bat der Regenwurm und krümmte sich noch jämmerlicher.
„Du kannst doch sehen, wer ich bin,“ erwiderte der Storch.
„Ach nein!“ sagte der Regenwurm. „Das kann ich nicht; denn ich bin ja blind. Aber ich hörte Euch kommen und habe einen solchen Schreck gekriegt, daß ich vor lauter Verwirrung das Erdloch nicht finden konnte.“
Dem Storch schmeichelte die Angst des Wurmes. Er legte die halbe Schlange vor sich in das Gras und blähte sich und stand auf einem Bein, was dasselbe ist, wie wenn ein feiner Mann die Arme über der Brust kreuzt.
„Ich bin der Storch!“ sagte er und sah senkrecht in die Luft.
„Jesses!“ rief der Regenwurm.
„Kennst du mich nun?“ fragte der Storch.
„Wie sollte ich den vornehmsten Vogel im ganzen Lande nicht kennen?“ wehklagte der Regenwurm. „Die Frösche zittern ja vor Euch in den Gräben, und die Schlangen ziehen Siebenmeilenstiefel an, wenn sie Euch nur in der Ferne erblicken. Ach ja! Ihr habt, weiß Gott, viele Hunderte meiner Brüder gefressen.“
„Allerdings,“ erwiderte der Storch, „und bei Gelegenheit fresse ich dich natürlich auch. Zufällig bin ich im Augenblick satt. Dafür kannst du deinem Schöpfer danken.“
„Ich danke Ew. Hochwohlgeboren viel tausendmal,“ sagte der Regenwurm. „Oh ... ich kenne Euch ja so gut vom Hörensagen. Die Menschen verehren Euch mehr als irgendeinen andern Vogel. Ihr seid es doch wohl, der die kleinen Kinder bringt?“
„Nun,“ antwortete der Storch ein wenig verlegen und setzte das Bein hastig wieder auf die Erde. „So ist es eigentlich nicht ... das heißt: das ist eine Übertreibung. Übrigens habe ich nichts dagegen, daß man sich das erzählt. Es verleiht einem immerhin ein gewisses Ansehen.“
Inzwischen war der Regenwurm ein Stück weitergekrochen.
„Wohin willst du?“ fragte der Storch und hackte mit seinem langen Schnabel ein wenig auf den Rücken des Wurmes ein.
„Au ... ach ... Verzeihung!“ stöhnte der Wurm. „Ich wollte bloß zu meinem Erdloche hin. Ich habe keine Zeit, hier zu liegen und zu faulenzen, und wage außerdem nicht, Ew. Hochwohlgeboren Edelmut zu mißbrauchen.“
„Solange ich Zeit habe, hast du sie auch, sollte ich meinen,“ belehrte ihn der Storch. „Ich verspreche dir, daß ich dich nicht fressen werde; und ein Kavalier hält sein Wort. Aber das gilt nur für heute und für den Fall, daß ich nicht hungrig werde.“
„Ihr seid zu gütig,“ antwortete der Regenwurm ehrerbietig.
Nun fing der Storch an, auf dem Wege auf und ab zu spazieren. Er legte den Nacken zurück, drückte den Bauch heraus und hob die Beine ungeheuer hoch. Aber dann fiel ihm ein, daß der Regenwurm ihn ja nicht sehen konnte, und da stand er wieder still. In diesem Augenblick rief die Störchin oben vom Neste her, und er klapperte mit dem Schnabel, um ihr zu antworten.
„Sagten Ew. Hochwohlgeboren etwas?“ fragte der Regenwurm.
„Ich habe mit meiner Gemahlin ägyptisch gesprochen,“ erwiderte der Storch. „Wir haben ein Gut in Afrika, weißt du. Und wir sprechen diese Sprache immer, wenn wir unter uns sind. Übrigens ist es da viel schöner; und ich bliebe gern immer in Afrika, wenn man nicht Rücksicht auf die Kinder nehmen müßte. Aber du verstehst wohl kaum, was ich sage ... Hast du jemals Reisen gemacht?“
„Ach nein!“ seufzte der Regenwurm.
„Wo bist du denn im Winter?“
„Ich bleibe hier,“ antwortete der Wurm.
„Uha! Das muß häßlich sein, hier im Schnee und Eis umherzuwaten. Bekommst du denn keine kalten Füße?“
„Ich habe gar keine Füße,“ antwortete der Regenwurm vergnügt. „Und ich grabe mich tief in die Erde hinein, wenn es kalt ist.“
Der Storch besah sich den Regenwurm nachdenklich und sagte dann:
„Ich weiß eigentlich nicht recht, ob es sich für mich paßt, hier zu stehen und mit einem Burschen, wie du einer bist, zu schwatzen. Dir fehlt ja fast alles, was zu einem ordentlichen Menschen gehört. Bist du von Rang?“
„Rang?“ wiederholte der Regenwurm verwundert. „Was ist das? Ich bin ein fleißiger Arbeitsmann. -- Ist das Rang?“
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Da tanzte der Storch vor Lachen umher und teilte seiner Frau oben mit, was der Wurm gesagt hatte.
„Ich hoffe nicht, daß ich etwas Unpassendes geäußert habe,“ sagte der Regenwurm verzagt. „Übrigens bin ich der älteste Regenwurm hier am Platze; ich war schon zur Zeit des Pastors hier.“
„Ach!“ sagte der Storch gnädig. „Du bist also eine Art Altmeister aller Regenwürmer. Das ist doch wenigstens etwas. Dann kann ich mich wenigstens im Gespräch mit dir sehen lassen; unsere +Familien+ brauchen ja nicht zu verkehren.“
„Ich habe, weiß Gott, keine Familie,“ unterbrach ihn der Regenwurm.
„Du hast keine Familie?“ fragte der Storch und gähnte vor lauter Verwunderung.
„Nein,“ antwortete der Wurm. „Ich weiß nicht, wo meine Frau und meine Kinder sind, habe meine Eltern nie gesehen und würde meine Geschwister nicht wiedererkennen, wenn ich sie träfe.“
Der Storch zog das eine Bein unter sich ein und sah außerordentlich würdig aus.
„In den niederen Klassen herrschen fürchterliche Zustände,“ sagte er. „Ich will nichts mehr hören; es verdirbt meine Laune. Leb’ wohl. An einem andern Tage komme ich vielleicht wieder; aber nimm dich in acht, mir zu begegnen, wenn ich hungrig bin!“
Dann flog der Storch auf das Dach des alten Hauses hinauf; und der Regenwurm machte, daß er in sein Erdloch hinunterkam. -- -- --
Ein paar Tage später ging der Storch wieder auf dem Wege spazieren, wo er mit dem Wurm geredet hatte.
„Regenwurm!“ rief er; aber niemand antwortete ihm.
„Regenwurm, komm herauf! Ich will mit dir reden!“
„Ich wag’ mich nicht hervor,“ erwiderte der Regenwurm schließlich unten aus seinem Loche.
Aber da wurde der Storch sehr böse. Er schlug so stark er konnte, mit seinem großen roten Schnabel auf die Erde, und der Wurm kam herauf und krümmte sich in größter Angst und Untertänigkeit.
„Will Er wohl kommen, wenn ich rufe!“ gebot der Storch streng auf einem Bein stehend. „Weiß Er nicht, wer ich bin, und wer Er ist? Weiß Er die Ehre, die ich Ihm erweise, wenn ich mich mit Ihm unterhalte, nicht besser zu würdigen?“
„Werdet nicht böse, Ew. Hochwohlgeboren!“ bat der Wurm. „Ich hatte so große Angst; und Ihr sagtet selbst, ich solle mich in acht nehmen, Euch zu begegnen, wenn Ihr hungrig wäret.“
„So ist es!“ sagte der Storch stolz. „Aber erzähle mir jetzt ein wenig von deinem Leben! Ich langweile mich, und uns vornehmen Herren schadet es nicht, wenn wir das Leben in den niederen Volksschichten kennen lernen.“
„Was soll ich erzählen? Es würde Euch ja doch nicht interessieren,“ sagte der Wurm bescheiden. „Ich rackere mich ab, seitdem ich auf der Welt bin; und bis man mich frißt, pflüge ich die Erde um und lege Gräben an ...“
„So so!“ sagte der Storch freundlich. „Du bist es, der die Gräben gräbt, in denen die Frösche sind?“
„Ach nein!“ erwiderte der Wurm. „Etwas so Großes bringe ich denn doch nicht fertig. Unten unter der Erde grabe ich winzig kleine Gänge in die Kreuz und Quere.“
„Was für Nutzen haben wir Störche denn nun zum Beispiel von dir?“
„Ja,“ antwortete der Regenwurm, „erstens können Ew. Hochwohlgeboren mich ja fressen, wann es Euch beliebt.“
„Das weiß ich,“ sagte der Storch und warf den Kopf in den Nacken. „Du solltest mich nicht so oft daran erinnern. Und dann noch?“
„Außerdem mache ich die Erde zurecht, damit das Gras und die Blumen und Bäume wachsen und gedeihen können. Ich bereite die fruchtbare Ackererde.“
„Ist das der Dreck, in dem man watet?“ fragte der Storch.
„Verzeiht, wenn ich widerspreche,“ erwiderte der Regenwurm ehrerbietig; „aber Ihr dürft das nicht Dreck nennen. Es ist die fruchtbare Erde, in der alle Pflanzen wachsen; und von den Pflanzen leben die Insekten, und von den Insekten leben die Frösche, und die geruht ja sowohl Ihr wie Eure Familie zu verspeisen.“