Part 10
„Ich weiß wohl, woran du denkst,“ sagte der Weidenbaum betrübt. „Ich kann dir keinen Schatten geben, weil der Förster mir meine schöne Krone weggenommen hat. Meine langen Zweige da oben gefallen mir zwar sehr und ich möchte sie nicht entbehren; aber Schatten können sie nicht geben, und eine Krone werde ich nie wieder bekommen, das spüre ich wohl. Du hast wohl Angst, daß dich die Sonne zu sehr bescheinen wird?“
„Ach wo!“ sagte der Löwenzahn. „Je mehr mir die Sonne in mein gelbes Gesicht scheint, desto mehr freue ich mich. Nein, du ... der +Erde+ wegen habe ich Angst.“
„Die ist auch das Allerwichtigste,“ erklärte die Eiche. „Aber das ist Sache des Weidenbaums. Will er in seinem Kopfe ein Blumenhotel unterhalten, so muß er natürlich auch für Erde sorgen.“
„Ja, aber +ist+ denn keine Erde da, lieber Löwenzahn?“ fragte der Weidenbaum.
„Allerdings,“ erwiderte der Löwenzahn. „Und gut ist sie auch; nicht deswegen sage ich es. Aber ich fürchte, daß nicht +genug+ da ist. Ich will dir etwas sagen, ich habe eine furchtbar lange Wurzel ... einen ganzen Pfahl, du kannst mir’s glauben. Wenn ich ausgewachsen bin, reicht er eine gute Viertelelle in die Erde hinunter.“
„Hm,“ spottete die Eiche. „So ein lumpiger Löwenzahn will von Wurzeln reden.“
Der Weidenbaum stand ein Weilchen schweigend da; aber desto emsiger dachte er nach. Der wilde Rosenstrauch tröstete den Löwenzahn und sagte dem Weidenbaum nur Gutes nach; und der Holunder meinte, daß gewiß noch alles gut gehen werde; die Eiche aber fragte in brummigem Ton, ob man von einem Baum ohne Krone überhaupt etwas Gutes erwarten könne.
„Hör’ einmal,“ sagte schließlich der Weidenbaum, der überhaupt nicht nach den andern hingehört hatte. „Nun will ich dir etwas sagen, lieber Löwenzahn, wovon ich sonst nicht gern rede. Du weißt ja, daß ich das Unglück gehabt habe, meine Krone zu verlieren.“
„Ich hörte es dich vorhin sagen,“ erwiderte der Löwenzahn. „Und ich sehe ja auch, daß du etwas verzagt aussiehst zwischen den andern Bäumen der Allee.“
„Sprich nicht von den Pappeln,“ sagte der Weidenbaum betrübt. „Es sind meine Verwandten, aber sie haben es mir nie verziehen, daß ich aus Versehen als Steckling hierhergesetzt worden bin. Sieh sie an und sieh mich an, dann kannst du erkennen, daß solch ein Mißgeschöpf ein Schandfleck für eine vornehme Pappelallee ist!“
„Etwas Schamgefühl hat sie wenigstens noch im Leibe,“ sagte die zunächst stehende Pappel.
Und alle die andern Bäume der Allee rauschten ihr Beifall zu.
„Du denkst zu viel nach,“ sagte der Holunderstrauch. „Je mehr Gedanken man sich macht, desto schlimmer wird die Sache. Ich wäre längst in die Erde geraten, wenn ich all den Verlusten nachweinen wollte, die ich schon erlitten habe.“
„Ja, das hat nichts zu sagen,“ meinte der Weidenbaum. „Ein jeder hat seine Art, und ich habe die meine. Ich denke gar nicht daran, die Hände in den Schoß zu legen; aber ich weiß, daß ich ein Krüppel bin und nie etwas anderes werden kann. Ich hatte zuerst geglaubt, daß meine langen Zweige dort oben eine neue Krone bilden würden; aber das waren bloß Dummheiten. Sie wachsen und breiten sich aus und grünen, und mehr wird nicht aus ihnen. Und dann fühle ich auch selber recht gut, daß ich zu verfaulen beginne.“
„Was sagst du?“ rief der wilde Rosenstrauch erschrocken.
„Verfaulst du?“
„Ja -- das ist das Schlimmste,“ sagte der Holunderstrauch.
„Sie liefert dem Park ihre tiefsten Geheimnisse aus,“ sagte die nächste Pappel entrüstet. „Wir wollen uns recken und wollen rauschen, liebe Alleebrüder.“
Und alle die Pappeln rauschten.
„Ich verfaule,“ sagte der Weidenbaum. „Ich verfaule an der Spitze. Wie sollte es auch anders sein? Da oben steht ein See im Sommer, im Winter liegt Schnee darin und jetzt feuchte Erde. Ich merke ganz deutlich, daß das Loch immer größer wird und immer tiefer in mich hinabreicht. Mein Holz vermorscht. Die Rinde ist noch gut; und ich freue mich, daß sie sich noch hält. So kann der Saft aus meinen Wurzeln in meine lieben, langen Zweige hinausströmen. Na ... ich denke, die Vögel werden trotzdem wie gewöhnlich kommen und mich besuchen; und die bringen ja Erde mit, so daß immer mehr hinzukommt, je tiefer das Loch wird. Auch für die Düngung sorgen sie. Und welke Blätter fallen auf meinen armen, verstümmelten Wipfel. Ich glaube auch bestimmt, daß ich einen Regenwurm da oben habe. Wie der dorthin gekommen ist, weiß ich nicht. Vielleicht hat ein Vogel ihn aus dem Schnabel verloren. Aber er zieht die Blätter in den Boden herab, frißt sie und macht sie zu Erde. Drum sage ich wie der Holunderstrauch: es wird schon alles gut werden.“
„Du wirst also hohl?“ fragte die Eiche.
„Allerdings,“ antwortete die Weide. „Daran läßt sich nichts ändern. Man spricht ja sonst nicht von diesen Dingen; aber der Löwenzahn war so betrübt. Und niemand soll mir nachsagen können, daß ich eine anständige Blume in Pension genommen hätte und sie dann umkommen ließe vor Angst.“
„Hat man je einen Baum so reden hören?“ meinte die Eiche.
„Nein, das muß ich auch sagen,“ fiel der wilde Rosenbusch ein.
„Jetzt glaube ich selber nicht, daß es noch lange so weitergehen wird,“ fügte der Holunderstrauch hinzu.
Aber der Löwenzahn sagte: „Hab’ Dank, du lieber, alter Weidenbaum! Jetzt wachse ich getrost weiter. Ich habe ja bloß für dieses Jahr zu sorgen. Wenn ich meine Samen mit ihren kleinen Fallschirmen in die Welt gesandt habe, so habe ich getan, was von mir verlangt wird. Es würde mich freuen, wenn einer von ihnen hier bleiben und bei dir wachsen wollte.“
„Vielen Dank,“ erwiderte der Weidenbaum.
„Sie läßt sich vom Rosenbusch und vom Holunder trösten ... Sie bedankt sich beim Löwenzahn ... So eine ist verwandt mit uns ... Wie abscheulich!“ zeterte die nächste Pappel.
„Abscheulich ... abscheulich ... abscheulich!“ rauschte es die Allee entlang.
Es wurde Abend und Nacht; und alle schliefen. Der Wind hatte sich gelegt, so daß in den Pappeln nicht das leiseste Rauschen mehr zu hören war. Doch die Eiche auf der Anhöhe im Felde rief den Weidenbaum an:
„Pst ... pst ... Weidenbaum ... schläfst du?“
„Ich kann nicht schlafen,“ klagte der Weidenbaum. „Es rumort und nagt und sickert und siedet in meinem Innern. Ich spüre, wie es tiefer und tiefer hinabsinkt ... ich weiß nicht, was das ist; aber es macht mich so melancholisch.“
„Du wirst hohl,“ sagte die Eiche.
„Vielleicht ist es das,“ sagte der Weidenbaum bekümmert. „Daran ist ja nun einmal nichts zu ändern. Niemand entgeht seinem Schicksal.“
„Hör’ einmal, Weidenbaum,“ entgegnete die Eiche. „Im Grunde kann ich dich nicht leiden.“
„Ich weiß nicht, daß ich dir etwas getan hätte,“ sagte der Weidenbaum.
„Das ist wohl möglich,“ erwiderte die Eiche. „Mir scheint nur, du hast dich von Anfang an, als du noch ein Steckling warst, ziemlich aufgespielt. Aber es mag sein, wie es wolle. Du hast mir so entsetzlich leid getan, als ich hörte, daß du angefangen hast, hohl zu werden. Gib nur ja acht, das will ich dir sagen! Das ist ein gräßliches Unglück.“
„Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich mich benehmen soll, um es zu verhindern,“ sagte der Weidenbaum.
„Das weiß ich ebensowenig,“ erwiderte die Eiche. „Aber ich sage trotzdem: gib acht! Sieh zu, ob du die Vögel, die dich besuchen, nicht veranlassen kannst, all die Erde aus dem Loch in deinem Kopf herauszuscharren, bevor es allzu tief wird.“
„Ich kann doch dem Löwenzahn nichts anhaben,“ sagte der Weidenbaum. „Noch hat es wohl keine Gefahr. Meine Zweige grünen und gedeihen, und meine Wurzeln saugen Kraft auf. Solange die Wurzel gut ist, ist alles gut, wie du weißt.“
[Illustration]
„Gib nur acht,“ sagte die Eiche. „Du weißt nicht, was auf dem Spiele steht; aber ich weiß es. Ich will dir etwas sagen: Ich habe einen alten, hohlen Onkel.“
„So?“ fragte der Weidenbaum eifrig. „Ja, in jeder Familie gibt es ja etwas Trübes. Du hast den Onkel, und die Pappeln haben mich.“
„Du ahnst nicht, was für ein Leben er führt,“ erzählte die Eiche. „Er ist fürchterlich alt und fürchterlich hohl. Ja, in gewisser Beziehung gleicht er dir; aber es ist viel, viel schlimmer um ihn bestellt. Es ist nichts von ihm übrig als eine ganz dünne Rinde und dann ein elender Ast am Wipfel. Auch fast alle seine Wurzeln sind tot. Und stets ist er voller Eulen, Fledermäuse und andern Getiers. Er führt ein fürchterliches Leben.“
„Es tut mir leid, das zu hören,“ versicherte der Weidenbaum.
„Ich sage bloß: Nimm dich in acht!“ wiederholte die Eiche.
* * * * *
Und die Jahre kamen und schwanden, und die Zeit verstrich.
Immer tiefer verfaulte der Weidenbaum, und das Loch füllte sich mit Erde, und es kamen immer mehr Gäste herzu. Im Frühjahr stand auf einmal ein kleiner, feiner Schößling da, den der Weidenbaum willkommen hieß, in dem Glauben, es sei ein Löwenzahn.
„Na,“ fragte der Schößling. „Wofür siehst du mich an?“
„Ich habe die allerbeste Meinung von dir,“ erwiderte der Weidenbaum. „Aber du bist ja noch so klein. Darf ich mich nach deinem Namen erkundigen?“
„Ich bin eine Erdbeerpflanze,“ sagte der Schößling. „Und zwar eine der vornehmsten. Ich glaube, ich gehöre zu derselben Familie, die im Garten des Herrenhofs wächst. Warte nur, bis ich Früchte trage, dann werden wir sehen!“
„Gott behüte,“ rief der Weidenbaum. „Wenn ich nur begreifen könnte, woher du gekommen bist!“
Und es kam ein anderer Schößling hinzu, der sich als Anfang eines Johannisbeerstrauches entpuppte. Und ein dritter, der zu einem kleinen, niedlichen Vogelbeerbaum heranwuchs. Löwenzahnpflänzchen waren in jedem Jahr ein paar zur Stelle. Die Bienen kamen und summten und sogen Honig und flogen damit heim zu ihren Körben. Die Schmetterlinge flatterten von Blüte zu Blüte, sogen hier und da ein wenig Honig und verzehrten ihn sogleich. Sie wußten, daß sie sterben mußten, darum hatte es keinen Zweck, etwas zu verwahren.
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„Wie wunderbar!“ sagte der Weidenbaum. „Wenn ich doch nur wüßte, woher all das Glück gekommen ist!“
„Danach soll man nicht fragen, sondern es hinnehmen, wenn es kommt,“ belehrte ihn der Holunderbusch.
Und der Rosenstrauch prophezeite: „Du wirst ein schönes Alter haben.“
„Du wirst immer hohler,“ sagte die Eiche. „Denke daran, was ich dir von meinem armen, alten Onkel erzählt habe!“
Die zunächst stehende Pappel aber erklärte: „Er ist mit der Zeit schwachsinnig geworden.“
„Schwachsinnig geworden ... schwachsinnig geworden,“ rauschte es die Allee entlang.
Die Schwarzamsel hatte den Weidenbaum als erster Gast besucht, und sie kehrte jedes Jahr oftmals wieder. Eines Tages kam sie sehr erschrocken an und bat, ob sie sich hier oben verstecken dürfe. Ein böser Junge habe den ganzen Vormittag mit einer Salonflinte nach ihr geschossen.
„Ich habe freilich Schonzeit jetzt,“ sagte sie. „Aber was machst sich so ein naseweiser Junge daraus! Und wenn man schon das Leben einbüßen soll, so kann man doch wenigstens verlangen, daß man in einer ordentlichen Dohne eingefangen wird.“
„Ich finde es angenehmer, erschossen zu werden,“ meinte der Weidenbaum. „Dann hat die Sache doch mit einem Male ein Ende!“
„Das finde ich nicht,“ erwiderte die Schwarzamsel. „Solange man noch am Leben ist, braucht man auch nicht aufzuhören zu hoffen. In der Dohne zappelt man und denkt, daß man doch noch einmal wieder loskommen könnte.“
„Ach ja,“ rief der Weidenbaum nachdenklich. „Wenn man es sich richtig überlegt, so ist es ja auch nicht anders mit mir. Ich sitze gleichfalls in der Schlinge und weiß, daß ich bald sterben muß, und doch hänge ich am Leben. Na ... ich habe ja jetzt auch ein gesegnetes Alter erreicht, wie die wilde Rose sagte. Wenn ich nur wüßte, woher alle die lieben Wesen, die oben auf mir wachsen, gekommen sind!“
„Das will ich dir sagen,“ berichtete die Schwarzamsel. „Du kannst überzeugt sein, daß die allermeisten durch mich hierhergekommen sind.“
Und dann erzählte sie, wie gern sie rote Beeren naschte, von dieser und von jener Sorte. Besonders gern hielt sie sich im Garten des Herrenhofs auf, der voll von den allerleckersten Sachen war. Und wenn sie dann im Weidenbaum saß und ihr Essen verdaute, so hinterließ sie wohl etwas, davon man in guter Gesellschaft nicht spricht, und das sich unmöglich in einem guten Buche erwähnen läßt. Und wenn man dann richtig nachsah, so waren darin die Keime.
„Ist das wahr?“ fragte der Weidenbaum. „Ja, natürlich ist es wahr. In Wirklichkeit verdanke ich +dir+ also mein ganzes Glück!“
„Wahrscheinlich,“ sagte die Schwarzamsel und pfiff witzig vor sich hin. „Man hat ja -- Gott sei Dank! -- seine Mission hier in der Welt zu erfüllen. -- Aber sieh nur ... ich glaube wirklich, da sitzt eine schöne, reife Erdbeere.“
[Illustration]
Sie fraß die Beere und sagte: „Hm!“ und „Ah!“ und „Oh!“ So delikat schmeckte sie.
„Genau so wie die, die auf des Gutsherrn Beet wachsen,“ sagte sie. „Aber mir scheint beinahe, die Beere hat einen noch delikateren Geschmack davon bekommen, daß sie hier oben in dir aufgewachsen ist, du alter Weidenbaum.“
„Liebe Schwarzamsel,“ flüsterte die Erdbeerpflanze. „Du kommst ja häufig auf den Herrenhof. Willst du mir nicht den Gefallen tun, dem Gutsherrn zu erzählen, daß ich hier oben wachse?“
„Das werde ich ganz gewiß nicht tun,“ erwiderte die Schwarzamsel. „Erstens würde es mir nie einfallen, einem andern zu erzählen, wo eine gute Beere steht. Zweitens bin ich allmählich so dick und fett geworden, daß ich ein bißchen vorsichtig sein muß. Sonst könnte dem Gutsherrn leicht der Einfall kommen, daß Erdbeeren nach Schwarzamselbraten doppelt gut schmecken.“
[Illustration: „Da hob ihn der Förster hinauf.“]
„Wie ärgerlich!“ sagte die Erdbeere. „Ich weiß, daß der Gutsherr gesagt hat, er esse nur die Beeren, die zu unserer Familie gehören; und unser sind so wenige. Ich habe auch einen Vogel davon singen hören, daß er aus Italien zurückgekommen ist; und ich bin überzeugt: wenn er wüßte, daß ich hier oben wachse, so würde er selber heraufklettern und meine Beeren pflücken.“
[Illustration]
„Gott soll mich behüten,“ seufzte der Weidenbaum. „Die Ehre könnt’ ich nicht ertragen.“
„Das könntest du nicht,“ sagte die Eiche. „Denn du bist hohl und wirst mit jedem Tage hohler. Deine langen Zweige sind in diesem Jahr auch nicht so grün wie im vorigen. Du wirst meinem unglücklichen Onkel immer ähnlicher. Es geht zu Ende mit dir, Weidenbaum.“
„Vielleicht hast du recht,“ antwortete der Weidenbaum. „Niemand entgeht seinem Geschick. Ich fühle selber, daß meine Rinde dünner und dünner wird, und unten ist sie schon an zwei Stellen durchlöchert.“
„Weg mit ihm!“ sagte die nächste Pappel. „Er ist ein Schandfleck für die Familie.“
„Weg ... weg ... weg,“ rauschte es die Allee entlang.
* * * * *
Die Zeit verstrich; und es war unbegreiflich, daß der alte Weidenbaum noch am Leben war.
Die Borke war in großen Stücken herabgefallen, die Löcher unten waren immer größer geworden, so daß der Fuchs eines Tages zu dem einen herein- und zum andern hinausschlüpfen konnte. Die Mäuse zernagten das morsche Holz. Von den obern Zweigen waren nur noch drei, vier Stück übrig; und sie waren so dünn und so arm an Blättern, daß es ein Jammer war.
Doch der Garten oben in seinem Wipfel gedieh wie nie zuvor.
[Illustration]
Die Erdbeere trug große Blüten, daraus schwere, rote Beeren wurden. Und auch der Johannisbeerstrauch war aufgeschossen und trieb seine erste Frucht. Die Löwenzahnpflanzen erglänzten im schönsten Gelb; auch ein kleines blaues Veilchen war hinzugekommen, ferner eine rote Gauchheilblüte, die sich nur gegen Mittag öffnete, wenn die Sonne am stärksten schien, und eine große Roggenähre, die sich im Winde bog.
„Es wird immer besser,“ sagte der wilde Rosenstrauch. „Wenn du auch Unglück gehabt und deine Krone verloren hast, so kannst du doch sagen, daß das Schicksal dir geneigt war und dir Ersatz gab.“
„Das sage ich wahrhaftig auch,“ entgegnete der Weidenbaum. „Wenn ich nur all das Glück ertragen kann! Meine Rinde wird immer dünner und dünner; und mit jedem Jahr verliere ich ein paar Zweige.“
„Es nimmt ein schlimmes Ende,“ prophezeite die Eiche. „Ich habe dich gewarnt ... denke an meinen armen, alten, hohlen Onkel!“
„Es endigt wohl so wie immer,“ sagte der Holunderstrauch. „Entweder so oder so; es bleibt sich gleich. Aber ich glaube, der Weidenbaum ist noch zu etwas gut.“
„Es ist nicht mehr zu sehen, daß er mit zur Familie gehört,“ sagte die nächste Pappel. „Seine Zweige verwelken mehr und mehr, und er fächelt nur noch mit fremden Zweigen und Blättern. So ist es gut. Wir lassen uns nichts davon merken, daß er zu uns gehört ... pst!“
„Pst ...pst ... pst!“ flüsterte es die Allee entlang.
Eines Abends kroch der Regenwurm dort oben hervor. Bisher hatte er sich aus Furcht vor den vielen Vögeln, die herbeikamen, stets unten in der Erde gehalten. Er war so lang und dick und fett, wie ein Regenwurm nur sein kann.
„Nein, sieh mal an, guten Tag, lieber Regenwurm,“ rief der Weidenbaum. „Ich wußte wohl, daß du hier seist, aber ich habe bisher noch nicht das Vergnügen gehabt, dich zu sehen. Es freut mich, daß du bei mir so gut gedeihst. Wie bist du eigentlich hier heraufgekommen?“
„Daran war die Schwarzamsel schuld,“ sagte der Regenwurm. „Die hat mich aus ihrem Schnabel verloren. Das heißt, sie hatte nur die Hälfte von mir gepackt. Der Rest verzog sich in die Erde hinab; darum war ich nur halb, als ich kam.“
„Willkommen warst du trotzdem,“ sagte der Weidenbaum. „Es macht mir nichts aus, ob du ganz oder halb bist. Ich selber habe ja meine Krone eingebüßt und werde immer ein unglückseliger Krüppel bleiben. Aber du hast dich also wieder erholt?“
„Ach ja,“ entgegnete der Regenwurm. „Das geniert mich nicht im mindesten, wenn sie mir ein Ende abhacken. Es wächst gleich wieder heraus, wenn man mich nur in Ruhe läßt. -- Aber weißt du, was das für ein kleiner Schößling ist, der hier neben mir mit dem sonderbaren dicken Hut auf dem Kopfe hervorsprießt?“
„Ich kenne ihn nicht,“ sagte der Weidenbaum. „Ich bin ja mit den Jahren schwach geworden und kann mich in all dem, was in mir wächst, fast gar nicht mehr zurechtfinden. Kennst du ihn denn?“
„Gewiß,“ sagte der Regenwurm. „Ich selber habe ihn vor Jahren in die Erde heruntergezogen. Er hing mit einem Blatt und einem Stengel zusammen; und Blatt und Stengel habe ich gefressen, aber mit dem Burschen habe ich nicht fertig werden können. Es war nicht so verwunderlich, denn es war eine Eichel. Jetzt ist sie ausgekeimt ... Es ist eine kleine Eiche.“
„Eine Eiche!“ wiederholte der Weidenbaum ehrerbietig.
„Die Eichel ist von dem starken Sturme herübergeweht worden, der vor zwei Jahren im Herbst geherrscht hat,“ erzählte der Regenwurm. „Ich erinnere mich noch ganz deutlich daran, weil du so knarrtest, daß ich glaubte, es wäre mit uns allen zu Ende.“
„Was sagst du?“ fragte die Eiche auf der kleinen Anhöhe im Felde. „Wächst eins von meinen Kindern bei dir?“
„Ja,“ erwiderte der alte Weidenbaum. „Es ist wirklich eine kleine Eiche. Welche große Ehre für mich!“
„Verrücktheit!“ sagte die Eiche. „Sie muß ja sterben.“
„Sterben müssen wir alle,“ fügte der Holunder hinzu.
* * * * *
Eines Tages machte der Gutsherr einen Spaziergang durch die Allee.
[Illustration]
Er war in Begleitung des Försters und seiner beiden Kinder, eines Knaben und eines Mädchens. Sie waren erst seit kurzer Zeit auf dem Gut und sahen sich neugierig um; denn es war alles neu für sie.
„Was zum Henker steht denn da für ein alter Knorren?“ fragte der Gutsbesitzer und zeigte mit dem Stock auf die alte Weide. „Der verdirbt uns ja die ganze Allee. Sorgen Sie dafür, daß er morgen fortkommt, Förster! Der Anblick macht mich ganz krank.“
Denn an dem Tage war er nun einmal in dieser Laune.
„Nun kommt es,“ sagte die Eiche. „Das war dein Todesurteil, du alter Weidenbaum. Na ... ärgere dich nicht! Mir scheint, es ist besser, daß das Ende kommt, als daß man Tag für Tag immer hohler wird.“
„Und doch hängt man am Leben,“ sagte der Weidenbaum traurig. „Wie wird es nun allen meinen Pensionären ergehen?“
„Sie müssen sich über die Zeit freuen, die sie gelebt haben,“ sagte der wilde Rosenstrauch.
„Wir wollen erst mal sehen, was daraus wird,“ sagte der Holunderstrauch. „Ich habe Schlimmeres durchgemacht und bin doch immer wieder durchgekommen.“
„Gott sei Dank! es geht zu Ende,“ sagte die zunächst stehende Pappel.
„Gott sei Dank! ... Gott sei Dank! ... Gott sei Dank!“ rauschte es die Allee entlang.
Am nächsten Vormittag kam der Förster. Er hatte bloß eine Axt bei sich, denn er dachte, er brauche nur ein paar Schläge zu tun, um mit dem alten, verfaulten Weidenstumpf fertig zu werden. Doch gerade, als er zuhauen wollte, gewahrte er den Johannisbeerstrauch oben im Wipfel. Der hatte große, reife Beeren. Er streckte die Hand aus, pflückte eine davon und aß sie.
[Illustration]
„Das ist ja merkwürdig,“ sagte er. „Genau dieselben Beeren, wie im Garten auf dem Herrenhof. Der liebe Gott mag wissen, wie die hierher gekommen sind.“
„Förster! Förster!“
Der Sohn des Gutsherrn kam die Allee entlang gelaufen. Er wollte zusehen, wie die alte Weide gefällt wurde. Der Förster erzählte ihm von dem Johannisbeerstrauch, pflückte eine Beere und gab sie ihm.
„Heb mich in die Höhe; ich will mir selbst Beeren pflücken,“ sagte der Junge.
Da hob ihn der Förster hinauf. Mit beiden Händen ergriff der Junge die Weidenzweige dort oben und packte so hart zu, daß sie zerbrachen.
Dann umfaßte er die dünne Rinde des Baumes, die so verwittert war, daß er ein großes Stück in jeder Hand behielt. Aber dann klatschte er vor Verwunderung und Freude in die Hände und rief laut aus:
„Förster! Förster! Hier oben ist ein ganzer Garten! Hier stehen die herrlichsten Erdbeeren neben dem Johannisbeerbusch ... und hier steht ein kleiner Vogelbeerbaum ... und eine kleine, liebliche Eiche ... und Unkraut ist auch hier ... fünf gelbe Löwenzahn ... und ein Gerstenhalm, Förster ... Nein, wie schön das ist, wie schön das ist! Das muß meine Schwester sehen ... und Vater ...“
„Spute dich und iß die Erdbeeren auf,“ sagte der Förster. „Denn nun soll der Baumstumpf umgehauen werden, und dann ist es aus mit der ganzen Herrlichkeit!“
[Illustration]
„Setz’ mich nieder!“ sagte der Junge zappelnd. Und als er auf der Erde stand, rief er:
„Du wagst es nicht, den Baum umzuhauen! Hörst du ... du wagst es nicht!“
„Das wage ich doch wohl,“ sagte lachend der Förster. „Du hast es ja selber gehört, daß der Herr es mir befohlen hat.“
„Dann laufe ich und hole den Vater,“ sagte der Junge. „Und du wagst nicht, den Baum anzurühren, bis ich zurück bin. Tust du es trotzdem, so kannst du mir glauben, daß ich mich an dir rächen werde, wenn ich selber einmal Gutsherr werde.“
Damit lief er durch die Allee. Der Förster setzte sich an den Graben und wartete; denn das schien ihm das Klügste zu sein.
„Die Herrenlaune hat den Burschen gepackt,“ sagte er.
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„Was habe +ich+ gesagt?“ rief der Holunderstrauch. „Ihr solltet stets auf die hören, die Bescheid wissen.“
„Die Spannung, in der man sich befindet!“ sagte der Weidenbaum. „Wenn ich nur nicht vor lauter Angst in Stücke zerfalle. Der Junge hat mich schon ordentlich angepackt; und Gott weiß, daß ich nicht mehr sehr widerstandsfähig bin.“
„Jetzt mußt du aushalten, bis wir sehen, was daraus wird,“ sagte der wilde Rosenbusch. „Ich habe noch nie etwas so Spannendes erlebt.“
„Ich auch nicht,“ bestätigte die Eiche. „Aber es kann kein gutes Ende nehmen, wenn man erst einmal hohl ist.“
Dann kam der Junge mit dem Gutsherrn. Der kleine Bursche zeigte und erzählte. Der Förster rollte einen Stein herzu, so daß der Gutsherr sich darauf stellen und in den Wipfel des Weidenbaums gucken konnte.
„Nein, so etwas habe ich denn doch noch nicht gesehen!“ sagte er. „Das ist ja wirklich wahr ... da oben ist ein ganzer Garten. Und meine eigenen Erdbeeren, glaub’ ich ...“
Er pflückte eine Beere und aß sie.
„Hm!“ sagte er. „Gewiß, das ist der richtige Geschmack. Beinahe kommen sie mir noch leckerer vor als die zu Hause.“
„Soll der Baum denn nun umgehauen werden, Vater?“ fragte der Junge.