Part 8
Denn er kümmerte sich um nichts -- sehnte sich nur darnach, daß es Abend würde, damit er wieder träumen konnte. Und jeden Abend träumte er unermüdlich ein und dasselbe.
„Das ist beinahe ebensogut wie Reisen,“ dachte er. „Könnte ich doch nur auch am Tage träumen!“
Aber allmählich wurde er ganz wirr im Kopfe und achtete auf nichts mehr.
Nach und nach verstrich der Winter. Die Tage wurden länger und der Sonnenschein wärmte wieder mehr.
„Was, bist du noch hier?“ fragte die Sonne den Schnee.
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Und unablässig starrte sie auf ihn nieder, bis der Schnee zuletzt ganz verlegen wurde und schmolz und in die Erde sank.
„Wart’ ein wenig,“ sagte die Wolke zur Sonne, „wir müssen erst ein großes Reinemachen veranstalten, ehe du an die Arbeit gehen kannst.“
Da fiel sie als Gußregen zur Erde nieder, wusch die Zweige der Bäume und Büsche und sammelte sich zu einem richtigen kleinen See oben auf dem Eise.
„Nun komme ich! Nun komme ich!“ sagte der wirkliche See, der unter dem Eise war.
Er hob seine Brust und sprengte mit einem mächtigen Seufzer die Eisdecke, so daß alle die kleinen Wellen hüpften und tanzten wie Jungen, die der Schule entronnen sind.
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Und nun brach die Sonne durch die Wolken, und tausend kleine grüne Zweige guckten aus der Erde hervor.
„Leih mir deine Flügel!“ sagte der Winter zum Sturmwind. „Ich muß fort!“
Und weg flog er nach den kalten Ländern hoch im Norden, wo immer Winter ist.
Aber der Junker Frühling schickte Botschaft, daß man ihn nun bald erwarten könne.
Der einzige, der nichts merkte, das war der Sperling.
Er lag jetzt den ganzen Tag in dem Schwalbennest und flog nur ein Viertelstündchen aus, um ein wenig Nahrung in den Leib zu bekommen. Er hatte keine Ahnung davon, daß es jetzt wieder Sommer werden sollte. Denn er war ganz närrisch geworden und bildete sich ein, er wäre die Schwalbe.
Aber dann kehrte die Schwalbe eines Tages zurück.
„Tsi! Tsi!“ trillerte sie. „Ist alles bereit, uns aufzunehmen?“
Sie wollte erst selber nachsehen, und darum flog sie den ganzen Tag auf Feld und Wiese umher.
„Sehr viele Mücken sind noch nicht da; aber die können ja noch kommen,“ sagte sie am Abend, als sie zurückflog.
Sie guckte in den Starkasten hinein, um den Nachbarn zu begrüßen; aber da war gerade niemand daheim; und dann schickte sie sich an, zu Bett zu gehen.
Aber als sie in ihr Nest kriechen wollte, merkte sie, daß jemand darin lag.
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„Was ist das?“ schalt sie. „Wer hat sich unterstanden, mein Nest in Besitz zu nehmen?“
„Das ist nicht dein Nest!“ sagte der Sperling, der darin lag; „ich bin die Schwalbe! Ich bin soeben von Afrika heimgekehrt. Das kannst du mir glauben; da unten war es herrlich; ich kann dir eine ganze Menge erzählen.“
Die Schwalbe war einen Augenblick sprachlos. Dann aber schrie sie wütend:
„Ja, das kannst du mir glauben, ich werde dir etwas erzählen, du erbärmlicher Spatz! Konnte ich es mir nicht denken, daß du es warst, der so frech gewesen ist, mir mein Nest zu stehlen! Du warst ja schon im vorigen Jahr nicht ganz richtig im Kopfe. Willst du jetzt wohl machen, daß du herauskommst, und zwar geschwind!“
Aber es half nichts, soviel die Schwalbe auch schreien und drohen mochte. Der Sperling war fest davon überzeugt, daß er in seinem guten Rechte war. Er fuhr fort, der Schwalbe zu erzählen, daß er eben aus Afrika heimgekehrt, und daß er sehr müde sei; nun wolle er Ruhe zum Schlafen haben.
„Ich werde mich rächen!“ sagte die Schwalbe und flog fort.
Aber im Neste lag der Sperling seelenruhig und schlief. Er träumte von den warmen, schönen Ländern mit allen den Mücken und Fliegen und Kirschen.
Er schlief noch immer, als die Schwalbe mitten in der Nacht wiederkam. Den breiten Schnabel hatte sie voll Schlamm; und in aller Stille begann sie, das Nestloch zu vermauern. Die ganze Nacht flog sie hin und zurück; und als die Sonne aufging, war das Loch dicht verschlossen.
„Jetzt kann der da drinnen zufrieden sein!“ dachte sie und fing an, sich ein neues Nest zu bauen.
Drei Tage später trafen sich die Schwalbe und der Star auf der Wiese. Sie begrüßten sich und erzählten, was sie erlebt hatten seit dem Herbst.
„Das Sonderbarste kommt zum Schlusse!“ sagte die Schwalbe. „Kannst du dir denken ... als ich nach Hause kam, hatte der Sperling mein Nest in Beschlag genommen; und ich konnte ihn gar nicht herausbekommen.“
„Was!“ rief der Star. „Was hast du denn da mit ihm angefangen?“
„Komm mit, dann wirst du sehen,“ antwortete die Schwalbe. Sie flogen beide zu dem Neste; und die Schwalbe erzählte, wie sie sich gerächt hatte.
Sie hackten mit ihren Schnäbeln ein Loch in das Nest; und der unglückliche Sperling fiel tot zu Boden.
„Es geschah ihm recht,“ sagte die Schwalbe; und der Star nickte, denn er war derselben Meinung.
Aber der Buchfink und die Kohlmeise standen unten auf der Erde und betrachteten den toten Vogel.
„Der arme Sperling,“ sagte der Buchfink, „er tut mir leid.“
Doch die Kohlmeise erwiderte: „Er konnte kein besseres Geschick erwarten. Er war ehrgeizig; und das darf man nicht sein, wenn man ein Sperling ist.“
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Die Bienenkönigin.
Der Bauer machte seinen Bienenkorb auf.
„Heraus mit euch!“ sagte er zu den Bienen. „Die Sonne scheint, und überall springen die Blumen auf, daß es ein Vergnügen ist. Jetzt seid mir schön fleißig und sammelt mir recht viel Honig, damit ich ihn im Herbst dem Kaufmann bringen kann! Eins muß zum anderen kommen, und ihr wißt wohl, es steht schlimm mit der Landwirtschaft.“
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„Was geht uns deine Landwirtschaft an!“ summten die Bienen.
Aber sie schwärmten doch aus, denn sie hatten den ganzen Winter im Bienenkorb gesessen und hatten die frische Luft bitter nötig. Mit Summen und Brummen streckten sie sich und versuchten, ihre Flügel zu gebrauchen. Allerorten wimmelten sie hervor, kletterten am Korbe auf und nieder, flogen auf die Blumen und Büsche und spazierten auf der Erde umher.
Einige hundert Bienen waren es.
Zuletzt kam die Königin. Sie war größer als die anderen und herrschte über den Bienenstaat.
„Hört jetzt auf mit den Narrenstreichen, Kinder!“ befahl sie, „und macht euch an die Arbeit! Eine ordentliche Biene faulenzt nicht, sondern faßt tüchtig mit an und nützt ihre Zeit aus.“
Dann teilte sie sie in Kompagnien ein und gab ihnen Anweisungen für ihre Arbeit.
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„Ihr da fliegt aus und seht nach, ob Honig in den Blüten ist! Die zweite Kompagnie kann Blütenstaub sammeln, und wenn ihr nach Hause kommt, liefert ihr alles hübsch an die alten Bienen dort ab!“
Und fort flogen sie. Aber alle Jungen waren noch übrig. Sie standen in der letzten Kompagnie, denn sie waren noch nie mit dabei gewesen.
„Was sollen +wir+ tun?“ fragten sie.
„Ihr? Ihr sollt +schwitzen+!“ erwiderte die Königin. „Eins, zwei, drei! Dann fangen wir mit der Arbeit an.“
Und sie schwitzten, so schön sie es gelernt hatten; das prächtigste gelbe +Wachs+ drang aus ihrem Körper hervor.
„So ist’s recht!“ lobte die Königin. „Jetzt fangen wir an zu bauen.“
Und die alten Bienen nahmen das Wachs und begannen, eine Menge kleiner, sechseckiger Kammern zu bauen, allesamt gleichmäßig und dicht aneinander. Während sie noch bauten, kamen die anderen mit Blütenstaub und Honig geflogen, den sie der Königin zu Füßen legten.
„Nun kneten wir Teig!“ sagte sie. „Aber gießt erst ein wenig Honig hinein, dann schmeckt es besser!“
Sie kneteten und kneteten und fertigten niedliche, Bienenbrötchen an, die sie in die Kammern trugen.
„Und jetzt bauen wir weiter!“ kommandierte die Bienenkönigin, und sie schwitzten Wachs aus und bauten, daß es eine Lust war.
„Ich werde mich nun wohl an meine Arbeit machen müssen,“ sagte die Königin und seufzte tief auf; denn das war das Schwerste vom Ganzen.
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Sie setzte sich mitten in den Bienenkorb und fing an, Eier zu legen. Große Haufen legte sie; und die Bienen liefen herzu, nahmen die kleinen Eier in den Mund und trugen sie in die neuen Kammern. Jedes Ei bekam sein eigenes Stübchen; und als alle untergebracht waren, befahl die Königin, an den Kämmerchen Türen anzubringen und sie fest zuzumachen.
„So ist’s gut,“ sagte sie, als sie fertig waren. „Jetzt könnt ihr mir zehn schöne, große Stuben am Rande des Korbes bauen.“
Das taten die Bienen denn auch schleunigst und darauf legte die Königin zehn niedliche Eier, eins in jede von den großen Stuben, und setzte Türchen davor.
Tag für Tag flogen die Bienen aus und ein und sammelten große Haufen von Honig und Blütenstaub; aber am Abend, wenn ihre Arbeit beendigt war, machten sie die Türen ein klein wenig auf und guckten zu den Eiern hinein.
„Paßt auf!“ sagte die Königin eines Tages. „Jetzt kommen sie.“
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Und auf einmal barsten alle Eier; in jedem Kämmerlein lag ein niedlicher, kleiner Säugling.
„Was für Bürschchen das sind!“ sagten die jungen Bienen. „Die haben ja keine Augen, und wo haben sie denn ihre Beine und Flügel?“
„Es sind +Maden+,“ sagte die Königin, „und so habt ihr Grünschnäbel auch einmal ausgesehen. Man muß erst eine Made sein, ehe man eine ordentliche Biene werden kann. Geschwind jetzt, gebt ihnen etwas zu essen!“
Die Bienen hatten viel zu tun, um die Jungen zu füttern; aber sie behandelten nicht alle gleich gut. Die zehn, die in den großen Stuben lagen, bekamen so viel zu essen, wie sie nur wollten; und jeden Tag wurde eine große Portion Honig zu ihnen hineingetragen.
„Das sind Prinzessinnen,“ sagte die Königin. „Darum müßt ihr sie gut behandeln. Die andern könnt ihr knapper halten mit der Kost, das sind nur Arbeiter, und sie müssen sich daran gewöhnen, zu nehmen, was man ihnen gibt.“
Und die armen, kleinen Geschöpfe bekamen jeden Morgen ein Stückchen Bienenbrot und mehr nicht; damit mußten sie sich zufriedengeben, mochten sie auch noch so hungrig sein.
In einem von den sechseckigen Kämmerchen, dicht neben den Stuben der Prinzessinnen, lag eine kleine, winzige Made. Sie war die jüngste von allen und erst vor kurzem aus dem Ei gekommen. Sehen konnte sie nicht, aber sie konnte ganz deutlich draußen die erwachsenen Bienen schwatzen hören; und währenddessen lag sie mäuschenstill da und hatte ihre eigenen Gedanken.
„Ich könnte wohl ein bißchen mehr essen,“ sagte sie und klopfte an ihre Tür.
„Du hast genug bekommen für heute,“ antwortete die alte Biene, die draußen auf dem Gange hin und her kroch und als Bienen-Oberkindermädchen angestellt war.
„Ja, aber ich bin hungrig!“ rief die kleine Made. „Und dann möchte ich in eine Prinzessinnenstube, hier wird’s mir zu eng.“
„Nun höre mal einer das an,“ sagte die alte Biene spöttisch. „Man sollte meinen, sie wäre eine echte, rechte Prinzessin, bei den Ansprüchen, die sie macht! Du bist auf der Welt, um dich abzurackern, liebes Kind. Eine ganz gewöhnliche Arbeitsbiene bist du, und etwas anderes wirst du nie, solange du lebst.“
„Aber ich will Königin werden!“ rief die Made und trommelte gegen die Tür.
Auf solch dumme Rede gab die Alte natürlich gar keine Antwort, sondern ging weiter zu den andern. Überall wollten sie mehr zu essen haben; die kleine Made konnte alles hören.
„Das ist doch grausam,“ dachte sie bei sich, „daß wir so hungern sollen.“
Und schließlich klopfte sie an die Wand, die an das Zimmer der Prinzessin stieß, und rief:
„Gib mir ein bißchen von deinem Honig! Darf ich zu dir in deine Stube kommen? Ich verhungere sonst hier, und ich bin doch nicht schlechter als du!“
„Wart’ du nur, bis ich Königin bin!“ sagte die Prinzessin; „ich werd’ dir deine Unverschämtheit ankreiden, das kannst du mir glauben.“
Aber kaum hatte sie ausgesprochen, da fingen die anderen Prinzessinnen an zu schreien und zu toben, daß es schrecklich anzuhören war.
„Du wirst nicht Königin! Ich werde es ... ich werde es!“ schrien sie durcheinander und fingen an, auf die Wände loszuhämmern und einen entsetzlichen Lärm zu machen.
Das Oberkindermädchen kam schleunigst herbeigelaufen und machte die Türen auf.
„Was befehlen Ew. Gnaden?“ fragte die alte Biene mit vielen Verbeugungen und Kratzfüßen.
„Mehr Honig!“ riefen sie alle wie aus einem Munde. „Aber ich zuerst, ich zuerst; +ich+ werde Königin!“
„Auf der Stelle, auf der Stelle, Ew. Gnaden!“ antwortete das Kindermädchen und lief von dannen, so schnell seine sechs alten Beine es tragen konnten.
Bald darauf kam die Alte mit mehreren andern Bienen zurück. Sie schleppten eine Menge Honig mit sich; den steckten sie den unzufriedenen kleinen Prinzessinnen in den Mund; und nach und nach schwiegen die denn auch still und legten sich schlafen.
Aber die kleine Made war wach und dachte nach. Sie war gar zu hungrig und rüttelte an ihrer Tür.
„Gib mir Honig! Ich kann es nicht mehr aushalten! Ich bin nicht schlechter als die anderen!“
Die alte Biene befahl ihr zu schweigen.
„Sei still, du kleiner Schreihals; die Königin kommt!“ Und da kam die Königin auch wirklich schon.
„Macht daß ihr fortkommt,“ sagte sie zu den Bienen. „Ich will allein sein!“
Lange stand sie stumm vor den Stuben der Prinzessinnen.
„Da liegen sie nun und schlafen!“ sagte sie endlich. „Essen und schlafen, das können sie, vom Morgen bis zum Abend; und mit jedem Tag werden sie größer und dicker. Noch ein paar Tage, dann sind sie groß und kriechen aus. Und dann ist meine Zeit vorbei. Ich weiß es wohl! Ich habe gehört, wie die Bienen davon sprachen, sie möchten eine jüngere und schönere Königin haben, und dann jagen sie mich mit Schimpf und Schande davon. Aber das lasse ich mir doch nicht gefallen. Morgen schlage ich sie alle zehn tot; dann kann ich auf dem Thron bleiben, bis ich sterbe.“
Damit ging sie, aber die kleine Made hatte alles mit angehört.
„Ach Gott!“ dachte sie, „eigentlich ist es doch schade um die kleinen Prinzessinnen. Furchtbar eingebildet sind sie ja freilich, und häßlich sind sie auch gegen mich gewesen; aber es wäre doch traurig, wenn die alte Königin sie totschlüge. Ich glaube, ich sag’s dem alten Brummpeter draußen.“
Und sie fing wieder an, auf die Tür loszutrommeln; und die alte Biene kam angelaufen, aber diesmal war sie ordentlich böse.
„Jetzt nimm dich aber in acht, mein liebes Kind,“ sagte sie. „Du bist die Allerjüngste und machst am meisten Lärm. Das nächstemal sage ich es der Königin.“
„Hör’ mich doch erst mal an,“ sagte die Made; und sie erzählte den bösen Plan der Königin.
„Du meine Güte, ist das wahr?“ rief die Alte und schlug vor Schreck mit den Flügeln um sich. Und ohne weiter zuzuhören, machte sie, daß sie fortkam, um es den andern Bienen zu erzählen.
„Mir scheint, ein wenig Honig hätte ich für meinen guten Willen verdient,“ sagte die kleine Made. „Na, wenigstens kann ich mich jetzt mit gutem Gewissen schlafen legen.“
Am nächsten Abend kam die Königin, als sie glaubte, alle Bienen wären zu Bette, und wollte die Prinzessinnen töten. Die Made konnte hören, wie sie laut mit sich selbst sprach; aber sie hatte Angst vor der bösen Königin und wagte nicht, sich zu rühren.
„Wenn sie doch nur die Prinzessinnen nicht totschlüge!“ dachte sie bei sich und rutschte näher an die Tür, um zu hören, was geschehen würde.
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Vorsichtig sah sich die Bienenkönigin nach allen Seiten um. Aber in diesem Augenblick strömten auf einmal die Bienen herzu, packten sie, an den Beinen und Flügeln und schleppten sie fort.
„Was soll das bedeuten?“ schrie sie; „seid ihr Rebellen?“
„Nein, Majestät,“ erwiderten die Bienen ehrerbietig; „aber wir wissen, daß Sie vorhaben, die Prinzessinnen zu töten, und das können wir unmöglich zulassen. Was sollen wir dann im Herbste anfangen, wenn Ew. Majestät sterben?“
„Laßt mich los!“ schrie die Königin und versuchte sich loszureißen. „Noch bin ich Königin und kann tun und lassen, was ich will. Woher wißt ihr, daß ich zum Herbst sterben muß?“
Aber die Bienen hielten sie fest und schleppten sie vor den Bienenkorb. Da ließen sie sie frei; sie aber schüttelte zornig ihre Flügel und rief:
„Ihr Aufrührer seid es gar nicht wert, daß ich über euch herrsche. Ich bleibe keine Stunde länger hier, ich fliege fort und gründe mir einen neuen Staat. Will einer mit von euch?“
Mehrere von den alten Bienen, die zusammen mit der Königin Maden gewesen waren, erklärten, sie wollten mit ihr reisen, und bald darauf flogen sie fort.
„Nun haben wir keine Königin,“ sagten die anderen Bienen. „Wir müssen nur gut für die Prinzessinnen sorgen.“
Sie überfütterten die Prinzessinnen mit Honig vom Morgen bis zum Abend; und sie wurden größer und größer, gediehen und zankten sich und machten immer mehr Lärm, je älter sie wurden.
An die kleine Made dachte niemand.
Eines Morgens flogen die Türen zu den Stuben der Prinzessinnen auf, und alle zehn traten als schöne, ausgewachsene Königinnen heraus. Die andern Bienen kamen gelaufen und staunten sie mit bewundernden Blicken an.
„Nein, wie schön sie sind!“ sagten sie. „Es ist schwer zu sagen, welche die Schönste ist.“
„Ich!“ rief eine.
„Da irrst du dich,“ fiel eine andere ein und stach sie mit ihrem Stachel.
„Was ihr euch einbildet!“ schrie die dritte; „ich sollte meinen, ich bin denn doch viel schöner als ihr.“
Gleich schrien sie durcheinander, und bald entbrannte eine heiße Schlacht. Die Bienen wollten sie trennen, aber das alte Oberkindermädchen sagte zu ihnen:
„Laßt sie nur; dann sehen wir, welches die Stärkste ist, und die wählen wir dann zur Königin. Mehr als eine können wir ja doch nicht brauchen.“
Die Bienen stellten sich rings im Kreise auf und sahen dem Kampfe zu. Er dauerte lange, und es ging blutig her. Abgebissene Flügel und Beine flogen in der Luft umher, und nach kurzer Zeit lagen acht Prinzessinnen tot am Boden. Die zwei letzten kämpften noch lange miteinander. Die eine hatte alle ihre Flügel eingebüßt, und die andere hatte nur noch vier Beine.
„Wir bekommen eine invalide Königin, welche von beiden es auch sein wird!“ sagte eine von den Bienen. „Wir hätten die alte behalten sollen!“
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Aber diese Bemerkung hätte sie sich sparen können, denn in diesem Augenblick stachen sich die Prinzessinnen so heftig mit ihren Stacheln, daß beide mausetot umfielen.
„Das ist eine schöne Geschichte!“ riefen die Bienen und liefen verstört umher. „Jetzt haben wir keine Königin! Was sollen wir machen? Was sollen wir machen?“
Verzweifelt und ratlos krochen sie in dem Bienenkorbe hin und her. Aber die Ältesten und Klügsten setzten sich in einen Winkel und hielten Rat. Sie redeten lange hin und her, was sie bei diesem unvorhergesehenen Unglücksfall anfangen sollten; zuletzt nahm das Oberkindermädchen das Wort:
„Ich will euch sagen, wie ihr aus der Klemme kommt; ihr braucht nur meinen Rat zu befolgen! Ich kann mich noch entsinnen, daß dasselbe Unglück einmal vor langer Zeit hier im Bienenkorb passiert ist. Damals war ich selbst eine Made; ich lag in meiner Kammer und hörte deutlich, was vorging. Alle Prinzessinnen hatten einander erschlagen, und die alte Königin war weggeflogen -- ganz wie jetzt. Aber da nahmen die Bienen eine von uns Maden und legten sie in eine von den Kammern der Prinzessinnen. Täglich fütterten sie sie mit dem feinsten und besten Honig, der im Bienenkorbe zu finden war, und als sie groß wurde, war sie eine echte Königin. Ich besinne mich ganz genau auf die Sache, denn ich war damals der Ansicht, sie hätten ebensogut mich nehmen können. Aber das ist jetzt gleichgültig. Ich schlage euch vor, daß wir es ebenso machen.“
Die Bienen riefen erfreut, das wollten sie auch tun, und liefen gleich hin, um eine Made zu holen.
„Wartet mal!“ rief das Oberkindermädchen, „und nehmt mich mit! Ich kann euch ja noch helfen. Seht mal, es muß eine von den jüngsten Maden sein; denn sie muß Zeit haben, über ihre neue Stellung nachzudenken. Wenn man zur einfachen Arbeitsbiene erzogen ist, gewöhnt man sich nicht so leicht daran, eine Krone zu tragen.“
Das leuchtete den Bienen denn auch ein, und die Alte fuhr fort:
„Gleich neben den Stuben der Prinzessinnen liegt eine kleine Made. Sie ist die Jüngste von allen. Die hat vielleicht etwas von der vornehmen Art der Prinzessinnen gelernt, und ich habe bemerkt: sie hat Charakter. Außerdem war sie so ehrlich, mir die bösen Absichten der alten Königin wiederzuerzählen. Die wollen wir nehmen!“
Da begaben sich die Bienen in feierlichem Aufzug in die enge Kammer, in der die kleine Made lag. Höflich klopfte das Oberkindermädchen an die Tür, machte sie vorsichtig auf und erzählte der Made, was die Bienen beschlossen hätten. Anfangs wollte die Made ihren Ohren nicht trauen; aber als man sie behutsam in eine von den schönen, großen Stuben trug und ihr so viel Honig brachte, wie sie nur essen konnte, da merkte sie, daß das alles Ernst war.
„Ich werde also doch Königin!“ sagte sie zum Oberkindermädchen. „Das hättest du dir wohl nicht träumen lassen, du alter Brummbär?“
„Ich hoffe, Ew. Majestät vergessen mir meine unpassenden Bemerkungen aus jener Zeit, als Sie drüben lagen!“ sagte die alte Biene und verneigte sich ehrerbietig.
„Ich vergebe dir!“ antwortete die neugebackene Prinzessin. „Hol’ mir mal ein bißchen mehr Honig!“
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Nach kurzer Zeit war die Made zur Biene herangewachsen und trat aus ihrer Kammer, so groß und schön, wie die Bienen es sich nur wünschen konnten. Und wie sie kommandieren konnte!
„Fort mit euch!“ befahl sie. „Wir brauchen mehr Honig für den Winter, und ihr da müßt noch viel mehr Wachs ausschwitzen. Ich gedenke, einen Flügel an den Korb anzubauen. Darin sollen die neuen Prinzessinnen im nächsten Jahr wohnen; es ist zu unangenehm für sie, so nahe bei den einfachen Maden liegen zu müssen.“
„Ei der Tausend!“ sagten die Bienen untereinander. „Man sollte wahrhaftig glauben, daß sie zur Königin bestimmt war, seitdem sie im Ei lag.“
„Nein,“ erklärte das Bienen-Oberkindermädchen, „das war sie nicht; aber die +Gedanken+ einer +Königin+ hat sie gehabt, und das ist die Hauptsache.“
Der alte Weidenbaum.
Es gibt viele Sorten von Weidenbäumen; und sie gleichen einander so wenig, daß man gar nicht glauben sollte, daß sie zu einer Familie gehören.
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Einige kriechen an der Erde hin, so klein und armselig sind sie. Sie wohnen auf der Heide oder hoch oben auf den Bergen oder in den kalten Polarländern. Im Winter sind sie ganz verborgen unterm Schnee, im Sommer stecken sie ihre Nasen gerade über die Heidekrautspitzen weg.
Sie gleichen Leuten, die sich verstecken, weil es ihnen so dürftig geht. Es ist aber dumm, sich zu schämen, weil man arm ist, und das tun die kleinen Zwergweiden auch nicht. Doch sie wissen, daß die Erde, in der sie wachsen, so arm ist, daß sie es nie zu ordentlichen Bäumen bringen können. Würden sie in die Höhe laufen und, gleich ihren vornehmen Vettern, den Pappeln, in die Wolken ragen, so würden sie bald etwas anderes erfahren.
Die Pappeln sind nämlich ihre Vettern.
Sie sind die vornehmsten von allen Weiden, und sie wissen es, was ihnen jeder auf den ersten Blick ansieht. Sobald man nur darauf achtet, wie sie sich recken, weiß man Bescheid.
Die Buche und die Eiche und die Birke und wie all die anderen Bäume heißen mögen, strecken höflich einen Zweig nach der einen und einen nach der andern Seite aus.
„Darf ich ergebenst um ein bißchen Sonnenschein bitten?“ fragt der Zweig, der oben in der Luft ragt.
„Kann ich vielleicht mit ein bißchen Schatten dienen?“ fragt der Zweig weiter unten an der Erde.
Aber bei den Pappeln hört man ein ander Lied. Da heißt es:
„Alle Zweige geradeaus in die Luft! Dicht an den Stamm mit euch! Da unten gibt es nichts zu gucken! In die Höhe gesehen! ... Marsch!“
Und alle Zweige starrten gerade empor, und der ganze Baum wächst aufrecht und stolz.
Das strengt an. Aber es ist vornehm. Und es lohnt sich. Denn hat man je einen schmuckeren Baum gesehen, als so eine richtige, echte Pappel, die aufrecht dasteht wie ein Zinnsoldat und hoch ist wie ein Kirchturm?
Und wenn die Pappeln so längs des Weges stehen, in langer Reihe auf beiden Seiten, bekommt man beim Hindurchwandern durch die Allee ganz ehrfürchtige Gedanken und ist nicht im geringsten erstaunt, wenn es sich herausstellt, daß die Allee zu einem hübschen Schlosse führt.