Chapter 2 of 14 · 3996 words · ~20 min read

Part 2

Dann kam ein Tag, wo einmal ein Hänfling in dem Fliederstrauch im Garten des Bauern saß. Er war auf dem Wege nach Süden, denn es war Herbst; seine Kinder waren längst flügge, und die Fliegen begannen spärlicher zu werden.

„Das ist ein schönes Land,“ sagte er und sah über all das Grün hin. „Wären hier mehr Bäume, so hätte ich Lust, hier zu wohnen, wenn ich im Frühling zurückkomme.“

„Ich bin das schönste Land der Welt!“ sagte die Marsch. „Aber ich bin auch auf seltsame Art entstanden. Aus dem Meere bin ich emporgestiegen. Das Meer hat mich gebildet. Vögel und Fische, Tang und Salzkräuter und tausend andere Tiere und Pflanzen haben mir jeder sein Scherflein gegeben. Darum bin ich schöner und merkwürdiger als alle andern Teile der Erde.“

„Hat das Meer dich gebildet?“ fragte der Hänfling. „Wie merkwürdig! Ich habe immer gedacht, das Meer tut nur Böses. Darüber muß ich etwas Näheres hören. Erzähle! Ich habe Zeit. Die Sonne scheint heute so warm, und ich habe hier im Garten siebzehn Fliegen gefunden. Erst heute nacht reise ich weiter.“

Und die Marsch erzählte, wie alles zugegangen war.

„Hörst du das Meer draußen hinter den Deichen?“ fragte sie zuletzt. „Es ist meine Mutter. Ihr verdanke ich das Leben. Geduldig hat sie Millionen kleiner Stücke Lehm und Sand und Kreide zusammengetragen, um mich daraus zu bauen. Sie hat mich mit ihren eigenen Pflanzen gedüngt. Sie blieb stillstehen, damit das alles Zeit fände, zu sinken, und damit ich fest und gut würde.“

„Ja,“ sagte der Hänfling. „Ich kenne auch eine Geschichte vom Meere. Die sollst du jetzt hören. Sie spielt viele, viele Meilen weit von hier; und es ist viele, viele Jahre her. Dort lag ein Land, so schön wie du, aber ganz anders. Das ragte mit weißen Felsufern zum Himmel auf und trug grüne Wälder, wogendes Getreide und üppiges Gras. Im Walde sangen die Vögel, und die Hirsche sprangen. Die Bauern pflügten ihren Boden, und überall dufteten die Blumen. Ganz zu äußerst am Felsufer hatte der Gutsherr sein Schloß erbaut. Mit Türmen und Zinnen und goldenen Wetterfahnen ragte es in die Lüfte.“

„Das Land möchte ich sehen,“ sagte die Marsch.

„Du kannst nicht hinkommen,“ fuhr der Hänfling fort. „Denn jenes Land existiert nicht mehr. Es ist eines Tages zusammengestürzt, und das Meer ist schuld daran.“

„Du lügst,“ sagte die Marsch. „So etwas könnte das Meer niemals tun. Es kann wohl hier und da einmal böse werden und bis über die Deiche hinaufspritzen. Ich habe auch den Bauern erzählen hören, daß es eines Nachts zur Zeit seines Urgroßvaters ganz über mich hereingebrochen ist. Doch am nächsten Tage lief es wieder durch die Schleusen hinaus und lag hübsch da und baute Land wie früher.“

„Ich lüge nicht,“ sagte der Hänfling. „Höre weiter! Jeden Tag nahm das Meer ein Stück Kreide von dem Felsen fort und höhlte ihn so völlig aus. Dann schüttelte sich das Meer mit aller Gewalt und nahm einen Anlauf, und da stürzte das Felsufer ein. Menschen und Tiere und Bäume und Blumen stürzten nieder und wurden zerschmettert. Die Burg fiel ein mit ihren Türmen und Zinnen und goldenen Wetterfahnen. Am nächsten Tage überspülte das Meer das Ganze in aller Ruhe, als ob nichts geschehen wäre.“

„Ich glaube dir trotzdem nicht,“ sagte die Marsch. „Woher weißt du das?“

„Ich habe es von meiner Urururururgroßmutter,“ erzählte der Hänfling. „Die hatte ihr Nest in einer wunderschönen Buche. Fünf Junge hatte sie und dann natürlich einen Mann. Die stürzten alle nieder und kamen in den Wellen um. Sie selbst wurde durch ein reines Wunder gerettet. Aber die Katastrophe hatte sie so erschüttert, daß sie sie nie vergaß. Als sie im nächsten Jahr aus Italien zurückkehrte und einen neuen Mann nahm und sechs neue Kinder bekam, da erzählte sie es ihnen. Und die haben es ihren Kindern erzählt. Und so ist es bis zu mir gelangt. Und du kannst überzeugt sein, daß die Geschichte von dem bösen Meer sich von Generation zu Generation forterben wird.“

„Ich kann es nicht glauben,“ rief die Marsch.

„Warte ein wenig,“ sagte der Hänfling. „Was ist denn das da?“ Er flog auf den Deich, wohin der Bauer die alte, rostige Wetterfahne geworfen hatte, betrachtete sie und hackte mit dem Schnabel darauf.

[Illustration]

„Das ist eine Wetterfahne!“ sagte er. „Und zwar eine feine Wetterfahne ist es gewesen. Vielleicht war sie auf dem Schloß am Felsufer angebracht. Du solltest das Meer einmal fragen.“

Die Marsch lag ein Weilchen da und dachte nach. Das Meer war unruhiger als gewöhnlich. Ab und zu spritzte Schaum über den Deich auf.

„Hör’ einmal dein sanftes Meer,“ sagte der Hänfling höhnisch.

„Meer!“ rief die Marsch.

„Laß mich!“ rief das Meer zurück. „Ich bin heute wütend und weiß nicht, was ich tue.“

Da rief die Marsch: „Stets habe ich dich als meine milde Mutter verehrt und dir gedankt, daß du mir das Leben gegeben hast. Nun sitzt hier ein Hänfling, der erzählt, du seiest böse und wild und habest ein entsetzliches Unglück angerichtet.“

„Ich mache, was ich will,“ erwiderte das Meer. „Sende den Hänfling zu mir heraus, so werde ich ihn ertränken!“

„Hör’ mal an!“ rief der Hänfling.

Und die Marsch fragte: „Ist das wahr, daß du vor vielen Jahren ein prachtvolles Felsufer mit der Schloßherrschaft, mit Bauern, Hirschen und Wäldern und einer ganzen Hänflingfamilie vernichtet hast?“

„Das wird wohl stimmen,“ antwortete das Meer. „Was weiß ich noch von den alten Geschichten! Ich mache, was ich will.“

„Ist das die Windfahne des Schlosses, die da auf dem Deich liegt?“ rief die Marsch.

„Wenn da eine Windfahne liegt, so hat sie auch wohl mal irgendwo gesessen,“ sagte das Meer. „Was soll all das Gerede? Du bist mein Land. Ich habe dich gebaut; und was in dir ist, hast du von mir erhalten. Laß mich zufrieden! Und hüte dich!“

„Hörst du es?“ rief der Hänfling.

Die Marsch dachte nach. Die Dämmerung brach herein. Die Kühe lagerten sich im hohen Grase nieder, um wiederzukäuen. Der Bauer stand in seiner Tür und sah nach Westen.

„Der Himmel sieht schlimm aus,“ sagte er. „Und das Meer ist heute abend sehr unruhig. Wenn wir zur Nacht nur kein Gewitter bekommen!“

„Ich bleibe bis morgen hier,“ zwitscherte der Hänfling. „Laß uns noch ein bißchen zusammen plaudern, Marsch! Ich verstehe recht gut, daß du es satt hast. Es ist niemals angenehm, über seinen Nächsten so etwas zu erfahren. Aber die Wahrheit ist die Hauptsache.“

Die Marsch lag schweigend da und dachte nach. Der Abend rückte vor. Der Bauer schlief mit den Seinen. Im Busch schlief auch der Hänfling. Das Meer aber brüllte lauter und lauter. Wilde Wolken jagten am Himmel dahin.

Da plötzlich erwachte die Marsch aus ihren Gedanken.

„Du böses Meer!“ rief sie.

„Was sagst du?“ brüllte das Meer. „Bist du von Sinnen? Schiltst du mich aus, obwohl ich dir das Leben gegeben habe?“

„Du böses Meer!“ rief die Marsch wieder. „Dieb! Lügner! Heuchler! Kein Körnchen von dem, was du mir gabst, ist dein Eigentum. Du hast jeden Fetzen von +mir+ geraubt. Dieb! Lügner! Heuchler! Den Fels zertrümmertest du und trugst ihn herüber und spieltest den Wohltäter mit deiner Diebesbeute! Jetzt kenne ich dich, und ich verachte dich.“

„Rasest du?“ brüllte das Meer, und alle die weißen Wogenkämme sprangen auf den Deichrand. „Das Felsufer habe ich erbaut, und dich habe ich erbaut. Das Felsufer habe ich niedergerissen, und ich reiße dich nieder, sobald es mir Spaß macht. Ich mache, was ich will.“

„Dieb! Lügner! Heuchler!“ schrie die Marsch.

Es war, als ob das Meer vor Wut einen Augenblick still würde. Aber dann erhob es sich mit all seiner Macht.

„Nieder mit dir, du undankbares Kind!“ schrie es.

Es durchdrang die Deiche und stürmte auf die Marsch los. Es zerbrach die Schleusenpfähle, die Bäume und alles, was ihm im Wege stand. Es überschwemmte das Gehöft des Bauern, so daß er und die Seinen in ihren Betten ertranken, wie die Kühe auf der Wiese ertrunken waren.

Das Ganze spielte sich in kürzester Zeit ab. Eine Stunde, nachdem es begonnen hatte, standen die Marsch und noch viel mehr Land unter Wasser. Nur die höchsten Kirchtürme ragten noch auf. Kein lebendes Wesen war übriggeblieben.

Auf der Flaggenstange im Garten des Bauern saß der Hänfling.

[Illustration]

Nur so entging er dem Wasser. Er schlug mit den Flügeln, war ganz verwirrt vor Schrecken und konnte nicht fliegen.

„Du böses Meer!“ schrie er.

„Ich mache, was ich will,“ sagte das Meer.

Dann schlug es auch über dem Hänfling zusammen, und nun war alles begraben.

Die Erde und der Komet.

Die Geschichte, die ich nun erzählen will, ist höchst seltsam. Sie dauert ein paar hundert Jahre, so daß derjenige von uns, der mit darin vorkäme, lange vor ihrem Ausgang, ja bevor sie so recht in Gang gekommen wäre, tot und begraben sein würde.

Sie spielt draußen im Weltraume, wo die Sterne schwimmen, und wo es so kalt ist, daß der dickste Winterüberzieher nicht mehr Schutz bietet als ein kurzes Hemd. Und der Weltraum ist so groß, daß niemand es in Worten ausdrücken kann. Aber das macht nichts. Denn wenn einer es könnte, so würden ihn die andern doch nicht verstehen.

* * * * *

Draußen im Weltraum drehte sich die Erde um die Sonne, wie sie es seit vielen Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag getan hat. Sie drehte sich in einem fort; einem andern wäre längst schwindlig davon geworden.

Aber die Erde war an diese Drehung gewöhnt, die ein ganzes Jahr dauerte; und sobald sie die eine Umdrehung beendet hatte, begann sie die nächste.

Während der ganzen Zeit drehte sie sich außerdem noch um sich selbst, wie ein junger Hund, der hinter seinem Schwanz herläuft. Doch dazu brauchte sie nicht mehr als vierundzwanzig Stunden; und das tat sie auch nur, damit die Sonne alle ihre Seiten gleichmäßig beschiene. Denn auf der Seite, die der Sonne abgewandt war, herrschte stets finstere Nacht. Und wenn die Erde Europa, Asien und Afrika ununterbrochen der Sonne zukehren würde, so kämen die Leute in Amerika ja überhaupt nicht aus dem Bett heraus.

Die Erde hatte also gar nicht so wenig zu tun; und außerdem hatte sie auch noch auf den Mond achtzugeben.

Der Mond konnte ja freilich, wenn es darauf ankam, für sich selber sorgen. Denn er hatte nichts andres zu tun, als sich, ganz wie die Erde, um sich selbst zu drehen und außerdem um die Erde, so wie die Erde sich um die Sonne bewegte. Er war viel kleiner als die Erde und hatte in Wirklichkeit nichts zu sagen. Darum redete die Erde immer in befehlendem Tone mit ihm, und dafür neckte der Mond sie unaufhörlich.

Ein wenig kam das ja auch daher, daß die beiden einander so nahe waren, und daß alle die andern Sterne zu weit entfernt waren, so daß man nicht mit ihnen sprechen konnte. Und wenn man immer und ewig zusammen sein muß, wird man leicht ärgerlich aufeinander.

Regelmäßig einmal in jedem Monat war der Mond voll. Dann grinste sein rundes Gesicht so recht von Herzen, so daß die Erde stets ganz wütend wurde.

„Seht, wie er leuchtet, der jämmerliche Trabant!“ sagte die Erde. „Er bildet sich ein, er wäre ein Fixstern.“

Der Mond grinste, solange es dauerte. Aber es dauerte nie lange. Mit jeder Nacht bekam er ein immer längeres Gesicht; und es sah aus, als hätte er Katzenjammer. Schließlich verschwand er ganz, kam aber sofort wieder hervor und wurde größer und größer, bis er dann wieder voll war.

„Kannst du mir folgen?“ fragte die Erde.

„Natürlich,“ erwiderte der Mond.

„Hoffentlich nimmst du die Zeit richtig wahr,“ fuhr die Erde fort. „Vergiß es nur nicht: wenn ich einmal um die Sonne laufe, läufst du dreizehnmal um mich. Sonst kommt der Kalender in Unordnung.“

„Ich bin schon lange genug umhergerennt, um zu wissen, was ich zu tun habe, du böser, alter Planet!“ sagte der Mond; denn er war an diesem Tage gerade voll, und dann pflegte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Aber er neckte die Erde auch noch auf andere Art. Manchmal zog er von dem Wasser auf der Erde so viel, wie er konnte, auf die eine Seite hinüber, so daß dort Hochwasser war, während auf der andern das Wasser niedrig stand. Dann geschah es, daß an der einen Stelle Überschwemmungen und Unglücksfälle eintraten, und daß an der andern die Schiffe strandeten. Und die Leute, die darunter zu leiden hatten, riefen, auf dieser verfluchten Erde sei das Leben nicht auszuhalten. Aber das kränkte die Erde natürlich, da sie unschuldig war, und darum wurde sie doppelt böse auf den Mond.

„Nun ist der Bursche schon wieder voll,“ schalt sie. „Ich möchte eigentlich wissen, was für einen Zweck es hat, daß er in einem fort herumrennt.“

So zankten sie sich, während ein Jahr nach dem andern verstrich und sie ihre bestimmten Bahnen zurücklegten. Ringsum wanderten die andern Sterne mit ihren Sorgen und Kümmernissen dahin. Und in der Mitte des Ganzen leuchtete über ihnen allen die Sonne.

* * * * *

Eines Tages im März kam ein fremder Stern durch den Weltraum angeschwommen.

Weder die Erde noch der Mond hatten ihn jemals gesehen; und darum machten sie große Augen, als sie ihn erblickten. Er glich auch den andern Sternen durchaus nicht; denn er hatte einen langen, leuchtenden Schweif.

„Was in aller Welt ist das für ein Bursche?“ fragte die Erde.

„Ich habe noch nie so etwas gesehen!“ sagte der Mond.

Sie waren beide so überrascht, daß sie nahe daran waren, stillzustehen. Der fremde Stern kam immer näher; und die Erde bekam Angst, daß er gegen sie anrennen werde. Als er nahe genug war, so daß man ihn anrufen konnte, schrie die Erde:

[Illustration]

„Hallo! Was willst du hier auf meinem Weg? Wer bist du? Woher kommst du? Wohin gehst du?“

„Du fragst viel auf einmal,“ sagte der fremde Stern.

„Wer bist du?“ fragte die Erde wieder.

„Ich bin bloß ein kleiner Komet,“ erwiderte der Stern. „Aber wer bist du denn?“

[Illustration]

„Ich bin ja die Erde. -- Nun weißt du wohl Bescheid?“

„Bescheid weiß ich wahrhaftig noch nicht,“ antwortete der Komet. „Diese Himmelsgegend ist mir nämlich ganz fremd; ich bin noch nie hier gewesen und noch keinem einzigen von den Sternen vorgestellt worden.“

„Da bist du an die richtige Quelle gekommen,“ erklärte die Erde wichtig. „Es ist nicht meine Gewohnheit zu prahlen; aber ich darf wohl sagen, daß ich der Begabteste von uns allen bin.“

„Da habe ich ja Glück gehabt,“ sagte der Komet. „Aber spute dich ein bißchen mit deiner Erzählung. Ich habe keine Zeit, müßig zu sein.“

[Illustration]

„Wir bewegen uns sehr schön schnell dahin,“ versetzte die Erde in freundlichem Ton. „Komm mit und begleite mich einmal um die Sonne herum! ... Wie? Es dauert bloß ein Jahr. Währenddessen können wir uns hübsch unterhalten.“

„Püh!“ erwiderte der Komet höhnisch. „Das nennst du schön schnell? Ich pflege ganz anders dahinzusausen. Spute dich und laß hören, was für Leute ihr hierzulande seid!“

„Versprich mir zuerst, daß du dich in acht nehmen willst, nicht gegen mich anzurennen,“ sagte die Erde.

Da lachte der fremde Stern so sehr, daß sein Schweif sich in drei Teile spaltete.

„Hab’ keine Angst,“ erwiderte er. „Ich bin ein lockerer, loser Geselle; und wenn ich mit einem Klotz wie du zusammenstieße, würde ich in tausend Stücke gehen.“

„Aha,“ meinte die Erde voll Eifer. „Du bestehst aus nichts als Feuer? In dem Zustand bin ich auch einmal gewesen.“

„Das ist wohl schon ziemlich lange her?“ fragte der Komet mißtrauisch. „Mich dünkt, du hast eine große Eiskapuze auf deinem Pol.“

„Allerdings,“ antwortete die Erde. „Sogar eine auf +jedem+ Pol. Aber ich glaube, es schadet nichts, wenn man einen kalten Kopf und kalte Füße hat, sobald man nur den Leib ordentlich warm hält.“

„Nun ... und das Feuer?“ fragte der Komet.

„Das hab’ ich in mir,“ erwiderte die Erde. „Du kannst es auch zu sehen kriegen, wenn du Lust hast.“

Und ohne zu zögern, ließ sie ein paar ihrer größten Vulkane lustig Feuer speien.

„Sieh, sieh!“ rief der Komet. „Etwas ist also wirklich vorhanden.“

„Etwas?“ fiel die Erde gekränkt ein. „Ich habe den ganzen Leib voll, wenn du’s wissen willst. Gerade das macht mich so außerordentlich interessant. Siehst du ... früher bin ich einmal ein ebenso loser, lustiger Gesell gewesen wie du. Aber dann hab’ ich mich zusammengenommen und habe mich verdichtet. Schließlich hat sich rings um mich eine dicke Kruste gebildet; und jetzt kann ich nur noch Kaminfeuer in meinen Vulkanen brennen lassen. Aber Feuer hab’ ich in mir!“

„Mit der Kruste, das muß eine lästige Sache sein,“ sagte der Komet.

„Nun ja,“ sagte die Erde. „Man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Und jetzt leben Menschen darauf.“

„Menschen?“ wiederholte der Komet. „Was ist denn das?“

Die Erde juckte sich nachdenklich am Nordpol und stieß dabei an die Eiskapuze, so daß sich ein paar gewaltige Blöcke loslösten, die als Eisberge ins Meer hinaustrieben.

[Illustration]

„Tja,“ sagte sie dann. „Eigentlich ist es wohl so eine Art Ungeziefer.“

„Pfui!“ warf der Komet ein.

Die Erde schwieg ein Weilchen, wie wenn sie nachdächte. Dann fuhr sie fort:

„Wenigstens kribbeln und krabbeln sie herum, daß man manchmal rein verrückt dabei werden möchte. Und je mehr hinzukommen, desto ärger wird es. Sie durchwühlen mich in Kreuz und Quere, um Kohlen und Metall zu finden und was sie sonst noch brauchen können. Sie legen Schienen und fahren mit Dampf rings um mich herum, sprengen Löcher in meine größten Berge und schlagen Brücken über meine Gewässer. Und dann sagen sie, sie seien meine Herren.“

„Ich finde es nicht sehr rühmlich für einen Stern, sich von solchem Gewürm Vorschriften machen zu lassen,“ sagte der Komet. „Kannst du diese Wesen denn nicht von dir abschütteln?“

„+Versucht+ hab’ ich es,“ entgegnete ihm die Erde. „Und zwar mehr als einmal und auf verschiedene Weise. Ich habe eine Menge Feuer und glühende Steine durch meine Vulkane ausgeworfen und ganze Städte der Menschen darunter begraben. Oft habe ich auch Sturmfluten kommen lassen, so daß sie zu Tausenden ertranken. Und wenn ich finde, daß sie gar zu zudringlich werden, dann schüttle ich mich und erzeuge ein +Erdbeben+.“

„Na,“ warf der Komet ein, „und hilft das denn gar nicht?“

„Ein bißchen nützt das ja allerdings,“ erwiderte die Erde. „Auf die Dauer aber doch nicht. Es sind zu viele geworden, glaube ich. Ich hätte früher daran denken sollen, als es noch weniger waren, und als sie noch nicht so klug waren. Wenn ich ein paar tausend von ihnen ertränkt oder begraben habe und hoffe, daß die Familien dieser Menschen vor Hunger und Kummer umkommen, dann sammeln die andern für sie und trösten sie und helfen ihnen; und nach ein paar Jahren bin ich wieder genau so überfüllt wie vorher.“

„Ich habe noch nie so etwas gehört,“ sagte der Komet, „und begreife nicht, daß du das duldest.“

„Ja ... was soll ich machen?“ entgegnete die Erde. „Ich kann nicht mehr fertig mit ihnen werden. Sie haben mich von Pol zu Pol untersucht, so daß ich bald keinen Fleck mehr für mich habe. Sie haben Berechnungen mit mir angestellt und Messungen an mir vorgenommen und haben mich von allen Ecken und Kanten beschrieben ... Manche von ihnen setzen auf ihren Tisch eine Kugel, die mich vorstellen soll, und auf der sie mich aufs genaueste untersuchen können. Sie berechnen im voraus, wann Sturm und Gewitter eintritt und Erdbeben und dergleichen ... An ihren Wänden hängen Apparate, die es ihnen erzählen. Was soll ich nun mit ihnen anfangen?“

„Ich weiß es nicht,“ sagte der Komet. „Aber das weiß ich: +ich+ würde so etwas nicht dulden.“

Da lachte die Erde höhnisch und sagte:

„Pah! Bilde dir nur nichts ein! In diesem Augenblick, während wir beide hier zusammen plaudern, haben meine Menschen dich bereits entdeckt. Durch ihre Fernrohre starren sie dich an, und sie berechnen deine Bahn, geben dir einen Namen und schreiben ganze Bücher über dich. Das heißt, das tun die Klügsten von ihnen. Die Idioten aber haben Angst vor dir und glauben, daß du gekommen seist, um den Untergang der Welt zu verkünden.“

„Wer sind die Idioten?“ fragte der Komet.

Da gab die Erde ihrer Eiskapuze einen Stoß, so daß das halbe Atlantische Meer sich mit Eisbergen füllte und die Bäume zu Pfingsten noch immer kahl waren.

„Ich wünschte, du hättest mich nicht danach gefragt,“ sagte sie verlegen.

„Verzeihung,“ fiel der Komet ein. „Vielleicht ist es ein Familiengeheimnis.“

„Nein,“ entgegnete die Erde. „Durchaus nicht. Aber es ist mir bis auf den heutigen Tag unmöglich gewesen herauszufinden, +wer+ eigentlich die Idioten sind. Vorhanden sind sie -- +das+ weiß ich. Sogar in großer Zahl. Aber sie sind nicht ohne weiteres zu erkennen. Danach, was die Menschen selbst sagen, kann man sich ganz und gar nicht richten. Denn jeder einzelne von ihnen hält sich selbst für klug und alle andern für Idioten.“

„Dann sind sie wohl alle Idioten,“ meinte der Komet.

Doch da fühlte sich die Erde im Namen ihrer Menschen gekränkt. Es kam ihr der Gedanke, daß sie doch wohl zu offenherzig gegen solch einen fremden Stern gewesen sei, von dem sie ja im Grunde nicht das geringste wußte, und der sich obendrein selber als lose, unsolide Person vorgestellt hatte. Darum schlug sie einen sehr würdigen Ton an, als sie erwiderte:

„Durchaus nicht, mein lieber Komet. Durchaus nicht. Aber es hat ja keinen Zweck, weiter über diese Dinge zu reden, von denen du doch nichts verstehst. Ich pflege sonst nicht zu prahlen, aber ich möchte dich doch bitten zu beachten, daß ich von allen Sternen bei weitem der interessanteste bin. Sieh dich im ganzen Weltraum um, soweit du willst: meinesgleichen wirst du nicht finden. Schau’ auf die Venus, die da drüben leuchtet, schau’ auf den Jupiter und Mars, und wie sie alle heißen, die gleich mir die Sonne umkreisen. Und dann sieh +mich+ richtig an! Und übersieh nicht meine tiefen, frischen Meere, meine Buchenwälder und Palmenhaine ...“

„Offen gestanden, ich kann nichts von alledem entdecken,“ erwiderte der Komet. „Aber darum kann es ja doch wahr sein. Übrigens kommt es mir so vor, als hättest du einen regelrechten Nebel um dich herum.“

„Ach so,“ sagte die Erde, ein wenig peinlich berührt. „Den hab’ ich ganz vergessen gehabt. Das ist meine +Atmosphäre+.“

„Es ist ja beängstigend, wie du geplagt bist ... mit deiner Kruste, deinen Menschen und deiner Atmosphäre.“

„Komet!“ sagte die Erde ernst. „Allerdings renne ich um die Sonne wie die andern Sterne, die ich vorhin erwähnte; allerdings bin ich einer der allerkleinsten darunter. Und doch bin ich überzeugt, daß ich im Grunde den Mittelpunkt der Welt bilde.“

„Du kommst außer Atem,“ antwortete der Komet. „Du pflegst ja nicht zu prahlen, wie du sagst ... Setz’ dich ein bißchen und prahle weiter!“

„Mich setzen?“ wiederholte die Erde in beleidigtem Ton. „Ja, wenn ich das täte, wäre es bald aus mit mir. Das Ganze beruht ja gerade darauf, daß ich meine Drehung um die Sonne genau ausführe. Und ich kann dir sagen: ich prahle +nicht+. Ich bin wirklich der wunderbarste aller Sterne ... allein meiner Menschen wegen. Ihresgleichen hat kein andrer Stern ... He, hallo! Was fehlt dir? Du rennst mir wohl gar davon?“

„Das tu’ ich allerdings,“ versetzte der Komet.

„Herrgott,“ sagte die Erde betrübt. „Kannst du denn nicht noch ein paar Jahre hier bleiben? Ich finde unser Beisammensein so gemütlich. Und das kannst du mir glauben: besonders amüsant ist es nicht, immer den gleichen Weg zurücklegen zu müssen und sich mit niemand als dem dummen Mond unterhalten zu können.“

„Wer ist das ... der Mond?“ fragte der Komet.

„Das ist der kleine Bursche, den du drüben siehst,“ antwortete die Erde, „und der mich die ganze Zeit umkreist. Es ist ein elender, pensionierter Stern, den ich zu mir genommen habe, als er sich verwahrlost im Weltraum umhertrieb. Jetzt ist er völlig erloschen -- ein dummes, unglückliches Geschöpf, das man ebensogut ins Armenhaus bringen könnte. Aber hierzulande pflegt man einen Mond um sich zu haben. Der Jupiter hat sogar +acht+. Aber ich finde, das ist blöde Großtuerei.“

„Adieu!“ sagte der Komet.

„Bleib noch ein Weilchen!“ bat die Erde.

„Ich kann nicht,“ erwiderte der Komet. „Ich habe meine bestimmte Bahn zurückzulegen und muß mich jetzt schneller vorwärtsbewegen. Außerdem hab’ ich deine Prahlereien satt.“

„Wann kommst du wieder?“ fragte die Erde.