Part 9
Die Zwergweide und die Pappel gehören zu derselben Familie. Die eine ist die einfachste der einfachen Linie, die andre die vornehmste der vornehmen Linie. Zwischen ihnen gibt es noch viele andre Weiden. Es gibt Weiden, deren Blätter auf der einen Seite wie Silber sind, und Weiden, deren Blätter wehmütig im lauen Sommerwinde zittern, so daß die Dichter sie in Versen besingen. Und es gibt Weiden, deren Zweige so traurig zur Erde hinabhängen, daß die Menschen sie auf ihre Gräber pflanzen, und Weiden, deren Zweige so zäh und geschmeidig sind, daß die Menschen sie verwenden, um Körbe daraus zu flechten. Es gibt auch solche, aus denen man sich Pfeifen schnitzen kann, -- wenn man sich auf diese Kunst versteht. Und dann gibt es noch eine Menge Weidenarten, von denen sich gar nichts Besonderes erzählen läßt.
Der Weidenbaum in dieser Geschichte gehörte eben zu dieser Mittelsorte. Aber er hatte ein eigenartiges Schicksal, und darum wird die Geschichte hier erzählt.
Sein Schicksal nahm seinen Anfang damit, daß eine der stolzen Pappeln, die in der Allee des Herrenhofs standen, von einem fürchterlichen Sturme umgeweht wurde. Ganz unten an der Wurzel brach sie durch, der Stumpf wurde ausgegraben, und das Loch, das in der langen Reihe der Bäume entstand, sah recht häßlich aus. Sobald es Frühjahr wurde, kam der Förster deshalb mit einem Steckling und steckte ihn dort, wo die alte Pappel gestanden hatte, in die Erde, trat den Boden ringsherum fest und nickte dem Steckling zu.
„Nun spute dich und werde groß,“ sagte er. „Ich weiß, es liegt dir im Blute, und du brauchst bloß den Weg entlangzuschauen; da siehst du ein paar Musterexemplare, nach denen du dich richten kannst.“
Der Mann glaubte eine Pappel gepflanzt zu haben. Aber aus Versehen hatte er einen ganz gewöhnlichen Weidenzweig genommen; und als die Zeit verstrich und der Steckling heranwuchs, kam dies an den Tag.
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„Was ist das für eine Mißgeburt?“ sagte der Förster. „Den ziehen wir wieder heraus.“
„Lassen Sie ihn nur stehen, wo er einmal steht,“ meinte der Besitzer des Herrenhofs.
Er war nun einmal in dieser Laune an jenem Tage.
„Sollen wir ihn unter uns dulden?“ fragten die Pappeln längs des Weges.
Lange rauschten sie und berieten die Sache; und da niemand wußte, wie sie den Neuling loswerden sollten, kamen sie überein, ihn zu dulden. Er gehörte ja nun einmal zur Familie, wenn auch nicht zu ihrem vornehmen Zweige.
„Aber gib dir Mühe und recke dich so viel wie möglich,“ sagte die Pappel, die ihm am nächsten stand. „Du bist in feine Gesellschaft geraten, verstehst du. Du hättest besser an den Tümpel eines Bauerndorfs gepaßt als in eine Herrenhofallee. Aber nun ist der Skandal einmal da; und nun kommt es darauf an, ihn zu verdecken. Wir andern recken uns noch ein bißchen mehr; und dann wollen wir hoffen, daß die feinen Leute vorbeifahren, ohne dich zu beachten.“
„Ich werde tun, was in meinen Kräften steht,“ erwiderte die Weide.
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Auf dem Felde ganz in der Nähe auf einer kleinen Anhöhe stand eine Eiche. Außerdem wuchs auf der Anhöhe eine wunderschöne wilde Rose. Die hörten beide mit an, was die Alleebäume sagten, und die Eiche begann, die Bäume zu verhöhnen.
„Daß ihr da draußen am Wege stehen mögt!“ sagte sie. „Wollt ihr nicht auch noch auf und ab rennen wie die törichten Menschen? Es ist häßlich und dumm von eurer Mutter, daß sie euch dorthin gesät hat. Man soll in einem Walde zusammen mit andern wachsen, wenn man nicht schön und vornehm genug ist, um allein zu stehen, wie ich.“
„Meine Mutter hat mich gar nicht gesät,“ sagte der Weidenbaum.
„Gott behüte,“ spottete die Eiche. „Also deine Mutter hat dich gar nicht gesät? Und die andern sind vielleicht auch nicht gesät? Ihr seid vielleicht gar vom Himmel herabgefallen?“
„Wenn du deine Augen aufgemacht hättest, würdest du gesehen haben, daß der Förster mich hierhergesetzt hat,“ sagte die Weide. „Ich bin ein Steckling.“
Und den ganzen Weg entlang rauschten die Pappeln einander zu:
„Wir sind Stecklinge .. Stecklinge .. Stecklinge ...“
Es war eine richtige Allee.
„Da hast du dich ganz richtig benommen,“ sagte die Pappel, die der Weide zunächst stand. „Fahre nur so fort, wie du angefangen hast; dann werden wir dir vergeben, daß du nicht so vornehm bist wie wir.“
„Ich werde tun, was in meinen Kräften steht,“ erwiderte der Weidenbaum.
Die Eiche sagte nichts. Sie wußte nicht, was Stecklinge sind, und wollte sich keine Blöße geben und keine Dummheit sagen. Aber gegen Abend flüsterte sie dem wilden Rosenstrauch zu:
„Was war das für dummes Zeug, das von den Stecklingen?“
„Das ist kein dummes Zeug,“ erwiderte der Rosenstrauch. „Was die Weide gesagt hat, ist richtig. Ich selbst bin zwar aus einem Samen aufgewachsen wie du, und ich habe auch nicht gesehen, daß der Förster den Weidenbaum gepflanzt hat; denn ich hatte an dem Tage gerade viel mit meinen Knospen zu tun. Aber ich habe im Garten auf dem Herrenhof ein paar vornehme Cousinen. Die sind aus Stecklingen entstanden. Ihr Duft ist lieblich, ihre Farben sind schön und ihre Kelche vielblättrig! Aber Samen bekommen sie nicht.“
„So etwas!“ sagte die Eiche.
Und der Rosenstrauch fügte hinzu: „Ich will auch lieber die wilde Rose bleiben, die ich bin.“
* * * * *
Die Jahre vergingen. Es wurde Frühling und Sommer, Herbst und Winter. Es kam Regen und Schnee, Sonnenschein und Sturm, es kamen gute und böse Tage. Die Vögel flogen aus dem Lande fort und kehrten wieder zurück, die Blüten sprangen auf und verwelkten, die Bäume belaubten sich und warfen ihr Laub wieder ab, wenn ihre Zeit gekommen war.
Der Weidensteckling wuchs und wuchs rasch heran, wie es nun einmal in der Familie lag. Er war jetzt ein ganzer Baum geworden, mit dickem Stamm und vielverzweigter Krone.
Aber eins ließ sich ja nicht leugnen -- eine Pappel war es nicht. Und die Kollegen in der Allee waren sehr unzufrieden mit ihm.
„Ist es dir denn gar nicht möglich, etwas mehr in die Höhe zu wachsen?“ fragte die nächste Pappel. „Du hättest ja überhaupt nicht hier stehen dürfen; aber da du nun einmal durch einen unglücklichen Zufall in die Allee geraten bist, so möchte ich doch wünschen, daß du dich ein bißchen emporreckst.“
„Ich werde tun, was in meinen Kräften steht,“ erwiderte der Weidenbaum.
„Ich fürchte, daß deine Kräfte nicht ausreichen,“ sagte die Pappel. „Du verstehst es gar nicht, deine Zweige in deiner Nähe zu halten. Sie hängen ganz schlapp nach allen Seiten heraus, als ob du eine gewöhnliche Buche oder Birke oder Eiche wärst, oder wie die ordinären Bäume alle heißen mögen.“
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„Nennst du mich ordinär, du Windbeutel?“ rief die Eiche.
Aber die Pappel kümmerte sich nicht um diese Worte, sondern fuhr fort, die Weide zu ermahnen.
„Du solltest dir ein Beispiel an der Frau auf dem Herrenhof nehmen,“ sagte sie. „Anfangs war sie nichts andres als ein ganz gewöhnliches Küchenmädchen. Sie scheuerte die Töpfe, machte das Feuer an und rührte im Milchbrei. Ich habe oft gesehen, wie sie mit einem Eimer in der Hand durch die Allee spazierte, mit bloßen Armen, bloßem Kopf und aufgeschürztem Kleide.“
„Wir haben es mitangesehen ... wir haben es mitangesehen,“ rauschte es die Allee entlang.
„Dann verliebte sich der Besitzer des Herrenhofs in sie und machte sie zu seiner Frau,“ fuhr die Pappel fort. „Jetzt trägt sie seidene Kleider mit Schleppen und einen Straußfederhut und Goldkäferschuhe und lange Handschuhe aus Paris und sieht von oben auf die Leute herab ... Noch gestern fuhr sie in dem feinen Wagen mit den vier Braunen hier vorbei!“
„Wir haben es mitangesehen ... wir haben es mitangesehen,“ rauschte es die Allee entlang.
„Sie ist auch so in die Allee hineingeraten, verstehst du,“ sagte die Pappel. „Sie hat es gelernt, sich aufzurecken und zu +rauschen+, und nun rauscht sie. Mir scheint, du kannst von ihr lernen. Du gehörst doch wenigstens zur Familie, wenn du auch keine richtige Pappel bist; da müßte es dir doch leichter fallen als ihr.“
„Ich werde tun, was in meinen Kräften steht,“ erklärte der Weidenbaum.
Aber es wurde nichts daraus. Seine Zweige fuhren fort, nach den Seiten zu wachsen, und der ganze Baum war nur halb so hoch wie die niedrigste der Pappeln. Übrigens war er wirklich hübsch und nett, aber darauf kommt es ja nicht an in der vornehmen Welt.
Und die Pappeln ärgerten sich mit jedem Tag mehr über ihn.
Sie selbst standen aufrecht, ragten in die Luft und gaben keinen andern Schatten als den, den ihre Stämme warfen. Aber unter dem Weidenbaum war ein recht großer, schattiger Platz.
„Er verdirbt die ganze Allee,“ schalt der zunächst stehende Baum.
„Die ganze Allee ... die ganze Allee ... die ganze Allee,“ rauschten die Pappeln.
An einem schönen, sonnenwarmen Sommertag kam der Herrenhofbesitzer durch die Allee. Er nahm den Hut ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich in den Schatten des Weidenbaums.
„Hab’ Dank für deinen Schatten, du guter Weidenbaum,“ sagte er. „Die verfluchten Pappeln ragen in die Luft und geben kaum Schatten wie meine Hand groß. Ich glaube, ich lasse sie alle fällen und pflanze an ihrer Stelle Weiden.“
An dem Tage war er nun einmal in dieser Laune.
„Habt ihr gehört, wie der Herr mich gelobt hat?“ fragte der Weidenbaum, als jener gegangen war.
„Du lieber Gott,“ sagte die nächste Pappel. „Ob wir’s gehört haben! Es ist ein richtiger Skandal. Er redet wie ein ganz gewöhnlicher Bauer. Aber das kommt natürlich von der Heirat mit der Köchin. Es bleibt doch ewig wahr: Gleich und gleich gesellt sich gern.“
„Gleich und gleich gesellt sich gern ... gesellt sich gern ...“ rauschte es die Allee entlang.
Die Eiche auf der kleinen Anhöhe auf dem Felde bog ihre krummen Zweige vor Lachen. Und die wilde Rose, deren Hagebutten sich bereits zu röten begannen, nickte dem Weidenbaum zu.
„Jedem das Seine,“ sagte sie. „Wir haben unsre Sorgen, und die Vornehmen haben die ihren. Ich tausche mit keinem.“
„Man möchte ja gerne seinen Platz ausfüllen,“ sagte seufzend die Weide.
Auf die warmen Tage folgten Regen und Sturm. Die Wege glichen Morästen und waren schlecht zu befahren. Nur in der Allee war es immer sofort wieder trocken, soviel es auch geregnet hatte. Denn die Pappeln gaben keinen Schatten, so daß die Sonne gleich herzu konnte, sobald der Regen aufgehört hatte. Und auch vor dem Winde boten sie keinen Schutz, so daß der Wind herbeieilen und die Pfützen trocknen konnte.
Der Besitzer des Herrenhofs kam mit seiner Frau gefahren. Als der Wagen an die Stelle gelangte, wo der Weidenbaum stand, bespritzte der Schlamm das neue Seidenkleid der Frau.
„Uh!“ rief sie.
„Was ist das für eine Schweinerei?“ schrie der Herr.
Der Förster, der beim Kutscher auf dem Bock saß, zeigte auf den Weidenbaum.
„Der Bursche ist schuld daran,“ sagte er. „Er ist aus Versehen gepflanzt worden, und nun ist er herangewachsen. Die Weide hindert den Wind und die Sonne, so daß immer ein großer Tümpel unter ihm steht, wenn sonst schon alles trocken ist in der Allee.“
„Hat man je so etwas gehört!“ sagte der Gutsherr. „Und wie er aussieht! Er verdirbt ja die ganze, schöne Pappelallee. Sorgen Sie dafür, daß er noch morgen gekappt wird, Förster ... Die ganze Krone soll herunter, hören Sie!“
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An dem Tage war er nun einmal in dieser Laune.
Am nächsten Tag kamen die Leute und sägten den Weidenbaum in Mannshöhe ab. Der dicke, nackte Stamm blieb allein zurück. Es waren nur noch fünf Blätter an ihm, die saßen an einem kleinen Zweige unten über der Erde und gehörten eigentlich gar nicht dahin. Die ganze schöne Krone lag im Graben. Und dann zerhieb der Förster mit seiner Axt alle Zweige.
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„Werden Stecklinge daraus?“ fragte die Weide verzagt.
„Sie werden als Brennholz dienen,“ erwiderte der Förster und zerhieb die letzten Reiser.
„Dann laß mich lieber auch gleich sterben,“ sagte der Weidenbaum.
„Vorläufig bleibst du den Winter über stehen,“ erklärte der Förster. „Wenn der Schnee überall dick und gleichmäßig liegt, kannst du als Wegweiser an dem Graben dienen. Was später geschehen wird, hat der Gutsherr zu entscheiden.“
„Da findet die Stecklingskomödie ein schönes Ende,“ bemerkte die Eiche.
„Armer Weidenbaum,“ sagte der wilde Rosenstrauch.
„Vielen Dank,“ rief der Weidenbaum. „Ich bin noch ein bißchen verwirrt. Es ist nicht so einfach, wenn man seine ganze Krone verliert. Darum weiß ich nicht recht, was aus mir wird.“
„Es ist ein fürchterlicher Skandal,“ schalt die nächste Pappel. „Ein Familienskandal, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat! Möchten die Leute dich doch ganz fortnehmen, damit du uns nicht länger blamierst, du ekliger, welker Pflock!“
„Familienskandal ... Skandal ... Skandal,“ rauschte es die Allee entlang.
„Ich fühle mich gar nicht welk ... sonderbarerweise,“ sagte der Weidenbaum. „Ich weiß auch nicht, daß ich etwas getan habe, dessen ich mich schämen müßte. Ich bin hierhergesetzt worden; und ich habe mein Möglichstes getan, um meinen Platz auszufüllen. Der Gutsherr hat mich das einemal gelobt und das andremal abhauen lassen. Man muß das Leben nehmen, wie es kommt. Eine Pappel bin ich nicht geworden, aber zur Familie gehöre ich doch. Und die Familie hat auch noch andre Eigenschaften als den Stolz. Wir wollen sehen, was aus mir wird.“
„Er spricht wie ein Mann,“ sagte der wilde Rosenbusch.
Die Eiche sagte nichts. Und die Pappeln rauschten vornehm, sprachen aber nicht mehr vom Familienskandal.
* * * * *
Der Gutsherr und seine Frau reisten nach Italien und blieben ein paar Jahre dort wohnen. Das hatte zur Folge, daß der gekappte Weidenbaum ruhig zwischen den stolzen Pappeln stehenbleiben durfte. Wenn die Herrschaft nicht auf dem Gut war, dachte niemand an die vornehme Allee.
Den Winter über stand der Weidenbaum still und verzagt da. Es ist ganz natürlich, daß man keine Lust hat zu reden, wenn einem der Kopf abgehauen ist. Aber im März begann er plötzlich aufs jämmerlichste zu stöhnen:
„Ach, mein Kopf! mein Kopf!“ schrie er.
„Hat man je so etwas gehört?“ sagte die Eiche. „Redet er nicht von seinem Kopf? Und dabei kann doch jeder sehen, daß der ihm abgeschnitten, und nur ein elender Knorren zurückgeblieben ist.“
„Du hast gut reden,“ klagte der Weidenbaum. „Du solltest nur an meiner Stelle sein. Meine ganze Krone ist weg mit all den großen Ästen und kleinen Zweigen, an denen die Knospen fürs nächste Jahr so nett saßen, jede in ihrem Blattwinkel. Aber alle meine Wurzeln habe ich noch ... alle die, die ich mir damals angeschafft habe, als ich noch für einen großen Haushalt zu sorgen hatte. Jetzt scheint die Sonne, und die Wurzeln saugen und saugen. Der Saft strömt durch meinen Stamm empor und steigt mir zu Kopfe. Zu gar nichts kann ich ihn gebrauchen ... au, au ... ich zerspringe, ich sterbe!“
„Armer Weidenbaum,“ sagte der Rosenbusch.
Aber drüben auf der andern Seite der kleinen Anhöhe stand ein Holunderstrauch, mit dem sonst niemand sprach, und der sich sonst nie in die Unterhaltung der andern einmischte.
„Es wird schon alles gut werden,“ sagte er. „Höre nur auf einen armen, aber ehrlichen Holunderstrauch! Zuletzt kommt alles, so oder so, wieder in die Reihe.“
„Ja, du hast allerhand im Leben durchgemacht,“ warf die Eiche ein.
„Herrje,“ sagte der Holunder. „Sie haben mich abgehauen und gestutzt und gekappt und an allen Ecken und Kanten geknickt. Aber so oft sie mir auf der einen Seite etwas fortnahmen, immer trieb ich auf der andern Seite einen neuen Zweig. Dem Weidenbaum geht es wohl ebenso. Der gehört auch zu einer zähen Familie.“
[Illustration: „Er nahm den Hut ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich in den Schatten des Weidenbaumes.“]
„Habt ihr’s gehört?“ rief die nächste Pappel. „Der Holunderstrauch vergleicht seine Familie mit uns! Wir tun so, als hörten wir es nicht ... wir recken uns und rauschen.“
„Wir recken uns und rauschen ... rauschen ... recken uns ... rauschen,“ flüsterte es die Allee entlang.
„Was sind das für sonderbare kleine Dinger da oben am Ende des Weidenbaums?“ fragte die Eiche. „Seht doch bloß ... oben schwillt es an ... es ist wohl Ausschlag ... Wenn wir nur nicht angesteckt werden!“
„Ach Gott, das sind Knospen,“ entgegnete der Weidenbaum. „Ich verstehe es nicht, aber ich fühle es. Es sind wirkliche, lebendige Knospen. Ich werde wieder grün ... ich bekomme eine neue Krone.“
Nun kam die alleremsigste Zeit des Jahres, wo ein jeder genug mit sich zu tun hatte, und niemand an den armen Weidenbaum dachte.
Die vornehmen Pappeln und der arme Holunder bekamen Blätter. Das Gras am Grabenrande wurde grün, das Getreide wuchs auf dem Felde, der wilde Rosenstrauch streckte seine feinen Blättchen hervor, auf daß seine Blüten sich im Juni um so schöner ausnähmen. Veilchen und Anemonen blühten und starben, Gänseblümchen und Stiefmütterchen, Löwenzahn, wilder Kerbel und Petersilie erwachten ... überall herrschte ein freudiges Leben und Treiben. Die Vögel sangen, wie sie noch nie gesungen hatten, die Frösche quakten im Sumpfe, und die Schlange lag auf dem Steinwall und sonnte ihren schwarzen Leib.
Die einzige, die sich nicht an der allgemeinen Freude beteiligte, war die Eiche. Sie war von Natur mißtrauisch und wollte durchaus nicht aufspringen, bevor sie sah, daß alle die anderen grün waren. Darum schaute sie vom einen zum andern und entdeckte zuerst, was mit dem Weidenbaum geschah.
„Seht! Seht!“ schrie sie.
Da sahen alle hinüber und bemerkten, daß der Weidenbaum eine ganze Masse wunderschöner, grüner, langer, schwanker Zweige trug, die geradeaus in die Luft ragten, und an denen frische, grüne Blätter wehten. Alle die Zweige saßen in einem Kranze oben auf dem abgehauenen Stamm und waren so rank und schön, daß keine Pappel sich ihrer hätte zu schämen brauchen.
„Ich sagte es ja,“ meinte der Holunderstrauch, der ganz mit dunkelgrünen Blättern bedeckt war.
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„Nun habe ich wieder eine Krone,“ sagte der Weidenbaum. „Selbst wenn sie nicht so hübsch ist wie die alte -- eine Krone ist es, das kann niemand leugnen.“
„Nein,“ bestätigte die wilde Rose. „Das ist richtig. Übrigens kann man sehr glücklich +ohne+ Krone sein. Ich habe keine und habe nie eine gehabt und genieße doch Ehre und Ansehen in der Welt.“
„Wenn ich meine Meinung sagen darf, so ist einem die Krone bloß unbequem,“ sagte der Holunderstrauch. „Ich habe auch einmal eine gehabt, bin aber sehr zufrieden damit, daß sie sie mir weggenommen haben und daß ich meine Zweige wachsen lassen kann, wie ich will.“
„So denke ich nicht,“ sagte der Weidenbaum. „Ich bin ein Baum, und ein Baum muß eine Krone haben. Hätte ich keine neue Krone bekommen, so wäre ich vor Kummer und Scham zugrunde gegangen.“
„Es ist doch Pappelblut in ihm,“ bemerkte die nächste Pappel.
Die andern rauschten beifällig.
„Wir wollen sehen, was daraus wird,“ sagte die Eiche.
Der Sommer verging, wie er zu vergehen pflegt. Die Sonne schien so lange, bis alles, was Leben hatte, um Regen bat. Dann regnete es, bis alle den Himmel um Sonnenschein anflehten.
Der Weidenbaum gehörte nicht zu den Schlimmsten. Von Natur war er genügsam. Und außerdem freute er sich so sehr über seine neue Krone, daß es schien, als könne er sich in alles finden, was es auch sein mochte.
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Oben im Wipfel, mitten in dem Kranz von grünen Zweigen, war ein Loch, das damals entstanden war, als der Förster die Krone kappte. Dieses Loch war gar nicht so klein; und wenn es geregnet hatte, stand es voll Wasser, das sich eine ganze Weile lang darin hielt, wenn die Sonne die Erde unten schon wieder getrocknet hatte.
Eines Tages kam eine Schwarzamsel geflogen und setzte sich dort oben nieder.
„Erlaubst du, daß ich einen Tropfen bei dir trinke, du alter Weidenbaum?“ fragte sie.
„Mit dem größten Vergnügen,“ antwortete der Weidenbaum. „Übrigens bin ich gar nicht so alt. Sie sind nur übel mit mir umgesprungen.“
„Jawohl,“ sagte die Schwarzamsel, „du bist gestutzt. Das kennen wir.“
„Sei doch so gut, dir die Füße abzutrocknen,“ bat der Weidenbaum. „Ich meine bloß, damit das Wasser nicht trübe wird, falls ein andrer kommt und trinken will. Bei dieser Dürre kann man ja nie wissen.“
Da scheuerte sich die Schwarzamsel die Füße an einem Holzsplitter rein. Der Splitter ging los; und als der Vogel fortflog, lag ein ganz kleiner Erdklumpen da. Am nächsten Tage kam eine Schwalbe und dann eine Lerche, und später kamen noch viele andere Vögel. Denn es sprach sich ja bald herum, daß man, wenn Wassernot herrschte, in der Regel einen Tropfen Wasser bei dem gekappten, alten Weidenbaum in der Allee bekommen konnte. Alle hinterließen sie dies oder jenes; und im Herbst lag so viel da, daß es eines schönen Tages zusammenstürzte und das ganze kleine Loch anfüllte, worin das Wasser war.
„Du hast da wohl eine kleine Kneipe,“ meinte die Eiche.
„Warum soll man nicht freundlich gegen seine Mitmenschen sein?“ fragte der Weidenbaum. --
Es wurde Herbst; welke Blätter wehten in den Weidenbaum hinein und verfaulten dort. Schon am Ende des Sommers hatte sich eine Libelle da oben zum Sterben niedergelegt; einer der flockigen Samen des Löwenzahns war neben sie herabgesunken. Und der Winter kam, und der Schnee fiel auf den kleinen Fleck hinunter und blieb seine Zeit über liegen, genau wie unten auf der Erde.
„Es ist ja so, als hätte ich ein ganzes kleines Stück; von der Welt in meinem Kopfe,“ sagte der Weidenbaum.
„Es ist nicht gesund, zu viel im Kopfe zu haben,“ belehrte ihn die Eiche.
„Einst hab’ ich eine große, herrliche Krone gehabt,“ sagte der Weidenbaum bekümmert. „Jetzt bin ich mit weniger zufrieden. Man muß das Leben nehmen, wie es kommt.“
„Ganz recht,“ sagte der wilde Rosenstrauch.
„Es wird schon alles gut werden,“ fiel der Holunderstrauch ein. „Ich sagte es ja.“
„Simpler, genügsamer Gesell,“ sagte die nächste Pappel.
„Simpler ... genügsamer ... Gesell,“ rauschte es die Allee entlang.
* * * * *
Der Winter verging und der Frühling kam ins Land. Mitten im Wipfel des Weidenbaums kam ein kleiner, grüner Zweig zum Vorschein.
„I, was bist denn du für einer?“ fragte der Weidenbaum.
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„Ich bin nur ein kleiner Löwenzahn,“ sagte der Keim. „Ich habe mit einer Menge von Geschwistern auf Mutters Kopfe gesessen. Jeder von uns hatte einen kleinen Fallschirm auf. Fliegt jetzt, Kinderchen, sagte die Mutter; je weiter ihr wegfliegt, desto besser ist’s. Ich kann nicht mehr für euch tun, als ich getan habe; und ich will’s nicht leugnen: ich bin ein wenig besorgt um alle die Kinder, die ich in die Welt gesetzt habe. Aber es läßt sich nun mal nicht wieder gutmachen; und ich hoffe, ihr findet einen Fleck, wo ein ehrlicher Löwenzahn sich durchschlagen kann.“
„Ja, genau so muß eine kleine Blumenmutter sprechen,“ sagte der wilde Rosenstrauch.
„Und dann?“ fragte der Weidenbaum.
„Dann kam ja ein Windstoß,“ fuhr der Löwenzahn fort. „Und wir flogen alle in die Luft, von unsern Fallschirmen getragen. Wo die andern geblieben sind, davon hab’ ich keine Ahnung; aber ich entsinne mich, daß es auf mich zu regnen anfing; und da wurde ich hierher verschlagen. Natürlich dachte ich, wenn ich trocken geworden wäre, weiterfliegen zu können. Aber daraus wurde nichts; denn mein Fallschirm war entzweigegangen. Drum mußte ich bleiben, wo ich war. Zu meiner großen Verwunderung sah ich, daß ich Erde unter mir hatte. Und es kam immer mehr Erde hinzu; den ganzen Winter über habe ich darin versteckt gelegen, und nun bin ich ausgekeimt. Da hast du meine ganze Geschichte.“
„Das ist ja ein richtiges Märchen,“ rief der wilde Rosenstrauch.
„Wohl möglich!“ sagte der Löwenzahn. „Aber wie soll’s mir in Zukunft gehen? Offen gestanden, ich möchte für mein Leben gern wieder unten auf der Erde sein.“
„Ich will für dich tun, was in meinen Kräften steht,“ versicherte der Weidenbaum. „Ich habe selber mancherlei Unglück gehabt; und es dient mir zu großer Ehre und Ermunterung, daß du in meinem armen Kopfe wächst.“
„Vielen Dank für deine Freundlichkeit!“ erwiderte der Löwenzahn. „Freundlichkeit ist nicht so häufig hier in der Welt, so daß man sie anerkennen soll, wo man sie antrifft. Aber schließlich kommt alles auf das Talent an; und ich fürchte, daß es damit hapern wird.“