Part 7
„Ja, dann wäre ich außerordentlich sorgfältig behandelt worden,“ sagte die Auster. „Ich wäre zusammen mit meinesgleichen in einen Korb gelegt worden ... nur zusammen mit meinesgleichen, verstehst du? Die Menschen haben auch so etwas Ähnliches ... Sie nennen es Damenstifte, glaube ich ... dahin dürfen auch nur adelige Damen kommen.“
„Werden die auch gegessen?“ fragte der Pfahl.
„Das glaube ich nicht,“ sagte die Auster. „Davon habe ich nie gehört. Die haben kaum so ein flottes Lebensende. Sie sitzen wohl da und welken hin.“
„Aber du?“
„Ja, der Korb wird dann irgendwohin gesandt, wo reiche, vornehme Menschen sind. Da wird er geöffnet und wir werden herausgenommen. Wir werden selber auch geöffnet und auf eine Schüssel gelegt, und dann werden wir lebend gegessen.“
„Uha!“ sagte der Pfahl. „Mir scheint nun doch ...“
„Natürlich scheint dir das seltsam,“ sagte die Auster. „Das kann ich so gut verstehen. Wie solltest du den Tod eines Kavaliers oder einer vornehmen Dame begreifen können? Du, der du hier stehst und verfaulst. Oder wie sollte es der Bohrwurm verstehen, der eines Tages tot in seinem Hause liegt? Es ist gewiß am besten, ich erzähle euch gar nichts mehr.“
„Ach doch, erzähle, bitte,“ sagte der Pfahl. „Kümmre dich nur nicht um das Geschwätz eines alten, armseligen Pfahls!“
„Na schön,“ sagte die Auster. „Wie weit waren wir doch gekommen?“
„Du hörtest genau an der Stelle auf, wo du gegessen werden solltest,“ erwiderte der Bohrwurm. „Es ist wahrhaftig kein Wunder, daß du die Geschichte ein wenig in die Länge ziehst.“
„Da haben wir wieder diese ungebildete Auffassung,“ sagte die Auster und wandte sich dem Pfahl zu. „Na, ich will sie ignorieren ... Also, wir werden auf die Schüssel gelegt, auf Eis, weißt du, viel Eis. Denn, wenn wir kalt sind, kommen unsere edlen Eigenschaften am besten zur Geltung; und dann werden wir auf einen Tisch gesetzt, der aufs festlichste geschmückt ist. Geschliffene Gläser und schönes Porzellan, feines Tischtuch, Blumen und viele Kerzen. Die Menschen, die rings um den Tisch herum sitzen, sind auch so fein wie nur möglich. Und dann wird Champagner eingeschenkt, und wir werden gegessen.“
„Lebend?“ fragte der Pfahl.
„Lebend, wie wir sind,“ erwiderte die Auster. „Wir sind ja nicht so zappelig wie die niederen Tiere. Das ist überhaupt ein sicheres Zeichen von Vornehmheit, daß man in allen Lebenslagen so ruhig wie möglich bleibt.“
„Dann muß +ich+ über die Maßen vornehm sein,“ sagte der alte Pfahl und lachte. „Denn ich habe mich in den vielen Jahren um keinen Zoll von der Stelle gerührt.“
„Ich weiß wahrhaftig nicht, wie es sich mit den Pfählen verhält,“ sagte die Auster. „Jetzt bist du jedenfalls ein Austernpfahl; und ich müßte mich sehr irren, wenn es in deinem Stande möglich ist, noch höher zu steigen. Übrigens mußt du mich jetzt für ein paar Tage entschuldigen. Ich muß Kinder zur Welt bringen.“
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Der Pfahl schwieg ehrerbietig, während der Bohrwurm lustig in ihm bohrte. Er wagte es höchstens, einen Seufzer von sich zu geben, um die Auster in ihren Wochenbettbetrachtungen nur ja nicht zu stören. Und auch die Auster war schweigsam und zurückhaltend für einige Zeit. Dann, an einem schönen Julitag, öffnete sie die Schalen weit, und ein Strom kleiner schwarzer Körner quoll hervor, die aussahen wie Schießpulver.
„Die jungen Austern,“ stellte sie vor.
„Ich hoffe, sie denken an mich, wenn sie sich häuslich niederlassen,“ sagte der Pfahl. „Das heißt, wenn ihre Frau Mutter bei mir zufrieden gewesen ist. -- Es sind ja sehr viele.“
„Zwei Millionen,“ sagte die Auster.
„Gott steh uns bei!“ rief der alte Pfahl.
„Ich kann wohl verstehen, daß die Zahl dir groß vorkommt,“ erklärte die Auster. „Du weißt ja eben nicht, wie es in vornehmen Häusern zugeht, wo man nicht zu sparen braucht. Ich kann mich nicht gut auf weniger einlassen. Du mußt wissen, daß es mit den allermeisten von ihnen schief abläuft, ehe sie zwei Tage alt sind.“
„Gott steh uns bei!“ wiederholte der Pfahl. Es fiel ihm nichts anderes ein. Es kam ihm so vor, als dächte die Auster zu großartig über alles.
„Junge Menschen aus unserem Stande sind einer Menge von Gefahren und Versuchungen ausgesetzt, die einfacher Leute Kinder gar nicht kennen,“ sagte die Auster. „Und dann sind sie auch etwas wild und unbändig. Daran ist gleichfalls das feine Blut schuld. Dazu ist nichts zu sagen, daß sie sich ein wenig austoben, bevor sie in die vornehme Ruhe versinken sollen, die einem echten Austerndasein das Gepräge verleihen muß. Von denen, die übrigbleiben, lassen sich dann wieder die meisten in unvernünftiger Weise nieder, ohne sich ordentlich vorzusehen. Ich möchte es viel nennen, wenn in einem Jahr noch zwanzig am Leben sind.“
„Aber tust du denn nicht das geringste, um ihnen auf den rechten Weg zu helfen?“ fragte der Pfahl.
„Das könnte mir nie einfallen,“ erwiderte die Auster. „Es paßt sich durchaus nicht für meinen Rang und Stand, Kindermädchen zu spielen. Ich würde außerdem mager davon werden und so meinen Platz nicht ausfüllen können, wenn der große Augenblick kommt.“
„Ha ha!“ sagte der Bohrwurm. „Deinen Platz in einem Menschenmagen! Du bist ganz verstört im Kopfe vor purer Vornehmheit, meine feine Cousine.“
Die Auster gähnte und schloß die Schalen wieder und tat, als ob sie nichts gehört hätte. Aber der alte Pfahl versank in sonderbare Gedanken, während sein ehrwürdiger Bart im Strome auf und ab wogte.
„Ich kann’s nicht verstehen,“ sagte er vor sich hin. „Wenn ich einen kleinen lieben Pfahl hätte, der mein Alter erfreuen könnte, so würde ich ihn besser behüten als mein eigenes Leben.“
Inzwischen schwammen die kleinen Austern ringsumher. Winzig klein waren sie, rund, mit zwei kleinen Schalen und einem Büschel Haare an dem einen Ende. Und sie waren ganz durchsichtig und in ihnen war etwas, das aussah wie ein ~S~.
„Das bedeutet Schampanjer,“ sagte die alte Auster, die so fein war, daß sie nie buchstabieren gelernt hatte. „Das ist ihr Adelsabzeichen.“
Sie spielten und mischten sich unter andere Austernkinder. Das Wasser war ganz getrübt von ihnen, so viele waren es. Aber die Dorsche fuhren mitten unter sie und würgten sie hinunter, und die Aale und Goldbutten machten es ebenso. Auch die schnatternden Enten fraßen sie auf ... Da waren genug, die ihnen zu Leibe wollten; aber es waren ja auch genug Austernkinder vorhanden.
Fünf Tage später saßen elf kleine Austern auf dem Pfahl neben der großen.
„Willkommen,“ sagte der Pfahl. „Ich werde alles tun, um die jungen Herrschaften zufriedenzustellen.“
In den Tangbart setzten sich mehrere; ein paar setzten sich auf die Steine des Grundes und ein paar auf den bloßen Sand.
„Das ist ausgezeichnet,“ lobte der Pfahl. „Wie munter und gesellig es nun bei mir auf meine alten Tage wird!“
„Es ist nicht alles Gold, was glänzt,“ verkündete die alte Auster. „Wir wollen abwarten.“
Und die Zeit verging.
Sie verging mit Gesprächen, wie sie früher vergangen war; und die Gespräche waren immer dieselben. Der alte Pfahl beteiligte sich nicht mehr immer daran, denn jetzt hatten die Austern sich ja untereinander, und ihre Unterhaltung war ungeheuer vornehm. Aber der Pfahl hörte doch zu und schob auch hin und wieder eine kleine bescheidene Bemerkung ein.
Da geschah es eines Tages, daß ein ganz außerordentlich niedriger Wasserstand eintrat.
Der Meeresgrund lag von der Küste an bis weit in den Fjord hinaus offen da. Alle Boote lagen auf dem Trockenen, und große Schiffe strandeten und stürzten auf die Seite. Steine, die nie das Tageslicht erblickt hatten, guckten nun über die Meeresfläche auf ... Alles war anders als sonst; niemand konnte sich erinnern, je einen solchen Tiefstand des Wassers erlebt zu haben.
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Mehr als die Hälfte des alten Pfahls ragte über die Wasserfläche hervor, und er war außer sich vor Entzücken. Die Sonne trocknete ein gutes Stück seines Innern, und er hatte ein Gefühl wie nie zuvor. Er konnte über das Land hinsehen, wo der Wald stand, in dem er aufgewachsen war; und es war, als ob sich der Nebel vor seiner Erinnerung höbe.
„Wart’ ein wenig ... wart’ ein wenig!“ rief er. „Jetzt erinnere ich mich daran ... Jetzt weiß ich es. ... Dort in jenem Walde habe ich einmal gestanden und war lebendig und grün ... mit Blättern angetan ...“
„Schrei nicht so laut,“ ermahnte die alte Auster, die dicht unter der Oberfläche des Wassers saß. „Du zitterst ja, daß das Wasser von mir wegplätschert.“
„Ja, aber jetzt erinnere ich mich!“ rief der Pfahl entzückt. „Es taucht alles wieder vor mir auf ... Es standen Blumen in dem Walde ... und die Vögel sangen.“
„Sehr wohl möglich, lieber Pfahl,“ sagte die Auster. „Ich ehre deine Gefühle. Es sind vermutlich solche Blumen gewesen, wie die Menschen sie auf den Tisch stellen, wenn sie mich verspeisen. Aber die Geschichte hier fängt wahrhaftig an, unangenehm zu werden. Ich bin oben schon halb trocken ... Sinkt das Wasser noch einen Zoll, so muß ich den schändlichsten Tod erleiden, der einer Auster widerfahren kann.“
Doch der alte Pfahl hörte und verstand nichts von dem, was sie sagte.
„Jetzt erinnere ich mich!“ rief er immer wieder. „Jetzt erinnere ich mich an alles! Ich bin einmal in alten Tagen eine +Brücke+ gewesen. Sie haben mich in den Erdboden eingerammt und haben mir eine Leibbinde von Eisen gegeben, damit der Bohrwurm mich nicht zerstören sollte ...“
In diesem Augenblick ertönte in seinem Innern ein herzzerreißender Seufzer.
„Ich sterbe ... Ich sterbe!“ stöhnte der Bohrwurm. „Die Sonne verbrennt mich bei lebendigem Leibe ... Wasser ... Wasser ... Wasser!“
Da erwachte der Pfahl aus seinen Kindheitsträumen und wurde wieder der brave Kerl, der in erster Linie für das Wohl seiner Gäste besorgt ist.
„Herr Gott! Herr Gott! Was sollen wir nur tun!“ rief er aus. Und er schlug und peitschte mit seinem ehrwürdigen Tangbart, aber er erreichte kaum noch das Wasser.
„Wir sterben! Wir sterben!“ seufzten die zwölf jungen, schönen Austern, die in seinem Barte hingen. „Wasser ... Wasser ... Wasser!“
Und der Bohrwurm gab schließlich den Geist auf, und auch die zwölf jungen, schönen Austern atmeten ihre Seelen in den klaren Sonnenschein aus, so daß der alte Pfahl ganz verzweifelt war.
„Es hält schwer,“ sagte die alte Auster. „Aber es geht noch.“
Am folgenden Tage stieg das Wasser zu seiner alten Höhe.
„Gott sei Dank,“ sagte der Pfahl, als er wieder ganz vom Wasser umspült wurde.
„Wir wollen erst sehen, was daraus wird,“ warnte die Auster. „Ich habe ganz sonderbare Ahnungen.“
Und das Wasser stieg und stieg, und es begann zu wehen. Und der Wind wurde zum Sturm. Von den Häusern an der Küste wurden die Dachziegel herabgeweht. Zwei Boote kenterten, und die Menschen, die darin waren, ertranken jämmerlich. Der alte Pfahl schwankte bedenklich unten am Grunde. Die Steine auf dem Meeresboden stürzten rings um ihn um; sie fielen aufeinander und zermalmten die Austern, die auf ihnen saßen. Schlamm wurde vom Lande her in ganzen Wogen ins Meer geschwemmt und bedeckte die Austern, die auf dem Sande saßen, so daß sie jämmerlich erstickten.
Als der Sturm drei Tage lang gewütet hatte, ließ er endlich nach. Es saßen noch sechs Austern an dem Pfahl unterhalb der alten. Der Pfahl selbst war gerade über der Stelle, wo die Auster saß, zerbrochen, und seine obere Hälfte schwamm Gott weiß wo.
„Da kannst du es selbst sehen,“ sagte die Auster. „Die sechs sind die einzigen, die von meinem ungeheuern Kinderschwarm übriggeblieben sind.“
Da lachte der Pfahl auf eine sonderbare, einfältige, demütige Art, ohne daß er Grund zum Lachen gehabt hätte. Er war nicht mehr ganz klar im Kopfe. Ob der Anblick des Waldes daran schuld war und das Erwachen der alten Erinnerungen oder der jämmerliche Tod, den so viele von seinen Logiergästen erlitten hatten, oder der Verlust, den ihm selber der Sturm zugefügt hatte ... genug, er hatte den Verstand verloren und faselte allerhand dummes Zeug.
Das machte den jungen Austern ungeheuern Spaß.
Wenn sie zusammen von ihrer Vornehmheit sprachen und all dem Staat, den die Menschen später mit ihnen machen würden -- von etwas anderm sprachen sie nämlich nicht --, dann schwatzte der Pfahl mit, ganz als ob auch er gegessen werden und mit Champagner hinuntergespült werden sollte ... Und darüber lachten die Austern so sehr, daß sie beinahe nicht mehr aufhören konnten.
Und mit der Zeit, als ein Jahr und zwei und drei Jahre verstrichen, wurde der Pfahl immer spaßiger.
Er verfaulte immer mehr, und fortwährend lösten sich große Stücke von ihm los, so daß er zuletzt eine ganz lächerliche Figur abgab.
„Du siehst aus wie ein ~S~,“ sagte eine von den jungen Austern.
„Das bedeutet Schampanjer,“ sagte der Pfahl vergnügt. Denn er war recht einfältig und hatte nie buchstabieren gelernt.
Darüber lachten die jungen Austern so sehr, daß sie beinahe von dem Pfahl abgefallen wären; doch die alte Auster befahl ihnen zu schweigen.
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„So etwas erlebt man so oft,“ sagte sie. „Das passiert alten Dienstboten in vornehmen Häusern recht häufig. Sie haben sich so in den Gedankengang der Herrschaft eingelebt, daß sie glauben, sie selbst gehörten mit zur Familie. Das ist komisch. Aber es liegt doch auch etwas Schönes und Rührendes darin.“
Da kam eines Tages im Oktober der Fischer auf dem Meeresgrunde dahergewandert, mit der Taucherglocke auf dem Kopfe.
„I, da haben wir sieben schöne Austern,“ rief er erfreut aus.
„Jetzt kommt der große Augenblick,“ sagte die alte Auster.
Und der Fischer zog sein Messer hervor und wollte sie losschaben. Aber als er die erste anrührte, zerbrach der Pfahl. Da warf er ihn mit allen Austern in seinen Korb.
Als er ans Land kam, wurden die Austern abgenommen, eingepackt und in die Hauptstadt geschickt. Der alte Pfahl aber wurde auf den Misthaufen des nächsten Dorfes geworfen.
Da lag er in der Sonne und verfaulte im Nu; er knisterte vor Vergnügen und murmelte vor sich hin:
„Lichter ... Blumen auf dem Tisch ... Legt mich auf Eis ... Champagner ...“
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Der Sperling.
Die Schwalbe war schlechter Laune. Sie setzte sich aufs Dach, dicht neben den Starkasten, und ließ die Flügel hängen.
„Keine Mücke ist aufzutreiben!“ piepste sie kläglich. „Und ich bin so hungrig, so hungrig.“
„Und ich hab’ heute noch keinen einzigen Wurm erwischt,“ sagte der Star und schüttelte den klugen Kopf.
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Drüben auf dem gepflügten Felde, gerade vor der Gartenhecke, stand der Storch und sah ganz melancholisch aus.
„Von euch hat wohl keiner einen Frosch gesehen?“ fragte er. „Unten im Moor ist keiner; und ich habe heute noch nicht gefrühstückt.“
Da kam die Drossel geflogen und setzte sich auf das Dach des Starkastens.
„Wie ihr die Flügel hängen laßt,“ sagte sie. „Was ist euch denn?“
„Ach,“ antwortete der Star, „nichts Besonderes, aber die Blätter fangen an zu fallen, und die Schmetterlinge und Fliegen und Würmer sind verzehrt.“
„Ja, das ist ja allerdings schlimm für euch,“ sagte die Drossel.
„Etwa nicht ebenso schlimm für dich, du Großmaul?“ sagte die Schwalbe.
Aber die Drossel trillerte vergnügt und schüttelte den Kopf.
„Durchaus nicht,“ sagte sie. „Hab’ ich doch immer noch die Tannen, die verlieren nie die Blätter. Und dann kann ich noch viele Wochen lang von all den herrlichen Beeren im Walde leben.“
„Wir wollen aufhören mit dem Gezänk,“ erklärte der Storch. „Wir wollen lieber beratschlagen, was wir tun sollen.“
„Da ist wirklich nicht viel zu überlegen,“ antwortete der Star. „Wir haben keine Wahl. Wir müssen abreisen. Alle meine Jungen fliegen jetzt ganz gut; wir haben alle Morgen auf der Wiese exerziert. Ich habe sie schon darauf vorbereitet, daß wir in den nächsten Tagen abreisen.“
Das leuchtete den anderen Vögeln ein, außer der Drossel, die meinte, es habe keine Eile. Man verabredete also, am nächsten Tage unten auf der Wiese zusammenzukommen, um Musterung unter den Reisegefährten zu halten.
Dann flogen sie auseinander, jeder seines Weges; aber oben unter dem Dache saß der Sperling, und der hatte gehört, wovon sie sprachen.
„Ach, wer doch mitreisen könnte!“ dachte er. „Ich möchte so gerne die fremden Länder sehen. Die Schwalbe, die gleich nebenan wohnt, hat mir erzählt, wie schön es da ist. Da gibt es eine Menge Fliegen und Kirschen und Getreide und solch wundervolle Wärme. Aber mich fordert niemand auf mitzufliegen. Ich bin nur ein armseliger Sperling; und die andern sind reiche, vornehme Vögel.“
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Lange saß er so da und dachte über die Sache nach; und je mehr er nachdachte, desto betrübter wurde er. Als die Schwalbe am Abend nach Hause kam, bat der Sperling, ob er nicht mitreisen dürfe.
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„Du? Du willst mit?“ rief die Schwalbe und lachte ihn höhnisch aus. „Die Reise würdest du bald satt bekommen! Es geht in fliegender Fahrt über Land und Meer und über Berg und Tal. Viele, viele Meilen fliegen wir ohne Unterbrechung, ohne uns auszuruhen. Wie kannst du glauben, daß deine kurzen Flügel dich so weit tragen können!“
„Ach, ich möchte so gerne mit!“ bat der Sperling. „Könntest du mir nicht die Erlaubnis verschaffen, daß ich mit den andern fliegen darf? Ich habe Ausdauer, und ich werde schon mitkommen.“
„Ich glaube, du bist verrückt,“ sagte die Schwalbe. „Du vergißt wohl, wer du bist.“
„O nein,“ erwiderte der Sperling.
Aber die Schwalbe machte sich daran, ihn über seine soziale Stellung zu belehren.
„Siehst du,“ sagte sie, „der reiche Kaufmann, der diesen Sommer über hier in seinem Landhause gewohnt hat, ist jetzt in die Stadt gereist, und der Baron von Taarnholm hat es ebenso gemacht. Die Maler, die sich hier draußen aufgehalten haben, sind gleichfalls in Kopenhagen ... Und erst im nächsten Frühjahr kommen sie wieder hier heraus. So machen wir vornehmen Vögel es auch. Sobald wir den Winter spüren, reisen wir dahin, wo es besser zu wohnen ist -- nach den warmen Ländern im Süden. Aber ihr armen Burschen müßt natürlich zu Hause bleiben und Not leiden. So hat unser Herrgott nun einmal die Welt eingerichtet ... Dem Taglöhner und Kätner und anderen kleinen Leuten geht es nicht anders.“
Der Sperling schwieg zu dieser langen Rede still. Aber während die Schwalbe in ihrem Neste schlief, lag er wach und weinte über sein hartes Schicksal. Er hatte keineswegs die Hoffnung aufgegeben, doch noch mitzukommen.
Am folgenden Tage kamen die Vögel aus allen Himmelsgegenden geflogen und stellten sich unten auf der Wiese auf. Da waren Stare und Störche und Schwalben und viele kleine Singvögel. Aber weder der Kuckuck noch die Nachtigall waren darunter, denn die waren längst abgereist.
„Angetreten!“ kommandierte ein alter Storch, der zwanzigmal in Ägypten gewesen war und darum als der Klügste von allen galt.
Alle Vögel stellten sich auf; und nun gingen die ältesten und erfahrensten im Kreise herum und sahen nach, ob man sein Reisegepäck in Ordnung habe. Alle, die zerzauste Flügel hatten, und denen Schwanzfedern fehlten, oder die nicht gesund und frisch aussahen, wurden verworfen und fortgejagt. Gehorchten sie nicht gleich, so wurden sie ohne Barmherzigkeit totgeschlagen.
Auf einmal entstand ein großer Spektakel, als man den Sperling entdeckte, der unbemerkt hinzugeflogen war und sich mit den anderen in Reih und Glied aufgestellt hatte.
„So ein Bürschchen!“ rief der Star. „Er will auch mit!“
„So ein paar Flügel!“ spottete die Schwalbe; „mit denen glaubt er nach Italien fliegen zu können.“
Und alle Zugvögel machten ein großes Geschrei und lachten den armen Sperling aus, der ganz erschrocken mitten in dem Kreise saß.
„Ich weiß es wohl,“ sagte er ganz demütig, „ich bin nur ein armseliger kleiner Sperling. Aber ich möchte so gerne die warmen, schönen Länder sehen. Versucht es doch und nehmt mich mit! Ich werde schon meine Flügel zu gebrauchen wissen. Ich bitte euch herzlich darum.“
„Ein naseweiser Kerl ist’s,“ sagte der alte Storch. „Aber sein elendes Leben wollen wir ihm lassen. Jagt ihn geschwind weg!“
Da jagten die Vögel den Sperling weg, und er versteckte sich ganz unglücklich unter dem Dache. Aber als die Musterung zu Ende war, fingen die Zugvögel an davonzuziehen. Schwarm um Schwarm flog durch die Lüfte von dannen, und der Sperling guckte ihnen vom Dache her traurig nach.
„Jetzt sind sie alle fort,“ sagte er, „und niemand außer mir ist zurückgeblieben.“
„Ich bin auch noch hier!“ krächzte die Krähe.
„Und ich auch!“ sagte der Buchfink.
„Und ich, nicht zu vergessen, mit Verlaub!“ piepste die Kohlmeise.
„Ja,“ sagte der Sperling, „so geht es. Es kommt, wie die Schwalbe sagt. Wir armen Vögel müssen hier bleiben und Not leiden!“
* * * * *
[Illustration: „Auf einmal entstand ein großer Spektakel, als man den Sperling entdeckte ...“]
Der Winter war gekommen.
Auf allen Feldern lag Schnee, und die Gewässer waren zugefroren. Die Blätter lagen tot und zerknittert am Boden; und keine anderen Blumen waren da als hier und dort ein kümmerliches verfrorenes Gänseblümchen, das sich von dem gelben Grase abhob.
Und die Fliegen und Mücken und Schmetterlinge und Maikäfer waren tot. Die Natter hielt ihren Winterschlaf und die Eidechse desgleichen. Auf dem Grunde des Teiches hatte der Frosch sein Winterquartier bezogen. Er saß ganz tief im Schlamm, nur das Maul ragte hervor; und so gedachte er den ganzen Winter über zu sitzen.
Den Vögeln, die zurückgeblieben waren, ging es jedoch gar nicht so schlecht.
Die Krähen hatten jeden Abend große Gesellschaft in dem Wäldchen und krächzten und schwatzten, daß man es weit, weit hören konnte. Der Buchfink und die Kohlmeise hüpften vergnügt in den Büschen umher und pickten auf, was sie finden konnten.
[Illustration]
Nur der Sperling war beständig verzagt. Er saß auf dem Dachfirst und kroch in sich zusammen und dachte die ganze Zeit an die Zugvögel.
„Jetzt sind sie da unten,“ sagte er. „Hier liegt Schnee und Eis. Aber im Süden in den wunderschönen, warmen Ländern ist ewiger Sommer. Hier habe ich kaum das trockene Brot, aber da unten schwelgen sie im Überfluß. Ach, wer doch mitgereist wäre!“
„Komm herunter zu uns!“ riefen der Buchfink und die Kohlmeise.
Aber der Sperling schüttelte den Kopf und blieb auf dem Dache sitzen.
„Ich sterbe vor Sehnsucht, ich kann es nicht aushalten!“ schrie er und machte einen langen Ausflug durch die Luft, um sein Blut zu beruhigen.
Aber es half nichts. Wo er auch hinkam, alles kam ihm ärmlich und kahl vor. Draußen auf dem Felde stieg die Lerche empor und sang ihre Triller.
„Guten Morgen, Spatz!“ zwitscherte sie. „Es freut mich zu sehen, daß du daheim geblieben bist. Ich bleibe auch hier, solange ich es nur aushalten kann. Es ist so wunderschön hier in der Heimat, und im Winter. Sieh nur, wie sich die Bäume mit Reif geschmückt haben, und wie blank das Eis und wie glänzend weiß der Schnee ist!“
„Hier ist’s erbärmlich,“ erwiderte der Sperling. „Armut und Not allerwegen.“
Aber die Lerche hörte gar nicht, was er sagte; jubelnd flog sie weiter.
„Rab!“ krächzten die schwarzen Dohlen. „Der Winter ist gar nicht so schlimm.“
[Illustration]
Und stolz spazierten sie auf dem Felde umher und sahen sich nach allen Seiten um, denn sie wußten, daß sie sich gut ausnahmen auf dem weißen Schnee.
„Der Winter ist eigentlich ganz erträglich,“ sagte die Waldmaus und steckte die Schnauze zu ihrem Loche hinaus. „Dauert er nur nicht zu lange, so reicht der Vorrat schon aus. Ich habe meine Speisekammer im Sommer gut gefüllt; und solange man zu essen hat, bleibt man immer warm.“
Der Sperling hörte das alles, aber es half ihm nichts.
„Die scheinen mit ihrem Lose zufrieden zu sein,“ sagte er, „und das ist ja gut für sie. Ich jedoch kann mich nicht in mein armseliges Dasein finden.“
Mißmutig flog er nach Hause und setzte sich wieder auf das Dach.
„Nun weiß ich, was ich tun werde!“ sagte er plötzlich. „Ich will in das Nest der Schwalbe kriechen. Da will ich heute nacht schlafen; dann kann ich träumen, ich wäre eine Schwalbe.“
Das tat er auch, und die ganze Nacht träumte er, er flöge über Berge und Täler dahin, über Länder und Meere, bis nach Italien. Ihm war so leicht zumute, so frei; seine Flügel trugen ihn pfeilschnell durch die Luft -- es war der herrlichste Traum, den er je gehabt hatte.
Von nun an kroch er jeden Abend in das Schwalbennest hinein und blieb bis in den hellen Tag hinein darin liegen. Wenn er herauskam, setzte er sich auf den Dachfirst oder in den kahlen Lindenbaum und kroch in sich zusammen. Und wenn die Frau des Gärtners ihm nicht hin und wieder ein paar Krumen hingeworfen hätte, dann wäre er sicher verhungert.