Chapter 11 of 20 · 4301 words · ~22 min read

Zweites Kapitel.

Die Panegyriker.

Aus dem fünften Jahrhundert wissen wir vom litterarischen Betrieb in der gallischen Kirche noch eben genug, um die Spuren von Heiligenleben sicher festzustellen, wenn auch die Ueberlieferung, selbst im günstigeren Falle, uns nicht mehr rein erhalten ist. Gegen das Martinsleben des Severus gehalten, handelt es sich nun zwar nicht um eine Nachahmung, wie es bei einer zeitlich unmittelbaren Fortsetzung der Gattung anzunehmen wäre. Vielmehr begegnen wir hier einer neuen Gattung von Heiligenleben, wo das keineswegs fehlende Moment der Memorie indessen durch hinzutretende rhetorische Einflüsse eine gewisse Veränderung erleidet.

1.

Severs Freund Paulin von Nola gedenkt in zweien seiner Briefe[036-a] des gallischen Bischofs Viktricius von Rouen, der 417 gestorben ist. Diese Briefe sind an jenen Bischof selbst gerichtet und bieten im Gewande einer ihm dargebrachten Huldigung die Elemente zu einer Beschreibung seines Lebens dar. In der That ist das so gespendete Material, allerdings nach Jahrhunderten, noch zu einem Heiligenleben verarbeitet worden[036-b]. Dies mag hier einleitungsweise erwähnt sein, um zu zeigen, daß es mit biographischen Notizen nicht gethan, daß vielmehr eine Form zum Begriff des Heiligenlebens unerläßlich ist.

In den gallischen Heiligenleben aus dem fünften Jahrhundert ist diese Form nun nicht wie bei Sever, litterarischer, sondern rhetorischer Natur. Es sind Reden, Lobreden, und da es sich um ein kirchliches Gedächtnis handelt, Predigten. Solche liturgisch eingegliederte Eulogien finden wir in einigen bedeutenderen gallischen Bischofsstädten dann, wenn es einen verstorbenen städtischen Bischof kultisch zu ehren gilt. Der Anlaß ist die erste Wiederkehr des Todestages, an der sich dann der Nachfolger seiner Aufgabe entledigt. So hielt Hilarius von Arles am ersten Jahrestage seines Vorgängers Honoratus die Gedenkrede, indem er vor der Gemeinde ein Lebensbild des Heiligen entwarf. Dieses Honoratusleben ist nun eine gehaltene Predigt und hat durchaus oratorischen Charakter; doch sagt der Vortragende, er werde sich kurz fassen, weil ja seinen Zuhörern der Mann, der der Gemeinde so lange vorstand, noch lebendig im Gedächtnis sein werde[036-c]: »Indessen, geliebte Brüder, kann ich das einzelne mehr nur berühren, als erzählen, auch das, was anderen vielleicht bekannter ist als euch. Und nun gar von der Zeit, seit er der eure war, muß ich nur die Summe ziehen«. Dennoch versteht es Hilarius sich seiner Aufgabe mit Wärme zu entledigen; es kommt ihm vom Herzen, weil seine Verehrung für den Heimgegangenen aufrichtig ist, verdankt er ihm doch seine Bekehrung[036-d]: »Ja, ja, die Fürbitte des Heiligen führt die Abtrünnigen zurück, unterwirft die Hartnäckigen, gewinnt die Aufständischen«. Bei allem Schwung des Ausdrucks ist doch unnatürlicher Schwulst vermieden, und die Sprache bewegt sich noch im guten Latein. Diese Vorzüge vermögen indes das sachliche Interesse nicht sehr zu steigern, obschon der Gegenstand dessen doch auch nicht ganz entbehrt[037-a]; denn Honoratus ist der Gründer des Klosters Lerinum. Er wurde geboren in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, als Mitglied einer hochstehenden gallischen Adelsfamilie. Sein Vater war Heide und wollte seinen Sohn zum Weltmann erziehen. Dieser aber ließ sich taufen und neigte dem asketischen Leben zu. Diesen Hang bestärkte eine Reise, die er in Begleitung seines Bruders Venantius nach dem heiligen Lande unternahm. Unterwegs starb sein Bruder. Nach Italien zurückgekehrt, hielt sich Honorat vorzugsweise in der Gesellschaft von Bischöfen auf. Namentlich fesselte ihn Bischof Leontius von Frejus; in seinen mönchischen Absichten konnte ihn freilich dieser Umgang nicht irre machen, und so gründete er auf der Insel Lerinum einen Asketenverein; an starkem Zuzug sollte es nicht fehlen. Honorat regelte die Einrichtung des Klosters selber und ging mit dem guten Beispiel voran. Er stand, trefflicher Briefsteller der er war, besonders mit Bischof Eucherius in Korrespondenz. Unter denen, die er bekehrte, war auch ein Verwandter, eben sein späterer Nachfolger Hilarius. Wider Willen folgt Honorat einem Rufe als Bischof nach Arles. Sein Lebensende war seiner würdig. Die Rede schließt mit einer Anrufung des Heiligen.

Ein schönes Beispiel eines solchen homiletischen Lebensbildes läge uns vielleicht in dem Germanusleben des Constantin von Lyon vor. Aber die Ueberlieferung ist unsicher. Doch lassen sich an eine auch uns zugängliche ältere Fassung einige Beobachtungen anknüpfen. Der Charakter einer Rede läßt sich nicht strikt nachweisen, wohl aber die gottesdienstliche Bestimmung der Schrift, die nicht nur mit einer Doxologie schließt, sondern auch nachweislich am Ende des fünften Jahrhunderts in die gallikanische Liturgie als Einlage des Germanusfestes Aufnahme fand. Sie ist im Lapidarstil des Tacitus und Sallust gehalten und gibt Aufschlüsse zur Zeitgeschichte. Wir sind im Stande, diese Mitteilungen einigermaßen zu kontrollieren. Ueber die Mission des Germanus von Auxerre in Britannien haben wir das gleichzeitige und vollständig glaubwürdige Zeugnis des Prosper[037-b]. Dieser kennt jedoch weder den Bischof Lupus von Troyes als Reisegefährten, noch eine zweite Reise des Germanus. Von beiden Umständen weiß auch der ältere Text des Germanuslebens nichts[037-1]. Wieder eine andere Frage ist, ob ein ursprüngliches Germanusleben wirklich den Priester Constantin von Lyon zum Verfasser hatte. Wenn ja, so ist der Verlust des Originals um so mehr zu bedauern, als wir hier ein neues Mal einen bedeutenden Menschen, wie Germanus, von einem nicht unbegabten Schriftsteller beschrieben hätten. Der in der Auswahl seiner Gesellschaft sehr wählerische Apollinaris Sidonius hielt auf Constantin große Stücke und schreibt gelegentlich[038-a]: »Ich habe acht Bücher Briefe für Constantin geschrieben, einen Mann von nicht gewöhnlichen Anlagen und gesundem Urteil, der, ohne daß ich damit den andern Schriftstellern unserer Tage zu nahe treten will, sie doch durch die Fertigkeit treffenderen Ausdrucks in jeder Hinsicht aus dem Felde schlägt.«

Auch jener Hilarius von Arles, der das Leben des Vorgängers schrieb, hat selber einen alten Darsteller gefunden[038-b], immerhin nicht seinen Nachfolger Ravennus und auch nicht Honoratus von Marseille, sondern einen Unbekannten am Ende des fünften Jahrhunderts. Dieser schildert vielleicht den Heiligen auf Grund eigener Bekanntschaft; daß jedoch schriftliche Hinterlassenschaft, nämlich der Briefwechsel zwischen Hilarius und Eucherius zur Kenntnis systematisch ausgebeutet wird, rückt die Schrift bereits an die Grenze memorienhafter Aufzeichnung und spielt in das Gebiet der Nachforschung hinüber. Hilarius, der ein Mann war und energisch, wenn auch erfolglos die Unabhängigkeit der gallischen Kirche von Rom verfocht, hätte einen wirklichen Schüler von ihm auch soweit in seinem Bann gehabt, daß in dem Lebensbilde die Parteigängerschaft zu Tage träte, während nun sein Streit gegen Leo mit dem Gleichmut eines schon Fernerstehenden erzählt ist und in der Mitteilung eines urkundlichen Beleges gipfelt. Auch dieses Lebensbild schließt mit einem Lobe des Heiligen. Die Sprache überwuchert von Pathos; Hilarius selbst war hierin feiner gewesen. Ebenso schieben Ansätze zu eingeflochtenen Kunstreden, die Schrift in die Nähe des Ennodius. So geringe Ausbeute auch unsere Umschau nach Heiligenleben in Gallien und im fünften Jahrhundert ergeben hat, sie läßt uns doch auf einen umfangreicheren Betrieb der geistlichen Gedächtnisrede schließen, die indessen dann auf italienischem Boden neue kräftigere Wurzeln schlug. Doch entkeimte auch sie der gallischen Saat. Denn gestammt hat Ennodius aus Arles; er war seiner Heimat nach Gallier.

2.

Ennodius war einer Tante zu lieb nach Pavia gezogen, hatte dann reich geheiratet und sich schließlich mit der Uebernahme des Bistums Pavia in Italien vollends naturalisiert. Im Jahre 502 bis 503 schrieb er das Leben seines Vorgängers Epiphanius[038-1]. Es war eine Vorlage, die reicher geschichtlicher Beziehungen nicht entbehrte.

Epiphanius war von Pavia[038-c]. Seine Eltern Maurus und Focaria gehörten guten Familien an. Unter Bischof Crispinus trat er in den Dienst der Kirche und erhielt, acht Jahre alt, das Amt eines Lektors. Bald darauf erlernte er die Kurzschrift und wurde als Schreiber verwendet; er hätte aber statt nachzuschreiben, damals ebensogut schon selber diktieren können. Mit sechszehn Jahren war er reif, in allen Dingen ein wahres Muster und überdies ein schöner Mensch. Seine Wangen lachten, selbst wenn er traurig war; sein wohlgestalteter Mund empfahl sein eindringliches Wort und wohin er sein Auge richtete, kündete sein Blick die Heiterkeit seiner Seele. Eine Stirne wie aus Wachs und von ätherischer Weiße. Eine Nase so wohlgebaut, daß kein Maler sie schöner hätte erfinden können. Die Arme rund und voll, die Finger lang; es machte auch dem Fremden Freude, aus dieser Hand etwas in Empfang zu nehmen. Der hohe Wuchs deutete auf den künftigen Bischof. Sein Benehmen war natürlich und ungekünstelt; seine Art zu reden, wo er vorzutragen hatte, ansprechend, wo zu schmeicheln, gewählt, wo zu vermitteln, schon damals fein berechnet, wo zurechtzuweisen, voll Nachdruck, wo zu ermuntern, eindringlich, ohne sich jedoch etwas an seiner Feinheit zu vergeben; die Stimme klang voll, männlich elegant, nicht bäurisch derb, doch auch nicht schwach und gebrochen. Im achtzehnten Lebensjahre wurde er im zweiten Range vor den Leviten dem Chor der Alten zugeteilt[039-a]. Viele, doch nur Fremde, fragten erstaunt, welche Vorzüge ihn dem reiferen Alter zuwiesen. Die ihn kannten, meinten, diese Würde sei ihm zu spät verliehen worden. Nur zwei Jahre war er Subdiakon. Er wurde Levite ohne sich je einen Wunsch darnach erlaubt zu haben. Eine That von ihm aus jener Zeit mag hier erwähnt werden. Das summische Feld heißt ein Distrikt am Po, wo der sich schlängelnde Strom dem einen Anwohner schenkt, was er dem andern stiehlt, und der Gewinn des einen der Schaden des andern Nachbarn ist. Ueber dieses Grundstück führte ein gewisser Burko einen alten Prozeß mit der Geistlichkeit. Den Hader zu schlichten, wurde der junge Mann hingeschickt. Im Verlauf der Verhandlungen verlor Burko die Fassung und schlug den Heiligen blutig. Da stürzte sich die Mutter des Thäters dazwischen. Aber Epiphanius hatte sich auch ohnedies vollkommen in der Gewalt, suchte nach wie vor zu begütigen und auch später, als alle Christen in Pavia Burkos Tod verlangten und der Bischof weinte, war er der einzige, der ruhig blieb. Und dabei war er so schüchtern, daß er Diakon geworden die erste Zeit verlegen dem Blick der Leute auswich. Der Bischof vertraute ihm das ganze Armenvermögen an, da er sehen wollte, wie er sich einmal als sein Nachfolger anließe. Auch führte Epiphanius einen reinen Wandel; daß er Mann sei, merkte er nur an seiner Arbeitskraft, daß er Fleisch habe, nur bei dem Gedanken an seine einstige Auflösung. Und spielte sinnliche Lust in seine Traumgebilde — »ich weiß das von ihm selbst« — so sprang er sofort auf, wachte, fastete, und verbrachte lange Zeit in aufrechter Stellung. Lesen bildete seine Erholung, die heilige Schrift unterhielt ihn. Was er einmal durchgesehen, konnte er auswendig, und so lebendig ging es ihm in Fleisch und Blut über, daß man unter Umständen aus seiner Handlungsweise auf die Bibelstelle schließen konnte, mit der er sich zuletzt beschäftigt hatte. Den Haushalt der Kirche verwaltete er weder verschwenderisch noch knickerig. Er übte sich schon damals auf das Amt eines Vermittlers ein. Denn wohin er immer für eine Beisteuer an die Armen von seinem Bischof geschickt wurde, verstand er sich vortrefflich aufs Bitten; mehr als einer meinte nach einem solchen Besuch, es sei ihm ein Vorteil erwachsen, daß der Bischof nicht in Person gekommen sei. Er wurde täglich beliebter, und zwar gründete sich diese Liebe auf Urteil. Ohne daß man den Bischof in den Himmel wünschte, konnte man doch seinen Nachfolger kaum erwarten. Jener selbst fand bei der zunehmenden Altersschwäche in Epiphanius seine einzige Stütze. Er war ihm Fuß, Hand und Auge. Im Ganzen blieb Epiphanius acht Jahre Diakon. Auch hatte er in dem damals sehr tüchtigen Clerus von Pavia Collegen, auf die er stolz sein durfte: der Archidiakon Sylvester, ein Mann der alten Schule, und der dem gallischen Adel entstammende Priester Bonosus. Vor seinem Ende begab sich Bischof Crispinus noch einmal nach Mailand und legte dort an maßgebendem Orte seine Empfehlung für den Nachfolger nieder, dann kehrte er nach Pavia wie zu seinem Grabe zurück und starb in der That bald darauf an der Gelbsucht. Sofort war man einig(040–b). Epiphanius fühlte sich noch zu jung und wurde wider seinen Willen zur Weihe nach Mailand geführt. Als er in der Bischofsmütze erschien, jubelten ihm auch Auswärtige zu. Man beneidete das kleine Pavia um seinen Hirten, während anderswo die Bischöfe sich im bloßen ~Namen~ »Metropoliten« gefielen. Er begann seine Regierung damit, sein eigenes Leben aufs strengste enthaltsam einzurichten. Er gewöhnte sich das Baden ab und nahm unter dem Verzicht erst auf das Frühstück und dann auch auf das Mittagessen täglich nur eine Mahlzeit zu sich, des Abends. Er drang darauf, Hausmannskost zu haben, ohne ungewöhnlichen Gaumenreiz, zumal er nur Kohl und Hülsenfrüchte aß. Wein trank er wenig und eigentlich nur, nach dem Rezept des Apostels, gegen Magenschwäche. Er ging bei jedem Wetter aus und war alle Zeit der Erste am Platze. Er der Bischof ging den Lektoren voran und bestimmte den Gang der Vigilien. Vor dem Altare stehend wohnte er jedem Gottesdienste bei, sodaß er mit dem Dunst seiner Füße den Platz befeuchtete und schon von weitem kennbar machte. In der Mußezeit beschäftigte er sich immer auch, um nachher auf die wirkliche Arbeit besser gerüstet zu sein. Dabei wurde Epiphanius zu hohen politischen Sendungen berufen. Der in Mailand residierende Patricius Ricimer läßt sich von dem ligurischen Adel bestimmen, den Epiphanius mit der Aussöhnung zwischen ihm und dem Kaiser zu betrauen. Der Bischof begab sich zu diesem Zwecke nach Rom mit vollem Erfolge[041-a]. Seine jüngere Schwester Honorata widmete sich ebenfalls dem geistlichen Stande und wurde vom Bruder an eine besonders fromme Nonne Luminosa gewiesen[041-b]. Nach Ricimers und Anthemius Tode folgte Olybrius, auf ihn Glycerius und auf diesen Nepos. Zwischen ihm und den Westgoten, die Eurich mit eiserner Faust beherrschte, brach Zwist aus. Im achten Jahre seines Episkopats[041-c] wurde Epiphanius von Nepos angegangen, einen Ausgleich zu Stande zu bringen. Die an sich schon beträchtlichen Beschwerden der Reise nach Tolosa verdoppele er, indem er bei jeder Station stehend die Psalmen und andere geistliche Lesung vornahm und dann an einem schattigen Platze auf grünem Rasen sich dem Gebete hingab. Auch diese Mission glückte, da er sowohl König Eurich als dessen Minister Leo vollständig einzunehmen verstand. Als er Tolosa wieder verließ, gab ihm die ganze Stadt das Geleite. Auf dem Rückweg besuchte er die heiligen Stätten, die Medianen, die Stöchaden und Lerinum, die flache Mutter der höchsten Berge. In Pavia brach dann die Revolution aus, weil Odoaker die Hand nach der Krone ausstreckte[041-d]. Orestes hatte sich im Vertrauen auf ihre Festigkeit in diese Stadt zurückgezogen. Beide Kirchen gehen in Flammen auf, die ganze Stadt brennt. Der Bischof konnte seiner Schwester, die gefangen wurde, das Leben retten und verwandte sich ebenso für viele andere, namentlich für Hausfrauen. Unter seiner Autorität erhob sich die Stadt wieder, und als Orestes bei Piacenza gefallen war, stand Odoaker nicht an, dem Bischof besondere Ehren zu erweisen. Rüstig ging dieser ans Werk, die Gotteshäuser wieder aufzubauen; auch ohne Geld: es sei doch schwer denkbar, daß einem Menschen Ueberfluß zu Teil werde, der ein Bettler von Gemüt sei. So brachte er die Summe zusammen. Nun stürzte aber beim Bau die Säulenwand der einen Kirche ein; um so entschlossener ging Epiphanius wieder ans Werk. Seinem Gebete ist es auch beizumessen, daß der Einsturz der Kuppel mit samt dem Gerüst keinem der Bauleute auch nur einen Beinbruch zuzog. So wurden unter seiner Leitung erst die kleinere und dann die größere Kirche wieder aufgebaut. Auch für die politische Wohlfahrt war er besorgt und bewirkte bei Odoaker für die Städte einen Nachlaß der Steuern auf fünf Jahre. Ebenso erhob er Einsprache beim König, als der Präfekt Pelagius durch maßlose Getreideankäufe Ligurien bedrückte. Wieder wechselte das Regiment[041-e]. Theodorich erschien und erkannte mit seinem Scharfblick den Bischof in dessen ganzem Werte. Als die Partei Odoakers unter Tuffa noch einen letzten Versuch machte, konzentrierte König Theodorich sein Heer in Pavia. Die Stadt wurde dadurch übervölkert. Da konnte Epiphanius Segen stiften. Als Freund sowohl Odoakers als Theodorichs genoß er bei beiden Parteien Ansehen. Seinen Frieden störte auch der Krieg nicht. Täglich bewirtete er liebevoll die Räuber und verabreichte innerhalb der Stadtmauer das Nötige denen, die draußen seine Landgüter verwüstet hatten. Die Auslösung der gefangenen Weiber und Kinder ging durch seine Hand. Dem Könige war er der rechte Mann und galt ihm für verehrungswürdig vor allen Heiligen. Alle Römer, die seine Gothen abfingen, stellte der Fürst ihm zurück. Wie vielen Unterthanen verschaffte er Grund und Boden wieder, wie viele schützte er vor Bedrückungen! Und was mußte er sich feindlicherseits an Grobheiten und Beleidigungen gefallen lassen! Drei Jahre stand er unter diesem Kreuz. Nach dem Abzug der Gothen wurde die Stadt den Rugiern übergeben. Es war ein wildes Volk, dem ein Tag ohne Gewaltthat für verloren galt[042-a]. Doch auch sie gewann Epiphanius, ihn, den Katholiken und Römer, hochzuschätzen. Zwei Jahre verlebte er mit ihnen im besten Einvernehmen, bis sie wieder abzogen. Als endlich Theodorich nach allen Seiten gesiegt hatte, benützte Epiphanius die wiederkehrende Ruhe zur inneren Befestigung seiner Gemeinde[042-b]. Unterdessen gefiel es Theodorich, nur jenen Römern ihre Rechte nicht zu beschränken, die ihre frühere Anhänglichkeit an ihn beweisen konnten; wen dagegen irgend ein Grund fern gehalten hatte, der sollte des Rechtes zu testieren und aller Freiheit in der Willenserklärung verlustig gehen. Da durch ein solches Gesetz bei dem größten Teile alle Rechte vernichtet wurden, erlag Italien einem beklagenswerten Rechtszustande. Epiphanius, und, da er sich diesmal allein zu schwach fühlte, auf seine Bitte hin auch Laurentius von Mailand begaben sich nach Ravenna und wurden mit Achtung aufgenommen. In einer ersten Audienz erwirkte Epiphanius zunächst den Erlaß einer allgemeinen Amnestie durch den Quästor Urbicus, in einer zweiten geheimeren Unterredung beauftragte der König den Bischof, die Leitung zur Zivilisierung des verwüsteten ligurischen Landes zu übernehmen. Er wies ihm auch mit das nötige Geld an, um bei König Gundobald von Burgund die italienischen Gefangenen auszulösen. Kaum nach Pavia zurückgekehrt, unternahm Epiphanius sofort die Reise über die Alpen, obgleich es noch Winter war, der März die Flüsse noch in des Eises Banden geschlagen hielt und die grauen Schneehäupter der Alpen den Reisenden Verderben drohten; aber seine Glaubenswärme ist mächtiger als die tödliche Kälte und das Eis. Er reiste ab, sobald er für die Wegzehrung Anstalten getroffen, in Begleitung Bischof Viktors von Turin. In Gallien wurden sie mit offenen Armen empfangen. Ueberall die reichste Aufwartung. In Lyon kam ihm Bischof Rustikus über die Rhone entgegen und öffnete ihm die Augen über die Verschlagenheit des Königs. Damit ihn dessen verschmitzte Einwürfe und Entgegnungen nicht unvorbereitet fänden, übt sich Epiphanius im Stillen darauf ein. Gundobald war indessen sehr gnädig; er ließ nach der Audienz durch seinen Minister Laconius den Gnadenerlaß ausfertigen und dem Epiphanius überreichen. Ennodius war es, der die Zettel an die Kastelle schrieb. Blos aus der Gemeinde Lugdunum wurden an einem Tage vierhundert Menschen in die Heimat nach Italien entlassen. So war es in allen Städten Sapaudias und anderer Provinzen. Deren, die nur allein die Bitte des Bischofs befreite, waren mehr als sechstausend Seelen; die Zahl die man mit Gold loskaufte, ließ sich nicht so genau feststellen, da viele darunter ihren Herrn ohne Lösegeld entliefen. Zur Bestreitung der Auslösungskosten trug namentlich eine edle Frau, Syagria, und Bischof Avitus von Vienne bei. Ihnen dankt man das Zustandekommen des Liebeswerkes zum guten Teil. Epiphanius aber sah überall persönlich nach. So auch in Genf, der Residenz des Königsbruders Godegisel. Bald wimmelten Weg und Stege von den Schaaren der Heimkehrenden. Das hatte Epiphanius innerhalb eines Vierteljahres zu Stande gebracht. Er vollendete seinen Liebesdienst, indem er durch Bittschriften an Theodorich den Befreiten den vollen Genuß ihres Vermögens erwirkte. Und als zwei Jahre später dem erschöpften Ligurien eine unerschwingliche Abgabenlast aufgebürdet wurde, übernahm er abermals die Sache der Bedrängten[043-a]. Er eilt nach Ravenna. Der König ängstigte sich um des Bischofs Gesundheit und gewährte an der erhobenen Steuer einen Abstrich von nicht weniger als zwei Dritteilen. An einem schneeigen Tage, an dem man sich ans Kamin flüchtete, verließ Epiphanius Ravenna und schnell ging es durch alle Gemeinden an der ämilischen Straße, als eile er zu seiner letzten Herberge. Gegen alle Priester an der Straße war er herablassend und freundlich. Als er aber nach Parma an derselben Straße gekommen war, befiel ihn ein Katarrh und warf sich bald auf die unteren Teile. Noch erreichte er Pavia scheinbar gesund. Aber am Tage des Einzugs selbst fühlte er sich unwohl, mußte sich legen, und nun ging es jeden Tag schlechter. Die Krankheit wurde gefördert durch die Unwissenheit der Aerzte. Am siebenten Tage trat die Krisis ein. Er starb, Psalmverse auf den Lippen, im achtundfünfzigsten Jahre seines Lebens, dem achtunddreißigsten seines Priesterstandes. Seine heiligen Reste sah man bis auf den dritten Tag, da sie beigesetzt wurden, mit solchem Licht und Schmuck bekleidet, daß das Antlitz des Heimgegangenen den Glanz seines Lebens bezeichnete[043-b]. In der großen Menge an seinem Grabe war Niemand, der ihm nicht etwas zu danken hatte.

In diesem Auszug aus dem Epiphaniusleben des Ennodius[044-1] sind die vielen Reden, die bei jeder Gelegenheit gewechselt werden, übergangen worden. Sie sind in ihren immer wiederkehrenden schönrednerischen Schablonen das eigentliche Merkmal, daß in diesem Heiligenleben klassische Muster befolgt wurden; ist es doch eine Gewohnheit der alten Historiker in die Erzählung längere Reden einzuflechten, die sie der Situation gemäß passend erfinden zu müssen glaubten, und so erscheinen die Reden auch hier durchaus als rhetorische Kunstprodukte des Autors. Schon die ganze Person des Verfassers weist aber auf den Zusammenhang mit der heidnischen profanen römischen Litteratur hin. Denn wenn ein Sulpizius Severus nur durch einen Bruch mit seiner Bildung christlicher Schriftsteller hat werden können, so wohnen bei geistlichen Grandseigneurs wie Sidonius Apollinaris und auch Ennodius weltliche und heilige Empfindung in oft erstaunlicher Eintracht bei einander. Eine weltliche Lobrede besitzen wir von Ennodius auf Theodorich den Großen. Das Epiphaniusleben gibt sich durchaus als dessen geistliches Seitenstück. Obschon es nicht eine Ansprache an den zu Lobenden, sondern an dessen Verehrer ist, also von dem Helden in dritter Person erzählt, obschon ferner nicht bewiesen werden kann, daß die Schrift mündlich vorgetragen wurde, wird doch ohne Zweifel ihr Charakter am richtigsten getroffen, wenn man in ihr schlechthin einen vom profanen ins kirchliche Leben verpflanzten Brauch sieht und sie als christlichen Panegyrikus auffaßt[044-2]. Dann ist die Schrift aber zugleich ein rühmliches Beispiel, wie innerhalb des Panegyrikus und der bei ihm obligaten blumigen Verschnörkelungen doch auch wahrheitsgetreue Beobachtung zu ihrem Rechte kommen kann: denn alles in allem ist das Lebensbild reich an zuverläßigem historischem Stoff. Aber das freilich zeigt ein Vergleich mit der Arbeitsweise der mönchischen Memorienschreiber deutlich: so sauer wie ihnen ist Ennodius seine Pflicht bei allem Fleiß, den er sich kosten ließ, nicht geworden. Er hat nicht Blut geschwitzt, wie Sulpizius Severus und nicht vor Mangel an Selbstvertrauen gezittert wie Eugipius. Und er brauchte es auch nicht. Denn sein Gegenstand war gar nicht geartet, den Verfasser innerlich so mitzunehmen. Es handelte sich um einen frommen, tugendhaften, vorbildlichen, aber nicht um einen ungewöhnlichen, genialen, wunderbaren Menschen. Nicht geringes Vertrauen zu der Berichterstattung des Ennodius über seinen Vorgänger im Amt muß der Umstand einflößen, daß er von seinem Heiligen nur ein Wunder zu berichten weiß, übrigens nur ein halbes Wunder: eine schwermütige Frau soll sich nach Empfang seines Segens leichter gefühlt haben[045-a]. Aber gegen große Volksheiligen gehalten, steht der wackere Epiphanius armselig da. Man kann nicht in die Nähe jener merkwürdigen Gestalten, wie Martin oder Severin treten, daß es vor unsern Augen nicht von Zeichen und Wundern zuckt. Der Saum von Martins Kutte knistert förmlich, weil er mit Kräften gesättigt ist. Nichtsdestoweniger gehören bei aller Verschiedenheit ihrer Helden Panegyrikus und die mönchischen Schriften zusammen, weil eben auch jener seinem Inhalt nach Memorie ist und auf persönliche Erinnerung zurückgeht. Er teilt auch den Mangel der Memorie; er entbehrt des chronologischen Rahmens. Aus den vielen Anspielungen an die zeitgenössische Geschichte kann man es ja zur Not berechnen, aber ausdrücklich zu sagen versäumt Ennodius, was er doch sicher wußte, daß Epiphanius 439 geboren, 467 Bischof wurde und 497 gestorben ist.

Im Jahre 508 verfaßte Ennodius ein zweites Heiligenleben. Seinem Inhalt nach gehört es gewissermaßen bereits in den Kreis des eugipischen Severinus; denn der Mönch Antonius war ein Mündel des Severinus von Noricum[045-b]: »Gepriesen sei der ungeteilt dreieinige Gott, der seinen Knecht Antonius, so vieler Tugenden Träger, an den Ufern der Donau im Staate Valeria als Sohn des Sekundinus die Schwelle der Welt überschreiten hieß. Schon an der Mutterbrust fühlte dieser durch Gottes Gnade seine künftige Bestimmung und, damit sein Entschluß nicht durch die Schmeichelkünste der Eltern durchkreuzt würde, ging er etwa im Alter von acht Jahren der väterlichen Obhut verlustig (was heißen will, sein Vater sei gestorben!). Bald darauf schwang sich seine ungeschminkte Jugend zu dem hoch berühmten Severinus, der ihn mit Küssen liebkoste und die künftigen Fähigkeiten des Knaben zum voraus überschlug, als wären sie schon entwickelt«. In diesem verblümten Stil geht es fort. Das Antoniusleben steht allerdings selbständig da, aber mit Eigenschaften, die nicht gerade ein Vorzug sind. Die Wundergeschichten fehlen ja nicht etwa aus Kritik des Verfassers, sondern weil mit dem besten Willen keine zu erzählen waren. Nicht schriftstellerische Oekonomie, sondern ein allzu ärmlicher Inhalt erklären den geringen Umfang. Immerhin füllt sie im Druck vier Quartseiten: und doch ließ sich das Sachliche an ihr in einem Satze sagen: Antonius, aus angesehener Familie in Pannonien gebürtig, aber früh Waise und daher erst von Severin und dann von seinem Onkel, dem Bischof Constantius, zum Geistlichen erzogen, flieht vor der Völkerwanderung nach Italien, ist erst eine Zeit lang im Veltlin auf unzugänglicher Bergeshöhe Einsiedler und birgt sich dann vor den ihm lästigen Besuchen frommer Pilger im Kloster Lerinum, wo er auch sein Leben beschließt. Auch hier handelt es sich um ein Gedächtnis, aber nicht um schriftstellerische Erlösung von einem übermächtigen persönlichen Eindruck, sondern eben nur um einen wohlgemeinten Nekrolog eines unbedeutenden Menschen, wie eine Mumie noch mit einigem Balsam vor allzuschnellem Verfall bewahrt werden soll.

So hat denn von Gallien ausgehend und in Ennodius gipfelnd die Manieriertheit des römischen Rhetorentums mit allen Unarten und Verkünstelungen ebenfalls in die beginnende litterarische Heiligenindustrie ihren Einzug gehalten. Sobald die bescheidene Befangenheit verschwand, sobald mit ihr die Scheu vor dem Gegenstande und der damit verbundene Glaube an das eigene Unvermögen verloren gingen, quoll auch das tönende Pathos und der wattige Schwulst der Wohlredenheit unaufhaltsam zu Tage. Fast notwendig trat dieser Fall ein, wenn das Heiligenleben nicht mehr einer persönlichen inneren Notwendigkeit, sondern einem äußeren kirchlichen Bedürfnis seine Entstehung verdankte. Begleitet wird dieser Wechsel auch äußerlich durch die Verschiebung im Stande des Schriftstellers. Nicht mehr ein Mönch greift nun zaghaft, unter beständigen Entschuldigungen zur Feder, sondern irgend ein hochwürdiger Bischof erhebt, selbst durch den Mangel an Thatsachen nicht abgehalten, seinen Schützling in den Himmel.