Chapter 15 of 20 · 21574 words · ~108 min read

Sechstes Kapitel.

Heiligenleben des siebenten Jahrhunderts.

Wie universal und vielseitig der wackere Gregor von Tours bei aller Befangenheit gewesen war, zeigt sich erst bei einem Blick auf seine Nachfolger. Da ist überhaupt nur hie und da einer, der sich in bescheidenem Maße als Forscher erweist und mehr als einen Heiligen behandelt. Die übrigen bewegen sich alle in den Schranken der Memorie. Doch da dies, wie wir sahen, für unser Wissen an sich durchaus keine Einbuße bedeutet, können wir an diesen späteren Produkten um so weniger vorübergehen, als nun die sociale Stellung der Heiligen sich beträchtlich verschoben hat und es sich um Männer handelt, die an den großen zeitgeschichtlichen Ereignissen einen bedeutenden Anteil nehmen. Nur zur kleineren Hälfte sind sie die strengen Vertreter des alten mönchischen Heiligenideals; vielmehr nehmen manche von ihnen an den Welthändeln in einem Maße teil, das ihr Recht, sich jenen hingebenden und gottesfürchtigen Gestalten beizuzählen, doch etwas in Frage stellt.

1.

Schon unter den Frankenkönigen hatten sich einige, so Charibert, besonders aber Chilperich, als lateinische Schriftsteller versucht. Und nun ist es ein germanischer König, der zuerst nach Gregor als Verfasser eines Heiligenlebens auftritt. Sisebutus saß während der Jahre 612 bis 620 auf dem westgothischen Thron. Er war der Mäcen des berühmten Encyklopädisten Isidor von Sevilla und liebte es, aus seinem Palast oder aus dem Kriegslager diesem gelehrten Freunde gelegentlich lateinische Verse zu senden. Er war zudem ein eifriger Katholik, der die Arianer und Juden nicht nur haßte, sondern auch verfolgte. Wenn nun er den Namen des unglücklichen Bischofs Desiderius von Vienne litterarisch verewigte, so thut man wohl, von einem solchen Urheber alles, nur keine unparteiische Schilderung zu erwarten: in der That schreibt Sisebut, »um die Mitwelt anzuspornen und die Nachwelt zu erbauen«. Alles Licht teilt er seinem Helden zu und dessen Feinden allen Schatten. Daß die Königin Brunichilde der gehässigsten Verleumdung anheimgefallen ist, darf man dem Verfasser um so weniger verzeihen, als die Königin eine westgothische Prinzessin und zur Zeit, da der ihr verwandte Fürst schrieb, bereits ihrer tragischen Hinrichtung verfallen war. Mit mehr Recht mag ihr Urenkel Theuderich _II_ als dumm und falsch hingestellt sein. Im übrigen ist das Desideriusleben, zumal wenn man die ungewöhnlichen Personalien des Schriftstellers gebührend in Anschlag bringt, eine höchst respektable und wertvolle Leistung; auch muß bedacht werden, daß Sisebut in seinen Erkundigungen auf Gerüchte und Aeußerungen der öffentlichen Meinung angewiesen war. Das Leben nun, das er uns schildert, hat folgenden Verlauf genommen[122-2]: Desiderius entstammte einem altgallischen Adelsgeschlecht. Er war dem geistlichen Stande bestimmt und wissenschaftlich gebildet, hatte auch Unterricht erteilt und mehr als einen Ruf auf einen Bischofssitz ausgeschlagen, als er höherem Drängen nachgebend den Stuhl von Vienne bestieg. Er wurde schöngeistiger Neigungen verdächtigt, schlimmer aber war die im Jahre 602 auf der Synode von Chalons gegen ihn erhobene Anklage, mit einer Edelfrau namens Justa sich vergangen zu haben. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Hofintrige. Desiderius wurde nach der Insel Livisio verbannt. Bei seiner Absetzung war Brunichilde noch nicht beteiligt. Dagegen unterstützte sie auf das Betreiben des Aredius von Lyon die Wahl des Domnolus nach Vienne. Bald darauf wurde Brunichildens rechter Arm, der Majordomus Protadius zu Kiersy an der Oise, in einer Lagerrevolte des fränkischen Dienstadels ermordet. Um dieselbe Zeit starb Justa. Der junge König und seine Urgroßmutter erschracken und lenkten ein. Desiderius war mutig und unvorsichtig genug, die für ihn günstige Wendung zur Rückkehr zu benutzen. Doch überwarf er sich bald mit den königlichen Machthabern. Wahrscheinlich hat auch diesmal wieder Aredius von Lyon gehetzt. Das Urteil lautet auf Uebertretung des königlichen Bannes, auf Bruch der Vasallentreue, also auf Hochverrat. Dafür war bei den Germanen Steinigung die übliche Strafe. Die Henker rissen ihn aus der Kirche. Es gelang ihm den Steinen auszuweichen, dann wurde er mit einer Keule erschlagen, vielleicht am 23. Mai 607. An seinem Grabe stellten sich die üblichen Wunder ein.

Auch ein bischöflicher Kollege des Desiderius im Norden des Reichs hat einen zeitgenössischen wenn auch anonymen Beschreiber seines Lebens gefunden. Bischof Gaugerich von Cambrai[123-1] ist Zeit seines Lebens nach keiner Seite hin irgendwie hervorgetreten. Er wurde um die Mitte des sechsten Jahrhunderts geboren, den Romanen Gaudentius und Austadiola, in dem alten Kastell Yvois oder Ipsch, das an der Straße von Reims nach Trier liegt. Dort gab es zu jener Zeit noch Heiden. Der Ort hatte jedoch seine Kirche und seinen Priester, der zugleich einer Schule vorstand. Die kanonischen Satzungen fordern, daß der Bischof zeitweise seine Diözese bereise, um die für den geistlichen Beruf tauglichen Knaben auszuwählen und zu ordinieren. Auf einer solchen Reise kam Bischof Magnerich von Trier auch nach Eposium. Unter den Schülern wurde ihm Gaugerich als der für ein Kirchenamt geeignetste vorgestellt. Nicht bloß seine Kenntnisse und seine anhaltende Beschäftigung mit der heiligen Schrift, auch seine Führung empfahlen ihn hiefür: auf das Glockenzeichen eilte er zuerst zur Kirche und wenn seine Mitschüler speisten, fastete er oft, um seine Speise den Armen geben zu können. Hiezu kamen seine vorteilhaften äußeren Eigenschaften, insbesondere sein stets heiterer Gesichtsausdruck. Ganz von ihm eingenommen, weihte ihn der Bischof durch Auflegen der Hände für den geistlichen Stand. Der Bischof versprach ihm die Diakonatsweihe, wenn er bei seiner Wiederkehr den ganzen Psalter auswendig gelernt hätte. Durch anhaltendes Studium bei Tag und Nacht erreichte Gaugerich sein Ziel und wurde so Diakon. Unter der Regierung des austrasischen Königs Childebert, dem Sohne Chilperichs und der Fredegunde, trat eine Vakanz auf dem Bischofsstuhle in Cambrai ein. Von Klerus und Volk zum Bischof ausersehen, wurde Gaugerich dem König zur Bestätigung vorgeschlagen. Auf eine königliche Ordre hin erfolgte dann die feierliche Ordination durch den Metropoliten Aegidius von Reims. Das Wunderbare tritt in diesem schlichten Heiligenleben fast ganz zurück. Es handelt sich hauptsächlich um die Befreiung von Gefangenen und Sklaven, denen auf das Gebot des Bischofs hin die Ketten vom Leibe fallen. Seitdem das fünfte Konzil von Orléans im Jahre 549 die Fürsorge für die Gefangenen den Geistlichen zur besonderen Pflicht gemacht hatte, sollten die Archidiakonen Sonntags die Kerker aufsuchen und die Bischöfe den Gefangenen aus ihrer Kirche den Unterhalt gewähren. Die Bischöfe begnügten sich aber bald nicht mehr mit einer Milderung des Loses dieser Unglücklichen, sondern setzten ihren Ehrgeiz darein, sie ganz aus Ketten und Banden zu befreien. Von einer Prüfung, ob diese Gefangenen die Freiheit auch wirklich verdienen, ist nirgends die Rede. Man kann es daher Beamten, wie Graf Waddo von Cambrai und dem Gefängnisaufseher Walchar nicht verdenken, wenn sie sich sträubten, den Bitten des Bischofs Gehör zu schenken. Einst, wahrscheinlich nach dem Jahre 613, als Chlothar _II_ zum zweitenmale Herr von Paris geworden war, begab sich Gaugerich an dessen Hof nach Chelles, wo er mit dem Majordomus Landerich zusammentraf. Auch dieser hatte zwei Gefangene, die mit dem Tode bestraft werden sollten; durch das Gebet Gaugerichs erhielten sie aber die Freiheit zurück; ebenso wurde durch Gaugerichs Dazwischenkunft ein Trupp an den Händen gefesselter Sklaven freigelassen, die ein Kaufmann zum Verkauf herumführte, zu Famars, südlich von Valenciennes. Auffallender sind zwei andere Wunder, die dem Heiligen zudem nicht in seiner Heimat gelungen sind. Als Gaugerich von König Chlothar an das Grab des heiligen Martin zur Verteilung von Spenden an die Armen nach Tours gesandt wurde, heilte er einen Blinden, der bereits dreißig Jahre des Augenlichts beraubt war; das anderemal, als es einen Hof zu inspizieren galt, den die Kirche von Cambrai im Perigord besaß, blieb der Stock des Heiligen in der Kirche von Perigueux von selbst aufrecht stehen, als wäre er mit Blei gefüllt. Da der Biograph keine fortlaufende Darstellung der bischöflichen Thätigkeit Gaugerichs gibt, sondern nur seine vermeintlichen Wunderthaten schildert, konnte auch die Teilnahme des Bischofs an der Synode zu Paris vom Jahre 614 oder 615 um so eher unerwähnt bleiben. Gaugerichs Todestag ist der elfte August eines der Jahre von 623 bis 629. Neununddreißig Jahre lang hatte er das Bistum verwaltet. Er wurde in der Kirche des heiligen Medardus auf dem der Stadt benachbarten Berge bestattet. In seinem Schlafgemache ließ sein Nachfolger Bertoald, ein Franke von Geburt, sein eigenes Bett aufschlagen und dafür Gaugerichs Sterbebett in die Medarduskirche abführen. Als ihm aber nächtlicher Weile der Heilige erschien und ihn verwarnte, stellte er schleunigst die alte Ordnung wieder her. In dem Schlafgemach aber baute er einen Altar und dort mußten fortwährend Kleriker dem Gottesdienste obliegen.

Obwohl diese alte Vita einen bestimmten Hinweis auf den Ort ihrer Entstehung nicht enthält, so ist unzweifelhaft, daß sie einem Kleriker von Cambrai verdankt wird, denn der Verfasser kennt die Oertlichkeiten daselbst offenbar aus eigener Anschauung. Und wie er bei seinen Schilderungen stets die alten merowingischen Einrichtungen, keine neueren Institutionen vor Augen hat, so zeigt auch die Sprache der Vita, daß sie sicher noch im siebenten Jahrhundert geschrieben ist; durch die Feile der karolingischen Schule ging die Schrift nicht. In ihrer rohen Form und ihrer gedrängten Kürze ist sie noch der Vertreter eines Heiligenlebens alter gallischer Manier. Von England waren unterdessen neue Heilige gekommen und alsdann aus Italien eine künstlichere Art, sie zu beschreiben.

2.

Ende der achtziger Jahre erschienen am Hofe König Gunthrams britische Mönche unter Führung des Columban[125-1]. Der König hoffte von ihnen Heilung der tief gesunkenen Kirchenzucht und stellte ihnen alle Gnaden in Aussicht, wenn sie nur blieben. Irgendwelche Landschenkung wollten sie nicht annehmen, doch stimmten sie zu, sich in der Bergeinsamkeit einzuhausen. In den Vogesen waren ihnen die Ruinen des Kastells Anagray wild und abgelegen genug. Als aber die Teilnehmerzahl überhandnahm, wurde in Luxeuil, acht Meilen entfernt, ein zweites Kloster gegründet mit der besonderen Bestimmung, Novizen aus der fränkischen Aristokratie aufzunehmen. Der Uebervölkerung des Mutterklosters sollte ein drittes steuern, das nach den dort entspringenden Quellen Fontaines hieß. Mit der Leitung der Filialen betraute Columban Brüder von zuverlässiger Gesinnung und stellte die gemeinsame Regel auf. Die Gründung fiel etwa ins Jahr 590.

Columban stammte aus Leinster in Irland. Ueber gelehrten Studien, die er betrieb, war der Drang zum Missionar in ihm erwacht. Seine Mutter wollte ihn nicht ziehen lassen und legte sich quer vor die Thürschwelle; da sprang er über sie hinweg und rief, sie werde ihn nie wieder sehen. Er begab sich zunächst behufs weiterer Ausbildung zu dem bibelkundigen Einsiedler Senilis und dann ins Kloster Banchor zu dem heiligen Comgall. Immer mehr erfüllte ihn dort das Christuswort: »Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden und wie wollt ich, es brennte schon«. Der geplanten überseeischen Expedition standen mannigfache Hindernisse im Wege. Endlich, im Alter von dreißig Jahren, brach er mit zwölf Gefährten auf. Das Schiff lief glücklich in der Bretagne an. Sie erholten sich erst an der Küste, dann drangen sie ins Innere Galliens ein und konnten sich da nun allerdings überzeugen, wie sehr der Kirche Zucht und Besserung notthat[125-a].

Die Vogesenklöster wirkten sofort auf die Umgebung. Abt Caramfok aus Salicis sandte den Mönch Markulf nach Anagray, um freundschaftliche Beziehungen herzustellen. Auch zur irischen Heimatsinsel sollten die Bande nicht abgerissen sein: doch war der dorthin gesandte Besuch Bruder Autiern’s Gegenstand einer ernsten, tagelangen Erwägung von seiten Columbans. Von den andern Brüdern werden noch Somari, Gall, Cominin, Ennoch, Equanach und Gurgan genannt. Ein Laufbursche des Klosters hieß Domoalis. Es währte nicht lange, so traten auch der in Besançon residierende Herzog Waldalen und seine Frau Flavia mit Columban in Verkehr. Sie bestimmten den vom Heiligen ihnen erbeteten Sohn dem geistlichen Stande: es war der spätere Bischof Donatus von Besançon; ein zweiter Sohn Ramelan erbte die väterliche Herrschaft. Bei der Geburt dieser beiden Kinder stifteten die Eltern zwei Klöster, eins in der Stadt, das andere in Besançon, und unterstellten sie Columbans Regel; nach dem Tode des Gemahls gründete Flavia überdies ein Nonnenstift. Columban lebte viel in der Einsamkeit, oft verließ er das Kloster, nahm einen Band der Bibel auf seine Schulter und verbarg sich auf unbestimmte Zeit in einer Höhle. Wenn es harte Arbeit zu verrichten galt, zog er Handschuhe an. Als er sie einmal auf einem Stein vor dem Eßsaale liegen ließ, kam ein Rabe und trug sie ihm weg. Von Weltpriestern schloß sich ihm namentlich ein Dorfpfarrer namens Winnoch an, der Vater des späteren Abtes Bobolen von Bobbio. Andere, wie Chamnoald, der königliche Kaplan von Laon, belauschten den fremden Mönchsvater ehrfürchtig, ohne sich ihm zu nähern, wenn dieser in der Wildnis sich erging, mit den Tieren spielte und die Vögel und Eichhörnchen vom Aste auf seine Hand nahm, ja sie zärtlich in den Busenfalten seiner Kutte hegte[126-a].

Aber dieses Idyll hielt nicht vor. Der Heilige selbst mag es nur in dem Bewußtsein genossen haben, daß es eines Tages vorbei sein werde und ein harter Kampf ihn auf den Plan rufe. »Laßt mich doch in meinen Wäldern schweigen«, schrieb er 601 den Bischöfen nach Sens. In der Einsamkeit ist ihm die Kraft erwachsen, später, als es dann einmal zu reden galt, das harte, ungeschwächte, unversöhnliche Wort nicht zu scheuen. Längst hatte man in der Königsfamilie sich für den fremden Gottesmann interessiert. Er hatte Zeit gehabt, sich sein Verhalten zu überlegen; er konnte kommen sehen, was dann wirklich kam. Er scheint aber keineswegs von anfang an einem friedlichen Verhältnis abgeneigt gewesen zu sein. Wozu hätte er sonst den jungen König immer wieder empfangen und den Einladungen an den Hof Folge geleistet? Da, eines Tages im Jahre 607, machte er der Königin Brunichilde seinen Besuch auf ihrem Landsitz Boucheresse bei Autun. Als er an die Halle des Herrenhofes getreten war, führte ihm die greise Fürstin ihre Urenkel zu. Wie er diese sieht, zuckt er zusammen und fragt, was er damit solle. »Es sind die Söhne des Königs«, versetzte Brunichilde, »Kräftige sie durch den Zauber deines Segens.« Da warf ihr Columban zu: »Wisse niemals werden die Kinder da ein Königsszepter erben, denn es sind Hurenkinder.« Damit hatte er ja nun allerdings nur zu sehr Recht; die Lasterhaftigkeit der alten Merowinger hatte in ihren schwächlichen Nachkommen nun gar noch den widerlichen Zuwachs erhalten, daß sie unnatürlich verfrüht auftrat. Theuderich war ein Knabe von fünfzehn Jahren, als ihm ein Sohn und nicht einmal sein erster geboren wurde. Zu weiterem Anstoße mußte dem Heiligen dienen, daß Bastarde wie echte Söhne für der Erbfolge fähig galten. Brunichilde aber empfand nach dem fränkischen Verfassungs- und überdies dem merowingischen Hausrecht, wonach uneheliche Königssprossen ohne weiteres folgefähig waren, da nur das königliche Geblüt, die Abstammung vom Manne entschied. Der Jüngling Theuderich, der mit seinen fleißigen Buhlschaften einen Hang zu schwärmerischer Frömmigkeit verband und sich dem berühmten fremden Gottesmann in den Vogesen mit aller Demut zu nähern suchte, war von Columban unbarmherzig gescholten worden: er solle nun das Buhlen lassen und nach dem Genuß des Herzenstrostes einer rechtmäßigen Ehefrau trachten, auf daß ihm von einer ehrbaren Königin königliche Nachkommenschaft erwachse. So berechtigt diese Forderung gewiß war, im vorliegenden konkreten Falle verlangte sie fast unmögliches; denn Columban heischte nicht etwa bloß Besserung für die Zukunft; er sprach den bereits Geborenen das Erbrecht ab, und das bedeutete einen geradezu unerhörten Eingriff in die nun seit hundert Jahren niemals angefochtene Familientradition des Königshauses. Hiezu kam, daß der Versuch, Theuderich standesgemäß zu verheiraten, scheiterte. Die Tochter des gotischen Prätendenten Witterich, Herminberga, verlobte sich mit Theuderich und hatte auf ihrer Brautfahrt bereits die Residenz Chalons erreicht als Brunichilde in letzter Stunde die Heirat hintertrieb, sei es aus Eifersucht und um nicht durch eine Junge verdrängt zu werden, sei es in der begreiflichen Aufwallung ihres gothischen Königsblutes gegen die Tochter dessen, der den rechtmäßigen, ihr noch verwandten Herrscher der Goten, Leova, gestürzt und grausam ermordet hatte. Brunichildens ganze Hoffnung ruhte nun also auf den beiden Knäblein, hinter deren Abkunft sie durchaus nichts unerhörtes sah. Aber sicher spürte sie die Bedeutung des Augenblicks, als sie den mächtigen Volksheiligen für ihre Urenkel um den Segen bat. Spendete er ihnen diesen Segen, so war vollends jedes Bedenken verscheucht, das etwa kirchlicherseits noch hätte erhoben werden können: ein Segen aus diesem Mund und von diesen Händen ersetzte die mangelnde ehrliche Geburt. Columban dagegen mag, er auch, nicht weniger die Krisis des Moments gespürt haben. Ließ er sich jetzt bereit finden, so eröffnete er sich eine Machtstellung am Hofe und sicherte damit seinem Werke die Existenz im fränkischen Reiche, das die von ihm geplante Sittenzucht nötig hatte, nötig genug. Aber dann gab er zugleich preis, was eben gerade die Seele ~seines~ Werkes war, wodurch es sich von der doch auch nicht mangelnden einheimischen Bußbestrebungen unterschied: die Strenge der sittlichen Forderung in souveräner Autonomie, ohne Seitenblick auf die Umstände und ohne Zugeständnis an die zufällige Konstellation der Stunde. Er fand den Mut, sich selber treu zu bleiben, den schwindelerregenden Mut, den durchdringenden Blick der Fürstin, der ihn umwarb, ihn anflehte, ihn beschwor, ihn bedrohte, diesen Blick auszuhalten, den Segen zu verweigern. Die Begegnung von Boucheresse bewies es wieder: es giebt freilich Fälle, wo das politisch Beste und ein reines Gewissen unvereinbar sind.

Als das verhängnisvolle Nein die Lippen des Heiligen verlassen hatte, durchflammte ein wütender Haß, wie sie dessen nur je fähig gewesen war, die Königin mit dem weißen Haare. Sie schickte die Kleinen hinaus. Die Auseinandersetzung unter vier Augen mag von beiden Seiten in der Erklärung unversöhnlicher Feindschaft bestanden haben. Die Schwelle krachte, so hieß es später, als der Gottesmann die königliche Halle verließ. Sofort traf die zürnende Königin Anstalten, die schottischen Klosterleute zu isolieren und ihnen jeden Einfluß abzuschneiden; sie verbot irgend einem von ihnen außerhalb der Grenzen die Durchreise zu gestatten, noch ihnen Unterkunft oder Almosen zu gewähren. Indessen suchte Columban sich des Königs zu versichern; schon meldeten sich bei dem jungen Monarchen Spuren der Entfremdung von dem bisher rückhaltlos verehrten Gottesmann, Spuren seiner Abhängigkeit von der Großmutter. Columban begab sich auf dessen Sommersitz Epoisse. Als er bei Sonnenuntergang dort eintraf, meldete man Theuderich, der Mann Gottes sei da, wolle aber die Häuser des Königs nicht betreten. Theuderich meinte, besser sei es den Mann Gottes durch angemessene Spenden zu ehren, als den Herrn durch Kränkung seiner Diener zum Zorne zu reizen. Er befiehlt daher, mit königlichem Luxus das Geeignete zu bereiten und dem Manne Gottes zu schicken. Man kommt also und bietet ihm die Bewirtung; da er aber in den Schüsseln und Bechern königliche Pracht sich entfalten sieht, fragt er wozu. Als jene sagten, es komme vom König, wies er es zurück und sprach: »Es steht geschrieben, die Geschenke der Gottlosen verwirft der Herr. Nicht ziemt es, den Mund der Diener Gottes zu besudeln durch die Speisen dessen, der diesem Diener den Zugang auch zu anderer Leute Wohnungen versperrt.« Bei diesen Worten brachen alle Gefäße in Stücke, Wein und Most flossen auf den Boden, das andere ward einzeln zerstreut. Diese unerhörte Starrheit veranlaßt den König, noch einmal nachzugeben. Er eilt mit der Großmutter in der Morgendämmerung zu ihm, bittet um Verzeihung und verspricht Abhilfe. Columban wird dadurch wenigstens zur Rückkehr in sein Kloster bewogen. Allein nicht lange werden die eidlichen Zusagen gehalten; nur allzubald bricht man sie. Die Bedrängnis der Klöster nimmt zu; der König kann den anstößigen Wandel nicht lassen. In einem bitterbösen Briefe stellt Kolumban gleichsam ein Ultimatum: entweder sofort endgiltige Besserung oder Exkommunikation. Nun bietet Brunichilde alles auf, um den Störefried kurzer Hand zu vernichten. Sie mahnt alle Großen, alle Höflinge, alle Vornehmen, des Königs Sinn gegen den Gottesmann zu verwirren, hetzt die Bischöfe auf, seine Religion herabzusetzen und die Ordensregel, die er für seine Mönche aufgestellt hatte, zu verdächtigen. Die Höflinge lassen sich überreden und empören den König wider Columban, der sich nun vor die Wahl gestellt sah, entweder auszuwandern oder sich einem Schiedsgericht zu unterziehen. Um das Maß voll zu machen, zwang Brunichilde den Enkel, Columban in Luxeuil selbst zur Rede zu stellen, warum er von der Gewohnheit der Landesbischöfe abfalle und warum er die Innenräume seiner Klöster für die Laien absperre. Auf diese Drohungen des Königs erwiderte Columban, kühn und starken Mutes wie er war, er habe nicht die Gewohnheit, Laien und Nichtreligiöse in die Wohnung der Diener Gottes treten zu lassen, hingegen habe er geeignete Gasträume. Hierauf erklärte der König bündig: »Willst du unsere Freigebigkeit und unsern Schutz länger genießen, so gewähre für Alle allgemeinen Zutritt.« Aber ebenso bündig versetzte der Abt: »Willst du irgend an der bisherigen Regel rütteln, so werde ich eben weder deine Freigebigkeit noch deinen Schutz mehr annehmen.« Da besann sich der König nicht länger und betrat rücksichtslos das Refektorium. Aber der Heilige begleitete diesen Gewaltakt mit so furchtbaren Protesten, daß der König den verbotenen Raum gleich wieder verließ. Die harten Worte machten Theuderich glauben, der Heilige habe ihn zum Blutvergießen reizen wollen: »Du hoffst«, rief er aus, »ich werde dir zum Martyrium verhelfen, so dumm bin ich nicht. Aber da du doch immer etwas ganz besonderes haben mußt, wirst du besser thun, wieder hinzugehen, wo du hergekommen bist.« Sofort brach das Gefolge des Königs einstimmig in den Ruf aus, sie wollten in diesen Landen Niemanden haben, der sich über andere erhaben dünke und sich hochmütig von ihnen abschließe. Columban erklärte, das Kloster nicht zu verlassen; man müsse ihn mit Gewalt hinauswerfen. Damit beauftragte der König einen Vornehmen names Baudulf, der dann also, nach des Fürsten Weggang, die Austreibung des Heiligen vornahm, zwanzig Jahre nach dessen Ankunft, und ihn bei Besançon internierte. Dort nahm sich der Heilige heraus, an des Königs Statt Verbrecher im Kerker gleich selbst zu begnadigen. Als Columban ferner sah, er werde in seiner Verbannung nicht bewacht und von Niemanden belästigt, stieg er auf den die Stadt und das Thal des Doubs überschauenden Berg, prüfte, ob man ihm den Weg zu sperren trachte und da dies nicht der Fall war, ging er mitten durch die Stadt mit den Seinigen wieder in sein Kloster zurück. So hatte er eigenwillig den königlichen Bann gebrochen und den Zorn der alten Brunichilde und des Königs aufs neue und heftigste wider sich herauf beschworen. Der frühere Exekutor Baudulf und außerdem Graf Berthari in Begleitung der nötigen militärischen Mannschaft vollstrecken den königlichen Befehl, der glimpflich auch dieses Mal nur auf Ausweisung lautete. Columban weigert sich erst, das Land zu räumen, dann aber fordert er alle seine Mönche auf, mit ihm das Kloster und Theuderichs Reich zu verlassen. Ragamund, der Führer der Bewachung, hatte ihn bis Nantes zu begleiten. Aber die Eskorte, die sie an die Grenze bringt, soll nur die Britten mitziehen lassen, die fränkischen Mönche dagegen im Lande festhalten. Mit Gewalt wurde Eustasius, sein Schüler, der spätere Abt des Klosters, von seiner Seite gerissen. Die Reise ging in sonderbarem Zickzack; über Besançon und Autun nach der Burg Cavalo, wo ein königlicher Roßwart auf Columban ein Attentat versucht; von da durch das Thal der Cure nach Auxerre; dort wendet sich der Heilige plötzlich, in einer prophetischen Anwandlung an den Führer der Kolonne mit den Worten: »Chlothar, den ihr jetzt verachtet, werdet ihr in drei Jahren zum Herrn haben«. Erstaunt fragte Ragamund: »Herr, weshalb sprichst du solches zu mir«, und erhielt zur Antwort: »Du wirst es schon erleben, wenn du bis dann noch am Leben bist«. Obschon nun Auxerre, die nördliche Höhe von Orleans erreicht war, stieg man wieder tief südlich bis Nevers herab, um hier die Loire auf Kähnen zu überschreiten. Dann geht es nach Orleans; da der König ihnen verboten hat, die Stadt und wäre es auch nur, um deren Kirchen zu betreten, lagern sie sehr traurig unter Zelten am Ufer der Loire. Zwei Mönche werden in die Stadt geschickt, um an Vorräten das Notwendige zu erlangen. Aus Furcht vor dem König wagte man nicht, ihnen etwas zu schenken oder zu verkaufen. Auf dem Rückweg treffen sie auf der Straße die syrische Frau eines blinden syrischen Kaufmanns. Die Fremde ergreift Mitleid mit den hier fremden Britten: »Kommt«, spricht sie, »in das Haus eurer Magd und nehmt, was ihr braucht. Bin doch auch ich eine Fremde aus des fernen Ostens Sonne entstammt«. Auch das Stadtvolk beschenkt nun heimlich die Mönche; offen wagten sie vor den begleitenden Wächtern nicht ihre Sympathie zu bezeugen. Von Orleans fahren sie zu Schiff die Loire hinunter bis Tours. Wider Willen muß die Besatzung Columbans Wunsch, das Martinsgrab zu besuchen, berücksichtigen und in Tours anlaufen. Nicht nur darf Columban in St. Martin einen Tempelschlaf thun, er wird sogar von Bischof Leopar zu Tisch geladen. Beim Essen fragt ihn der Bischof, warum er in die Heimat zurückkehre. Der Heilige antwortet: »Der Hund Theuderich hat mich von meinen Brüdern vertrieben«. Dieser in jedem Fall ungebührliche Ausdruck veranlaßte einen fränkischen Edelmann, Unterthan des beschimpften Königs, obwohl mit Theudebert verwandt zu dem demütig vorgebrachten Einwand, ob Milch trinken denn nicht besser sei als Wermut trinken. »Ich merke schon«, gab der Heilige gereizt zurück: »Du willst wohl die Pflichten deines Treuverbandes König Theuderich gegenüber erfüllen«. Jener erklärte, »ja: er habe den Unterthaneneid geleistet und werde ihn halten, so lang er lebe«. Da fuhr der Heilige fort: »Nun, wenn du doch König Theuderich in Treupflicht verbunden bist, so wirst du ja froh sein, von mir als Gesandter zu deinem Freund und König geschickt zu werden. Bring ihm denn zu Ohren, er und seine Kinder werden in drei Jahren der Vernichtung verfallen sein; der Herr wird sein Geschlecht mit der Wurzel ausreißen«. »Warum, o Mann Gottes redest du solches zu mir?« »Weil ich nicht verschweigen kann, was mir der Herr zu sagen auferlegt.« Als dann Columban zu seinem Fahrzeug zurückkehrte, fand er die Genossen sehr betrübt: in der Nacht waren alle Vorräte und alles Geld aus dem Schiff gestohlen worden. Sofort kehrte Columban in die Martinsbasilika zurück und machte dem Heiligen Vorwürfe, als handelte es sich um einen pflichtvergessenen Nachtwächter: »Nicht deshalb wahrlich habe ich zu deinen Ehren hier gewacht, damit du einstweilen mich und die meinen zu Schaden kommen lässest«. Das gestohlene Gut findet sich wieder. Von Tours gelangen sie nach Nantes. Dem König gehorsam, will hier Bischof Sofronius zu gunsten der Reisenden weder schenken noch tauschen. Aber zwei fromme Frauen beschaffen hundert Maß Wein, hundert Maß Korn, hundert Maß Malz, zweihundert Maß Getreide und hundert Maß anderweitige Naturalien. Nun soll also der Heilige mit seinen Genossen nach Irland eskamotiert werden, der damit betraute Bischof und Graf Theudoald von Nantes lassen die Gesellschaft auf ein schottisches Handelsschiff bringen. Doch läuft es schon bei der Ausfahrt auf, und wird erst wieder flott, nachdem Columban mit den Gefährten und aller Habe wieder ans Land geschafft ist. Also, es war klar, Gott wollte nicht, daß Columban Frankenland verließ. Man wagte keine weiteren Verfügungen. Der Heilige war frei. Nach seinen eigenen Worten zu schließen, wäre Columbans Freiheit aber eben doch auch auf Flucht zurückzuführen[131-a]. Er wandte sich zu dem Feind seines Verfolgers, zu König Chlothar. Dieser hatte schon gehört, mit wie vielen und wie schweren Unbilden Brunichilde und Theuderich den Mann Gottes heimgesucht hatten. Als er ihn erschaute, nahm er ihn auf wie ein Geschenk Gottes, bat ihn, sich in seinem Reiche niederzulassen, er werde ihm ganz zu Diensten sein. Columban lehnte ab: sei es, weil er die Pilgerschaft nun für die ihm zukommende Lebensform erkannte, sei es, weil er den Grund zu Streit zwischen Chlothar und Theuderich beseitigen wollte. Chlothar hielt ihn fest, so viele Tage er konnte, ließ sich von ihm wegen gewisser Mißbräuche schelten, die kaum an einem Königshofe fehlen, und gelobte alles nach seinem Befehle zu bessern. Während Columbans Anwesenheit bei Hofe brach zwischen Theuderich und Theudebert ein Grenzbereinigungsstreit aus, und beide baten durch Gesandte Chlothar um Hilfe. Dieser war geneigt sich einzumischen, bewahrte aber die Neutralität, als Columban riet, keinem beizustehen; in drei Jahren werde er beider Reich in Gewalt bekommen. Darauf zwang er den König, ihm behilflich zu sein, durch das Reich Theudeberts über die Alpen nach Italien zu gelangen. Chlothar ließ ihn zu Theudebert geleiten, über Paris und über Meaux. Hier nahm ihn ein Edler, Hagnerich, Theudeberts Gefolgsmann auf. Dieser übernahm es, den Heiligen bei Hofe gut einzuführen, der von König Chlothar mitgegebenen Flügeladjutanten bedürfe es nicht. Columban segnete sein ganzes Haus und weihte insbesondere das Töchterlein Burgundofara dem geistlichen Stande. Zu Eussy an der Marne wurde der Heilige von einem andern fränkischen Großen und dessen Gattin Aiga bewirtet, die ihm ihre Knaben Ado und Dado darbrachten. An Theudeberts Hofe wurde er mit Jubel und Ehrfurcht aufgenommen. Der König schlug ihm die Missionierung der heidnischen Alamannen vor. Columban wollte es auf den Versuch ankommen lassen und wählte die Gegend am Bodensee, da die Zeit der Bekehrung der Wenden und Slaven noch nicht gekommen sei. Dort hätte dann allerdings auch der Rückhalt am Frankentum, den der kühne Missionar noch in der Bodenseegegend gewiß beruhigend verspürte, aufgehört. Zu Bregenz störte er ein heiliges Biergelage, an dem Schwaben aus einer mächtigen Kufe Wodansminne tranken; in abergläubischer Scheu und aus Furcht vor dem Könige ließen die erschreckten Heiden diese Schändung ihres Opfers ungerächt: der fremde Zauberer habe einen starken Atemschnauf, meinten sie, kaum habe er von weitem gehaucht, so sei das Faß zersprungen und sei doch mit Reifen gebunden gewesen; offenbar war ein so gewaltiger Bläser eben doch stärker als ihr bisheriger Gott Wodan. Ganz unvorbereitet waren sie überdies nicht, denn unter diesen Götzenzechern saßen einige, die bereits getauft, aber wieder rückfällig geworden waren. Auch in diesem hintersten Winkel des großen fränkischen Reiches behielt Columban ein wachsames Auge auf die politischen Wirren jener Jahre. In einem Traumgesicht schaut er den ganzen Erdkreis so klein, wie die Schreiber ein Rund mit der Feder zu zeichnen pflegen. Auf die Nachricht von dem Siege Theuderichs über Theudebert verließ er Deutschland und das Frankenreich; er wandte sich nach Italien. Der Langobardenkönig Agilulf sagte ihm sofort alle Gnaden zu. Erst trat Columban in Mailand gegen die Arianer auf und erhielt dann die verfallene Peterskirche zu Bobbio im Apennin zur Gründung eines Klosters angewiesen. Er versah die Ruine mit einem neuen Dach und neuen Mauern. Einem durch Eustasius von Luxeuil bestellten Ruf Chlothars _II._ schlug er aus. Er sei nun zu alt. In der That starb er nach dem ersten Jahr zu Bobbio, im November 615[133-a].

3.

Der Verfasser dieses Lebens des Columban ist Jonas von Susa, der bedeutendste Heiligenschreiber des siebenten Jahrhunderts. Von Geburt ein Italiäner, war er im Jahre 615 nach Columbans Tode in dessen Kloster zu Bobbio eingetreten und hatte daselbst seine Beziehungen zum Frankenreich geknüpft Im Jahre 628 begleitete er den Abt Bertulf nach Rom, um für das Kloster die Exemption vom Diöcesanbischof zu erwirken; aber noch vor Bertulfs Tode verließ er Bobbio und begab sich nach Gallien. Nur gegen das Versprechen, er werde Columbans Leben schreiben, ließen ihn die Mönche überhaupt ziehen. In Gallien widmete sich Jonas unter Leitung des Amandus der Mission der heidnischen Franken. Da er dabei meistens beschäftigt oder unterwegs war, konnte er erst nach drei Jahren, etwa 640, die versprochene Arbeit den Aebten Waldebert von Luxeuil und Bobolen von Bobbio überreichen. Jonas führte den Titel eines Abtes; wahrscheinlich aber hat er nie ein Kloster regiert, sondern in herrschaftlichen Diensten gestanden, wahrscheinlich als Beichtvater und Geschäftsträger der Königin Balthilde oder ihres jungen Sohnes Chlothar _III._; im Jahre 659 finden wir ihn im Auftrage dieser Fürstin in Chalons.

Der bedenklichste Punkt in der Darstellung von Columbans Zeit und Wirksamkeit durch Jonas ist die unwahre, gehässige Zeichnung der klugen und energischen Königin-Regentin Brunichilde. Er, dem hierin sofort Fredegar und alle andern folgten, hat den Leumund der merkwürdigen Frau so entstellt, daß erst durch ehrliche Bemühungen in unseren Tagen eine gerechte Beurteilung[133-1] möglich wurde. Das übliche Visavis der gemeinen Stallmagd Fredegunde ist von vornherein abzuweisen. Brunichilde war kein Engel, aber noch weniger war sie eine Dirne. In ihrer kurzen Ehe mit Sigibert hat sie dessen Treue nicht getäuscht und auch ihre phantastische Heirat mit Merowech beschattet wohl ihre politische Klugheit in jungen Jahren, aber nicht ihre Frauenehre. Selbst der Haß der mönchischen Gegner wagt erst für ihr Greisenalter die schon darum unglaubliche Verdächtigung ihres Wandels. In der Politik hat sie unerlaubte Mittel nicht gescheut; aber nie ist sie, wie Fredegunde, mit Gift und Dolch umgegangen. Mehrfach übt sie Milde und Großmut, kauft in fränkische Kriegsgefangenschaft geratene Langobarden los, unterstützt wohlthätige Anstalten, ist freigebig gegen die Kirche und die Armen. Als Herrscherin wuchs sie zwar erst nach und nach in ihre Aufgabe hinein; dann aber verfolgte sie immer energischer, immer bewußter ihr Ziel: gegenüber einer zügellosen Interessenpolitik und einem Egoismus, dem nichts mehr heilig war, die Sache des Staates, der Reichseinheit, des Rechts, des Königtums. Da, während sie erst für den Sohn, dann für den Enkel und schließlich für den Urenkel die Herrschaft führte und jahrzehntelang immer aufs neue, zumal ohne eine verfassungsmäßige Sicherheit ihrer Frauenregentschaft, Kampf und Kampf gegen den australischen Adel ausfocht, fuhr ihr nun auch noch der hergelaufene Idealist in die Quere, als der ihr, von ihrem Standpunkt aus mit Recht, Columban vorkam. Gleichgiltigkeit oder gar Feindschaft gegen die Kirche darf man aber einer Brunichilde nicht vorwerfen, die Papst Gregor der Große zu seiner wesentlichsten Mitarbeiterin in den kirchlichen Angelegenheiten ihres Reiches herbeizog. Verblendung und niedere Parteileidenschaften hat die hohe Frau in die Blutmegäre der Sage verwandelt und zwar aus bloßem Haß, daß ihre staatsmännische Hand bei Lebzeiten die Kirche in so festen Zügeln gehalten hatte.

Dem Inhalte nach ist von Jonas Werken das Columbansleben weitaus das wichtigste. Obwohl es auf persönliche Erinnerung zurückgeht, ist es doch nur mittelbare Memorie, insofern Jonas den Columban ja nicht selber gekannt hat, aber eben doch in seinem ganzen Wesen durch ihn bestimmt war. Auch in den andern Schriften des Jonas tritt das Element der Memorie in den Hintergrund. Er ist nämlich nach Gregor einer der wenigen, die sich der Forschung widmen und mehr als eben ihren einen Heiligen beschreiben. Dabei zeigt sich aber deutlich von wie geringer Sorte diese damalige Art Forschung war. Auf der Reise nach Châlons rastete Jonas einige Tage im Kloster des heiligen Johannes von Reomaus[134-1]. Die Mönche baten den berühmten Hagiographen, ihnen niederzuschreiben, was sich über das äußere Leben des heiligen Stifters sowie über seine geistige Entwicklung durch seine Schüler bis auf ihre Tage in der Erinnerung erhalten hatte. Jonas willfahrte dem Gesuch und widmete die Schrift dem Abt Hunna. Zu dem Kloster hatte er keine anderen Beziehungen als die der eben genossenen Gastfreundschaft. Er war somit auch dem lokalen Stoff ein Fremder; überdies waren zweihundert Jahre seit der Geburt des Heiligen verflossen. Die mangelhafte Komposition und der dürftige Inhalt sind daher verständlich. Geboren war Johannes, nach Jonas, frommen Christen namens Hilarius und Quieta. Mit zwanzig Jahren faßte er den Entschluß, seine Heimat zu verlassen, und seinen religiösen Neigungen nachzugehen. Zuvor erbaute er jedoch ein kleines Oratorium in seinem Geburtsorte. Diesen Entschluß, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, setzt Jonas in die Zeit, als der Konsul Johannes unter kaiserlicher Hoheit Gallien regierte. Offenbar hat Jonas gar nicht an einen Jahreskonsul, sondern an einen hohen römischen Verwaltungsbeamten in Gallien, wahrscheinlich an den Consularis der Lugdunensis Prima gedacht. Die Begebenheit muß vor die Zeit fallen, da die Burgunder bis in diese Gegend vorgerückt waren, also vor das Jahr 457; aber mag nun auch uns die genaue Zeitangabe entzogen sein, so hat Jonas in seiner Weise sie doch gemacht und damit durch chronologische Eingliederung des Gegenstandes diese Lebensbeschreibung der Befangenheit der Memorie entzogen. Johannes zog sich damals in die gebirgige Gegend zwischen Armançon und Serain, zwei Nebenflüsse der Yonne zurück. Er gründete hier sieben Milien von der Burg Semur en-Auxois entfernt, das Kloster, das heute nach seinem Stifter Moutiers Saint Jean genannt wird. Von einem Brunnen daselbst ging die Sage, daß vor der Ankunft des Heiligen ein Drache darin hauste, dessen Tod er durch Gebet und energische Durchstöberung des Brunnens bewirkt haben soll. Schon bei dieser Handlung war er von Genossen begleitet. Nachdem er die Leitung des neugegründeten Klosters übernommen hatte, hielt er bei seinen Untergebenen streng auf die Beobachtung der Regel. Der Ruf des frommen Mannes veranlaßte eine Pilgerfahrt um die andere. Und auch in demselben Maße, wie die Schaar seiner Mönche wuchs, nahm sein Selbstvertrauen ab, und es schien ihm jetzt zuträglicher für sein Seelenheil zu sein, andern zu dienen als zu befehlen. Ueberdies war er selber noch nicht ausgebildet in der Strenge klösterlicher Disziplin; was er davon wußte, hatte er sich als Autodiktat aus der Lektüre oder mündlichen Berichten angeeignet. Aus Demut und dieser Studien halber begab sich Johannes in Begleitung von zwei Genossen in die damalige Musteranstalt für mönchisches Leben, das Kloster Lerinum, dem Honoratus vorstand. Unerkannt weilte er hier in strengem Gehorsam gegen seine Obern anderthalb Jahre. Da führte ein Zufall seine Entdeckung herbei. Ein Fremder, der zu Besuch kam, erkannte ihn unter den arbeitenden Mönchen und erzählte den staunenden Lerinern, wer der schlichte Mönch sei, der die niedrigsten Dienste that. Das Gerücht von dieser Begebenheit kam dem Bischof Gregor von Langres zu Ohren, zu dessen Diöcese das Kloster des Johannes gehörte. Er sandte Mönche aus diesem Kloster mit zwei Briefen nach Lerinum: Honorat und dessen Mönche ersuchte er, der Rückkehr des Johannes nichts in den Weg zu legen und diesen forderte er auf, heimzukommen; der ernsten Mahnung seines Bischofs mußte der Heilige Folge leisten. Indessen kann diese auf den ersten Blick scheinbar glaubwürdige Episode so doch nicht stattgefunden haben, da Abt Honoratus von Lerinum und Bischof Gregor von Langres nicht Zeitgenossen, sondern etwa um ein Jahrhundert auseinander waren; davon abgesehen ist der Zug wahrscheinlich; denn da der größte Teil der Lebenszeit des Heiligen in das fünfte Jahrhundert fällt, so wird er wohl wie so viele andere Männer dieser Zeit ihre Ausbildung dort genossen haben. Nach seiner Rückkehr ließ sich Johannes wiederum die Leitung und Ausbildung seiner Mönche nach der Regel angelegen sein und wurde darin von einem Mönch namens Filomeris unterstützt. Die Regel, die der Heilige vor der Lerinenser Periode befolgte, hatte Jonas nicht näher bezeichnet; jetzt nennt er den Verfasser Macarius. Die erste Sorge der Brüder war, den mit dichtem Gebüsch bewachsenen Boden urbar zu machen, damit er ihrem Unterhalte diene. Mit Aexten bewaffnet begaben sie sich in die Wälder, hieben sie nieder, rodeten das Land aus und erschlossen es der Kultur. Als sie einmal auf den Ruf des Seniors gehorsam ins Kloster zurückkehrten und aus Bequemlichkeit die Beile draußen liegen ließen, stahl diese ein Dieb, so daß sie hernach die unterbrochene Arbeit nicht fortzusetzen vermochten. Johannes, ungehalten über diese Ausrede, fahndete nach dem Dieb und nahm ihm die Beute ab. Die Arbeit trug ihre harten Früchte. Wohlgefüllte Speicher schützten nicht allein die Mönche vor Not, sondern gestatteten auch die Unterstützung der Nachbarn bei Mißernte. Die Besorgung der Feldwirtschaft blieb aber nach wie vor Sache der Mönche. Auch ein Bild aus dieser späteren Zeit führt uns Jonas vor. Es ist Erntezeit; die reife Saat harrt der Schnitter. Die Mönche begeben sich truppenweise auf die Felder, um die Frucht zu schneiden. Erst der Eintritt der Nacht setzt ihren Mühen ein Ziel. Die fleißigen Brüder kehren jetzt in das Kloster zurück; nur einer, Claudius, bleibt auf Befehl der Vorsteher die Nacht über als Wächter bei der Frucht. Auch er versinkt in Schlaf, aber mitten in der Nacht erwacht er und macht sich Sorgen, daß die ermatteten Genossen die Gebetsstunde verschlafen würden. Da sieht er plötzlich eine strahlende Kugel den Himmel erleuchten. Während er noch betäubt ist von dem Wunder, hört er, wie der Hahnenschrei den kommenden Tag verkündet und zugleich Glockenläuten die Brüder zum Gebete ruft. Am Morgen erzählt er dem Abte sein nächtliches Erlebnis. Aber dieser warnt ihn vor Ueberhebung. Kein sündiger Mensch sei wert, die himmlischen Vorgänge zu schauen. Die freie Natur zogen diese Mönche der Klosterzelle vor. Nach Art der alten Streiter pflegte Johannes dem Gebet und Fasten im Walde obzuliegen, wo er dann mit den armen Leuten zusammentraf, die sich Waldfrüchte für ihren Unterhalt suchten. Als seine Mutter zum Kloster kam, um ihn nach langer Trennung wieder zu sehen, schlug er ihr diesen Wunsch ab; um sie nicht allzusehr zu betrüben, zeigte er sich ihr wenigstens von der Ferne; er ließ ihr aber ankündigen, sie würde ihn in diesem Leben nicht mehr sehen. Wie ganz anders wurde Sequanus empfangen, ein benachbarter Heiliger, der Gründer von Segestrum, heute Saint Seine. Dem Sonderling hatte es beliebt, in stockfinsterer Nacht seinen Besuch abzustatten. Heimlich betrat er die Kirche, um zu beten. Aber Johannes erhielt durch göttliche Offenbarung Kenntnis von dessen Ankunft. Er weckte einen Diener und ließ nun die Mönche durch Glockenschlag zusammenrufen, daß die dem Ankömmling die Pflichten der Gastfreundschaft erwiesen. Zur Messe war das Kloster des Johannes mit Andächtigen überfüllt, da alle seine Predigt zu hören wünschten. Der Heilige pflegt aber für die Laien besonders Messe zu lesen; denn er wünschte nicht, daß seine Mönche durch den Lärm der Menge gestört würden. Die Laien hatten also zunächst abzutreten und vor der Kirche zu warten. Das Kloster war ein Asyl für Bedrückte und die letzte Hoffnung für Schwerkranke. Ein Sklave, der einen Fehltritt begangen hatte, nahm die Vermittlung des Johannes in Anspruch, um von seinem Herrn Verzeihung zu erlangen. Der Heilige setzte auch einen Brief an diesen auf, aber seine Fürbitte wurde nur verächtlich aufgenommen. Sonst waren es vornehmlich Kranke, die dem Kloster zusprachen. Hatten sie dann durch den Heiligen ihre Gesundheit wieder erlangt, so blieben sie wohl auch aus Dankbarkeit gegen ihren Retter im Kloster. Auf der Rückkehr von dem Zuge nach Italien, den der hochstrebende König Theudebert über die Alpen unternommen hatte, befand sich unter den burgundischen Truppen ein Mann, der von heftigem Fieber geplagt wurde. Sein Bruder eilte zu Johannes und erbat sich von ihm geweihte Eßwaren, ersuchte auch den Heiligen, jenen in sein Gebet einzuschließen. Er erhielt ein Brot und fünf Obstfrüchte; man gab sie dem ungeduldig harrenden Kranken in drei Teilen mit Wein befeuchtet ein, und er genas zur Stunde. Das letzte Wunder des Johannes fällt in die Zeit, da eine schwere Seuche ganz Gallien verheerte. Ein Mann wird auf der Heimreise von Paris von der Krankheit befallen, indem sich ein böses Geschwür bildet. Sobald er nach Hause zurückgekehrt ist, läßt er sich Wasser aus dem Brunnen holen, den der Heilige geweiht hatte. Ein Diener bringt ihm das gewünschte mit dem Segen des Heiligen. Als er nun gläubig davon getrunken hatte, barst das Geschwür und er erlangte seine Gesundheit wieder. Gemeint ist die Seuche vom Jahre 543, die in Aegypten ihren Anfang nahm und sich über den ganzen Erdkreis verbreitete. Johannes stand in großer Verehrung bei den fränkischen Königen und beim Adel. In weltliche Geschäfte mischte er sich aber nicht. Er starb im Alter von sage hundert und zwanzig Jahren am 28. Januar sei es 544, sei es eines der folgenden Jahre. Ueber den Schluß der Vita, die sich noch mit den Nachfolgern und der Translation der Gebeine des heiligen Johannes beschäftigt, darf hier hinweg gegangen werden, und ebenso genügt für die übrigen Heiligenleben des Jonas eben die Erwähnung. Es sind sozusagen drei Nachträge zum Columbansleben; denn es handelt sich um Eustasius von Luxeuil, Columbans Vertrauensmann seiner Stiftungen in den Vogesen, um Attala und Bertulf, Columbans Nachfolger in der Abtswürde zu Bobbio und um Burgundofara, das junge Mädchen, das durch ihn zur Nonne geweiht worden war.

Dagegen verlangt hier eine Schrift nähere Beachtung, die nicht durch die Ueberlieferung, wohl aber durch ihre Sprache in die Nähe des Jonas gerückt wird: das Leben des Vedastes von Arras. Sie tritt anonym auf und ist nicht in der alten merovingischen Schriftsprache, sondern in jenem gekünstelten Latein geschrieben, das durch Jonas von Susa in Gallien eingeführt worden ist. Sämtliche Lieblingsausdrücke aus Jonas Schriften finden sich in dieser Vita wieder vor, der Sprachschatz ist der gleiche und fällt um so leichter ins Auge, als Jonas sich in seiner aus den verschiedensten Autoren zusammengestoppelten Sprache nicht frei bewegen konnte. Wie sollte nun aber der Italiener dazu kommen, das Leben eines Bischofs von Arras zu beschreiben? Es läßt sich indessen nachweisen, daß sich Jonas in der That in jener Gegend aufgehalten hat. Von Bobbio kommend schloß er sich dem heiligen Amandus an, der in der sumpfigen Niederung des Elno, im äußersten Norden des Landes sich angesiedelt hatte. Drei Jahre brachte Jonas daselbst zu, und da nach der Art jener Missionare auch er für größere Exkursionen den Wasserweg auf der Scarpe und Schelde zu benutzen pflegte und Arras an der Scarpe liegt, so kann Jonas wohl gelegentlich mit seinem Kahne in diese Stadt gelangt sein. Da mag er dann gebeten worden sein, das Leben des Lokalheiligen aufzuzeichnen und wird seine Aufgabe als federfertiger Mann in kürzester Frist erledigt haben, wie er ja auch für das etwas längere Johannesleben nur wenige Tage gebraucht hat. Auch diese Schrift ist flüchtig hingeworfen und dürftig im Inhalt. Den kümmerlichen Stoff hat Jonas sich dadurch etwas erweitert, daß er Chlodowechs Alamannenkrieg in das Leben verflocht und daran einige Kombinationen wagte. Ueber den vierzigjährigen Episkopat weiß er nur eine einzige Anekdote zu berichten. Wer indes auch sonst immer außer Jonas etwa der Verfasser gewesen sein könnte, Berichte von Augenzeugen hat er sicher nicht benutzt und außer Gregor auch keine schriftliche Quelle. Die Schrift spiegelt die Lokaltradition von Arras und fixiert somit, was man sich zur Zeit des Verfassers über den Heiligen daselbst erzählte. König Chlodowech, so hieß es, hatte in Rheims dem Bischof Remigius den frommen Vedastes von Toul überlassen; dessen Zelle wurde nun in Rheims mit Vorliebe von den Vornehmen besucht; man liebte seinen sanften Mut und seine liebliche Rede. Remigius bestimmte ihn einem größeren Berufe und schickte ihn in den unwirtlichen Westen; als Bischof von Arras sollte Vedast die Bekehrung des fränkischen Volkes fördern. Die Stadt, vor fünfzig Jahren durch Attilas Hunnen zerstört, lag noch in Trümmern. Der neue Bischof nahm von einer Wüste Besitz. Als er zum Stadtthor kam und eintreten wollte, wurde er angebettelt; er sagte, mit irdischen Gütern sei er nicht gesegnet, aber er habe besseres zu geben. Die zwei Bittsteller wollten jedoch mit Gewalt das Geld, das er auf sich trug, abnötigen, sagten aber, als er wiederum seinen Ersatz für Gold und Silber pries, sie wollten dem also verlieb nehmen. Da sprach er: »Wenn euer Glaube meine Worte begleitet, so spendet die Gnade des Allmächtigen jedem von euch die alte Gesundheit«. Nun legte er die Hände über die Augen des einen, berührte die gelähmten Glieder des andern, machte das Zeichen des Kreuzes, blickte aufwärts gen Himmel, sofort gewann der Blinde das Gesicht, der Lahme den Gang wieder und jauchzend gingen sie beide heim. So gelangte er zur Kirche und trat ein. Da sah er sie ungepflegt und durch die Gleichgiltigkeit der heidnischen Bürger vernachlässigt, angefüllt mit Vipern und befleckt durch Kot und Lagerstätten wilder Tiere. Auch viele Häuser der Stadt waren unbewohnt und starrten vor Schmutz. In einem hauste ein Bär. Vedast vertrieb ihn und verbannte ihn ein für allemal über das Flüßchen Crinchon hinüber. Offenbar liegt doch hier die Sage von der Neustiftung des Bistums Arras durch Vedast in populärer Fassung vor. Auch über Vedasts politische Stellung mag mit der Lokalmemorie soweit getreu berichtet sein, daß Vedast zum Hofe Chlodowechs rege und freundschaftliche Beziehungen unterhielt, daß er dagegen mit Chlothar nur einmal gelegentlich in Berührung kam, an drittem Orte beim Gastmahl eines Großen namens Hozinus. Dort behandelt Vedast die Bierfässer nach Columbans Muster. Ueber seine Missionsthätigkeit verlautet, eine Gesamtbekehrung der Franken jener Gegend sei ihm nicht gelungen, dagegen hätte die Zahl der einzelnen Konvertiten steigend zugenommen.

In Luxeuil entwickelte sich unter dem Einfluß des Jonas eine hagiographische Thätigkeit bei den Mönchen, in die wir uns jedoch leider keinen zusammenhängenden Einblick verschaffen können. Vielfach handelte es sich um Ware von leichtfertigster und oberflächlichster Mache; so ist die Vita des Agilus von Resbay[140-1] wertloses Flickwerk. Die biographischen Thatsachen und Namen sind fast alle sei es dem Columbans- sei es dem Eustasiusleben entnommen; wirkliche Liebe zum Gegenstande verleugnet sich ja freilich nicht, aber da es sich um den Genossen eines schon beschriebenen Heiligen handelt, so glaubte sich der Schreiber weiterer Mühe möglichst überheben zu dürfen, und kopierte so viel ihm eben paßte; wenn er nur seinen Helden möglichst hoch hob. Seine Angaben verdienen daher auch da, wo sie selbständig scheinen nur geringen Glauben: wie leicht kann das scheinbar wahre eben nur unbewußte Kombination von Irrtümern des Verfassers sein; so seine Abordnung an den Hof nach Boucheresse als Gesandter des Klosters, seine Missionsreise mit Eustasius zur Bekämpfung einer Häresie des Bonosus, die sie zu den Bojen oder gar den Bayern und dann wieder nach Metz führte. Harmlose Züge aus dem Klosterleben von Resbay mögen echter sein: einmal holte der Abt einen armen Aussätzigen, der in der Winternacht draußen jammerte, auf dem Rücken herein, und bei einer Kirchweih, da es an Wein gebrach, gelang ihm ein zweites Wunder von Cana, sodaß die Mönche mäßig, das Volk aber übers Maß fröhlich wurden.

Nicht alle Schülerarbeit von Luxeuil ist so gering ausgefallen. So schrieb der Mönch Bobolen, kaum schon vor Jonas, sondern später als Abt von Bobbio, ein gewissenhaftes Lebensbild des heiligen Germanus, des Stifters von Moutiers-Grandval im Jura[140-2]. Germanus stammte aus einem Trierer Adelsgeschlecht und stand in engen Beziehungen zu Bischof Arnulf von Metz. Nach einem Aufenthalt im Kloster zu Remiremont trat er dann in Luxeuil unter Abt Waldebert ein. Diesem hatte der elsäßische Herzog Gundonius einige entlegene Grundstücke im Jura angewiesen. Waldebert besichtigte sie in eigener Person und schickte zunächst den Fridwald, einen Genossen des Columba, um den Klosterbau ins Werk zu rufen; Abt aber wird Germanus und ihm zugleich das Gotteshaus von Sankt Ursitz unterstellt. Er übernimmt die Obhut über die angrenzenden Thalschaften und ersetzt die alte Römerstraße von Pierre Pertuis, die über die Höhen gegen Glovelier hinführte, durch die an der Felsenwand abgesprengte Straße, die bis auf den heutigen Tag der Birs entlang das Thal durchzieht. Die Unruhen im merovingischen Reich, die in jener Gegend ums Jahr 666 zu einem Herzogswechsel führten, und Einfälle heidnischer Alamannen zerstörten leider die Thätigkeit des edeln Abtes. Er selbst wird, auf der Rückreise vom Besuche bei seinem neuen Landesherrn mit seinem Gefährten Randoald erschlagen. Die beiden Leichen wurden zuerst in die Kirche von St. Ursanne gebracht und dann in der Peterskirche des Klosters Münster beigesetzt.

Anhangsweise muß hier auch einer litterarischen Erscheinung gedacht werden, die ohne Heiligenleben zu sein, verwandten Inhalt hat und ohne sich über ihre Herkunft offen auszuweisen, wahrscheinlich auch in dem irischen Vogesenkloster zu Hause ist: das sogenannte hieronymische Märtyrerverzeichnis[141-1]. Es ist unverkennbar gallische Arbeit und in seiner ältesten Gestalt in den beiden Jahren 627/628 geschrieben worden.

Der Verfasser war weniger ein gelehrter, als ein sehr fleißiger und wißbegieriger Mann. Er benützte ein altes orientalisches, wahrscheinlich von einem Arianer abgefaßtes Martyrologium aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, das seinerseits auf der Martyriensammlung des Eusebius von Cäsarea beruhte. Für Afrika ist ein vorwandalischer Kalender benutzt, für Rom ein römischer, der während der Jahre 312 bis 422 geführt wurde. Im übrigen hat der Verfasser unermüdlich Namen und Festtage gesammelt und in die Kalendertabelle eingetragen, sodaß ein antiquarischer und ein currenter Teil zu unterscheiden ist oder, anders eingeschätzt, ein ausländischer und ein gallischer Teil. Durch die zunehmenden lokalen Einträge erhielt das Werk den überwiegend nationalen Anstrich, den es jetzt hat. Und auch dann noch scheidet es sich in zwei Exemplare, von denen das eine das Festverzeichnis von Luxeuil, das andere bei den Kirchen von Auxerre und Autun verbreitet und vervollständigt wurde; endlich scheint es auch nach Aquitanien gekommen und dort mit Zusätzen versehen worden zu sein. Mit Auxerre hat der Verfasser persönlich nichts zu thun, alles deutet darauf hin, daß er Mönch von Luxeuil war und dort geschrieben hat. Die bayrische Heilige Afra von Augsburg, die in römischer Zeit von ihrem nicht eben anständigen Berufe sich bekehrte und Märtyrerin geworden war, ist nicht weniger als viermal im Verzeichnis erwähnt. Wenn es mit der Missionsthätigkeit des Abtes Eustasius in Bayern seine Richtigkeit hat, so mag er ihren Kultus in Luxeuil eingeführt haben; denn ohne die Lechbrücke bei Augsburg zu überschreiten, konnte der burgundische Wandersmann Bayern nicht betreten. Sonst hat unsere Martyrologe nicht das leiseste Bedürfnis zu Notizen über das Leben seiner Heiligen. Das nackte Schema der Tabelle genügte ihm durchaus. Bei ihm handelt es sich nun also ausschließlich um gelehrte Systematik trockensten Stils, während ja gerade deren Verbindung mit der memorienhaften Anekdote das Werk Gregors so anziehend und so wertvoll macht.

4.

In jener Zeit, da die Macht der Dynastie zusehends zerbröckelte, kündet sich dasjenige der Adelsgeschlechter, das die Merowinger schließlich stürzen und ablösen sollte, auch dadurch als das moralisch höhere an, daß sein Stammvater der Gemeinschaft der Heiligen angehört. Arnulf von Metz ist von einem ihm untergebenen Mönche nach eigener Anschauung und Mitteilungen der Dienerschaft geschildert worden. Der Schreiber war freilich der merkwürdigen Doppelgestalt des Staatsmanns und Laien nicht gewachsen; ihn interessiert durchaus einseitig der Asket und der Wunderthäter, als der Arnulf gegen das Ende seiner Tage sowohl seine weltlichen als seine geistlichen Befugnisse vernachlässigte. In seiner Jugend hatte er sich unter den jungen Adeligen am Hofe durch sein intelligentes Wesen ausgezeichnet. Er füllte zunächst eine militärische Stellung aus, trat dann aber in die königliche Verwaltung und hatte schließlich sechs Grafschaften unter sich. Er war bereits Gatte und Vater, als die nähere Bekanntschaft mit dem heiligen Romarich ihn mitten am Hofe für das mönchische Ideal gewann. Im Begriff, in Lerinum einzutreten, nahm er die Wahl als Bischof von Metz an und legte auch seine weltlichen Aemter zunächst noch nicht nieder. Chlothar _II._ betraute ihn mit der Regierung Austrasiens unter der nominellen Herrschaft des noch minderjährigen Prinzen Dagobert. Dann aber hielt ihn kein König mehr. Er zog sich in seine Stiftung, Romarichs Kloster Remiremont oder Habendi, zurück und lebte dort Gott und den armen Leuten.

Das dann folgende Zeitalter der Königin Balthilde, an Heiligen nicht reicher als andere, hat für deren gleichzeitige Beschreibung jedoch mehr einzelne Kräfte aufgebracht, als bisher gewöhnlich gewesen war. Die Fürstin selbst ist zunächst von einer nicht übel berichteten geistlichen Zeitgenossin unter dem unmittelbaren Eindruck ihres Wandels kunstlos und treuherzig geschildert worden. Sie war eine angelsächsische Prinzessin, aber kriegsgefangen nach dem Festland verschlagen worden und unter das Gesinde des fränkischen Majordomus Erchinoald geraten. Dieser wollte sie heiraten; doch wußte sie sich den Bewerbungen des Witwers zu entziehen; ob sie dabei bereits in bewußter Absicht mit der glänzenderen künftigen Stellung rechnete oder ob die Heirat eine mehr oder weniger sachliche Kombination des Leiters der Politik Erchinoald war, Balthilde wurde die Gattin Chlodowechs _II._, dem sie drei Erben Chlothar, Childerich und Theuderich schenkte. Nach dem Tode des Königs im Jahre 657 führte sie für Chlothar die Regentschaft und förderte in dieser hohen Stellung die Kirche, konnte sich aber in den Hofintriguen nicht halten und wurde ins Kloster getrieben. Ihre Liebesthätigkeit galt besonders den christlichen Sklaven; sie kaufte viele los, am liebsten Angelsachsen. Sie lebte in Chelles als die niedrigste der Nonnen und starb an einem Unterleibsleiden im Jahre 680. Das andere von ihr gestiftete Kloster war Corbie. Als der von ihr daselbst eingesetzte Abt noch lebte, wurde ihr Lebensbild wahrscheinlich in Chelles verfaßt nach dem Muster von Fortunats Leben der Radegunde; später glättete ein etwas besserer Skribent das unbeholfene Latein dieser Erinnerungen an die andere merowingische Königin, die sich um ihre Krone noch den Heiligenschimmer hinzu erworben hatte.

Die bewegte Zeit nach ihrem Abschiede von der Welt wäre für uns unaufgehellt ohne die Lebensbeschreibungen des Leodegar von Autun. Von diesem ist nun freilich weder die eine von einem Insassen des Klosters St. Symphorian zu Autun, noch die andere von dem Abt Ursinus von Ligugé verfaßt; beide stammen vielmehr aus dem neunten Jahrhundert, gehen aber die eine als einfältige Kompilation, die andere als raffinierte Fälschung auf eine alte zeitgenössische Quelle zurück, von der kürzlich ein Bruchstück gefunden wurde[143-1]. Dieser ungenannte Augenzeuge schilderte eine Menge wichtiger Staatsbegebenheiten und lokalgeschichtlicher Details aus den sechziger und siebziger Jahren sehr ausführlich und packend; er verrät genaue Personen- und Ortskenntnis. Das Staats-, Kirchen- und Gerichtswesen ist ihm vertraut. Er tritt mit Pathos für seinen Helden ein und schreibt offenbar in höherem Auftrag. Seine Darstellung ist eigenartig und enthebt sich der strengen chronologischen Reihenfolge, indem er die Thatsachen pragmatisch gruppiert und nachträgliche Ereignisse gelegentlich einfach vorwegnimmt, sobald sie ihm den faktischen Beweis für etwas eben erzähltes zu enthalten scheinen[143-2]. Leodegar oder Saint Leger[143-3], vornehmer Leute Kind, war in der königlichen Palastschule erzogen worden, war dann behufs weiterer Ausbildung zu seinem Onkel, dem Bischof Dedo von Poitiers gekommen und wurde mit zwanzig Jahren Diakon. In der Stellung eines Archidiakons zeichnete er sich nicht nur durch Rednergabe, sondern auch durch Kenntnis des weltlichen Rechts aus und hielt als Richter wie als Lehrer die ganze Diözese Poitiers in Frieden. Danach oder daneben bekleidete er im Maxentiuskloster bei Compiegne die Abtswürde. Als guter Kopf blieb er bei Hofe nicht unbeachtet, und gar sein persöhnliches Auftreten imponierte den großen Herren geistlichen und weltlichen Standes vollends. So brachte er es im Jahre 659 zum Bischof der königlichen Residenz Autun und that sich nun als energischer und scharfblickender Politiker auf. Aus Anlaß der Königswahl gerieten er und der allgewaltige Hausmeier Ebroin an einander. Ebroin war nicht gewöhnt, daß man ihm die Stirne bot. Ueberdies hatte Leodegar Burgund hinter sich, und der Majordomus stammte aus Neustrien. Er ließ daher die königliche Pfalz für Burgund sperren; da der Zutritt zum Hofe jedoch von höchster politischer Bedeutung und den Großen für den Betrieb ihrer Interessen schlechterdings unumgänglich war, lag, wie in Geßlers aufgestecktem Hute, vielleicht in dem Verbot die Falle versteckt, gegen die Vornehmen, die das Verbot verletzen mußten oder aus Stolz verachteten, einen Vorwand zu gewinnen. Leodegar kehrte sich daran nicht: kaum war König Chlothar gestorben, so eilte er mit seinen Anhängern in den Palast. Gegen Ebroins Kandidaten Theuderich, Chlothars dritten Bruder, erhob er Childerich auf den Thron. Durch die rücksichtslose Bestrafung der unbotmäßigen Junker hatte sich Ebroin viele Feinde geschaffen und war sogar einer Verschwörung gegen sein Leben auf die Spur gekommen. Jetzt entschied das Glück gegen ihn: die Mehrzahl der Edeln ließen den rechtmäßigen Thronfolger Theuderich fallen, konstituierten sich und erhoben Childerich von Austrasien zum König. Ebroins Anhang wurde zersprengt; er selbst stellte sich Childerich, verzichtete auf seine Habe und bat nur, sein Dasein im Kloster fristen zu dürfen. Sein Vermögen wurde infolge dessen geplündert und sein Leben, vor allem auf die Fürbitte Leodegars hin, ihm geschenkt. Er wurde nach Luxeuil geschickt. Auch Theuderich wurde geschoren und der Obhut des Abtes zu Saint Denis übergeben. In Burgund übernahm nun, ohne thatsächlich Majordomus zu sein, Leodegar als Leiter des Palastes die Regierung. Seine Politik bedeutete thatsächlich eine Kräftigung des Adels gegenüber der Krone, deren beste Stütze ein energischer Majordomus damals noch war. Die von Ebroin behauptete Machtstellung sollte unmöglich werden. Das Programm, das er Childerich unterbreitete, betraf lauter Punkte, die auf eine Beschränkung der Hausmeierschaft hinauslief: Ausschluß der Erblichkeit, Wechsel unter den Großen, ohne feste Amtsdauer, abhängig von der Adelsmehrheit; jeder Vornehme sollte womöglich einmal ans Ruder kommen. Dieser Bund mit dem Weltadel war nicht nur vom Standpunkt der Königstreue aus bedenklich, er führte ihn, den Bischof, auch zu einem Gegensatz gegen die Kirche. Bischof Prajektus von Arvern, Saint Prix, hatte Streit mit dem Patricius Hektor von Marseille, weil dieser die Tochter einer frommen Arverner Dame Claudia geraubt hatte und nun nach dem Tode der Schwiegermutter deren Vergabungen an die Armen beim Könige anfocht. Leodegar nahm sich des Grafen an und setzte die förmliche Vorladung des Bischofs vor Königsgericht durch. Anfangs weigerte sich Saint Prix am Samstag vor Ostern in Rechtssachen Rede zu stehen, es sei auch gegen das Gesetz. Dann, als man ihn zwang, appellierte er aber sehr geschickt an die Königin Imnichild, deren hohem Schutz er hiemit die Interessen der Kirche anvertraue. Und als er nun gar erzählte, wie man ihn unter Bürgenzwang zu der auch sonst mühseligen Reise nach Autun genötigt habe und es sich herausstellte, daß dies hinter dem Rücken des Königs geschehen war, da hatte er gewonnen Spiel: König und Königin entschuldigen sich bei ihm, alle Bischöfe und Großen ersuchen ihn, die Ostervigilien zu halten und Messe zu lesen für das Heil des Königs und den Frieden der Kirche. Für Leodegar war das der Sturz. Er entflieht mit Hektor. Diesen läßt der König verfolgen, fangen und hinrichten. Auch Leodegar wird auf der Flucht ergriffen. In dem Gericht, das die Ersten des Palatiums über ihn hielten, wurde ihm geradezu, wenn auch wahrscheinlich mit Unrecht, ein Komplott gegen den König zur Last gelegt. Das Urteil lautete einstimmig auf lebenslängliche Klosterhaft. So kam er nun seinerseits nach Luxeuil zu Ebroin. Die alten Feinde mögen sich dort gefunden und vertragen haben. Nun hatte der austrasische Hausmeier Wulfoald, der durch Leodegars Maßnahmen gegen den Majordomat direkt betroffen gewesen war, in allen drei Reichen die Zügel in den Händen. Mit der Palastrevolution, die zu Childerichs Sturze führte, war dann aber auch die Macht dieses neuen Hausmeiers zu Ende. Leodegar und Ebroin langten vielleicht gemeinsam in Autun an. Ebroin mußte bereits in der folgenden Nacht wieder fliehen, indessen Leodegar für einige Zeit die herrschende Stellung in Burgund aufs neue besaß. Er entschloß sich nun mit Leudesius, dem andern Führer der Adelspartei, für Theuderich _II._, den er früher entthront hatte. Die Wirren im Lande waren unbeschreiblich. Und Ebroin gelang es, sich in Austrasien zu kräftigen; sein Einfall in Burgund war siegreich. Er ehrte seinen früheren Schützling, den jetzigen König, der vor ihm flüchtete, als seinen Herrn, tötete Leudesius und übernahm wieder seine Machtstellung von ehemals. Die Reihe kam nun an Leodegar, den alten Feind, den alten Unglücksgenossen. Ebroin ließ Autun durch zwei seiner Heerführer belagern. Der Bischof sah, daß er sich nicht halten konnte. Er verschrieb den aufgesammelten beträchtlichen Parteifonds für Kirchen und Armenzwecke, versöhnte sich mit seinen Feinden und kapitulierte, aber erst nach versuchtem Kampfe. An der Spitze der gesamten Geistlichkeit schritt er hinaus, unter Psallieren, mit den Kreuzen und allen Reliquien. Er wurde als Hochverräter geblendet, unter Klosterbann gestellt und später hingerichtet. Schlau, ehrgeizig, sonst aber kein schlechter Mensch ist er jedenfalls, sobald und solang er Politik trieb, ein kurioser Heiliger gewesen.

Zwei Weltheilige im besten Sinne sind dagegen Saint Eloi und Saint Ouen, die im Verhältnis von Meister und Schüler stehend, mit ihrer Lebenszeit ziemlich ein ganzes Jahrhundert umspannen. Eligius[146-1], keltischer Abkunft, ist in Chatelat bei Limoges im Jahre 588 geboren. Sein Vater hieß Eucherius, die Mutter Terrosia. Um seiner künstlerischen Anlagen willen gab man ihn noch bei sehr jungen Jahren in Limoges dem Goldschmied Bobbon in die Lehre; dieser Bobbon war königlich fränkischer Münzmeister. So erlernte Eligius sowohl die Juwelier- als die Prägekunst. Er that sich dann in Limoges selbständig auf, erwarb sich in der Stadt selbst und in der Umgegend ein Ansehen, das über jeden Zweifel erhaben war. Von Limoges siedelte er nach Paris über und trat dort in Beziehungen mit einem Schatzmeister Chlothars _II._, einem redlichen Manne. Bobbon benutzte die erste Gelegenheit, die sich bot, seinen Schützling dem Könige vorzustellen. Der Fürst war eben im Begriff, einen Thron mit Gold und Edelsteinen anfertigen zu lassen, wußte aber nicht, wen er mit dem Auftrag betrauen sollte. Auf Bobbons Empfehlung, daß einzig Eligius hiezu fähig sei, ließ Chlothar das Gold und die Steine diesem einhändigen. Eligius führte das Werk mit der größten Gewissenhaftigkeit aus. Der König wußte sich vor Erstaunen nicht zu fassen; wie man denn nur mit so wenig Material so prächtiges habe liefern können. Das kam daher, Eligius war ehrlich gewesen, während die andern Handwerker jener Zeit es nicht anders wußten, als zu unterschlagen, und nachher vorgaben, diese Einbuße sei beim Feilen und Einschmelzen nicht zu vermeiden. Einen solchen Mann wußte Chlothar zu schätzen. Er machte ihn zu seinem Minister und während dreier Regierungen vermochte sich Eligius dieses Vertrauen seiner Landesherren zu bewahren. Eligius war ein Mann von hohem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe. Und nicht nur sah er gut aus, er benahm sich auch fein. Er trug einen schönen Bart und langes, wallendes Haar, er pflegte seine Hände, an denen namentlich die feine Bildung der Finger auffiel; seine Gesichtszüge hatten etwas weiches, evangelisches; sein Auge blickte klug und treu. Seit er am Hofe verkehrte, richtete er auch sein äußeres Auftreten danach ein: er trug prächtige Kleider, mit Gold und kostbaren Steinen, wie die großen Persönlichkeiten des Zeitalters. Später wurde er einfacher und ersetzte die kostbaren Stücke seiner Garderobe durch bescheidenere, um die dadurch erzielte Ersparnis Armen und Kranken zuzuhalten. Eligius war im damaligen Frankenreich ein hervorragender Mann geworden, als Künstler wie als Staatsmann. 635 entsandte ihn Dagobert _I._, um bei Judicaël, dem König der Bretonen einen heikeln Auftrag zu erfüllen, dessen er sich mit allem Geschick entledigte. Fünf Jahre später wurde er zum Priester geweiht und zum Bischof von Noyon erhoben. Von da an überwog bei ihm die geistliche Wirksamkeit. Namentlich machte er sich die Bekehrung der Friesen zur Aufgabe. Er starb zu Noyon im Geruch der Heiligkeit, in der Andreasnacht 659, einundsiebzig Jahre alt, unter der allgemeinen Teilnahme des ganzen Reiches und besonders auch der Königin Balthilde. Gleichzeitig mit Eloi’s Erhebung zum Bischof von Noyon war dem Kanzler Dagoberts das Bistum Rouen zugefallen: es war Audoen, der Schüler des Eligius, der auch dessen Leben beschrieb. Dieser fand dann selber wieder einen Schilderer seines Leben. Von drei Edelleuten aus Soissons den Gebrüdern Ado, Dado und Rado war Ado Mönch, Rado ein hoher Finanzbeamter, Dado dagegen, eben unser Audoen, erst ebenfalls Höfling unter Chlothar _II._ und Dagobert, wobei er in den zwanziger Jahren Eligius kennen lernte. Auch ihn führte Neigung, Lebenswandel, königliche Gunst und der Einfluß des Meisters in die bischöfliche Laufbahn. Ums Jahr 640 war es, daß er in dieser Eigenschaft nach Rouen kam. Er unternahm große Reisen. Als er Spanien betrat, fiel zum ersten Mal seit sieben Jahren ein lauer Regen. Er wallfahrtete nach Rom. In Köln wirkte er auf den Frieden zwischen Neustrien und Austrasien hin. Auf der Heimreise stirbt er bei Paris 683 und wird feierlich nach Rouen überführt. Reliquien von ihm kommen nach England. Sein Lob singt überdies ein künstliches Akrostich in Kreuzform, wahrscheinlich das Werk seines Amtsnachfolgers Ansbert[147-1].

Endlich noch ein Missionarsleben. Der Mönch Baudemund aus dem Kloster Elnon bei Tournai schildert die Wirksamkeit seines Meisters Amandus[147-2] folgendermaßen: er wurde zu Ende des sechsten Jahrhunderts in Aquitanien nahe der Meeresküste geboren und war vornehmer Abkunft. Als junger Mann trat er in das Kloster auf der Insel Oia, verzichtete in der Folge auf sein väterliches Erbe und ließ sich am Martinsgrabe von Tours zum Priester weihen. Dann übergiebt er sich Austregisöl und dessen Obersthelfer Sulpizius Pius; und verbringt dort in einer Zelle nicht weniger als fünfzehn Jahre. Vierunddreißig Jahre alt, reiste er nach Rom, später ein zweites Mal; dann widmet er sich endgiltig der Bekehrung der Heiden zunächst in belgischen Landen. Er verläßt sich bei dieser Bekehrung nicht auf seine Wunderkraft, sondern ruft den austrasischen König an, die Taufe zwangsweise mittelst Königsbann durchzuführen. Nicht um selbst geschützt zu sein, drang er auf staatliche Mission der Heiden, sondern weil er Mitleid hatte mit ihrem Irrsal und wohl erkannte, wie wenig sein Märtyrertod auszurichten vermöge, wie viel dagegen die Staatsgewalt. Er erwirkte durch Bischof Aichar von Noyon Briefe und Bannbefehle von König Dagobert. Doch trotz des Königszwanges stieß er auf den härtesten Widerstand; er wurde immer wieder zurückgestoßen, ja sogar in die Schelde geworfen. Amand sucht bei dem fränkischen Grafen Dotto in Tournai, vor dessen Instanz Rechtshändel zu erledigen waren, einen notorischen Dieb vom Galgen freizubitten; aber da der Graf als pflichttreuer Beamter seine Schuldigkeit that und ungeachtet der humanen Einmischungen eines Unberufenen eben hängen ließ, wie das Gesetz es vorschrieb, sagt Baudemund von ihm, er sei grausamer gewesen als irgend ein reißendes wildes Tier. Dann sucht sich der todesmutige Amand, in der ausgesprochenen Absicht, zum Märtyrer zu werden, ein neues Missionsfeld bei den Slaven. Er drang über die Donau nach Baiern vor, kehrt dann aber zurück, nachdem er nur wenige getauft hatte und keinen weiteren Erfolg absah. Ohne die königliche Macht als Rückhalt war eben mit der Mission nichts. »Einstweilen«, heißt es weiter, »hatte sich König Dagobert mehr als recht war, der Frauenliebe ergeben. Vom Schmutz der Lüste einer Entzündung verfallen, bekam er keine Nachkommenschaft und betete zu Gott, er möge ihm einen Sohn geben, der ihm im Reiche folgen könne«. Nun hatte der Heilige früher den König wegen seiner Todsünden zur Rede gestellt und war deshalb verbannt worden. Als jedoch der ersehnte Thronfolger geboren wurde, veranlaßte der König eine Versöhnung in Clichy und nahm der Heilige nach einigen Einwänden die ihm zugemutete Pathenschaft an. Später wurde er, von diesem seinem Täufling König Sigibert _III._ und den Bischöfen gezwungen, den erledigten Stuhl von Mastricht wider Willen anzunehmen. Dort predigt er drei Jahre in einem Wanderleben, fordert aber auch diesmal durch seine schroffe unnachsichtliche Art vielfach den Widerspruch der andern Geistlichen heraus und warf ihnen schließlich das Bistum wieder vor die Füße. Er zog sich auf die Insel Calloo in der Scheldemündung zurück. Vergeblich hatte ihn sein Freund Papst Martin von diesem extremen Schritt abgemahnt und aufgefordert, den Widerstand durch Strafen zu brechen. Zugleich bittet der Papst den Heiligen, bei Sigibert Unterstützung des heiligen Stuhles gegen Byzanz zu erwirken, der erste Versuch eines Papstes mit Hilfe des Frankenstaats den Byzantinern als Haupt der ganzen abendländischen Christenheit entgegenzutreten. In diesen Jahren versuchte der Heilige ebenfalls vergeblich die Wasconen zu bekehren, also nun diesmal ganz anderswo, an der Südgrenze des Reiches, gegen die Pyrenäen hin. Erst wirkt er außerhalb des fränkischen Teiles von Wasconien, muß sich aber auch dann wieder aus Mangel an Erfolg ins Gebiet der Franken zurückziehen. Unermüdlich ist er im Gründen von Klöstern und kann es bis an sein Lebensende nicht überwinden, daß man Vogelschau trieb oder einen Baum als Idol anbetete. Ungebeugt starb er im Jahre 684.

Drei Jahre später erfocht der Hausmeier Pippin bei Tertri den entscheidenden Sieg, der in Wahrheit der Herrschaft der Merowinger ein Ende machte, wiewohl sie dem Scheine nach noch bis über die Mitte des folgenden Jahrhunderts im Regiment saßen. In der letzten Phase ihres Zeitalters hatte die Heiligenschreibung angefangen sich zu der litterarischen Industrie zu entwickeln, als die wir sie dann unter den Arnulfingern bald genug entfaltet finden. Die karolingische Schule für Hagiographie hat auf den Errungenschaften der merowingischen aufgebaut und stellt sie scheinbar weit in den Schatten; denn in ihr floriert das Interesse an der Vergangenheit, und so bevölkert sie denn kaltblütig den Merowingerstaat nachträglich mit Heiligen aller Art, die uns auf unserer Wanderung durch die gleichzeitigen Quellen gar nicht oder anders begegnet sind. Da echte Forschung damals nicht möglich ist, handelt es sich um Mißbrauch der Forschung, um Erfindung und Fälschung[149-1]. Die bescheidenen Machwerke der Merowinger Zeit dagegen sind durchweg ehrlich. Selbst beim hieronymischen Märtyrerverzeichnis ist die Unterschiebung des Kirchenvaters harmlos, da sie nur die Vorrede betrifft und den Inhalt in keiner Weise in Mitleidenschaft zieht. Bei aller Unzuverlässigkeit kann man also bei den beschriebenen Schriften von historischer Treue reden und sie deshalb schätzen, wie ja denn überhaupt das Frankenreich der Merowinger zwar höhere Bildung aber auch höhere Heuchelei nicht kennt, noch roh aber auch noch naiv ist.

Dritter Abschnitt.

Die Legende.

Erinnerung und Erkundigung erschöpfen indessen den Inhalt der Heiligenviten nicht. Ein wesentliches Element in ihrem Bestande wird von der Legende bestritten. Legende ist das uferlos flutende Weistum der Volksseele. Es hat doppelten Ursprung: entweder entquillt es der geschichtlichen Erinnerung, dann ist es Sage. Oder es entspringt der Naturanschauung, dann ist es Mythus. In den Vordergrund unserer Erwägungen drängt sich jedoch das Bewußtsein der Schwierigkeiten, dieses legendenhaften Wesens der Heiligenvorstellung für unsere Erkenntnis überhaupt habhaft zu werden. Zumal nun auch die gebundene schriftliche Ueberlieferung der fließenden mündlichen nicht mehr auf dem Fuße folgt und somit, was bisher noch in den festen Formen der Litteraturgeschichte sich abspielte, sich nun für uns auflöst in ein schwer greifbares Nacheinander oft geradezu gestaltloser Gedankengebilde. In den folgenden markanten Beispielen, an denen die mannigfaltigen Erscheinungsarten der Legende herausgeschält werden sollen, ist der Anteil von Mythus und Sage sehr ungleich, und dasselbe Mißverhältnis zeigt sich in geographischer Hinsicht, insofern das gallische Stammland von Mythenbildung und Teilnahme der Heiligenlegende an ihr fast ganz frei blieb, während der verhältnismäßig schmale Streifen der Alpen- und Rheingegenden davon wuchert. Bei den Franken selbst äußert sich der Trieb zur freien Gestaltung und zur Emanzipation der Phantasie von geschichtlichem Geschehen fast nur in der mehr oder weniger passiven Aufnahme des kirchlichen Sagenstromes, der sich von Rom aus über das fränkische Reich ergießt. Selbst bei zwei Hauptheiligen des Frankenvolkes, wie Martin und Genovefa von Paris ist ein mythischer Beisatz zwar da, aber durch die viel kräftigeren epischen Triebe fast gänzlich absorbiert. Und die heilige Radegunde hat das Volk von Poitiers nur ganz verstohlen mit einem alten Druidenstein in Verbindung bringen können.

Was an mythischen Bestandteilen im merowingischen Heiligenhimmel sich vorfindet, ist teils aus dem Orient hergezogen, wo die Amalgamierung vom Heidnischen ins Christliche vor angetretener Wanderung ins Abendland sich bereits restlos abgeschlossen hatte, oder sie hat sich, sofern ein solcher Austausch auf germanischem Boden stattfand, auf nicht fränkischem Gebiete, am ehesten bei den Alamannen oder den Friesen und Angelsachsen durchgesetzt. Ueberdies kommt die Schiebung in Betracht, die in den germanischen Göttervorstellungen selber vor sich ging. Einen germanischen Olymp hat es nie gegeben; jeder Stamm hatte seine Gottheiten, jeder seinen Glauben für sich. Nur der mächtige Himmelsgott in seinen beiden Gestalten des Tiuz und des Donaraz sowie seine Gemahlin Frijô haben im Glauben aller deutschen Stämme geherrscht, bis der lokale und untergeordnete Wind- und Totengott der Istväonen, Wodan, im Laufe der Zeit sich universale Rechte usurpierte, den Tiuz aus dem Felde schlug und wenigstens in England und im Norden sich bleibend zum obersten der Götter erhob. Auch in Alamannien griff der Wodankult ein, ohne jedoch noch die Verehrung des älteren Kriegs- und Donnergottes verdrängt zu haben, als an der Spitze der fränkischen Reichsmission bereits eine dritte und in der Folge siegreiche Macht ins Feld rückte, eben die Heiligen der Merowinger.

Siebentes Kapitel.

Wanderheilige.

Fassen wir zunächst Heilige ins Auge, an denen der ursprüngliche Charakter der Legende unverändert zu Tage tritt, Heilige, deren Lebensgeschichte keinerlei Spuren memorienhafter Erinnerung mehr aufweist, sondern in ein oft überreiches Detail voll unverfolgter Anknüpfungen und unerwarteten Beziehungen sich verbreitend, doch niemals die dürftigen und lückenhaften Leitlinien des biographischen Verlaufes verbergen kann. Heilige dieser Art, wenn man überhaupt weiß, woher sie stammen, sind meistens irgendwoher aus dem Süden oder von Osten ins Abendland eingewandert. Auch im günstigsten Falle mangeln ihrer Gestalt scharfe Umrisse, scheinen sie vielmehr unwirklich zerflossen; oft genug ist in ihrer Ueberlieferung die Volkstradition überhaupt an mehr als einem Punkte in ihrem Flusse aufgeschöpft, oft sogar von ein und demselben Heiligen mehrmals, sodaß wir dann für denselben Namen verschiedene Gestalten antreffen, die sich unter einander kaum mehr ähnlich sehen. Die reine, unberührte Form der Heiligenlegende liegt in ihrer Unform, in der eigentümlich hypertrophischen, hundertgliedrigen Mißgestalt. Meistens durch Amputationen auf ein historisch mehr oder weniger mögliches Lebensbild reduziert, aber auch dann nicht ohne hie und da einen unvernähten Riß, hat sich diese Urnatur der Legende in seltenen Fällen unserer Einsicht noch in ihrer kruden Mißförmigkeit erhalten, etwa als doppelgeschlechtiges Mannweib, als Jungfrau mit dem Barte. Selbst jene Beschränkung der stofflichen Ueberfülle zu einer natürlichen und faßbaren Sagenfigur, formal gewiß ein Fortschritt, bedeutet doch immer zugleich eine Verarmung für den Ideengehalt der Legende, die, sobald sie unbefangen bleibt, sich immer gespensterhaft zwischen Himmel und Erde als ihrer Heimat in der Schwebe hält. Dort bedient sie sich dann wohl menschlicher Erscheinungsarten, aber sie fühlt sich an sie nicht mehr gebunden.

1.

Zur Zeit des Entscheidungskampfes zwischen Christentum und Heidentum beherbergten Kleinasien und Syrien eine Anzahl Heiliger, von denen jeder gewissermaßen auf die Wanderschaft ging, und das Abendland seinem Namen unterworfen hat. Sie haben die Dunkelheit ihrer Lebensgeschichte mit einander gemein, sowie Züge, die in die heidnische Götterwelt hinüberspielen. Deutlich zeigt sich das am heiligen Christoph[151-a]. Er stammt aus dem Lande der Riesen, kam unter der Regierung des Königs Dagnus oder Decius von den Inseln nach der durchaus fabelhaften Stadt Samos in Lycien. Nach seiner Taufe erregte er in Syrien unter den Heiden Aufsehen, weil er statt eines menschlichen, den Kopf eines Hundes trug, und bekehrte Unzählige, weil sein eiserner Stab grüne Blätter trieb. Anderswo[152-a] erscheint Christoph als äußerlich sehr ungeschlacht, dagegen spricht er, als er gefangen wird, ohne Unterricht plötzlich griechisch und verblüfft seine Häscher durch das Wunder des grünenden Stabes; erst dann erfolgt seine Taufe durch Bischof Babylus von Antiochien. In der bekannten germanischen Form dagegen ist Christoph, dem griechischen völlig ungleich, ein heidnischer Riese, der durch die Welt zog, einen stärkeren zu suchen, als er sei. Er diente dem Teufel, bis er ihn einem Kreuz ausweichen sah: der Herr des Kreuzes mußte also stärker sein. Durch einen Einsiedler belehrt, daß sich Christus Dienst in guten Werken äußere, läßt sich Christoph an einem Fluß nieder, um, zwölf Fuß hoch, wie er war, Wanderer über das Wasser zu tragen und thut es, bis er eines Tages unter der unscheinbaren, aber immer drückenderen Last des Christusknaben zusammenbricht. Die Verschiedenheit der Ueberlieferung ist jedoch nicht das einzige, was an Christophs Geschichte auffällt. Auch daß die Namen, die er trägt, mag er nun vor seiner Bekehrung Adokimos oder Reprobus oder Offerus geheißen haben, alle deutbar sind und eine Eigenschaft des Trägers ausdrücken, weist auf einen inneren Zusammenhang des Namens mit dem Leben hin; bei einer geschichtlichen Figur müßte dies ein Zufall sein, da der Mensch heißt, bevor er etwas ist, und somit eine Uebereinstimmung von Namen und Leben, wenn überhaupt dem Namen ein Sinn innewohnt, zu den großen Ausnahmen gehören wird. Aber noch mehr giebt an Christoph zu denken, daß er nicht nur in seiner Sage plötzlich einmal mit einem Hundskopf auftritt, sondern diesen Ersatz eines menschlichen Gesichtes auf alten griechischen Bildwerken wirklich zur Schau trägt[152-1]. Hier hat die christliche Sage einen Riß; wir sehen in die heidnische Mythologie hinein: einen Wolfs- und Hundskopf trug Anubis, der den jungen Sonnensohn Horos durch den Nil trägt[152-2]. Allerdings kann ein vereinzelter Zug nicht viel beweisen. Aber an der Gestalt des heiligen Georg läßt sich der Vergleich auf der ganzen Linie durchführen.

Die griechische Georgslegende erzählt, Kaiser Diokletian habe auf ein Apolloorakel hin alle seine Statthalter zu einem Rat wider die Christen zusammenberufen. Damals lebte Georg, von vornehmen christlichen Eltern in Kappadocien. Er hat als Kind seinen Vater verloren und war dann mit der Mutter nach ihrer Heimat Palästina ausgewandert. Als schöner Jüngling trat er ins Heer ein und zeichnete sich in den Kriegen so aus, daß er Comes wurde. Zwanzig Jahre alt erbte er seine Mutter und begab sich mit seinem fürstlichen Vermögen an den Hof, um da sein Glück zu machen. Hier angekommen — wo, wird nicht gesagt — hörte Georg von der Verfolgung, die über seine Glaubensgenossen verhängt sei, verteilte sofort alle seine Reichtümer unter die Armen und bekannte sich vor dem Kaiser als Christen. Er soll den Göttern opfern, bleibt standhaft und wird nun gemartert. Am ersten Tage stoßen ihn die Trabanten mit Speeren nach dem Kerker; ein Speer, der Georgs Körper berührt, wird wie Blei umgebogen. Dann werden ihm die Füße in den Block gespannt und ein schwerer Stein auf die Brust gelegt. Er lacht über so leichte Qualen. Am zweiten Tag wird er an ein großes mit Schwertern besetztes Rad gebunden und gepeinigt. Darauf liegt er wie schlafend da. Diokletian hält ihn für tot. Man bindet ihn los und siehe da, er ging heil von dannen. Georg wird nun in eine Grube mit frischgelöschtem Kalk geworfen: als der Kaiser nach dreien Tagen den Auftrag giebt, die Gebeine heimlich zu verscharren, findet man Georg in heiterer Haltung, im Gebet begriffen. Der Kaiser hält ihn für einen Zauberer und läßt ihn in glühenden Schuhen in den Kerker zurücklaufen. Als er am sechsten Tage aufrecht gehend vor dem Kaiser erscheint, gebietet dieser Georg mit Riemen ans Rindshaut so lange zu geißeln, bis das Fleisch in Stücken herabfällt. Auch tötliche Zaubertränke trinkt er, ohne Wirkung zu verspüren, aus. Nachdem er die Reihe der Marter bestanden hat, thut Georg drei Wunder: Athganasios fordert ihn auf, einen Toten zu erwecken; er thut es. Dann ruft er den gefallenen Ackerstier des Landsmanns Glykerios ins Leben zurück. Am achten Tage erscheint Georg zum letzten Gericht vor dem Kaiser; im Apollotempel beschwört er den bösen Geist, der in dem Götterbild wohnt, bis dieser sich als einen von Gott abgefallenen Engel bekannt; alle Götterbilder stürzen auf die Erde und zertrümmern. Da fiel die Kaiserin Alexandra dem Heiligen zu Füßen; Diokletian ließ beide zur Hinrichtung abführen. Alexandra gab unterwegs den Geist auf, Georg aber ging Gott lobsingend auf den Richtplatz und wurde enthauptet; es war am 23. April.

In diesen griechischen Akten liegt nun aber eine von allerlei Rücksichten geleitete Ueberarbeitung der Georgssage vor. In älteren lateinischen Akten heißt es: der Teufel trieb Dacianus, den Kaiser der Perser, den Herrn über die vier Himmelsgegenden, daß er die zweiundsiebzig Könige der Erde, die unter ihm waren, zusammenrief und auf ihren Rat die Christen bedrängte. Damals lebte der heilige Georg. Melitene in Kappadocien war sein Geburtsort und der Schauplatz seines Martyriums. Hier hielt er mit einer Witwe Haus. Die Marter, die er zu bestehen hatte, sind zahllos; genannt werden die Folterbank, eiserne Zangen, das mit Schwertern besetzte Rad, die an die Fußsohle angenagelten Schuhe; dann wird Georg in eine eiserne, inwendig mit Nägeln besetzte Kiste geworfen, in den Abgrund gestürzt, mit eisernen Hämmern geschlagen; eine schwere Säule wird auf ihn gelegt, ein schwerer Stein auf sein Haupt gewälzt; er wird auf ein glühendes eisernes Bett gedrückt und mit geschmolzenem Blei übergossen, dann in einen Brunnen geworfen, mit vierzig glühenden Nägeln durchbohrt, in einen glühenden ehernen Stier eingeschlossen, mit einem Stein um den Hals in den Brunnen geworfen: diese Marter dauern sieben Jahre. Endlich verdarb Georg mit Arglist die Zauberer der Heiden und brachte die Heiden selbst um; Vierzigtausendneunhundert Menschen aber bekehrten sich zum Christentum, darunter Alexandra, die Kaiserin der Perser. Dacianus ließ beide enthaupten, eines Freitags den 24. April. Hierauf entführte ein feuriger Wirbelwind den Dacianus und seine Genossen. Die Muhammedaner haben die folgende Fassung übernommen: Georgîs, der noch bei Lebzeiten der Apostel geboren war, wird von Gott zu dem Könige von El-Maucîl geschickt, um ihn zur Annahme des Christentums aufzufordern. Der König ließ ihn hinrichten. Gott aber rief ihn wieder ins Leben zurück und schickte ihn ein zweites Mal; ein zweites Mal getötet ward er von Gott wiederum auferweckt und ein drittes Mal geschickt. Nun ließ ihn der König verbrennen und seine Asche in den Tigris werfen. Darauf vertilgte Gott den König mit allen seinen Unterthanen. Die alte abendländische Legende vom heiligen Georg ist in den Kreisen der Kirche von Lyddadiospolis in Palestina entstanden. Dort erhob man den Anspruch, Georgs Leichnam zu besitzen. Jedenfalls bestand dort ein besonders alter Georgskultus. Deshalb unternimmt auch Georg, ehe er Märtyrer wird, in den griechischen Akten einen Abstecher nach Palestina. Die noch ältere morgenländische Fassung muß davon unabhängig gewesen sein; sie läßt den Heiligen verbrannt werden, sie kann mithin eine Beisetzung seiner Asche, aber nimmermehr seines Leichnams gekannt haben. Georg hat nicht nur bei den orientalischen Christen, sondern fast mehr noch bei den Mohammedanern eine ausnehmende Verehrung genossen. Offenbar wurzelt sein islamischer Kultus tief im Volksglauben und war nicht auszurotten. Wie ist das zu erklären, wenn Georg weiter nichts wäre, als ein christlicher Heiliger?

Sein Geburts- und Todesland Kappadocien hilft uns auf die Spur. Es war fast tausend Jahre vor dem Sieg des Christentums vollständig iranisiert. Die alten Naturgottheiten wurden verdrängt, untergeordnet, verflüchtigt. Nur wenigen Gottheiten gelang es, sich im Volksglauben dauernd zu behaupten und trotz der zoroastrischen Prinzipien immer mehr Terrain zu gewinnen und schließlich aller Orten in Bildern verehrt zu werden. Die vornehmsten dieser Götter sind Anâhitâ und Mithra. Kappadocien ist die Wiege des Mithradienstes in der Gestalt, die er im Abendlande genommen hat. Mithra ist das geschaffene, Alles durchdringende, alles belebende Licht, der Vertreter der Wahrheit, Gerechtigkeit und Treue; in später Zeit ist er mit der Sonne identifiziert und sein Kultus mit vielen fremden Bestandteilen versetzt worden. In der jüngsten Phase des Mithradienstes drängt sich die Aehnlichkeit mit Georg bis auf den einzelnen Zug auf: Mithra der Gott stammt von Menschen und ist ein König göttlichen Geschlechtes, Georg der Sohn vornehmer christlicher Eltern. Mithra der reiche Landesherr, schaltend über Gaben, schaltend über Fluren, Georg der Herr großer Schätze und eines reichen Erbes. Mithra war wohlgebildet, hoch, rein, lieblich, Georg ein schöner Jüngling. Mithra und Georg sind in voller Rüstung, die Hand an der Waffe. Mithras Wagen ziehen weiße Renner. Georg erscheint hoch zu Roß. Georgs Gegner ist der böse Dacianus, und Aji Dahâka oder Dehâk ist die verderbliche Ahrimansschlange und wird in der späteren Parsensage direkt zum Teufel, endlich wird er ganz vermenschlicht und in das iranische Tyrannenideal verwandelt. Der Teufel, Ahriman, ist Dehâks Verführer und Ratgeber, genau dieselbe Rolle fällt dem Apollon bei Dacianus zu. Auf den alten Darstellungen schaut eine Frau im Königsgewande dem Kampfe Georgs zu: die Kaiserin Alexandra. Dem Mithra ist Anâhitâ als weibliche Gottheit häufig beigesellt. Sie heißt die große Königin und tritt auf wie eine Königin, trägt ein goldenes Uebergewand und ist bekleidet mit Pelzkleidern von dreißig Bibern. Der Name Alexandra, »die Männer Abwehrende« wäre eine passende Bezeichnung für die jungfräuliche Anâhitâ. Die spätere Georgssage kennt eine doppelte Herkunft der Alexandra, sie sei in Kappadocien geboren, zur Hälfte aber eine ›Französin‹ gewesen. Das deutet auf Gallien im lateinischen und Galatia im griechischen Original. Versteht man darunter nun nicht das europäische, sondern das kleinasiatische Gallierland, wo Pessinus, der Hauptsitz des Kultus der Göttermutter liegt, so wäre Alexandra die Göttin, die in der That in Kappadocien als Anâhetâ und in Galatien als Magna Mater verehrt wurde. Was nun die Witwe betrifft, mit der Georg, als einem zweiten weiblichen Wesen, zusammengedacht ist, so bringt zwar der römische Synkretismus Mithra noch mit Aphrodite-Anâhitâ in Beziehung, aber da Mithra dort meist Sonnengott ist, in noch engere mit der Mondgöttin Selene-Isis, der Witwe des Osiris. In dem jüngeren Stadium der Georgssage hat die Witwe einen drei Monate alten Knaben, der an Händen und Füßen gelähmt und blind ist, auf Georgs Fürbitte aber nicht nur den Gebrauch seiner Gliedmaßen wieder erhält, sondern auch auf sein Geheiß in diesem frühen Alter geht und spricht. Isis hat zum Sohn den Harpokrates; er ist stets als Kind dargestellt, unausgebildet und schwach auf den Füßen; er legt den Mund auf den Finger: die Geberde des Stillschweigens. Würde ihn ein Georg heilen, dann thäte er eben das was der Sohn der Witwe thut: reden, gehen und anderes was sonst die Kräfte eines Kindes übersteigt. Kehren wir zum Mithra in seiner ältesten Auffassung zurück, so heißt er der mit silbernem Helm und goldenem Panzer, der geschossetötende, mächtige, tüchtige Dorfherr und Krieger, der auf dem Schlachtfeld dasteht und die Reihen vernichtet. In den späteren Mysterien des Mithras war der erste Hauptgrad der eines Miles. Die Römer hießen Mithras den Unbesiegten. Ebenso führt Georg der tapfere, siegreiche Krieger das Beiwort eines Trophäenträgers. Mithra schützt seine Verehrer in den Schlachten und läßt die Gegner an ihnen fruchtlos abprallen; und so genoß er denn auch bei den römischen Soldaten eine außerordentliche Verehrung, die namentlich in den nördlichen Provinzen durch sehr viele Denkmäler bezeugt ist. Der Mithradienst wurde eine förmliche, kastenmäßig abgeschlossene Kriegerreligion, die sich in verschiedene, an harte Prüfungen geknüpfte Grade gliederte. Georg wurde dementsprechend der Schirmherr der Kriegsleute, der Schutzpatron ritterlicher Orden. Mithra ist ein Reichtum, Glück und Frieden spendender, liebevoller Gott; Georg ein Heiliger, der seine unermeßlichen Schätze unter die Armen verteilt. Mithra schützt und spendet Leben; Georg heilt Kranke und erweckt einen Toten. Einer verirrten Kuh werden die Worte in den Mund gelegt: »Wann wird uns der Mann zum Stalle bringen hinterherfahrend, Mithra der weitflurige? Wann wird er uns hinbringen auf den Weg der Reinen, die in das Haus des bösen Geistes der Verwesung geführte?« Georg wird von dem armen Landmann, dem sein Ackerstier gefallen war, angerufen und giebt dem Stiere das Leben wieder. Mithra erscheint auf den römischen Kunstdarstellungen als Stiertöter; aber der Mord stellt sich nur als fingiert heraus: »mit erhobenen Armen fährt zur Unsterblichkeit hin Mithra der weitflurige vom glänzenden Garo-Ninâna aus«; Mithra selbst verklärt sich zu einem neuen unsterblichen Leben, und erst die spätere Einmischung physikalischer Spekulation läßt ihn dann den Stier, das heißt die belebte Natur töten, wobei dann eben dieser Tod die Keime zum neuen Frühling enthält. Mithra heißt der wachsame, in ihm ist das Verständnis der reinen, weithin nützenden Lehre niedergelegt, als erster Verkündiger mehrt er stark des heiligen Geistes Geschöpfe; Georg ist ein treuer Anhänger der reinen Lehre Christi, er wird von Gott ausgeschickt, diese dem Perserkaiser zu verkündigen; er bekehrt Tausende zum Evangelium. Wenden wir den Blick auf die Marter, die Georg zu bestehen hatte, so ist an die allgemeine Vorstellung des Altertums zu erinnern, daß was die Mysten des Gottes zu bestehen haben, auch der Gott selbst bestanden hat. Und nun sind in den Prüfungen, die den Mysten des Mithra auferlegt wurden, die Marter des Heiligen und sein und seiner Anhänger Tod vollständig vorgebildet. Zum schlagenden Beweise dafür decken sich die Namen der beiden Hauptleute, die zuerst durch Gregors Beispiel bekehrt wurden und zuerst den Märtyrertod leiden, genau mit dem Namen zweier mythrischer Mystengrade: Anatolios, »der Morgenländer«, entspricht dem fünften Grade Perses, Protoleon, »der Hauptlöwe«, dem vierten Leo, anscheinend dem zweiten Hauptgrade. Ein alter Bericht erzählt: »Die Perser empfangen gewisse, den Mithras betreffende Weihen; Niemand aber kann seine Weihen empfangen, wenn er nicht alle Qualen durchgemacht und sich als unempfindlich gegen Schmerzen und fromm bewährt hat. Es sollen aber etwa achtzig Qualen sein, die der Einzuweihende stufenweise durchmachen muß, zum Beispiel zuerst tagelang durch vieles Wasser hindurch schwimmen; dann sich ins Feuer stürzen, dann in der Einöde verweilen und hungern, und anderes mehr, bis daß er, wie wir sagten, durch achtzig Qualen hindurchgegangen ist. Und dann zuletzt weihten sie ihn in die größeren Mysterien ein, wenn er am Leben geblieben war.« Die achtzig Martertage sind dreifach verteilt: fünfzig Tage hungern, zwei Tage Geißelhiebe, achtundzwanzig Tage Frieren im Schnee und andere Qualen. Die drei Hauptprüfungen der Einzuweihenden sind die Feuerprobe, die Luftprobe und die Wasserprobe. Sie sind auf einem Bildwerk folgendermaßen dargestellt: nach dem Gesicht und über die ausgestreckte Hand eines knieenden Mannes wird eine Fackel mit einer ungeheuer großen Flamme hingehalten; um einen zweiten in wagrechter Stellung liegenden Mann herum, der auf der Erde hingestreckt ist oder in der Luft schwebt, bemerkt man sieben kleine Bälle, die wahrscheinlich die Stricke bedeuten, mit denen die Glieder des Leidenden angezogen wurden, auf einen dritten, einen nackten, zwischen zwei Rohrpflanzen stehenden Jüngling wird eine Schale ausgegossen. Bei Georg sind die drei Hauptmarter das Rad, die Grube mit frischgelöschtem Kalk und die Enthauptung oder wie die hierin wohl ursprüngliche islamische Fassung lautet, die Verbrennung. Die jüngste Gestalt der Georgssage schließt die Marter mit Rad und Grube, setzen wir auch hier die Verbrennung als erste, und statt der Grube den ebenfalls bezeugten Brunnen, so haben wir auch bei Georg Feuerprobe, Luftprobe, Wasserprobe. Es wird bezeugt, daß Georg in der Luft hing und von dem mit sieben Schwertern besetzten Rade zur Erde niedergelassen. Georgs dreimaligem Tode entspricht es, wenn gelegentlich von einem dreifältigen Mithras der Magier gesprochen wird. Die Martern des Heiligen dauern sieben Jahre oder sieben Tage, am achten wird er hingerichtet. Im Mithrakult galt die Siebenzahl für heilig; in seinen Mysterien kam eine Stiege von sieben Thoren vor, die aus sieben verschiedenen Metallen bestanden und nach den Planetengöttern der sieben Wochentage genannt waren; über der Stiege stand das höchste achte Thor. Die acht Thore stehen zu den acht Mystengraden und zu den achtzig Prüfungen in offenbarer Beziehung. Die Georgssage jüngster Fassung macht Dacianus, Georgs Peiniger, zu einem Diener der Planetengötter. Georgs Todestag, ein Freitag, war der Aphrodite heilig, der Vertrauten des Mithra. Die Feier der bedeutenderen mithrischen Sacra wurde im April abgehalten, auf dessen 23. oder 24. Tag Georgs Gedächtnis fällt. Die Identität Georgs mit Mithra erstreckt sich endlich bis auf den Namen. Mithra heißt schaltend über Fluren, nicht verletzend den Bauer, ja schlechtweg der ›Dorfherr‹; Georgios bedeutet aber Mann der Landbauern. Somit ist sogar der Name des Heiligen nur die wörtliche Uebersetzung eines uralten Beinamens des Mithra. Der Mithrakult gehörte zu den lebensfähigsten des sinkenden Heidentums; heidnische Machthaber, wie Kaiser Julian, haben ihn als Schutz gegen das Christentum nach Kräften gefördert. Aber um eben jene Zeit arbeitete die Kirche dem Mithradienste planmäßig auf zwei verschiedenen Wegen entgegen. Einmal verlegte Papst Julius _I._ das Geburtsfest Christi auf den 25. Dezember, den »Geburtstag des Unbesiegten«. Sodann wurde der Kultus des heiligen Georg vorzugsweise begünstigt. Schon Constantin soll in Konstantinopel einen Heratempel durch eine Georgenkirche ersetzt und die Georgenkirche in Lyddadiospolis erbaut haben. So wurde der Mithradienst von der christlichen Kirche mehr und mehr untergraben und am Ende des vierten Jahrhunderts gewaltsam unterdrückt[158-1].

Mithra wurde im vierten Jahrhundert auch in Gallien und am Rhein verehrt. Im fünften lassen sich die ersten Spuren des Georgskultes daselbst nachweisen. Wenn eine Anspielung in Fortunats Georgsgedicht diese Deutung gestattet, hat schon der Bischof Sidonius Apollinaris von Clermont, der 484 starb, einen Georgstempel gebaut[158-2]. Das Gedicht lautet:

Die Georgenkirche.

Stolz erhebt sich das Haus Für Georg den heiligen Ritter.

Dessen erhabener Ruf Drang bis in jegliche Welt.

Hungrig und durstig, gefesselt, erstarrt Und im Feuer geröstet. Hat er nur Christum bekannt Streckt er gen Himmel sein Haupt.

Wohl liegt im Morgenlande Das Grab des gewaltigen Mannes. Sieh, selbst im westlichen Teil Regt sich sein helfender Geist.

Also, Wandrer, vergiß der Gebete nicht Noch der Gelübde. Denn der verdiente Georg Schenkt was der Glaube sich wünscht.

Bischof Sidonius hat ihm In Demut den Tempel gestiftet. Soll es der einzige sein, Den wir dem Heiligen weihn?

Hand in Hand mit dem Bau von Kirchen für Georg ging der Vertrieb seiner Reliquien[159-a]. Eine kleine hölzerne Betkapelle im Stadtbann von Limoges, das Eigentum einiger armer Cleriker, wußte sich von Pilgern welche zu erwerben, und ebenso besaß ein Dorf bei Le Mans Georgsreliquien. Fuß gefaßt hat indessen der Georgskult im merowingischen Frankreich nicht; immerhin deuten diese wenigen Spuren in der Diogonale von Südosten nach Nordwesten den geradesten Weg von Italien nach England an. Hatte die Macht des heiligen Martin einen fremden Allerweltsheiligen auf gallischem Boden sich nicht ansiedeln lassen, so fand Georg dafür das britische Inselreich zu seiner Aufnahme bereit und wurde was Martin für Frankreich war, nun für England: Nationalheiliger. Dabei verlor er jedoch seine Herkunft von einem orientalischen Gotte vollständig und ging ganz in germanischen Vorstellungen auf. Der englische Georg hat nichts mehr vom Mithra an sich; er hat sich zum Wodan verwandelt[159-1]. Das will heißen: er ist hier wie dort wirklich heimisch gewesen oder geworden. Im merowingischen Frankenreiche dagegen hat er sich nur auf der Durchreise aufgehalten.

2.

Von Georgs kleinasiatischen und syrischen Gefährten, Nikolaus, Christoph, Theodor, Moritz und wer sie sonst sein mögen, sind im Laufe der Zeiten alle nach Westen gewandert. Indes liegt schon die Ankunft Christophs jenseits der merowingischen Zeit. Gar Nikolaus, der verkappte Poseidon, hat sich erst im elften Jahrhundert im Abendland eingestellt. Beide Heilige haben dann diese Verzögerung durch ihre beispiellose Popularität wieder wett gemacht. Blasius und Erasmus, die ebenfalls dem späteren Mittelalter angehören, halten sich mehr im Hintergrunde. Und so bleiben Moritz und Theodor mit Cyricus und Sergius als die einzigen übrig, von denen sich Spuren schon vom fünften Jahrhundert an im merowingischen Reiche vorfinden. Von ihnen wird demnächst in einem andern Zusammenhang zu reden sein. Jetzt hat uns ein weiteres Stück kleinasiatischer Heiligenlegende zu beschäftigen, das nicht auf dem Wege der Reliquienverehrung, sondern ausschließlich durch gelehrte Mitteilung nach dem alten Frankenreiche kam und in dieser Eigenschaft von uns bereits erwähnt wurde. Die Legende von den Sieben Schläfern hat bei unserm Gregor etwa folgenden Wortlaut[160-a]: Der böse Kaiser Decius ließ in Ephesus ein Heidenopfer abhalten und die Christen abfangen. Aber selbst in der unerhörten Verfolgung blieben Viele dem Glauben treu. Es waren auch sieben edle Jünglinge, die hießen Achillides, Diomedes, Eugenius, Stephanus, Probatius, Sabbatius und Cyriacus. Sie waren Diener im Palaste des Kaisers und wurden nun diesem denunziert. Er gab ihnen eine Gnadenfrist. Diese benutzten sie, um erst noch viel Gutes zu thun, dann stiegen sie hinauf in die Höhle, die auf dem Berge Anchilus lag. Dort wollen sie sich im Gebete auf das Martyrium vorbereiten. Diomedes, der jüngste unter ihnen, aber zugleich der gewandteste und klügste, war ihr Bote in der Stadt, wo er unerkannt im Gewand eines Bettlers ihre Geschäfte verrichtete. Eines Tages brachte er auch mit wenigen Broten die Nachricht mit herauf, der Kaiser sei nun zurückgekehrt und sie müßten nun alle opfern oder sterben. Da erschracken, seufzten, weinten und beteten sie zu Gott. Diomedes aber richtete das Mahl und ermunterte sie zu essen. So setzten sie sich zur Abendzeit mitten in der Höhle nieder und speisten. Da sie so traurig beieinandersaßen und miteinander sprachen, entschliefen sie sanft, denn ihre Augen waren ihnen durch den Kummer schwer geworden. Langsam ging ihr Schlaf in Tod über. Ohne es zu merken, gaben sie auf der Erde liegend ihre Seelen in die Hände Gottes. Das Geld jedoch, das sie mit sich genommen hatten, lag ihnen zur Seite. Am andern Morgen ließ Decius nach den Jünglingen forschen und ihre Väter verhaften. Diese aber verleugneten ihre Söhne und verrieten ihren Zufluchtsort. Da befahl der Kaiser, den Eingang der Höhle mit Steinen zu verbauen und sie so lebendig zu begraben. Zwei Vertraute des Kaisers, Theodorus und Rufinus, selber heimlich Christen, beschlossen wenigstens das Andenken der unglücklichen Jünglinge zu retten, ihr Schicksal auf bleierne Tafeln aufzuzeichnen, diese in ein ehernes Kästchen zu legen und es dann wohlversiegelt unter den Steinen der Höhlenmauer zu verbergen. Alles das geschah so. Bald darauf starb Kaiser Decius und sein ganzes Geschlecht. Es folgte ein Kaiser um den andern, bis Theodosius, des Arkadius Sohn, den Thron bestieg. Im achtunddreißigsten Jahre dieses Fürsten erhob sich eine Bewegung gegen die Auferstehung der Toten, durch die sich sogar der Kaiser selbst verwirren ließ. Da beschloß der barmherzige Gott, der nicht will, daß die Frommen auf Irrwege geraten, ein Wunder zu thun, um das Geheimnis der Auferstehung allen zu offenbaren. Er gab es daher dem damaligen Besitzer des Höhlenbergs, namens Adolius, ein, einen Stall für sein Vieh zu bauen. So wälzten denn seine Knechte und Arbeiter die Steine, die den Eingang der Höhle verschlossen, fort, um damit das Gebäude aufzuführen. Nun flößte Gott den Heiligen in der Höhle neues Leben ein. Sie erwachten, setzten sich aufrecht und begrüßten einander wie gewohnt, ohne eine Ahnung, daß sie so lange tot gelegen hatten: ihre Kleider waren noch wie zuvor und sie selber frisch und blühend. Sie glaubten vom Abend zum Morgen geschlafen zu haben, und waren in Angst und Sorge, Kaiser Decius werde sie nun suchen lassen. Nochmals mußte ihr Schaffner Diomedes erzählen, was er gestern in der Stadt vernommen habe: sie müßten entweder opfern oder gemartert werden. Da sagte Achillides: Wohlan Brüder, laßt uns bereit sein vor den Richterstuhl Christi zu treten ohne Furcht vor dem Urteil des sterblichen Kaisers. Doch du, Diomedes, gehe zur Stadt, damit du uns Speise schaffest. Nimm Geld mit und kaufe viele Brote; denn wenige nur brachtest du gestern und wir sind sehr hungrig. Da machte sich Diomedes früh auf den Weg und nahm Geld mit sich von sehr alter Prägung, denn sie hatten fast zweihundert Jahre lang geschlafen. Es war eben Tag geworden, als er aus der Höhle trat. Als er Steine davor liegen sah, stutzte er und wußte es sich nicht zu erklären. Zitternd stieg er vom Berge herab, voll Sorge, erkannt und vor Decius geführt zu werden. Als er an das Stadtthor kam, gewahrte er zu seinem größten Erstaunen ein Kreuz darauf. Er wandte sich zu einem anderen Thore und sah dasselbe Zeichen. Er ging von einem zum andern und fand auf allen Thoren das Kreuz; auch sonst war alles anders. Als er wieder beim ersten Thore angelangt war, sagte er: »Wie geht das zu? Gestern abend verehrte man nur im verborgenen das heilige Kreuz und heute prangt es öffentlich auf den Thoren der Stadt? Träume ich oder bin ich vom Verstande?« Doch machte ihm der Anblick des Kreuzes Mut, er betrat die Stadt. Zu seiner neuen Verwunderung hörte er nun um sich herum beim Namen Jesu Christi schwören: noch gestern wagte Niemand Christus zu bekennen. War es denn überhaupt Ephesus; alle Gebäude sind anders. Er fragt einen Mann, wie die Stadt heiße. Der sagte: Ephesus. Da dachte Diomedes: Ich muß von Sinnen sein, und wollte schnell die Brote kaufen und zu seinen Genossen zurückkehren. Als er die Bäcker zahlte, steckten sie die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Diomedes meinte, er sei erkannt und werde nun ausgeliefert. Verwirrt fragte er: Wo bleiben die Brote, ich gab das Geld? Da faßten ihn jene an und raunten ihm zu: Du hast den Schatz der alten Könige gefunden. Teil ihn mit uns, so verraten wir dich nicht und liefern dich nicht aus. Diomedes wußte nicht was sagen. Da legten sie ihm einen Strick um den Hals und schleppten ihn durch die Straßen mitten in die Stadt. Auf die Kunde, daß Jemand ergriffen sei, der einen Schatz gefunden habe, sammelte sich eine Menge Leute um ihn. Sie schauten ihm ins Gesicht und sagten: »Dieser Mensch ist ein Fremdling, wir haben ihn nie gesehen«. Diomedes aber schaute unter ihnen nach einem Verwandten oder einem Freund aus, fand aber Niemand und stand wie wahnsinnig da. Das Gerücht kam auch dem Bischof und dem Statthalter zu Ohren; sofort befahlen sie, den Jüngling mit seinem Gelde zu ihnen zu führen. Als er herbeigeschleppt wurde und wie ein Toller ringsum schaute, lachte das Volk. Er glaubte, nun vor Decius zu kommen, kam aber zur Kirche. Bischof und Statthalter nahmen die alte Münze, betrachteten sie erstaunt und erkundigten sich nach dem Schatze. Er erwiderte: »Wahrlich, ich habe niemals einen Schatz gefunden. Vielmehr entnahm ich das Geld dem Säckel meiner Eltern; sein Gepräge ist das dieser Stadt. Weh mir, ich weiß nicht, was meinem Verstande zugestoßen ist«. Der Statthalter fuhr im Verhör fort: »Von wannen bist du?« »Aus dieser Stadt«, versetzte Diomedes, »wenn dies Ephesus ist«. »Wer sind deine Eltern? Ist denn Niemand, der dich kennt und Zeugnis für dich ablegen kann?« Diomedes nannte seine Eltern, seine Brüder; Niemand kannte sie. Darauf zieh ihn der Statthalter Lügen. Diomedes wußte keine Antwort mehr und schwieg. Die einen sagten: »Er ist verrückt«. Andere: »Er verstellt sich, um der Gefahr zu entgehen«. Der Statthalter jedoch sprach: »Wie sollen wir dir glauben, es sei Geld aus dem Vermögen deiner Eltern, da Prägung und Aufschrift der Münze zweihundert Jahre alt sind, ehe noch Decius regierte, und dem heutigen Kurs so gar nicht gleichen. Wie sollen deine Eltern vor so langer Zeit gelebt haben, da du selbst noch ein Jüngling bist. Wir lassen uns nicht zum besten haben. Entweder gestehst du, wo der Schatz ist, den du gefunden hast, oder du gehst ins Gefängnis und wirst gefoltert«. Da fiel Diomedes auf sein Antlitz und sprach: »Eins nur, bitte ich, sagt mir, und ihr sollt alles erfahren, was ich auf dem Herzen habe! wo ist denn Kaiser Decius?« Da sagte der Bischof: »Mein Sohn, es ist heute Niemand in diesem Land, der Kaiser Decius hieße, der ist vielmehr schon vor vielen Jahren gestorben«. »O Herr«, rief Diomedes aus, »darum erfaßt mich Staunen und glaubt ihr meinem Worte nicht; folgt mir doch in die Höhle des Berges Anchilus, so will ich euch meine Gefährten zeigen. Von ihnen könnt ihr erfahren, was ich sage, sei wahr; wir sind vor Kaiser Decius geflohen, der gestern Abend hier angekommen ist — wenn dies also wirklich Ephesus ist.« Da ging dem Bischof allmählich auf, Gott wolle ihnen durch diesen Jüngling etwas offenbaren. Er machte sich auf mit dem Statthalter, den Vornehmen der Stadt und einer Menge Volkes; Diomedes führte; sie stiegen zur Höhle hinan. Und da der Bischof und die mit ihm waren in die Höhle traten, fand er am Eingang zwischen den Steinen das eherne Kästchen, das mit zwei silbernen Siegeln verschlossen war. Er öffnete es vor allem Volke und fand zwei bleierne Tafeln darin. Die nahm er heraus und las, und als er gelesen hatte, wunderten sich alle sehr und lobten Gott mit lauter Stimme. Sie sahen die Heiligen in der Höhle sitzen, ihr Antlitz wie Rosenlicht. Und alle fielen ihnen zu Füßen, beteten sie an und dankten Gott, daß ihnen vergönnt sei, ein solches Wunder zu schauen. Darauf erzählten die heiligen Märtyrer alles, was zur Zeit des Decius geschehen war. Sofort schickten Bischof und Statthalter einen Brief an den Kaiser: »Möge Deine Majestät geruhen, eilig hieher zu kommen. Du wirst dann die Wahrheit der einstigen Auferstehung erkennen«. Darüber empfand Theodosius große Freude, er machte sich mit zahlreichem Gefolge von Konstantinopel auf und wurde von sämtlichen Bewohnern der Stadt Ephesus feierlich empfangen. Alsbald begab er sich von dem Bischof, dem Statthalter und den Vornehmen geführt zur Höhle, wo ihm die Heiligen mit ihrem strahlenden Antlitz entgegenkamen. Er trat ein, fiel vor ihnen nieder, umarmte sie dann und weinte an ihren Busen. »So schaue ich euer Antlitz«, sprach er, »als ob ich meinen Herrn Jesum Christum sehe, da er den Lazarus aus seinem Grabe erweckte; ich danke ihm, daß er mich in der Hoffnung auf die Auferstehung nicht getäuscht hat«. Darauf sagte Achillides zum Kaiser: »Gleichwie das Kind im Leibe seiner Mutter lebt und nicht Freude empfindet noch Leid, so haben auch wir gelebt ohne Empfindung im Schlafe liegend«. Hierauf legten die Jünglinge vor aller Augen ihre Häupter nieder auf die Erde, entschliefen und gaben ihren Geist auf nach dem Befehle Gottes. Da warf sich der Kaiser über ihre Leiber, weinte, küßte sie und breitete sein Gewand über sie aus. Dann befahl er, daß sieben goldene Schreine für ihre Leiber gemacht würden. Aber nachts im Traume erschienen die Jünglinge und sprachen zu ihm: »Aus dem Staube werden wir auferstehen und nicht aus dem Golde. Laß uns in der Höhle ruhen, bis uns Gott wieder rufen wird«. Darauf befahl der Kaiser, ihr Gewölbe mit Gold und kostbaren Steinen zu schmücken und ließ sie dort ruhen, bis auf den heutigen Tag. Doch über ihrer Höhle wurde eine große Kirche gebaut. Ein Concil fand statt, und zum Gedächtnis ward ein herrliches Fest gefeiert.

Diese Legende mit ihrer ergreifenden Schönheit ist überdies reich an einer Fülle religionsgeschichtlicher Anknüpfungen[164-1]. Am nächsten liegt die Sage vom langen Schlaf[164-a]. Kein geringerer als Aristoteles spricht in seiner Physik davon; wenn unsere Denkthätigkeit ruhe, dann entschwinde uns die Zeit unbemerkt, wie denen, die bei den Heroen in Sardes schlafen. Wenn jene erwachten, werde ihnen das jetzt mit der vorigen Zeit eins scheinen. Sein Scholiast Simplicius deutet jene Stelle dahin, jene Heroen, neun an der Zahl, seien Söhne des Herakles von den Töchtern des Thestius, die unversehrt, Schlummernden gleich, auf Sardinien liegen sollen. Ein anderer Scholiast Philogonus denkt an die Inkubation zur Heilung von Krankheiten; gerade in den Heiligtümern Aeskulaps fand dieser Tempelschlaf statt. Mit den Thestiaden gilt Jolaus als der Pflanzer Sardiniens, er ist aber zugleich ein libophönizischer Gott, der den Herakles vom Tode weckt und mit Aeskulap zu identifizieren ist. Der Aeskulap der Phönizier gesellt sich unter dem Namen Esmun als achter zu den sieben Kabiren. Sie sind die sieben Planetengötter und Esmun gilt als der Himmelskreis. Eine andere Mythe des Alterthums[164-b] erzählt von dem Hirtenknaben Epimenides von Kreta, er sei von seinem Vater ausgeschickt worden, ein verlorenes Schaf zu suchen; er legte sich in einer Höhle nieder und schlief dort siebenundfünfzig Jahre. Er glaubte nur kurze Zeit geschlafen zu haben, suchte aber vergeblich nach dem Schafe und fand dann zu Hause alles verändert. Sein jüngerer Bruder, nun ein Greis, erkannte ihn kaum wieder. In ganz Griechenland sprach man nun von dem langen Schlaf in der Höhle als einem Zeichen, daß Epimenides ein Liebling der Götter sei. Zur örtlichen Fixierung solcher Sagen mag es gelegentlich nicht an lokalen Anhaltspunkten gefehlt haben: gerade in Sardinien gibt es halbkreisförmige Monolithgruppen von fünf, sieben und neun Grabsteinen, in deren Mitte sich ein die andern überragender Kegel erhebt. Aber diese Sagen vom langen Schlaf oder wenigstens vom Verschwinden des Zeitbewußtseins kommen doch bei zu verschiedenen Kulturvölkern vor, um sie einem unter ihnen als Eigentum zuzusprechen. Der chinesische Roman Yukiao-Li erzählt: Zwei Jünglinge gingen aus, Heilkräuter zu suchen, und aßen von einem Pfirsichbaum. Da erschienen zwei Frauen von göttlicher Schönheit, mit denen vermählten sie sich. Als sie endlich zu ihrem Dorfe zurückkehrten, waren hundert Jahre verflossen. Ein Drama desselben Stoffes fügt hinzu: Die Fichten, die der eine von ihnen gepflanzt hatte, waren zu hohen Bäumen geworden; in seinem Hause wohnte sein Enkel; heimatlos mußten sie von dannen ziehen. In den indischen Puratana heißt es, König Raitwata sei zu Brahma gegangen, dort lauscht er einem himmlischen Liede und als er nun seine Angelegenheit vortragen will, teilt ihm Brahma lächelnd mit, seitdem seien zwanzig Menschenalter verflossen. Bei den Indern begegnet man überdies der Vorstellung, unter dem Kuß himmlischer Frauen verrinnen asketischen Einsiedlern Jahrhunderte wie ein Augenblick. Die arabische Dichtung erzählt von Mohammeds Himmelfahrt, er sei vom Engel Gabriel in einer Nacht durch alle sieben Himmel geführt worden, eine Reise, die sonst Millionen Jahre in Anspruch nehmen würde. Doch als er zurückkehrt, findet er sein Bett noch warm. In Tausend und eine Nacht bezweifelt der Sultan von Aegypten die Wahrheit dieser Legende. Da läßt ihn der Scheich, Schahabeddin seinen Kopf in eine Wasserkufe tauchen; in diesem Augenblick durchlebt der König sieben Jahre voll abenteuerlicher Schicksale. Der Talmud wiederum berichtet folgendes: Chone Hamagel wunderte sich oft über die Psalmstelle: Wenn der Herr die Gefangenen erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Schläft denn Jemand siebenzig Jahre träumend? rief er aus. Eines Tages, auf einer Reise, sah er einen Mann beschäftigt, einen Brotbaum zu pflanzen. Da sagte er: Es ist bekannt, daß ein solcher Baum erst nach siebzig Jahren Früchte trägt; weißt Du denn auch, daß Du noch siebzig Jahre lebst? Der Mann erwiderte: Ich habe Johannisbrotbäume vorgefunden, und so wie meine Vorfahren für mich gepflanzt haben, will ich für meine Nachkommen pflanzen. Nach diesem Gespräche setzte sich Chone in der Nähe des Baumes nieder und aß, hier schlief er ein und bald darauf zog sich ein Felsen um ihn herum, unter welchem er siebzig Jahre ungesehen in den Armen des Schlafes ruhte. Nachdem er wieder erwacht war, sah er einen Mann Früchte pflücken von dem Baume, der vor seinem Einschlafen gepflanzt worden war. Er fragte den Unbekannten, und erhielt den Bescheid: sein Großvater habe den Baum gepflanzt. Da sagte Chone: Ich habe gewiß siebzig Jahre geschlafen. Er ging in sein Haus und fragte nach seinem Sohne, erhielt aber die Antwort, dieser lebe nicht, dessen Sohn nur sei da. Er gab sich zu erkennen, fand aber keinen Glauben und begab sich ins Gemeindehaus. Dort ging es ihm aber nicht besser. Das Leben wurde ihm zuwider. Er sehnte sich nach dem Tode, bald darauf starb er denn auch. In der bestimmteren Gestalt des Schlafes in einer Berghöhle findet sich die Sage im germanischen Norden. Bekannt genug ist sie in der Form vom Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser oder von Tannhäuser im Hänselberge bei Frau Holde. Aber auch in anonymer Bescheidenheit tritt sie auf. Ein Schäfer flüchtet sich vor dem Regen in eine Höhle bei der Wettenburg am Main und verfällt dort in einen Schlaf, der sieben mal sieben Jahre dauert. Zwei Bauern gehen in eine Höhle bei Trier um sich vor dem Unwetter zu schützen und verschlafen dort hundert Jahre. Auf dem Dom zu Lübeck schlief einer in einer Lucke sieben Jahre und kam dann wieder wohl und munter zum Vorschein. Ein Totengräber bewirtet einen Toten, der Tote erwidert die Einladung; als der Totengräber nach Hause kommt, sind sechshundert Jahre vergangen. Ein Fuhrmann im thüringischen Singerberge, von einem eisgrauen Männchen bewirtet und über Nacht beherbergt, verschläft hundert Jahre. Eine halbe Stunde Tanz bei den schottischen Elfen war in Wirklichkeit ein Jahr. Zwei Musikanten, die dabei vorgeigen müssen, verspielen die Zeit vom Urgroßvater auf den Urenkel. In Schweden ritt ein Bräutigam aus und wurde von den Elfen in den Wald gelockt. Er tanzt mit ihnen eine Stunde, doch waren vierzig Jahre vergangen und seine Braut vor Gram gestorben. In späteren, deutschen Sagen wird das Vergessen der Zeit durch einen Aufenthalt im Paradiese motiviert, so beim Mönch von Heisterbach. Die Sagen vom Höhlenschlaf ruhen auf mythischem Untergrunde. Dem Schlaf der Götter und Heroen wird eine unendlich lange Zeit beigemessen. Wer nun auf Erden seine Gedanken vom irdischen abwendet, und nur über göttliches nachsinnt, verspürt den Hauch der Ewigkeit und verbringt lange Zeiträume träumend wie wenige Stunden.

Woher nun aber die Siebenzahl in der ephesinischen Legende? Nahe liegt der Hinweis auf die jüdische Sage von den sieben Brüdern, die sich in der Bedrückung der Juden durch Antiochus Epiphanes vornahmen, unter keinen Umständen unreines zu essen, sondern lieber zu sterben. Gewiß liegt da eine Verwandtschaft vor, aber kaum eine Abhängigkeit[166-1]. Man wird sagen dürfen, die geschichtlich verbürgte Standhaftigkeit der Gläubigen gegenüber den Zumutungen des Tyrannen habe beidemal unter dem Einfluß der sakralen Siebenzahl und vielleicht beidemal unter dem Einfluß fremder Sagen die poetische Verdichtung erfahren, als die sich jene Episode des zweiten Makkabäerbuchs gegenüber einer unbestimmteren Angabe des zuverlässigeren ersten herausstellt[167-a]. Im Falle einer Abhängigkeit, der ja nicht ausgeschlossen ist, wäre immerhin eine solche Einwirkung nicht die einzige, die von dem Martyrium der sieben Brüder im Makkabäerbuch auf altchristliche Stoffe ausgeübt wurde. Sicher stehen die Akten der Symphorosa und die Akten der Felicitas unter ihrem Einfluß. Leidensgeschichten zweier Mütter, deren jede sieben Söhne hat und mit ihnen das Martyrium erleidet[167-1]. Die Legende von Ephesus bietet indessen Anlaß zu weiteren Beobachtungen. Auch hier heißt der Kaiser gelegentlich statt Decius Dacianus, wie in der Georgslegende, eine erste Handhabe zur mythischen Deutung. Ferner haben wir es mit einem Höhlen- oder Grottenkultus zu thun. Vielleicht hat die Siebenschläfergrotte in heidnischer Zeit einen Kultus der _Magna mater_ beherbergt, in welcher Gestalt auch immer es mag gewesen sein, als Selene-Astarte, Kybele, Artemis, Proserpina, Demeter oder Hekate. Nun wird aber Rhea-Kybele wie auch Demeter oder Persephone von Korybanten oder Daktylen bedient, die ihrerseits oft mit den Kabiren verwechselt und daher mit jenen zusammen verehrt werden und zwar auch in Grotten, so in der Zerinthiahöhle auf Samothrake. Mit den Kabiren aber stehen die sardischen Schläfer als Brüder des Aeskulap in einem Verwandtschaftsverhältnis. In den Heiligtümern Aeskulaps wurden ferner Täfelchen und Denksäulen niedergelegt, auf denen die Geschichte von Krankenheilungen verzeichnet stand — bei den Siebenschläfern die Bleitafeln, die zum Ueberfluß in arabischen Berichten zu Säulen geworden sind! Die Siebenschläfer sind überdies schöne Jünglinge von vornehmer Abkunft; die Kabiren traten in der griechischen Vorstellungswelt den Dioskuren an die Seite, Idealbilder rüstiger, freudiger Jugend. Diomedes der klügste und schönste unter den Siebenschläfern und ihr Führer fordert zum Vergleich mit Aeskulap heraus, der bei den Phöniziern als schönster der Götter galt. Endlich die morgenländische Gestalt der Siebenschläfersage, die sich sowohl in dem um 520 oder 530 verfaßten Pilgerreiseführer des Theodosius als auch im Koran[167-b] findet, gesellt den Sieben noch einen Hund bei, der sich den Jünglingen auf der Flucht anschloß, und sich durch Steinwürfe und Verstümmelungen nicht vertreiben ließ, sondern sich an den Eingang der Höhle legte, dann auch mit ihnen ins Paradies kam und ihrer Verehrung ebenfalls teilhaftig wurde und mit ihnen schlief: »Achte warens mit dem Hunde«[167-2]. Diese Hundepisode lautet verdichtet[167-3]:

Ein Hündlein, das einst Wache that bei Schäfern, Ging in die Höhl’ ein mit den Siebenschläfern. Und als sie drinnen Zeit und Welt verschlafen, Verschlief es auch den niedern Dienst bei Schafen. Und als im Himmel ihnen ward die Krone, Ward es zu einem Leu’n an Gottes Throne.

Nun spielt im Kultus Aeskulaps und der Kabiren der Hund in der That eine Rolle. Aeskulap wurde, da er als Kind ausgesetzt worden war, von einem Hunde bewacht und in Epidauros war ein Hund neben seinem Bilde dargestellt. In der Kabirengrotte auf Samothrake wurden Hundeopfer dargebracht. Im Orient und in den Mittelmeerländern wurden, wenn der Hundsstern Sirius aufging, Hunde unter Martern getötet: Ende Juli; in der That fällt der Siebenschläfertag in diese Zeit: in der römischen Kirche auf den 27. Juli; in der griechischen auf den 4. August. Und dann ging der Sirius in den Löwen über! Kabiren und Siebenschläfer wurden beide als Beschützer der Schiffe verehrt. Wie einst die Phönizier Kabirenbilder an Bord mit sich führten, so schreiben noch heute türkische Handelsschiffe, da den Mohammedanern die Nachbildung lebender Wesen verboten ist, wenigstens die Namen der Siebenschläfer auf den Stern ihrer Fahrzeuge. Im Abendland verbreitete sich die Legende während des Mittelalters ohne große Veränderung. Sie war eben nicht auf den geheimnisvollen Wegen der Volksüberlieferung zu den Germanen gewandert, sondern litterarisch dahin verpflanzt worden. Trotzdem ihre Behandlung durch die Schriftsteller nicht nachgelassen hat, schlug sie im Volke selbst nicht tiefere Wurzeln. Es fehlten die Reliquen.

Immerhin erzählte man sich im Kloster Marmoutiers bei Tours, vielleicht schon zur Zeit der Merowinger oder nicht viel später, folgendes[168-a]: in den Tagen der Kaiser Diokletian und Maximian, als das römische Reich auf dem Niedergang begriffen war, lag die Oberherrschaft über die Hunnen in der Hand eines tapfern Königs namens Florus. Nach zehn Jahren einer glücklichen Regentschaft wurde Florus von Maximian angegriffen, besiegt und gefangen nach Rom geführt mit seinen beiden Brüdern Martin und Amnarus. Nach Ablauf eines halben Jahres setzte ihn der Kaiser wieder in seine Herrschaft ein, beraubte ihn aber der Einkünfte und festen Plätze; ebenso ließ er ihn eidlich versichern, daß sein Sohn ihm nur als Statthalter und nicht als König nachfolgen werde. Als jedoch dann Konstantin der Macht Maximians ein Ende bereitete, sandten Florus seinen ältesten Sohn zum neuen Kaiser, der ihn liebgewann, mit seiner Nichte vermählte und zum Tribunen erhob. Dieser Sohn hatte zunächst Florus geheißen, war dann aber, als ihn Bischof Paulus von Konstantinopel taufte, Martin genannt worden. Nach dem Tode seines Vaters, Florus des Aelteren, verwaltete er dessen Herrschaft. Sein junger Sohn wurde von Kaiser Julian nach Gallien mit genommen; aber er zog es vor, Gott zu dienen: in der That, er war der heilige Martin. Als er seine Tribunenzeit absolviert hatte, blieb er noch zwei Jahre wider seinen Willen unter den Waffen, nahm dann aber seinen Abschied und unterstellte sich dem heiligen Hilarius von Poitiers. Eine göttliche Offenbarung veranlaßte ihn, seine Verwandten wieder aufzusuchen, um sie zu bekehren. Und wirklich gelang ihm die Bekehrung namentlich seiner sieben Vettern Clemens, Primus, Laetus, Theodor, Gaudens, Quiriacus und Innocens. Sie verkauften ihre Güter, ließen ihre Sklaven frei und widmeten sich ausschließlich dem Studium und dem Gebete. Bald heilten sie Kranke und wurden vom Volk als Propheten verehrt. Auf die Kunde von Martins Berühmtheit in Tours holten sie erst seinen Segen zu einer Wallfahrt nach dem gelobten Lande. Dann kamen sie mit Reliquien beladen wieder zu ihm zurück und erhielten von ihm, um den Rest ihres Lebens gottgefällig zu verbringen, eine Höhle angewiesen. In dieser Höhle lebten sie sechzehn Jahre vor und noch fünfundzwanzig Jahre nach Martins Tode. Als sie zu sterben kamen, da erfüllte sich, was ihnen der Heilige die Nacht zuvor verkündigt hatte: sie starben schmerzlos und lagen im Tode da, als schliefen sie. Rosenlicht schimmerte auf ihrem Antlitz und keine Spur von Verwesung zeigte sich während der sieben Tage, da sie unbeerdigt in ihrer Zelle für die Verehrung der andrängenden Menge ausgestellt wurden; vielmehr war die Grotte während dieser Zeit von einem unendlich süßen Wohlgeruch erfüllt. Darauf ließ Bischof Briccius die Bestattung vornehmen. Zweifelsohne steht die Turoneser Sage unter dem Einfluß der von Gregor veröffentlichten kleinasiatischen Legende; aber es läßt sich nicht ermitteln, inwiefern der Niederschlag nicht ebendoch örtlich veranlaßt war, etwa so, daß sie einem obskuren Grottenkultus an der Loire aufhelfen mußte.

3.

Versetzen wir uns nun auf den Boden germanischer Mythenbildung. Sankt Kümmernis gehört noch heute zu den verbreitetsten Heiligen[169-1]. Die Gestalt, die diese Sage jetzt hat, gehört dem jüngsten Mittelalter an. Ihr zufolge war Kümmernis die Tochter eines heidnischen Königs in Niederland, nach andern in Portugal. Sie selbst hatte sich heimlich dem Christentum angeschlossen. Als sie auf Befehl ihres Vaters einen heidnischen Prinzen zum Manne nehmen sollte, bat sie Gott, er möge doch ihre wunderbare Schönheit derart entstellen, daß alle Männer sich mit Abscheu von ihr wenden müßten. Ihr Gebet wurde erhört und zur Stunde wuchs ihr ein mächtiger Bart. Darauf wurde sie als eine Zauberin angeklagt und auf Befehl des erzürnten Vaters gekreuzigt. Als sie nun in Todesqualen am Kreuze hing, kam ein armer Geiger des Weges, wurde von Mitleid ergriffen und spielte ihr zum Troste das Kreuzlied; zum Dank warf sie ihm einen ihrer goldenen Schuhe herab. Der Geiger sollte darauf als Dieb gerichtet werden. Als man ihn zum Richtplatz führte, bat er um die Gunst, nochmals vor der Gekreuzigten spielen zu dürfen; es wurde ihm gestattet: ein Wunder geschah, denn sie ließ auch den andern Schuh fallen und der Arme war gerettet.

Nur in seltenen Fällen weist jedoch die Kümmernislegende diese greifbaren Umrisse und diesen Zusammenhang ihrer einzelnen Bestandteile auf. Viel öfter treffen wir sie nur bruchstückweise und bis zur Unkenntlichkeit verschwommen an. Wie sehr die Heilige in beständigem Fluß und Wechsel begriffen ist, geht schon aus der Menge ihrer Namen hervor: Heilige Wilgefortis, Liberata, Sankt Gehülfe, Sankt Hilfe, Sankt Hülfe, Eutropia, Regenfledis, Ontkomer, sogar männlich »der heilige Kummernus«, ja einzelne Bilder tragen geradezu die Aufschrift »_Salvator mundi_«. Eine feste Handhabe für die Ordnung der unzähligen Kultusspuren geben in diesem Wirrsal nur die Attribute, die, wenn auch nicht vollzählig, so doch mehr oder weniger regelmäßig immer wiederkehren; denn die rätselhafte Heilige hat Verehrung genossen in einem Umfang, der auch unter den vornehmen Heiligen so leicht seinesgleichen nicht hat. Vielmehr rückt Sankt Kümmernis allein schon dadurch auf gleiche Linie mit einer bedeutenden heidnischen Gottheit. Unter allen Umständen muß man die Dunkelheit und Unverständlichkeit dieser Heiligenfigur mit in Kauf nehmen als ihre wesentliche Eigenschaft. Die volkstümliche Vorstellung von Kümmernis ist uns fast ausschließlich kultisch vermittelt, weshalb denn auch die plastischen Darstellungen vor den litterarischen an Zahl und Wert beträchtlich überwiegen.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, den Sitz des Kümmernisdienstes in dem deutschen Alpengebiet, also in der Schweiz, in Vorarlberg, Tirol und Steiermark und dem Rhein entlang zu vermuten. Seit undenklichen Zeiten scheint er dort heimisch gewesen zu sein. Durch die Langobarden kam er nach Oberitalien. Das berühmte _volto Santo_ zu San Martino in Lucca und die Verehrung des heiligen Fredian in derselben Stadt stellen seinen Kultus außer Zweifel. Durch wandernde germanische Elemente verbreitete sich später dann der Kümmerniskultus auch in Frankreich und Spanien, ohne sich jedoch im Ausland eigentlich einzubürgern.

Das älteste Kümmernisbild stammt aus dem achten oder neunten Jahrhundert und steht in einer Nische der Kirche von Oberwinterthur. Es zeigt unzweifelhaft einen Mann, einen König; auf dem Haupte die dreizackige Krone; das Gesicht ist ernst, von einem starken Barte eingerahmt, der Blick offen und geradeaus gerichtet. Die Arme sind ausgebreitet und bis zu den Handgelenken bekleidet; die Hände stecken in starken Handschuhen. Das Gewand, ein einfacher bis fast zu den Knöcheln reichender Rock ist um die Hüften zusammengehalten durch einen Gürtel, dessen Ende lang herabfällt; auf der Brust, dicht über dem Gürtel ein einfaches kreuzförmiges Zeichen. Beide Füße stehen fest auf; der eine beschuht, der andere entblößt und der Schuh steht vor ihm auf der Erde. Zur Seite kniet eine männliche Gestalt, die den einen Arm erhoben hält. Von einem Kreuze hinter der Königsgestalt ist nichts zu erblicken, die Hände tragen also auch keine Spur einer Nagelung. Diesem Bilde sehr nahe verwandt ist ein jüngeres auf einem Diptychon des dreizehnten Jahrhunderts. Gesichtsausdruck, Krone, Gürtel, Kreuzeszeichen sind dieselben. Von einem Kreuzesstamme ist auch hier nichts angedeutet: dagegen ruhen die Arme auf einem Querbalken. Ob die Hände angenagelt sind, bleibt ungewiß; die Füße stehen auf einem mächtigen Block; der eine Schuh ist ausgezogen und steht unterhalb des Fußes, die knieende Figur führt in der Hand eine Laute. Wiederum einer jüngeren Zeit anzugehören scheint das Bild zu Saalfeld an der Wasserkapelle, die im Fluß steht. Die Krone zeigt mehr Zacken; der Gesichtsausdruck ist zwar immer noch ernst und schmerzlos, aber weniger königlich; der Blick ist frei. Der Gürtel umschließt wiederum den langen einfachen Rock, das Kreuzeszeichen im Gürtel ist verschwunden; dafür befindet sich auf der Brust ein rhombischer Zierrat. Ueber das Haupt ragt der Kreuzesstamm; die beiden Hände reichen zum Querbalken empor; die Nagelung scheint angedeutet. Die Füße, deren einer den nebenstehenden Schuh abgestreift hat, stehen fest auf felsigem Boden, die knieende Figur hält wiederum die Laute in Händen. Merkwürdig ist die Inschrift: _Salvator mundi 1516_, die sich auch auf dem etwas jüngeren und dem Saalfelder ähnlichen Bilde zu Ettersdorf vorfindet. Dagegen verrät der belgische Kummernis eine entschiedene Weiterbildung. Das Kreuz ist vollständig ausgebildet; die Hände sind angenagelt; dagegen hängen die Füße völlig frei ohne Nagelung noch Schemel. Das Haupt, das schon in Ettersdorf leicht geneigt ist, sinkt nun auf die Brust und ist nicht nur von einer mehrzackigen Krone, sondern auch von einem Nimbus umgeben. Um den Hals legt sich ein Geschmeide als breite Borte, die auf der Brust in Blattform schließt. Wiederum hält der Gürtel das Gewand zusammen. Der Kreuzesstamm steigt hinter einem Altar auf, wo zu Füßen des Gekreuzigten neben dem einen abgestreiften Schuh ein Becher steht. An den Stufen des Altars kniet ein Geiger. Als bei der Darstellung des gekreuzigten Christus, seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, nicht nur der Gesichtsausdruck, sondern auch die ganze Figur mit allen Zeichen des Schmerzes sich erfüllte, ging das »bekümmerte« Aussehen auch auf die Kümmernisbilder über. Die nächste Hypostase vertritt ein Bild zu Prag, das im siebzehnten Jahrhundert ein Kaufmann aus Belgien gestiftet hat. Der Uebergang ist ein gewaltiger, denn am Kreuze haftet unverkennbar eine Frau. Da die beiden auf das Jahr 1516 gezeichneten noch durchaus männlich sind, das Prager Bild aber nachweislich erst 1684 gestiftet wurde, muß der weibliche Typus in der Zwischenzeit sich ausgebildet haben. Dafür ist das bekümmerte Aussehen wieder verschwunden; die weibliche Heilige trägt nicht nur die Krone und den Purpurmantel, sondern sogar die Gloriolen. Ihr bärtiges Antlitz ist durchaus heiter; der Gürtel fehlt nicht auf ihrer reichen Gewandung; die Hände sind angenagelt, dagegen stehen die Füße fest auf einem Block, neben welchem der eine abgestreifte Schuh liegt. Der Becher ist verschwunden, der Geiger geblieben. Ueberblicken wir nun diese einzelnen Bildtypen, so treten für die Kümmernisdarstellung folgende Momente zu Tage: die Heilige war ursprünglich ein Mann, das Kreuz, an das der Heilige später geheftet erscheint, fehlt bei den alten Bildern gänzlich, mit der Zeit erscheint es angedeutet, aber nicht durchgeführt; dementsprechend führt sich die Nagelung der Hände erst allmählich ein. Die Nagelung der Füße dagegen unterbleibt und schützt mit dem allen Bildern gemeinsamen Gürtel Kummernis vor der Verwechslung mit dem gekreuzigten Christus. Der Geiger der späteren Bilder und modernen Dichtungen[172-1] war ursprünglich nur ein Betender, ein Bettler. Und wie der Heilige den einen Schuh fallen ließ, so berichtet die nordische Sage von manchem Götterbilde, es habe gnädig einen Ring vom Finger, einen Schuh vom Fuße fallen lassen.

Irgendwie näher auf die spätere weibliche Phase des Kummernus und deren wechselnde Namen einzugehen, würde uns allzuweit von unserer Aufgabe abführen. Dagegen schlägt es in unser Gebiet ein, dem Ursprung dieses seltsamen Kultus ein wenig nachzuspüren. Der oder die heilige Kummernus wird zunächst angerufen in jeder Not des ganzen Volkes, also in Kriegsgefahr, Trockenheit, Ueberschwemmung, Theuerung, Mißwachs und Epidemie. Insbesondere ist der Zwitterheilige sodann Schutzpatron des Ackerbaus; das Bild steht darum meist in Feldkapellen; auch auf Bäckeröfen prangt es häufig. Doch schließt dieser allgemeine Schutz persönliche Anliegen nicht aus, besonders leidender Frauen in Eheangelegenheiten; das Kümmernisbild findet sich daher in der Schlafkammer über dem Ehebett. Dann beschützt und geleitet er Reisende, deshalb seine Kapelle an Kreuzwegen, und ebenso geleitet er, wenigstens in späterer Zeit, die Toten auf ihrer letzten Fahrt. Das kann kein unmächtiger gewesen sein, der das Saatfeld in gleicher Weise segnet wie den Ehestand, der die Gefahren abwendet, sowohl von der Feldfrucht, wie von dem Glück des Hauses; dieser Herr über Leben und Tod kann nur ein Herrscher gewesen sein, der Himmlischen einer. Nur bei einem Urgewaltigen kann das Volk seit grauer Vorzeit in seiner Not Trost und Hilfe gesucht haben. Da, mit einem Mal, erkennen wir die gekrönte, bärtige, königlich blickende Riesengestalt: wahrhaftig, es ist der Donnergott selbst. Hoch aufgerichtet, mit ausgebreiteten Armen dem Beter zu seinen Füßen Hilfe verheißend, steht er da, ausgerüstet mit allen Zeichen der Kraft; seine Hüften umschlingt der Stärkegürtel, indem der kurze Stil des Hammers steckt, seine Hände sind in die Eisenhandschuhe gehüllt, er legt sie an, sobald er auszieht, die Riesen niederzuschmettern. Warum heißt dann aber dieser verkleidete Heidengott nach seiner Taufe Kummernus? Eine stichhaltige Erklärung des Wortes, vielleicht am ehesten aus einem entlegenen Dialekt zu erwarten, liegt noch nicht vor. Um sich mit Bekanntem zu behelfen, kann man immerhin sagen, daß die uns geläufige, abstrakte Bedeutung von »Kummer« keineswegs die ursprüngliche ist; noch heute bezeichnet das Volk am Rhein mit diesem Wort den Schutt und spricht vom »Kümmern« der Rebberge; bei Gregor von Tours bedeuten »Cumbri«, eine Flußeindämmung, und da mag denn beiläufig an das Kummernusbild der Wasserkapelle mitten in der Saale bei Saalfeld erinnert sein, sowie an den italienischen Kummernus, den heiligen Fredian von Lucca, der bei einer Ueberschwemmung des Wassers durch ein Wunder zum Meere ablenkt. Wenn ferner in der Rechtssprache Kummer der Ausdruck für Haft ist, so verrät sich auch da der ursprüngliche konkrete Sinn eines Hindernisses um aufzuhalten und zu hemmen. Endlich war zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts die Bezeichnung »zum Kummer« als Hausname in Gebrauch. Es ist aber niemals Sitte gewesen, ein Haus nach einem Abstraktum zu nennen, da die bildliche Darstellung des Namens wichtiger war als der Name selbst. Das Bild »zum Kummer« war zweifellos ein göttliches in menschlicher Gestalt und stellte den mächtigen Helfer in der Not dar, der der Bedrängnis einen Damm entgegensetzt und ihr ein Ende macht. Es bleibt ohne Belang, ob der Helfer männlich oder weiblich ist; der männliche Artikel scheint auf einen männlichen Helfer zu deuten, wogegen der spätere Tausch mit »Kümmernis« auf den Uebergang in eine weibliche Helferin schließen läßt. Wie sehr man indessen noch von dem männlichen Geschlechte überzeugt war, auch nachdem die Bezeichnung Kummernis sich schon eingebürgert hatte, beweist die klare Aufschrift des Bildes in Rankwil in Vorarlberg: »Sanktus Kummernus«. Ebenso steht vor dem Dorfe Ruedeswill westlich von Luzern ein kleines Bethaus in der Ehre des heiligen Märtyrers und Bischofs Kummernus.

Zur selben Zeit, da Bonifatius in Deutschland die Bäume und Bilder Donars zu stürzen unternahm, mag in den angelsächsischen Missionskolonien der Niederlande die Vorstellung von einem Heiligen gehegt worden sein, der den Kriegs- und Donnergott auch in der Ideenwelt der Heiden verdrängen sollte. In Belgien finden sich noch heute uralte Kultstätten des Kummernus zu Brüssel, Mecheln und bei Dieppe. Von dem Niederland ist dann der Heilige rheinaufwärts gezogen, und ließ sich namentlich in Mainz nieder. Nicht weniger als fünf seiner Bilder finden sich an verschiedenen Orten der hessischen Rheinpfalz, die von dem mächtigen Donnersberge beherrscht wird. Die Anfänge des eigentlichen Kultus fielen also in das Ende der Merowingerzeit, in die erste Hälfte des achten Jahrhunderts. Aber nur die Anfänge des Kultus, in seiner christlichen Umprägung. Der eigentliche Kern dieses Dienstes ist so alt wie die germanische Götterwelt, und während sie am Unterrhein bereits zum heiligen »Kummer« beteten, opferten die Alamannen im Vorland der Alpen noch dem Donar. Und doch sah das Bild des einen dem Bild des andern zum Verwechseln ähnlich. Es war ein und dasselbe Bild.