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Zehntes Kapitel.

Die Grundheiligen.

Frankreich hatte im sechsten Jahrhundert noch elf kirchliche Provinzen[212-1].

Die Hauptstadt der »Ersten Lyoner« beherbergte in ihrem römischen Mauerring nur eine Johannisbasilika, in deren Krypta Irenäus mit den Märtyrern Epipodius und Alexander beigesetzt war. Westlich oder südlich der Römerstadt lag das Mausoleum einer heiligen Frau. Außen am Stadtbann erhob sich die Nicetiusbasilika zwischen Saône und Rhone, die erst den Aposteln geweiht gewesen war. Die Lage der Helius- und Marienkirche ist nicht mehr zu bestimmen. Auf einer heute mit dem Lande verbundenen, damals von beiden Strömen bei ihrem Zusammenfluß gebildeten Insel im Osten des römischen Lyon stand die mächtige Märtyrerkirche von Ainay. Eine Stunde oberhalb lag ein Kloster auf der Insel Barbara in der Saône. Auf der Südgrenze gegen Vienne zu befand sich das Symphorianskloster von Ozon, und ihm diametral entgegengesetzt in der Nordostecke am Jura das uns bereits bekannte Kloster des Romanus, das damals noch nach Eugendus und später nach Bischof Claudius hieß. Lyons kultischer Sagenkreis enthielt folgende Anekdoten[212-a]. In der Irenäuskrypta strahlt bisweilen ein heller Schein. Die Krypta des Helius barg ein schönes Grabmal dieses Lyoner Bischofs aus der decianischen Verfolgung. Im Raume war inschriftlich über der Eingangsthüre das die Nacht nach der Beisetzung von einem Heiden begangene Sacrilegium erwähnt. Gregors Verwandter, Bischof Nicetius oder Nizier, zollte diesem seinem Vorgänger besondere Verehrung. Er selber erwies sich dann, noch nicht einmal im Grabe, schon bei seinem Leichenzug wunderkräftig; ein blinder Knabe ließ sich, einer inneren Stimme folgend, durch die Schaar weiß gekleideter Kleriker hindurch unter den wandelnden Sarg stoßen; dort rief er den Heiligen an und erlangte das Augenlicht. In der Stadtkirche zeigte man einen Evangelienschrein, eine Schale und einen Kelch, die einst Kaiser Leo als Dank für die durch einen Lyoner Obersthelfer bewirkte Heilung seiner besessenen Tochter gestiftet hatte; die Gegenstände waren aus reinstem Golde gewesen und mit echten Juwelen besetzt; aber leider hatte der Ueberbringer in der Alpengegend bei einem Goldschmid übernachtet, der ihm bei Gewinnteilung Ersetzung echter Bestandteile durch Imitationen vorschlug; nur den Kelch ließ er unberührt, weil dort die Edelsteine stärker als blos mit Golddrähten befestigt waren. Die Strafe war, daß beide, bei der Rückkehr des Boten, nachts im einstürzenden Zimmer erschlagen wurden. Von jener unbekannten Frau, die vor der Stadtmauer begraben lag, hieß es, sie habe den Schuh des Märtyrers Epipodius aufgefangen, als er ihm auf dem Gange zum Richtplatz vom Fuße fiel. In der Marienkirche hatte von einem kinderlosen adeligen Ehepaar, das die Kirche zum Erben seiner Güter einsetzte, der verstorbene Gatte sein Grab, an dem die noch lebende Gemahlin täglich ihre Andacht verrichtete. Nördlich von Lyon lagerte sich das Gebiet der ihm unterstellten Bistümer. In Autun war der Kirchhof ein Sammelpunkt von Heiligtümern[213-a], nicht nur enthielt er ein Massengrab von Heiligen, sondern auch die Mausoleen dreier Stadtbischöfe, nämlich des Reticius, des Cassianus und sogar des Simplizius, trotzdem diesem, allerdings mit Unrecht, Ehebruch nachgeredet wurde. Zum Grab des Reticius, das abseits lag, ging die Geschichte um, seine Gattin, die schon vor seiner Bischofswahl starb, habe ihn beschworen, einst an ihrer Seite zu ruhen, und als nun viele Jahre später der Bischof die seiner Stellung entsprechende Ruhestätte finden sollte, verrichtete die Totenbahre das in solchen Fällen übliche Beharrungswunder, bis man begriff. Der Hauptheilige von Autun war allerdings der Lokalmärtyrer Symphorian aus der Zeit der Lyoner Verfolgung; seine Basilika war am Ende des fünften Jahrhunderts von dem Priester und späteren Bischof Eufronius errichtet worden und lag eine kleine halbe Stunde nördlich der Stadt[213-b]. Dijon, die thatsächliche Residenz des Namensbistums Langres, besaß das Benignusgrab, über dem seine Hauptkirche errichtet war; sie enthielt überdies die Gräber des Senators Hilarius, seiner Frau Quieta und einer ebenfalls frommen Dame namens Florida, wozu dann noch als weitere dort ruhende Notabilität Tranquillus hinzukommt[213-c]. Durch einen Höhenzug getrennt, bereits im Seinegebiet, lagen die beiden Klöster Reomatis und Saint Seine; der Stifter des einen, der heilige Abt Johannes von Tonnerre, war in einer benachbarten Pfarrkirche begraben, während das Grab des heiligen Sequanus sich in dessen Abtei befindet[214-a]. Einen Tagemarsch nordnordwestlich von Reomatis erreichte man die Festung Tonnerre, wo ein durch Martin von Tours geheilter Priester seiner Zeit eine Kapelle errichtet hatte. Topographisch die Abrundung des Erzbistums Lyon bildet die Diöcese Châlons. Das Hauptheiligtum Sankt Marcellus zu Ehren eines der Sage nach aus Lyon stammenden Märtyrers, zu dessen Verherrlichung namentlich König Gunthram beitrug, lag eine halbe Stunde vor der Stadt jenseits der Saône. Ein Heiligengrab war ferner das des Bischofs Silvester. Sieben Wegstunden südwestlich lag das Kloster Gourdon mit dem einst nach Châlons verlangten, aber zunächst nicht herausgegebenen Leichnam des Klausners Desideratus, der bei Lebzeiten besonders Zahnweh geheilt hatte. Und eine kleine Tagereise von Châlons südlich gen Macon hin fand sich an der Saône die Festung Tournus mit der Grabeskirche des Märtyrers Valerianus[214-b]. Von Macon erwähnt Gregor kein Heiligtum, dagegen von Besançon, das kirchlich den höchst unwirtlichen alamannischen Osten berührte. Die den Märtyrern aus Caracallas Zeit gewidmete Basilika Sankt Ferreolus und Ferrucio liegt eine schwache halbe Stunde westlich von der Stadt, heute das Dorf Saint Fergeux[214-c]. Im südlichsten Winkel des ansehnlichen Diöcesangebietes finden sich die beiden Juraklöster, die einst von Saint Oyand de Joux aus gegründet worden waren, Sankt Lupicin, der indessen nicht dort bestattet ist, und das zehn Meilen von Saint Claude gelegene nach dem daselbst ruhenden Romanus genannte St. Romain-de-Roche. Im kirchlichen Zusammenhang mit Lyon, eher als mit Vienne, ist hier auch das einzige damals ansehnliche Heiligtum auf Schweizerboden zu nennen, Saint Maurice mit seinen Heiligen von Agaunum, deren Namen und Andenken auch der daselbst nachträglich noch bestattete königliche Heilige, Sigismund von Burgund, nicht zu entthronen vermochte[214-d].

Aus der »Zweiten Lyoner« Provinz, der Normandie, mit der kirchlichen Hauptstadt Rouen sind uns keine Heiligengräber näher bekannt, um so mehr dagegen aus der »Dritten«, deren Metropole Tours war. Von den fünfzehn Kirchen des Stadtbannes, die Gregor erwähnt, entfallen indessen nur drei auf Lokalheilige, wenn man von Sankt Martin absieht und wenn man ferner die von Gregor nach Julian von Brioude geheißenen Turoner Kirche[214-e] nicht rechnet. Martins Vorläufer im Amte, Litorius, der zweite Bischof von Tours, der auch die Kathedrale in der Stadt erbaute, besaß, wahrscheinlich eine Viertelstunde westlich von der Stadtmauer entfernt, sein eigenes Heiligtum[214-f], ebenso zwei Lokalheilige, die Gregor in seinen Väterleben näher beschrieb: Venantius[215-a], der sich kurz nach Martins Tode, in Tours in einem nahe bei der Martinskirche schon vorhandenen Kloster niederließ und Monegunde[215-b], bei der es sich wahrscheinlich um das von ihr gestiftete Nonnenkloster handelt. Diesen drei Bethäusern, die zwar alle außerhalb des damaligen, aber noch innerhalb des heutigen Stadtringes lagen, reihen sich eine Anzahl anderer in der zu Tours gehörigen Landschaft gelegener Lokalheiligtümer an[215-c]. Unter dem Namen der heiligen Papola[215-d] tritt in der fränkischen Heiligensage die als Mönch verkleidet im Mannskloster lebende Nonne auf, die im Orient Marina heißt. Die Papolakapelle lag irgendwo im Diöcesangebiet von Tours. Das lang unbekannte Grab irgend eines verschollenen auswärtigen Bischofs Benignus[215-e] wurde dadurch entdeckt, daß ein Landmann den im Gestrüpp liegenden Sarkophagdeckel ahnungslos zum Grabstein für seinen verstorbenen Sohn verwendete und sich dadurch nächtlicherweile die energischen Reklamationen des fremden Heiligen zuzog. Hat man es schon hier mit einer nachträglichen kirchlichen Reception eines alten der Volksverehrung sich erfreuenden Grabes zu thun, so noch mehr bei dem ebenfalls im Dorngeheg versteckten Grabe der »Beiden Jungfern«[215-f], die sich nachts mit Erscheinungen an verschiedene Leute wandten, um sich eine anständige Bergung ihrer Ueberreste zu verschaffen, und so auch an den Bauer, auf dessen Land sie lagen: »Länger halten wir es ohne Dach einfach nicht mehr aus; übrigens wäre es zum Besten des Grundbesitzers, wenn er die Dornenhecke artig zurichten und der Regengüsse wegen für ein Dach sorgen wollte.« Als nun der Bauer sein möglichstes that, war ihm doch sonst mit Tod innert Jahresfrist gedroht worden, und er dann zu Eufronius von Tours ging, mit der Bitte, Hochwürden möchten nun so gut sein und das Grab zu weihen kommen, versetzte dieser: »Lieber Sohn, ich bin steinalt und heuer macht’s draußen kälter als ein anderes Frühjahr, es gießt und windet und die Bäche sind angeschwollen; du kannst wirklich nicht verlangen, daß ich mich zu euch hinausbemühe.« Bekümmert ging der Landmann von dannen. Nachts aber erschienen die beiden Jungfrauen dem Bischof und weinten ihm vor, so daß er sich daraufhin schleunig auf den Weg machte. Er hatte sich die Gesichtszüge und den Gang der Beiden genau gemerkt: beide waren weißer als Schnee und die kleinere nur an Gestalt nicht an Verdienst geringer. Auch wie sie hießen, hatten sie ihm gesagt: Maura und Britta. Was diese beiden nachträglich selig gesprochenen Nonnen einst in ihrem Erdenleben trieben, ja ob das Grab überhaupt zwei und zwar zwei weibliche Leichname enthielt, wissen wir ebensowenig, wie ob der ebenfalls eines Tages zu Maillé entdeckte Solemnis[216-a] mit seinen Erdentagen irgendwie seine spätere Sanktifikation rechtfertigt und er der Bischof von Chartres dieses Namens wirklich gewesen ist. Dagegen genießen die übrigen Lokalheiligen der Turoneser Landschaft im Kultus nur den durch ihre frühere Heiligenlaufbahn ehrlich erworbenen Lohn ihrer irdischen Wirksamkeit: der Martinsjünger Maximus[216-b], oder Saint Mesme Johannes aus der Bretagne[216-c] und Senoch[216-d]. Von den Tours unterstellten namentlich die Bretagne erfüllenden Bistümern nennt Gregor nur wenige Kirchen die Lokalheiligen gewidmet sind: in Le Mans Bischof Viktorius[216-e], in Angers Bischof Albin, Saint Aubin[216-f]; in Rennes Bischof Melanius Saint Melaine[216-g] und in Nantes Bischof Similian, wo überdies auch zwei Lokalmärtyrer Donatian und Rogatian schon zu Chlodowechs Zeiten ihre Kirche gehabt haben sollen[216-h].

Die »Vierte Lyoner« stellt sich dar in dem sehr umfangreichen Erzbistum Sens, dessen Metropole Gregor jedoch nirgends erwähnt. Auch von Chartres nennt er weder die Stadt selbst noch das damals doch wohl schon freilich ohne den Heiligenleib bestehende Kloster Avituszelle. Für Auxerre verzeichnet er immerhin das Grab des Germanus[216-i], der am 31. Juli 448 in Ravenna gestorben, aber nach zwei Monaten in die Heimat überführt worden war. Ausführlicher wird Gregor erst für Troyes: in der Stadt lagen die Lupuskirche[216-k] und vielleicht eine Kirche des Nicetius von Lyon[216-l] außerhalb dagegen die große Patroklusbasilika[216-m]; erst war es nur eine kleine Kapelle mit einem einzigen Priester gewesen, als jedoch eine schriftliche Patroklusvita aufkam, hob sich der Kultus so sehr, daß ein geräumiges Gotteshaus an die Stelle treten mußte. In Orleans standen zwei Kirchen, Saint Aignan, wo der Bischof Namatius im Jahre 587 begraben wurde[216-n], und die Grabeskirche des Einsiedlers Avitus von Micy[216-o]. Das mit Kirchen schon in jener Zeit begüterte Paris hat indessen nur eine einzige ausdrücklich Lokalheiligen gewidmete Stätte besessen; denn wenn die spätere Genovefakirche offiziell noch nach Sankt Peter[216-p] und Saint Germain noch nach Sankt Vincenz[216-q] hieß, so blieb nur jenes von der »Stadt« als ein in ihr gelegenes »Dorf« unterschiedene Stück Paris übrig, wo Bischof Marcellus[216-r] und die Nonne Crescentia[216-s] in ihren eigenen Gotteshäusern ruhten. Im heutigen Saint Denis brach sich schon zu Gregors Zeiten der Name des Dionysius[216-t] Bahn als des Lokalmärtyrers und ersten Bischofs von Paris. Saint Cloud mit dem Grabe Chlodovalds kam erst später auf; es hieß damals noch Novigentum[217-a].

Die »Erste Belgische« ist Gregor in hagiographischer Hinsicht ziemlich unbekannt geblieben. In Trier nennt er mit Namen nur die Maximinskirche[217-b] die auch das Nicetiusgrab enthielt; für Köln die Kirche der fünfzig Soldaten der thebäischen Legion; da es hieß, sie hätten an Ort und Stelle gelitten, sonstige Beziehungen der Sage jedoch nicht erwähnt sind, so haben wir es mit einem von Agaunum unabhängigen ungefähr gleichzeitigen Kölner Lokalniederschlag der Thebäerlegende im Abendland zu thun; diese Kirche, später St. Gereon, war als Bauwerk mit Mosaiken so verschwenderisch ausgestattet, daß das Volk nur von den ›Goldheiligen‹ sprach, wenn es die kölnischen Thebäer meinte[217-c]. Für Tongern-Maastricht nennt Gregor das Servatiusgrab, bei der Brücke an der Straße, die nach Gallien führt[217-d]. Etwas besser war es mit Gregors Kenntnissen in der »Zweiten Belgischen« bestellt. Für Reims nennt er außer der Remigiuskirche[217-e] die Basilika der beiden Lokalmärtyrer Timotheus und Apollinaris[217-f] und hebt sie als Stiftung einer devoten Privatperson hervor; für Soissons sodann die Grabeskirche des Bischofs Medardus[217-g]; ob Crispus und Crispinianus, denen die andere große Kirche der Stadt geweiht[217-h] war, Lokalmärtyrer sind, muß dahingestellt bleiben; dagegen war Lupentius oder Saint Louvent[217-i] einer, dem das Hauptheiligtum von Châlons-sur-Marne gehörte während der alte Bischof und spätere Stadtpatron Memmius oder Saint Menge[217-k], ebenfalls außerhalb der Mauern seine Kirche hatte; Gregor hat sie besucht. Saint Louvent, um dies nachzutragen, war übrigens ein Zeitgenosse Gregors: er wirkte als Abt von Saint Privat de Mende, bis ihn im Jahre 584 der Graf Innocenz von Gévaudan wegen Majestätsbeleidigung verklagte und sich Lupentius vor der Königin Brunichilde zu verantworten hatte. Obwohl es ihm nun gelungen war, sich zu rechtfertigen, verfolgte ihn der Graf von neuem und internierte ihn auf seinem Landsitz Ponthion. Der Heilige entkam auch dieses Mal und war eben wieder seßhaft geworden, wenigstens provisorisch in einem Zelte, das er an einem Fluße aufschlug. Da fahndete der Graf zum drittenmal auf ihn und diesmal war es des Heiligen Tod: er kam um seinen Kopf, der in einem mit Steinen beschwerten Sack dem Wasser übergeben wurde, wie auch der Rumpf. Beides gelangte jedoch ans Ufer der Marne und wurde dort im gemeinsamen Grabe bestattet, wo alsdann die Wunderkraft und Heiligenschein nicht lange auf sich warten ließen. Von den vielen Bistümern im Nordwesten der Provinz Arras, Noyon, Cambrai, Tournay, Beauvais, Amiens und den andern, enthält uns Gregor leider Kultusnachrichten jeder Art vor. Immerhin verzeichnet er für Vermandun das Grab des Quintinus, Saint Quentin[218-a].

Reichlicher ist ihm die Kunde für die südliche Reichshälfte zugeflossen. In der Viennischen allerdings erwähnt er nur die Ferreoluskirche bei Vienne, die er selber besucht hat[218-b]; in der »Arelatense« dagegen nicht allein die Genesiuskirche der Hauptstadt auf dem rechten Rhoneufer[218-c], sondern auch den Bischof Marcell von Die, ferner[218-d] Sankt Viktor, den Lokalmärtyrer von Marseille[218-e], einen gleichen von Aix, namens Metrias[218-f] und sodann den Bischof Maximus von Riez[218-g], endlich zwei Heiligtümer in Embrun, das eine über dem Grabe des Bischofs Marcellin[218-h] und das andere über dem der Lokalmärtyrer Nazarius und Celsus[218-i]. In oder bei Nizza wurde der Klausner Hospizius verehrt[218-k].

In der »Ersten Aquitanischen« besaß die Metropole Bourges ihren Apostel in Ursinus; doch hat er nach Gregor ein ursprüngliches Heiligtum nicht besessen, sondern wurde nach Jahr und Tag von dem Kirchhof, wo sich von den andern Gräbern das seinige nicht unterschied, in die außerhalb der Stadt liegende Symphorianskirche überführt, der er mit der Zeit seinen Namen aufzwang[218-l]. Auch das Grab des 580 verstorbenen Bischofs Felix von Bourges wurde zur Kultstätte [218-m]; der Senatorssohn Lusor oder Saint Ludre wurde verehrt, weil er in den Taufkleidern gestorben war; sein von Gregor bewundertes Grabmal angeblich aus parischem Marmor[218-n] findet sich noch heute in der Krypta der Dorfkirche von Deols. Auf ein Gelübde König Childeberts ging die Basilika des heiligen Eusicius zurück; dieser Einsiedler war auf dem spanischen Zuge des Königs im Jahre 531 von diesem über den Ausgang befragt worden und hatte Glück verheißen. Als ihm der Erfolg Recht gab, wurde seine bescheidene Zelle in der That vom König in eine Basilika verwandelt, mit der Bestimmung, einst auch den Heiligenleib zu beherbergen; die Cleriker von Sankt Eusicius trieben Bienenzucht[218-o]. Von einem andern Eremiten der Diöcese Bourges, Marianus[218-p], erzählt Gregor, er habe nur von wilden Früchten gelebt, es sei denn, daß ihm gutherzige Leute Honig brachten oder er selbst welchen in den Wäldern fand. Eines Tages wurde er vermißt; man fand ihn tot unter einem Apfelbaum, brachte ihn in das Dorf Evaux und bestattete ihn dort in der Kirche, wo auch jährlich sein Fest begangen wird.

In Clermont-Ferrand, dem alten Arvernum war Gregor besonders gut über Kirchen und Kapellen von Stadt und Umgegend unterrichtet, weil er dort aufgewachsen war; in der Stadt sind es ein Dutzend Gotteshäuser und in der Landschaft gegen zwanzig Kirchspiele; von diesen gehen folgende auf genuinen Lokaldienst zurück: ein Alexandergrab[219-a], das sich indessen nicht auf die Dauer als Kultstätte halten konnte, das Grab eines Priesters Amabilis[219-b] von Riom, eine von Mutter und Schwester des Sidonius Apollinaris gestiftete mehr prunkvolle als solide Kirche des Antolianus[219-c], eines Lokalmärtyrers der ältesten Zeit; auch dessen Kollegen Cassius und Viktorinus kamen nicht zu kurz[219-c]; ihre Kirche verwahrt überdies den Leib der heiligen Georgia, einer Bürgerin von Arvern[219-d]. Der Stadtpatron Illidius oder Saint-Allyre hatte seine Crypta nahe vor der Stadt, mußte aber sein Grab mit seinem Archidiakonen Justus teilen[219-e], weshalb denn auch bei dieser Doppelladung besonders viele Wunder geschahen. Der heilige Gallus indessen, Gregors Onkel, hatte zwar ein wunderthätiges Grab, aber die Kirche, wo er bestattet war, hieß nach wie vor nach dem heiligen Lorenz[219-f]. Die an Saint Allyre anstoßende Veneranduskirche barg nicht nur den Leichnam des 380 verstorbenen Stadtbischofs, nach dem sie hieß, sie war überhaupt das Kollektivmausoleum von Arvern und enthielt zahllose Grabmäler, von denen Gregor indessen nur das der Gulla des Liminius und des Nepotian mit Namen nennt[219-g]. Endlich wurde ein altes Volksheiligtum, das »Grab der beiden Liebenden«, kirchlicherseits mit der Legende legitimiert, sie hätten sich obwohl verheiratet nie berührt, deshalb hätten sich nach dem Tode die beiden Gräber wunderbar vereinigt[219-h]. In der Provinz ist Sankt Julian von Brioude nicht nur der berühmteste Wallfahrtsort der Landschaft, sondern es erhebt sich neben Sankt Martin von Tours überhaupt zur Bedeutung eines, wenn auch kleineren Landesheiligtums[219-i]. Eine Viertelstunde davon lag Saint Ferreol de Brioude; das Heiligtum des Arverner Ferreolus[219-k]. Eine halbe Stunde südöstlich von Arvern lag das Grab des Abtes Martius[219-l]; im nördlichsten Teile der Provinz hieß mit der Zeit das Kloster Mirandense nach seinem früheren Abt dem heiligen Portianus, Saint Pourcain, er hatte dem Stifte zur Zeit des »Sacco« der Auvergne durch König Theuderich vorgestanden und damals diesen Fürsten in seinem Feldlager aufgesucht; sein Grab war von den Gläubigen begangen worden[219-m]. Nahe dabei in Trezelle lag das Grab des Lupizin; zu Gregors Zeit stand es noch in Verehrung[219-n], ist aber seitdem verschollen. In Thiers wurde das Grab eines einheimischen Märtyrers namens Genesius aufgestöbert und von Bischof Avitus mit einer Basilika ausgestattet[219-o]. Von den übrigen Diöcesen des Erzbistums Bourges erfreute sich namentlich Le Gevaudan eines originalen Wallfahrtsortes in der auf Bergeshöhe gelegenen Eremitage Saint Privat: dort war dieser einheimische Bischof als er sich einsamen Bußübungen hingab, von den Alamannen erschlagen worden[220-a]. Im Gebiet von Albi lag die Gruft des Märtyrers Amarandus, in dessen Nähe überdies dann ein von fern herbeigereister Verehrer des Heiligen, der afrikanische Bischof Eugen, eines der Opfer in der Verfolgung des Hunerich ebenfalls bestattet wurde und ein Stück Verehrung mit abbekam[220-b]. In Limoges barg die Hauptkirche nicht nur die Ueberreste des Diöcesanapostels Martial, sondern auch seiner beiden Begleiter, der Priester Alpinian und Stratoclian[220-c]. Zu Limoges war ferner der Eremit Junian auch in seinem Grabe noch sehr populär[220-d]. Im benachbarten Dorfe Brives-la-Gaillarde wurde ein heiliger Martin, ein Schüler des von Tours, verehrt[220-e]. Ebenso hieß das von Aredius gestiftete und geleitete Kloster in der Folge Saint Yrieix, was ebenfalls kultische Beziehungen zum Gründer voraussetzt[220-f]: in diesem Kloster befolgte man nicht nur die Cassians-, sondern auch die Basiliusregel, und Pelagia, die Mutter des Abtes, machte den Mönchen die Haushaltung, dafür wurde sie dann auch als Heilige verehrt[220-g]. In Toulouse war der Diözesanapostel Saturnin, Saint Sernin, Märtyrer und erster Bischof der Stadt, Schutzpatron der Hauptkirche[220-h].

Die »Zweite Aquitanische« ist von allen Provinzen vielleicht die mit Lokalheiligen am meisten bevölkerte. Zu Bordeaux hatte der ehemalige Bischof Severin[220-i] seine Grabstätte vor der Stadt. In Blaye, am Ufer der Garonne, lag das Grab des Bekenners Romanus[220-k]. Das Dorf Bouillac enthielt ein rechtes Volksheiligtum, das Grab zweier Priester von denen man nicht einmal den Namen wußte[220-l]. In Agens hatte der Lokalmärtyrer Caprasius seine Basilika[220-m]. In Angoulême lag das Kloster Saint Cybar, die Stätte der Wirksamkeit und später auch die letzte Ruhestätte des Einsiedlers Eparchius[220-n]. Saintes beherbergte nicht weniger als vier einheimische Heilige: den Lokalmärtyrer Eutropius[220-o], die Stadtbischöfe Trojanus[220-p] und Bibianus[220-q] und das Grabmal eines frommen Ehepaares, das in den weißen Taufkleidern gestorben war[220-r]. In Sainter Gebiet befand sich das Grab des Abtes Martin von Saintes ebenfalls eines Schülers des von Tours[220-s]. Poitiers war berühmt durch das Grab seines Bischofs Hilarius; das unvergängliche Andenken des großen gallischen Kirchenvaters und Lehrers des heiligen Martin sicherte dem Heiligtum seine Reputation, vermochte es aber nicht als Wallfahrtsort auf die Höhe von Tours und Brioude zu erheben. Vor der Hilariusbasilika befand sich das Grab des Bischofs Theomastus der seinen Amtssitz Mouzon mit dem Asyl in Poitiers vertauscht hatte[221-a]. In Rézé, einem Dorf der Poitou gegen Nantes hin hatte ein Täufling des Hilarius, namens Lupianus seinen Kultus: auch er war im Taufkleid gestorben [221-b]. Eine Tagreise südlich von Vouillé lag das Kloster Saint Maixent[221-c] so geheißen nach dem Einsiedler Maxentius, der im Gothenkriege Chlodowechs eine Rolle spielte. In Périgueux wurde der Abt Cyprian[221-d] der allgemeinen Verehrung teilhaftig. In Couserans war der erste Bischof Valerius[221-e] seit alters verehrt und seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts im Besitz einer Basilika. Tarbes besaß drei berühmte Lokalgräber Severus von Bigorre[221-f], Justin von Sexuanus und Similin von Tarbes[221-g].

In der »Narbonensis« endlich ist nur Sankt Baudilus[221-h] von Nîmes zu verzeichnen.

Ein resumierender Rückblick auf unsere Wanderung unter Gregors Führung läßt uns unterscheiden zwischen eminent kirchlichen Lokalheiligen, wie es namentlich Bischöfe und Cleriker, aber auch einzelne Aebte waren, und zwischen Volksheiligen, zu denen die Märtyrer, Mönche und die nachträglich recipierten heidnischen Heiligtümer zu rechnen sind. Unter den Märtyrern stehen die drei Opfer aus dem Alamannenzug des Herzogs Chrok vom Jahr 265 in der vordersten Reihe. Allerdings sind Gregors Kenntnisse ungleichmäßig und oft nur ganz ungefähr; eine systematische Aufnahme würde seine Ergebnisse vielfach ergänzt und wohl auch gelegentlich berichtigt haben. In alledem macht sich eben die Einseitigkeit und Befangenheit der Memorienschreibung gewissermaßen im Grundsatz geltend. Dies zugegeben staunt man aber immer wieder über Gregors Genauigkeit im Bereiche dessen, was ihm wirklich zugänglich war, so vermerkt er ausdrücklich den Mangel einer kultischen Verehrung bei Stremonius und bei Liminius von Arvern, obwohl doch bei jenem das Grab nicht nur bekannt, sondern sogar mit Wundererscheinungen gewürdigt und von diesem eine Lebensbeschreibung im Gebrauch der Gemeinde war[221-i]. Um über die Unzulänglichkeit unserer kultischen Rundschau nicht zu täuschen, sei erinnert, daß ja Gregor überhaupt nur die erste Hälfte der Merowingerzeit erlebte; für die andere vermissen wir Angaben vom Werte der seinigen. Wohl kann ja der Bestand von Heiligtümern wie die Zelle Galls beim Bodensee oder der des Ursiz, Saint Ursanne, im Jura für das siebente Jahrhundert mit Bestimmtheit angenommen werden; aber die ausdrücklichen Nachrichten hierüber sind eben sehr viel jünger. Von Grundheiligen endlich durfte anläßlich der lokalen Kultstätten darum gesprochen werden, weil auch im alten Frankreich wie anderswo stets, der Stamm der öffentlichen Religion im Oertlichen wurzelt.