Chapter 17 of 20 · 8685 words · ~43 min read

Neuntes Kapitel.

Geschichtsheilige.

Nicht immer handelte es sich um ein Wurzelschlagen von oben herab aus einem stammlos über der Erde hängenden Gewebe: geschichtliche Gestalten konnten sich umgekehrt zur Legende verflüchtigen. Daß historisches Andenken zur Sage verdunstet, ist ja nun allerdings allbekannt, dagegen erregt es unser besonderes Interesse, wenn Heilige, über deren Erdenleben wir unterrichtet sind, ins überirdische hinaufwachsen und ihr Gedächtnis mit den Mythen vereinigen. Dann verhält sich also das geschichtliche Andenken zur Legende nicht mehr ausschließlich empfangend; es erweist sich selber als wirksam und beweglich, in dem nun der Kirchenheilige von dem christlichen in einen interreligiösen Himmel übersiedelt und mit den Heidengöttern, die er einst stürzte, auf freundschaftlichem Fuße lebt. Mag er dann auch noch so sehr Wandlungen unterworfen sein, das Neue und Wesentliche für uns ist, daß es diesen ins Reich der Phantasie versetzten einst auf Erden wirklich gegeben hat.

1.

Die heilige Genovefa von Paris hat gelebt und ist in der damaligen St. Peters- oder Apostel-, später dann nach ihr benannten Kirche beigesetzt. Im sechsten Jahrhundert war ihr Grab ein besuchter und wegen außerordentlicher Wunder berühmter Wallfahrtsort[191-a]. Soviel läßt sich aus alter und zuverlässiger Quelle sicher feststellen.

Anders verhält es sich mit dem Schriftstück, das sich als ihr wahrhaftes von einem Zeitgenossen verfaßtes Lebensbild ausdrücklich anpreist. Es besteht nicht aus einer fortlaufenden Lebensgeschichte, sondern aus einzelnen Episoden, denen jeder Zusammenhang fehlt. Der Inhalt ist folgender: Genovefa war in dem Pfarrdorfe Nanterre, ungefähr sieben Meilen von Paris, geboren. Ihre Eltern hießen Severus und Gerontia. Entscheidend für die Zukunft des Mädchens war sein Zusammentreffen mit dem Bischof Germanus von Auxerre. Als dieser sich zusammen mit Lupus von Troyes auf der Reise nach Britannien befand, um daselbst den Pelagianismus zu bekämpfen, führte ihn der Weg durch Nanterre. Mitten aus der Menge heraus, die seines Segens harrte, sah er im Geiste die hochherzige Genovefa. Er ließ sie kommen, beglückwünschte die Eltern zu ihrer Tochter und prophezeite, sie werde groß vor dem Herrn und vielen ein bewundernswürdiges Vorbild sein; bei ihrer Geburt hätten die Engel im Himmel große Freude gehabt. Auf sein Zureden verspricht ihm das Mädchen, sich weihen zu lassen. Zum Andenken hängt der Bischof ihr eine eherne Münze mit dem Zeichen des Kreuzes um den Hals: er fand sie gerade auf der Erde. Einige Tage später an einem Feste ging die Mutter zur Kirche, während sie der Tochter befahl, das Haus zu hüten. Diese verlangt schreiend und weinend, ebenfalls den Gottesdienst besuchen zu dürfen. Die Mutter aber blieb bei ihrem Gebote und züchtigte das Mädchen, wurde aber sogleich mit Blindheit bestraft. Erst nach zwei und drei viertel Jahren erlangte Gerontia durch Wasser, das die Tochter vom Brunnen geholt hatte, das Augenlicht wieder. Die Weihe der Genovefa vollzog Bischof Vilicus. Obwohl weit ältere Mädchen zur Stelle waren, wurde sie doch zuerst geweiht. Nach dem Tode ihrer Eltern zog sie zu ihrer Pathin nach Paris. Der zweite Abschnitt in dem Leben der Genovefa wird wiederum eingeleitet, durch eine Begegnung mit dem Bischof Germanus. Dieser war auf einer neuen Reise nach Britannien begriffen, als er sich in Paris nach seinem Schützling erkundigte. Obwohl das Volk sie herabsetzte, ließ er sich nicht abhalten, die Herberge der Genovefa zu betreten. Er fand sie in großer Betrübnis und den Boden ganz feucht von ihren Thränen. Nachdem er die Leute über den göttlichen Beruf der Jungfrau aufgeklärt und sie ihnen anbefohlen hatte, setzte er seine Reise fort. Seitdem tritt Genovefa bei den öffentlichen Angelegenheiten von Paris in den Vordergrund. Als das Gerücht ging, Attila sei in Gallien eingefallen, und die Bürger ihr Eigentum in andere sichere Städte überführen wollten, redete die Jungfrau davon ab, denn gerade die angeblich sicheren Städte würden die Feinde verwüsten, Paris aber würde verschont bleiben. Zugleich berief Genovefa die Pariserinnen zusammen, um mit ihnen unter Fasten, Gebet und Nachtwachen die drohende Gefahr abzuwenden. Diese folgten ihr; die Männer jedoch waren weniger gehorsam. Unwillig über die falsche Prophetin, die sie hinderte, ihre Habe in Sicherheit zu bringen, nahmen sie eine drohende Haltung gegen jene an. Da erscheint der Archidiakon von Auxerre in Paris, weil Germanus der Genovefa ein so herrliches Zeugnis gegeben habe. Er beruhigte die Pariser durch den Hinweis auf die Prophezeiung seines Bischofs und überbrachte der Jungfrau Geschenke, die ihr Germanus hinterlassen hatte. Beides beschwichtigte die Bürger, so daß sie jetzt ihre Feindseligkeiten aufgaben. Ja fürwahr, Genovefa, die Retterin von Paris steht Martin und Anian nicht nach, von denen jener bei Worms eine Schlacht verhindert und dieser Orléans vor den Hunnen gerettet hat! Mit Liebe und Verehrung hing sie an dem Dorfe Catuliacus, der Grabstätte des Dionysius. Zu Ehren dieses Heiligen beabsichtigte sie eine Basilika zu bauen, aber es fehlten ihr die Mittel. Als ihr die Presbyter gewohnter Maßen aufwarteten, mangelte es auch ihnen an Kalk. Genovefa, vom heiligen Geiste erfüllt, prophezeite ihnen jedoch, sie würden auf der Brücke der Stadt zwei Schweinehirten treffen, von denen der eine sich rühmte, beim Aufsuchen einer gebärenden Sau einen Kalkofen von wunderbarer Größe gefunden zu haben, der andere einen gleichen unter einem entwurzelten Baume. So stand dem Ausbau der Basilika nichts mehr im Wege. Große Verlegenheit trat jedoch ein, als den beim Bau beschäftigten Zimmerleuten der Trunk ausging. Der Priester Genesius befahl der Genovefa, die Handwerker aufzumuntern, bis er selbst aus der Stadt neues Getränk geholt hätte. Genovefa aber half sich einfacher. Sie bekreuzigte unter Gebeten die Kufe und füllte sie damit ohne weiteres bis zum Rande. Bis zum Ende des Baues hielt der Trunk vor, sodaß die Zimmerleute sich davon gütlich thaten. Der Frankenkönig Childerich war zwar Heide, aber Genovefa verehrte und liebte er ganz unaussprechlich. Damit diese nicht die zum Tode verurteilten Gefangenen befreite, ließ er einst das Stadtthor hinter ihr schließen, als sie Paris verließ. Durch gute Freunde von der Absicht des Königs unterrichtet, kehrte die Jungfrau sogleich zur Befreiung der Unglücklichen zurück. Kein kleines Schauspiel war es für das verwunderte Volk, wie sich das Stadtthor unter ihren Händen ohne Schlüssel öffnete. Beim König setzte sie ohne Weiteres die Begnadigung der Verurteilten durch. Ihr Ruf war sogar schon bis in den Orient gedrungen. Der Säulenheilige Symeon von Antiochien soll sich bei durchreisenden Kaufleuten nach Genovefa erkundigt und sie unter ehrfurchtsvollem Gruße haben bitten lassen, seiner in ihren Gebeten zu gedenken. Genovefa war häufig auf Reisen. In Laon heilte sie ein gelähmtes Mädchen. Sehr oft weilte sie in Meaux, hier schloß sich ihr Cilinia an, die schon Braut war, aber überwältigt von Genovefas Wesen diese um die Weihe bat. Empört eilte ihr Bräutigam nach Meaux. Die beiden Jungfrauen eilten in die Kirche und schlossen sich im Baptisterium ein. So konnte Cilinia bis zu ihrem Ende ihre Keuschheit bewahren. Ein lahmes Mädchen aus ihrem Gesinde, das sie der Genovefa zuführte, heilte diese durch Berührung mit den Händen. In Meaux kurierte Genovefa ferner einen Mann, der an Armschwund litt, in einer halben Stunde. Die Heilige war in der Umgegend dieser Stadt begütert. Bei der Ernte war sie selbst mit auf ihren Feldern und sah von ihrem Zelte aus den Schnittern zu. Als einmal plötzlicher Regen und Sturm die Arbeit zu stören drohte, warf sie sich zu Boden und begann unter heißen Thränen zu beten. O Wunder! Alle Felder im Umkreise benetzte der Regen, aber Saat und Schnitter der Genovefa erreichte kein Tropfen. Kranke aus Meaux suchten sie in Paris auf. Ein Defensor Frunimius aus dieser Stadt, der seit vier Jahren krank war, erlangte, als sie seine Ohren mit der Hand berührt und bekreuzigt hatte, das Gehör wieder. Eine wahre Odyssee bestand die heilige Jungfrau während der Belagerung von Paris durch die Franken. Zehn Jahre lagen sie vor der Stadt. Genovefa begab sich zu Schiffe nach Arcis-sur-Aube, um Getreide zu besorgen. Als sie an den Ort gekommen war, wo ein Baum in der Seine die Schiffahrt? hinderte, brach er auf das Gebet der Genovefa von selbst entzwei, und zwei Ungeheuer von verschiedener Farbe zeigten sich, deren entsetzlicher Geruch noch fast zwei Stunden die Schiffer belästigte. Später soll hier kein Schiffbruch mehr vorgekommen sein. In Arcis heilte sie die gelähmte Frau des Tribunen Pascivus. Von hier ging die Reise nach Troyes, wo sie ebenfalls durch Wunderkuren glänzte. Da es zwischen diesen beiden Orten eine Flußverbindung nicht gab, mußte die Heilige von Arcis aus den Landweg eingeschlagen haben. Jedenfalls kaufte sie das Getreide, um Paris zu verproviantieren, in Troyes; denn dies war ja der Zweck dieser Reise. Auf dem Rückwege hielt sie sich einige Tage in Arcis auf. Hier gab ihr, was doch ja nicht zu verschweigen ist, die Frau des Tribunen, die sie auf der Hinreise geheilt hatte, das Geleite bis ans Schiff. Die Wasserfahrt war wiederum nicht ungefährlich. Es erhob sich ein starker Wind, der die Schiffe mit dem Getreide zwischen Felsen und Bäumen schwer gefährdete. Genovefa bat Christus mit erhobenen Händen um seine Hilfe, und sofort konnten die Schiffe ihren Kurs weiter verfolgen. So rettete Gott elf Schiffe. Der Priester Bessus lobte den Herrn und alle stimmten das Celeuma an, den Schiffergesang! In Paris verteilte Genovefa das Getreide nach der Dürftigkeit. Wer aber zu arm war, es selbst zu backen, erhielt von ihr Brot. Eine andere Reise führte sie nach Orleans. Hier heilte sie ein totkrankes Mädchen Claudia, die Tochter des Fraterna, und erlangte die Freilassung eines schuldigen Dieners, dessen Herr erst mit einem gefährlichen Fieber bestraft werden mußte, ehe er ihrer Bitte Gehör schenkte. Von hier fuhr sie auf der Loire nach Tours. Auch auf dieser Wasserreise beschäftigte sie sich hauptsächlich mit der Heilung von Besessenen. Ein Trupp dieser Armen, der aus der Martinskirche kam, begegnete ihr schon beim Hafen. Die bösen Geister schrieen, sie würden zwischen Martin und Genovefa durch Flammen verzehrt, und bekannten sich schuldig, ihr die Gefahr auf der Loire bereitet zu haben. Bei einer Fahrt auf der Seine trat ein Unwetter ein, sodaß das Schiff vom Winde gepeitscht und von Wellen fast bedeckt wurde. Als aber Genovefa die Augen zum Himmel gewandt mit erhobenen Händen Gott um Hilfe bat, änderte das Wetter sich sogleich. Für eine Nonne war nun Genovefa doch ein bischen viel auf Reisen. Von Epiphanien bis zum Gründonnerstag jedoch schloß sie sich allein in ihre Zelle ein und brachte mit Gebeten und Vigilien ihre Zeit zu. Eine Frau, die gern wissen wollte, was Genovefa in der Zelle trieb, büßte ihre Neugierde mit Verlust des Augenlichts. Als aber am Schlusse der Fasten die Heilige ihre Zelle verließ, machte sie die Unglückliche durch Gebet und Bekreuzigung wieder sehend. In ihrer Zelle brachte sie auch einen Knaben wieder zum Leben, der in einen Brunnen gefallen war und drei Stunden darin gelegen hatte. Dieser erhielt bei der Taufe den Namen Cellumeris, weil er in der Zelle der Genovefa sein Leben wieder erlangt hatte! Genovefa erreichte das hohe Alter von über achtzig Jahren und wurde am dritten Januar beigesetzt. Ueber ihren Tod und das ehrenvolle Begräbnis zieht es der Verfasser vor, zu schweigen, weil er Kürze liebe! Dafür erwähnt er zwei Wunder an ihrem Grabe. Ein Knabe Prudens wurde dort vom Stein geheilt, und ein Gothe, dem beide Hände gelähmt waren, weil er am Sonntag gearbeitet hatte, verließ gesund das über dem Grabe erbaute Oratorium, nachdem er die Nacht vorher dort gebetet hatte. Der rauhe Krieger König Chlodowech ruhmwürdigen Angedenkens hat oft aus Liebe zu ihr Gefangene, ja auf ihre Fürsprache hin sogar schwere Verbrecher losgegeben. Ihr zu Ehren hat er den Bau einer Basilika begonnen, die nach seinem Tode die durchlauchtige Königin Chlodechilde vollendete. Mit der Kirche ist ein dreifacher Porticus verbunden und Gemälde schmücken sie, die die Thaten der Patriarchen, Propheten, Märtyrer und Bekenner darstellen. So weit das »Leben der Genovefa«[195-1].

Nach des Verfassers eigener und ausdrücklicher Angabe wäre die Schrift achtzehn Jahre nach dem Tode der Heiligen geschrieben, also gegen das Jahr 520. Gleichwohl deutet er nirgends an, daß er Genovefa persönlich gekannt habe. Gesehen hat er nur eine Reliquie von ihr, das Oelfläschchen, mit dem sie ihre Wunderkuren verrichtete. Ebenso sind seine Miteilungen an sich keineswegs derart, daß sie ihrer Natur nach Glauben erwecken. Es mangelt durchaus das solide Gerüst, das in einer wirklich auf persönliche Erinnerung zurückgreifenden Memorie auch bei dem zweifelhaftesten Detail nie fehlen wird. Fleischstücke ohne Skelett geben keinen Körper und auch die ausgetifteltsten Anekdoten bringen kein glaubwürdiges Lebensbild zu Stande, wenn es im Uebrigen an einem straffen innern Zusammenhang gebricht. Ueberdies sind dem Verfasser einige schwere Versehen passiert, so wenn er Arcis am Aube zwischen Paris und Troyes gelegen sein läßt. Am bedenklichsten aber ist es, daß er sich für einen jüngeren Zeitgenossen seiner Heldin ausgiebt, während er nachweislich sich an Schriftstellern des ausgehenden sechsten Jahrhunderts genährt und nach andern untrüglichen Anzeichen überhaupt erst im achten Jahrhundert gelebt hat. Er ist also, litterarisch gewertet, einer von den frommen Fälschern, die zu Anfang der karolingischen Zeit im Frankenreich massenhaft zu werden pflegen, und zwar ist er der geriebenen einer. Ob er jedoch den Inhalt insgesamt rundweg erfunden hat, ist eine andere Frage. Vielleicht thut man ihm auch mit dieser Vermutung noch zu viel Ehre an. Selbst wenn das Genovefagrab nur ein städtisches Heiligtum war und von auswärts sich keines großen Zuspruchs erfreut haben sollte, es war doch die heimatliche und centrale Kultstätte des Volkes von Paris und Umgebung. Und ein Wallfahrtsort dieses Ranges kann schwerlich ohne seine eigene Sage geblieben sein, ohne eine so oder anders fixierte Darstellung dessen, was an diesem Orte eigentlich geglaubt und verehrt wurde. Wenn auch nur in mündlicher oder schriftlich rudimentärer Form mag der Verfasser die wichtigsten Anhaltspunkte für seine Mitteilungen also vorgefunden, dann aber allerdings in einer unverantwortlichen Weise für seine Zwecke benutzt und vergewaltigt haben. Aber auch seine Unverfrorenheit vermochte seinem Stoffe den ihm anhaftenden Reiz nicht vollständig zu benehmen; zeigen sich doch an der Genovefa von Paris Züge reiner Heiligenlegende, die, auf der Erfahrung des Volkes beruhend, dann eben auch sein Erzeugnis und sein Eigentum zu heißen das Recht haben. Genovefa ist vor allen Dingen Korn- und Flußheilige genau wie Verena. Ihre Herrschaft über die Elemente giebt ihrem Bilde seinen eigentlichen Charakter: sie sorgt für sichere Schiffahrt und wendet das drohende Gewitter von der Ernte ab. Wenn immer möglich, geht sie auf Reisen und ist Nonne nur, so scheint es fast, um diesem Postulat einer Heiligen wenigstens durch das Minimum der Askese während der Fastenzeit nachzukommen. Im Uebrigen tritt sie sehr mann-weiblich und riesenjungfräulich auf, wenn sie, als wäre sie mindestens Maire von Paris, die Stadt während der Belagerung im großen Stile verproviantiert, wenn sie ferner dem für sie schwärmenden Frankenkönig mir nichts, dir nichts schwere Verbrecher frei verlangt, wenn sie endlich jede unbeträchtliche Regung eines andern Willens selbst des mütterlichen, oder einen Anflug harmloser Neugier im Handumdrehen mit den denkbar härtesten Körperstrafen zu rächen pflegt. Sie enthüllt sich damit als die echte Schwester von Verena, der Gauheiligen des Aarethales, hinter der sich eine ehemalige Stammesgöttin der Alamannen verborgen hat. Alles drängt darauf hin, in Genovefa, der fränkischen Nationalheiligen, das christliche Nachbild der weiblichen Gottheit zu erkennen, die, reiselustig wie sie geblieben ist, einst die Franken auf ihren Zügen begleitete und darnach bei den Saliern um oder in Paris sich niedergelassen hat. Ein großer Unterschied bleibt jedoch zwischen der Alamannenfreia und der fränkischen Walküre. Während Verena nur schlecht verschleiert unter die christlichen Heiligen gegangen ist, unterzog sich die Frankengöttin einer eigentlichen Seelenwanderung, indem sie sich mit einer geschichtlichen Heiligen verband. Von dieser wissen wir freilich nicht mehr, als daß sie gelebt hat und gestorben ist; aber für unsern Fall ist es alles, was wir zu wissen brauchen. Höchstens sind in die Legende vereinzelte für uns nun nicht mehr unterscheidbare Züge aus dem bescheidenen Leben der Nonne mit untergelaufen. Ein leiser Zweifel läßt sich ja allerdings angesichts der Dürftigkeit dieser Angabe nicht unterdrücken; es wäre ja schließlich denkbar, daß die fränkische Königskirche, über Genovefas Grabe errichtet, eben nur den ehemals heidnischen, vielleicht von Nanterre in die Stadt verpflanzten Kult der fränkischen Freja für das Christentum mit Beschlag belegen sollte. Doch dürfen wir nicht klüger sein wollen, als unser Gewährsmann und nehmen daher an, eine gottesfürchtige als heilig verehrte Frau, die obwohl vorfränkische Christin, doch einen deutschen Namen trug, liege auf dem nach ihr benannten alten Stadthügel von Paris begraben mit dem Schicksal, ihr eigenes anspruchsloses Andenken an die Vorstellungen von einer germanischen Göttin verloren zu haben.

Anhangsweise muß hier auch der deutschen Genovefasage des späteren Mittelalters gedacht werden. Die Pfalzgräfin Genovefa von Brabant[196-1] hat mit der viel ältern französischen Namensschwester nur eben diesen Namen gemein. Aber in Dingen der Legende bedeutet das bereits halbe Verwandtschaft. Als Kind einer so viel späteren Zeit nimmt diese andere Genovefa eben an dem neuen Typus weiblicher Heiligen teil, der in der Blütezeit mittelalterlicher Dichtkunst in Westeuropa sich ausgebildet hat. Die mythischen Anflüge verblassen und machen einem menschlichen Ideale Platz. So trägt denn diese späte Genovefa keine Spuren vom übermenschlichen Hünenweibe mehr an sich; sie ist der Gemeinschaft der Heidengöttin entrückt, zum rührenden Urbild der verfolgten weiblichen Unschuld erniedrigt oder erhoben, wie man es nun nehmen will.

Die merowingische Zeit hat dann gegen ihr Ende hin eine andere Heilige hervorgebracht, an der sich die Verbindung einer geschichtlichen Persönlichkeit mit einer weiblichen Gestalt aus der germanischen Götterwelt weit deutlicher erkennen läßt, als an der so gut wie unbekannten Genovefa von Paris: Gertrud, ein edles Mädchen aus dem fränkischen Großengeschlecht der Arnulfinger, dem Stammhause der karolingischen Dynastie. Sie wurde im Jahre 626 geboren. Ihr Vater war der erste Pippin, die Mutter hieß Itta. König Dagobert wollte sie mit dem Sohne des Herzogs von Austrasien verloben, sie widersetzte sich aber. Dann starb ihr Vater, als sie vierzehn Jahre alt war. So zur Wittwe und Waise geworden, suchten Mutter wie Tochter in gottgefälligem Werk und Wandel ihren Trost, indem Itta auf den Rat des Bischofs Amandus das Kloster von Nivelles gründete, Gertrud dagegen den Schleier nahm und der mütterlichen Stiftung als deren erste Aebtissin vorstand. Sie faßte ihren Beruf ernst auf und studierte Theologie, soweit es nur immer in ihren Kräften stand; und zwar setzte sie sich dabei ebenso mit der römischen als mit der irischen Schule auseinander. Im Jahre 652 starb ihre Mutter im Alter von sechzig Jahren zu Nivelles und wurde daselbst in der Peterskirche beigesetzt. Da fand Gertrud, sie werde durch die Klosterleitung zu sehr in Anspruch genommen und betraute mit den häuslichen Geschäften Nonnen, mit den öffentlichen Mönche. Sie selbst widmete sich von nun an ausschließlich ihrer eigenen geistigen Bildung und brachte es zu einer fast wörtlichen Kenntnis der ganzen Bibel, sowie zu einer ungewöhnlichen Fertigkeit der allegorischen Auslegung. Daneben ließ sie Kirchen und andere Gebäude zu geistlichem Zweck errichten und war immer bei der Hand, wo es galt, die Not der Armut zu lindern. Als ihr Leben zur Neige ging, befragte sie Mönche und Nonnen um ihre Wünsche in betreff der künftigen Aebtissin und setzte dann ihre Nichte Wulfetrude, die Tochter des Majordomus Grimoald, die sie sich herangezogen hatte, im Dezember 658 in ihre Nachfolge ein. Drei Monate später, als sie sich in der Härte der geistlichen Uebungen nichts nachgelassen hatte, ließ sie einen fremden Mönch im Kloster zu Fosses anfragen, wann sie sterben werde. Die Prognose auf den morgenden Tag traf zu. Sie starb, erst dreiunddreißig Jahre alt, in der sechsten Stunde, an einem Sonntag. An einem Mönche von Nivelles fand sie einen zeitgenössischen und zuverlässigen Verfasser ihres Lebensbildes, einer Memorie im besten Sinn; denn er kann sich auf ihm zu teil gewordene persönliche Mitteilungen der Heiligen berufen und hat auch ältere Thatsachen, wie die Weigerung der Heirat, von unantastbaren Gewährsmännern bezogen. Er schrieb ums Jahr 670. Neben dieser litterarischen Verewigung sorgten die am Grabe und sonstwo durch Gertrud bewirkten Wunderthaten für den Ruhm ihres Namens, dessen Verehrung namentlich bei den Mainfranken und bei den Friesen früh in Aufschwung kam und nach den besten Quellen mit den Anfängen des Christentums im eigentlichen Deutschland aufs engste verknüpft ist.

Die hochgeborene Klosterfrau trug indessen den heidnischen Namen einer germanischen Walküre. Keretrud ist die Speerjungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe niedertritt; noch heute bezeichnet das Wort Trude die den Schläfer auf die Brust tretende Nachtmare, den im Traum reitenden Alp; der Trude ist der fünfeckige Trudenfuß eigen, dessen Mißgestalt aus dem Schwanenfuße der geflügelten Walküre entstanden ist. Außer der im Namen gewährten Disposition zur Aufnahme heidnischen Inhaltes lag wohl auch eine zweite, lokal und kultisch vermittelte vor. Vielleicht war Nivelles, dessen alte Bezeichnung Nivialcha durch merowingische Münzen festgestellt ist, ein wichtiges Heiligtum etwa der Nehelennia, der deutschen Isis mit dem keltischen Namen. Diese Göttin hatte das Schiff zu ihrem Symbol, und in der That hat das Trinkgeschirr, mit dem Gertrud abgebildet wird, die Gestalt eines Schiffes. Außerdem sieht man sie in den Darstellungen gelegentlich spinnen, auf einem Wagen fahren, ja selbst zu Pferde. In der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Auch Gertruds Beziehungen zur Natur deuten auf mythische Züge. Der 17. März ist Gertrudentag und zugleich Frühlingsanfang. Ihre Vögel, der Specht und der Kuckuck, sind Frühlingsvorboten. Ebenso hat die Schnecke, das Tier der Jahresfruchtbarkeit und der Lebensdauer, in Gertruds Dienst gestanden, und ihr besonderes Gefolgstier, die Maus, zieht am Gertrudentag vom Haus aufs Feld. Aber die nächtlich wühlende Maus kündet mit ihrem Erscheinen nicht blos die Reife der Saat, sondern auch Mißwachs, Seuche und Tod an; Gertrud selbst wird Allerseelenherrin; auch sie erscheint als weiße Frau, ja sogar als weiße Maus. Nach älterem Kirchenglauben haben die Abgeschiedenen ihre erste Station bei Sankt Gertrud und zwar nehmen die den Körper verlassenden Seelen die Gestalt von Mäusen an. Um den Scheidenden eine gute Herberge jenseits zu sichern, trank man ›Gertrudenminne‹, wie man einst aus der Kufe das gesottene Bier zu Wodans oder Frejas Liebe trank. Die der Kornmaus dargebrachten Ernteopfer leben noch heute in der ›Mäusenudel‹ nach. Dieses Mehlmäuslein, das die oberdeutsche Bäuerin mit dem ersten Frühlingsbeginn anfertigt, ist in Butter um ein Salbeiblatt gebackener Eierteig, aus dem der Blattstiel gleich einem Mausschwänzchen vorsteht.

2.

Genovefa und Gertrud sind, als Geschichtsheilige, doch Ortsheilige. Sie sind dort verehrt worden, wo sie gelebt haben; höchstens wäre möglich, daß sich ihr Andenken einem bereits bestehenden heidnischen Kultus gefügt hat. Jedenfalls hat sich der Uebergang vom geschichtlichen zum mythischen Namensträger auf dem Platz vollzogen, ohne daß der Wechsel zugleich von einer Verpflanzung begleitet war. Anders bei Sankt Oswald. Er ist Wanderheiliger und doch eine geschichtlich scharf umrissene Persönlichkeit.

Oswald, der Sohn König Ethelfrids von Northumbrien, wurde im Jahre 604 geboren. Als nach des Vaters Tode Edwin sich der Krone bemächtigte, mußte sich Oswald mit seinen Brüdern zu den Schotten flüchten. Dort nimmt er das Christentum an. Nach Northumbrien zurückgerufen, besiegte Oswald bei Deniesburna den König Kedwalla, bemächtigte sich der Herrschaft im Jahre 635 und brachte es dahin, daß sich das ganze Brittenvolk taufen ließ. Er suchte das durch Eanfred und Osric wieder eingeführte Heidentum mit aller Macht zu verdrängen und gründete ein Bistum auf Lindesfarn, einem Eilande an der Küste von Northumbrien. Der Schotte Aidan, Oswalds Lehrer, ward als Bischof berufen. Im Jahre 636 vermählte sich Oswald mit der Tochter des westsächsischen Königs, die samt ihrem Vater von dem Priester Birin in Oswalds Gegenwart kurz vorher getauft worden war. Sie gebar Oswalden im Jahre 637 einen Sohn Ethelwald. Bald darauf verheerte eine Seuche Northumbrien. Der fromme König betrachtete dies als eine Strafe eigener Sünden, weinte und betete. Bald wurde er selbst von Krankheit ergriffen und war dem Tode nahe. Da erhob er seine Augen gen Himmel, und regte seine Lippen, als ob er mit jemanden spreche. Als er sich erholt hatte, versicherte er hellleuchtende Engel gesehen zu haben, von denen ihm drei die Palme des Märtyrertums verhießen. Auch Tod und Todesstunde hatten sie ihm bezeichnet. Seit dieser Stunde lebte Oswald noch frömmer als vorher, theilte reichlich Almosen aus, bereute seine Sünden und gelobte nebst seiner Gattin jeder Weltfreude zu entsagen. Am fünften August 642 fiel Oswald, erst achtunddreißig Jahre alt, im Kampfe gegen Penda, den König der heidnischen Mercier. Die Schlacht war bei Maserfeld geschlagen. Oswald wurde als Märtyrer verehrt. Auf seinem Grabe geschahen Wunder.

Dieser geschichtliche Oswald hatte Anspruch auf einen doppelten Nachruhm; denn er war Held und Märtyrer zugleich. Kirche und Vaterland mußten ihm in gleichem Maße dankbar sein. Ein König, der von der Bedeutung des Christentums durchdrungen ist, sucht es in seinem Reiche zu verbreiten und fällt im Kampfe für seinen Glauben auf dem Schlachtfeld. Das Andenken an ihn hat sich demnach begreiflicherweise gespalten; die eine Hälfte ist in der nationalen Heldensage, die andere in der kirchlichen Heiligenlegende aufgegangen. Jene hat zum Merkmal abenteuerliche Seefahrten, diese einen Raben. Es gab eine alte, für sich bestehende Sage von einer gefahrvollen und zauberhaften Brautwerbung; der Held wurde von den Verwandten seiner Frau umgebracht. Diese Sage fand in verschiedenen deutschen Stämmen Liebhaber: bei den Gothen war es Otnit, bei den Franken der hörnerne Siegfried, bei den Angelsachsen Oswald. Und dann erst bemächtigten sich die Normannen der Sage und versahen sie mit der großen Meerfahrt, die aus ihrem eigenen Leben entlehnt war. So entstand im zwölften Jahrhundert das Gedicht von Sankt Oswald[200-1]. Obwohl diese Bestandteile alle in andere Länder deuten, ist die eigentliche Heimat der Oswaldlegende doch sozusagen ausschließlich Deutschland; außerhalb ist sie kaum bekannt. Aber diese Popularität ruht auf kirchlicher Unterlage, insofern Oswald seit den ältesten Zeiten im deutschen Alpengebiet ein vielgefeierter Heiliger war. Besonders in Tirol ist er eine Art Stammpatron geworden, und zwar schon frühe. Spuren von alten Oswaldgotteshäusern deuten bis an die Grenze der Merowingerzeit zurück. Durch die ständige Verbindung zwischen jenen Gegenden und dem brittischen Inselreich in jener Zeit ist die überraschend schnelle Verpflanzung des Kultus binnen eines Jahrhunderts nicht unverständlich, um so weniger, sobald sich nun auch hier die Ueberzeugung beigesellt, daß der neue christliche Dienst einen alten heidnischen abzulösen hatte. Von den tirolischen Oswaldheiligtümern ist die Kapelle am Ifinger weitaus das berühmteste. Hoch an diesem Granitgebirge, wo jede Vegetation schon endet, liegt ein kleines von allen Seiten umschlossenes Thal; seine Bildung deutet auf einen ehemaligen Gebirgssee. Die ärmliche Kapelle, die dort steht, ist gewöhnlich geschlossen und wird nur geöffnet, um die jährlichen Pilgerzüge aus Hafling oder Schönna zu empfangen. Das Volk lebt des Glaubens, droben im Bergthale, in den Felsklüften und nah dem ewigen Schnee, spende Oswald seine Gnade am liebsten. Wo jetzt die Kapelle steht, erzählt man sich, wurde vor Alters in den dichten Alpenrosenhecken von Hirten Oswald Bild gefunden; man trug es nach Schönna hinunter und stellte es in der dortigen Kirche auf. Doch siehe, kaum war die Nacht angebrochen, so stieg Sankt Oswald leuchtend aus der geschlossenen Kirche empor und ritt dem Ifinger zu, wo man ihn tags darauf wieder unter den Alpenrosen fand. Später bekam das Bild seinen Standort in der alten Kirche Katharina in der Schart zu Hafling, wo es sich noch heute befindet und nur mit den Prozessionen jedesmal in die Kapelle hinaufgetragen wird. Es ist eine meterhohe Statue: ein König hoch zu Roß, auf seinem Scepter ein Rabe. Eine alte Freske im Dorfe Tartsch gibt den heiligen König zu Fuß, in der rechten das Scepter, in der linken einen Aufsatz, darauf ein Rabe, den Ring im Schnabel. Dieses Bild zeigt den üblichen fast auf allen Darstellungen wiederkehrenden Oswaldtypus zum erstenmal. Im Mund des Volkes heißt der Heilige ›Oswald‹, ›Aswald‹, ›Oanswald‹, ›Uanswald‹, ›Gaswald‹ und, als der mächtigste ›Wetterherr‹, heißt er denn auch häufig schlechtweg so. Vorzüglich der Hagel liegt in seiner Hand. Leicht ist er beleidigt und rächt sich an den Saaten. Die Bauern wissen wohl, warum sie jedes Jahr zu ihm hinaufgehen; so oft sie es nicht thaten, schlug er ihnen alles Getreide zusammen. Statteten sie ihm aber ihren Besuch ab, so war auch er freundlich. »Ja, ja«, sagten sie dann, »den Kindern und den Heiligen ist nicht gut etwas versprechen, sie mahnen einen immer.« Ein anderer Gebrauch eröffnet uns in das Wesen des Oswalddienstes noch einen tieferen Blick. Wenn in Niederbayern Roggen oder Weizen ganz abgeschnitten ist, bleibt auf dem letzten Acker der letzte Büschel stehen, am liebsten in der Nähe des Weges, wo er von den Vorübergehenden gesehen werden kann. In die Mitte dieses Büschels wird ein Stab gepflanzt, dann werden die stehen gebliebenen Aehren mit noch andern abgeschnittenen so um den Stock gebunden, daß eine menschenähnliche Figur daraus wird. Die stehen gebliebenen und beigebrachten Aehren mit dazwischen gesteckten Feldblumen werden so gebunden, daß Kopf und Hals entsteht. Dabei sind je drei Halme zusammengeflochten; mehrere dieser Zöpfe zusammengenommen bilden die Arme der Figur, die beide Hände auf die Hüften stützt. Ein Gürtel trennt den obern Teil des Körpers von dem untern; das lange Kleid bilden die stehen gebliebenen Halme. Diese Figur heißt man: »Der Aoswald«. Während die Bursche den Aoswald machen, sammeln die Mädchen die schönsten Feldblumen und schmücken ihn damit. Dann knien alle im Kreis herum und beten: »Heiliger Aoswald, wir danken Dir, daß das Getreide wieder gewachsen ist und daß wir uns nicht geschnitten haben.« Nach dem Gebete wird nun dem Aoswald ein Walzer getanzt, wenn möglich zum Schall einer Klarinette oder Schwegelpfeife. In einigen Gegenden Niederbayerns wird der Aoswald nicht mehr mit dieser Sorgfalt gemacht. Die Schnitter lassen einige Aehren stehen, binden sie zusammen und schmücken sie mit Blumen. Sie knien herum und verrichten ein Dankgebet. Einige machen mit der rechten Hand, ohne die linke zu gebrauchen, aus den drei stehengebliebenen Halmen einen Knoten und zieren ihn mit Blumen. Man sagt dabei: »Das ist für den Aoswald«. Der Aoswald ist aber allgemein auch unter der Bezeichnung Nothalm bekannt. Alle diese und ähnliche Gebräuche sind nichts anderes als uralte Dankopfer, die dem Oswald, als dem Herrn der Feldfrüchte, dargebracht werden. Auch Oswaldsquellen fehlen nicht. Der Jungbrunnen bei Sankt Oswald macht frisch und gesund, heißt es im Tirol. Ein sehr begangener Wallfahrtsort ist das Oswaldsbrünnlein im bayrischen Walde; eine andere Lokalsage erzählt: Heidenheim, Anhausen und Heilbronn wurden von drei Geschwistern erbaut, Heidenheim von der heiligen Walpurgis, Anhausen vom heiligen Oswald, Heilbronn vom heiligen Willibald. Diese drei Heiligen reisten miteinander und hatten einen Esel bei sich, der die Quellen fand. Oswalds Tier dagegen ist der Rabe, sein unzertrennlicher Begleiter. Die Alpenrosen, in denen einst sein Bild verborgen war, heißen in Tirol Donnerrosen oder Oswaldsstauden.

Es gibt keine zweite Gestalt der Heiligenlegende, an der der verkappte Wodan deutlicher und unmittelbarer zu Tage tritt, als an Oswald. Er war auch durch Name und Stand auf das allergünstigste für diese Verkleidung eingerichtet. Das englische Oswald entspricht dem hochdeutschen Answalt. Der geschichtliche Held hieß somit das, was Wodan war: Walter der Asen. Und außerdem war jener das, als was dieser gedacht wurde: ein König. Die Identität beider Gestalten in der Legende läßt sich an einigen Berührungspunkten deutlich feststellen. Nach dem Volksglauben muß Oswald einen Raben um sich haben; der Rabe der Oswaldlegende ist ein weiser Vogel, er ist der Ratgeber des Königs, er wird als kluger Werber ausgesandt, ohne ihn kann der König das Angestrebte nicht erreichen. Der Rabe sitzt Oswald entweder auf dem Szepter oder auf einer Schulter. Auch dem Wodan saßen zwei Raben auf den Schultern und waren auch ihm Boten und Ratgeber. Er sendet sie jeden Tag aus, die Zeit zu erforschen, sie bringen ihm Kunde und raunen ihm ins Ohr, was sie gesehen und gehört haben. Durch die Raben wird Wodan erst allwissend und daher auch kurzweg Rabengott genannt. Die Oswaldquellen führt die Legende auf einen Schwertstoß in die Steinwand zurück, worauf der dicke Wasserstrahl hervorgerauscht sei und die mythische Eigenschaft besaß, ein Jungbrunnen zu sein. Die Gleichheit Oswalds und Wodans offenbart sich nun unzweifelhaft an ihrer Herrschaft über das Wetter; die verehrte Wodansgarbe ist, um den Untergang zu überdauern, zum Oswaldsopfer geworden. Und als der alte Asenkönig, der einst im Thal verehrt wurde, dem Gott der Christen weichen mußte, flüchtete er sich aus der Niederung in die Abgeschiedenheit der Berge. Oben in der Einsamkeit bestand sein Dienst fort. Wodans Bild wurde in den Alpenrosen gefunden und sollte künftig Oswalds Bild im Thale sein. Aber aus der Kirche von Schönna ritt er nachts lichtstrahlend fort, wie er auch sonst oft den Ritt in dunkler Nacht liebte, als Schimmelritter, als Hackelberg, als himmlischer Fuhrmann oder als Rodensteiner[203-1]. Ob nun aber diese Verbindung mit Wodan sich schon in England eingestellt hat, oder erst in Oswalds zweiter Heimat in Tirol und Baiern, wer vermöchte das bei der unsteten Natur aller in Betracht kommenden Bestandteile noch heute zu entscheiden. Und ebensowenig wird noch zu wissen sein, ob Wodan, dessen Bild in Oswald sich immerhin unverkennbar ausprägt, ohne Konkurrenz in dieser christlichen Verkleidung verborgen ist. Es mag erinnert werden, daß der Oswald eigene Zug der Milde eine Eigenschaft des älteren Himmelsgottes ist und daß auch die Verehrung seitens der Schnitter auf jenen deutet. Doch kann gerade diese Uebertragung eben durch die Vermittlung der Wodansvorstellnng erfolgt sein.

3.

Kehren wir von den Grenzländern im Osten nach Frankreich zurück, so finden sich da keinerlei mythische Wucherungen der Heiligenlegende. Nicht etwa weil es den Franken an Phantasie und Einbildungskraft mangelte. Aber sie schöpfen entweder aus der Geschichte, aus ihrer eigenen Vergangenheit, so in der Nibelungensage, die in ältester Gestalt bei ihnen entstand, oder sofern sie mythische Stoffe aufnehmen, aus der neuerschlossenen Kultur und übernahmen jene in dichterisch abgeleiteter Form vom Bestande der antiken Poesie, so in der Sage von Wieland dem Schmied. Zu mythischer Produktion aber findet sich bei ihnen nirgends die leichteste Anwandlung. Sie waren zu sehr realistisch, zu sehr ein Volk der That, um sich beschaulich an die Natur zu verlieren. Die Lust zum fabulieren, die bei ihnen, dem jungen lebensfrischen Volke, nicht fehlte, war ausschließlich episch beschaffen; keine alte Göttersage ist auf geschichtliche Verhältnisse übertragen, alles bleibt auf menschlichem Boden[203-2]. Und so entspricht es denn nur diesem fränkischen Stammescharakter, wenn auch ihre Heiligenlegende in keinem organischen Zusammenhang mit dem heidnischen Götterglauben steht. Die Fortbildungen über die geschichtliche Ueberlieferung hinaus, ohne die eine inbrünstige Verehrung heiliger Dinge undenkbar ist, verliefen daher durchaus im Bezirke der Wirklichkeit. Berührungen mit der Götterwelt, sei es der eingeborenen keltischen oder der durch die Franken importierten germanischen, waren nicht zu vermeiden, da ja die Heiligen eben jene Götter verdrängen und ersetzen sollten: so haben wir an der Genofeva von Paris unverkennbare Spuren des Mythus wahrgenommen und werden solche noch deutlicher beim heiligen Julian wiederfinden. Aber trotz alledem handelt es sich höchstens um einen Austausch an der Grenze. Dem Wesen nach bleibt die fränkische Heiligensage der Göttersage fremd, wie nun an den fränkischen Volksvorstellungen von Sankt Martin des näheren erwiesen werden soll, allerdings nur zur Ausnahme an alten Zeugnissen; im ganzen handelt es sich um mittelalterliche Anschauungen, die aber bei dem Beharrungsvermögen gerade der Volksgedanken und -Gebräuche recht wohl weit höher hinaufreichen mögen, als sich heute noch bestimmen läßt.

Der französische Martin unterscheidet sich von dem geschichtlichen zunächst nur durch die Steigerung und Erweiterung der Lebensgeschichte, ohne sich sprunghaft davon zu entfernen oder die Erzählung in einer ganz anderen Vorstellungswelt fortzusetzen. Ihre Bereicherung der Martinsgeschichte über die Memorie und die Gregorische Forschung hinaus besteht zunächst nur in einigen ergänzenden Episoden, die, wenn man nicht näher zusieht, Wahrscheinlichkeits halber eben so gut geschehen sein können[204-1]. Im zwölften Jahrhundert wurde von Tours aus die Sage in Umlauf gesetzt, Martin habe auf der Rückreise von Rom über den großen Bernhard dem Kloster Saint Maurice im Wallis einen Besuch abgestattet, und da keinerlei Reliquien mehr erhältlich waren, haben auf sein Gebet hin die Blumen des ehemaligen Schlachtfeldes plötzlich rosaroten Tau von dem einst blutgetränkten Boden aufgesogen; den habe Martin in Phiolen gesammelt und von diesen kostbaren Reliquien ein Fläschchen in Tours, ein anderes in Angers und ein drittes in Candes deponiert, ferner dehnte sich das Missionsgebiet, das geschichtlich als Martins Wirkungskreis bezeugt ist und außer wenigen Reisen nach Nordosten die Marken der Diözöse Tours kaum überschritt, in der Sage beträchtlich aus. Von Italien nach seiner späteren Heimat im Herzen Galliens und von hier nach Trier — diese beiden Reisen, zweimal unternommen, sind indessen nach Severus die einzigen, die ihn nach seiner Bekehrung aus der Touraine hinausgeführt haben. In Paris, wo wir ihn einmal finden, kann er sich auf dem Wege nach Trier aufgehalten haben. Dem gegenüber will es nun aber die spätere französische Sage nicht anderes haben, als daß Martin nicht etwa nur durch seinen Einfluß nach seinem Tode sondern durch seine Anwesenheit schon bei Lebzeiten der Apostel von ganz Gallien gewesen sei. Am ehesten mag Martin noch in den seine Diöcese unmittelbar nördlich begrenzenden Landschaften, in der Vendôme und in der Umgegend von Chartres wirklich missioniert haben. Aber schon für seine Anwesenheit in der Maine und Le Mans selbst fehlen sichere Spuren und gar in der Normandie ist er nie auch nur entfernt gewesen, mögen nun die Lokalsagen dieser Gegenden davon soviel berichten als sie wollen. Ob dann die vielfach eine fortlaufende Linie bildende Reise von Martinsortschaften in der Richtung von Paris nach Reims und von Reims nach Trier durch Luxemburg, mit irgendwelchem Andenken an die von Martin eingehaltene Reiseroute zusammengebracht werden dürfen, muß ebenfalls dahingestellt bleiben. In Flandern erhebt das Dorf Phalemgie bei Lille und ebenso Cysoing den Anspruch, von Martin bekehrt worden zu sein. Ueberdies geriet in Belgien dann Martins Andenken mit dem angeblich im Jahre 276 verstorbenen durchaus sagenhaften Bischof Martin von Tongern in Collision. Besser steht es vielleicht mit den Behauptungen der südöstlich von Tours gelegenen Teile Galliens, da wenigstens für die Auvergne der sorgfältige Gregor Martins Besuch am Grab der Vitalina in Arthonne bei Riom berichtet[205-a]. Durch Savoyen und Burgund kann er ferner auf der Reise von Italien her gekommen sein; ganz unglaublich dagegen ist seine angebliche Missionsarbeit in der Centralschweiz. Nicht weniger begierig auf den Ruhm von Martins Anwesenheit erwies sich Südfrankreich, wofür jedoch höchstens Vienne in der Grabschrift einer Christin einen einigermaßen prüfenswerten Anhaltspunkt aufzuweisen in der Lage ist. Ja sogar das Concil von Saragossa im Jahre 380 soll Martin besucht haben, und wäre dann also sogar in Spanien gewesen. In allen diesen Bestrebungen, Martins irdische Wirksamkeit überall da nachträglich zu lokalisieren, wo seine Verehrung in Blüte stand, erkennen wir eine parallele Erscheinung zu den Gründungssagen fränkischer Bistümer und können daher von Legendenzügen reden, die von Tours aus sich mehr oder weniger durch ganz Frankreich erstreckt und die Lokaltraditionen, wo sich nur irgend eine Disposition fand, für Martin in Beschlag genommen haben. Die Folge davon war nichts geringeres als die Erhebung Martins zum Nationalheiligen Frankreichs. Selber ein alter Kriegsmann, wurde er nun vor allem der Patron der französischen Waffen. Schon die merowingischen Könige ließen sich Martins Mantel in die Schlacht nachtragen. Später wurde er der Herr der Reiter und der Reisenden; an der Thür einer Martinskapelle, an der man vorbeiritt, eines der Hufeisen als Votivgeschenk anzunageln, war ein verbreiteter Brauch. Hatten diese Seiten von Martins heiliger Schutzherrschaft noch in Martins Lebensgeschichte ihren unverkennbaren Rückhalt, und ist es auch durch die Mantelepisode des fernern genügend begründet, wenn Schneider und Tuchhändler des Mittelalters ihre Gilde in Martins Obhut befahlen, so findet dagegen sein Patronat über die Gastwirte und jede Art von Weingewerk keine einleuchtende biographische Erklärung. Immerhin ist diese Beziehung alt; schon im sechsten Jahrhundert verehrte man bei Tours einen Weinstock als von Martin gepflanzt[206-a], und wandte sich ein armer, durstiger Fährmann, der an Epiphanien nicht hatte, woran sich gütlich thun, an Martin mit den Worten[206-b]: »O heiliger Martin, verschaffe mir doch heute zum Festtag ein Glas Wein, damit ich nicht allein nüchtern zu bleiben brauche, wenn die andern sich’s schmecken lassen«. Die Pariser Genossenschaft der Weinleute führte den heiligen Martin in ihrem Schilde mit den Spezialattributen des Schlüssels und der Glocke. »Zum großen Sankt Martin« nannte sich in gewissen Gegenden Frankreichs jedes andere Wirtshaus. Aber auch der Gunst der Gäste erfreute sich Martin, an so ziemlich allen Wechselfällen eines fröhlichen Zechers ist sein Name im französischen hangen geblieben; sich etwas leckeres zu Gemüte führen heißt _faire la Saint-Martin_; über den Durst trinken _martiner_, der Rausch _le mal de Saint Martin_. Daß diese französische Vorstellung unter Einwirkung der germanischen Martinslust entstanden ist, sei es nun durch Entlehnung, sei es durch Einwirkung des deutschen Elements im fränkisch-französischen Blut, mag angenommen werden. Doch war dies immerhin nur der Martin der städtischen Gilden. Sankt Martin, wie sich ihn im alten Frankreich die Bauern aus der freischaltenden Einbildungskraft des Volkes herausdachten, ist vor allem, was er auf Erden in der That gewesen war, der unermüdliche Arbeiter, der nicht Rast noch Ruhe kennt. Immer befindet er sich unterwegs, und immer hat er es eilig, bald bindet er sein Pferd an einem alten halbzugeschneiten Glockenturm an, bald läßt er den Fuhrmann, der ihn führt, so rasend von dannen fahren, daß Wagen und Räder in Stücke gehen. Besonders populär wurden dann der Esel und der Stock des Heiligen. Schon der spätesten Merowingerzeit mag folgende Sage angehören[206-c]: einst wallfahrteten Sankt Martin von Tours und Sankt Maximin von Trier einträchtig zusammen nach Rom. Martin ist gegangen Speise zu kaufen, und Maximin, der den Esel seines Freundes hüten sollte, war eingeschlafen. »Wo ist unser Esel hingekommen?« fragte Martin, als er zurückkam. Es stellte sich heraus, daß ein Bär jenen gefressen hatte. Man ließ nun den Bären kommen und hielt ihm eine Strafpredigt: »Da du so dumm warst, diesen armen Esel, der unser Gepäck trug, aufzufressen, wirst du nun so gut sein, und ihn ablösen.« Wohl oder übel mußte die Bestie gehorchen und trug ihnen ihr Reisebündel geduldig nach Rom. An der Martinsquelle von Nieuil[207-a] erzählte man sicher schon im sechsten Jahrhundert, hier habe der Heilige einst zu seinen Lebzeiten, einen Mann getroffen, der Wasser in einem kleinen Kruge trug. Martin bat ihn seinen Esel zu tränken, damit er weiter reiten könne; jener aber ließ ihn hart an, er solle zu dem Sodbrunnen gehen und selber schöpfen. Eine Frau jedoch, eine zweite Rebekka, entsprach dem Anliegen. Um diese zu belohnen, betete der Heilige an eben dieser Stelle eine lebendige Quelle aus dem Boden. Und bei dieser Quelle wird ein Stein aufbewahrt, wo sich der Huf des Esels eingedrückt hat auf dem der Heilige ritt. Unzählig sind nun aber die Steine, da der Heilige mit seinem Holzschuh die Fußspur eingedrückt hat, damals als er vor dem Teufel flüchtend in einem gewaltigen Sprunge über ein ganzes Thal hinwegsetzte. Zweifellos sind es alte Druidensteine, die diese Umdeutung erfahren haben; einige darunter dienen noch heute den Bauern zum Versammlungsorte, andere sind Schlupfwinkel für allerlei Hexenkünste geworden. Am besten kommt aber der leitende Gedanke von Martins Wirksamkeit, der gewaltige titanenhafte Ringkampf mit dem Teufel in der Sage der Insel Yen zum Ausdruck. Der Heilige verlangte vom Teufel, er solle ihm eine Brücke schlagen, vom Festland bis zur Insel auf die Entfernung einer Nachtreise, fünfzehn Meilen lang, damit er trockenen Fußes hinüber könne. Um sich Martin auf diese Weise zu verpflichten, wälzt der Teufel, alle Felsblöcke der Umgegend, deren er habhaft werden kann, ins Meer; beim Tagesgrauen bemerkt er jedoch, daß eine unbesiegbare Gewalt ihm zur Vollendung des Werkes im Wege stand. Um auf jene Martinsquellen zurückzukommen, so zählen sie im Lande herum nach Hunderten. Die meisten sind jedoch nicht durch bloßes Gebet entstanden, sondern mit dem Stocke Martins aus dem Boden geklopft. Dieser Stock ist so sprichwörtlich geworden, daß er durch den Namen Martins allein bezeichnet wird: ›_Par mon martin!_‹ war ein Kraftausdruck der Jeanne d’Arc und bedeutete: »Bei meinem Stecken!« »_Martin bâton!_« findet sich bei La Fontaine gesagt. Vielleicht schwingt auch hier eine dem Heiligen ursprünglich fremde mythische Beziehung mit, die im Namen Martin, das heißt »kleiner Mars«, angedeutet sein kann, uns aber unerklärlich bleibt. Ebenso mögen bei der Cappaprozession in Tours oder andern fränkischen Martinsgebräuchen Göttervorstellungen hineinspielen. Aber nicht nur da, sondern auch bei Martins Wirksamkeit als Wetterheiliger, von der anderswo zu reden ist, kann es sich immer nur um mehr oder weniger starke Entlehnungen und Berührungen, aber ja nicht um wesentliche Eigenschaften handeln. Dem Kern nach ist der französische Martin eine Verklärung des geschichtlichen Martin und somit reine Sage.

Ganz anders der deutsche Martin, wie er hauptsächlich dem Rhein entlang verehrt wurde und dem englischen Georg an die Seite trat. Da haben sich nicht die geschichtlichen Ansätze episch ausgefasert und verzweigt, vielmehr hat ein dem geschichtlichen vollständig heterogenes Element, ein Mythus, dem historischen Stamm aufgepfropft, an diesem ganz andere Früchte gezeitigt. Im allgemeinen wird man immer noch von dem Wodans-Charakter des deutschen Martin reden dürfen, sobald man im Auge behält, daß der Allerweltsheilige hie und da auch Züge schon des älteren Himmelsgottes an sich haben könnte. Leider ist nun aber Wodan in seiner christlichen Maske im einzelnen durchaus nicht deutlich, sowenig an der Thatsache dieser seltsamen Verkleidung noch zu zweifeln ist. Es mag hier nur ganz im allgemeinen der Berührungen gedacht werden[208-1]. Die Verschmelzung lag um so näher als beide, der Gott und der Heilige, von sich aus mit Mantel, Roß und Schwert gedacht wurden. Das mythische Herbstpferd heißt Martinspferd, auch sein Huf drückt sich im Steine ab, der gewaltige Mantel Martinsmantel, der wilde Jäger Junker Märten, die wilde Jagd Martinsgestämpe. Man trank Martinsminne und brannte Martinsfeuer; man sprach von Martinsgerte und Martinshammer. Mythisch ist auch der Martinsvogel auf dessen Gesang und Flug man achtete, aber ja nicht zu verwechseln mit der Martinsgans. Sie bildet mit dem Martinshorn und dem Martinswein die Martinslust, die deutliche Fortsetzung der alten Opferschmäuse. Eine symbolische oder historische Bedeutung dürfte bei der Wahl der Gans nicht zu suchen sein; die Gans gedeiht um den Martinstag herum am besten, und deutsche Gänse waren schon bei den Römern so berühmt, daß Plinius den deutschen Namen dafür kannte, so gab sie den besten Schmaus ab. Und der gütige Gott Wodan, der zur Zeit der kürzesten Tage die Armen und Kinder besucht und beschenkt, heißt keineswegs nur Klaus oder Ruprecht, sondern in Bayern Pelzmartle, in Schwaben Pelzmärte und in Norddeutschland das Martinsmännchen. Auch wurde die Adventszeit früher allgemein sechs Wochen vor Weihnachten begonnen, sodaß der erste Sonntag im Advent gleich auf den Martinstag fiel; infolgedessen hießen auch die mit dem Advent verbundenen Fasten _Carême de St. Martin_. Noch jetzt schließt das bäuerliche Jahr mit dem Martinstage, bis zu dem alle Pachtungen gehn. Martini war überdies einer der drei Termine für die großen Volksversammlungen, die sogenannten ungebotenen Gerichte. Es sei nochmals hervorgehoben, daß dergleichen mythische Beziehungen zu Martin versteckt oder offen auch auf außerdeutschem Boden anzutreffen sind; dennoch wird man, solange eine genauere Untersuchung noch aussteht, an dem Unterschied festhalten und von einem französischen und von einem deutschen als von einem epischen und einem mythischen Martin reden dürfen. Martin genoß ja während des Mittelalters im westlichen Abendland eine beispiellose Verehrung, mit der nur eben noch Petrus und die Muttergottes es aufnahmen, sodaß auf einer so ausgedehnten Kultusfläche fast notwendig die Eigenart einer ganzen Rasse zu ihrem Rechte gelangen mußte. Am Ende des Mittelalters gilt mehr als je das Wort Gregors, Martin sei der Spezialheilige der ganzen Welt[209-a]. Als aber am elften November 1483 das Tags zuvor geborene Söhnchen des Bergmanns Luther zu Eisleben Martin getauft wurde, war den katholischen Heiligen ihr gefährlichster Feind erstanden. Zwar hat sich der Namenspatron seiner Sympathie erfreut: »Solch Ding sollt man aus den Legenden der Heiligen klauben als in der Historia von Sankt Martino steht«[209-1]. Aber Luthers Werk bedeutete darum für die Kirchenheiligen das Ende der Weltherrschaft, weil sich die Protestanten des polytheistischen Wesens der Heiligenverehrung bewußt wurden: »Den einzelnen Heiligen sind bestimmte Geschäfte übertragen, wie daß Anna Reichtümer spende, Sebastian vor der Pest helfe, Valentin die Fallsucht heile, Georg die Ritter beschütze. Solche Meinungen sind aus heidnischen Vorbildern entstanden. Denn so meinten die Römer, daß Juno reich mache, Febris das Fieber abhalte und Pollux den Ritter verteidige[209-2]«. Hatte das Christentum die Götter entfernt, so zerschlug die Reformation mit den heiligen Bildern deren nachträgliche Verkleidungen. Damit zerbrach sie die hauptsächlichsten Stützen der dynamischen Welterklärung, ohne jedoch die nun langsam erstehende mechanische Auffassung der Dinge sich anzueignen, die den Menschen in Versuchung führt, nicht nur ohne Götter, sondern auch ohne Gott zu leben.

Zweites Buch.

Das Heiligengrab.

Die Heiligenleben sind nun aber nur die eine Seite der auf uns gelangten Ueberlieferung. Die andere, wie sie denn überhaupt niemals gelehrter Natur war, tritt dem Besucher von Frankreich auf Schritt und Tritt im öffentlichen Leben entgegen und ist so trivialer Art, daß heute kaum Jemand mehr an ihre ursprüngliche Bedeutung zu denken sich bemüßigt fühlt: Place Saint Martin, Boulevard Saint Germain, Porte Saint Denis, Bibliotheque Sainte Genevieve. Es handelt sich dabei um die säkularisierten Reste eines sepulkralen Andenkens, das dem schriftstellerischen Andenken zur Seite ging, wenn nicht gar vielfach, als die primäre Instanz, ihm zur Grundlage diente. Von einander unabhängig sind die beiden Formen der Tradition jedenfalls nicht gewesen. Da aber hier und dort die Heiligen zu einem guten Teil ganz andere sind, geht schon daraus hervor, daß die kultische Ueberlieferung sich nicht vollkommen deckt mit der litterarischen, sondern bei einem halben Zusammenhang mit ihr zur andern Hälfte eigene Wege geht.

Als Organisation ist das kultische Andenken allerdings ein Werk des Priesterstandes; aber der Substanz nach haben wir es hier durchaus mit einer naiven Schöpfung der Volksseele zu thun. An sich ist das Material ausgedehnter und schwerer zu überschauen, als der in zahlreichen, aber immerhin zählbaren zeitgenössischen Viten vorliegende litterarische Traditionsstoff; und doch wird die Darstellung der wesentlichen Erscheinungsformen des Heiligenkultus sich ungefähr auf die Hälfte des Umfanges zusammendrängen lassen, den die Schilderung der merowingischen Heiligenschreibung für sich in Anspruch nahm. Hiefür ist der hauptsächliche Grund folgender: dort galt es immer aufs neue Rücksicht zu nehmen auf originale persönliche Art mit all der Verästung und komplizierten Linienführung eigenen Lebens, die in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod immer wieder neu und immer wieder anders war; und damit nicht genug, galt es dann noch dem Auswachsen persönlichen Andenkens ins Riesenhafte und Mythische nachzugehen, der Teilnahme armseliger Einzelleben an den kolossalen Naturgestaltungen ganzer Völker. Auf dem Gebiete, das wir nun betreten, wird uns ja teilweise ähnliches begegnen; aber das wird dann nur ein Hinübergreifen, ein partielles Sichdecken sein. Der Unterschied ist weit beträchtlicher als die Uebereinstimmung, und in dieser Differenz liegt das entscheidende Wesen. Nicht auf frommen Vorstellungen ruht hier das Schwergewicht, sondern auf frommen Handlungen. Und während die Ansätze zu Kristallisationen der Vorstellungen zwar dort nicht fehlen, aber stets auseinandergespült werden durch das beständig zuströmende originale Leben, das, wenn auch noch so bescheiden, aus jeder wirklichen Heiligenexistenz quoll, so stehen hier breit und beherrschend nicht individuelle Mächte im Vordergrunde, sondern Gattungen, Typen. Gewiß fehlte das Persönliche nicht, aber es fehlte als primäre, aus eigener Wurzel bezogene Triebkraft und spielt sich statt dessen nur parasitenhaft auf der Rinde der Gattung ab. Nicht das Moment der Entwicklung, sondern das Moment der Stetigkeit überwiegt nun.

Nie ist in der abendländischen Geschichte eine ganze Volksmasse religiös so imprägniert gewesen, wie die Franken unter den Merowingern, sobald wohlverstanden von dem normalen Volksleben im Staate die Rede ist, nicht von momentanen Impulsen wie den Kreuzzügen oder der Reformation, und sobald ferner ›religiös‹ unter Verzicht auf den sittlichen Gehalt lediglich die Furcht vor Gott bedeutet. Um dem Wesen eines solchen enormen und formlosen Klumpens von Religiosität mit unserer Erkenntnis beizukommen, haben wir den Stoff unter drei Stichbegriffe verteilt: Name, Kraft und Wunder. Volkstümlich ausgedrückt, handelt es sich bei dieser Einteilung um die Schale, um den Kern und um die Wirkung des Kernes auf den, der ihn verschluckt hat.

Unsere Quelle ist nun fast ausschließlich Gregor von Tours in seinen acht Büchern der Mirakel. An Vollständigkeit darf uns hier nicht so viel gelegen sein, als an einer möglichst typischen Einsicht in den Sachverhalt; und da wird man sich zweimal besinnen, ehe man irgend eines der andern keineswegs seltenen Zeugnisse in die Nähe einer Aussage Gregors erhebt. Er bedient uns hier mit der andern Seite seiner hagiographischen Qualitäten, ein Unterschied, dessen er sich wohlverstanden selber bewußt ist; spricht er doch gelegentlich ausdrücklich von einer Differenz zwischen dem Andenken an die historische Person und dem Kultus an ihrem Grabe[211-a].

Vierter Abschnitt.

Der Name.

Aus dem Frankenreich der Merowinger sind uns etwa zweihundert Gotteshäuser bekannt, die den Namen eines christlichen Heiligen tragen. Die durch diese Kirchennamen repräsentierte Heiligenversammlung stellt sich äußerst bunt dar; von den christlichen Urheiligen bis zum kleinen Lokalmärtyrer sind zugewanderte und einheimische Selige in gemeinsamer Verehrung vertreten. Und nicht etwa so, daß in abgeteilten Bezirken hier Fremde und dort Landesbürger hausten, sondern gemischt und gekreuzt zwischen Morgenländern ein Kelte und zwischen Germanen ein Kind des Südens. Der nationale Charakter der alten fränkischen Landeskirche verrät sich indessen auch hier. Das Gros ihrer Heiligen ist eben doch autochthon, was in diesem Fall freilich weniger besagen will, sie seien eingeboren, als sie seien in der heimischen Erde bestattet. Diese Heiligengräber gruppieren sich um eine Metropole, die deren mehrere enthält und diese wieder werden überragt von dem Reichsheiligtum in Tours. Nicht nur unter sich, sondern auch mit dem Auslande unterhielten diese Kultusstätten einen lebhaften Verkehr, der sich teils als Reliquientausch, teils als Missionspropaganda äußerte.