Elftes Kapitel.
Das Reichsheiligtum.
An all den Kirchen und Kapellen, über die wir soeben einen Blick geworfen haben, spielte sich die Verehrung des Heiligen ungefähr in denselben Formen ab. Im allgemeinen hat sich nur hie und da über charakteristische Einzelheiten ein Wort mit eingeschlichen. Uns ein Gesamtbild von dem kultischen Leben an einer merowingischen Heiligenstätte zu verschaffen, ist nur an den zwei großen Wallfahrtsorten möglich, Sankt Martin von Tours und Sankt Julian von Brioude. Und auch hier entfällt das Uebergewicht durchaus auf das Reichsheiligtum in Tours.
Beginnen wir mit dem Kraftzentrum, um das herum sich im Lauf der Jahre sowohl die Martinsgebäude als die Martinsgebräuche angesetzt haben. Die Ueberreste des Bischofs waren nur mit List und unter dem Schutze der Nacht von Candes, dem Todesorte, nach Tours gebracht und so den keineswegs unberechtigten Ansprüchen derer von Poitiers entwendet worden. Die Wandlung, die sich für Martins Anhänger mit seinem Hinschiede vollzog, findet ihren treffenden Ausdruck in dem Wort des Sulpizius Severus[222-a]: »Ich habe den Trost meines Lebens verloren, aber dafür einen Schutzpatron gefunden; denn nun ist er den Aposteln und Propheten beigesellt und hat, um es mit Verlaub aller Heiligen zu sagen, in der Schaar der Gerechten seinesgleichen nicht. Wenn er auch eines natürlichen Todes verstarb, so ist er doch in allen Einzelheiten seines Lebens ein Märtyrer gewesen. Laßt uns also, wo die eigene Kraft versagt, unsern Lohn in der Fürbitte Martins finden. War das Begräbnis wirklich ein Leichenbegängnis? War es nicht vielmehr ein Triumphzug? Mögen jene mit den gefesselten Gefangenen vor dem Wagen immerhin die Welt besiegt haben, der Leib Martins wurde von solchen geleitet, die unter seiner Führung die Welt überwanden. Jenen klatschte der Unverstand der Völker und eine bethörte Menge Beifall; Martin aber wird mit Gottespsalmen gefeiert, und Himmelslieder werden ihm gesungen.« Der heilige Leib wurde nicht in der Stadtkirche beigesetzt, wo doch Martin selber die Ueberreste seiner Vorgänger Gatian und Litorius einst untergebracht hatte; es kann recht wohl eine Verfügung des Toten im Spiele gewesen sein, als man ihn mitten unter den anderen Leuten auf dem Friedhof vor der Stadt begrub. Die Kapelle, die sein Nachfolger Briccius über dem Grabe erbaute, versah ihren Dienst etwa ein halbes Jahrhundert hindurch. Dann wurde sie von Bischof Perpetuus abgebrochen und durch eine regelrechte große Basilika ersetzt. Einmal der Erde übergeben, sind Martins Gebeine in ihrer Ruhe die ganze Merowinger Zeit hindurch nicht gestört worden. Eine Translation in eine andere Kirche hat damals nicht stattgefunden. Die Gebäude wechselten über derselben Stelle. Nur während der Restaurationsarbeiten ließ Perpetuus den Sarg in der Gevierung der neuen Kirche unterbringen[223-a]. Perpetuus darf überhaupt als der Begründer des Martinskultus in Tours gelten, insofern er die bisherige Lokalverehrung durch organisatorisches Geschick zu einem einzigartigen und ausnehmend reichen heiligen Betrieb hinaufsteigerte. Als am 4. Juli 473 die einbalsamierte Martinsmumie in dem neuen Grabmonument untergebracht war, das der Bischof gemäß seinen Intentionen hatte errichten lassen, wurde das Denkmal mit einer prächtigen Marmorplatte zugedeckt, die Bischof Euphronius von Autun zu diesem Zwecke brechen ließ und Perpetuus übersandte. Diesen kostbaren Deckel schützte zu Gregors Zeit ein nicht weniger wertvoller gestickter Teppich mit Fransen[223-b]. Im siebenten Jahrhundert versah dann der heilige Eligius, damals noch berühmter Goldschmid, im Auftrage König Dagoberts die Platte mit Goldverzierungen und edelm Steinbesatz. Das Grab war von einem Baldachin überragt, der mit Vorhängen versehen war[223-c]. Die Füße des heiligen Martin waren gen Osten und zugleich gegen die Halle gekehrt; »zu des Heiligen Füßen« bezeichnet somit das Atrium, das die Absis abschloß. Man gelangte in diesen reservierten Raum hinten, am Ende der großen Säulenhalle. Er war durch eine Anzahl Lampen erhellt, und um das Grabmal herum brannten eine Menge Kerzen, deren Bedienung einem besonderen Tempelhüter oblag. Als Nebenreliquie stand hier überdies der alte gleichfalls steinerne Martinssarg ausgestellt, der durch das Perpetuusmonument außer Dienst gesetzt war und von Saint Eloi dann ebenfalls passend verziert wurde. Dieser ganze von Perpetuus einmal so eingerichtete Raum erlitt keinerlei Veränderungen, bis in die Mitte des neunten Jahrhunderts, wo der Martinsleichnam vor den einbrechenden Normannen geflüchtet werden mußte. Heute sind von diesem alten Martinsgrabe nur noch formlose Mauerreste übrig. Mannigfaltiger waren die Wechselfälle der Martinsbasilika als ganzem Gebäude. Die erste Kapelle über dem Grab war von Briccius nur eben errichtet worden, um das Heiligtum unter Dach zu bringen. Immerhin hatte das Tabernakel sechs oder sieben Jahrzehnte vorgehalten, und seine hübsche, hölzerne Schutzdecke wurde beim Bau der Peter- und Paulskirche wieder verwendet[224-a]. Vor allem waren es praktische Rücksichten, die Bischof Perpetuus zu dem Neubau bewogen. Die kleine »Zelle« war, zumal an großen Festtagen, dem Zudrang der Pilger längst nicht mehr gewachsen. Aber es gereicht dem Prälaten zum Ruhme, daß er sich diese Amtspflicht zu einer persönlichen Ehrensache werden ließ und selber im Besitz eines ausgedehnten Vermögens an Grund und Boden, einen beträchtlichen Teil seines Reichtums mit den Baukosten aufzehrte. Die Bevölkerung von Tours that das ihre, indem sie, zur Beförderung der schweren Marmorsäulen an Ort und Stelle, freiwillige Arbeitskräfte zur Verfügung stellte [224-b]. Ueber den Grund- und Aufriß sind uns folgende Angaben erhalten: Länge hundertsechzig Fuß, Breite sechzig Fuß und Höhe fünfundvierzig Fuß. Die Decke wurde von hundertundzwanzig Säulen getragen. Der Altarraum hatte drei Thüren und zweiunddreißig Fenster, das Schiff fünf Thüren und zwanzig Fenster. Die Wände waren mit Marmor vertäfelt und mit Edelsteinen und Mosaiken besetzt, sodaß der Arverner Dichter Bischof Sidonius Apollinaris[224-c] von einem zweiten Tempel Salomos singen zu dürfen meinte. Die Arbeiten dauerten sieben Jahre. Am 4. Juli 472, also noch ein Menschenalter vor der fränkischen Eroberung, wurde das neue Heiligtum in Gegenwart einer glänzenden Festversammlung eingeweiht. Diese Angaben Gregors sind, soweit sie den Bau betreffen, durch die archäologischen Nachgrabungen in der Weise erläutert worden, daß die Kirche in zwei Teile zerfiel, das hundert Fuß lange Schiff und den sechzig Fuß langen Altar oder Grabesraum mit der Absis. Ueber diesem erhob sich das laternenförmige Gehäuse, das in einen Glockenturm auslief. Die vielen Säulen des Schiffes verteilen sich wahrscheinlicher, wenn man Doppelreihen annimmt[224-1]. Die Kirche hielt indessen nicht ewig, wie der Panegyriker von Arvern es haben wollte, sondern wurde von mehreren Feuersbrünsten heimgesucht, trotzdem ihre steinerne Konstruktion diesem Schicksal eher zu trotzen schien, als die hölzernen Pfarrkirchen, von denen in jenen barbarischen Zeitläuften fast alle einmal und manche öfters einem Brande zum Opfer fielen. Herzog Williachar, der Gegenschwächer König Chlothars, vor dem er das Asylrecht zu Sankt Martin in Anspruch nahm, legte Feuer an das Heiligtum. Diese Brunst vom Jahre 558 zerstörte die oberen Partien; das Jahr darauf ordnete Chlothar gemeinsam mit Bischof Eufronius die Restauration an; die Basilika erhielt nun ein Zinndach[224-d]. Ein zweiter Brand fiel kurz vor Gregors Amtsführung, der dann die beschädigten Dekorationen ausbessern und an den Wänden von einheimischen Künstlern Szenen aus Martins Leben malen ließ[225-a]. Ueber eine neue Ausstattung durch König Dagobert ist näheres nicht bekannt. Jedenfalls aber lockte nicht zum wenigsten dieses Martinsheiligtum mit seinem funkelnden Metalldach, seiner vergoldeten Turmspitze und seinen legendarischen Schätzen später dann die Sarracenen ins Innere Frankreichs.
Nur beiläufig mag hier erwähnt werden, daß Sankt Martin von Tours mehr als bloß Kirche ein eigentliches Stift war. Die ursprüngliche Einrichtung des Kapitels war durchaus klösterlich. Die Mönche wohnten in einem weiten Kreuzgang, der südlich an die Basilika anstieß und bei den Umbauten nicht verlegt wurde. Die Regel von Marmoutiers wurde im siebenten Jahrhundert durch die Benedikts ersetzt. Unter den Privilegien, deren sich die Abtei früh erfreute, steht obenan das Münzrecht. Es soll sogar auf eine Verfügung Chlodowechs zurückgehen. Die Martinsmünzen der Merowingerzeit tragen ein bediademtes Mannshaupt. Ob das Monopol auf den Fährendienst über die Loire bei Hochwasser ebenfalls so alt ist, wissen wir nicht. Ueber die mancherlei Anstalten, sei es zur Armenverpflegung, sei es zum Schutze Geächteter, sei es zur Aufnahme hoher Gäste unter den Pilgern, des längern zu handeln, ist nicht hier der Ort. Genug, Sankt Martin von Tours war die Zentralstätte für alles, was unter der Herrschaft der Merowinger im alten Frankreich an gutem und hohem Streben vorhanden war. Was Wunder, daß das Heiligtum von den fränkischen Königen an entscheidenden Wendepunkten aufgesucht wurde. Als Chlodowech von Kaiser Anastasius die Insignien eines römischen Konsuls verliehen bekam, legte er sich Tunica, Chlamis und Diadem in der Martinsbasilika um; dann stieg er zu Pferde und ritt in feierlichem Zuge in die Stadt ein, wobei er Münzen unter das Volk streute[225-b]. Chrotechilde zog sich für die dreißig Jahre, da sie den Gatten überlebte, nach Tours als Pensionärin, des Martinsgrabes zurück und wirkte dort mit ihrer Fürbitte für den Frieden unter ihren Söhnen[225-c]. Diesen Respekt haben alle ihre Nachkommen fast ohne Ausnahme empfunden. Die Königin Ultrogotha, die Gattin Childeberts _I._, brachte ergriffen eine Nacht am Grabe zu bis zur Frühmesse, und Ingoberga, die Witwe Chariberts, bedachte die Kirche in ihrem Testamente[225-d]. Und als eine königliche Gesandtschaft aus Spanien gebührend geehrt werden sollte, wurden ihre katholischen Mitglieder Gäste zu Sankt Martin[225-e]. Auch war es Sitte, sich nach Sankt Martin gleichsam für eine Art Kurgebrauch zu begeben. Mehrfach bemerken wir solche Gäste aus den oberen Ständen, die zum Teil von fernher kommen, um in Tours Heilung zu suchen: so Charegisel, erst Referendar, später Domesticus König Chlothars[226-a], und Mummola, die Gattin des Tribunen Animius[226-b]; besonders aber waren es geistliche Herren; Germanus von Paris brachte seinen Diakon und späteren Nachfolger Ragnimod, der dort von seiner Ruhr geheilt wurde[226-c]. Ein anderer Bischof gab sogar einen seiner Hörigen in Pflege[226-d]. Aber auch Auswärtige bürgerlichen Standes ermöglichten sich einen längeren Aufenthalt in Tours: Gondetrude von Vermandois und ein Ehepaar aus dem Dorfe Trezel in der Auvergne[226-e]. Der eigentliche Zudrang erfolgte jedoch an den großen Martinsfesten; da kam der gemeine grobe Mann zu Fuß, zu Pferde, oder falls er gelähmt war, auf dem Ochsenkarren[226-f]. Und als Leudulf ein junger Höriger mit seinem lahmen Fuße, den er heilen lassen wollte, vor Tours gehinkt kam und beim zehnten Meilenstein nicht mehr weiter konnte, jammerte er den an ihm vorbeitreibenden Festbesuchern solange zu, bis ihn einer unter ihnen auf seinen Wagen nahm[226-g].
Kein fränkisches Heiligtum hat Sankt Martin von Tours den Rang abgelaufen, wenigstens im sechsten und siebenten Jahrhundert nicht. Aber Sankt Julian von Brioude durfte sich immerhin sehen lassen. Das ursprüngliche Juliansmausoleum daselbst war von einer fremden, vielleicht spanischen Dame, deren Gemahl in Ketten lag, auf ihrer Durchreise nach Trier gelobt und auf die Freilassung des Gatten hin, die genau in der Stunde des Gelübdes erfolgt war, stilvoll gestiftet worden[226-h]. Der große Zuspruch der Gläubigen machte jedoch später die Erweiterung des kleinen Bethauses zu einer regelrechten Basilika notwendig[226-i]. Die Gründungssage erzählt, Julian, aus Vienne gebürtig und Jünger des heiligen Ferreolus, habe sich ins Arvernische begeben, um von seiner Familie nicht am Martyrium gehindert zu werden, das er dann auch in dem Götzenhaine zu Brioude erlitt; er wurde enthauptet, der Rumpf blieb zu Brioude, der Kopf kam nach Vienne und die selige Seele in den Himmel[226-k]. Obwohl es sich um einen alten Kultus handelte, war man über den Todestag des Heiligen noch im fünften Jahrhundert im Ungewissen, bis Bischof Germanus von Auxerre eigens zu diesem Zwecke nach Brioude kam und durch eine gottesdienstliche Veranstaltung die feierliche Eingebung des 28. August herbeiführte[226-l]. Der Augenblick, da am Festtage bei der Verlesung des ›Leidens‹ der Name des Heiligen dem Lektor über die Lippen kam, galt für ein wunderbares Geschehnis besonders geeignet[226-m].
Erst im eigentlichen Mittelalter verlor Sankt Martin von Tours seinen Charakter als Reichsheiligtum einigermaßen an die Abtei Saint Denis, deren Gründung hier zu erzählen ist[227-1]. Längst war im Dorfe Catulliacus an der alten Römerstraße ein kegel- oder pyramidenförmiges Denkmal verehrt worden, das Grab des Dionys, des ersten Bischofs von Paris. Später erhob sich eine Basilika darüber, deren Altar eben in dem Grabmal bestand. In dieser Dionysiuskirche war Prinz Dagobert, der Sohn König Chilperichs, bestattet. Spätestens in den ersten Monaten des Jahres 625, als Chlothar _II._ noch regierte, gründete sein Sohn, Dagobert, König von Austrasien, zu Ehren des heiligen Dionysius östlich von dessen Grabeskirche die Abtei Saint-Denis-de-l’Etree und ließ am Dienstag, den 22. April 626 die Gebeine von ihrer ersten Ruhestätte in die neue Stiftung überführen. Die Abtei nahm einen raschen Aufschwung. Schon zahlreiche merowingische Urkunden beschäftigen sich mit ihr, und in der Folge ist sie die Gruft fast aller französischen Könige geworden.