Fünftes Kapitel.
Die Heiligengelehrsamkeit des Gregor von Tours.
Fortunat hat sich in seinen Heiligenleben nicht viel von der Memorie entfernt und sich dabei meist auf Gebieten bewegt, wo man ohne ein großes Wissen bei einigem Darstellungsgeschick wohl auskommen konnte. Er schrieb überhaupt auch diese Stücke, wie seine Gedichte, gelegentlich, aus Liebenswürdigkeit, der richtige Italiener. Die Gründlichkeit, deren es bedarf, um eine neue Gattung ins Leben zu rufen, mangelte ihm. Aber die ersten Ansätze zur außermartinischen, auf Forschung, nicht auf bloßer Erinnerung beruhenden Prosavita finden sich eben doch bei ihm. Er ist damit der Vorläufer eines Größeren geworden, der sich in seiner Bescheidenheit selber nur wie ein Nachtreter Fortunats vorkam.
An Gregor von Tours überrascht uns nun mit einem Schlage die ganz andere Art des Interesses an den Heiligen. Es ist, um es gleich bei dem wesentlichsten Merkmal zu fassen, das Interesse des geborenen Gelehrten. Der Stoff schwillt ins Unbegrenzte: statt eines halben Dutzend, das persönliche Bekanntschaft oder andere private Beziehungen vermittelten, drängen sich nun aus den gesammelten Pergamenten und eingezogenen Erkundigungen hunderte von neuen Personen und Thatsachen ans Licht. Das individualisierende Element tritt vor dem statistischen in den Hintergrund. Wißbegier und Sammeleifer decimieren die keineswegs fehlende Anekdotenpsychologie.
1.
Vor allem aber kommt nun endlich zu seinem Rechte, was wir bis jetzt immer wieder vermißten: die chronologische Auffassung der Heiligenfigur. Betrachten wir nun die spärlichen Mitteilungen, die Gregor über Sever hinaus zu Martins Lebensgeschichte beibringt, ganz abgesehen davon, daß Gregor gelegentlich geradezu versucht, Martins Tod zum Ausgangspunkt einer eigenen nationalfränkischen Zeitrechnung zu machen[088-a], wobei er sich allerdings durch den Ansatz 445 um nahezu fünfzig Jahre versieht. Er, der Bischof des fränkischen Centralheiligtums, widmet seinem heiligen Vorgänger auf dem Stuhl von Tours im ersten Buche seiner Geschichte der Franken zunächst folgende vier Daten[088-b]: 1) Geburt Martins im elften Jahre Constantins, 2) Ankunft Martins in Gallien um das zwanzigste Jahr Constantins _II_, 3) Bischof von Tours im achten Jahre des Valens und Valentinian, 4) Martins Tod im zweiten Jahre des Arkadius und Honorius. Nun ist allerdings das zweite Datum von vornherein unbrauchbar, da Konstantin _II_ nur vier Jahre regierte; mit seinem zwanzigsten Regierungsjahre ist jedenfalls das Jahr 355 gemeint. Aber abgesehen von der Unrichtigkeit dieser Daten war es im Prinzip ein Fortschritt, für Martins Leben überhaupt einen chronologischen Ansatz zu versuchen, zumal bereits zweihundert Jahre verstrichen waren und niemals ein solcher Versuch gemacht worden war. Hand in Hand damit geht die bis auf den Tag sich erstreckende genaue Bestimmung der Regierungszeit als Bischof: sechsundzwanzig Jahre vier Monate und siebzehn Tage, gemäß Gregors Berechnungen aus den durch den Kultus bestimmten Martinstagen vom elften November und vierten Juli; überdies beziffert Gregor Martins Lebensalter auf einundachtzig Jahre. Neben diesen chronologischen Anstrengungen verrät sich Gregor von Tours auch durch andere gelegentliche Beiträge zur Martinsgeschichte als geborenen Historiker, so durch seinen Abriß einer Geschichte des Bistums Tours vor und nach Martin, ferner durch seine allgemeinen Mitteilungen über die Christianisierung mit den urkundlichen Belegen bischöflicher Briefe, über Martinsreliquiendienst, worüber uns sonst nichts bekannt wäre, da der von Gregor citierte Brief des Paulinus uns verloren ist und schließlich durch die einigermaßen mildere Darstellung von Martins Nachfolger Briccius, aus dessen wirklichem Verhältnis zu Martin wir jedoch auch jetzt so wenig klug werden, als aus der Ursache seiner Wahl zum Bischof. Er gibt außerdem einen knappen Auszug der Angaben Severs und betrachtet im übrigen ein Martinsleben nach Sever nichts weniger mehr als für ein Bedürfnis. Seine dürftigen Notizen über Martin, gelegentlich eingestreut, verleihen aber auch so dem Bilde Martins nach Sever den zeitgeschichtlichen Rückgrat, den ihm jener sonst vortreffliche Schilderer nicht gab und nicht geben konnte.
Gregors große und angeborene Liebe zu gelehrten Studien hat ihm möglich gemacht, neben seinen ausgedehnten und gewissenhaft erfüllten Amtspflichten eine ganze Reihe von Schriften abzufassen[089-1]. Seine Thätigkeit als Schriftsteller erstreckt sich über die zwanzig Jahre von 574–593. Das erste war ein Buch über die am Martinsgrabe geschehenen Wunder. Allem Anschein nach hatte dieser Beginn von Gregors litterarischem Schaffen eine amtliche Veranlassung. Im fünften Jahrhundert wurde im bischöflichen Kapitel von Tours ein Register geführt, das die am heiligen Grabe geschehenen Wunder verzeichnete. Wir sahen, daß zur Zeit des Bischofs Perpetuus diese Liste sechszehn Nummern aufwies, die Paulinus von Perigueux zum sechsten Buche seines Martinsgedichtes verarbeitet hat. Es lag somit für Gregor nahe, seinerseits solch einen Wunderkatalog anzulegen. Schwerlich hat er selbst jedoch jenen alten Index vorgefunden, sonst hätte er wohl kaum seine Zusammenstellung Paulins poetischer Paraphrase entnommen, sondern die Quelle selbst zu Worte kommen lassen. Dieses erste Buch der Martinswunder umfaßte vierzig Nummern. Es folgte bald darauf ein zweites mit fünfzig; vor dem dritten, das dann deren sechzig zählte, fügte er jedoch ein Buch über die Julianswunder in Brioude ein, gab um dieselbe Zeit eine Uebersetzung der Siebenschläfer aus dem Syrischen, vor 587, und ebenso in dem Jahre 586/587 die Schrift vom Ruhm der Märtyrer; war er damit bereits halbwegs auf das Gebiet der Biographie übergegangen, so begann er nun mit einzelnen Heiligenleben und schilderte zunächst, seit 587, Emilianus und Bärchen, Senoch, Venantius und Monegunde; dicht daran schließt sich die Schrift vom Ruhm der Bekenner ohne den Prolog, noch im Jahr 587. Im Jahre 591 läßt die Abfassung des Nicetiuslebens und im Jahre 592 die Abfassung des Leobarduslebens ungefähr erkennen, worauf er dann die unterdessen im Martinsgrabe geschehenen Wunder in einem vierten und letzten Buche der Martinsthaten zusammenfaßt, 591/593. Nun legt er auch die letzte Hand an die Väterleben und schließt sie zu der so betitelten Sammlung zusammen, 593. Dann schrieb er noch die Andreaswunder und, falls sie von ihm sind, die Thomaswunder. Nicht ansetzen lassen sich der uns verlorene Psalmenkommentar und die merkwürdige Abhandlung über den Lauf der Sterne. Die letzten Erzeugnisse seiner Feder sind der Prolog zu den »Bekennern« und das zehnte Buch seiner Geschichte der Franken, die, das läßt sich schließen, ihn neben seinen Heiligenschriften her unablässig beschäftigt hat. Er konnte die letzte Feile nicht ansetzen, und so liegt das Buch uns gewissermaßen unfertig vor, obschon es zu einem dem Abschluß sehr nahen Grade der Ausführung gediehen ist. Das große Geschichtswerk steht jedoch in keinem Gegensatz zu den Heiligenbüchern. Es ist durchaus von demselben Geiste durchzogen; das gibt ihm erst seinen Stil, daß es auf Schritt und Tritt seine Gläubigkeit nicht verhehlt. Nur moderne Engherzigkeit kann darin einen Fehler sehen; eher wäre zu bedauern, daß der Verfasser sich nicht noch enger an die Legende angeschlossen hat. Es ist ansprechend, aber nicht durchaus geboten, die Entstehung des Werkes auf drei Hauptwürfe zu verteilen, und so die erste Hauptmasse bis in die Mitte des fünften Buches um 577, die zweite bis gegen das Ende des achten um 584/585 und den Rest um 590/591 geschrieben sein zu lassen. Unter der Obhut der beiden hohen Vorgänger auf dem Gebiet christlicher Chronologie Hieronymus und Eusebius beginnt Gregor erst schematisch dürr und nähert sich dann mit immer reicherer Mitteilung seiner eigenen Zeit, wo die Fülle der Nachrichten schließlich eine bis zum Stillstand des zeitlichen Fortschritts sich ausdehnende Breite annimmt. Die vier ersten Bücher bilden einen Hintergrund; es besteht eine Entfernung zwischen ihnen und dem Autor, die er durch mehrfache Rekapitulationen und nachträgliche Berechnungen auszugleichen strebt. Vom fünften Buche an redet er als Augenzeuge und, mehr als das, als thätiger Teilnehmer, der bei der Entwicklung der Dinge sein Wort mitgesprochen und die Geschichte, die er nun beschrieb, in aller Schüchternheit ein bischen mit hatte machen helfen. Und nun fesselt er seine Leser in hohem Grade und hält sie in beständiger Spannung. Dasselbe gilt von den Heiligenschriften, sobald es der Leser fertig bringt, die dumpfe Atmosphäre, die Gregor hier mit seiner Zeit teilt, mitzuatmen. Oft unterbrochen und eine Arbeit an die andere tauschend, hat Gregor seinem ganzen Schriftstellerwerke, der Geschichte der Franken und den »Acht Büchern Wunder«, wie er seine Heiligentraktate in ihrer Gesamtheit überschrieb, einen einheitlichen Geist und Stempel ausgeprägt. Im ganzen ist es eben dieser Geist, um dessentwillen wir uns mit Gregor als unserem wertvollsten Gewährsmanne beschäftigen.
Gregor war, wiewohl Hirt, nicht aufgeklärter als die Herde: er glaubte mit dem Volk und wünschte nicht mehr, als in allen Punkten dessen Inbrunst im Glauben und in der Verehrung zu teilen. Er betrieb das Studium der meist rohen, bäurischen Volksmenge, die das von ihm gehütete Heiligtum umdrängte, somit ja nicht etwa als kritischer Beobachter, sondern als deren gläubiges Organ. Vielleicht hat er sich auch von einem praktischen Interesse leiten lassen und schuf, um zur Erbauung und Bildung der zahlreichen Pilger beizutragen, eine Art Wallfahrtslitteratur. Jedenfalls schrieb er ausschließlich für erbauliche Zwecke: es schien ihm als Diener der katholischen Kirche geradezu geboten, »die geschichtliche Begebenheit, die zur kirchlichen Erbauung das ihre beitragen könne, kurz und einfach aufzusetzen, damit die Wunderkraft des Heiligen bekannter und so dessen Verehrung gefördert werde«[091-a]. Daß er ein barbarisches Latein schrieb, das auch das klare Bewußtsein von der eigenen Verwilderung nicht mehr zu säubern im Stande war, hat er selber offen eingestanden[091-b]; die Sprache, die bei einem Schriftsteller von Bedeutung immer dessen Wesen spiegelt, setzt sich bei ihm in der That aus Einflüssen der Itala und des gallischen Schönschreibers Apollinaris Sidonius zusammen [091-1]; aber so sehr er schriftstellerisch hoffnungsloser Epigone war, empfand er eben gerade im Hinblick auf das klassische Altertum seinen Beruf eines christlichen Schriftstellers als dem Gehalt nach wertvoller und fruchtbringender: »Unsere Pflicht ist es«, schreibt er[092-a], »das zu schildern und zu sagen, was zur Erbauung der Kirche des Herrn beiträgt und durch heilige Belehrung die ohnmächtigen Geister zur Kenntnis des vollkommenen Glaubens befähigt. Hier handelt es sich nicht darum, trügerische Fabeln zu erzählen oder die gottfeindliche Weisheit der Philosophen zu befolgen, womit man leicht des Herrn Urteil herausfordern und dem ewigen Tode verfallen könnte. Wenn ich von den Wundern der Heiligen zu berichten willens bin, so wünsche ich wirklich nicht in diesem Netz und Garn mich zu verfangen. Nicht Saturns Flucht, nicht Junos Zorn, nicht Jupiters Ehebruch, nicht Neptuns Meineid, nicht des Aeolus Herrschaft, nicht der Aeneiden Kriege sollen hier zur Sprache kommen, das alles ist ein Bau auf Sand gebaut und dem Einsturz nahe, wofür wir nur Verachtung haben.« Immerhin steht Gregor dann doch nicht an, den durch Taubenflug geleiteten Helden Hillidius mit dem römischen Konsul Marcus Valerius zu rechtfertigen, der sich des Beistandes eines Raben erfreute[092-b].
Die hagiographische Forschung Gregors verteilt sich auf ein doppeltes Interesse: einmal gewissermaßen auf eine Besuchsstatistik begangener Wallfahrtsorte, namentlich der beiden berühmtesten des Frankenlandes, des Martinsgrabes in Tours, seinem Bischofssitze, und des Juliansgrabes bei Clermont, seiner Vaterstadt; sodann auf die Lebensgeschichte der Heiligen, aber in der summarischen Verkürzung des Einzelnen, wie es eine kompendiarische Sammlung mit sich bringt. Diese beiden Interessen erscheinen in Gregors Schriften mit Uebergewicht bald des einen bald des andern gemischt. Jedenfalls aber stellt sein Material eine Summe von Gelehrsamkeit dar, die eine Vergleichung mit Kenntnissen, wie sie etwa Fortunats Viten voraussetzen, nicht zuläßt. Diese Gelehrsamkeit hat sich Gregor auf die gewissenhafteste Weise erworben. Betrifft sie Länder, die er nicht selbst besucht hatte, vor allem den Orient, so hat er sich fleißig nach Lektüre umgethan. Für die Geographie des Orients, namentlich die Topographie des Jordans und des toten Meeres, ist seine Hauptquelle die Schrift des Theodosius »Das heilige Land«. Ueber die in den Jahren 536–552 unternommene katholische Mission unter den in Palästina noch ansäßigen Juden berichtet er nach Evagrius Scholastikus, während er sich für die christliche Urzeit an Pseudomelito, Rufin, Johannes von Antiochien, Prudentius, Abdias, Modestus oder die apokryphen Akten hält. Daneben verwendet er, was er von lebenden Zeugnissen nur habhaft werden kann, nimmt die von Pilgern heimgebrachten Merkwürdigkeiten in Augenschein und verhört einen auf dem Taufplatz Christi getauften und geheilten Aussätzigen aus Gallien sowie andere Aussätzige, die im Jordan oder in den Wassern von Livia gesund geworden waren[093-a]. Das kostbare Vorlesepult in der Cypriansbasilika von Karthago beschreibt er als eine Sehenswürdigkeit auf Grund genauer Nachrichten ausführlich[093-b]. Stand dagegen ein Gebiet in Frage, das ihm selber zugänglich war, so unterließ er nicht, an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen: wenn er vor dem heiligen Grabhügel sein Gebet verrichtet hat, sieht er sich die Inschriften an und fragt den Wächter aus[093-c]. Offenbar hatte Gregors ganze Umgebung und nicht zum mindesten seine Verwandtschaft die Augen auf ihn gerichtet, voller Hoffnung, er werde der Geschichtsschreiber des nationalen und kirchlichen Lebens im jungen fränkischen Reiche werden. »Ich habe«, sagt er[093-d], »keine litterarischen Studien getrieben und mich keineswegs an gelehrter Lektüre der Weltlitteratur ausgebildet; aber ich gehorche dem beständigen Zuspruch des Vaters Avitus, Bischofs von Auvergne, der mich ermahnte, kirchliche Werke zu schreiben. Wenn auch die Dinge, die ich in seinen Predigten hörte oder die er mich zu lesen veranlaßte, mein Urteil nicht zu bilden vermochten, da ich ja nun einmal nicht zu beobachten verstehe, so ist er es doch gewesen, der mich erst in Davids Psalmen, dann in die Worte des Evangeliums, sowie in die Apostelgeschichte und in die Briefe einführte, und er brachte mir die Erkenntnis Jesu Christi bei.« Einst nahm ihn sein Onkel Bischof Nicetius von Lyon in die dortige Heliuskrypta mit, und Gregor erzählt[093-e]: »Als ich mein Gebet gesprochen hatte, sah ich mir voll Bewunderung das Grabmal an, überdachte, was ich von den Verdiensten des Heiligen wußte, da fiel mir an der Wand eine Inschrift auf, und nun zog ich mündlich über die dort enthaltene Meldung noch nähere Erkundigungen ein.« Ueber die Art, wie er zaghaft unter der Menge stehend und ihre Befangenheit teilend, sich fast wider seinen Willen entschließt, unter den Augenzeugen eines Wunders nun als deren Schriftsteller aufzutreten, belehrt uns vielleicht das erste Blatt, das er überhaupt beschrieben hat, auf das rührendste. Er sagt[093-f]: »Ich rufe den allmächtigen Gott zum Zeugen an, daß ich jüngst im Traume mitten in der Basilika des Herrn Martinus viele Sieche und mit den verschiedensten Krankheiten Behaftete gesund werden sah. Neben mir stand meine Mutter und sagte zu mir: ›Was zauderst du, das aufzuschreiben, was du hier siehst?‹ Da sag ich: ›Du weißt ja, wie ohnmächtig ich in den Wissenschaften bin; viel zu dumm und beschränkt, als daß ich es wagte, Thaten, die höchste Bewunderung verdienen, der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wäre doch Severus da oder Paulinus noch am Leben oder käme Fortunat und schrieb es auf! Denn ich müßte nur unthätig mit dem Kiel in der Hand dasitzen, wenn ich dies aufzuzeichnen unternähme.‹ ›Weißt du denn nicht‹, versetzte die Mutter, ›daß du weit und breit im Rufe eines Schriftgelehrten stehst. Versäume nicht, Hand anzulegen. Ein Verbrechen wäre es, schwiegest du.‹ So hab ich mich denn mit gemischten Gefühlen der Sache unterzogen. Schrecken und Furcht halten mich nieder. Aber in der Hoffnung auf Gottes Güte trete ich an die Aufgabe heran, zu der ich ermuntert werde. Warum sollte er es schließlich nicht auch durch meine Sprache geschehen lassen können, wie er ja einst auch in der Wüste aus dem harten Steine Wasser springen ließ und so den brennenden Durst des Volkes stillte. Oder er wird ein zweites Bileamswunder geschehen lassen und aufs neue einem Esel den Mund aufthun, wenn er mir die Lippen öffnet und durch mich ungelehrten Menschen dieses verkündigen will.«
Ein kritischer Beobachter war also Gregor nicht. Er hat sich niemals bestrebt, die geschehene Begebenheit von den vielen andern Daten und Ereignissen u sichten, die sich der geschichtlichen Gestalt im Laufe der Zeit vorgelagert haben. Aber nie hat seine Eigenschaft als Gewährsmann unter seiner Einfalt und Treuherzigkeit zu leiden; denn sobald Sinn für sein naives Detail vorhanden ist, erscheint er in jeder Zeile interessant. Als echte Gelehrtennatur kommt er auch nicht dazu, alles was er weiß aus sich herauszusetzen: »Es würde mich zu weit führen, das viele, was ich von diesen Heiligen weiß, hier mitzuteilen. Das Gesagte wird, denk ich, genügen«[094-a]. Und bei Gelegenheit einer Reliquienüberführung vergißt er nicht anzubringen, daß der Genfersee vierundsiebzig Kilometer lang und siebenundzwanzig Kilometer breit sei[094-b]. Unvergleichlich wird Gregor jedoch durch das römisch-germanische Zwielicht, in dem er steht. Diese Dämmerung, die ihn umflort, hat einen doppelten Ursprung: von der untergehenden Antike und vom aufgehenden Mittelalter.
2.
In diesem Zusammenhang liegt uns nun aber ob, der Behandlung, die das Heiligenleben durch Gregor gefunden hat, nähere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der Trieb, persönlichem Leben nachzuspüren, äußert sich in Gregors gesamtem Werke gleichmäßig. Auch in seiner Frankengeschichte findet sich eine ganze Reihe von Lebensabrissen bemerkenswerter Männer eingeflochten. Als Beispiel mag hier die Stelle über Agricola von Châlons angeführt werden[094-c]: »Um jene Zeit starb Agricola Bischof von Châlons, ein sehr gewandter und kluger Mann, senatorischer Abkunft. Er hat in jener Stadt viel gebaut, Häuser und auch eine Kirche, die er mit Säulen versah, mit Marmor ausstattete und einem Mosaik schmückte. Er lebte äußerst enthaltsam. Nie nahm er Frühstück zu sich und begnügte sich mit der einen Hauptmahlzeit im Tage, zu der er sich so zeitig hinsetzte, daß er sich noch vor Sonnenuntergang davon erhob. Er war sehr leutselig und ein guter Redner. Er starb im achtundvierzigsten Jahre seiner Regierung als Bischof, dreiundachtzig Jahre alt. Ihm folgte Flavius, der Referendar König Gunthrams.« Daran mag sich nun noch, ebenfalls beispielsweise, die Notiz über ein Original von Einsiedler anschließen, dessen Sonderbarkeit darin bestand, daß er sich seine Mahlzeiten in einem hölzernen Kessel kochte. »Ich erinnere mich«, erzählt Gregor[095-a], »vor Jahren gehört zu haben, es lebe irgendwo in einer Einöde Jemand, den ein Waldbruder aus der Nachbarschaft aus Verehrung aufsuchte, nicht ohne sogleich mit aller Liebe empfangen zu werden. Sie treten in die niedere Zelle, verrichten das Gebet und setzen sich. Nachdem sie sich lange vom Worte Gottes unterhalten hatten, erhebt sich der Greis von seinem Stühlchen, geht in sein Gärtchen und schneidet sich den Kohl zum Essen ab. Als das Feuer im Herde brennt, setzt er einen weitgebauchten hölzernen Kessel über die Flamme, füllt ihn mit Wasser, in dem dann der Kohl siedet, und schürt das Feuer so heftig, daß dieser zu glühen anfängt, genau wie wenn er von Eisen wäre. Mit Staunen nimmt der Gast es wahr und erkundigt sich, was es denn damit auf sich habe. Der Greis gab ihm zur Antwort: ›Seit vielen Jahren wohne ich in dieser Einöde, immer aber habe ich auf göttliche Eingebung hin in diesem Kochtopf mir zur Kräftigung meines hinfälligen Leibes meine Speise zubereitet.‹ Wie gesagt, das hörte ich früher einmal. Nun aber sah ich neulich einen Abt, der den Einsiedler Ingenuus hieß und versicherte, er habe sich im Gebiete von Autun aufgehalten und öfters aus jenem Gefässe Kohl oder Kraut, die darin sotten, mit jenem herausgeholt. Ja er beschwor es mir mit einem Eide, er habe den Kochtopf über den Flammen mächtig glühen sehen und doch sei dessen Grund immer feucht gewesen, als werde er von Zeit zu Zeit genetzt.«
An diese gelegentlich mitlaufenden biographischen Einschläge in Gregors Schriften mußte zunächst erinnert werden, um davon dasjenige Buch seines Mirakelwerkes deutlich zu unterscheiden, das sich nicht bloß beiläufig mit Heiligenleben beschäftigt, sondern eine Anzahl solcher zum ausschließlichen Inhalte hat. Gliedert sich damit Gregor nun im engeren Sinne der litterarhistorischen Entwicklung ein, der wir bis dahin nachgegangen sind, so springt auch das neue Moment in die Augen, das seine Sammlung von zwanzig Heiligenleben in dieser Entwicklung darstellt. Es handelt sich um eine Kombination zweier bis jetzt getrennter Strömungen: einmal nahm er die Memorie auf, wie sie durch Severus geschaffen und durch Fortunat bis auf Gregors Zeit fortgeführt wurde; dann aber überwand er die Einseitigkeit einer nur an ein einziges Leben sich verlierenden Betrachtung durch eine ansehnliche Mehrzahl der geschilderten Leute. Damit griff er auf Rufin zurück und nannte das Buch auch nach dessen Beispiel. Ueber die theoretische Abgrenzung dieser Schrift von den übrigen hat er sich selber folgendermaßen verlauten lassen[096-a]: »Eigentlich war meine Absicht, nur aufzuschreiben, was sich am Grabe seliger Märtyrer und Bekenner Wunderbares ereignet hat. Da ich jedoch auch solche kennen lernte, die das Verdienst eines seligen Wandels zum Himmel erhob und deren Lebenslauf, wahrheitsgetreue Darstellung vorausgesetzt, mir im Stande schien, zur Erbauung der Kirche beizutragen, nahm ich keinen Anstoß, gelegentlich auch dergleichen niederzuschreiben, da ein Heiligenleben nicht nur sich selbst darlegt, sondern auch die Zuhörer zur Nachfolge reizt. Habe ich schon in einem früheren den Bekennern gewidmeten Buche bei einigen Heiligen, wenn auch nur kurz, Züge aus ihrem Erdenleben eingeflochten, so will ich jetzt diesem Gesichtspunkte breiteren Raum lassen und das Buch geradezu ›Heiligenleben‹ betiteln.«
An dieser kleinen Sammlung von Lebensbildern entrollt sich uns ein buntes und anschauliches Gemälde von der fränkischen Kirche bei ihrem Beginn und im ersten Jahrhundert ihres Bestehens. Wir sehen einige charaktervolle Vertreter sowohl bischöflichen als mönchischen Standes, meist aus der Gegend des mittleren Gallien vor uns, durch einige treffende Anekdoten in ihrem Wesen gezeichnet und hie und da durch Beziehung auf ein äußeres zeitgenössisches Ereignis auch chronologisch genügend festgehalten. Jede Vita ist mit einer erbaulichen Einleitung versehen und mit Kunstreden durchsetzt. In den Ueberschriften heißen einige heilig, andere nicht; überdies unterscheidet Gregor ebenda sechs Bischöfe von zehn Aebten, fünf Einsiedlern und einer Nonne. Schon numerisch hat also das Mönchtum vor der Weltgeistlichkeit das Uebergewicht.
Ein Zeitgenosse Martins von Tours kam, immerhin nach dessen Tode, in das Kloster, das nahe der Martinskirche bestand. Er war seiner Braut davongelaufen und hieß Venantius[096-b]. In der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts sodann wurden die Brüder Lupicinus und Romanus[096-c] Väter eines burgundischen Asketenvereins, der an den Westabhängen des Jura es mit der Zeit auf drei Niederlassungen brachte. Lupicinus war verheiratet gewesen, Romanus nicht. Nach dem Tode der Eltern richteten sie sich im Jouxthale, auf der Grenze von Burgund und Alemannien im Bezirk der Stadt Aventicum als Einsiedler ein. Auf dem Boden ausgestreckt beten, Psalmen singen und sich von Kräuterwurzeln nähren, war ihr Tagewerk. Die Steinschläge, die in der Bergwildnis natürlich waren, faßten sie als Angriffe der Dämonen auf und zogen sich auf ernstliche Verwundungen hin sogar in die bebaute Gegend zurück, bis eine arme Frau, die sie beherbergte, ihnen ihren Mangel an Mut vorstellte und sie so zur dauernden Ansiedelung in den Wäldern bewog. Durch Zuzug von Brüdern entstand zunächst das Kloster Condatiscone; man schlug eine Lichtung im Walde und baute den Boden an. Dann erfolgte die Gründung einer Filiale noch auf altburgundischem Gebiete und schließlich einer dritten Niederlassung im Waadtland. Die Oberleitung lag in der Hand des Lupizinus. Er übte gegen sich selber die strengste Enthaltsamkeit; oft aß er überhaupt nur alle drei Tage ein einziges Mal. Den Durst bekämpfte er, indem er ein Gefäß mit eiskaltem Wasser in seine Hände nahm und so die quälende Empfindung milderte, ohne ihr durch Trinken nachzugeben. So konnte er gegen die ihm untergebenen Mönche ebenfalls streng auftreten und strafte nicht nur böse Handlungen, sondern sogar schon böse Worte; auch längere Gespräche und Begegnung mit Frauen sollten vermieden werden. Immerhin konnte sich die zahlreiche Genossenschaft durch den Ertrag ihrer Feldarbeit nicht erhalten; Lupizin bestritt das Notwendige aus einem geheimen Schatz, der sich ihm irgendwo geöffnet hatte und jahrelang vorhielt. Doch blieb der Uebelstand nicht aus. Bei seiner Visitation des Nordklosters, das später nach dem Bruder Romainmotier hieß, traf Lupizin um Mittag ein, als die Mönche noch auf dem Felde waren und zu Hause eben gekocht wurde. Zu seinem schmerzlichen Erstaunen gewahrte er da Vorbereitungen für eine Mahlzeit von mehreren Gängen, wobei allerlei Fischarten nicht fehlten. Rasch entschlossen befahl er einen kupfernen Kessel mit siedendem Wasser über das Feuer zu setzen, ließ Fisch und Kraut und Rüben hineinwerfen und den Absutt vorsetzen: »An dieser Suppe satt essen sollen sich die Brüder«, sagte er, »das ist Mönchsspeise und zieht nicht von der Beschäftigung mit Gott ab«. Auf diese Gewaltsverfügung hin traten zwölf Mönche aus, besannen sich aber nach einiger Zeit eines bessern und kamen wieder. Während Lupizinus sich der Verwaltung der drei Klöster annahm, zeichnete sich Romanus durch stillen Wandel und gute Werke aus: er besuchte Kranke und betete sie gesund. Einst auf der Wanderschaft wurde er von der Dunkelheit überrascht und gezwungen, in einem Siechenhaus zu übernachten. Die neun Aussätzigen, die es bewohnten, gewährten ihm um so lieber Unterkunft, als er sofort warmes Wasser verlangte und ihnen mit eigener Hand die Füße wusch. Dann ließ er ein großes Bett herrichten, um mit ihnen allen gemeinsam zu schlafen. Während die Siechen schlummerten, wachte Romanus und touchierte unter Psalmensingen die offenen Eiterbeulen an der Seite eines von ihnen. Dieser erwachte, that seinem Nachbar desgleichen und schließlich alle unter einander, bis sie sich geheilt fühlten. Als Romanus sah, daß sie alle eine neue, frische Haut bekommen hatten, dankte er Gott und umarmte sie noch alle einmal zum Abschied. Lupizinus seinerseits unterließ nicht, seiner Stiftung die Gunst des Staatsoberhauptes zu gewinnen und begab sich in seinen alten Tagen nach Genf, wo der Königsbruder Chilperich Regent war. Der Prinz empfing den Abt an der Abendtafel. Lupizinus trat vor ihn, wie weiland Jakob vor Pharao getreten war. Der Fürst wollte dem Kloster Ackerland und Weinberge anweisen; aber Lupizin verschmähte Grundbesitz und erhielt nun das verbriefte Recht, jährlich dreihundert Maß Korn, ebensoviel Wein und hundert Goldstücke zu beziehen. Wenigstens entsprachen diese Einkünfte dem jährlichen Guthaben des Juraklosters an den königlichen Fiskus zu Gregors Zeit. Lupizin wollte mit seinem Bruder eine beiden gemeinsame Grabstätte zum voraus vereinbaren. Romanus aber machte dagegen geltend, er könne nicht in einem Kloster begraben werden, da dann die Frauen keinen Zugang zu seinem Grabe hätten und doch zu erwarten sei, daß zu der Ruhestätte eines bei Lebzeiten so erfolgreichen Wunderthäters sich eine lebhafte Wallfahrt entwickeln werde. Als er am 28. Februar 460 starb, wurde er in der That zehn Meilen abseits auf einem kleinen Berge bestattet, und bald erhob sich daselbst eine ansehnliche Kirche, der es an Pilgerbesuch nicht fehlte. Lupizin dagegen starb erst am 21. März 480 und wurde in der Klosterkirche beigesetzt.
Gleichzeitig mit diesen Juramönchen lebte in der Auvergne der heilige Abt Abraham[098-a]. Er stammte aus Mesopotamien. Im Begriff, die Mönchskolonien der ägyptischen Wüste aufzusuchen, fiel er unterwegs in die Hände von Heiden, wurde seines Glaubens wegen geschlagen und fünf Jahre lang in eisernen Ketten gefangen gehalten. Dann zog es ihn nach dem Abendlande und er ließ sich vor Clermont neben der Kirche von Saint Cirgues klösterlich nieder. Er war Meister in den für einen Heiligen üblichen Wundern, als da sind Dämonenaustreibung, Heilung von Blinden und andern Kranken und besonders Weinvermehrung. Abraham, der zwischen 470 und 480 hochbetagt starb und an der Stätte seiner Wirksamkeit sein Grab fand, stand auch bei dem Herzog Victorius von Avern, dem Vasallen des westgotischen Königs Enrich, in Gunsten, und der damalige Bischof der Stadt, Sidonius Apollinaris, geruhte dem frommen Mann die Grabschrift zu dichten. Nicht viel jünger als die Juramönche und Abraham war ein anderer Lupizin[098-b], vielleicht zu Lubié im Bourbonischen. Er lebte in einer Ruine von Wasser und Brot und gab Bescheid durch ein Fensterchen, dem ein linnenes Vorhängchen zur Scheibe diente. Das Brot brachte man ihm alle drei Tage, das Wasser ließ man ihm durch einen kleinen Kanal zufließen. Seine täglichen Psalmen sang er stets mit einem zentnerschweren Felsblock aus dem Rücken und stützte sein Kinn auf das Ende des Stockes, wo er Dornenspitzen angebracht hatte. Da er lungenleidend und schon bei Jahren war, hustete er beständig Blutklumpen an die Mauer aus, deren Reste später als Amulette dienten. Ein Menschenalter später erregte ein eingeborener Mönch namens Portian[099-a] in einem Kloster bei Clermont Aufsehen. Hörigen Standes war es ihm erst nach mehreren vergeblichen Versuchen gelungen, in den Verband der Mönche aufgenommen zu werden. Doch gelangte er unter diesen zu solchem Ansehen, daß er später Abt wurde. Es gerieten ihm einige Thaten, worunter namentlich eine vor Sigiwalt, dem Minister König Theodorichs, geglückte Wundervorstellung die Freigebung von Gefangenen zur Folge hatte. Auch stand Portian mit Protasius, einem Mönch im Kloster Combroude in telepathischem Rapport. Im Sommer, wenn sein Gaumen vor Hitze vollständig ausgedörrt war, hatte er überdies die komische Gewohnheit, Salz zu kauen, um damit sein Zahnfleisch anzufeuchten, während er ja dadurch seinen Durst ins Unerträgliche steigerte. Zur selben Zeit und ebenfalls in Clermont lebte der daselbst ebenfalls eingeborene Abt Martius[099-b]. Er legte Zellen in Berghöhlen an und schnitt die Bank und das Bett im Steine aus, über die dann nur die Kutte gelegt wurde. Er war so gutmütig, daß er einst einem Dieb, der im Klostergärtchen Obst und Gemüse stahl, sich aber nicht mehr zurechtfand, durch den Schaffner den Ausweg zeigen und das weggeworfene unrechte Gut freundlich nachtragen ließ.
Im Bezirk von Bourges machte der Klausner Patroklus von sich reden. Er entstammte einer nicht adeligen, aber doch freien Familie. Mit zehn Jahren mußte er die Schafe hüten, während sein Bruder Anton studieren durfte, und als sie nun eines Tages am väterlichen Tische zusammensaßen, sagte Anton verächtlich: »Setze dich nicht so nah zu mir, du Bauer. Du bist ein Schafhirt, ich dagegen ein Gelehrter und somit ein Herr.« Das schnitt dem guten Patroklus so tief ins Herz, daß er dem Hirtenstand Valet sagte und noch in die ABCschule ging, der er seinem Alter nach doch bereits entwachsen war. Dank seines Fleißes und bei seinem guten Gedächtnis hatte er seinen hochmütigen Bruder bald überholt und erhielt seine weitere Ausbildung bei Nunnio, einem Vertrauensmann König Childeberts von Paris. In die Heimat zurückgekehrt sollte er dem Willen seiner unterdessen verwitweten Mutter zufolge durchaus heiraten. Er entzog sich dieser Gefahr jedoch durch die Priesterweihe, die er sich von Arcadius Bischof von Bourges erteilen ließ. In seiner Stellung als Diakon verlor er sich so sehr in seinen privaten Bußübungen, daß er darüber die Hausordnung des Kapitels vernachlässigte und sich deswegen eine scharfe Rüge des Archidiakonen zuzog. Dadurch in seinem Hang zur Einsamkeit bestärkt, verließ er Bourges, errichtete im Dorf Neris eine Kapelle, für die er sich Martinsreliquien verschaffte, und eröffnete eine Kleinkinderschule. Daneben genügte er den Pflichten seines Heiligenstandes durch die übliche Behandlung der Siechen und Besessenen. Doch betrachtete er das nur als provisorische Station. Den Entschluß eines endgiltigen Aufenthaltes stellte er einem Orakel von beschriebenen Zetteln anheim, die er auf dem Altar niederlegte und nach drei durchgebeteten Nächten auf Geratewohl aufgriff. Seine Einrichtungen in Neris übergab er dann einer Gesellschaft gottesfürchtiger Jungfrauen zum Anwurf für ein Nonnenkloster, wanderte nur mit Karst und Hacke bepackt, ins Waldgebirge und baute sich eine Zelle in Moichant. Dort that er unter dem Landvolk Gutes, besonders an einer Frau Leubella während der Ruhr. Darnach errichtete er fünf Meilen von seiner Zelle entfernt ein Mannskloster und unterstellte es einem Abte, um selber nach wie vor sein beschauliches Leben führen zu können; nachdem er ihm achtzehn Jahre obgelegen hatte, starb er im Alter von achtzig Jahren. Der Oberpfarrer von Neris wollte den Leichnam mit Gewalt für den ehemaligen Wohnsitz des Heiligen in Anspruch nehmen, mußte ihn aber dessen Stiftung, dem Kloster Colombiers lassen, wo von den am Grabe Geheilten eine Namensliste geführt wurde. Der Abt Urs[100-a] von Cahors gründete mehrere Klöster, zunächst drei in der Berri, nämlich zu Toiselay, Heugne und Pontigni, und überließ sie tüchtigen Vorgesetzten. Er errichtete ferner zu Sennevières in der Touraine eine Kapelle und ein Bethaus, die er indes wieder einem Unterabt, dem Leubas übergab, um selber die Leitung des Klosters Loches am Indre zu übernehmen. Einer seiner Grundsätze war, daß der Mönch nicht nur beten, sondern auch im Schweiße seines Angesichts sein eigenes Brot essen solle. Als praktische Natur ersetzte er die mühsamen Handmühlen durch eine Wassermühle, die er am Indre einrichtete; ein kleiner Mühlenbach mit steinernen Schleusen versehen, brachte das Wasser auf das große Mühlenrad und versetzte es in geschwinden Umlauf. Ein Gote namens Sichlar, Günstling König Alarichs _II_ wollte über diese Erfindung die Hand schlagen; aber da die ganze wirtschaftliche Zukunft seines Klösterverbandes auf diesem Vorrecht stand, wehrte sich Urs verzweifelt und schließlich mit Erfolg gegen diesen Eingriff in seine Rechte.
Ein sanfter Heiliger ist Friard von Nantes[100-b]. Er war ein frommer Bauer gewesen. Das Leben war ihm ein idyllischer Dienst Gottes in der Natur; wenn er in ein Wespennest griff oder hoch von einem Baume herunterfiel, sagte er rasch: »Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat«; so kam er jedesmal mit heiler Haut davon. Er siedelte sich dann auf der Insel Besné an, erst begleitet von einem Abt Sabaudus, einem ehemaligen Minister König Chlothars; dieser kehrte bald in sein Kloster zurück und wurde später aus unbekannten Gründen ermordet. Doch behielt Friard einen getreuen Zellennachbar in dem Diakon Sekundellus, hatte aber auch mit diesem Freunde seine liebe Not; denn aus Ehrgeiz, seinerseits ein Heiliger zu werden, unternahm Sekundellus, ohne Friard etwas zu sagen, eine Wundertour auf dem Festlande und hatte in der That mit seinen Krankenheilungen allen nur gewünschten Erfolg; aber da er selbst fühlte, daß es nicht im rechten Geiste geschehen war, vertraute er sich Friard an, der ihm dann als guter Seelsorger über schwere teuflische Anfechtungen hinweghalf. Friards eigene Wunderkraft bewies sich mit Vorliebe in der Behandlung dürrer Bäume, die unter seiner Gärtnerkunst wieder ausschlugen. Auf dem Todbette schickte er zu Bischof Felix von Nantes und sagte ihm genau seine Sterbestunde an, damit sich dieser spute und ihn vorher noch einmal besuche; der aber ließ ihm sagen, es sei ihm eines Prozesses wegen unmöglich, schon so rasch hinüber zu kommen; ob es denn mit dem Sterben so pressiere. Aus Rücksicht auf den Freund schob daher Friard seinen Heimgang noch auf, und als Felix ziemlich viel später endlich erschien, rief ihm Friard in seinen Fiebern entgegen: »Du hast mich aber lange warten lassen, heiliger Bischof«. In Chartres lebte eine heilige Frau Monegunde[101-a], die nach dem Tode ihrer beiden Töchter ihrem Mann aufsagte und Nonne wurde, erst im eigenen Hause, bis ihr das Dienstmädchen der nun eingeführten mageren Kost wegen davonlief und die Nachbarinnen sich über sie Bemerkungen erlaubten; dann ging sie nach Tours ans Martinsgrab. Schon unterwegs heilte sie in Soissons am Medardusfest ein junges Mädchen und desgleichen wirkte sie in Tours, wo sie sich in einem Kämmerchen eingemietet hatte. Da sie von sich reden machte, kam ihr Mann herbeigereist und holte sie heim. Aber ihr Tagewerk blieb beten und fasten. Sie kehrte bald nach Tours zurück, bezog ihre frühere Wohnung und sammelte mit der Zeit einige Nonnen, nicht unter allzustrenger Regel, da unter anderm erlaubt war, an Sonntagen Wein ins Wasser zu mischen. Sie blieb bescheiden. Ein Gesuch um Heilung beschied sie dahin: »Warum denn ich? Warum nicht Sankt Martin, wenn man an Ort und Stelle ist?«
Von heiligen Zeitgenossen schildert Gregor ebenfalls einige des näheren. Im Kloster Meallet in der Auvergne übertrieb Caluppan[101-b] die Askese so sehr, daß er zur Tagesarbeit zu geschwächt war und infolge dessen die Unzufriedenheit seines Vorgesetzten erregte, der ihm vorhielt: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«. Als sich Caluppan so schlecht verstanden sah, siedelte er sich als Eremit an einem fünfhundert Fuß hohen, einzelstehenden Felsen ein, in einer Höhlung, die nur durch eine Leiter zugänglich war. In dem Bethäuschen, das er dort errichtete, ringelten sich ihm oft Schlangen um den Hals, und wenn er später nur unter Thränen dieser Anfechtungen gedachte, so geschah es nicht aus Eckel vor dem Reptil, sondern weil ja seit Paradieseszeiten Schlangengestalt die irdische Erscheinungsform des Teufels war. Caluppan las und betete den ganzen Tag, selbst während seiner bescheidenen Mahlzeit. Ab und an einmal, aber eben doch nur höchst selten, angelte er im Bergbache und dann immer mit Glück. Seinen Brotbedarf lieferte ihm das Kloster; private Wein- und Brotspenden stellte er der Armenpflege anheim. Auch war ihm ein Bursche zu seiner Verfügung beigegeben, und als er eines Tages noch eine längst erbetete Quelle aufstach, fehlte ihm nichts mehr, zumal er nebenan sich ein Sammelbassin in den Fels höhlte, das zwei Maß Wasser aufnahm und ihn daher nie mehr in Verlegenheit geraten ließ. Bischof Avitus ging in Begleitung Gregors zu ihm hinauf und verlieh ihm die Diakonen- und Priesterweihe. Sonst ließ sich Caluppan vor Besuchen nicht sehen, sondern verkehrte mit ihnen nur durch ein Seitenfensterchen seiner Zelle, durch das hinaus er segnete und bekreuzte. Er starb fünfzig Jahre alt. Ein anderer Waldbruder der Auvergne, Emilian, hatte Eltern und Eigentum dahinten gelassen, zu Pionsat eine Lichtung geschlagen und darin ein Aeckerchen und einen Blumengarten angebaut. Er aß die Gemüse in unangemachtem Zustand. Außer den Tieren und Vögeln war er in der Wildnis das einzige lebende Wesen, bis ihm die Fügung einen Genossen zuführte. Sigivald, der große Herr von Clermont, schickte einen seiner Knappen, der den deutschen Namen Bärchen trug, mit allen Hunden in den Wald. Bald stob die Meute hinter einem mächtigen Eber her; doch verlief sich das Tier in den eingehegten Pflanzplatz bei Emilians Zelle. Die Hunde wagten nicht nachzudringen, indessen das Wildschwein sich ruhig vor der Schwelle der Hütte an die Sonne legte. Als Bärchen nachkam und erriet, daß etwas wunderbares im Spiel sein müsse, als zugleich Emilian zu ihm trat, ihn umarmte, ihn neben sich auf eine Bank zog und bei aller Achtung vor dem schmucken Knappenrocke ihm von dem größeren Herrn zu reden anfing, dessen Joch sanft und dessen Last leicht sei, als überdies die Bestie, zum Lamme geworden, sich während des Gespräches unbehelligt von dannen machte, da hatte sich im Innern des Jünglings bereits die Wandlung vollzogen. Obwohl er seinen Dienst nicht verlassen konnte, paßte er, so sehr es nur immer anging, sein Laienleben geistlichen Grundsätzen an. Er unterbrach seine Nachtruhe dreimal, kniete vor sein Bett und betete. Singen war alles was er konnte; von den Buchstaben verstand er nichts. Doch legte er sich ein Heft zu, in das er die Inschriften über Heiligenbildern nachmalte, und wenn nun sein Herr geistlichen Besuch hatte, machte sich Bärchen verstohlen an jüngere Priester, ob sie nicht so gut wären, ihn über die Bedeutung der einzelnen Schriftzeichen aufzuklären. So eignete er sich Schrift und Lektüre des Alphabets an, ohne jedoch sich noch auf ganze Wörter und ganze Sätze zu verstehen. Nach Sigivalds Tode hauste er sich bei Emilian ein und lernte in den zwei oder drei Jahren, die er bei diesem zubrachte, den ganzen Psalter auswendig. Von Seiten seiner Familie drohte ihm Lebensgefahr; sein Bruder wollte ihn töten, wenn er nicht heirate. Dafür verbanden sich mit der Zeit immer mehr Mönche dem alten und dem jungen Eremiten. Als Emilian neunzig Jahre alt gestorben war und Bärchen die Leitung übernahm, entfaltete er ein außergewöhnliches Geschick in der Gründung von Klöstern. Von Sigivalds Tochter Ranichilde ließ er sich den Hof von Vensat anweisen, vermachte diesen ausgedehnten Grundbesitz seinen Mönchen, begab sich nach Tours, wo er Kapellen und zwei Klöster gründete, verbrachte dann fünf Jahre in seinem Heimatkloster, kehrte dann wieder nach Tours zurück, um in seinen dortigen Klöstern Aebte anzustellen, und bezog schließlich endgültig wieder die alte Waldhütte des seligen Emilian. Von dort aus reformierte er das Kloster Menat, dessen Regel durch die Nachlässigkeit des Abtes in Verfall geraten war. Als seine Grabstätte bezeichnete er zum voraus einen lauschigen Waldwinkel am Bache, wo er immer eine Kapelle hatte bauen wollen und Kalk sowie Fundament längst bereit lagen. Der Abt sorgte für die Vollendung und ließ Bärchens irdische Reste, die im Gewölbe seiner Zelle vorläufig untergebracht worden waren, zwei Jahre später in allen Ehren nach dieser ihrer bleibenden Ruhestätte überführen. Im Gebiete von Tours lebte damals auch Senoch, gebürtig aus Tiffauges bei Poitiers; in den Mauerstücken einer alten Ruine erstellte er bequem Wohnungen und restaurierte eine alte Kapelle, in der Sankt Martin einst gebetet haben soll. Sie wurde von Eufronius von Tours geweiht, Senoch selbst zum Diakonen an ihr eingesegnet. Leider bildete sich dieser zweifellos heilige Mann zuviel auf sich selber ein, benahm sich geistlichen Mitbrüdern gegenüber hochfahrend und trat besonders bei einem Besuch in der Heimat vor seinen Eltern anmaßend auf, sodaß sich Gregor von Tours genötigt sah, ihm tüchtig ins Gewissen zu reden. Reuig geworden setzte Senoch insofern aufs neue einen Kopf auf, als er sich nun überhaupt einschließen und zeitlebens kein Menschengesicht mehr sehen wollte. Das wäre sehr zu bedauern gewesen, weil er mit seiner Heilthätigkeit ohne Zweifel viel Gutes that. Gregor brachte ihn dann dazu, daß er sich nur während der Weihnachts- und Osterfasten der Welt verschloß, im übrigen Teil des Jahres jedoch nach wie vor seine Audienzen erteilte. Er starb schon mit vierzig Jahren an einem dreitägigen Fieber. Gregor, der herbeieilte, fand ihn bewußtlos; eine Stunde später war Senoch tot. Auf den Boden von Tours war auch aus der Auvergne ein Heiliger bleibend übergesiedelt, Leobard oder Lighard[104-a]. Sein Vater hatte ihn durch Berufung auf den nach der Bibel den Eltern schuldigen Gehorsam zur Ehe zwingen wollen, und so hatte denn der scheue Jüngling der Braut wider willen den Ring gereicht, den Kuß gegeben, den Schuh angezogen und was dieser Verlobungsbräuche mehr sind. Vater und Mutter starben, und als er eines Tages seinem Bruder Geschenke zu dessen bevorstehender Hochzeit überbringen wollte, fand er ihn vollständig betrunken. Da trieb es ihn von dannen; er übernachtete in einem Heuschober, und dort reifte in ihm der Entschluß, der Welt Valet zu sagen. Er bestellte sein Haus, ritt nach Tours, kräftigte sich daselbst in der Martinsbasilika, fuhr dann über die Loire und ergriff Besitz von einer Einzelzelle bei Marmoutiers, die durch den Wegzug des früheren Inhabers eben frei geworden war. Lighard erweiterte sie, indem er mit dem Pickel die Felswand tiefer aushieb. Dort lebte er nach Eremitenart, verlegte sich aber überdies auf die Herstellung von Pergament und beschrieb es dann. Er rief sich auch die Psalmen wieder ins Gedächtnis zurück, die er, seit er sie in der Kinderschule gelernt, wieder so gut wie vergessen hatte. Eines Tages verfiel er auf den übeln Gedanken, die Zelle zu wechseln; mit schwerem Herzen machte ihm Gregor klar, wie sehr dies mit den Väterleben und den Mönchsregeln in Widerspruch stehe. Im übrigen gefiel sich Lighard nicht, wie sonst manche seines Standes, in unechten Allüren, etwa überlangem Bart und Haar; vielmehr hatte er seine bestimmten Zeitpunkte, wo er sich scheren ließ. Er lebte zweiundzwanzig Jahre so, nicht ohne Wunder zu thun; sein Speichel heilte Eiterbeulen. Mit übermäßigem Fasten und, da er stets seine Zelle größer hauen wollte, mit harter Steinmetzenarbeit, hatte er sich zu viel zugemutet; eines Tages brach er zusammen und ließ rasch den Bischof rufen, der ihn mit dem letzten Segen versah. Aber sterben wollte er ohne Zuschauer; als er zwei Monate später, eines Sonntags im Dezember oder Januar 592, einen neuen Anfall erlitt, sagte er zu seinem Diener: »Geh und bereite mir Essen, ich fühle mich schwach«. »Es steht bereit, Herr!« war die Antwort. »Dann geh und sieh ob der Gottesdienst zu Ende ist und die Leute aus der Messe kommen.« Als jener wieder kam, lag sein Herr steif da und hatte die Augen für immer geschlossen.
Entfallen Gregors Lieblingsheilige schon der Mehrzahl nach auf das Mönchtum, so bilden die von ihm geschilderten Bischöfe keineswegs einen Gegensatz dazu; vielmehr sind sie in Gregors Augen überhaupt darum heilig, weil sie, wiewohl Kirchenfürsten, an der mönchischen Armut teilnahmen und damit das unheilige Element, das in dem Begriff des Weltklerus steckt, nach bestem Thun und Gewissen auszugleichen suchten. Zunächst schildert er den heiligen Illidius oder Saint Allyre[105-a], den Stadtheiligen seiner Heimat. Er weiß von dem Vorleben und der Erhebung des Illidius auf den Stuhl von Clermont weiter nichts zu sagen, als daß diese durch Volkswahl erfolgt sei. Aus dem Lebensgang fing er nur die Heilung der Kaiserstochter in Trier auf und schweigt sogar darüber, ob Illidius mit Martin von Tours in Beziehungen gestanden habe. Es hatte sich eben mit dem besten Willen nichts mehr ermitteln lassen: alle Thaten, die Illidius vor jenem Höhepunkt seines Lebens verrichtet habe, seien der Vergessenheit anheimgefallen. Um daher den berühmten Mann vor dem Vorwurf, daß ihm nur ein einziges Wunder gelungen sei, sicherzustellen, und andrerseits zu gewissenhaft, um nicht genügend begründete Behauptungen vorzutragen, unternimmt Gregor eine Art Sekundärbeweis, indem er von den Grabes- und Reliquienwundern des Illidius mehrere auf eigener Beobachtung fußende Angaben macht. Glücklicher ist er gegenüber den andern von ihm geschilderten Bischöfen; da konnte seine Forschung überall an lebendiges Andenken anknüpfen. Es handelt sich um fünf merovingische Prälaten aus der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts und der östlichen Reichshälfte, übrigens Männer, auf die Gregor in seiner Frankengeschichte wieder zurückkommt. Im Jahre 515 war der bischöfliche Stuhl von Clermont Ferrand durch den Tod des Eufrasius vakant geworden. Nun hielt sich damals in Arvern Quintianus[105-b] auf, ein gebürtiger Afrikaner, der zur Zeit des Gotenkrieges das Bistum Rhodez innegehabt, dann aber als angeblicher fränkischer Spion hatte flüchten müssen. Eufrasius nahm ihn in Arvern nicht nur gastfreundlich auf, sondern behandelte ihn ebenbürtig und schenkte ihm Häuser, Aecker und Weinberge. »Das Vermögen unserer Kirche«, sprach er, »ist groß genug, uns beide zu erhalten.« Auch der Bischof von Lyon gab ihm etliches von der Besitzung, die seine Kirche zu Arvern hatte. Ihn wählte nun auch die Gemeinde nach dem Ableben ihres Oberhirten zum Bischof; doch mußte er es sich gefallen lassen, daß der Kandidat der römischen Aristokratie Apollinaris den Stuhl bestieg und ein Vierteljahr lang inne hatte. Dann schaffte König Theodorich energisch Ordnung und sorgte dafür, daß Quintian alles Kirchengut erhielt: »denn aus Liebe zu uns«, sagte er, »ist er aus seiner Stadt verbannt«. Aber aufs neue wurde Quintian in Not und Bedrängnis versetzt. Die alten römischen Familien, an der Spitze die Apollinaris, hatten gegen die Franken zu den Goten gehalten und nun gegen Theodorich zu Childebert. Auch richtige Anhänger der Regierung, wie Bischof Quintian, hatten aufs schwerste zu leiden, namentlich unter den Ränken und Unterschlagungen des Procul, eines Fiskalbeamten, der sich zum Priester hatte weihen lassen. Dieser Procul, einer der gefährlichsten Frankenfeinde, entzog Quintian die ganze Verwaltung des Kirchenvermögens und ließ ihm kaum den nötigen Lebensbedarf. Der Bischof aber pflegte, in Anspielung an das Pauluswort von Alexander dem Schmied, zu bemerken: »Procul der Zöllner hat mir viel Böses gethan, der Herr vergelte es ihm nach seinen Werken«. Was der Herr später dann auch gethan hat: Procul wurde bei Eroberung der Festung Vallore durch die Franken am Altar der Kirche auf jämmerliche Weise ermordet. Infolge einer Verschwörung des städtischen Adels mußte König Theuderich Arvern belagern. Da zog Bischof Quintian in der Stadt nachts unter Psalmengesang mit allem Volk der Mauer entlang und betete so laut, daß man es draußen hören konnte. Der König wollte eben stürmen lassen und hätte den Bischof in die Verbannung geschickt. Doch wurde er milder gesinnt und auch die Fürsprache des Herzogs Hilping bewog ihn, den Stadtbann bis zum achten Meilenstein als Freizone zu erklären, innerhalb der niemand ein Leides geschehen dürfe. In der Stadt galt der Bischof nach wie vor als das Haupt der Königspartei und war daher beständigen Angriffen von seiten der alten Römergeschlechter ausgesetzt. Hortensius, einer der Grafen, hatte Honoratus, einen Verwandten des Bischofs, ins Gefängnis geworfen. Als der Bischof daselbst nicht einmal vorgelassen wurde, ließ er sich, zum Gehen schon zu alt, vor den Palast des Grafen tragen und schüttelte den Staub von seinen Füßen mit den Worten: »Verflucht sei dieses Haus, auf immerdar verflucht seine Bewohner«. Alles Volk sagte: »Amen«. Da rief der Bischof aufs neue: »Ich verlange, Herr Gott, daß keiner dieses Geschlechtes jemals zur bischöflichen Würde gelange, weil es seinem Bischof nicht gehorcht hat.« Dieser feierliche Fluch verhallte nicht kraftlos. Nach drei Tagen kam der Graf und bat um einen Ausgleich, zu dem Quintian gerne bereit war. Daneben war dieser Kirchenfürst als Schriftgelehrter, Armenfreund und Wunderthäter gleich ausgezeichnet. Obwohl er noch die ruhigere Zeit für seine Stadt anbrechen sah, überlebte er doch die peinlichen Zwischenfälle, zu denen auch ein in der Frankengeschichte[106-b] erzählter demütigender Fußfall vor dem Beamten Litigius zu rechnen ist, nicht lange. Auch jetzt ging die Neigung der Bürgerschaft auf einen in der Stadt sich vorübergehend aufhaltenden Fremden, den Neffen des Priesters Impetratus, in dessen Hause er abzusteigen pflegte. Er hieß Gallus[106-a] und lebte früher bei Clermont im Kloster Cournon als Mönch. Von Hause aus gehörte er dem höchsten gallischen Adel an, Sohn des Senators Georgius von Lyon und durch die Mutter Leucadia sogar Sprößling eines der Lyoner Märtyrer aus Mark Aurels Tagen. Als ihn aber der Vater mit einer Senatorstochter verheiraten wollte, floh er in Begleitung eines Dieners eben nach Cournon und bat den Abt um die Tonsur. Er fiel allgemein durch seine schöne Stimme auf und um ihretwillen nahm ihn Quintian mit nach Clermont, wo er bald nicht nur bei allem Volk, sondern auch bei König und Königin in Gunst kam. Theuderich wählte ihn in jenen Ausschuß von jungen Arverner Geistlichen, die zur Assistenz für den Kirchendienst nach Trier abgeordnet wurden, behielt ihn dann jedoch immer bei sich, so daß Gallus im Gefolge des Königs bis nach Köln kam. Beim Ableben Quintians befand er sich wieder in Arvern. Um dieselbe Zeit starb auch Aprunculus von Trier; seine Gemeinde hatte ebenfalls ein Auge auf Gallus. Der Stichentscheid lag beim Könige. Als nun die Arverner Abordnung kam, um die üblichen Simoniegebühren zu entrichten, fanden sie den Sinn des Königs schon von sich aus ihnen geneigt, so daß schließlich das Zusammentreffen über die für König und Stadt gemeinsame Freude an der Wahl zu einem Festgelage auf Staatskosten führte. Gallus selbst pflegte auf gelegentliche Anspielungen zu erwidern, er habe sich sein Bistum nicht mehr kosten lassen als eben das Trinkgeld für den Koch beim Festessen. Der König ließ ihn durch zwei Bischöfe in Arvern einführen. Indessen hatte die Kirche von Trier nach dem abschlägigen Bescheid für Gallus einen ebenbürtigen Ersatz in Nicetius[107-a] gefunden, offenbar auf den Vorschlag des Königs, der den freimütigen und unerschrockenen Charakter dieses Geistlichen, auch wenn er sich gegen die Willkür des Fürsten oder seiner Hofleute richtete, aufrichtig schätzte. Das Volk bestätigte den königlichen Vorschlag. Eines Tages, als Nicetius auf dem bischöflichen Stuhle saß und der Schriftverlesung zuhörte, spürte er einen starken Druck in seinem Nacken, er drehte den Kopf nach rechts und links und als es um ihn her süß roch, er aber niemanden sah, da wurde er inne, daß es die bischöfliche Amtslast war, die ihn gedrückt hatte! Nach Theuderichs Tode bekam auch der junge Theudebert den unabhängigen Sinn des Bischofs zu fühlen. Eines Sonntags besuchte der König den Gottesdienst, ohne darauf zu achten, daß in seinem Gefolge Exkommunizierte waren. Als die Bibellektion nach dem alten Kanon vorgenommen und auch die Oblation der Hostie vollzogen war, sagte der Bischof vom Altar aus: »Die Kommunion kann nicht erfolgen, ehe die Gebannten die Kirche verlassen haben.« Als sich der König dem widersetzte, bekam in der Volksmenge ein junger Höriger einen Anfall und fing nun vor allen Leuten an, Sünden des Königs, von denen im Lande herum verlautete, öffentlich zu rügen. Der König verlangte die Entfernung des Verrückten, der Bischof bestand jedoch darauf, erst müßten die andern hinaus. Da gab der König nach und die Messe konnte ohne weitere Störung ihren Fortgang nehmen. Diese ungewöhnliche Festigkeit hat Nicetius nie verlassen: »Es kostete mich nichts, für die Gerechtigkeit zu sterben«, pflegte er zu sagen. Er belegte mehr als einmal den König Chlothar mit dem Bann. Als er dafür ins Exil wandern sollte, alle Bischöfe sich dem Könige beugten und die Seinen ihn im Stich ließen, sagte er zu dem einzigen Getreuen, er werde morgen wieder im Besitze seiner Macht sein; in der That kam tags darauf ein Bote Sigiberts mit der Todesnachricht Chlothars und dem Ansuchen um die Freundschaft des Bischofs. Nicetius predigte alle Tage, fastete viel und besuchte aus großem Andachtsbedürfnis tagsüber die verschiedenen Kirchen Triers, die Kapuze übers Haupt gezogen, um nicht gekannt zu sein, und nur von einem Diakon begleitet. Nicht zu verwechseln mit diesem Nicetius, der 566 starb, ist indessen sein gleichzeitiger Namensvetter von Lyon. Als Bischof Sacerdos von Lyon in Paris krank wurde, war König Childebert voller Rücksicht gegen ihn, kam zu ihm ans Bett und gewährte dem Sterbenden die letzte Bitte: die Wahl seines Neffen zum Nachfolger. Der Priester Basilius mußte unverzüglich nach Lyon reisen und bei dem königlichen Grafen Armentarius die nötigen Schritte thun. So wurde Nicetius[108-a], der Sohn des Florentius und der Artemia, Bischof seiner Vaterstadt. Er war in seiner Jugend kränklich gewesen und erst mit dreißig Jahren Priester geworden. Auch dann arbeitete er nach wie vor als Handwerker. Seine Regierung als Bischof dauerte zweiundzwanzig Jahre. War Gregor diesem Heiligen verwandt und von jung auf um ihn gewesen und hatte namentlich die aufgeregten Tage der Bischofswahl des Nicetius als dessen Diakon und Tischnachbar zur Linken miterlebt und sich damals die Serviette des Heiligen als Amulet zu Handen genommen, war überdies schon Gallus von Clermont sein Onkel, so konnte er auch seinen eigenen Urgroßvater mit nicht weniger Recht unter den Heiligen nennen. Bischof Gregor von Langres[108-b] hat sich weiter nicht hervorgethan, war aber sein Lebenlang ein so tadelloser Ehrenmann gewesen, daß noch sein Andenken genügte, um Chlothar sofort zu Gunsten eines Mitglieds dieser Familie umzustimmen[108-c]. Vierzig Jahre, 466–506, in der Stellung eines Grafen von Autun, hatte er unbeugsam das Recht verwaltet und mit seiner Frau Armenatria eine musterhafte Ehe geführt. Ihr Tod veranlaßte ihn zum Uebertritt in den geistlichen Stand: er ließ sich zum Bischof von Langres wählen. Doch war Langres nur die Titelresidenz, Bischofsstadt war tatsächlich Dijon. Dort verbrachte Gregor die Nächte heimlich mit Psalmensingen in der an seine Wohnung angrenzenden Taufkapelle. Sein inbrünstiges Gebet hat seine Großtochter, eben Gregors Mutter, da sie, noch Mädchen, von den Aerzten aufgegeben war, vom Tode errettet. Da er auf dem Wege nach Langres unterwegs starb, aber in Dijon begraben zu sein wünschte, wurde der Leichnam dahin übergeführt.
»Die Väterleben« Gregors oder wie er die Schrift zu heißen vorzog, »das Leben der Väter«[109-a] ist unsere wesentliche Quelle für die Kenntnis des merowingischen Mönchtums und auch seiner Einflüsse auf den Klerus vor der irischen Reform. Sie reicht zu seiner Geschichte nicht aus, ist aber die lebendige Illustration zu Hilfsmitteln theoretischer Natur, also den in Gallien befolgten Regeln vor Columban und Benedikt, etwa der des Makarius.
3.
Da Gregor ein einheitlicher sich gleichbleibender Schriftsteller ist und als Geschichtsschreiber den ursprünglichen Mirakelverfasser nicht verleugnet, so erübrigt noch, um ein rundes Bild zu erhalten, uns den Einfluß seiner hagiographischen Weltbetrachtung auf seine Auffassung der zeitgenössischen Geschichte zu vergegenwärtigen, nicht ohne gelegentliche Andeutung der Einseitigkeiten und Verzeichnungen in seiner Darstellung der leitenden Personen dieser Geschichte.
Chlodowech, mit fünfzehn Jahren König, war erst nur der kleine fränkische Gaukönig von Tournai an der Schelde. Aber 486 ergriff er Besitz vom letzten gallischen Römerland, erweiterte sein Gebiet bis an die Loire und verlegte seine Residenz westwärts, erst nach Soissons, später nach Paris. 491 besiegte er die Thoringer, 496 ein erstesmal die Alamannen, 507 die Westgoten und brachte im übrigen durch die schändlichsten Mittel die vielen kleinen Gaufürstentümer ebenfalls an sich, so daß er mit Ausnahme der von Burgund und den Westgoten noch besetzten Südostecke Gallien sein nannte. Nun zweifelte weder Gregor noch irgend sonst wer, diese Macht sei Chlodowech zugefallen, weil er sich auf den Namen des dreieinigen Gottes der katholischen Christenheit habe taufen lassen; schon Erzbischof Avitus von Vienne hatte dem Frankenkönig damals geschrieben[109-b]: »Bis jetzt war es das Glück, künftig aber wird es der aus der Taufwelle dir angespülte Wunderzauber sein, was dich zum Siege führt«. Dieser Gesichtspunkt einer sozusagen magischen Begnadung von Gott gab für Chlodowechs Beurteilung den Ausschlag und lähmte die sittliche Entrüstung, der seine vielen Scheußlichkeiten bei einem braven Mann wie Gregor sonst doch vielleicht begegnet wären. Da dieser aber nie zum bewußten Schmeichler wird, sondern ehrlich die Wahrheit sagt, wo er sie weiß, entsteht ein merkwürdiges Nebeneinander von Eingeständnis und Verblendung. Unter dem grellen Licht, mit dem der Scheinwerfer des Panegyrikers die Gestalt Chlodowechs unnatürlich übergießt, ist doch das natürliche Licht der Begebenheit nicht ganz ausgetilgt. Zu Chlodowechs Verwandtenmorden sagt Gregor allerdings unglaublich erbaulich[109-c]: »Täglich streckte Gott seine Feinde unter seiner Hand zu Boden und mehrte ihm das Reich, weil er rechten Herzens vor Ihm wandelte und that was seinen Augen wohlgefiel«. Als dagegen Chlodowech, der Mörder aller seiner Vettern, auf dem Todbette cynisch genug war zu klagen, ach daß er nun wie ein Fremdling unter Fremden stehe und ihm keiner der Seinigen mehr Hilfe gewähren könne, da beugt Gregors Ehrlichkeit jeder Beschönigung vor mit der Bemerkung[110-a]: »Das sagte er aber ja nicht in einem Anflug von Reue, sondern aus Hinterlist, ob sich vielleicht noch einer fände, den er töten könne«. In der Beurteilung von Chlodowechs Gattin hatte Gregor gewiß nicht Unrecht, wenn er die weltgeschichtliche Bekehrung des Königs in erster Linie durch sie vorbereitet werden läßt. An Chrotechildens aufrichtigem und frommem Wesen ist nicht zu zweifeln. Aber er läßt sich dann zu dem Märlein des Volksglaubens hinreißen, wonach König Gundobad ein wutschnaubender Tyrann gewesen wäre und seine Schwägerin hätte ertränken lassen[110-b], so daß dann später Chrotechilde ihre Söhne zum zweiten Zug der Franken nach Burgund aufstiftete, um ihre Mutter zu rächen[110-c]. Vielmehr ist König Chilperichs Witwe Caretene im Jahre 506 in einem Kloster bei Lyon wenig über fünfzig Jahre alt eines natürlichen Todes verstorben[110-1]. Ihr verdankte Chrotechilde ihre katholische Erziehung und die Energie, am heidnischen Hofe ihren Kindern ein Gleiches zu sichern. Für Mutter und Tochter ist Chlodowechs Taufe jedenfalls die Erhörung jahrelanger heißer Gebete gewesen. Durch seinen gläubigen Anschluß an die Volkssage hat sich Gregor um ein Moment in der Bekehrungsgeschichte Chlodowechs gebracht, um den katholischen Rückhalt in der Familie der Frau. Davon abgesehen hat er den Einfluß der Königin wohl richtig dargestellt: sie ließ Remigius kommen und gewiß hat auch sie allen andern katholischen Einwirkungen den Zugang erleichtert[110-2].
Unter Chlodowechs Nachfolgern ist sein Enkel Theudebert, der Sohn des unehelichen, aber deshalb in den Erstgeburtsrechten in nichts geschmälerten Theuderich, der bedeutendste Fürst der ganzen merowingischen Dynastie[110-3]. Der Vater Theuderich charakterisiert sich in seiner Stellung zur Kirche genügend mit jener einen Handlung, daß er zwar die unbefugten Einbrecher ins Kloster von Saint-Ivoine bei Clermont zum Tode verurteilte, aber bei dieser Gelegenheit das Kloster gewissermaßen säkularisierte[110-d]. Sein Sohn dagegen stand der Kirche vornehm und groß gegenüber. Ein Politiker im universalen Stile, deutete er mit seinen Bestrebungen bereits die Stellung Deutschlands im Mittelalter an, der erste deutsche Machthaber, der nicht bloß darauf ausging, ein Reich zu gründen oder ein schon gegründetes zu erweitern, sondern der geradezu die Weltmacht von römischen in germanische Hände zu übertragen, sich selbst an Stelle des Kaisers zu setzen gedachte. Und da der Grundgedanke seiner Politik darin bestand, sich daheim auf die Kirche zu stützen, so tritt uns bereits bei diesem Theudebert die Idee eines aus dem Bund mit der Kirche beruhenden Reiches deutscher Nation entgegen. Von solchen gewaltigen hochfliegenden Plänen dieses Königs hat nun der gute Gregor begreiflicher Weise nichts gespürt; daß der König der Kirche besondere, liebevolle Aufmerksamkeit widmete, bemerkte er wohl mit Freuden, aber warum das geschah, davon ahnte er nichts, so daß sein Urteil in eigentümlicher Weise zwar des Verständnisses ermangelt, aber dabei doch ziemlich richtig ist: »Theudebert«, sagt er[111-a], »zeigte sich als großen und durch alle Tugenden ausgezeichneten Fürsten«. Hiebei ist wiederum, wie bei Chlodowech, der Privatcharakter des Königs panegyrisch entstellt; denn auch Theudebert war sinnlich, machtgierig und treulos. Aber er strebte hohen Zielen zu, und nach Edelmut sucht man bei ihm nicht vergebens. Noch bei Lebzeiten seines Vaters Theuderich erhielt er von diesem Befehl, den Sohn des eben ermordeten Sigivald umzubringen. Aber Theudebert wollte den Givalt nicht töten, da er ihn aus der Taufe gehoben hatte. Er zeigte ihm also den Brief mit dem Todesbefehl und forderte den Geächteten auf, außer Landes zu gehen, bis er selbst die Regierung angetreten und er sorglos zurückkehren könne. Theudeberts Stellung zur Kirche resumiert Gregor also: »Er regierte sein Reich mit Gerechtigkeit, ehrte die Priester, beschenkte die Kirchen, unterstützte die Armen und erwies vielen Leuten viele Wohlthaten voll frommer und milder Gesinnung. Alle Abgaben, die die Kirchen der Auvergne seinem Staatsschatz zu leisten hatten, erließ er ihnen in Gnaden.« Des Näheren erzählt Gregor[111-b], Bischof Desideratus von Verdun habe sich an den jungen König gewandt mit der Bitte um Unterstützung der wirtschaftlich vollständig hilflosen Bürger seiner Stadt; aus eigener Kasse konnte Desideratus nicht helfen, da ihm Theodorich sein Privatvermögen geraubt hatte. Es handelte sich um ein Anleihen mit gesetzlichen Zinsen. Die siebentausend Goldgulden, die der König gewährte und der Bischof unter die Bürger verteilte, verhalfen Verdun zu einem derartigen Aufschwung seines Geschäftslebens, daß der Wohlstand dieser Stadt fünfzig Jahre später sprichwörtlich war. Als aber der Bischof das Darlehen zurückerstatten wollte, verzichtete Theudebert auf sein Guthaben zu Gunsten der Armen.
Von Chlodowechs drei Söhnen aus seiner Ehe kam Chlodomer schon 524 in der Schlacht bei Vezeronce ums Leben[111-c]. Vor diesem zweiten Zug gen Burgund ließ er den gefangenen Sigismund samt Frau und Kindern zu Coulmiers bei Orléans im Dorfbrunnen ertränken. Gregor bringt diese beiden Ereignisse in die Beziehung von Strafe und Schuld und weiß überdies, der heilige Abt Avitus von Micy habe vor der Unthat Chlodomer, falls er den Wehrlosen schone, den Sieg und, falls er ihn töte, den Untergang prophezeit gehabt, aber dieser habe ihn verlacht und gesagt: »Eine Dummheit wäre es, Feinde daheim zu lassen, wenn ich gegen andere zu Felde ziehe«. Seine drei noch unmündigen Knaben Theovald, Gunthar und Chlodovald kamen zu Großmutter Chrotechilde nach Tours, und als diese sie einst mit nach Paris nahm, bemächtigten sich ihre Onkel ihrer und ermordeten die beiden älteren mit eigener Hand, weil die Mutter mit so großer Zärtlichkeit an den Söhnen ihres Erstgeborenen hing. Des jüngsten konnten sie nicht habhaft werden. Er war durch den Beistand mächtiger Männer ihnen entzogen worden. Später, herangewachsen, schnitt er sich mit eigener Hand die Locken ab und wurde Mönch. Das Kloster, das er zu Nogent bei Paris gegründet haben soll, hieß später nach ihm: Saint Cloud. König Childebert von Paris, der in seiner Eifersucht die Blutthat angezettelt hatte, sie aber im Augenblicke selbst davor zurückschauernd zu hindern suchte, scheint von seinen Brüdern noch am ehesten edler Regungen fähig gewesen zu sein. An ihn hat sich denn auch das kirchliche Andenken am meisten angeschlossen. Namentlich die Bischofssitze der Bretagne und die Klöster in der Gegend von Le Mans haben einige hundert Jahre später ihre Gründung und Förderung auf seine Gunst zurückgeführt. Da soll Vigor von Bajeux den eine Meile vor der Stadt gelegenen Druidenberg Phönus, wo er das Steinbild einer Göttin zertrümmert hatte, zum Bau einer Kirche geschenkt erhalten haben, desgleichen Markulf von Nantes die Insel Agna und Paul von Léon die Insel Bas[112-a], indessen Samson von Dol die Rechte des Territorialherrn gegen die Usurpationsgelüste Childeberts verfochten und mit seinem Schüler Maglorius die Mission auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey ausgedehnt habe. Ja sogar um das noch entferntere Bistum Vaison soll sich Childebert durch die Bestätigung des Quinidius persönlich bekümmert haben[112-b]. Mehr Glauben, weil es sich dabei nicht um Grundbesitz handelt[112-c], verdient wohl die Nachricht von Childeberts Verkehr mit Leobin von Chartres, den er öfters zu sich lud und 547 bei einem Brand in Paris, als das Feuer die über die Seinebrücke hinhängenden Häuser ergriff, mit der Leitung der Löscharbeiten betraute[112-d]. Höchst verdächtig sind jedoch die angeblichen Beziehungen, die Childebert zu den Einsiedlerkolonien in der Maine unterhalten haben soll, ohne daß damit die Geschichtlichkeit der betreffenden Eremiten wie des Deodatus, Eusicius, Baomirus, Rigomer und Saint Calais angezweifelt werden soll[113-a]. Unter diesen Namen findet sich bei Gregor nur von zweien eine Spur. Es wäre nämlich möglich, daß jener achtzigjährige Greis Deodat, der ihm aus persönlicher Erfahrung den Stoff zum Leben des anderen Lupizin lieferte[113-b], der spätere Heilige gewesen wäre. Sicher dagegen weiß Gregor um Eusicius[113-c]. Diesen suchte Childebert vor dem Zuge nach Spanien auf und bot ihm fünfzig Goldstücke. »Wozu?« fragte der Heilige, »ich brauche sie nicht und befasse mich auch nicht mit Armenpflege; mein Geschäft ist, Gott um Vergebung für meine Sünden zu bitten. Aber geh nur, du wirst den Sieg erlangen und alles wird dir zu Willen sein.« Da gab der König das Gold den Armen und gelobte im Falle des Sieges über den Gebeinen des Eusicius einst eine Kirche zu stiften. Diesem Gelübde verdankte der spätere Ort Eusiciuszelle seine Entstehung. Aus dem siegreichen Feldzug gegen die Gothen hatte der König außer andern Kostbarkeiten allein an Kirchengerätschaften mitgebracht sechzig Kelche, fünfzehn Schüsseln und zwanzig Evangelienschreine, alles aus lauterem Gold, mit edeln Steinen besetzt. Er ließ diese Sachen nicht zerschlagen und zu Geld machen, sondern verschenkte alles an die Kirchen und Gotteshäuser der Heiligen[113-d].
Nicht so glimpflich kam die Kirche bei König Chlothar weg. Er besaß noch mehr als seine Brüder die ungeschwächte Rasse des Merowingerblutes. Ein ganzes Drittel aller Kircheneinkünfte erhob er als Staatssteuer. Als aber der Bischof Injuriosus von Tours den Mut besaß, sich zu weigern und Chlothar ins Gesicht sagte, als König, der die Armen nähren sollte, sich vom Elend zu bereichern, sei schändlich, da wurde Chlothar angst, weil es der Bischof von Tours war und hinter ihm Sankt Martin stand; er milderte seine Verfügung und schickte Boten und Geschenke. Als aber das Jahr darauf Injuriosus starb, baute der König vor und sorgte für die Wahl eines gefügigeren Inhabers des Stuhles von Tours in der Person seines Haushofmeisters Bauduin[113-e]. Als er nach Childeberts Tode wieder das ganze und vermehrte Frankenreich in seiner Hand vereinigt hatte und unter den entsetzlichsten Frevelthaten alt geworden war, begab er sich im einundfünfzigsten Jahre seiner Herrschaft mit vielen Geschenken zu der Schwelle des heiligen Martin nach Tours. Hier ging er noch einmal alle die Handlungen, in denen er etwa möchte gesündigt haben, durch und flehte unter vielem Seufzen, der heilige Bekenner möge ihm Verzeihung vom Herrn erwirken und was er unbesonnen gefehlt habe, durch seine Vertretung wieder gut machen. Noch im selben Jahre 561 wurde er auf der Jagd im Forst von Cuise vom Fieber befallen und sofort nach Compiegne gebracht. In seinen Fiebern sagte er immer wieder: »Weh! Wie groß muß der himmlische König sein, daß er so mächtige Könige so elend umkommen läßt.« Seine vier Söhne brachten den toten Vater unter vielen Ehren nach Soissons und beerdigten ihn in der Kirche des heiligen Medard, die er selbst noch zu bauen begonnen hatte und die dann sein Sohn Sigibert prächtig vollendete[114-a]. Für das Christentum hatte Chlothar nur Verständnis gehabt, sofern es sich als Macht äußerte im Sinne dessen, was er, der rücksichtslose Gewalthaber unter Macht verstand: wenn der heilige Martin donnern oder brennen oder sterben ließ oder wenn ein Kirchenfürst wie Germanus von Paris ihm an soldatischem Mut und an Unerschrockenheit überlegen dünkte. Chlothars Söhne stellten sich zur Kirche verschieden; doch hatte sich, ihnen allen gemeinsam, gegenüber den Zeiten ihres Großvaters Chlodowech das Niveau für die Beziehungen eines fränkischen Königs zu den Heiligen gänzlich verändert. Die anfangs noch sehr knapp bemessenen Herrscherrechte Chlodowechs gegenüber seinen Franken nahmen sich angesichts der militärischen Hierarchie der gallischen Kirche kärglich aus. Das war nun anders geworden. Die monarchische Gewalt der Frankenkönige wuchs in Bälde mit der raschen Ausdehnung des Reiches. Die kirchliche Gegenbewegung war der allmähliche Zerfall der Metropolitangewalt und damit die Lockerung der festen Organisation, in der die Macht des katholischen Christentums bis jetzt beschlossen lag. Doch glich ein anderes Kräftepaar dieses Uebergewicht des Königtums fast ganz aus: die Könige hatten durch das Beispiel beständiger großartiger Stiftungen dem Episkopat und den Klöstern zu Reichtum, und da es sich um ausgedehnten Grundbesitz handelte, zu Macht verholfen, wenigstens mittelbar gewiß auf Kosten der eigenen Einkünfte und Interessen. Die unruhigen Verhältnisse, die sich aus den Reibungen dieser Kräfte ergaben, wurden jedoch insofern nicht staatsgefährlich, als die kirchlichen Zwecke nicht außerhalb des Reiches lagen. Die fränkische Kirche war Landeskirche; sie war so aufrichtig patriotisch und königlich, als die Krone gut kirchlich und katholisch war[114-1]. Doch bildet dieses nur die grundsätzliche Unterlage: beim einzelnen Herrscher schlug die Eigenart durch, und da Gregor hier Zeitgenossen beschrieb, so ist jedes der vier Charakterbilder, wenn auch einseitig und sogar ungerecht, so doch scharf und ausdrucksvoll geraten.
Charibert von Paris regierte nur sechs Jahre und war ganz der Vater. »König Charibert«, so faßt Gregor sein Urteil über ihn zusammen[114-b], »haßte die Geistlichen, kümmerte sich nicht um die Kirchen, behandelte die Priester schlecht und folgte seinem Hang zu üppigem Leben.« Seinen gehäuften Freveln gegenüber rührte sich die Kirche nicht. Beförderungsintrigen der Bischöfe nahmen sie ganz in Anspruch. Leontius von Bordeaux verstieß auf einer Versammlung der Provinzialbischöfe den Emerius von Saintes aus seinem Bistum, weil dieser nicht auf kirchlichem Wege zu seiner Würde gelangt sei. Dieser hatte sich nämlich von König Chlothar einen Erlaß ausgewirkt, er solle, obwohl die Zustimmung seines damals abwesenden Metropoliten fehlte, doch geweiht werden. Nun sandten die von Saintes eine Abordnung an den König, an deren Spitze Heraklius, ein Priester von Bordeaux, eben der Kandidat für den gewaltsam erledigten Bischofsstuhl, stand. Er stellte sich dem König vor und sprach: »Sei gegrüßt, ruhmreicher König, der apostolische Stuhl sendet deiner Hoheit reichsten Segen.« Da sagte der König: »Bist du denn nach Rom gegangen, daß du mir einen Gruß vom Papste bringst?« Der Priester setzte ihm unter Windungen auseinander, er komme im Auftrage des Erzbischofs von Bordeaux und dessen Provinzialmitbischöfen, um die Zustimmung des Königs für die Kassation einer unkanonischen Bischofswahl einzuholen. Als jedoch Charibert den Königswillen seines Vaters mißachtet sah, brach der urgermanische Sippenstolz in ihm auf. Er knirschte mit den Zähnen und hieß den Bittsteller hinausschaffen, auf einen mit Dornen gefüllten Lastwagen werfen und in die Verbannung stoßen. »Meinst du«, rief er aus, »von den Söhnen Chlothars sei keiner mehr übrig, der die Thaten des Vaters aufrecht hält, da diese Kerle einen Bischof, den sein Wille eingesetzt hat, ohne unsere Erlaubnis vertrieben haben.« Er ließ den Emerius durch eine Delegation von Priestern wieder einsetzen und büßte den Leontius von Bordeaux um tausend Goldgulden, die kleineren Bischöfe entsprechend ihrem Vermögen. Als er nach dem Tode einer seiner Frauen sich herausnahm, ihre Schwester zu heiraten, die Kirchengesetze dagegen die Ehe mit der Schwester der früheren Gattin untersagen, wurde Charibert endlich, und nach mancherlei ungesühntem Ehebruch schwerster Art aus diesem geringfügigen Grunde, von Bischof Germanus in den Bann gethan. Bischof Eufronius von Tours hatte den Besuch, den er bei Hofe schuldete, immerfort aufgeschoben; auf die Vorstellungen seiner Leute hin, ein weiterer Aufschub könne unangenehme Folgen haben, ließ er den Reisewagen in Stand stellen und die Pferde anschirren, plötzlich jedoch zog er diesen Befehl zurück, weil der König nicht mehr am Leben sei. Eufronius scheint fernfühlig gewesen zu sein und auf telepathischem Wege den Hinschied Chariberts erfahren zu haben; später eintreffende Boten aus Paris nannten die Todesstunde: es stimmte[115-a].
Der andere der vier Brüder, der früh starb, Sigibert, ist nicht nur der beste von ihnen, sondern unter den Merowingern überhaupt eine rühmliche Ausnahme gewesen. Er war, um es bürgerlich zu sagen, ein anständiger Mensch. Die zügellose Weiberwirtschaft der andern mißfiel ihm. Statt auch eine Magd zu heiraten, freite er die westgotische Prinzessin Brunichilde, die seinetwegen katholisch wurde[116-a]. Aber nicht nur die eheliche Treue hat Sigibert gehalten, auch von der Simonie bewahrte er sich und sein Land, so lang er lebte. Die Versuchung dazu trat an ihn heran besonders bei der Besetzung des Stuhles von Clermont. Der Kandidat der städtischen Adelspartei kaufte von den Juden viele Kostbarkeiten und schickte sie durch seinen Verwandten Beregisil dem König, um so durch Bestechung zu gewinnen, was er Verdienste halber nicht zu erwarten hatte. Der König hielt jedoch zu dem Archidiakon Avitus, der ohne Versprechungen gemacht zu haben, siegreich aus der Wahl hervorgegangen war. Auch ein hohes Geldgeschenk des Grafen von Clermont, der damit Aufschub der Entscheidung erwirken wollte, schlug Sigibert aus; ja er umgab den rechtmäßigen Inhaber des Bistums nun auch mit seinem persönlichen Wohlwollen und hielt ihn so hoch in Ehren, daß er sich nun seinerseits über die Kirchenordnung hinwegsetzte und den Avitus in seiner Gegenwart zu weihen befahl. »Ich möchte«, sagte er, »aus seiner Hand das geweihte Brot empfangen«. Ihm zu liebe geschah es, daß Avitus in Metz eingesegnet wurde und nicht kanonischermaßen in seiner Provinz durch den Metropoliten[116-b]. Auch sonst kehrte sich Sigibert nicht an die Forderungen der Kirche, falls sie seinen politischen Willen im Wege standen. Er handelte nach dem Grundsatz, kein Teil seines Reiches könne einem fremden Bischof angehören und erhob so die Stadt Chateaudun zu einem eigenen Bistum, weil Chartres, zu dem sie gehörte, jenseits seiner Grenzen lag[116-c]. Die Sache der Heiligen besaß an ihm einen ihrer besten Schirmherrn, weil er Recht und Treue übte, aber da gerade dieser sein edler Sinn ihn mit Vorsicht von der landläufigen Frömmigkeit erfüllt haben mag, hat er sich aus den Geistlichen, sofern er nicht von Amtswegen mit Bischöfen zu thun hatte, nichts gemacht.
Chilperich war das gerade Gegenteil. Tugend ließ er Tugend sein und versuchte sich dafür höchst selber in Theologie. Wie keiner seiner Brüder zum Herrscher begabt, fiel er leider als Privatmann schlecht aus. Was ihn so abscheulich erscheinen läßt, ist das ekle Gemisch von tierischer Rohheit mit angelegentlichen christlichen Interessen. Von irgend welchen Grundsätzen ist bei ihm keine Spur zu entdecken, wie es überhaupt außerordentlich schwer hält, aus ihm klug zu werden. Auch war er an sich vielleicht zunächst gar nicht so verdorben gewesen und wurde es erst unter dem Einfluß seiner verworfenen, aber überaus schlauen Gattin Fredegunde, die durch ihr Unmaß im Laster dem Gatten förmlich zur Folie diente. Der sonst so milde und vorsichtige Gregor überschüttet ihn mit Haß und Verachtung[117-a]: »Der Nero und Herodes unserer Zeit hauchte seine schwarze Seele aus.« Zweifelsohne war Chilperich eine ausgesprochene Regentennatur mit ungewöhnlichem politischem Scharfblick und nicht geringerer Energie und Kraft im Interesse der Einheit und Ordnung des von ihm beherrschten Landes[117-1]. Freilich nichts weniger als ein Feldherr; alle seine persönlichen Versuche in dieser Richtung mißrieten. Als Diplomat dagegen besaß er eine erstaunliche Gewandtheit, Allianzen, die gegen ihn geschlossen waren, ohne Schwertstreich zu trennen, den eben noch drohenden Feind sich zu verbünden. Auch die Interessen des Staates gegenüber den Ansprüchen der Kirche wahrte er vielleicht unbefangener als irgend ein Merowinger. Die Gefahr, die in dem Anwachsen des Besitzes der toten Hand liegt, hat er klar erkannt: »Siehe, unser Schatz ist arm geblieben, unsere Reichtümer sind auf die Kirchen übergegangen, fast nur die Bischöfe regieren; unser Ansehen ist dahin und auf die Bischöfe der Städte übertragen«. Er kassierte Testamente, die zu Gunsten der Kirche errichtet waren, schritt streng ein, wenn sich die Geistlichkeit gesetzmäßigen Pflichten zu entziehen suchte und trieb von allen Kirchenleuten Bannbuße ein, die ihrer Heerpflicht nicht genügen wollten. Gelegentlich ermöglichte er auch einer Nonne das Heiraten[117-b]. Aber wenn ein wirklich überlegener Geist sich stets vor dem Mißbrauch seiner Uebermacht hüten wird, kennt Chilperich in seiner Willkür gegen die Kirche keine Grenzen. Standesmäßige Vorrechte der Geistlichkeit waren unter allen Umständen Luft für ihn. Ohne sich im Geringsten um Gemeindewahl in irgend einer Form noch zu kümmern, ernannte er fast alle Bischöfe und zwar mit wenigen Ausnahmen Laien, die erst nach der Ernennung sich die Priesterweihe geben ließen, sodaß nur ganz wenige Bistümer sich noch in den Händen von Theologen befanden. Synoden durften nur zusammentreten, wenn er es wollte und dann wurden nicht kirchliche, sondern seine eigenen Angelegenheiten verhandelt. So hat sich Chilperich mit der Befreiung von der Kirche nicht begnügt, sondern ist zu ihrer Unterdrückung fortgeschritten. Seine ungewöhnliche Intelligenz erlaubte ihm, sich auch zum geistigen Teile der kirchlichen Angelegenheiten unabhängig zu verhalten. Aber hier erscheint er nicht als kühler Freidenker, der gelassen über den Dingen steht, sondern als anmaßender Dillettant, der immer alles besser weiß. Seine rationalistischen Zweifel an der Dreieinigkeit Gottes entsprangen nicht eigenem Nachdenken, sondern wurden ihm durch einen spanischen Proselytenmacher eingeflößt; er wurde denn auch von Bischöfen, wie Gregor von Tours oder Salvius von Albi als Theologe überhaupt nicht ernst genommen, sondern als er sie zur Diskussion zwang, mit väterlicher Strenge ermahnt, die Hände von diesen Dingen zu lassen; weit entfernt, die Zunfttheologen auch nur im mindesten in Verlegenheit zu setzen, waren die Vernunftgründe noch weniger im Stande, den König selbst vor abergläubischen Vorstellungen zu emancipieren: er knirschte mit den Zähnen, weil Hilarius und Eusebius von Vercelli ihm in diesem Punkte zuwider seien und er sich also bescheiden müsse, um nicht die Rache der Heiligen im Himmel herauszufordern. Nicht vornehmer ist sein Verhalten im persönlichen Verkehr mit den Bischöfen: wenn er sie zur Tafel hatte, war sein Hauptspaß, beständig über seine Prälaten zu witzeln und einen um den andern an seinen Schwächen herzunehmen. Dennoch hielt er gelegentlich einen Kniefall vor denselben nicht unter seiner Würde, wenn das eben seinen Zwecken dienlich schien. Ueberhaupt war bei ihm von Geringschätzung der Religion an sich nicht die Rede, weil er sich in Person für ihren unübertrefflichen Träger hielt. Selbst geistliche Lieder und Meßgesänge hat er verfaßt; sie waren schlechterdings nicht zu gebrauchen. Er schrieb auch zwei Bücher in Versen nach dem Muster des Sedulius. Da er aber von der Quantität der Silben keine Ahnung hatte, hinkten seine Verse und paßten nicht ins Metrum. Er erfand neue Buchstaben, nämlich Θ für langes O, φ für den Umlaut Ae, Ζ für »The« und Δ für »Vi«; nicht nur sollte in allen Schulen des Reiches so unterrichtet, sondern auch die alten Handschriften mit Bimsstein radiert und darnach umgeschrieben werden; doch habe er mit diesem orthographischen Experiment so wenig Glück gehabt, wie Kaiser Klaudius, der seiner Zeit dem Alphabeth ebenfalls drei neue Buchstaben hinzugefügt hatte[118-a]. Auch Chilperichs Eifer zur Belehrung der Juden, mit dem er teils einzelne persönlich zu überreden suchte, teils gewaltsame Massentaufen veranstaltete und dabei nach Kräften höchstselber zu Gevatter stand[118-b], erklärt sich doch wohl am ehesten aus dem konfusen Eigendünkel des Königs. Wer an den bösen Blick glaubt und auch sonst den krassen Aberglauben der Zeit in keinem Stücke ernsthaft überwunden hat, darf bei aller scheinbaren Aehnlichkeit mit einem Aufklärer nicht ein Vorläufer moderner Humanität heißen. Chilperich stellt das Stammestemperament der Merowinger in besonders intensiver Ausprägung dar: ungezähmte Sinne, Bildungstrieb im Stadium kindlicher Neugier und eine glückliche Hand in allen Unternehmungen realpolitischer Natur.
Von Chlothars Söhnen überlebte Gunthram die andern um Jahrzehnte. War Charibert gegenüber der Kirche naiv brutal, Sigibert unabhängig vornehm, Chilperich nichtswürdig schlau vorgegangen, so war Gunthram aufrichtig und herzlich fromm, wenn auch ein wenig im einfältigen Sinne des Wortes. Er hat mit seiner kirchlichen Devotion ernstgemacht und seine Handlungsweise im allgemeinen danach eingerichtet. Immerhin lebte auch er, wenigstens in jüngeren Jahren durchaus mit mannigfaltigen Zugeständnissen an die niederen Sitten der Zeit. Der gute König Gunthram, erzählt Gregor in aller Unbefangenheit[119-a], nahm zuerst Veranda, die Magd eines seiner Leute, als Beischläferin in sein Bett auf. Nachher heiratete er Meroketrude, eine französische Herzogstochter. Als sie seinem unehelichen Sohne nachstellte und deshalb vertrieben wurde, erhob er Austrichilde zum Weibe und als nach dem Tode Chariberts Theudechilde, eine seiner Gemahlinnen, sich ihm aus freien Stücken anbot, nahm er dieser fast alle ihre Schätze ab und schickte sie als Nonne ins Kloster. Seine Schwäger ließ er köpfen und zog ihre Güter für den Kronschatz ein. Der Tod seiner beiden Söhne war dann der schwere Schlag. Seitdem ging er in sich, und wenn er auch schwach genug war, seinem trotzigen Weibe den auf dem Todbett von ihr geforderten Eid zu halten und ihre Aerzte hinzurichten, so zeigt sich sein gutes Wesen an seiner rührenden Fürsorge für seine Neffen. Den steigenden Anmaßungen des Adels hielt er wacker stand, wenn es auch nicht ohne Demütigungen für ihn ablief. Er war auch charakterfest genug, sich von Fredegunde, für die er eine Schwäche hatte, sich nicht ganz umgarnen zu lassen[119-b]. Mit den Bischöfen stand er in herzlichem Verkehr. Am Martinsfest in Orleans sagte er an der Tafel zu ihnen: »Ich möchte morgen in meinem Hause euern Segen empfangen und bitte euch darum. Euer Eintritt wird mir Heil bringen; nichts übles wird mir fortan geschehen, wenn über mich in meiner Niedrigkeit die Worte eures Segens geflossen sind«. Am andern Morgen, als der König die Stätten der Heiligen besuchte, um dort zu beten, kam er auch zur Avituskirche, wo die fremden Bischöfe einquartiert waren. Gregor von Tours ging ihm entgegen und bat ihn, daß er auf seinem Zimmer das gesegnete Brot des heiligen Martin brechen möchte. Der König trat gnädig ein, trank einen Becher, lud die Bischöfe wieder zur Tafel ein und ging fröhlich weiter. An diesem zweiten Festmahle, das der König den Teilnehmern des Reichskonzils gab, befahl er Gregor von Tours, er solle seinen Diakonen, der tags zuvor bei der Messe das Responsorium vortrug, nun wieder singen lassen und als dies geschehen war, wünschte er, jeder anwesende Bischof möge sich nun hören lassen unter dem Beistand der Geistlichen seiner Kirche, wenn es beliebe. So trat einer um den andern vor und sang so gut es ging vor dem Könige sein Responsorium als Tafelunterhaltung. Im weiteren Verlaufe der Mahlzeit wies der König auf eine schwere silberne Schüssel und sagte, er habe nur diese und eine andere aus dem Schatze des Mummolus behalten; fünfzehn habe er zerschlagen lassen und auch der Rest solle alles verteilt werden, um die Not der Armen und der Kirchen zu lindern. Zum Schluß benützte Gregor die gute Laune des Königs, um einige Edelleute, die wegen ihrer Parteigängerschaft mit dem Usurpatur Gundvald seine höchste Ungnade erregt hatten, wieder in Gunst zu setzen. Wohl besaß auch Gunthram ein gut Stück merovingischen Jähzorns; aber klug beigebracht, führten geistliche Eigenschaften bei ihm immer zum Ziele. Als der König gegenüber zwei Grafen unversöhnlich schien, nahte ihm Gregor mit den Worten: »Siehe, ich bin von meinem Herrn als Bote zu dir gesandt und was soll ich dem, der mich gesandt hat, antworten, wenn du mir keine Antwort erteilen willst«. Da stutzte Gunthram: »Und wer ist denn dieser dein Herr?« Gregor lächelte: »Der heilige Martin hat mich gesandt.« Darauf befahl der König, die Männer ihm vorzustellen. Als sie vor ihn traten, warf er ihnen zwar ihre Treulosigkeit und ihren Eidbruch vor, nannte sie wiederholt schlaue Füchse, nahm sie jedoch wieder in Gnaden an und gab ihnen die Güter, die ihnen entzogen waren, zurück. Aehnlich erweichte er sich gegenüber einem Bischof, dem er zürnte, für den aber dessen Mitbrüder Fürsprache einlegten. Auch sonst hat Gunthram im Bann eines Heiligtums seinen Zorn besänftigt und Gnade für Recht walten lassen; ja sogar einen Attentäter, der ihn in der Marcelluskirche zu Châlons hatte erstechen wollen, ließ er nicht hinrichten; denn er hielt es für unrecht, einen zu töten, den man mit Gewalt aus einer Kirche geschafft habe[120-a]. Nur den Juden gegenüber empfand Gunthram eine unüberwindliche Abneigung; als sie sich in Orleans an der allgemeinen Huldigung ostentativ beteiligt hatten, äußerte er bei Tisch: »Weh über dies Volk der Juden; es ist schlecht und treulos und immerdar arglistigen Herzens. Darum sang es mir heute Loblieder voll Schmeicheleien, damit ich die von den Christen zerstörte Synagoge auf Staatskosten wieder bauen ließe. Aber der Herr will dies nicht, und nimmer werd ich es thun.« Alter und schwere Familienkatastrophen hatten Gunthrams gutmütige Natur so zu verinnerlichen gewußt, daß ihm mit dem Christentum persönlich ernst war und er sein Leben darnach einrichtete. Er gab Almosen in Fülle und hielt an im Gebet und im Wachen. Während der Pestzeit überdachte er gleich einem guten Bischof die Mittel, durch die dem Leiden des sündigen Volkes zu steuern sei: er richtete Bettage ein und verbot, etwas anderes als Brot und Wasser zu sich zu nehmen. Er selbst ging mit seinem Beispiel im Wachen und Beten allen voran. Was Wunder, daß er dem einfachsten Volk für heilig galt. In gläubigen Kreisen erzählte man sich, ein Weib, deren Sohn vom Viertagsfieber geplagt werde und schwer darnieder lag, habe sich im Volksgedränge dem König von hinten genähert und heimlich einige Fransen von seinem Königsmantel abgerissen, sie in heißem Wasser abgebrüht, ihrem Sohne eingegeben und mit dieser Medizin sofortige Heilung erzielt. Auch die bösen Geister, die sich Gunthram unterwarfen und seinen Namen anriefen, konnten vor seinem Gericht nicht stand halten und bekannten ihre Frevelthaten.
Von dem andern, dem wirklich heiligen Mitgliede der Königsfamilie in jener Zeit, von der heiligen Radegunde in Poitiers, gibt Gregor kein rundes Lebensbild. Wozu Fortunat am Zeuge flicken? Dagegen teilt er wichtige Urkunden Radegundens zum Bau des Heiligenkreuzklosters mit[121-a] und schildert schlicht und ergreifend seinen Besuch an ihrem Todbette[121-b]: »Mir war schwer ums Herz; ich hätte weinen müssen, hätte ich nicht gewußt, daß Radegundens heilige Kraft uns bleiben werde«.
Seine ganze Frankengeschichte aber hat Gregor verfaßt, um zu zeigen, daß man nur durch die Fürbitte der Heiligen gerettet werden könne.