Chapter 12 of 20 · 11730 words · ~59 min read

Drittes Kapitel.

Severinus von Noricum, Fulgentius von Ruspe, Cäsarius von Arles.

Immerfort unter dem Einfluß unseres Hauptgedankens, daß das unmittelbare persönliche Andenken an den Heiligen den echten lebenspendenden Kern aller Heiligenschreibung bildet, greifen wir nun noch drei Lebensbilder aus der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts auf, an denen das deutlich zu Tage tritt. Zwar waren auch jene oberflächlicheren Lobredner unzweifelhaft noch authentische Berichterstatter. Aber überwältigend und unmittelbar zur Aufzeichnung drängte das Andenken immer erst dann, wenn nicht geistlicher Amtstrieb oder sonst eine Veranlassung zweiter Hand, sondern das unwiderstehliche, eigene Bedürfnis zur Niederschrift führten. Die drei namhaften Heiligenleben, bei denen das der Fall war, fallen in die Jahre 511, 530 und 548. Das erste ist unüberarbeiteter Originalentwurf eines einzigen Verfassers, das zweite anonym und das dritte, in zwei Teile zerfallend, das Werk mehrerer Hände und Herzen.

1.

Mehr als ein Jahrhundert nach Severus, im Jahre 511, schrieb der Abt Eugipius in Lucullanum bei Neapel das Leben Sankt Severins von Norikum. Der Heilige, der 482 gestorben ist, ist Martin ebenbürtig.

Attila war tot[047-a]. Seine Söhne befehdeten sich im Donaugebiet. Da trat der Gottesmann Severinus auf. Er kam aus dem Morgenland und war katholischen Glaubens. Später wenn ihn seine vornehmen Besuche nach seiner Heimat fragten, wich er aus[047-b]. Nur an seiner Aussprache ließ sich der Afrikaner lateinischer Abkunft erraten. Gelegentlich deutete er an, er habe sich in eine Wüste des Morgenlandes zurückgezogen und schon sehr viel durchgemacht. Nun wolle er in den Städten von Ufernorikum an der Grenze von Oberpannonien dem Einbruch der Barbaren entgegenwirken. Er zog von einer Stadt zur andern und weissagte den nahen Untergang, wenn man nicht bete und faste[047-c]. Astura blieb halsstarrig und wurde zerstört. Nur in Commagena hörte man auf ihn. Da vermochten die Barbaren nichts gegen die Römerstadt[047-d]. Es erfolgte ein Erdbeben. Die germanische Garnison und Thorwache floh. In Favianä sollte er der Hungersnot steuern. Er forderte einer reichen geizigen Dame ihr aufgespeichertes Getreide ab[047-e]. Zu gleicher Zeit kamen nun die Kornschiffe aus Rätien wieder die Donau hinunter, nachdem der starke Eisgang des Inn ihre Fahrt aufgehalten hatte[047-f]. Mit Erfolg ermunterte Severin den Tribunen Mamertinus trotz der schwachen Besatzungen gegen gefährliche Räuberzüge auszufallen. Nun richtete sich der Heilige in einer schlichten Zelle zwischen den Rebbergen ein, wechselte gelegentlich seine Siedelei, ging aber auch im Winter barfuß, und das in einem Klima, wo Lastwagen über die gefrorene Donau fahren konnten. Der Rugierkönig Flacciteus beriet sich in seiner Bedrängnis vor den Gothen mit Severinus[047-g]. Dieser bedauerte, daß er mit einem Arianer sich nicht über das künftige Leben unterhalten könne. Was aber das Erdbeben betreffe, so habe der König gegenüber den Gothen das und das zu thun. Seine Weisungen wurden befolgt und erwiesen sich überall glücklich[047-h]. Eine Witwe rugischen Stammes kam mit ihrem Sohn vor das Kloster gefahren: er habe seit zwölf Jahren die Gicht, der Heilige solle ihn gesund machen. Der Kranke genas. Auch aus anderen Volksstämmen erhielt Severin Besuche. Ja einmal erschien der junge Odoaker bei ihm, damals als er noch nichts war[047-i]. Aber mit seinem Haupt hatte der Riese an das Dach der Zelle gestoßen. Beim Abschied sagte der Heilige bedeutungsvoll zu dem künftigen König: »Ja, geh nur nach Italien, geh nur!«[048-a] Später kam auch Flacciteus’ Sohn, König Feleteus oder Feva, öfters. Sein Weib Giso fügte den Katholischen Leid zu, wo sie konnte. Severins Einsprache erhöhte noch ihre Wut. Erst als es ihrem Kind ans Leben ging, erschrack sie und gab nach. Einmal ließ Severinus auf dem Markte nach einem Unbekannten suchen, den er im Geist geschaut hatte; ohne ihn sonst je gesehen zu haben, beschrieb er ihn so genau, daß der Bote den Mann auf den ersten Blick erkannte[048-b]. Dieser trug die Reliquien der heiligen Märtyrer Gervasius und Protasius und suchte schon lange die kostbare Last, die ihm auch auf die Seele drückte, an einem ihrer würdigen Orte zu bergen. Glückselig ließ er sich zu Severinus führen und dieser beauftragte Priester, die Bürde feierlich in der Basilika seines Klosters beizusetzen, wo sie die Gesellschaft anderer Reliquien vorfand. Ein ihm angetragenes Bistum lehnte Severinus ab und verwandte sein ganzes Organisationstalent darauf, das Leben seiner Mönche einzurichten. Der Pförtner des Klosters ging an einem Tage, da ihn der Heilige ausdrücklich vor dem Ausgehen gewarnt hatte, mit einem Bauern zwei Meilen weit Obst zu pflücken und wurde richtig von den Briganten weggefangen. Severin las eben zu Hause; plötzlich schlug er das Buch zu und rief: »Wo ist Maurus?« Er ließ sich selber über die Donau setzen und befreite den Vermißten durch sein persönliches Eintreten aus den Händen der Skamaren[048-d]. Nachgerade wetteiferten die oberen Städte von Ufernoricum, welche von ihnen den Heiligen beherbergen dürfe, weil sie sich dann gefeit glaubten. So sicher hatte er bis jetzt immer geweissagt[048-e]. In Kuchel benutzte Severin diese Popularität, um dem Heidentum den Garaus zu machen. Er predigte mehrmals eindringlich dem Volk ins Gewissen, ließ es durch die Priester zu einem dreitägigen Fasten auffordern, hieß dann aus jedem Hause Wachskerzen mitbringen, die jeder eigenhändig an der Kirchenmauer aufzustecken hatte. Auf dem Höhepunkt des Gottesdienstes entzündeten sich auf sein Gebet hin von selbst fast alle Lichter. Nur die der anwesenden Heiden hatten nicht Feuer gefangen: O du mächtige Güte des Schöpfers, der Kerzen und Herzen in Flammen setzt! Eine Heuschreckenplage wurde durch Severin abgewendet; nur ein einziger Mann verlor seine Ernte, weil er statt in der Kirche mit den Andern zu bitten, aufs Feld gegangen war und den ganzen Tag sich bemüht, das Ungeziefer zu verjagen[048-f]. In Salzburg wollte im Sommer bei einem Abendgottesdienst der Feuerstein nicht Funken schlagen. Severin betete so inbrünstig, daß sich alsobald die Kerze, die er in der Hand hielt, von selbst entzündete(048–g). Ein sterbendes Weib konnte auf die Fürbitte des Heiligen schon drei Tage später wieder Feldarbeit verrichten[049-a]. Häufige Ueberschwemmungen gefährdeten die Kirche von Guintana im zweiten Rhätien. Es war keine steinerne Basilika, sondern ein Rohbau aus Holz; er lag außerhalb der Stadt. Da der Bretterboden immer aufs neue weggespült wurde, unterließ man schließlich ihn zu ersetzen. Der heilige Severin sorgte indes dafür, daß das Zimmerwerk nun dauerte. Er nahm ein Beil, stieg in das Schiff hinunter, betete, schlug an die Pfosten und aichte unter Segenssprüchen den Boden mit dem Zeichen des Kreuzes. Nie hat der Fluß den Boden wieder weggeschwemmt[049-b]. Ein alter Priester namens Silvinus war gestorben[049-c]. Severin wollte die Totenwache in der Kirche übernehmen und schickte die anwesenden Kleriker schlafen. Der Pförtner Maternus meldete, die Kirche sei leer. Severin witterte noch immer einen Menschen. Richtig hatte sich eine neugierige Nonne in einem Kirchenstuhl verkrochen. Sie wollte der Totenerweckung beiwohnen. Sie mußte gehen. Severin umgab sich indessen mit einem Priester, einem Diakon und zwei Pförtnern, und als sie den Leichnam so weit hatten, daß das Leben in ihn zurückkehrte und der Tote die Augen aufschlug, fragte ihn Severin vorsichtshalber, ob er denn überhaupt wieder lebendig zu werden wünsche. Der Tote sagte: mit nichten; nun wolle er seine Ruhe haben, warum man ihn denn störe. Mit diesen Worten entschlief er endgiltig. Severin ließ die Augenzeugen eidlich Schweigen geloben. Erst nach des Heiligen Tode haben der Subdiakon Marcus und der Pförtner Maternus den Vorfall dem Eugipius unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut. Als Freund der Armen erwirkte Severin, obwohl er selbst wochenlang fasten konnte, den Zehnten, weil er nicht vermochte die Elenden hungern zu sehen. Es war dies keine kirchliche Steuer, sondern private Liebesthätigkeit. Auch Kleidungsstücke wurden ihm zur Verteilung übersandt. »Sind die milden Gaben von Tigurnia dabei?« fragte er. »Nein«, hieß es, »es wird noch kommen.« Severinus aber bezweifelte das, vielmehr werde der verzögerte Beitrag nun den Goten in die Hände fallen. Und so geschah es wirklich[049-d]. Auch Lorch entrichtete seine Zehnten nachlässig. Da wurde das reifende Getreide vom Mehlthau angefressen. Ein von Severin erbetener lauer Regen dagegen wendete die Gefahr ab[049-e]. In Batava zwischen Inn und Donau hatte Severin ein Klösterchen gegründet, an der Grenzmark der Alamannen, deren König Gibold ihm Verehrung bezeugt hatte. Der Fürst bat um eine Zusammenkunft. Der Heilige ging ihm entgegen und redete ihm so eindringlich zu, von den Einfällen ins römische Gebiet nun abzulassen, daß der Kriegsgewaltige wie ein kleines Kind zu zittern begann und die Gefangenen ohne Lösegeld freizugeben versprach. Indes wurde Severins Sendbote, der Diakon Amantius dann doch nicht vorgelassen. Er kehrte nach dreißig Tagen mißmutig um, faßte sich aber wieder, drang vor die Thür des Königs, gab seine Briefe ab, erhielt Gegenbriefe und konnte mit siebzig Gefangenen heimkehren. Später holte der Priester Lucillus den Rest der Gefangenen ab[050-a]. Als die Besoldung der römischen Grenzgarnisonen nicht mehr richtig einlief, geriet die Landesverteidigung in Verfall. Schließlich blieben nur noch einzelne schwache Mannschaften übrig. Einige Züge gingen nach Italien, um den Sold heraus zu verlangen, wurden aber von den übermächtigen Barbarenheeren in aller Stille aufgerieben. Sie verschollen. Da wurde Severinus einmal, wieder über dem Lesen eines Buches durch die Divination unterbrochen, in dieser Stunde sei Menschenblut vergossen worden. In der That schwemmte[050-b] der Fluß Soldatenleichname ans Ufer. Eine Vorahnung ließ ihn seinem bei ihm anwesenden Freunde, dem Priester Paulinus dessen bevorstehende Wahl zum Bischof von Tiburnia ankündigen[050-c]. Für eine andere seiner Stiftungen, das Klösterchen zu Boitro suchten die Mönche Reliquien[050-d]. Severin aber meinte, die Zerstörung des Ortes stehe nahe bevor, sie sollten sich die Mühe doch sparen, der Johannissegen, nämlich die Fürbitte des Heiligen, werde ihnen deshalb nicht verloren gehen. Auch den Bürgern von Boitro, die sich seiner bedienen wollten, um bei dem Rugierkönig Febanus Handelsfreiheit zu erwirken, gab er denselben Bescheid, die Tage der Stadt seien gezählt; bald werde kein Kaufmann mehr nach Boitro kommen. Da sagte ihm in der Taufkirche ein leichtfertiger Priester ins Gesicht: »So reise doch wenigstens Du ab, Heiliger Gottes, daß wir uns von Deiner strengen Diät etwas erholen können.« Der faule Spaß schnitt Severin so ins Herz, daß er vor allen Leuten in Thränen ausbrach. Ueberzeugt, daß demnächst selbst die heiligen Stätten hiezuland in Trümmer lägen, fuhr er auf der Donau nach Favianä hinunter. Und alsobald erreichte die von ihm verlassene Gegend aus der Hand Hunnimunds und seiner Barbaren ihr Schicksal. Die bürgerliche Stadtwache, vierzig Mann stark, wurde niedergemacht und auch jenen Priester, der den Heiligen gelästert hatte, ereilte die Strafe und gar noch in der Taufkirche, in die er zu flüchten versuchte. Severinus indessen hatte über dem Studium des Evangeliums im Kloster zu Favianä wieder ein Hellgesicht, das ihm die Nähe der Johannisreliquien verriet. Der Mann, der sich am andern Donauufer wirklich vorfand, war glücklich, dem Heiligen diese Schätze abliefern zu dürfen[050-e]. Die Zerstörung von Joviacum durch die Heruler sah Severin ebenfalls voraus. Er ließ einen ihm besonders lieben Priester namens Maximinianus noch durch einen Eilboten warnen, alles dahinten zu lassen. Vergebens; der Einfall erfolgte in der gleichen Nacht; der Priester wurde gehenkt[051-a]. Den Bischof Paulinus von Norikum setzte Severin von der nahen Verwüstung seines Sprengels durch die Alamannen brieflich in Kenntnis. Dieser ordnete in allen Kastellen der Diözese ein dreitägiges Fasten an. Das offene Land wurde schlimm mitgenommen; die Kastelle konnten sich halten[051-b]. Bald darauf suchte ein Schwerkranker aus Mailand das Kloster auf. Er hatte Elephantiasis. Severin ließ das ganze Kloster fasten. Der Kranke fühlte sich besser. Er wollte nicht in die Heimat zurück, er wollte bleiben. Nach zwei Monaten erlöste ihn der Tod[051-c]. Nun wanderten auch die Bürger von Gulutiana, durch die unaufhörlichen Einfälle der Alamannen erschöpft, nach Batava aus. Auch hieher folgten die Feinde. Nun aber sprach Severin den Römern zu, und so schlugen diese die Alamannen. Die Sieger bewog er nach Lorch auszuwandern. Einige blieben zurück und fielen kurz darauf den Thüringern in die Hände[051-d]. Die Länder an der obern Donau waren nun verloren. Lorch blieb der äußerste Grenzpunkt der Römer. Die Seele der Besatzung war Severin. Da Oel als Nahrungsmittel immer schwerer zu erlangen war, vermehrte er das heilige Oel in einer Basilika auf wunderbare Weise[051-e]. Da stieß Maximus aus Norikum mit einigen Gefährten zu Severin, um ihm auf ihrem Rücken Kleider für die Armen und Gefangenen zu überbringen. Mit kühnem Mut überschritten sie mitten im Winter die Schneeberge. Im Nachtquartier zuoberst auf dem Alpenpaß überraschte sie ein Schneegestöber. Sie wären verloren gewesen, hätten sie nicht einen Bären getroffen, der gutmütig vor ihnen her ins Thal hinuntertrollte[051-f]. Die Bürgerschaft von Lorch, vermehrt durch die zahlreichen Flüchtlinge aus den oberen Donaufestungen, wollten sich auf den Dienst ihrer ausgesandten Kundschafter verlassen. Ungeachtet der scheinbaren Sicherheit sprach sich Severin für verschärfte Bewachung der Stadtmauern aus und trat auch bei Bischof Constantius dafür ein. Man möge ihn steinigen, wenn er die Unwahrheit gesagt habe. Man gehorchte, die Milizwache trat ins Gewehr, als die Psalmen gesungen waren, bei Anbruch der Nacht. Von ungefähr entzündete sich ein großer Heustock an der Fackel eines Lastträgers. Ohne daß eine Feuersbrunst entstand, erhellte doch ein mächtiger Glutschein das ganze Weichbild der Stadt. Dazu ein weithin vernehmbarer Lärm. Verbündete Alamannen und Thüringer, die in den nahen Wäldern im Hinterhalt lagen, glaubten sich verraten und wagten den nächtlichen Sturm nicht. Am andern Morgen fanden sie keine Lebensmittel vor, da der Heilige die gesamte Fahrhabe hatte in die Stadt bringen lassen, um den Feinden den Unterhalt zu entziehen. Die Herde eines Mannes, der sich um Severins Rat nicht gekümmert hatte, wurde weggefangen[052-a]. Nun kam der Rugierkönig Feva seinerseits vor Lorch gezogen. Severin wurde abgesandt, um ihn umzustimmen. Er reiste die ganze Nacht. Am Morgen traf er den König beim zwanzigsten Meilensteine. Dieser bekannte seine Absicht, die in Lorch aufgesammelte zugezogene und deshalb überzählige Bevölkerung in die ihm tributären Städte zu deportieren. Severin aber setzte es durch, daß die Verpflanzung nicht gewaltsam, sondern durch ein friedliches Uebereinkommen vor sich gehen möge. Unter seinem Schutz siedelten sich nun also die Römer von Lorch aus in bestem Einvernehmen mit der einheimischen Bevölkerung in den rugischen Städten an. Zu diesen tributpflichtigen Städten gehörte auch Favianä, und Severin lebte von nun an wieder daselbst in seinem Kloster[052-b]. Um diese Zeit erhielt Severin einen Brief von König Odoaker, der es dem Heiligen nicht vergaß, daß er ihm einst in der Niedrigkeit seine künftige Größe verheißen hatte. Er stellte ihm eine Gnade frei, und Severin bat einen Verbannten los namens Ambrosius. Als jedoch einmal in Gesellschaft des Königs Lob gesungen wurde, warf Severin die Frage dazwischen: »Welcher König?« »Nun Odoaker.« »Meinetwegen«, sagte Severin, »aber er wird eben doch nur dreizehn oder vierzehn Jahre regieren«[052-c]. Bei einem Besuch in Comagena war der Knabe eines rugischen Hofbeamten so schwer krank, daß man bereits sein Begräbnis vorbereitete[052-d]. Severin heilte ihn. Auch ein im schlimmsten Grade Aussätziger namens Jelo, der von fernher gekommen war, wurde gesund[052-e]. Bonosus, ein eingeborener Mönch, litt an den Augen. Er empfand es, daß Severin Fremden helfe und dem eigenen Klosterbruder nicht. Da sagte ihm Severin: »Das klarsichtige Auge ersetzt die Klarheit der Seele nicht. Ringe nach dieser.« Auf dieses Wort hin fand sich der Blinde in sein Leiden und trug es mit heiterem Sinn fast vierzig Jahre[052-f]. Drei ungezogenen Mönchen von Boitro brachte Severin schließlich Manieren bei, indem er ihnen vierzig Tage scharfen Arrest gab: nicht das geringste Wunder, das ihm gelungen ist[052-g]. Einst sandte Severin zwei Brüder ins Norische, den Priester Marcianus, später Abt von Lucullanum, und den Mönch Renatus. In der Stunde, da ihnen auf der Reise Gefahr drohte, spürte Severin das und ließ alle Brüder für sie beten. Als sie nach einigen Monaten heim kamen, stimmte es genau[052-h]. Ebenso befahl Severin dem Mitbruder Ursus, er solle durch eine vierzigtägige harte Bußübung einem schweren Uebel zuvorkommen. Als am Ende dieser Zeit das böse Geschwür ausbrach, konnte es entfernt werden. Das ist nur ein Beispiel von vielen für den ungewöhnlichen Scharfblick des Heiligen[053-a]. Seine Hütte stand etwas abseits von den andern. Er sang Matutin und Vesper mit. Sonst lag er in seiner Zelle auf den Knien und hatte seine Gesichte. Er schlief auf einer härenen Decke am Boden und trug Tag und Nacht dasselbe Gewand. Wenn es nicht gerade ein besonderes Fest war, fastete er täglich vom Morgen bis nach Sonnenuntergang. In den großen Fasten aß er nur einmal die Woche. Immer lag dasselbe heitere Glück auf seinen Zügen. Fremde Sünde beweinte er, als hätte er sie selber begangen und suchte ihr zu steuern, so sehr er nur konnte[053-b]. Als er sein Ende herankommen fühlte, lud er den König Feva und die böse Giso zu sich, um sich zu verabschieden. Den König ermahnte er, doch ja nie zu vergessen, daß er einst über den Gebrauch seiner Herrschergewalt Gott werde Rechenschaft ablegen müssen. Dann streckte er die Hand aus, wies auf den König und sprach zu Giso: »Liebst Du diese Seele mehr als Gold und Silber.« Die Fürstin warf sich in die Brust, sie liebe den Gatten über alles. »Dann wäre es an der Zeit«, sagte Severin, »die milde Gesinnung des Königs nicht immer wieder durch Bedrückungen lahm zu legen.« Den Klosterbrüdern brachte er seinen bevorstehenden Heimgang schonend bei. Er wußte die Völkerwanderung vor der Thüre und traf daher die Verordnung, seinen Leichnam in Sicherheit zu bringen: »Seid eingedenk der Vorschrift des heiligen Patriarchen Joseph, mit dessen Worten ich unwürdiger und schwacher Mensch euch beschwöre: Gott wird euch heimsuchen und dann nehmt mein Gebein mit euch fort, nicht zu meinem, sondern zu eurem Nutzen, denn diese jetzt noch stark bevölkerten Orte werden zur Einöde werden. Die Gräber wird man aufwühlen, um Gold zu finden.« Seine Ueberreste, so hoffte er, würden wenigstens ein Band der Pietät bilden, die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde der Brüder beisammen zu halten[053-c]. Immerhin blieb er noch zwei Jahre am Leben seit der ersten Weissagung seines Todes. An Epiphanien hatte ihm der Priester Lucillus angezeigt, er werde am nächsten Morgen den Todestag seines Abtes Valentin feiern. Da sagte Severin zu ihm: »Wenn Dich Sankt Valentin mit dieser Feier beauftragt hat, so überlasse auch ich Dir die Sorge, für meine Seele Vigilia zu halten auf denselben Tag.« Lucillus war älter als Severin und meinte erschrocken, es sei doch viel eher an ihm, sich der Fürbitte Severins empfohlen zu halten. Dieser aber bestand darauf[053-d]. Auch dem Bruder des Rugierkönigs Feva, Feoderuch, der Territorialherr von Favianä war, betonte er um jene Zeit seinen Heimgang schärfer und ließ sich von diesem Großen die Rücksicht auf die Armen und Gefangenen versprechen[054-a]. Am fünften Januar begann ein leichter Schmerz an der Seite sich fühlbar zu machen. Da das aber drei Tage andauerte, ließ er nachts die Brüder versammeln und sagte, er fühle sich schwach; zum Abschied wies er sie auf das Beispiel Abrahams, der auszog, ohne zu wissen wohin, aber in ein Land, das sein Eigentum werden sollte: »Ahmet den heiligen Patriarchen nach. Sucht stets das himmlische Vaterland.« Dann küßte er jeden einzeln, empfing das Altarsakrament und bat um Psalmengesang. Als sie vor Schmerz nicht singen konnten, hub er selber an: »Lobet den Herrn in seinen Heiligen; jeder Geist lobe den Herrn.« Und während nun die Mönche darauf respondierten, entschlief er. Es war am 8. Januar. Nach der Leichenfeier meinten die älteren Brüder, man solle das, was er vom großen Wandern vorausgesagt habe, nicht unbeachtet lassen. Sie ließen daher einen Sarg aus Holz anfertigen[054-b]. Jener Gaugraf Feoderuch hatte kaum vom Tode Severins gehört, so kam er in seiner Geldnot herbeigezogen und plünderte das Kloster. Nicht nur stahl er die für die Armen bestimmten Kleider, sondern versündigte sich sogar an dem Kirchenschatz. Ein Soldat namens Avicianus sollte den silbernen Kelch vom Altare heben. Er brachte es aber nicht über sich und wurde auf der Stelle Mönch. Feoderuch ließ nun das Kloster bis auf den letzten Nagel ausheben. Nur die Mauern mußte er stehen lassen, die konnte er nicht über die Donau mitnehmen. Ehe ein Monat verfloß, wurde er indes von seinem Neffen Feodoruch, dem Königssohn, erschlagen. König Odoaker zog wider die Rugier ins Feld. Feodoruch mußte flüchten. König Feva und die böse Giso wurden gefangen nach Italien abgeführt. Kaum waren sie weg, so kehrte Feoderuch zurück. Odoaker sandte seinen Bruder Onowulf mit einem großen Heere ihm entgegen. Feodoruch flüchtete abermals und verbündete sich mit Theodorich, der damals sich zu Novä in Mösien aufhielt. Onowulf führte auf Befehl des königlichen Bruders alle in der Donaugegend noch übrigen Römer nach Italien. Der Priester Lucillus ließ nun, da der Comes Pierius zur Eile antrieb, sofort das Severinsgrab öffnen und den noch unversehrten Leichnam in einem anderen Linnen in den bereitgehaltenen Sarg umbetten. Er wurde auf einem Wagen von Pferden fortgeführt und schloß sich dem römischen Abzuge an; die Bewohner der Donaustädte erhielten in verschiedenen Gegenden Italiens neue Wohnsitze angewiesen. Die Severinsleiche dagegen wurde in die Festung Montefeltre gebracht[054-c]. Dort geschahen jetzt viele Wunder. Eine edle Frau, Barbaria, die, wie auch ihr Gatte, den heiligen Severin teils vom Hörensagen, teils aus seinen Briefen kannte, lud den Marcianus ein, mit dem Leichnam und der Genossenschaft in ihr Besitztum, die ehemaligen Lukullusgärten bei Neapel überzusiedeln. Papst Gelasius gab seinen Segen und Bischof Viktor von Neapel weihte den Sarkophag, in dem die Stifterin den Heiligen endgiltig beisetzen ließ. Als bei dieser Totenfeier ein blinder Mann Laudicius den Gesang des Volkes hörte und den Bescheid erhielt, es werde eben der Leib eines Heiligen vorübergetragen, wurde er tief bewegt und bat, man möge ihn ans Fenster führen, von wo aus er besser hören könne. Dort lehnte er in tiefer Andacht und betete inbrünstig, worauf er plötzlich wieder zu sehen anfing. Auch der Vorsänger Marinus hielt vertrauensvoll sein Haupt an den Sarg und wurde so seine Kopfschmerzen los[055-a].

Weil Severins Wirksamkeit so tief im öffentlichen Leben wurzelte, ist die Lebensbeschreibung für die politische Geschichte der Donauländer unmittelbar vor der Völkerwanderung von unschätzbarem Werte. Sie ist unser einziges Licht für jene Gegend in jener Zeit. Wir sehen die ausgedehnten kirchlichen Einrichtungen einer römischen Provinz scharf umrissen vor uns[055-1]. Obwohl Severin ein orientalischer Fremdling war und Niemand wußte, woher er kam, obwohl er dann auch mit den germanischen Fürsten gut stand, ist er im Grunde seiner Seele Romane und sucht vor allem, die schwer bedrängten römischen Provinzialen moralisch zu heben und ökonomisch zu unterstützen. So lange er lebte, vermochte sich das Römertum an der Donau zu halten; dann fiel es. Der Abzug der römischen Bevölkerung traf mit dem Transport seiner Leiche zusammen. Sein Lebenswerk war es gewesen, den geordneten Rückzug der römischen Kultur von Kunzen, Passau und Lorch nach Favianä im Rugenlande herzustellen. Seine heilige Wirksamkeit giebt dem Untergang des Römerwesens in Norikum die Weihe[055-2].

Martin und Severin sind die beiden größten Liebesthäter gewesen, die die sinkende antike Welt gekannt hat: nichts für sich, alles nur für die andern und für Gott. Gegen Martin von Tours gehalten ist Severin die harmonischere Natur. Seine Existenz wurde nicht wie bei jenem vorwiegend durch einen Gegensatz, sie wurde durch eine Aufgabe bestimmt. Martin war Parteimann und mußte es sein, um eben das, was ihm als Lebenswerk vorschwebte, in Gallien durchzusetzen; das Große an ihm besteht darin, daß er bei aller Strenge des Mönches so gewaltig, so kräftig und so wohlthuend ins weltliche Leben eingriff. Severin dagegen machte für das Mönchtum keine Propaganda; es diente ihm gewissermaßen zur Folie für sein geheimnisvolles unerklärliches Wesen. Martin kennen wir seit seiner Jugend; von Severin wußte Niemand, wer er war und woher er kam, und daß auch da, wo er wirkte, wie er selbst am besten wußte, seines Bleibens nicht war. Auch seine visionäre Begabung äußert sich feiner, still zwingend, nicht grobschrötig tapfer: weniger Teufelsfeindschaft und Dämonenschlachten, als die wunderbare Seherkunst, das Künftige zu spüren. Seit den altisraelitischen Propheten und dem Urchristentum besaß Severin die größte telepathische Begabung, von der wir Kunde haben, und zwar im ganzen Umfang dieses Talentes von der einfachsten Nähewitterung bis zum schwindelerregenden Seherspruch: er weissagte oft und, wie es scheint, untrüglich. Das Aufklappen des Bewußtseins aus der Befangenheit von Raum und Zeit zu einer Art momentaner Allwissenheit funktionierte bei ihm unter den verschiedensten Umständen ohne fehlzugreifen. Das war denn auch allerdings sein besonderes Gut. Heilungen, wie sie bei Martin im Vordergrund standen, kommen bei ihm nur in zweiter Linie in Betracht; vollends eine Totenerweckung, die er unternahm, mißriet direkt: nachher erzählte man mildernd, der zu Erweckende habe sich eben das Lebendigwerden verbeten. Und während Martins Lebenswerk unter den soldatischen Gesichtspunkt der Eroberung fällt, bescheidet Severin sich von vornherein mit der Entsagung des Rückzuges, unter Verzicht auf jeden Sieg. Er hat daher wohl ein unvergleichliches Andenken hinterlassen, aber nicht wie Martin eine unvergleichliche Wirkung ausgeübt. Der pannonische Heilige schimmert von einer Aureola, er erhellt. Der gallische dagegen sprüht Funken, er zündet an. Martin war der stärkere Mensch, Severin der höhere.

Wie sich der Schrift abfühlen läßt, verdanken wir die Kunde von Severin einem schlichten und bescheidenen Manne. Eugipius stammt aus einer römischen Familie, wahrscheinlich einer von denen, die jene von Severin geleitete Verpflanzung ins Rugenland mitgemacht haben. Er spricht von Ufernorikum mit einer bis auf den einzelnen Meilenstein sich erstreckenden Lokalkenntnis, sodaß es wohl seine Heimat war. Favianä und die Innmündung sind ihm besonders gegenwärtig[056-a]. Ueber Guintana in Rhätien sowie über die östlichen Städtchen Astura und Comagena äußert er sich unbestimmter. Da er sich von Haus aus arm nennt, begann er seine Laufbahn wohl als einfacher Mönch in Severins Hauptkloster, heute bei Mauer unweit Oeling[056-b]. Daß er Severins Schüler war, bezeugt Paschasius; aber wahrscheinlich gehörte er einer der kleineren Missionsstationen an, die der Meister zu Cellula in Batava und in Boiodurum hielt[056-c]. Denn er scheint keineswegs immer um ihn gewesen zu sein[056-d] und beruft sich öfter auf Gewährsmänner, als daß er selber dabei gewesen zu sein angiebt[056-d]. Er mag als junger Mann in Severins letzter Zeit mit den übrigen in Lorch gesammelten Römern der oberen Donaustädte bleibend in des Abtes Umgebung gekommen sein. Seine Geburt wird demnach etwa hinter das Jahr 455 fallen[057-1]. Aus seiner mangelhaften Ausbildung macht er keinen Hehl; die grammatische Schulung gehe ihm ab, seine Einsicht und seine Kenntnis seien gering, auch könne er eines Stoffes nicht Herr werden[057-a]. Cassiodor bestätigt[057-b], es fehle Eugipius an der humanistischen Bildung; seine Belesenheit sei einseitig theologisch. Severin hatte die Genossenschaft seiner Mönche nicht unter schriftliche Ordensstatuten gestellt; sein letzter Wunsch hatte dahin gezielt, seine Freunde möchten, um seinen Leichnam geschart, immer zusammenhalten. Die Leitung erfolgte unter den beiden ersten Aebten Lucillus und Marcianus noch ausschließlich unter der pietätvollen Beobachtung von Severins Gedächtnis. Die Ansiedlung der Bruderschaft in Lucullanum erfolgte unter dem Pontifikat Gelasius _I._ zwischen 492 und 496. Lucullanum war nicht nur ein Kastell im militärischen Sinn, es war eine eigentliche Stadt. Dort stiftete nun also eine adelige Dame namens Barbaria dem Heiligen, den sie schon bei Lebzeiten aus der Ferne verehrt hatte, ein Mausoleum und seiner Kongregation ein Asyl. Hierauf hat dann aber Eugipius eine Zeitlang einem andern Kloster angehört, da er sich als Untergebenen eines Abtes Marinus bekennt. Vielleicht hat er sich dieser Versetzung unterzogen, um sein schriftstellerisches Hauptwerk anfertigen zu können. Bezeichnenderweise ist es nicht eine originale Schöpfung, sondern ein Auszug aus den Schriften Augustins. Ein ganzes Exemplar von Augustins Werken war damals offenbar fast nicht aufzutreiben, selbst wo Geld und Lust, eines zu kaufen, vorhanden gewesen wären. Sogar einer nur halbwegs vollständigen Sammlung hat man also nachzureisen Grund gehabt. Eugipius mag sich somit in oder bei Rom angesiedelt haben, um die Bibliothek einer hochgestellten Frau vom Range jener neapolitanischen Gönnerin Severins benützen zu können. Sie hieß Proba und gehörte dem geistlichen Stande an. Cassiodor war ihr Verwandter; vielleicht lernte er den Eugipius bei ihr kennen. Auch Bischof Fulgentius von Ruspe war dort Hausfreund. Ihrer Schwester Galla schildert er[057-c] Proba als in königlichen Verhältnissen aufgewachsen und betont die vornehme Abkunft der Geschwister, die in der That dem Ancischen Geschlechte, vermutlich dem des Patronius Probus entstammen. Fulgentius stand auch mit Eugipius in Briefwechsel. Wie wir daraus ersehen, verfügte nun Eugipius selbst über eine ansehnliche Bibliothek und Schreibsklaven[058-a]. Immerhin zeigt des Fulgentius vollständige Unbekanntschaft mit Eugipius mühsamen Excerptunternehmen, daß dessen Arbeit die verdiente und vom Autor erwartete Anerkennung nur langsam gefunden hat. Die Abfassung des Auszuges fällt zwischen die Jahre 492 und 511. In dem durch Proba ihm eröffneten altrömischen Adelskreise machte nun Eugipius aber auch die Bekanntschaft des Paschasius; dieser war der erbittertste Gegner des von 498 bis 514 regierenden Papstes Symmachus. Eine aristokratische Minorität unter Führung des Patricius Festus hatte bekanntlich Laurentius gewählt, namentlich zu dem Zweck, eine Versöhnung der römischen Kirche mit dem griechischen Kaiser Anastasios herbeizuführen. Der Streit dauerte bis ins Jahr 505, und es gelang Laurentius einmal, das Osterfest im Lateran zuzubringen sowie sein Bild in einem Medaillon anfertigen zu lassen. Dank dem weisen Verhalten König Theodorichs mußte sich Laurentius auf ein Landgut seines Gönners Festus begeben, wo er noch vor Symmachus starb. Noch vor ihm, also etwa 512 oder 513, erfolgte auch der Tod des von ihm eingesetzten ›Diakons der römischen Kirche‹, des Paschasius. Diesem hohen, durch Stand, Stellung und Lebenswandel hervorragenden Geistlichen schreibt nun Eugipius[058-b]: »So lange Du am Leben bist, darf kein Nichtpriester das Leben des Severinus schreiben.« Er übersendet ihm daher seine Aufzeichnungen nur als Notizen und hofft, Paschasius werde ein Severins würdiges Werk daraus schaffen. Diese als bloße Vorarbeit bestimmte Skizze seiner Hand ist nun eben das uns erhaltene Severinsleben. Wie es zustande kam, erzählt Eugipius im Vorwort[058-c]: es seien zwei Jahre her, daß ihm der an einen Priester adressierte Brief eines edeln Laien zu Gesichte kam, das Leben des Basilicus, eines Mönches am Berge Tita bei Rimini. Als Eugipius überdies vernahm, dieser Brief sei vervielfältigt worden, da erwachte in ihm der Wunsch, die vom heiligen Severin gewirkten großen Wunder nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Jener Verfasser der Basilicusvita, der diese Schriftstellerei vielleicht als Geschäft betrieb, bat nun Eugipius, dessen Wunsch ihm zu Ohren kam, ihm gütigst Mitteilungen über Severinus zu überlassen, damit er sie ebenfalls bearbeiten könne. Und da nun wollte sich Eugipius nicht dazu verstehen, seinen Schatz in andere Hände zu legen, so lange in denen des Paschasius noch Leben sei. Sein Handlanger gewesen zu sein war alles, was er sich wünschte. Aber der feine römische Priester hatte einen zu guten Geschmack. Er schreibt dem Verfasser[058-d]: »Indem Du unsereinen nach dem Maße Deiner Erfahrung, Beredsamkeit und glücklichen Muße beurteilst, bedenkst Du die vielfachen Geschäfte, Verdrießlichkeiten und Anfeindungen nicht, denen ich auf meinem Posten ausgesetzt bin. Du willst Dich aus Liebe zu mir um die eigenen wohlverdienten Lorbeeren bringen. Deine Zusendung ist ja eine Sammlung von Thatsachen; in seiner gedrungenen Darstellung eignet sich Dein Werk recht wohl zur Vorlesung im Kultus. Die Thaten der Heiligen vergehen nicht und nun gar wenn ihre Gestalt so deutlich dem Leser vor die Augen tritt, wie Dein Severin. Man meint in seiner Gesellschaft zu sein. Deine klare und einfache Darstellung da noch auszuarbeiten, wäre doch überflüssige Mühe. Auch wäre es nicht mehr dasselbe, wenn ich Gehörtes, von Andern Erlebtes aus zweiter Hand berichten wollte.« So ging also das Severinsleben des Eugipius unversehrt in die Welt. Er selbst, nun Vorsteher des Severinklosters, erfreute sich der aufrichtigen Achtung bedeutender Kirchenmänner; der Abt Dionysius der Kleine widmete ihm die Uebersetzung einer Schrift des Gregor von Nyssa. Ferrandus von Karthago unterhielt mit ihm einen Briefwechsel und übersandte ihm eine Glocke. Kurz vor dem Jahre 543 oder 544 ist Eugipius gestorben. Als Vermächtnis für sein Kloster hinterließ er ein schriftliches Ordensstatut und verdichtete so die bis jetzt nur mündliche Tradition von Severins mönchischen Anschauungen zu einer eigentlichen Mönchsregel[059-1].

Eugipius kennt die Martinsschriften des Sulpizius Severus[059-a]. Er spricht von ihnen, aber nicht als seinem litterarischen Vorbild. Er fühlt sich überhaupt nicht als Schriftsteller, sondern nur als Handlanger für einen eigentlichen Biographen des Severin. In der That mangelt auch ihm der chronologische Ansatz; auch er giebt keine Jahreszahl; und wenn seine Angaben datierbarer sind als die des Sever, so ist das hauptsächlich eine Tugend seines Helden, der ungeachtet seiner mönchischen Grundsätze so ganz in der Politik seiner Zeit drin stand und mehr als Martin in den äußeren Ereignissen aufging. Eugipius konnte unbeschadet der Kunst entbehren, über die ein Severus verfügte; sobald sein Gegenstand so unerschöpflich reich war an persönlichem Leben und sobald er, der ihn beschrieb, so herzlich in ihm lebte, machte dieser Mangel an Technik seine Darstellung nicht armselig, sondern einfach und schlicht. Trotzdem wir bei ihm nach einer planmäßigen Stoffverteilung vergeblich suchen, haben wir an seinem Severinsleben doch fast noch mehr als an den in ihrer Art kunstreichen Martinsschriften des Severus. Eugipius nennt übrigens selbst sein Werk mit dem rechten Namen ein Commemoratorium[059-b], das heißt ein Erinnerungsblatt oder wie wir heute sagen Memoiren. Das in dieser litterarischen Gattung enthaltene Element des selbsterlebten persönlichen Andenkens bildet denn auch das Herzstück der Heiligenbeschreibung, und insofern hat der bescheidene Eugipius dank seiner schlichten Art und seiner warmen Empfindung fast das Höchste erreicht, was man in jener Zeit von einem derartigen litterarischen Unterfangen erwarten darf.

2.

Ist der Verfasser eines Heiligenlebens eine uns auch an sich bekannte geschichtliche Persönlichkeit, so bürgen seine Lebensumstände wenigstens für die Möglichkeit quellenmäßiger Mitteilung. Anders, wenn die Schrift anonym blieb und nicht die geringste Kunde über den Verfasser auf uns kam. Dann ist die Art des Berichtes unsere einzige Gewähr für seine Zuverlässigkeit. Eine schwache Handhabe, aber gewiß eine nicht zu verachtende. Der anonyme Schreiber des Fulgentiuslebens sagte in der Vorrede an den Bischof Felicianus, dem er das Werk widmet: »Wie immer dieses mein Werk ausfallen mag, es kann die Verdienste des großen Mannes weder erhöhen noch vermindern, es sei nur ein Beweis meiner Liebe, mit dem ich an ihm hing, an ihm, der mich zum Mönchsstande bekehrte und als Verbannter in seinem kleinen Kloster auf der Insel Sardinien Tag und Nacht mich um sich hatte. Dort wohntest auch Du als Priester. Nun habe ich diese Arbeit unternommen, um alles was er uns mündlich mitteilte, und außerdem auch was wir als Augenzeugen miterlebten, kurz auseinanderzusetzen, ohne Furcht, der Fälschung bezichtigt zu werden; denn nötigen Falls kannst Du meine Zusammenstellung mit Deinem Zeugnis bekräftigen.« Unzweifelhaft haben wir es hier mit einem Schüler des beschriebenen Heiligen zu thun. Auch giebt sich die Schrift ihrer Form nach als reine Memorie, da sie ohne Einleitung gleich auf den Stoff eingeht und auch am Schluß eine Invokation nicht hat, sondern als Erzählung ausläuft. Fulgentius entstammte einer Senatorenfamilie aus Karthago[060-a]. Sein Großvater Gordianus hatte wie die meisten Senatoren unter Preisgabe seiner Güter nach Italien flüchten müssen, als die Vandalen unter Geiserich einbrachen. Nach seinem Tode kehrten zwei von seinen Söhnen, in der Hoffnung, das Erbe wieder zu erlangen, nach Afrika zurück, konnten aber in Karthago nicht verbleiben, weil ihr Haus an die arianischen Priester verschenkt worden war. Ihre Landbesitzungen erhielten sie jedoch durch königlichen Machtspruch zum größeren Teil wieder zurück und zogen in die Provinz Bizacena. Hier in der Stadt Jellapte bekam einer von ihnen, Klaudius, von seiner Gattin Mariana den zum Sohne, der den ihm verliehenen Namen Fulgentius, das heißt ›der Glänzende‹ mit so viel Recht führen sollte. Die Mutter ließ ihn, da der Vater früh starb, zuerst in den griechischen Wissenschaften unterrichten und solange er nicht den ganzen Homer auswendig konnte und auch vieles von Menander durchmachte, erlaubte sie nicht, ihn mit der lateinischen Litteratur bekannt zu machen, weil sie ihm in den Kinderjahren die Kenntnis der fremden Sprache beibringen lassen wollte, damit er einst, unter den Afrikanern lebend, das Griechische los habe. So kam es, daß er später ohne Accent Griechisch sprach. Dann machte er die höhere Stufe der Lateinschule durch, mußte aber zugleich in seinen jungen Jahren bereits die Verwaltung des väterlichen Hauses übernehmen. Bald darauf wurde er städtischer Steuereinnehmer. Ihn selbst beschlich die Sehnsucht, die Welt zu lassen und Mönch zu werden. Da sich dieser sein Lieblingswunsch jedoch nicht erfüllen wollte, richtete er wenigstens sein äußeres Leben so ruhig wie möglich ein, mied die Gesellschaft, saß auf seinem Landhause, verminderte die Zahl großer Gastmähler und ging nicht mehr ins Bad. Dafür fastete, las und betete er im Laienstande wie ein Mönch, bis ihn eine Predigt des heiligen Augustin über den 36. Psalm bewog, mit seinem Entschluß nicht länger hintanzuhalten. Er vollzog seinen Eintritt ins mönchische Leben bei Faustus, der von Hunerich seines Bistums entsetzt nicht weit davon einem Kloster vorstand. Die Aufregung in der Familie war groß. Fulgentius blieb standhaft; er überthat sich in Kasteiungen, enthielt sich des Weines, aß ohne Fett und so wenig und schlecht, daß seine Haut Sprünge bekam, eiterte und bald ein Ausschlag seinen Leib entstellte. Sein ganzes Vermögen vermachte er seiner Mutter, die es dann seinem jüngeren Bruder Klaudius verschreiben solle, falls er sich gut halte. Die höchst unruhigen Zeiten ließen ihn nicht ruhig seinem Ideale leben[061-a]. Die beständigen Verfolgungen der Arianer vertrieben ihn und er suchte Zuflucht bei einem Abte Felix, der ihn bald zum Mitabt erhob. Ein Maureneinfall vertrieb sie aufs neue; sie suchen in der Gegend von Sicca sich festzusetzen. Dort aber hetzte ein fanatischer arianischer Priester, Felix von Gabardilla, ein roher, aber reicher Mensch; es kam zu Thätlichkeiten. Der Abt Felix wird ausgepeitscht und Fulgentius ebenfalls gestäupt. Nun will Fulgentius nach Aegypten reisen, ändert aber seinen Entschluß; die mit andern Pilgern bei Bischof Eulalius von Syrakus genossene Gastfreundschaft und die Nachricht, daß die Thebais gegenwärtig von einer Irrlehre beherrscht sei, halten ihn im Abendlande fest. Er besucht einen in Sizilien als Einsiedler lebenden verbannten afrikanischen Bischof Rufinianus, reist nach Rom und wohnt dort dem Einzug König Theodorichs bei. Auf dem Platz, der ›die goldene Palme‹ hieß, hörte er den König eine Rede halten, sieht den Adel prächtig in all den Abstufungen seiner Stände und vernimmt das Freudengeschrei des freien Volkes, aber mit keuschen Ohren; er kannte den eiteln Pomp dieser Welt und sagte lächelnd zu einem Mitgeistlichen: »Wie schön muß erst das himmlische Jerusalem sein, wenn schon das irdische Rom also glänzt«. Er kehrte nach Afrika zurück und richtete auf dem Grundstück, das ein hochgestellter Mann und guter Christ namens Sylvester zur Verfügung stellte, in Bizacena ein eigenes Kloster ein: guter, fetter Boden, um vom Ertrag der eigenen Gärten leben zu können und abgelegen, fern vom Kriegsgetümmel. Aber die Anlage und Leitung des Klosters nahm ihn zu sehr in Anspruch; er sehnte sich nach dem Zustande eines einfachen Ordensbruders. Bei der ersten Gelegenheit giebt er denn auch seine Abtswürde ab und tritt in ein anderes Kloster auf einer Strandinsel an der kleinen Syrte, wo der schmale Streifen des winzig kleinen Felsens nicht erlaubt, Gärten anzulegen, wo weder Holz noch Trinkwasser sich vorfindet und wo daher das Notwendigste von diesen beiden Dingen auf sehr kleinen Kähnen hinübergeschafft wird. In diesem Kloster, dem ebenfalls zwei Aebte vorstanden und das durch seine strenge Zucht bekannt war, lebte er als einfacher Bruder. In seiner Mußezeit trieb er Handarbeiten; er schrieb geschickt und verfertigte Fächer aus Palmblättern. Aber dieser ihm erwünschte Wechsel vom Oberen zum Untergebenen dauert nicht lange: sein Kloster reklamiert ihn; es kommt vor den Bischof; die Inselmönche müssen nachgeben. Nicht nur muß er wieder Abt sein; er erhält nun auch die Priesterweihe. Bald ist er der allgemein anerkannte Kandidat für den nächsten ledigen Bischofssitz. Allerdings war es damals vom König Thrasamund verboten, Bischöfe zu weihen und den verwaisten Kirchen Hirten zu geben. Da es daher weder erlaubt war, eine solche Ehrenstelle auszuteilen noch sie anzunehmen, hielt es Fulgentius für unnötig, sich seinerseits vor dem bevorstehenden Los zu wappnen. Aber die noch übrigen Bischöfe thaten dessenungeachtet alles, um die erledigten Stühle zu besetzen. Nun hatte sich indessen Fulgentius in der That durch Flucht der Wahl entzogen, die mehrmals auf ihn, sei es als ersten, sei es als einzigen entfiel. Zugleich wurde der Primas der Provinz Bischof Viktor verhaftet und nach Karthago geschleppt. Die Lage der katholischen Geistlichkeit war aufs neue verzweifelt. Da nahm denn Fulgentius die Wahl zum Bischof von Ruspe an, obwohl ein Diakon namens Felix, der Bruder eines einflußreichen Beamten, ihm den Platz streitig machte. Da der Weihbischof in Haft saß, wurde Fulgentius von den benachbarten Bischöfen konsekriert. Es kostet ihn einen wahren Kampf, zumal er böse Augen hatte. Aber man reißt ihn förmlich aus der Zelle, zwingt ihn Bischof zu sein. Kaum im Amte[062-a], weihte Fulgentius seinen Gegner, den Diakon Felix zum Priester. Er kehrte in seinem Auftreten den Mönch heraus, trug nie die Stola, sondern immer nur Kukulle und Ledergürtel, ja zelebrierte so die Messe: »Beim heiligen Meßopfer«, pflegte er zu sagen, »müssen die Herzen geändert werden, nicht die Kleider.« Unter der Kukulle trug er einen dunkeln oder einen weißen Mantel. Wenn es die Witterung erlaubte, hatte er innerhalb des Klosters nur den Mantel an. Aber mit entblößten Schultern ward er nie gesehen, ja er begab sich zur Ruhe, ohne auch nur den Ledergürtel abgelegt zu haben. Nie aß er Fleisch, nur Gemüse, Graupen und Eier, so lang er jung war, ohne Oel; in seinem Alter aber mischte er Oel bei, in der Meinung, das Oel verhindere seine zunehmende Augenschwäche, die ihm das Lesen unmöglich mache. Wenn er unwohl war und Wein trinken mußte, goß er in die vollen Wasserbecher etwas Wein, denn er wollte den angenehmen Geschmack und Geruch durchaus vermeiden. Bevor noch das Zeichen zur Mette gegeben wurde, war er längst wach und betete entweder, oder er las oder diktierte. Da er nicht ohne Mönche sein konnte, traf er in Ruspe Anstalten zur Einrichtung eines Klosters. Zu seiner Freude bot ihm ein Bürger ein mit hohen Föhren bewachsenes Grundstück an; das Bauholz war hier also gleich dabei. Die Bruderschaft seines ehemaligen Klosters zog nun zum größeren Teil mit ihrem Abte Felix dahin um; an die Spitze der Zurückgebliebenen trat einer aus den Brüdern, namens Vitalis. Da erfolgte die Verbannung aller Bischöfe, auch des Fulgentius nach Sardinien. Er, der jüngste unter ihnen, deren etwa sechzig waren, verfertigte die gemeinsamen Erlasse und besorgte auch manche Privatkorrespondenz. Auch richtete er sich mit einigen zusammen ein, sie hatten gemeinsamen Tisch, gemeinsamen Keller und beteten und studierten gemeinsam. Ihr Haus galt für das Orakel der Stadt Kalaris. Dann wird Fulgentius abgeordnet, um die Verhandlungen mit König Thrasamund einzuleiten. Er verficht die katholische Sache mit größter Entschlossenheit gegen König Thrasamund und den diesen vertretenden Bischof Pinta. Die meisten seiner Schriften sind in dieser Angelegenheit entstanden. Oft fuhr er bei ruhiger See zwischen Sardinien und Afrika hin und her. Ja es folgten ihm immer mehr Mönche, so daß er schließlich mit Erlaubnis des Bischofs Brumasius von Kalaris neben der Saturninskirche auf einem ruhigen Platz aus eigenen Mitteln wieder ein Kloster bauen konnte. Auch hier wurde eine strenge Regel beobachtet. Die Brüder mußten sich je nach der Begabung mit wissenschaftlichen Studien oder mit Handarbeit beschäftigen. Mit dem Tode Thrasamunds erreichte die Verfolgung ihr Ende; Hilderich ließ die verbannten Bischöfe zurückkehren. Bei der Landung in der Heimat empfing die Menge die andern Bischöfe schweigend; als aber Fulgentius ausstieg, brach der Jubel los. Man geleitete ihn zur Agileuskirche. Die Kundgebungen steigerten sich auf der Heimreise von Karthago nach Ruspe. Als Bischof schlug er nun aber seine Wohnung im Kloster auf, nachdem er alle Maßregeln getroffen, daß dadurch die Befugnisse des Abtes Felix in keiner Weise geschmälert würden. Vielmehr war dieser in allen Angelegenheiten der Provinz Bizacena des Bischofs erster Ratgeber. Die Geistlichkeit durfte unter Fulgentius kein zu großes Gewicht auf das Aeußere legen oder längere Zeit in bürgerlicher Kleidung gehen. Alle sollten sie nicht weit von der Kirche wohnen, mit eigenen Händen ihren Garten pflegen und alle Sorgfalt darauf verwenden, die Psalmen schön zu singen und vorzutragen. Er bestimmte, daß in jeder Woche alle Geistlichen und Witwen und frommen Laien am Mittwoch und Freitag zu fasten hätten; der Besuch der Vigilien, der Morgen- und Abendgebete war für die ganze Gemeinde obligatorisch. Wo Worte nichts ausrichteten, ließ er die Prügelstrafe in Anwendung bringen. Sonst war er die Demut selbst. Er trat seinen berechtigten Vorrang auf der Synode von sich aus an den Bischof ab, den er deshalb verstimmt zu finden meinte. Etwa ein Jahr vor seinem Tode ergriff ihn gelinde Schwermut. Er ließ alles liegen und zog sich auf die Insel Cercina gegenüber Ruspe zurück, wo er auf der Klippe Chilmi bereits ein Kloster hatte bauen lassen. Aber die Amtspflicht rief ihn doch wieder zurück. Da verfiel er in eine siebzigtägige Krankheit, in der er nur immer das eine wiederholte: »Herr, verleihe mir hier jetzt Geduld, hernach Verzeihung.« Er blieb bis zum letzten Augenblick beim Bewußtsein. Gestorben ist er am ersten Januar nach der Vesper, in seinem fünfundzwanzigsten Amtsjahre, fünfundsechzig Jahre alt. Am Todestage selbst konnte er nicht mehr beerdigt werden, er wurde in das Oratorium des Klosters gebracht, wo jene Nacht die Mönche im Verein mit den Geistlichen beim Gesange von Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern durch wachten. Am andern Morgen wurde er in Gegenwart einer ungeheuern Menge von Priestern nach der Sekundakirche getragen; dort hatte er selbst Apostelreliquien bergen lassen und wurde nun daselbst nach dem allgemeinen Willen als Erster beigesetzt; denn nach alter Gewohnheit war dort nie begraben worden. Auch erhielt er ein Grabmal. So, hoffte man, werde der Heilige den Betenden auch fernerhin örtlich nahe sein. Dies sind die charakteristischen Züge dieses etwa um 530 verfaßten sympathischen Lebensbildes[064-1], wo gewissenhafte Erkundigung und eine unbegrenzte Verehrung gemeinsam ein wertvolles Ganzes hervorzubringen vermochten.

3.

Das Fulgentiusleben wird indessen in seinen erfreulichen Eigenschaften einer reinen Memorie noch übertroffen durch die Lebensbeschreibung des Metropoliten Cäsarius von Arles. Sie besteht aus zwei Büchern und ist das Werk Mehrerer. Wenige Jahre nach dem Tode des Prälaten regten seine Schwester Cäsaria und alle Nonnen ihres Klosters dieses schriftliche Denkmal an und betrauten mit der Ausführung diejenigen von Cäsarius’ Jüngern, die ihm im Leben am nächsten gestanden hatten. Das erste Buch schrieben seine Schüler, die Bischöfe Cyprian von Toulon, Firminus und Viventius, das zweite der Presbyter Messianus und der Diakon Stephanus, zwei seiner Diener, die von jung auf um ihn gewesen waren und aus dem beständigen Umgang mit ihm ihre Kenntnisse schöpfen konnten. Das erste Buch umfaßt das ganze Leben des Heiligen mit Ausschluß seines Sterbens und erhält seinen Wert überdies in seiner anschaulichen Schilderung der Belagerung von Arles durch die Franken. Das zweite Buch wendet sich mehr den Wunderthaten des Lebenden wie des Toten zu und schließt mit einer Darstellung von Tod und Begräbnis. Abgefaßt ist die Schrift in den Jahren 541–549, während der Regierung des Childebert. Den Hauptanteil am gesamten Unternehmen trägt Cyprian von Toulon. Er war am ehesten befähigt, die kirchenpolitischen Begebenheiten im Rahmen des Lebensbildes mit Verständnis aufzufassen; er nahm auch an der Delegation teil, durch die sich Cäsarius auf dem Konzil von Valence vertreten ließ. Seine beiden bischöflichen Genossen in der Verfasserschaft, der eine Inhaber eines bekannten Sitzes, während das Bistum des andern nicht zu ermitteln ist, hatten zweifelsohne früher ebenfalls dem Klerus von Arles angehört, sprachen also aus eigener Anschauung der geschilderten Verhältnisse, wenn sie auch zur Zeit, da sie schrieben, sich auswärts befanden. Für das intime Detail waren jedoch jene beiden andern, die Verfasser des zweiten Buches, die gegebenen Berichterstatter, da sie in dienender Stellung den Bischof in seinen alltäglichen Beschäftigungen immer umgaben. Messianus versah im Gefolge des Cäsarius die Stelle eines Kanzlisten; er hatte seinen Herrn auch auf seiner Reise nach Italien im Jahre 513 begleitet und im Jahre darauf dem Papste Symmachus zusammen mit dem Abt Egydius das Gesuch um die Vorrechte der Kirche von Arles überreicht. Da er in seiner Stellung als Notarius bei Kirchenvisitationen dem Bischof den Stab voranzutragen hatte, konnte er den wundertätigen Einfluß von Cäsarius Persönlichkeit auf das Volk immer wieder aufs neue ermessen; in den vier Wänden seiner Zelle dagegen beobachtete ihn der Diakon Stephanus, der eben dort den Dienst versah. Für Episoden, die sich fern von einem der Gewährsmänner abgespielt hatten, wußten sie einen zuverläßigen Berichterstatter aufzutreiben: für die Flucht nach Lerinum zum Beispiel den Diener, der ihn damals begleitet hatte. Außerdem haben sie die Predigten des Cäsarius ausgiebig benützt und verwendet, sowie die uns ebenfalls noch erhaltene Nonnenregel des Bischofs. Endlich haben die fünf Verfasser nach dem Vorbild ihres Meisters einfach und natürlich geschrieben, und so haben wir es mit einem Werke zu thun, das als ganzes genommen alle seine gleichnamigen Genossen überholt; denn die Einseitigkeit der andern Heiligenmemorien ist hier zu einem guten Teil ausgeglichen durch die Mehrzahl selbständiger Verfasser, von denen jeder wieder verschiedene Seiten am Gegenstande sah. So konnte ein rundes und allgemeines Lebensbild erzielt werden, wie es sonst bei der Befangenheit jeder zeitgenössischen Darstellung von ~einer~ solchen nicht zu erhoffen war. In so früher Zeit dürfte überhaupt eine Gestalt der Geschichte selten sein, an der sich aus lauter Quellen ersten Ranges ein genügender Einblick in den Verlauf eines bedeutenden Menschenlebens gewinnen läßt; bei Cäsarius von Arles aber ist es entschieden der Fall und soll in der biographischen Lebensskizze in Kürze geschehen[066-1].

Cäsarius wurde im Jahre 469/470 im burgundischen Reiche geboren. Seine Eltern waren vom Adel. Auf ihrem Landsitz wuchs er heran und suchte schon im Alter von sieben Jahren die armen Leute auf. Als junger Mensch führte er eine Zeit lang ein standesgemäßes Leben und versagte sich nichts. Dann erfaßte ihn plötzlich Eckel; ohne seinen Eltern etwas zu sagen, begab er sich zu Bischof Sylvester von Chalons und ließ sich von ihm scheeren und zum Diakon weihen. Dort blieb er zwei Jahre bis er zwanzig war, wünschte dann aber sich im geistlichen Leben noch auszubilden. Glücklich erreichte er mit einem treuen Diener das Kloster Lerinum, obschon seine besorgte Mutter durch besondere Sendlinge das möglichste gethan hatte, um seine Flucht zu hintertreiben. Jene kleine und ebene Insel stand damals in der ganzen Welt im Rufe strengen klösterlichen Lebens, und stets gingen künftige Bischöfe aus den Reihen der Mönche hervor. Cäsarius nahm seine Gelübde sehr ernst, so ernst, daß er oft an der Möglichkeit verzweifelte, seine Fehler überhaupt noch abzulegen. Abt Porcarius jedoch wußte ihn zu schätzen, und als er selbst sich zu alt fühlte, ließ er jenen vor den Mönchen predigen; er bestallte ihn überdies zum Speisemeister. In seinem frommen Eifer gab sich Cäsarius zuerst Illusionen über die Vortrefflichkeit seiner Mitbrüder hin, allmählich aber gingen ihm die Augen auf, daß es eben Menschen waren. Putzsucht, Schlemmerei und andere eines Heiligen unwürdige Gelüste kamen ihm täglich vor, da er in seiner Stellung als Verwalter derlei befriedigen sollte. Als er nicht nachgab und allen diesen Zumutungen stand hielt, wurde seine Lage unhaltbar. Man intriguierte gegen ihn; der greise Abt erlag schließlich den Einflüsterungen der Gegner und desavouierte ihn. Mit seiner Entsetzung vom Amte erkrankte Cäsarius auch noch fieberhaft; sein Körper war durch übertriebene Bußübungen zu hart mitgenommen. Der Abt, bange, der Bruder werde es nicht überstehen, wünschte ihn der strengen Klosterzucht enthoben zu sehen und verfügte die Uebersiedelung nach Arles in die Hände berühmter Aerzte. In Arles nahmen sich ein hochgestellter Mann, Firminus, und dessen Gemahlin Gregoria des Kranken an und sorgten auch später für die weitere Ausbildung durch einen Rhetor Pomerius; denn in Dingen der Bildung ließ der Mönch noch zu wünschen übrig. Aber diese Bemühungen verfingen nicht allzu sehr bei Cäsarius: es war ihm an weltlicher Weisheit nicht eben viel gelegen, wie er denn nicht, was man heißt, begabt war. Er verstand sich daher auch nicht auf die blühende Redeweise der gallischen Rhetoren, sondern drückte sich einfach und bescheiden aus. Der Bischof von Arles, bei dem er durch seine Gönner eingeführt, und als aus Chalons gebürtig vorgestellt wurde, freute sich, einen Landsmann zu treffen; er hatte die Eltern wohl gekannt und bei näherer Bekanntschaft stellte sich heraus, daß sie überhaupt noch entfernt verwandt waren. Auf Ansuchen des Abtes von Lerinum nahm er die Priesterweihe an Cäsarius vor. Obwohl dieser damit in den geistlichen Verband der Kirche von Arles überging, befolgte er doch nach wie vor den Psalmenkanon und alle Regeln seines Klosters. Als dann im Jahre 499 auf der Arles unterstellten Insel die Klosterzucht nachließ und der Abt gestorben war, beauftragte der Bischof seinen Verwandten mit der Reform. Cäsarius unterzog sich der Aufgabe und wurde den kühnsten Erwartungen gerecht. Zu jener Zeit nun begann Bischof Aeonius alt zu werden und hatte nur noch einen Gedanken, nämlich bei Klerus, Bürgerschaft und beim Könige die Wahl seines Vetters sicher zu stellen. So kam es, daß Cäsarius, der erst dreißig Jahre alt, schon Abt geworden war, nun gar noch, kaum dreiunddreißig, Primas von Gallien wurde. Diese außerordentliche Ehre war durchaus nicht nach seinem Sinne; er suchte sich ihr gewaltsam zu entziehen, indem er sich auf dem Kirchhof hinter den Grabsteinen verbarg. Alarich, der König der Westgothen, dem Arles damals botmäßig war, hatte diese Wahl bestätigt, obwohl der Gewählte ein Ausländer sei. Immerhin wußte ihn einer der bischöflichen Kanzlisten namens Licinianus durch Zwischenträger beim Könige zu verleumden; die Folge war Cäsarius’ Verbannung nach Bordeaux im Jahre 505. Dort verbrachte er einen Winter mit Ruricius, seinem bischöflichen Kollegen von Limoges, und errang sich durch seine furchtlose Hilfeleistung bei einer Feuersbrunst die rückhaltlose Verehrung der dortigen Bevölkerung. Unterdessen war zu Hause seine Unschuld an den Tag gekommen; er durfte frei in seine Stadt zurückkehren, und nur seiner Fürbitte hatte es der Verleumder zu danken, daß er nicht um seinen Kopf kam. Am 11. Sept. 506 trat in Agde das Konzil der katholischen Bischöfe des westgothischen Reiches zusammen, 507 ein gleiches in Toulouse. Da Cäsarius als Metropolit die Beschickung des Landeskonzils für jeden Bischof verbindlich erklärte, ansonst die brüderliche Gemeinschaft suspendiert werden müßte, überwarf er sich mit Rusticius von Limoges, der ihm grob erklärte, es sei ihm doch noch lieber, wenn die Stadt des Bischofs wegen, und nicht der Bischof der Stadt wegen bekannt sei. Kurz darauf mußte dann aber der innerkirchliche Zwist vor den weltgeschichtlichen Ereignissen verstummen, die nun eintrafen. Alarich war bei Veuillé von Chlodowech geschlagen worden und gefallen. Die siegreichen Franken drangen bis in die Provence vor und belagerten mit den verbündeten Burgundern Arles. Wohl versammelte der ostgothische König Theodorich auf den 24. Juni desselben Jahres 508 das Heer, das dann in der That die schwerbedrohte Stadt entsetzen sollte. In der Zwischenzeit aber litt sie und nichts kann uns mit größerer Verehrung vor ihrem jungen Erzbischof erfüllen, als die Unerschrockenheit und die selbstlose Hingabe, mit denen er in diesen Tagen höchster Not und Gefahr seine Pflicht that. Er hatte eben im Südosten der Stadt ein Nonnenkloster bauen und es sich nicht nehmen lassen, selbst mit Hand anzulegen. Nun mußte er es von der Stadt aus mit eigenen Augen ansehen, wie die Franken und Burgunder, übrigens entgegen dem Tagesbefehle Chlodowechs und trotz starker Sympathien im burgundischen Heere, den Bau größtenteils wieder niederrissen und Steine und Holz für ihre Sturmwälle benutzten. In Arles selbst wurde er schwer verleumdet. Vor wenigen Jahren hatte er seiner burgundischen Freundschaft wegen in die Verbannung gehen müssen, und nun waren in mehr als einer Stadt die katholischen Bischöfe offen zu Verrätern des westgothischen Vaterlandes geworden. Zum Unglück war auch ein Chorherr des bischöflichen Kapitels, zudem ein Verwandter des Cäsarius, aus Furcht vor der drohenden und in jenen Zeiten kaum erträglichen Gefangenschaft nachts an einer Strickleiter über die Mauer hinunter zu den Feinden übergelaufen. Es schien, als sei es um Cäsarius geschehen. Das Volk wollte ihn in die Rhone werfen. Er wurde aufs strengste im Palatium bewacht, sein Haus von Arianern bezogen. Am meisten hatten die Juden gegen ihn gehetzt, weil er auf dem Konzil von Agde im Jahre 506 ein altes Verbot mit den Juden zu speisen von den Klerikern auf alle Katholiken hatte ausdehnen lassen. Da wurde aber bei einem Ausfall der Belagerten ein an einem Stein befestigter Brief gefunden, den ein Areletenser Jude, als er den Wachtdienst versah, zu den Feinden hinübergeschleudert hatte: er verriet die Mittel zur Einnahme der Stadt mit der Erwartung, daß dann Freiheit und Besitz aller Juden in Arles unangetastet bleibe. Die gothischen Machthaber ließen nun Cäsarius frei und verhafteten die Juden. Auch rückte jetzt das ostgothische Ersatzheer heran, und es siegte. Arles wurde dadurch mit Gefangenen angefüllt, und Cäsarius übernahm die Fürsorge für diese Unglücklichen. Dabei nahm er auf die heidnischen Franken und die arianischen Burgunder genau die gleiche Rücksicht wie auf die gefangenen Katholiken. Aus dem reichen Kirchenschatz schaffte er Nahrung und Kleider. Als dieses Hilfsmittel erschöpft war, ließ er mit Axthieben die reichen silbernen Verzierungen im Innern der Hauptkirche von den Säulenuntersätzen und den Schranken abtrennen; ja schließlich schmolz er die heiligen Gefäße ein, man denke sich unter welchem Widerspruch der Kleriker. Er hatte darauf die schöne Antwort: »Möchten doch gewisse Herren Bischöfe und sonstige Geistliche mir Rede stehen, die aus ich weiß nicht was für einer Liebe zu überflüssigen Dingen nicht wollen, daß man fühlloses Silber und Gold aus den Schatzkammern Christi für Knechte Christi verwende, wenn sie selbst zufällig von einem solchen Unglück betroffen wären, ob sie es dann auch für Tempelschändung erklären würden, wenn ihnen jemand mit den gottgeweihten Gaben zu Hilfe käme? Ich glaube nicht, daß es Gott mißfällt, Dinge, die zu seinem Dienst bestimmt sind, zum Lösegeld zu verwenden, da er sich selbst für die Menschen zum Lösegeld dahingab.« Im festen Gottvertrauen setzte der Bischof sich und seine nächsten Angehörigen dem Mangel aus, um den Gefangenen zu helfen. Sein Verwalter erklärte, wenn die Gefangenen auch nur einen Tag weiter unterstützt würden wie bisher, könne er morgen kein Brot beschaffen für den Tisch des Bischofs; warum man denn nicht die Gefangenen einfach in den Gassen betteln lasse. Der Bischof zog sich in seine Zelle zurück und kehrte dann mit wunderbarer Zuversicht wieder. Er lachte den Verwalter wegen seines Unglaubens aus und sagte zu seinem Sekretär Messianus: »Wir wollen heute alles verbacken und morgen wenn es sein muß fasten. Das steht uns immer noch besser an, als Leute aus guter Familie zum Betteln zu zwingen.« Einem Anwesenden aber flüsterte er ins Ohr: »Morgen wird Gott geben, wer den Armen giebt, leidet nicht Mangel.« Der nächste Tag graute: da kamen drei große Getreideschiffe die Rhone herunter; König und Kronprinz von Burgund sandten sie, um Cäsarius in seiner Liebesthätigkeit zu unterstützen, um so mehr als sie wußten, wie viel davon ihren gefangenen Unterthanen zu Gute kam. Auch als Prediger stellte Cäsarius in diesen Schreckenstagen seinen ganzen Mann: »Ja, einen bitteren Rauschtrank kredenzt die Welt ihren Liebhabern. Zu euch spricht jetzt die rauhe Wirklichkeit, ihr Liebhaber der Welt: ›Wo ist das was ihr so hoch hieltet und nicht fahren lassen wolltet?‹«[069-1].

Dem Kriege folgte eine so große Sterblichkeit, daß die noch Lebendigen kaum ausreichten, die Toten zu begraben. Die Umgegend war verwüstet, ganze Provinzen deportiert, besonders schrecklich war das Los der Frauen: vornehme Damen waren zu Mägden geworden. Um so mehr mußte für Cäsarius darin eine Aufforderung liegen, seine Gründung eines Nonnenklosters wieder aufzunehmen. Seine Schwester Cäsaria hatte er nach Marseille in das Frauenstift des Cassianus gesandt, damit sie dort das Leben nach der Regel erlerne. Darauf war sie einem neuen Hause neben der Kirche von Sankt Stephan vorgesetzt gewesen, während zwei oder drei Gefährtinnen bereits Einzelzellen bezogen hatten, bis endlich am 26. August 512 das Kloster eingeweiht wurde. Die Zahl der Nonnen stieg im Lauf der Jahre auf zweihundert. Im folgenden Jahre wurde Cäsarius vor den Ostgothenkönig Theodorich geladen und unter militärischer Eskorte nach Ravenna abgeführt. Die Gründe der Anklage sind unbekannt und mögen mit dem Klosterbau zusammenhangen. Jedenfalls wußte Cäsarius auch diese Verdächtigung durch die bloße Darlegung des Sachverhalts zu entkräften, und Theodorich sah sich bewogen, den Bischof noch ausdrücklich durch ein kostbares Ehrengeschenk auszuzeichnen. Cäsarius verkaufte die silberne Platte und löste mit dem Gelde Gefangene aus; er veranlaßte durch dieses sein Beispiel überdies reichliche Liebesgaben großer Herren, durch die der Loskauf fast aller in Italien noch gefangenen Burgunder möglich wurde. Uebrigens scheint Cäsarius von Theodorich nicht nur als Kirchenmann, sondern auch als politischer Vertreter der Stadt Arles zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Von Ravenna reiste er nach Rom und wurde von Papst Symmachus sowie dem römischen Adel sehr ehrenvoll aufgenommen. Es galt am apostolischen Stuhl einige fragwürdige Angelegenheiten zu erledigen. Zunächst hatte Cäsarius, um das Geld zum Klosterbau aufzutreiben, arelatensischen Kirchenbesitz veräußert und damit ein schlechtes Beispiel gegeben, das nicht ermangelte, befolgt zu werden. Im Kloster selbst trat bald der Uebelstand zu Tage, daß die Nonnen, ob sie wollten oder nicht, von Freiern zur Heirat entführt wurden. Cäsarius bestand überdies auf dem noch von seinem Vorgänger gehandhabten Recht, eine durch Klerus und Bürgerschaft zu Stande gekommene Bischofswahl als Metropolit zu bestätigen und wollte weltliche Würdenträger zum geistlichen und gar zum bischöflichen Stande nicht zulassen, ohne über Jahre zurück ihren Leumund in Erwägung zu ziehen. Außerdem war dieses ein Jahrhundert alte Privilegium des Stuhles von Arles auf den Primat von ganz Gallien nun durch die diplomatischen Künste des Avitus von Vienne sehr ins Schwanken geraten. Trotz dieser mannigfaltigen und vielfach zweifelhaften Umstände erzielte Cäsarius mit seiner Anwesenheit am päpstlichen Hofe einen vollen Erfolg, und schon ein Jahr darauf sah der Erzbischof von Arles seine Rechte eines apostolischen Vikars nicht nur über Gallien, sondern auch über Spanien ausgedehnt. In Rom hatte Cäsarius auch starke liturgische Eindrücke in sich aufgenommen und traf sofort Anstalten, den römischen Ritus in Gallien einzubürgern. Namentlich aber brachte er ein Vermögen von achttausend Goldstücken als Fonds für den Rückkauf der Gefangenen mit nach Hause; er organisierte eine ganze Beamtenschaft aus Aebten und Klerikern, um die Armen zu befreien, und begab sich selbst in dieser Angelegenheit nach Carcassone. Papst Hormisdas, der 514 Symmachus nachfolgte, sicherte dem Kloster von Arles den Schutz des heiligen Stuhles zu und legitimierte, wenn auch nicht ohne Zögern die im Grund unrechtmäßigen Vergabungen, die vom Kirchengut an das Frauenstift geschlagen worden waren. Im April 515 fand das von Cäsarius einberufene zweite Konzil von Arles statt, an dem siebzehn Bischöfe teilnahmen, dessen Beschlüsse uns jedoch unbekannt geblieben sind. Auch das Weihfest der Marienkirche im Jahre 524 gestaltete sich zu einer Synode, ebenso vier Jahre später die Kircheneinweihung von Orange; dort bekämpfte Cäsarius den Semipelagianismus des Erzbischofs von Vienne. Auf dem Konzil des Jahres 529 brachte er dagegen die liturgische Bewegung in Fluß; es handelte sich darum, die italienische Praxis in folgenden Punkten zu befolgen: ob alle Pfarrer jüngere ledige Lektoren bei sich haben und mit ihnen die Psalmen, Vorlesestücke und heilige Schrift studieren sollten, um sich so ihren Nachfolger heranzuziehen, ob das Kyrie eleison und in allen Messen das dreimalige Sanktus zu sprechen sei und ob nach jedem Schluß hinter dem »Gloria« nicht ein »Wie es war im Anfang« zu folgen habe, um die arianische Irrlehre Lügen zu strafen. Bis jetzt hatten Presbyter und Diakone nur das Evangelium lesen dürfen; nun sollte ihnen auch das Predigen erlaubt werden und zwar nicht nur denen in der Stadt, sondern auch denen auf dem Lande. Für sie hatte nun Cäsarius ein Vademecum verfaßt, ein Handbüchlein, mit Predigten, die an Festen und Feiertagen hergesagt werden konnten. Auch wurde beschlossen, der Name des regierenden Papstes sei in den Dorfkirchen der Provinz von Arles zu nennen. Auf dem Konzil von Marseille vom Jahre 533 mußte der Bischof von Rei wegen Ehebruch und Diebstahl, deren er geständig war, seines Amtes entsetzt werden; auf Cäsarius Veranlassung waren die strengsten Maßregeln ergriffen worden, den Fehlbaren unschädlich und, was er veruntreut hatte, wieder gut zu machen. Papst Johannes billigte sein Vorgehen; leider aber lieh sein Nachfolger Agapet dem Bösewicht Contumeliosus Gehör, und obwohl auch die von ihm eingesetzte Revisionskommission die ersten Verfügungen im Ganzen bestätigte, mußte sich Cäsarius die päpstliche Ungnade in sehr fühlbarer Form gefallen lassen. Als Arles dann in fränkischen Besitz überging, 536, war Cäsarius bereits ein alternder Mann. Noch hatte er bei König Theudebert sich einer Botschaft des Papstes Vigilius zu entledigen, am 6. Mai 538, und wirkte in allgemeinen Kirchenfragen noch mit seinem bewährten Rate mit. Doch hat er an keinem fränkischen Konzil teilgenommen, er war zu leidend und fiel oft in Ohnmacht. Als er seinen Tod herannahen fühlte, ließ er sich in das Nonnenkloster hinübertragen, um sie zu trösten, nahm Abschied von den Schwestern und kehrte nach der Stephanskirche zurück. Vierzig Jahre lang hatte er der Kirche von Arles vorgestanden und dreißig waren vergangen, seit er das Kloster gegründet hatte. Am Morgen nach dessen Weihetag ist er gestorben, den 27. August 542. An der Trauer um ihn ließ sich erkennen, wie er geliebt war. Sogar die Juden, die ihn einst verleumdet hatten, schlossen sich dem Leichenzuge an. Begraben ist er in der Marienkirche neben der Schwester, die ihm im Tode vorangegangen war.

In dieser kurzen Skizze von Cäsarius Lebensgang sind allerdings die Mitteilungen der Doppelvita aus andern Quellen ersten Ranges ergänzt und gelegentlich sogar berichtigt; aber diese liefert doch den fortlaufenden Zusammenhang, ohne den ein Gesamtbild undenkbar wäre. Immerhin sind die exakten chronologischen Daten, die uns die Vita zu erschließen ermöglicht, von ihr als einer echten Memorie nur vermittelt, nicht aber selbst geliefert. Die zweite Vita, die sich überhaupt mehr der innerlichen Wirksamkeit des Cäsarius zuwendet, gibt dementsprechend keinen einzigen Anhaltspunkt zu chronologischer Fixierung. Dagegen enthält die erste von den drei Bischöfen verfaßte Schrift nicht weniger als zwölf historisch sichere Zeitangaben: doch beweist sie ihren Charakter einer Memorie eben dadurch, daß nicht sie selbst die Jahreszahlen ausdrücklich mitteilt, sondern diese, ohne äußere kalendarische Mittel zu Rate zu ziehen, auf inner biographischem Wege umschreibt.

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Um aus unserer Uebersicht über die spätlateinischen und altgallischen Heiligenmemorien die Summe zu ziehen, muß vor allem erinnert werden, die erste und wichtigste unter ihnen sei zugleich ohne Vorgänger, sondern der unvermittelte Urheber der ganzen Gattung. Das Martinsleben des Sulpicius Severus ist nämlich von den Heiligenschriften des Rufinus unabhängig und wohl überhaupt etwas älter als sie, indem es 400–402, während diese 402–404 verfaßt sind. Höchstens der gemeinsame Einfluß des Hieronymus kann sich spürbar machen. Im Unterschied von Hieronymus gebührt dem weit weniger begabten Rufin das Verdienst, christliche Einsiedler des Morgenlandes auf Grund wirklicher Kenntnisse geschildert zu haben. Er hat es hauptsächlich auf die Darstellung einmal der Seelenkämpfe und dann der Wunderkraft abgesehen. Ein langjähriger Aufenthalt in Aegypten hatte ihn mit der Gedankenwelt und den Lebensgewohnheiten der Mönchskolonien vertraut gemacht und er verdient als Berichterstatter Zutrauen, da er von Natur nicht eben an einem Uebermaß von Erfindungsgabe litt. Zwar kleidet er seine Erzählung in die damals beliebte Form der Reisenovelle, aber schon nach dem ersten Kapitel versagt die Kunst. Er bleibt ein trockener Aufzähler, ohne alle Mannigfaltigkeit des Ausdrucks. Auch wuchert es von Wundergeschichten: Kranke werden geheilt, wilde Tiere in den Dienst der Menschen gezwungen, Räuber entwaffnet, ein heidnisches Idol samt seinen auf einer Prozession begriffenen Begleitern auf die Stelle gebannt und anderer Dinge mehr[073-1]. Obwohl eigene Anschauung den Schilderungen zu Grunde liegt, kann doch von eigentlichen Memorien in dem hier entwickelten Sinne nicht die Rede sein.

Andrerseits ist der Memoriencharakter jener andern ausschließlich römischen Gattung von Heiligenlitteratur nie ganz abhanden gekommen, die im Unterschied von der ausführlichen Einzelvita eine ganze Sammlung kürzerer Lebensskizzen enthält. Mit Rufin anhebend, fand sie ihre Krönung im Dialogenwerk Gregors des Großen. Auch ihm fehlt es nicht an memorienhaften Zügen und darum auch nicht an echtem Leben. Wer verweilte nicht mit stiller Freude vor jenem italienischen Idyll, von dem sich der Papst hatte erzählen lassen, dem demütigen Bischof Bonifacius von Ferent[073-a], der seinen Leuten die verhagelte Weinernte wieder einbringt, der zwölf Goldstücke, den Erlös vom verkauften Pferde seines Neffen, diesem stiehlt und den Armen schenkt, sie aber dann wieder zusammenbetteln muß, um nicht als Dieb dazustehen, den vorüberziehenden Gothen ein Faß Wein auf den Weg mitgibt, in Jesu Namen die Kohlraupen aus seinem Garten scheucht und mit demselben Mittel einem Fuchs das geraubte Huhn abjagt!

Zweiter Abschnitt.

Die Forschung.

Die Heiligenmemorie, noch ein Erzeugnis des römischen Geistes, war als litterarische Gattung erstarkt und ausgebildet, bevor die junge fränkische Kultur diesen geistigen Betriebszweig übernahm und einstweilen als den einzigen ihr litterarisch möglichen weiterpflegte. Blieb nun aber wirklich die Kenntnis von den Heiligen auf die Aufzeichnung unmittelbarer persönlicher Erinnerung beschränkt? Wie, wenn man der Erinnerung mit den Mitteln gelehrter Erkenntnis nachträglich aufhalf und so die Lücken der persönlichen Befangenheit überwand? In der That stellt sich die Fortbildung der Heiligenlitteratur im merowingischen Zeitalter, ideal betrachtet, unter diesem Gesichtspunkt dar. Nicht nur Gregor von Tours, sondern auch einige vor und nach ihm haben sich dem Bann eines einzelnen Heiligen entzogen und ganze Gruppen beschrieben.

Um indessen der Hoffnung auf eine Bereicherung unserer heutigen Erkenntnis vorzubeugen, sei eine Erwägung allgemeiner Natur vorausgeschickt. Erst unsere Zeit hat es zu einer Wissenschaft gebracht, die unter Verzicht auf die eigenen Wünsche nur den Gesichtspunkt sprechen läßt. Alle frühere Wissenschaft ist sozusagen egoistisch. Sie gründete sich auf ein persönliches Interesse, um dessentwillen der Gegenstand studiert wurde. Die Ergebnisse einer solchen Forschung werden nun in dem Maße als Quellen brauchbar sein, als die Gesinnung, in der sie verfaßt wurden, rein und lauter war. Je mehr aber die unmittelbare Liebe zum Gegenstand durch fremde Zwecke abgelenkt wurde, desto verdächtiger wird dann auch das Zeugnis. Wir haben feststellen müssen, daß die Memorie ihrem Wesen nach nicht im Stande ist, eine Figur zeitgeschichtlich aufzufassen, aus dem natürlichen Grunde, weil der Erzähler selbst in dieser Zeit mitten drin steht und daher nicht über sie hinaus zu sehen vermag. Wir durften das feststellen in einer Zeit, da sich Psychologie und Chronologie zum biographischen Kunstwerk verbunden haben. Aber eben das bewahrt uns davor, in der Forschung, wie wir sie damals neben der Memorie und aus ihr heraus erwachsen sahen, einen Fortschritt im Sinne einer Bereicherung unserer Kenntnisse zu erblicken. Vielmehr wird es im folgenden unserer Weisheit letzter Schluß sein, daß damals die Memorie nach wie vor der eigentliche Kern der historischen Treue bleibt und daß jeder Betrieb der Forschung durch Gelehrte die Ueberlieferung öfter getrübt als geklärt hat. Je mehr und je reineres persönliches Andenken vorliegt, mag es an sich noch so befangen sein, desto wertvoller ist und bleibt das Zeugnis. Nachträgliche Forschung dagegen kann uns höchstens als Ersatz für die nicht mehr mögliche Erinnerung willkommen sein, so lange nicht geradezu ein wissenschaftliches Werk im heutigen Sinn erwartet werden darf, das dann allerdings eben die Entfernung vom Gegenstande sich zum Vorteil wendet durch das freie und liebevolle Verständnis des Helden aus Zeit und Umgebung heraus.

Wie alle geschichtlichen Anfänge, ist auch der Anfang des spezifisch merowingischen Heiligenlebens unserer Kenntnis entzogen. Trotz vereinzelter Spuren, daß es vor Fortunat und Gregor merowingische Heiligenschreiber gegeben hat, ist sicheres darüber nicht auszumachen. Immerhin mögen einige dieser Schriften nicht streng memorienhaften Charakter getragen haben, sondern eher aus einer Art Annalistik hervorgegangen sein oder sich direkt an die Form der alten römischen Protokolle eines Märtyrerprozesses angelehnt haben. So überrascht in einem durch Gregor uns aufbehaltenen Fragment einer Saturninspassion[075-a] das präzise Datum: »Unter dem Konsulat des Decius und Gratus« — nie hat sich etwas dergleichen in einer Memorie blicken lassen. Mit dieser Schrift fällt auch die alte Julianspassion unter eine litterarische Rubrik, die sich, der ›Vita‹ entrückt, unzweideutig als Abkömmling der römischen Märtyrerakte zu erkennen gibt[075-b]. Allem nach war auch jene Schrift über den Todeskampf des arvernischen Märtyrers Liminius eine Passion[075-c], wie auch für Vincenz von Agen und Genesius von Bigorre solche verzeichnet werden[075-d]. Die Passion des Felix von Nola hatte Gregor nicht zur Hand, als er aus ihr schöpfen wollte[075-e]. Ein altes Symphoriansleiden dagegen, auf das er sich beruft, ist auch uns noch erhalten, ebenso vielleicht seine Ferreolus- und Ferruciuspassion[075-f]. Von diesen ›Leiden‹ unterscheidet Gregor zehn Heiligenleben: die darin beschriebenen Männer sind Remigius, Patroklus, Hilarius, Maximus, Symeon, Romanus, Bibianus, Marcellus, Medardus, Albinus[075-g]. Das Albinsleben bezeichnet er als von Fortunat und das Maximusleben als in Versen verfaßt. Da jedoch aus solchen zerstreuten Andeutungen nicht klug zu werden ist, greifen wir eine andere Folge von Spuren auf, die uns unmittelbar zu Venantius Fortunatus und damit zum festen Ausgangspunkt unserer Erörterungen hinführen.