Chapter 16 of 20 · 6133 words · ~31 min read

Achtes Kapitel.

Ortsheilige.

Bei mythischen Heiligen, wie Mithra-Georg oder Donar-Kummernus, liegt die Natur der Legende in der Eigenschaft unstet zu wandern, überall und nirgends zu Hause zu sein. Nun kennt die Legende jedoch andere Heilige, die zwar nicht weniger einer geschichtlichen Unterlage entbehren, aber insofern doch weit eher scheinen gelebt zu haben, da sich ihr Andenken an bestimmte Orte knüpft. Es handelt sich dann entweder um den örtlichen Niederschlag einer Wanderlegende oder um die Umtaufe einer Gaugottheit mit begrenzter Machtsphäre.

1.

1. In alten Saturninsakten fand Gregor von Tours folgenden Passus [175-a]: »Unter dem Konsulat des Decius und Gratus begann gemäß einer zuverlässigen Erinnerung die Regierung des Saturninus als ersten Bischofs der Stadt Toulouse?« Seinerseits fügt Gregor eine Mitteilung bei, die eine solche Aufrichtung bischöflicher Sitze in Gallien um 250 zur Siebenzahl erweitert und als Erfolg einer von Rom aus organisierten gallischen Mission darstellt: »Zur Zeit des Decius wurden sieben Bischöfe ordiniert und zur Predigt nach Gallien abgesandt, wie die Historie der Passion des heiligen Märtyrers Saturninus erzählt«. Folgt das angeführte Zitat, worauf Gregor fortfährt: »Diese Abgesandten waren in Tours Bischof Gatian, in Arles Bischof Trophimus, in Narbonne Bischof Paulus, in Toulouse Bischof Saturninus, in Paris Bischof Dionysius; in Arvernum Bischof Stremonius; in Limoges Bischof Martialis«. Es entsprach dem kirchlichen Bedürfnis, alte und angesehene Bischofssitze mit dem Namen irgend eines Gründers zu versehen. Wenn möglich sollte es ein Märtyrer sein. Aber schließlich wenn es überhaupt nur ein Name war. Welche Gestaltungen dieser Trieb annehmen konnte, zeigt sich am lehrreichsten bei Dionysius von Paris. Gregor also nennt einen ersten Bischof dieser Stadt mit einer doppelten Ergänzung, daß er in der Mitte des dritten Jahrhunderts gelebt habe und von Rom gekommen sei. Auch hier wird Gregor wenigstens scheinbar von Fortunat unterstützt. Denn dessen Gedicht auf Dionysius ist wahrscheinlich pseudepigraph; es hat folgenden Inhalt[175-b]: »das Christenvolk soll mit lauter Stimme und von Herzen den mutigen und treuen Streiter besingen, den Märtyrer Dionys, der dem Himmelsfürsten nachfolgte. Abgesandt durch Clemens, den Oberpriester von Rom, kam er von dieser Stadt zu uns, auf daß der Same des göttlichen Wortes in Gallien Früchte trage. Er hat den heiligen Bau errichtet, er hat den Glauben der Taufe gelehrt; aber die Verblendung der Zuhörer will nichts vom Geschenk des Lichtes wissen. Als der heilige Oberpriester sich anschickte, das Volk dem Irrtum zu entreißen, während er die Hoffnung des Heiles predigte, mußte er die Qualen des Todes über sich ergehen lassen. Er wird von den Heiden gefangen, er, der die Christusaltäre lieb hatte; aus Liebe für so viel Ruhm, erträgt er willig die Folterungen. Nun mangelte nur eins; sein Leben für seinen König hinzugeben. Der Oberpriester, der Gott im Tempel heilige Opfer darbrachte, vergoß sein köstliches Blut und wurde selbst zum Opferlamm. Glücklich der Märtyrer, der durch seine fromme Wunde und durch seine Todesqualen die himmlische Palme erwarb, der durch seinen Tod den Tod zermalmt hat. Er besitzt nun das Königreich des Himmels.« Als ferner Fortunat, diesmal der echte, an Leontius von Bordeaux anläßlich einer von diesem restaurierten Dionysiuskirche im Jahre 541 ein Gedicht richtet, wird darin das Martyrium des Heiligen des näheren als Enthauptung bezeichnet[176-a]. Die wenigen Thatsachen, die durch den Schleier der vielen zerflossenen Verse hindurch zu erkennen sind, berühren sich nahe mit alten Dionysiusakten, die Fortunat ebenfalls mit Unrecht zugeschrieben wurden[176-b]. Der Verfasser sagt, daß er diese Akten weniger auf Grund schriftlicher Quellen, als auf Grund vertrauenswerter älterer Erzählungen von Mund zu Mund aufgezeichnet habe zum Zweck gottesdienstlicher Vorlesung, ferner erfahren wir hier von einer Dionysiuskirche in Paris, die der Heilige selber errichtet habe, und von einer prächtigen Basilika, die nach seinem Tode über dem Grabe der heiligen Märtyrer an Stelle eines von Catulla ihnen gestifteten Mausoleums mit großen Kosten errichtet worden sei. Auch werden die Bewohner von Paris in den Akten als Germanen bezeichnet und Andeutungen nicht unterlassen, die auf eine nähere Bekanntschaft mit der kirchlichen Topographie von Paris und Umgebung schließen lassen. Aber in einem wesentlichen Punkte bedeuten diese Akten eine beträchtliche Verschiebung des durch Gregor und die Saturninspassion bezeichneten ursprünglichen Standpunktes. Die Zeit der Handlung ist nun nämlich vom dritten Jahrhundert ins erste verlegt. Saturnin von Toulouse und Paul von Narbonne werden zwar noch verschämt an die Zeit herangedrückt »nach dem heilbringenden Leiden unseres Herrn Jesu Christi, dessen Auferstehung, dessen Himmelfahrt und der darauffolgenden Missionspredigt der Apostel an alle Völker«. Dionysius aber wird unverblümt durch Clemens von Rom, dem Nachfolger des Petrus, mit der Mission betraut. Ja aber kannte denn das Neue Testament einen Dionysius, auf den diese Angabe Anwendung fände? Darauf weiß bereits ein Gedicht des Bischofs Eugen von Toledo ungefähr aus dem Jahre 620 Antwort; es lautet: »Himmelsbürger ruft Beifall zu der fröhlichen Weltfackel, die von Himmelshöhen hernieder die Gnade dieses Tages bestrahlt. Der hervorragende Glaube des Märtyrers, das Heiligenleben des Priesters, des edeln Dionys — sie haben heute die Palme empfangen. Das Diadem des himmlischen Königs hat sich auf dem Areopag von Athen eine schimmernde Perle auserlesen — den Philosophen Dionys. Auf Pauli Stimme hin hat der Glaube der Gläubigen einen Spiegel erhalten und der den das Heidentum für sein Bollwerk ansah, wurde zum Sturmwidder, der an es Bresche legte. Leuchtend von wunderbarer Lehre, erhellte er Griechenland, und von da kam der erhabene Lehrer nach Rom. Auf Befehl des Clemens, des Machthabers von Rom kam er nach Gallien, wo er, einer strahlenden Sonne gleich, leuchtete durch den Glanz seiner Wunder und seines Wortes. Endlich hat er den Dämon besiegt, hat er den heiligen Bau aufgerichtet, da erduldete er die gräulichsten Qualen; sein Haupt fällt. Er fährt gen Himmel. Gruß Dir, o Vater, der du den Himmel erworben! Gruß Dir Heiliger, der du auf die Erde zu Besuch kommst. Die jährliche Wiederkehr deines Festes gilt deiner Gegenwart. Bringe, bester Priester, unsere Seufzer und unsere Gebete dar; stärke unsern Glauben, o Märtyrer Gottes, und verleihe uns einen besseren Lebenswandel. Leite mit deinem Beistand unsere gebrechlichen Fahrzeuge durch das Meer dieser Welt, und fällt die Leibeshülle von uns, dann nimm uns, Heiliger, mit Rücksicht auf«. Aus Dionys von Paris ist Dionys vom Areopag geworden. Niemand weiß wie. Und alsobald sind auch jene klementinischen Akten durch areopagitische ersetzt. Hier haben wir die Legende aus zweiter Hand; der Verfasser gibt eine Ueberarbeitung der klementinischen Akten, indem er die Auszüge daraus zugleich mit neuen Angaben versetzt; diese umfassen im allgemeinen folgende Punkte: die Bekehrung Dionys des Areopagiten durch Paulus und seine Ankunft in Rom nach dem Martyrium der Apostel, die Namen dreier seiner Missionskollegen Marcellus von Spanien, Saturnin von Aquitanien und Lucian von Beauveais, der Name des Domitian, die Rede des einen Scharfrichters samt der Antwort des Dionys und seiner beiden Gefährten, und das Wunder, daß Dionys nach seiner Enthauptung seinen Kopf in den Händen trug. Diese Akten stammen wahrscheinlich aus dem achten Jahrhundert, und haben nicht nur dem Patriarchen Methodius von Constantinopel und Alcuin vorgelegen, als sie um 800 jeder auf Dionys dichteten, sondern auch dem Abt Hilduin von St. Denys, als er im Jahre 835 auf den Wunsch Ludwigs des Frommen seine Akten des Areopagiten Dionysius verfaßte, eben das Werk, das den Dionys dem abendländischen Mittelalter erschlossen hat[177-1]. Rechnet man hinzu, daß dieselbe Umtaufe im Morgenland einem anonymen mystischen Schriftsteller des fünften Jahrhunderts zu Theil geworden war, der nun mit seinem litterarischen Inventar zum Bischof von Paris stieß, nicht zu vergessen das gesteigerte Interesse, das im elften Jahrhundert der erbitterte Streit der beiden Klöster Emeran und St. Denis um die Reliquen des Heiligen an den Tag legte[177-2], so haben wir das elementare Anwachsen der Tradition aus unscheinbaren Anfängen zu einer Macht an einem besonders instruktiven Beispiel beobachtet.

Im Kleinen mag sich ähnliches oft genug ereignet haben; namentlich die sachte Verschiebung eines mehr oder weniger historischen Namens des vierten oder dritten Jahrhunderts ins erste kehrt fast mit der Häufigkeit einer Regel wieder. Sie zeigt sich bei Trophimus von Arles überdies in einer neuen Verbindung; sonst verfolgte der römische Legendenstrom, der sich über Gallien verbreitete, weiter keinen Zweck, als die Traditionen der einzelnen Bistümer zu adeln. Bei Trophimus dagegen, dessen Legende im zweiten Jahrzehnt des fünften Jahrhunderts durch Patroklus, den damaligen Bischof von Arles in Umlauf gesetzt wurde, gibt sich zugleich die Tendenz kund, dadurch die Macht des gallischen Episkopats zu stärken, was indessen bei der Stellung von Arles als dem Vorort unter den gallischen Metropolen jener Zeit natürlich erscheint. Papst Zosimus schreibt im Jahre 417 unter anderem[178-a]: »Die Metropole Arles hat keinerlei Anspruch auf ein Vorrecht, da ja doch von Rom aus Trophimus als Oberhaupt in diese Stadt gesandt wurde. Er bezeichnet die Quelle, aus der die Glaubenskanäle durch ganz Gallien gespeist wurden«. Und im Jahre 450 heißt es in einer Eingabe der in Arles unter Erzbischof Ravennius versammelten Bischöfe[178-b]: »In ganz Gallien ist es bekannt, aber auch der Heiligen Römischen Kirche wird es nicht unbekannt sein, daß unter den gallischen Städten Arles zuerst den Sendling des Apostels Petrus, den heiligen Trophimus, als Priester in sich aufgenommen zu haben, das Verdienst hat und von da aus das Gut des Glaubens und der Religion mitteilte.« Solche Stellen sind von Bedeutung, um zu zeigen, wie früh schon, in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts schon, in Gallien die römische und apostolische Gründungssage von Bistümern heimisch war. Zu welchem Umfang und zu welcher Kühnheit sie sich mit der Zeit auswuchs, zeigt nach der Merowingerzeit ein Blick auf die Gründungssagen der rheinischen Bistümer. Maternus, der dreifache Bischof von Köln, Tongern und Trier, war ein naher Verwandter Jesu, ja war niemand anders, als der Jüngling zu Nain. Mainz knüpfte seinen Ursprung an den Paulusschüler Crescens[178-c], der nach der biblischen Nachricht sich nach Galatien gewendet hatte und infolge dessen für Gallien und Zubehör in Anspruch genommen wurde. Metz will durch den Petrusschüler Clemens, Toul durch den Maternusgefährten Mansuetus, einen geborenen Schotten, gegründet sein, und Verdun glaubte sich den Dionysiusschüler Santinus erinnern zu dürfen, nachdem er zuvor in Chartres und Meaux Bischof gewesen sei[178-1].

Aber auch von diesen späten und kräftigsten Beispielen abgesehen, haben fast alle größeren fränkischen Bischofssitze sich nicht begnügt, die Listen ihrer früheren Regenten sei es ganz, sei es bruchstückweise anzufertigen oder für die Lebensbeschreibung der Hervorragenden unter ihnen zu sorgen: sie haben es sich angelegen sein lassen, dem Stuhle eine möglichst apostolische Gründung zu verschaffen, indem man von den missionierenden Aposteln oder Apostelschülern einen am betreffenden Orte sich vorübergehend oder bleibend aufhalten ließ. Narbonne berief sich auf Paulus, Avignon auf Rufus, dieser ist wie Trophimus aus dem dritten Jahrhundert zu der neutestamentlichen Person heraufgerückt, deren Namen er trägt. Ob für Linus von Besançon schon in dieser frühen Zeit der Versuch gemacht wurde, zu dem der Name veranlassen konnte, weiß man nicht. Dagegen beanspruchen sogar Namen ohne biblischen Klang, wie Fronto von Perigueux oder Martialis von Limoges und andere Bürgerrecht in der Apostelzeit[179-1]. Verzichtet man aber auf ein so hohes Alter des Patrons und begnügt sich mit einem Märtyrer der decianischen Zeit oder gar mit einem undatierten Namen, so findet sich wohl schwerlich ein älteres fränkisches Bistum, das damit nicht aufwarten kann.

2.

Sehen wir uns nun aber das Phänomen der Legendenlokalisierung an einem glücklichen Beispiel näher an. Es gibt einen heiligen Moritz im Morgenland und einen heiligen Moritz im Abendland, Moritz von Apamäa und Moritz von Agaunum. Nach allem, was wir nun im allgemeinen über die Legende wissen, insbesondere über ihre Eigenschaft, sich zu verpflanzen und zu übertragen, erwächst uns die Verpflichtung nachzuspüren, ob sich nicht zwischen beiden Sagen ein Zusammenhang erkennen lasse. Der syrische Moritz teilt nun allerdings in hohem Maße mit seinen orientalischen Leidensgefährten Georg, Christoph und den andern, den empfindlichen Mangel einer deutlichen Lebensgeschichte; seine Gestalt ist vor armseligem Inhalt und erbaulichem Dunst kaum festzuhalten. Immerhin springt an ihm ein greifbarer Unterschied von den andern sofort deutlich in die Augen; er tritt nämlich nicht allein auf, sondern an der Spitze einer Kriegerschaar von siebzig Soldaten. Sie heißen die Märtyrer von Apamäa. Wegen ihres christlichen Bekenntnisses vor den Richterstuhl des Kaisers gezogen, lassen sie sich ihrer militärischen Ehrenzeichen berauben; die Qualen, die sie dann zu bestehen haben, sind dreitägiges Gefängnis mit Halseisen, Geißelung mit rohen Ochsenziemern, schließlich entweder Enthauptung oder Flammentod oder verschärfte Kreuzigung. Von den sonst ungenannten Soldaten des Moritz treten drei mit Namen auf: sein Sohn heißt Photinus, der »Leuchtende«, die beiden andern Theodor und Philippus. Gegen die Walliser Lokalsage gehalten, weist diese orientalische Fassung im allgemeinen drei gemeinsame Punkte auf: hier wie dort leidet eine Kriegsschaar, hier wie dort heißt der Führer Moritz, hier wie dort ist Kaiser Maximian der Verfolger.

Ein unvergeßliches Ereignis noch aus der vorchristlichen Aera kann mit seinem die Jahrhunderte beherrschenden Andenken die keltischen Bewohner des Rhonethals zur Aufnahme der morgenländischen Moritzlegende besonders zubereitet haben[180-1]. Im Herbst des Jahres 57 vor Christi Geburt entsandte Julius Cäsar[180-a] den Legaten Servius Galba mit der zwölften Legion und einer Abteilung Kavallerie, im Ganzen mit etwa dreitausend sechshundert Mann Fußvolk und drei- bis vierhundert Reitern ins Wallis, um die Verkehrsstraße über den großen Bernhard für den italienischen Handel zu öffnen. Galba rückt vom See her ein, unterwirft die Nantuaten um St. Maurice, die Veragrer um Martigny und die Seduner um Sitten. Die Bevölkerung stellt Geißeln. Die Rückzugs- und Verbindungslinien zu sichern, legt Galba zwei Cohorten zu den Nantuaten nach Agaunum. Er selbst bezieht mit dem Gros der Legion die große Ortschaft Oktodurum als Winterquartier, am Schlüssel des Passes. Er ließ sich auf dem linken Ufer der Dranse nieder. Aber er hat sich noch nicht eingerichtet, so bricht schon der Aufstand los. Die Hauptmacht des Feindes sammelte sich auf den westlichen Bergen und drohte die Römer von ihren Verbindungen abzuschneiden. In Galbas Kriegsrat ging die Meinung der Hauptleute der Mehrzahl nach dahin, das unvollendete Lager wenn immer möglich zu halten, und nur im Fall der äußersten Not es samt dem Gepäck preiszugeben und sich durchzuschlagen. Schon hatten die Kelten das Lager umgangen und griffen vom Berg und vom Süden her an. Die dort kommandierenden Offiziere, der Centurio Publius Sextius Baculus und der Kriegstribun Gajus Volusenus, meldeten Galba, sie könnten vor der Uebermacht nicht lange stand halten, schon fülle der Feind die Graben und durchbreche den Wall, die Munition gehe aus, die Wallbesatzung sei am Ermatten. Sie rieten zu einem Ausfall mit gesamter Macht. Galba nahm den Vorschlag an. Der Ausfall geschah mit großer Heftigkeit. Aus allen vier Thoren brachen die Truppen aus, und zugleich griff die Wallbesatzung von den Reserven unterstützt den Feind frontal an. Die Reiterei rückte an dem am wenigsten bedrohten gegen die Dranse gelegenen Thor aus, schwenkte rechts um, rollte den rechten südlichen Flügel der Kelten auf und warf ihn auf die westliche Hauptmacht zurück. Hinter der Reiterei war eine Cohorte Infanterie ausgezogen, hatte aber das Lager links umschritten und verlegte nun den Abzug thalabwärts, indem sie zugleich dem Feind in die linke Flanke fiel. Von allen Seiten umzingelt verloren die Kelten den Kopf. Wer zu fliehen vermochte, floh in die Berge hinauf, und kein Versuch wurde gemacht, oben trotz der günstig überhöhenden Stellung Stand zu fassen. Der Kampf hatte früh am Morgen begonnen und sechs Stunden gedauert. Galba will das Waffenglück nicht weiter auf die Probe stellen; von Feinden rings umgeben, in seinen Verbindungen bedroht und ohne genügende Vorräte für den Winter brennt er Oktodurum nieder und tritt den Rückmarsch ins römische Gallien an. Indessen war ein Teil der Kelten auch von der Flucht in die Berge abgeschnitten und konnte sich nur noch thalabwärts retten. Unterwegs schloß sich die Thalbevölkerung, Männer und Frauen der Flucht an. Verfolgt wurden sie von den Reitern und einigen Kohorten. Nun hatten aber auf die Kunde vom entsponnenen Kampfe, die bei dem geordneten ständigen Verkehr zwischen den beiden Lagern sogleich nach Agaunum geleitet worden war, die beiden dort liegenden Kohorten sich in Marsch gesetzt und vor dem Engpaß unweit von Agaunum sich entwickelt, um jedem Befehle Galbas sofort folgen zu können. Ihnen liefen die flüchtigen Gallier in die Arme. Als sie rings umklammert keinerlei Rettung sahen, massierten sie sich auf einen Hügel, eine Viertelstunde von Agaunum entfernt, und ließen sich ohne jede Gegenwehr bis auf den letzten Mann niedermetzeln. Es ist nicht das einzige Beispiel, daß Germanen oder Kelten nach tapferem aber erfolglosem Kampfe widerstandslos mit fatalistischer Indolenz den Tod an sich herankommen ließen. Die Zahl der bei Oktodurum Erschlagenen, die von Agaunum wohl eingerechnet, beziffert Cäsar auf zehntausend. Im Gedächtnis des Walliser Volkes blieb nun aber weniger die verlorene Schlacht haften, als die erbarmungslose Niedermetzlung einer ganzen großen Menschenschaar, ohne daß sich einer wehrte oder einer mit dem Leben davonkam.

An der Spitze der katholischen Geistlichkeit im Wallis stand am Ende des vierten Jahrhunderts einer der tüchtigsten kleineren Prälaten seiner Zeit, der Bischof von Sitten. Er hieß Theodor. Das ist wichtig zu wissen, weil der Heilige dieses Namens ebenfalls dem syrisch-kleinasiatischen Sagenkreis angehörte und sich gewissermaßen als schwächere Kopie des heiligen Georg ausweist: auch er war von vornehmer Abkunft und als Christ geboren, auch er wurde nach den abenteuerlichsten Folterqualen unter Licinius seines Bekenntnisses wegen in seiner Heimat Bithynien enthauptet; auch er wird abgebildet mit einem Speer oder Schwert, einen Drachen zu seinen Füßen oder als Ritter in voller Rüstung. Der erste uns bekannte geschichtliche Träger seines Namens im Abendlande ist eben jener Bischof von Sitten, der 381 auf dem dritten Concil in Aquileja und 390 auf einer Kirchenversammlung in Mailand anwesend war. Da nun die Inhaberschaft eines Heiligennamens seitens eines Kirchenfürsten, zumal die erstmalige, gewiß auch die Verehrung des Patrons in irgend einer Form in sich schloß, so ist die Beziehung dieses Bischofs zu einem fernen Sagenkreise nachgewiesen, dem Theodor sowohl wie Moritz angehörten. Aber diesem selben Bischof von Sitten schreibt die Lokaltradition die Hebung der Reliquien von Agaunum zu. Er war somit durch seinen Namenspatron an der Verehrung der morgenländischen Kriegsheiligen und durch sein Amt an der erforderlichen Umwertung des Kultus der heidnischen Märtyrerschaar persönlich beteiligt. Auch ohne bewußte kluge Berechnung, nur infolge höherer Schwellung seiner Gefühle kann sich in seiner Brust die Verschmelzung der fremden christlichen Sagen mit der einheimischen heidnischen vollzogen haben. Zu dieser Kombination hat die morgenländische Wandersage den Namen des Anführers und der Truppenabteilung, sowie die Thatsache und Zeit des Todesleidens einer ganzen Kriegerschaar für Christus, die Walliser Lokalerinnerung dagegen den massenhaften Charakter des Martyriums und den Verzicht auf Widerstand beigesteuert. In welcher Fassung die Erzählung vom Heldentod der Märtyrer von Agaunum zuerst in Umlauf gesetzt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls hat es sich um die Thatsache gehandelt: Unter Diokletian und Maximian litt zu Agaunum die Thebäerlegion nebst ihren Anführern dem Primicerius Mauritius, dem Compiductor Exsuperius und dem Senator militum Candidus. In der Mitte des fünften Jahrhunderts, also etwa zwei Menschenalter nach der Konzeption wurde dann dieser Kern durch Bischof Eucherius von Lyon (450–455) schriftstellerisch bearbeitet: Er habe, sagt er in deren Begleitschreiben, die Passion seiner Märtyrer geschrieben aus Furcht, es möchte mit der Zeit ein so großes Martyrium aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden. Er habe sich nach möglichst guten Gewährsmännern umgesehen und sich schließlich an die gehalten, denen Bischof Isaak von Genf das Ereignis auf Grund von Mitteilungen Theodors von Sitten genau erzählt hatte. Eucherius hat sich die ihm nur knapp überlieferte Begebenheit mit erlaubter Freiheit zurecht gelegt: Die Thebäerlegion lagerte in Agaunum. Die Vernichtung einer ganzen Legion setzt ansehnliche andere Truppenmassen voraus. Eine solche Truppenansammlung hatte zur Zeit einer großen Verfolgung keinen andern Zweck, als die Christen zu vertilgen. Ein so unerhörter Strafakt konnte nur auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers geschehen. Im Abendlande konnte das Oberhaupt kein anderes sein, als Kaiser Maximian; dem milden Cäsar Constantius war eine solche Unthat nicht zuzutrauen. Befanden sich aber die Thebäer in der Nähe des Kaisers, so waren sie eine »_legio palatina_« und hießen als solche Thebäer. Da Maximians Hauptquartier Mailand war, so brauchte es einen Marsch von acht Tagen, bis er Agaunum erreichte. Wurde die Legion ermordet, so mußte sie vorher rebellisch gewesen sein; denn nur rebellische Truppen wurden in schweren Fällen mit Decimation bestraft. Die Exekution geschieht in drei Anläufen, zweimaliger Enthauptung des zehnten Mannes und folgender Vernichtung des Restes — dreimalige Blutzeugen der göttlichen Dreieinigkeit, für die in einer besonderen Eingabe an den Kaiser ausdrücklich Zeugnis abgelegt wird. Nach der zweiten Decimierung halten die genannten drei christlichen Offiziere schöne Reden an die Soldaten, auszuharren, ja die Waffen abzulegen und sich wehrlos hinschlachten zu lassen[183-1]: »gleich dem Schaf, das seinen Mund nicht aufthut, überlassen sie sich wie eine Herde von Schafen des Herrn den hereinbrechenden Wölfen; die Erde öffnet sich den sterbenden Leibern, es fließen die Ströme des kostbaren Blutes. Das Volk der Heiligen hat über der Hoffnung des Zukünftigen das Zeitliche verachtet und preist nun bereits, wie wir glauben, als engelgleiche Legion mit jenen Legionen im Himmel den Herrn Gott der Heerschaaren«[183-a].

Neben dieser Darstellung der Walliser Sage fehlt es nicht an allerlei gelegentlichen Zeugnissen. Der Name Mauricius kommt in der Kirchenprovinz Vienne schon im fünften Jahrhundert auf dem Grabstein eines Kindes vor. Eine andere Grabschrift von der Rhonemündung, aus dem Jahre 521 spricht vom 22. September als dem Jahrestag der Märtyrer von Agaunum. Und im Jahre 515 hielt der Erzbischof Avitus von Vienne zu Agaunum die Weiherede. Er knüpft an die verlesene Passion der Märtyrer an: es sei die Lobeserhebung des glückseligen Heeres, aus dessen seligster Schar niemand verloren ging, während niemand entkommen sei; denn über den ungerechten Tod des Heiligen habe gleichsam die Gerechtigkeit des Loses entschieden: zweimal sei es über die sanftmütige Schlachtordnung ausgeworfen worden und dann seien mit den Opfern der zweimaligen Decimierung auch die übrigen als Erwählte versammelt worden. Endlich singt dann auch in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts Venantius Fortunatus den Lobpreis des Moritz und seiner Gefährten:

Als sie Heeresgewalt überfiel, Die Christus verehrten, Als auf sie eindrang der Tod Wie ein gewaltiger Sturm,

Scheuchte die Kälte zurück Vor den inneren Gluten der Seele. Denn in dem eisigen Thal Wärmte der Glaube das Herz.

Du o heiliger Moritz, Du Führer der herrlichen Kriegsschaar, Zogest nicht du Legion Tapferer Männer Dir nach,

Daß sie legten die Schwerter beiseit Und gehorchten dem Paulus? Sterben aus christlicher Pflicht, Schöneres gibt es wohl nicht.

3.

Es ist nicht gerechtfertigt die Sage vom heiligen Moritz und seinen Genossen ohne weiteres mit der Sage von der thebäischen Legion auf gleiche Linie zu stellen. Jene heißen, falls nicht überhaupt nur der Name ihres Anführers figuriert, durchweg die Märtyrer von Agaunum, während man unter der thebäischen Legion auch den mannigfachen Legendenzuwachs mit einbegreift, der sich an die Wallisersage aufgeschlossen und seinen Quellpunkt auf deutschem Gebiet wahrscheinlich überhaupt nicht in der Alpengegend, sondern in Köln hat. Dieser Sagenanhang ist zum Teil sehr alt; schon bei Eucherius folgt dem Massen-Martyrium die Erzählung von dem Einzelmärtyrer Viktor, einem ausgedienten Veteranen, der nicht zur Legion gehört. Auf einer Reise begriffen, trifft er zufällig auf die Soldaten, die über die Beute der Märtyrer vergnügt beim Schmause lagern; er verschmäht die Einladung anzunehmen, bekennt sich als Christ und wird niedergemacht. Ferner werden Ursus und Viktor erwähnt, Genossen der Legion, die zu Solothurn gelitten haben sollen. Des Veteranen Viktor wird nun zwar in der Grabschrift des zweiten Abtes von Agaunum zu Anfang des sechsten Jahrhunderts neben dem Hauptmartyrium besonders gedacht; aber Ursus und Viktor, die nach Solothurn entkommen, öffnen doch eben eine spätere Sagenschicht, da noch Avitus in seiner Weiherede ausdrücklich niemand entrinnen läßt. Wahrscheinlich sind diese Ergänzungen von anderwärts leidenden Thebäern ursprünglich selbständige Sagen, die aber unter ähnlichen Umständen entstanden sein können und sich daher aus Verwandtschaft anschlossen. Sucht auch ein Ereignis wie der Untergang der wehrlosen Kelten vor Agaunum seinesgleichen, so ähneln ihm doch vielleicht kleinere Vorfälle, die auch bei der bekannten Toleranz der Germanen gegen die römische Kultur gewiß nie ganz gefehlt haben; es ist nicht anzunehmen, daß sich bei einer Begegnung zwei so verschiedenen Kulturmächte, wie die germanischen Kindervölker und das verlebte römische Reich es waren, ohne akute Zusammenstöße aneinander ausgetauscht hätten. Auch wo große Katastrophen fehlten, hielten alltägliche Episoden das Volksgemüt in Erregung. Was davon für die religiöse Vorstellungswelt abfiel, mag sich doch vielfach hinter Gestalten geflüchtet haben, wie wir sie jetzt dem Walliser Märtyrerheer zugeteilt sehen. Dagegen ist es nun von Belang, festzustellen, daß eben auch Sagenfiguren ganz anderen Ursprungs sich unbefangen dem Geleite der thebäischen Legion angeschlossen haben. Eine junge Christin namens Verena, deren Vettern in der Legion dienten, verblieb nach dem Abmarsch des Heeres gen Helvetien als Krankenpflegerin in Mailand, besuchte dann aber die Gräber der ihrigen zu Martinach und Solothurn und hielt sich von da an bis an ihr Lebensende in der Schweiz auf. Sehen wir uns jedoch diese Verena näher an, so erkennen wir in ihr in der That eine ~junge~ Christin, die vor Zeiten eine alamannische Gaugöttin gewesen ist[185-1].

Urkundlich bezeugt sind Verenareliquien zwar erst am Ende des dreizehnten Jahrhunderts, dagegen berichtet die 1005 verfaßte Ortslegende von Zurzach, schon im neunten Jahrhundert seien sie von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Moritzkapelle am Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden, die dann zur Stiftskirche erhoben wurde. Die Ausdehnung des Verenenkultus hat seine Grenzen ungefähr an den Marken des Konstanzer Bistums, das, der größten eines, vom Gotthardt bis über den Neckar und von Kempten bis gegen Straßburg reichte. Auf Schweizer Boden besaß die Heilige in folgenden Ortschaften Weihkirchen oder Altäre: im Bistum Chur zu Niederurnen und Wesen, im Bistum Konstanz eine in Kleinbasel, eine in Schaffhauser Gebiet, neun im Thurgauischen, zwei im Sankt Gallischen, zwei im Zürcher und eine im Zuger Lande. Ihre eigentliche Heimat jedoch war der Aargau, und ihre Residenz das Städtchen Zurzach am Rhein. Merkwürdig ist jedoch, daß sowohl im Bistum Basel, als im Bistum Sitten Verena nicht verehrt wurde trotz der Beziehungen ihrer Legende zu Agaunum und Solothurn. Wenn auch die am linken Aareufer gelegene Einsiedelei nach Verena heißt, so feiert doch die solothurnische Kirche den Verenentag ebensowenig, als die des Wallis, die vielmehr am 1. September einen ihrer alten Bischöfe, den heiligen Egidius verehrt. Somit ist Verena ursprünglich mit der Thebäerlegende nicht verschwistert gewesen und auf dem Gebiete von Kleinburgund überhaupt nie verehrt worden. Sie ist eine Alamannin und hat ihre kirchliche Reception ausschließlich dem Konstanzer Sprengel zu verdanken. Wohl hatte man über ihrem ersten Grabe dem heiligen Moritz und seinen Legionären die Kapelle zu Aufburg erbaut und über ihrer späteren Gruft in der Marienkirche den Thebäern Altäre errichtet; wohl wurde sie dem Frauenheer der heiligen Ursula beigesellt; aber sie wußte sich dem ihr zugemuteten fremden Heiligengewimmel heimlich zu entziehen und sich in der Einsamkeit, an den Waldquellen und Gebirgsströmen vom gläubigen Volke wie eine Göttin aufsuchen zu lassen.

Alljährlich am Verenentage lassen die Müller im aargauischen Siebthale die Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Sie ist die Patronin aller Wassergewerke, also der Müller, Schiffer und Fischer. Als die Heilige noch bei Solothurn in ihrem Felsenthale wohnte, schleuderte der Teufel einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen ungeheuern erratischen Block, der daselbst oberhalb des Daches der Zelle zu sehen ist und die Krallenspur des Bösen zur Schau trägt. Eine friedlichere Wohnstätte aufzusuchen, nahm Verena einen Mühlstein, der an der Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluß hinab durchs Aargau und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe die Aare in den Rhein mündet. Das Patronat über die Müller und der Attribut des schwimmenden Mühlsteins enthüllt uns aber, näher untersucht, den heidnischen Kern des Verenakultus, der im Grunde eben nur der Kultus der Liebesgöttin ist. Seit Alters wird, wie manche andere Bezeichnung aus dem Betrieb des Ackerbaus, auch Mahlen auf die geschlechtlichen Beziehungen übertragen. Es mag immerhin an eine unverfängliche Stelle im Volkslied erinnert sein:

Dort hoch auf jenem Berge Da geht ein Mühlenrad, Das mahlet nichts als Liebe, Die Nacht bis an den Tag.

In den ältesten deutschen Sagen ist der Ort für Liebesabenteuer stets die Mühle; sie lassen berühmte Gestalten wie den Landpfleger Pilatus oder Karl den Großen in einer Mühle außerehelich erzeugt sein. Als Korn- und Mühlengöttin erweist sich nun aber die heilige Verena in ihrer Legende oft genug. Dem Schwesternhause, das die Heilige zu Solothurn gegründet hatte, brachte ein Hungerjahr bittere Not, bis eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurde. Verena wird, wie übrigens viele andere Heilige auch, abgebildet, wie sie Brot und Wein überbringt. Als Dienstmagd eines Priesters in Zurzach hatte sich Verena die tägliche Nahrung abgebrochen, um die benachbarten Siechen zu speisen. Darüber wird sie eines Unterschleifs verdächtigt, der argwöhnische Priester tritt ihr plötzlich in den Weg; doch siehe! der Wein ist nun in Lauge, und die mitgenommenen Brotschnitte in einen Kamm verwandelt; beides ist zur Reinigung der Aussätzigen bestimmt. Daher kommt es, daß die Verenabilder bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brotgipfel in der Hand haben. Da das Krüglein der Heiligen ursprünglich steinern war, kann es auch ein Trockenmaß bedeutet haben, weil Steinkrüge in jener Zeit auch Kornviertel vorstellen. Wie tief übrigens die Verenaverehrung ins öffentliche Leben eingriff, zeigen einige obrigkeitliche Vorschriften und landwirtschaftliche Regeln, die sich an den ersten September knüpfen. Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-, Frist- und Verfalltag; an ihm ging die Jagd auf und erfolgte die amtliche Visitation der Weinkeller. Die Bauernregel für Verenatag lautet: An diesem Tage ist alles Obst reif und der Fruchtstil abgetrocknet. Da geht auch der Krautskopf mit sich zu Rate, ob er von diesem Tag an noch wachsen wolle. Das Vesperbrot wird nun nicht mehr aufs Feld gebracht. Die Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte begannen dann, um mit Mariä Verkündigung, am 25. März, wieder zu Ende zu gehen.

Doch fehlen auch unmittelbare Anzeichen nicht, daß Liebe und werdendes Leben unter Verenens besonderem Schutze stand. Schon in alten Fürstensagen des zehnten Jahrhunderts ist es unsere Heilige, die den Kindersegen verleiht. Sowohl der Burgunderherzog Konrad und seine Frau Machtilde, als auch der Alamannenherzog Heriman und seine Gemahlin werden auf eine nach Zurzach unternommene Wallfahrt hin mit männlicher Nachkommenschaft gesegnet. Meistens ist diese Wunderwirkung jedoch therapeutisch vermittelt, am ehesten durch eine Heilquelle. Im Verenabad, in den Bädern von Baden gilt es dafür, wie schon Heinrich Pantaleon bezeugt: »wann eine unfruchtbare Frau darinnen bade und einen Fuß in das Loch stoße, daß das Wasser herfür quillet, es werde Sankt Verena bei Gott erwerben, daß sie fruchtbar werde«. Die Vorstellung von den Kinderbrunnen ist allgemein verbreitet und überall lokalisiert, ob nun die ungeborenen und die früh wieder verstorbenen Kleinen dann um Frau Holle oder um die albanesische Geburtsgöttin Ora oder sonst ein Wünschelweib oder ob sie um die Mutter Gottes oder Sankt Verena herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Eine Anspielung daran mag auch in der an sich nebensächlichen Thatsache erkannt werden, daß die beiden zürcherischen Verenakirchen, auf Ufenau und zu Stäfa, Wasserkirchen sind und daß das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz in der Stadt Zürich zu Sankt Verena in Brunngassen hieß. Im Aargau und Umgegend besitzt außer dem bereits genannten Baden der Achenberg zwischen Zurzach und Klingnau eine romantisch in einer Schlucht gelegene heilkräftige Verenaquelle, mit benachbarter Waldkapelle, wo jeden Samstag Messe gelesen und im Monat Mai eine Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten wird, desgleichen beherbergt das Dorf Buttisholz beim Sempachersee eine Quelle namens Verenaloch oder auch Goldloch, weil wer ehemals in der Abenddämmerung mit abgewandtem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, aus einer weiblichen Hand ein Goldstück empfing. Endlich war am Fuße des Jurapasses Schafmatt schon seit ältester Zeit ein Bad in Betrieb, gegenüber dessen Hauptquelle das Verenawasser entsprang. Auch es hieß, wie übrigens auch der Sprudel im Freibad zu Baden, Verenaloch. Vor der Stadt Zug an der Straße nach Aegeri stand neben der Verenakapelle das Verenabrünnlein. Als Kinderspenderin muß Verena auch Herrin der Ehebündnisse sein. Unter den ihr kirchlich geopferten Gegenständen nimmt das Brautkrönlein den ersten Platz ein. Die katholischen Landmädchen zwischen der unteren Aare und dem Rheine tragen bei besonderen kirchlichen oder weltlichen Festanlässen das »Tschäppelein«. Dieser krönleinartige Kopfschmuck besteht aus einem mit Seidenblumen und Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ein Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es ist so winzig, daß es oben mittelst eines Seidenfadens über das Haar gebunden werden muß. Ist nun in der Landschaft von Leuggern ein Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube gekommen zu sein. Aber auch von den Reliquien ist der Gürtel, mit dem einst das Verenabild an der Hüfte umfangen war, ein weiteres nicht zu mißdeutendes Zeichen, daß die Heilige Ehen und Geburten beschirmte.

Verena hatte sich in Zurzach aus Liebe zum Nächsten den niederen Diensten einer Wäscherin und Badefrau unterzogen; dort ist sie nicht nur zur Ortsheiligen, sondern förmlich zum Ortsgeiste geworden und heißt die weiße Frau. Das mitten im Marktflecken stehende Haus zum weißen Rößli ist ihr Aufenthalt. Aus dessen Vorhöflein schreitet um Mitternacht vor hohen Festtagen eine stattliche schneeweiße Frau hervor und begiebt sich zum mittleren Brunnen auf dem Markplatze. Hier spült sie ihr Weißzeug sorgfältig und kehrt stolzen Ganges in den Vorhof zurück. Die ›Vier Gotteshöfe‹ in der aargauischen Gemeinde Reckingen waren ein Mannslehen von vier Bauerngeschlechtern daselbst, die dem Stifte Zurzach nicht nur Zehnten und Bodenzins der achtzig Morgen zu entrichten, sondern auch die Unterhaltung der dazu gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Meßpriester den Meßwein zu liefern hatte. Aus dem vierstöckigen Meierhaus nun, erzählt man, kommt zu gewissen Zeiten nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das Gebäude, wird zusehends größer und ist mit einem Male wieder unsichtbar. Niemals erblicken Frauen das Füllen, sie sehen vielmehr, wie eine weißgekleidete Frau das Haus umwandelt, an jeder der vier Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf in die Antoniuskapelle verschwindet. Offenbar mußte dem im Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstroß zu seinen Amtsverrichtungen gestellt werden, wie ja schon die heidnische Geburtshelferin Frau Holle zu Pferde ist und Frauen, die vor der Geburt stehen, einen Schimmel Hafer aus ihrer Schürze zu geben pflegen. Ebenso haften der Verena aus Anlaß ihres Kammes allerlei wunderbare kosmetische Eigenschaften an, das Tobel-Vereneli im Tobelhölzli bei Baden ist ein uraltes Weibchen, das an einer schönen Quelle sitzt und sich das Haar kämmt. Verena verleiht dem ihr folgsamen Mädchen das schöne Haupthaar. Am Verenentag ist es im untersten Aargau durchgehends katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um Neujahr oder Ostern geschieht. Dann werden auch die Kinderköpfe tüchtig gewaschen und dem jüngsten Mädchen der erste Zopf geflochten. Ueber Warzen hauche man im Namen der Dreieinigkeit und spreche dreimal: Frene, Frene, Dorre weg. Im allgemeinen ist die christliche Entgötterung der heidnischen Hilfs- und Heilgöttin zur demütigen Grauen Schwester gelungen; an einigen Zügen indessen zeigt sie noch die rohe, derb zu fahrende Gewaltthätigkeit der mythischen Riesenjungfrau. Je mehr man den Verenasagen ins Gebirge hinein nachgeht, desto mehr erwächst ein Uebermaß barbarischer, leidenschaftlicher Körperstärke. Nach Verena heißt eine Alp bei Mittenwald und eine andere am Silveretta; am namhaftesten ist jedoch das weithin schimmernde Firnfeld des Glärnisch genannt Vrenelis Gärtli. So reicht also vielleicht der Kultus der Verena, in der wir im allgemeinen eine alamannische Frau Holle sehen dürfen, noch hinter die Anfänge geschichtlicher Erinnerung in die unorganische primitive Steinzeit zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugeborenen hervorholen läßt, der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt, die Felsklüfte, Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen, die heißen Sprudel, die sie aus dem Boden stampft, deuten immerhin auf uralte Kultreste, die bei der Ansiedelung der Alamannen von dem Dienst ihrer Feld- und Liebesgöttin aufgenommen wurden.

Noch steht uns aber eine weitere wertvolle Auskunft offen, nämlich Verenas Name. Immer und immer wieder hat der Volksmund Frau Verena und Frau Venus harmlos miteinander verwechselt. Es liegt nahe, in dieser doppelnamigen Frau Vrena-Venus die Göttin Freja zu erkennen. In der That belehrt uns die Sprachforschung, daß die verschiedenen Namen für eine weibliche Gottheit, eddisch Freyen, niederdeutsch Freen und Frin, oberdeutsch Vren nur landschaftlich unterschiedene Namensformen sind. Im späten Mittelalter ist auch die letzte Konsequenz dieser Gleichstellung mit Venus gezogen: Verena ist zur Patronin der öffentlichen Dirnen geworden; in der Malzgasse zu Basel, die nach Verlegung des Siechenhauses Dirnenquartier war, hieß das Frauenhaus sowohl Verenen- als Venushaus; in Zurzach war es Sitte geworden, daß der Landvogt von Baden, so oft er zur Eröffnung des Jahrmarktes einritt, unter der Linde mit einer fahrenden Dirne einen Tanz um den Baum thun mußte. Dieser Baum stand nahe bei der Moritzkapelle an dem Platz, wo zu Verenas Zeiten das Siechenhaus und neben diesem das offene Frauenhaus gestanden haben soll. So steht also Verena sogar mit der Unsitte des sogenannten »Metzentanzes« in verblümter Verbindung.

Ein scharfumrissenes Bild der heiligen Verena zumal in früherer Zeit läßt sich nicht gewinnen. Sie war, als rechtes Volks- und Naturkind, viel zu scheu, um sich anders als verstohlen an die Oeffentlichkeit zu wagen. Es hat auch lange genug gedauert, bis sie kirchlich recipiert war. Der eigentliche Gauheilige der Diöcese war der alte Bischof Pelagius von Windisch-Konstanz, während in einer vielleicht beispiellosen Naivität Verena sich ihre Verkleidung kaum recht angezogen hat. Daß sie ein »altheidnisch Wassergötzli« sei, sagte man sich schon im vorigen Jahrhundert. Für unsere heutige Erkenntnis ist sie wohl die einzige Heilige, die ohne Umtaufe mit ihrem heidnischen Namen in den Himmel kam, wohlverstanden ohne Vermittlung eines wirklich gelebten Menschenlebens, wie Gertrud, Walpurgis oder Notburga.