Part 1
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Anmerkungen zur Transkription:
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[Illustration: Das Lagerkind
Von
Charlotte Niese]
Die Buchausstattung ist von Else Mehrle. Die Zeichnungen zu diesem Bande sind von Hans Schroedter. Druck von Oscar Brandstetter, Leipzig. +Copyright by Jos. Scholz+, +Mainz 1914+ ~Alle Rechte vorbehalten.~
[Illustration:
Das Lagerkind
Geschichte aus dem deutschen Krieg]
Von Charlotte Niese
Verlag von Jos. Scholz in Mainz]
Kapitelverzeichnis.
Seite
Erstes Kapitel 5
Zweites Kapitel 19
Drittes Kapitel 34
Viertes Kapitel 45
Fünftes Kapitel 65
Sechstes Kapitel 95
Siebentes Kapitel 113
Achtes Kapitel 124
Neuntes Kapitel 150
Zehntes Kapitel 167
[Illustration]
[Illustration: Erstes Kapitel]
Die meisten Bewohner des Deutschen Reiches werden wissen, daß sich die Elbe in die Nordsee ergießt, und daß die erste Handelsstadt Deutschlands, das freie Hamburg, an den Ufern dieses Flusses liegt. Wer von Hamburg abwärts in die graue Nordsee fährt, der sieht zu seiner Rechten Holstein liegen, und an seiner Linken Hannover. Gleich hinter Hamburg erhebt sich die holsteinische Stadt Altona, und ihr folgen eine Reihe von hübschen Landhäusern. Das Ufer ist steil: von oben winken Kirchtürme und Ortschaften: endlich kommt Blankenese, das noch heute von Fischern bewohnt wird, darum aber gewiß kein Fischerdorf, sondern ein aufstrebender Ort, größer als manche Stadt, ist. Weiter geht die Fahrt. Überall Häuser, Ortschaften, Städte, bis die Nordsee erreicht ist. Ja, Holstein ist ein schönes Land: wer es kennt, der weiß davon zu berichten: aber auch Hannover, das andre Ufer, kann sich wahrlich sehen lassen. Mit seinen aufstrebenden Städten, seinen reizenden Dörfern, seiner roten Heide.
Ein gesegnetes Land: so sagen wohl die Menschen, die alles zuerst sehen. Manchmal wundern sie sich: denn die da aus dem schönen Süden kommen, denken wohl, im Norden gäbe es nur Eisbären und Wölfe.
Die Zeiten sind vorüber. Obs Eisbären vor grauer Zeit in Norddeutschland gegeben hat, kann ich nicht sagen. Aber Wölfe hausten hier noch vor knapp dreihundert Jahren. Damals, als der große Krieg, den man den Dreißigjährigen nennt, das Land verwüstete.
Das war eine böse Zeit. Dazumal war die Ortschaft Altona sehr klein, und die Hamburger lachten über sie. »All to nah --« neckten sie die Fischer und Bauern, die sich dort angebaut hatten. Denn die Hamburger fanden es unnötig, daß die holsteinischen Landesherren dicht vor ihren Mauern eine Ortschaft aufstreben ließen. Wiederum aber sahen sie ein, daß man es den Fischern und Bauern nicht verargen konnte, wenn sie sich hart an den Fluß bauten, der ihnen nicht allein reichliche Fische, sondern auch die Möglichkeit gab, einige kleine Reisen zu machen. Das ging am besten auf dem Wasser. Zwar gab es wohl Landstraßen, die das Land durchzogen, aber sie waren nicht gut im Stand, und dann erhob sich auch, gleich hinter dem Dorfe Ottensen, das westwärts an Altona stieß, ein großer Wald, in dem es nicht geheuer war. Es lagen auch hier, von Wald umfriedet, mehrere Bauernhöfe und einige Dörfer, in denen es sich zu Friedenszeiten gut leben ließ: wie aber das Kriegselend kam, da gehörte schon Mut dazu, sich allein aus dem Schutz der Städte zu wagen.
Zuerst hatte der böse Krieg den Holsteinern und Hannoveranern nicht viel getan. Sie hörten wohl von großen Schlachten und vielem Herzeleid, das sich in andern Gegenden abspielte, aber diese Geschichten drangen mehr aus der Ferne zu ihnen, und sie dachten nicht viel darüber nach. Bis es dem Dänenkönig, dem Holstein gehörte, einfiel, sich auch an diesem mörderischen Kriege zu beteiligen. Es erging ihm schlecht. Er hielt sich auf seiten der Schweden; da fielen die Kaiserlichen in Holstein ein und hausten dort grausam, wie es ihre Art war. Die Schweden, die sie vertreiben wollten, gingen gleichfalls nicht säuberlich mit den armen Schleswig-Holsteinern um, und wo die Dänen erschienen, benahmen sie sich oft eben so schlecht wie die Feinde. Da war es denn nicht zu verwundern, daß das Land verwüstet und menschenleer wurde. Wer konnte, der floh in die Städte; aber viele arme Bauern wurden von den Soldaten erschlagen und vielleicht vorher noch zu Tode gepeinigt. Und auch denen, die auf den Ritterburgen des Landes saßen, erging es nicht besser. Konnten sie sich nicht verteidigen, oder wohnten hier Frauen und Kinder ohne männlichen Schutz, so wurden sie grade so elend ermordet wie die Bauern oder vertrieben und in Gefangenschaft geführt. Dies geschah alles am Anfang des Dreißigjährigen Krieges; gegen das Ende wandte sich Christian der Vierte, so hieß der Dänenkönig, einmal zur Veränderung gegen die Schweden, mit denen er ehemals gut Freund gewesen war, und nun fielen diese als Feinde über Holstein her, und was die Kaiserlichen unverwüstet gelassen hatten, das wurde jetzt von den Schweden zerstört.
Es war eine traurige Zeit. Viele Menschen wußten nicht anders, als daß es nur Krieg und niemals Frieden geben konnte. Sie wurden im Elend geboren und kamen im Elend um. Daß es friedliche Landarbeit, einträglichen Handel, behagliches Leben geben konnte, ahnten sie nicht. Hinter jedem Heer folgten Scharen von Menschen, die man den Troß nannte. Mit ihm waren kleine und halb erwachsene Kinder, Frauen und manchmal auch alte Leute. Sie hatten keine Heimat, weil die ihre zerstört war. Sie liefen mit den Soldaten, und wo diese einen Besitz, einen Bauernhof fanden, an dem noch etwas zu rauben war, da holte sich der Troß nachher die letzten Reste. Manchmal ging so ein Troß von den Kaiserlichen zu den Schweden über, oder auch umgekehrt. Sie machten es so wie die Soldaten, die auch oft ihre Dienste wechselten. Denn allmählich wußte der gewöhnliche Mann wirklich nicht mehr, weshalb eigentlich dieser Krieg geführt wurde und die Machthaber, die in Stockholm, in Wien und Paris saßen, dachten nur darüber nach, wie sie den größten Vorteil aus allem herausschlagen konnten. Über diesem Nachdenken verging die Zeit, und das Elend wurde immer größer.
Nur in Hamburg merkte man nicht allzuviel vom Krieg. Die Stadt hatte sich schöne Wälle und Mauern mit Kanonen darauf bauen lassen und ließ weder die Schweden noch die Kaiserlichen ein. Gelegentlich versuchte irgend ein Häuflein, bei den Hamburgern anzuklopfen, aber es wurde mit blutigen Köpfen heimgeschickt, und daher war es in dieser festen Stadt ein recht angenehmes Leben. Die Kaufleute trieben ihren Handel wie sonst, und wenn sie auch ein starkes Söldnerheer haben mußten, das die Wagen mit ihren Waren über Land begleitete, und wenn ihre Handelsschiffe natürlich Kanonen hatten und kriegsgewohnte Mannschaft, so ging in der Hansestadt das Leben im allgemeinen seinen ruhigen Gang, und wer hier einmal wohnte, der freute sich seines Daseins und hütete sich wohl, die feste Stadt und ihren Schutz zu verlassen.
Als daher Herr Jobst Hanekamp in Hamburg durch einen Boten erfuhr, daß sein Neffe, der Hofbesitzer Fritz Hanekamp in der holsteinischen Marsch, Haus und Hof den räuberischen Soldaten hatte opfern müssen und selbst bei der Verteidigung seines Eigentums umgekommen war, da bedauerte er dieses Unglück zwar sehr, aber er schrieb doch an die Witwe, daß er leider nicht imstande wäre, etwas für sie zu tun. Die Zeiten wären schlecht: sein Geschäft ginge rückwärts, und er müßte für sein Alter sorgen. Er hätte aber gehört, daß Frau Jutta eine tüchtige Frau wäre, und zwei Söhne sollte sie auch haben. Wer arbeiten könnte, dem ginge es immer gut.
Es war grade kein erfreulicher Brief, den Frau Jutta Hanekamp nach ihrem großen Unglück und nachdem sie arm geworden, erhielt. Aber er kam zum Glück so verspätet an, daß sie lange gelernt hatte, nicht auf die Hilfe des Oheims zu warten. Ein treuer Knecht war ihr geblieben, der von der Elbe war. Da sie ihre Heimat verlassen mußte, weil alles verbrannt und verwüstet war, so ging sie mit ihren Söhnen an die Elbe, etwa eine Stunde landeinwärts vom Dorfe Ottensen. Dort war, mitten im Walde gelegen, ein Stück Land mit einem Häuschen darauf, billig zu haben. Mit dem Rest ihres geretteten Geldes kaufte sie es und bewirtschaftete dies Fleckchen Land mit ihren Söhnen, die allmählich heranwuchsen. Denn der treue Knecht starb an den Folgen einer Wunde, die er im Kampf mit Wölfen davontrug. Weil die Menschen hier im Lande immer spärlicher wurden, und die Dörfer zerstört waren, so kamen die Wölfe zur Winterszeit von Norden her und ließen sich schwer wieder vertreiben.
Also mußte Frau Jutta mit ihren Söhnen allein hausen, und sie tat es mit Ruhe und Umsicht. Sie war eine Frau, die das Arbeiten gelernt hatte, und wußte, daß man nicht immer über seinen Kummer nachdenken durfte. Ihr kleiner Besitz lag ziemlich verborgen, und bis jetzt hatten die umherziehenden Soldaten ihn nicht gefunden. Manchmal schien es auch, als ob sie überhaupt verschwunden wären. Bis wieder eine böse Zeit kam, und jedermann angstvoll dem kommenden Morgen entgegensah.
Es war im Monat März. Der Winter war streng gewesen, und die Elbe war lange mit Eis bedeckt. Die Schiffahrt lag still, wer sein Brot mit Fischen verdiente, hatte Not, sein Leben zu fristen. Aber die Fischer schlugen Löcher ins Eis, und wenn sie keine Fische fingen, dann kamen doch die Taucherenten und andre Wasservögel, die sich in den unters Wasser geschobenen Netzen verstrickten und dann mit der Hand gegriffen werden konnten. Das gab gute Braten, denn die Tiere waren fett, und ihr weißgrauer Pelz gab Mützen, die nicht allein warm hielten, sondern an denen Schnee und Regen abliefen, daß sie eigentlich niemals grundnaß wurden.
Auf der Elbinsel Finkenwärder gabs heute ein gutes Essen. Hunderte dieser Tauchervögel waren von den geschickten Fischern gefangen worden: nun wurden sie gebraten oder geräuchert, und auf der ganzen Insel rochs gut. Wer von den Finkenwärder Fischern etwas wußte, der gönnte ihnen eine kräftige Mahlzeit, denn nicht vor langer Zeit waren die Schweden von Holstein übers Eis gekommen, hatten bei den Finkenwärdern geplündert und viele von ihnen erschlagen. Zum Glück nicht alle: die jüngere Mannschaft war grade nach der Nordsee gewesen, um dort zu fischen oder Seehunde zu erlegen, aus denen in Hamburg Tran gekocht wurde und deren Felle zu allen möglichen Dingen zu gebrauchen waren.
Dieser jüngeren Mannschaft konnten die Schweden nichts anhaben; als sie heimkehrte, rückten die Soldaten grade ab. Im Dorfe brannte es; alte Männer und Frauen lagen erschlagen, und die Rückkehrenden konnten sich freuen, daß die meisten Kinder versteckt worden waren und noch lebten. Schlimm genug war es, was die Finkenwärder erlebten und wehrlos erleben mußten. Denn der unselige Krieg zog so hin und her, daß die Ausgeplünderten niemals wußten, wohin sie sich um Hilfe und Gerechtigkeit wenden sollten.
Seit der Zeit mußten die Finkenwärder noch anders arbeiten, wie bisher, weil ihr Wohlstand dahin war und sie kaum das trockne Brot hatten, um sich satt zu essen. Da kamen die Tauchervögel sehr gelegen, grade in ihre traurige Zeit, und wer noch lebte und essen konnte, dem war es zu gönnen, daß er wirklich einmal gründlich satt wurde.
Über die Dorfstraße mit ihren kleinen Häusern, von denen etliche notdürftig wieder zusammengeflickt waren, kam ein Mädchen. Sie mochte elf oder zwölf Jahre alt sein, hatte halblange Haare wie ein Knabe und ein verhungertes, blasses Gesicht. Ihre Augen waren blau, und über der Nase hatte sie eine scharfe Falte, als wäre sie schon alt. Diese Falte kam daher, weil sie sich angewöhnt hatte, scharf und vorsichtig umher zu spähen. An einem Bein trug sie einen langen gelben Reiterstiefel, am andern einen Holzschuh. Dann schlotterte ein zerrissener roter Rock um sie, eine Jacke aus zerschlissenem Marderfell bedeckte ihren Oberkörper, und im Gürtel steckte ein Messer. Wie sie langsam ging und sich umsah, stand eine der Fischerfrauen, die an ihrem Fenster saß und auf die Straße blickte, auf und schlug die Haustür zu. Denn ihr kam es vor, als sähe das Kind zu ihr hin. So war es auch. Das Mädchen klopfte an ihre Tür.
»Ich bin so hungrig!« sagte sie.
»Geh nur weiter!« rief ihr die Frau aus dem Fenster zu. »Meinetwegen kannst du verhungern! Du bist ein Lagerkind!«
Damit meinte sie, daß das Kind aus irgend einem Troß des Heeres stammte.
»Wollt Ihr mir nicht ein Stück Brot geben?«
»Gewiß nicht! Frag die Schweden, daß sie dir was geben! Die haben uns alles weggenommen!«
Die Frau schalt noch hinter dem Mädchen her, als es schon weiter ging. Es bettelte an verschiedenen Türen; und erhielt nichts. Eine Frau nahm sogar ein Entengerippe, das sie eben abgenagt hatte, und warf es der Bettlerin an den Kopf. Die nahm es ruhig auf, sah sich um und hielt es einem halb verhungerten Wolfshund hin, der langsam hinter ihr her ging. Es war ein großes Tier, mit einem gewaltigen Gebiß und glühenden Augen. Aber es schien keine rechte Kraft zu haben und ging langsam und schwerfällig. Das Gerippe verschlang es ohne weiteres, aber es sah das Mädchen an, als wollte es sagen: Mußt du noch immer hungern?
Burga war von jeder Tür gewiesen worden. Es war den Fischern nicht zu verdenken. Der Elbarm, der die Insel vom Herzogtum Lüneburg trennte, war gleichfalls zugefroren, und böses Gesindel schlich sich herum. Die Leute vom Troß waren oft noch schlimmer, als die Soldaten selbst. Es waren boshafte Kinder darunter, die Feuer ansteckten und unschuldige Tiere quälten; die Gutes mit Bösem vergalten und kein Gefühl zu haben schienen. Also schlossen sich jetzt die Türen auch vor den Kindern, und Burga durfte den Bratengeruch in der Nase spüren und mußte doch hungrig einherwandern. Sie war nicht sehr unglücklich; sie war wirklich ein Lagerkind, bald hier, bald dort umhergeworfen, und sie wußte nachgrade so viel vom Krieg, daß sie es den Leuten kaum verdenken konnte, wenn sie sie hungern ließen. Aber der Hunger tat weh, und wie sie jetzt an dem kleinen Hafen stand, in dem die eingefrornen Fischerboote lagen, da zog sie den Gürtel fester um den Leib.
»Wolf, wir kriegen nichts!« sagte sie zu dem Hund, der neben ihr stand und winselte. »Wir kriegen nichts, mein Jung. Müssen weiter marschieren!«
Auf einem Boote saß ein Junge und stopfte sich den Mund voll von gebratnem Fleisch. Vor ihm lagen noch drei gebratne Vögel, und man sah ihm an, daß er pumpsatt war. Wie Burga nun plötzlich vor ihm stand, atmete er erschrocken auf und faßte seine Vögel fester.
»Gib mir einen ab!« bat sie, und er schüttelte den Kopf.
»Das darf ich nicht!« entgegnete er weise. »Du bist eine Räuberin; bei meiner Großmutter sind Lagerkinder gekommen und haben ihre Katze ins Feuer werfen wollen!«
Burga sah sich um. Der Junge saß ganz allein auf dem Boot: niemand war in der Nähe. Also griff sie ohne weiteres zu den gebratnen Vögeln, steckte einen fast ganz in den Mund, und warf den andern dem Hunde hin. Der Junge stieß einen gellenden Hilferuf aus, und in demselben Augenblick kam ein langer Fischer von den Häusern her. Er trug ein Ruder in der Hand, und wie er auf Burga zuschritt, hob er es drohend.
»Was will die Landstreicherin?« fragte er, und Burga duckte sich unwillkürlich. Sie war gewohnt, geschlagen und gestoßen zu werden, und auch der Hund, obgleich er seine spitzen Zähne wies, stand mit hängendem Kopfe. Da aber rührte irgend etwas das Herz des kleinen Klas Stolz. War es, weil er zu satt war, um böse zu sein, oder tat ihm das blasse Mädchen leid. Er rief plötzlich: »Sie hat mir nichts getan, Vater, die Vögel habe ich ihr geschenkt!«
Und der große Klas Stolz ließ sein Ruder sinken, brummte etwas Unverständliches und ging wieder davon. An seinem Boot waren einige Bretter gelöst, die mußte er flicken.
Burga aß schweigend ihren Vogel, und der Hund Wolf zerknirschte die Knochen mit den Zähnen. Beide standen regungslos, und Klas betrachtete sie halb schläfrig. Er war so satt, daß er sich nicht rühren mochte, daher war er gutmütiger als sonst.
»Wo kommst du her?« fragte er die Dirn, und sie deutete nach dem Süden.
»Da bin ich zuletzt gewesen.«
»Wo willst du hin?«
Sie hob die spitzen Schultern.
»Vielleicht bleib ich erst mal hier!«
Er wurde ängstlich.
»Das darfst du nicht, wir nehmen keine Fremden auf! Geh nur nach drüben, nach Holstein. Da ist es viel besser als hier. Da sind Wälder, und Wölfe, und Füchse, und Schweine. Es ist sehr gut da!«
»Bist du da gewesen?«
Der kleine Klas Stolz zögerte. Dann sagte er die Wahrheit.
»Weit hinein ins Land bin ich nicht gewesen. Da drüben liegen Häuser, kannst du sie sehen? Da wohnen auch Fischer, und es heißt Neumühlen. Da wohnt ein Ohm von mir, und ich hab ihn wohl besucht. Weiter bin ich aber nicht gekommen, weil ich nicht in den Wald durfte, und weiter hin heißt es Teufelsbrücke. Dort kann man den Teufel sehen, wenn er grade da ist. Eine Hexe hat früher dort gewohnt, aber sie ist verbrannt worden. Nun reitet sie manchmal auf einem Besen in der Luft herum.«
»Die möchte ich sehen!« entgegnete Burga, und Klas sah sie erstaunt an.
»Hexen darf man nicht sehen wollen: die nehmen einen mit, und dann wird man selbst ein Teufel!«
Der große Klas Stolz kam wieder hinter seinem Boot hervor.
»Redest du noch mit der Landstreicherin, Junge? Das darfst du nicht, sie ist böse! Weg mit dir!« Und er drohte Burga mit dem Ruder.
»Wohin soll ich gehen?« erkundigte sie sich, und er wies auf das andre Ufer.
»Geh du nur nach Holstein! Das Eis hält noch, und du kannst vielleicht ein Unterkommen finden!«
Sie zögerte ein wenig. Grau und kalt lag die Eisfläche der Elbe vor ihr. Sie war rauh und uneben: Steine und Schneeberge lagen auf ihr, und hin und wieder ging es wie ein dumpfes Grollen durch den unter dem Eis schlafenden Fluß. Der rauhe Wintertag ging zu Ende. Im Westen flirrte ein kurzes, gelbes Licht über den grauen Himmel, dann erlosch es wieder.
»Kann ich nicht die Nacht hier bleiben?« fragte Burga, aber der Fischer faßte sie bei den Schultern und schob sie auf die Eisfläche.
»Wir nehmen keine Fremden; haben genug von ihnen gehabt!«
Burga ging also aufs Eis, und der magre Hund schlich hinter ihr her. Der kleine Klas Stolz sah ihr nach. »Vater, wenn die man rüber kommt. Das Eis hat schon geschrien.«
Sein Vater zuckte die Achseln.
»Was gehts uns an? Meinst du, daß ich die fremden Lagerkinder aufnehmen will? Sie sind alle undankbar und setzen uns den roten Hahn aufs Dach, wenn sie nur können!«
Da steckte sich der kleine Klas den letzten Rest seines gebratnen Vogels in den Mund und vergaß die einsame Wanderin.
[Illustration]
[Illustration: Zweites Kapitel]
Der Wind kam scharf aus Norden, und Burga hatte Mühe, gegen ihn anzukämpfen. Aber sie wickelte sich in ihr altes Marderfell und freute sich, daß sie einen guten Stiefel hatte. Damit konnte man tief in den aufgehäuften Schnee gehen, und der Fuß wurde doch nicht naß. Anders war es mit dem andern Fuß. Der Holzschuh hielt zwar warm, aber in ihn lief das Schneewasser hinein, und das war nicht angenehm. Es war schade, daß der tote Reitersmann, dem sie den einen Stiefel ausgezogen hatte, auch nur mit diesem bekleidet war. Vielleicht hatte der Feind, der ihn erschoß, sich den andern Stiefel genommen, vielleicht hatte er nur einen gehabt. Es war ein langer weicher Lederstiefel, und vielleicht hatte er einem vornehmen Herrn gehört. Während Burga so dachte, strebte sie langsam vorwärts und fiel plötzlich über etwas, das mit Schnee bedeckt auf dem Eise lag. Es war ein Ledersack, den Burga von Eis und Schnee befreite und dann neugierig öffnete. Es waren drei Würste darin, ein Laib Brot und eine Lederflasche, in der es gluckerte. Ein Soldat mußte diesen Beutel verloren haben.
»Das ist gut!« dachte Burga bei sich, und da sie noch lange nicht satt war, hatte sie nicht übel Lust, in eine der Würste zu beißen. Da aber kam der Wind und warf ihr eine Handvoll Hagelgraupel ins Gesicht, die Elbe begann zu stöhnen und durchs Eis ging ein Zittern. Also warf sich Burga den Sack über den Rücken und ging grade aus, dem dunklen steilen Ufer zu. Auch der Hund begann zu winseln und drängte sich an sie. Wo war das Fischerdorf Neumühlen, von dem der Junge gesprochen hatte, und wo der Teufelsbach, wo die Hexe wohnte? Wieder hagelte es; die Elbe stöhnte, und Burga sah nichts als eine graue Wolke, die sich vor sie schob. Einen Augenblick stand sie ratlos, und eine große Angst kam über sie, dann aber lief sie vorwärts, immer vorwärts. Zweimal fiel sie und es war ihr, als plätscherte es dicht neben ihr. Aber sie wollte nichts hören: vorwärts, vorwärts!
Die graue Wolke war vorüber gezogen; es wurde etwas heller, grade, wie Burga den Fuß auf gefrornen Sand setzte. Vor ihr gings steil nach oben, Gestrüpp und kahle Bäume bedeckten den Berg, und hier waren auch Spuren im Sand, der mit Schnee vermischt war.
Der Hund winselte wieder, seine Haare sträubten sich, und Burga sah auf diese Spuren. Unwillkürlich griff sie nach dem kurzen Messer in ihrem Gürtel und faßte Wolf an sein altes Lederhalsband. Da versuchte er den glatten Berg hinauf zu klimmen, sie hielt sich an ihm fest, und so kamen sie vorwärts. Bis sie unter höheren Bäumen waren, die Elbe unter ihnen lag und der Waldgrund gangbarer wurde. Aber beide, Herrin und Hund, standen jetzt atem- und regungslos. Aus der Ferne klang ein scharfes Geheul, und Wolf warf den Kopf in den Nacken und schien nicht übel Lust zu haben, Antwort zu geben.
Burga hielt ihm die lange Schnauze zu. »Wolf, das darfst du nicht! Wenn die uns kriegen, sind wir verloren!«
Es war, als verstände der Hund. Er stand schweigend und zitternd. Es war nun dunkel geworden. Hier, unter den Bäumen, konnte der Wind seine wilden Flügel nicht rühren: er murrte in den Kronen, und sie beugten sich und rauschten. Langsam ging Burga vorwärts: ihre Augen funkelten fast wie die ihres Hundes, und sie sah sich nach allen Seiten um. Immer die Hand am Messer, immer im Begriff, einen der Bäume zu erklettern, wenn das Geheul näher käme. Dann stieß sie einen kleinen Freudenruf aus. Vor ihr erhob sich eine kleine Hütte. Sie war kunstlos, auf kurzen Baumstämmen hingesetzt, aber sie hatte eine Tür, die mit zwei Knebeln geschlossen war. Burga konnte sie leicht öffnen und hineinklettern. Der Hund sprang ihr nach, und dann wußte sie, daß sie geborgen war. Sie lachte, als sie bald unter sich Fauchen und Heulen hörte.
»Ja, lieben Wölfe, heult nur! Heute kriegt ihr mich noch nicht, und vielleicht auch nicht morgen! Vielleicht übermorgen, aber das ist noch lange hin!«
Sie legte sich auf das dichte Heu, mit dem die Hütte ausgepolstert war, und zog ihren Hund zu sich.
»Merkst du deine Namensvettern? Laß sie wimmern: wir haben es gut!«
Sie zog den Sack auf, gab Wolf ein großes Stück Wurst und aß selbst mit Behagen. Dabei flüsterte sie wieder mit ihrem Hund.
»Haben wir nicht Glück gehabt, Wolf? Ich hab das Wasser plätschern hören, und ich glaube, morgen kann niemand mehr über diesen großen Fluß! Wie heißt er nur noch? Pah, ich habs vergessen, schadet auch nichts! Wer kann alle die Wasser behalten, über die man laufen muß! Aber dies Land scheint mir doch Holstein zu sein, und ich meine, den Namen einmal gehört zu haben! War das nicht der alte Magister, der was von Holstein sagte? Du weißt Wolf, der, der den roten Michel aus dem Kugelregen trug und dafür die Kugel selbst kriegte? Als der Magister tot blieb, Wolf, hab' ich geweint: sonst tu ich's nicht mehr. Das hilft ja doch nichts, nicht wahr mein Hund?«
So flüsterte Burga mit ihrem Hund, der eng an sie geschmiegt lag, die Ohren spitzte, als hörte er zu, und der dann den Kopf hob und wieder heulen wollte. Aber wieder wurde ihm das Maul zugehalten.
»Still, Still! Sie brauchen nicht zu wissen, daß wir hier sind!«
Aber sie wußten es schon lange. Zwei graue Wölfe saßen unter der Hütte, und es war, als käme ihr heißer Atem durch die Ritzen. Sie scharrten an den Stämmen, auf dem das leichte Gebäude ruhte, und sie heulten und bellten. Ein dritter kam dazu: da gab es eine Beißerei. Dann aber schienen sie sich wieder zu vertragen und saßen ganz still, als warteten sie.