Part 7
Einen Augenblick blieb sie stehen und sah dem Fuhrmann zu, der hier seine Pferde ruhen ließ, ehe er weiter nach Wedel fuhr, um dann gegen Abend die Hamburger wieder abzuholen. Aus einer Quelle in der Nähe holte er Wasser, das er den Tieren vorsetzte, und brockte grobes Brot hinein. Behaglich stand er, biß in ein Stück Speck, das er sich mitgebracht hatte, und setzte sich einen Augenblick auf den weichen Waldboden um auszuruhen. Er sah Burga nicht, und sie hatte keine Lust, mit ihm wieder ein Gespräch zu beginnen, als sie die Zweige des Unterholzes sich biegen sah und ein alter Mann vorsichtig herankroch. Er hatte wilde graue Haare und war mit schmutzigen Lumpen bedeckt. Eben richtete er sich auf, um dann zum Wagen zu gehen und einen Ballen Ware herabzulangen, als Burga eine unwillkürliche Bewegung machte. Der Strauchdieb mußte gute Ohren haben: er sah sich um, bemerkte das junge Mädchen und war gleich wieder im Busch verschwunden.
Burga weckte den Fuhrmann, der sich grade zum Schlafen legen wollte und nun brummend aufstand, seine Waren zählte und einige Flüche ausstieß, daß ein ordentlicher Mann nicht einmal jetzt, wo doch Friede war, im Freien schlafen könnte. Er bedankte sich auch nicht und setzte sich auf den Wagen, um weiter zu fahren.
Langsam rasselte der Wagen davon, und Burga ging weiter an die Elbe. Es fiel ihr nicht ein, daß sie besser täte, wieder nach dem Hof zu gehen, wo Frau Jutta den Korb mit den Lebensmitteln auspackte und man sich zum Essen sammeln sollte: sie stand oben auf einer der Dünen und blickte auf den großen Fluß, den sie jetzt so gut kannte. Breit und majestätisch floß der Strom dahin, an dem gegenüberliegenden Ufer schaukelten einige Fischerewer, und in der Mitte des Stromes ging ein Hamburger Schiff hinaus. Es hatte glänzend weiße Segel, und einige Kanonen blitzten in der Sonne. Draußen in der Nordsee gabs noch immer Seeräuber, und manchmal kamen sie in die Elbe, um die Fischerdörfer auszuplündern. Da war es gut, daß die Hamburger für Ordnung sorgten.
»Guten Tag, Burga!« sagte eine Stimme hinter ihr, und der Strauchdieb von vorhin schob sich neben sie.
»Wer bist du?« fragte das junge Mädchen erstaunt, und der Alte schnitt ein klägliches Gesicht.
»Wie, du kennst den roten Michel nicht mehr? Sind wir denn nicht zusammen beim Troß gewesen, und hab ich nicht manchmal für dich gesorgt? Weißt du noch, wie die Dänen mich gefangen nahmen und meine Freunde kamen und sie tot schossen?«
»Ich war nicht dabei!« entgegnete Burga, die den Roten erkannte, obgleich er nicht mehr rot, sondern grau war, und obgleich er schlimmer aussah als jemals.
»Du warst nicht dabei?« Michel besann sich einen Augenblick. »Nun ja, dann wirst du aber davon gehört haben. Die Dänen sind nachher höllisch aufgeregt gewesen, und ein paar von meinen Freunden haben auch ins Gras beißen müssen!«
»Das glaube ich wohl. Ihr seid schreckliche Menschen gewesen!«
»Schreckliche Menschen?«
Michel sah sie vorwurfsvoll an.
»Wir waren oft viel besser als die Soldaten und haben treu zu einander gehalten, obgleich ich natürlich die andern lieber hängen sah als mich! Ich merke schon, du bist eine vornehme Krämerstochter geworden, was sich nicht für dich schickt. Und Haare hast du so lang bekommen, wie es sich nicht für ein Lagerkind paßt, und eine Haut wie Milch und Blut. Auch das ist ungesund, Burga, und daß du mich störst, wo ich dem Fuhrmann ein paar Waren nehmen will, die ihm doch nicht gehören, ist gradezu unrecht. Seitdem der dumme Friede da ist, hat man wirklich keine Freude mehr vom Leben. In jeder Stadt stehen Galgen, und die Soldaten tun, als dürfte man garnichts mehr nehmen. Es ist eine böse Zeit, Burga, und wenn du noch einmal merkst, daß ich mir ein wenig nehmen will, dann sieh weg und mache nicht so große Augen wie vorhin!«
»Du solltest ehrlich werden, Michel!« sagte Burga. Ihr Gesicht war mitleidig geworden, und halbwegs freute sie sich, den alten Genossen wieder zu sehen.
Michel mußte ihre Gedanken merken, denn er stöhnte tief.
»Ja, Burga, du hast gut reden. Wenn ich ehrlich werden will, dann soll ich natürlich gleich arbeiten, und daran bin ich wirklich nicht mehr gewöhnt, und ich kann es auch nicht vertragen. Ich muß meine Freiheit haben und ein wenig Abwechslung. Hier einmal einbrechen, und dort ein paar Hühner oder Gänse nehmen, ist viel lustiger, als immer ehrlich sein!«
»Du siehst aber nicht sehr lustig aus!« meinte Burga, und Michel betrachtete seine Lumpen, seine nackten, schmutzigen Füße und kratzte seinen wilden grauen Kopf.
»Ich bin nicht für Feinheit wie die Krämer, und Wasser an den Körper ist grade so ungesund, als wenn man es sich in den Leib gießt. Im Augenblick sind die Zeiten grade sehr schlecht, und daher sehe ich nicht ganz ordentlich aus. Aber wenn du mir sagen kannst, wo ich vielleicht einen reichen Krämer treffe, dem ich seine Kleider nehmen kann, dann will ich dir dankbar sein. Damals hast du mir mit deinem wütenden Hund einen üblen Streich gespielt, und den mußt du nun wieder gut machen!«
»Burga, Burga!« Konrads Stimme hallte durch den Wald, und der einstmals rote Michel fuhr zusammen.
»Kann man denn nicht einmal ordentlich mit dir sprechen?« murrte er. »Ich wollte dir noch etwas erzählen!« Aber als die Rufe näher kamen, verschwand er im Unterholz, und als Konrad neben Burga trat, stand sie allein und sah auf die Elbe. Der junge Mann schalt, daß er sie so lange hätte suchen müssen und daß es hier doch wohl nicht ganz geheuer wäre. Er dachte jedoch kaum mehr an die Wölfe, die einstmals hier gehaust hatten; er sah den großen Schiffen nach und erklärte, daß auch er in die weite Welt reisen wollte. Jetzt aber müßte Burga nach der alten Hofstelle kommen und ihr Essen einnehmen.
So also saß Burga nachher bei den Hanekamps, versuchte zu essen und konnte es nicht. Die andern beachteten sie nicht. Herr Hanekamp sprach wieder davon, daß es wohl besser wäre, die Ländereien zu verkaufen, und Konrad erklärte, daß ihm alles einerlei wäre, da er doch niemals wieder hier draußen in der Wildnis wohnen würde. Nach einigen Stunden kam dann der Fuhrmann wieder, und alle fuhren nach Hamburg. Der Wagen rasselte, die Pferde schnoben, und jedermann hing seinen eignen Gedanken nach. Herr Jobst dachte an sein Geschäft, Konrad sah sich schon auf einem großen Schiffe, Frau Jutta gedachte der Zeit, da sie auf dem Hanekamphof wohnen und ihre zwei Jungen haben durfte, und Burga hatte die Augen geschlossen und sah wie im Traume eine brennende Burg, hörte das Klappern der Hufe und wilde Schreie. Und dann wieder war alles vorüber: eine weiche Hand strich ihr übers Haar, und eine milde Stimme sprach: »Von Erd bin ich gekommen, zur Erde werd ich kommen. Herr Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!« Und sie sehnte sich, und wußte nicht, wonach.
[Illustration]
[Illustration: Achtes Kapitel]
Zum Träumen und Sehnen war dazumal nicht allzuviel Zeit, Burga vergaß den alten Räuber vom Elbstrande und schaffte im Hausstand oder lernte Latein beim Magister Lange. Dann wurde Frau Jutta krank und mußte gepflegt sein, und aus Kopenhagen schrieb Gottfried, daß er Offizier geworden wäre und vielleicht einmal nach Hamburg auf Urlaub käme. Das war eine gute Nachricht, und seine Mutter zählte jetzt die Tage, da sie ihren Sohn wieder sehen sollte. Dann aber kam die Botschaft, daß er noch keinen Urlaub erhielte, und Frau Jutta wurde wieder kränker. Herr Hanekamp war unzufrieden, denn er hatte kranke Leute nicht gern, und er lobte Burga, die nie krank war und immer mehr häusliche Pflichten auf sich nahm.
»Mit dir ist noch etwas anzufangen!« sagte er. »Du bist zwar nur ein Lagerkind, aber du bist stark und kräftig. Ich werde nichts dagegen haben, daß einer der Hanekamps dich heiratet. Zwar hast du kein Geld, und das ist bedauerlich. Aber eine tüchtige Frau ist wie Bargeld, ich werde dir wohl auch eine Aussteuer geben!«
Burga lachte über den alten Herrn. Ihr war noch garnicht nach Heiraten zumute, aber, da der Kaufherr von Geld gesprochen hatte, so holte sie aus ihrer Lade den kleinen Lederbeutel heraus, den sie als Lagerkind immer um den Hals getragen hatte. Wie sie dann nach Hamburg kam, legte sie ihn ab und vergaß ihn, bis sie sich seiner jetzt wieder entsann. Es war ein kleiner gestickter Lederbeutel, in dem noch aus ihrer Wanderzeit mehrere Gold- und Silbertaler steckten. Sie wußte kaum mehr, wie sie zu dem Geld gekommen war; den Lederbeutel aber meinte sie eben so lange getragen zu haben wie die Buchstaben auf dem Arm.
Allerlei Gedanken stiegen in ihr auf, wie sie das kleine Ding in der Hand hielt; aber sie waren verworren, und sie wollte ihnen auch nicht nachhängen. Gern hörte sie sich nicht mehr ein Lagerkind nennen, es war doch besser, im Frieden des Hauses zu wohnen und nicht mehr heimatlos umher zu ziehen.
Sie schloß den Beutel wieder weg und kam grade unten in die Diele, als Konrad eilig eintrat und ganz heiß war vor Aufregung und Vergnügen. Eben war es in der Stadt ausgerufen worden, daß ein Hamburger Schiff draußen in der Elbe einen guten Fang gemacht hatte. Eine ganze Gesellschaft von Seeräubern war den Hamburgern in die Hände gefallen, und morgen schon wurden sie eingebracht, um dann feierlich gerichtet zu werden.
»Die armen Kerls!« sagte Burga halb mitleidig, und Konrad sah sie erstaunt an.
»Was sagst du da? Freust du dich nicht, wenn die Gegend wieder sicher wird? Dicht bei Blankenese haben einige in den Dünen gewohnt; Fuhrmann Heesch hat mir auch erzählt, daß sie oft hinter ihm her gewesen sind. Man muß sich doch freuen, wenn sie alle gehängt werden!«
Am andern Tage zog wirklich ein langer Zug von gefangenen und mit Ketten geschlossenen Räubern vom Hafen her durch die Straßen, die Jungen liefen hinter ihnen her und bewarfen sie mit Steinen, während die Erwachsenen grausend die finstern Gesichter und die zerlumpten Kleider der Männer betrachteten, von denen mancher noch roh verbundene Wunden aufwies. Eine böse Gesellschaft war es, die nun hinter Schloß und Riegel gebracht wurde, und Konrad berichtete nachher, wie zornig die Räuber gewesen waren und wie entsetzliche Flüche sie ausgestoßen hatten. Denn er war natürlich mit den Neugierigen gelaufen, die sich alles ansehen mußten, und forderte Burga dringend auf, am nächsten Tage mit ihm zum Gefängnis zu gehen. Hier vor dem düstern Gebäude sollten die Gefangenen öffentlich an den Pranger gestellt werden, damit sie jedermann besehen und sich ein Beispiel an ihrem schrecklichen Ende nehmen konnte. Aber Burga schüttelte den Kopf. Sie wollte Frau Jutta nicht verlassen, die wieder krank war, und dann graute es ihr auch, soviel menschliches Elend auf einem Haufen zu sehen. Also ging Konrad allein und kehrte nach einer Weile zurück, um zu berichten, daß ein so großer Andrang von Neugierigen vor dem Gefängnis war, daß er selbst gar nichts von den am Pranger Stehenden gesehen hatte. Nicht allein die Hamburger betrachteten sich die Gefangenen; aus Altona war viel Volk gekommen, sogar einige vornehme Dragoneroffiziere, die sporenklirrend durch die Straßen gingen, und von Finkenwärder einige Boote voll Fischer, die sich's auch nicht nehmen ließen, die Räuber zu betrachten. Denn sie hatten lange unter ihnen gelitten, und nun wollten sie sich auch der Strafe freuen, die diese Missetäter erlitten.
So erzählte Konrad, lief aber gleich wieder weg, und Herr Jobst Hanekamp, der gerade aus seinem Kontor kam, ließ sich Stock und Perücke geben und ging gleichfalls zum Gefängnis. Er war zwar durchaus nicht neugierig, wie er immer wieder versicherte, aber hier mußte er doch dabei sein.
Auch die zwei Mägde und der Knecht liefen davon, und Burga stand allein auf der halb dämmrigen Diele. Oben lag Frau Jutta im Bett und schlief; durch die geöffnete Haustür fiel das Licht der untergehenden Sonne, und von draußen her kam nur das Zwitschern der Spatzen. Die ganze Straße war menschenleer, alle waren zum Gefängnisplatz gelaufen.
Es war ein klarer Tag im Vorsommer, noch kalt, aber sehr freundlich, und wie Burga in die Sonnenstrahlen sah, die über die roten Dächer der Domstraße huschten, mußte sie an das düstre Gefängnis denken, in das jetzt die Räuber geworfen wurden. Einmal war auch sie im Kerker gewesen, und daher wußte sie, wie es tat, hinter Mauern zu schmachten. Und gerade dann, wenn der Sommer kam und die Welt freundlich wurde!
Ein Schritt kam die Straße entlang, und sie stellte sich in die Haustür, um den Menschen zu betrachten, der jetzt nicht vor den Räubern stand und sie verhöhnte. Es war ein junger Fischer, der schwerfällig auf seinen Holzschuhen daher trabte, sich unschlüssig umsah und dann vor Burga stehen blieb. Er hatte kurze blonde Haare und ein ehrliches Gesicht, und er roch nach geräucherten Fischen.
»Ich such' 'ne Jungfer Hanekamp!« sagte er, als Burga ihn fragend ansah, und sie erwiderte:
»Die bin ich!«
Denn alle Leute nannten sie so, und sie war es zufrieden.
Der junge Mann rieb sich den Kopf und zog langsam seine Mütze aus Seehundsfell.
»Ich bin Klas Stolz!«
»Klas Stolz?« Burga wiederholte diesen Namen ohne Verständnis, und der junge Fischer sah sie erstaunt an.
»Wenn du die Jungfer bist, die meinen Vater damals von Teufelsbrücke nach Finkenwärder gebracht hat, dann solltest du doch wissen, wie ich heiße!«
»Ich hab's vielleicht gewußt, aber hab's vergessen!« entgegnete Burga lachend, und Klas schüttelte den Kopf.
»Man muß nichts vergessen!« sagte er ernsthaft. »Ich denk noch immer daran, wie ich allein bei meinem Vater saß und wie du mir halfest! Auch weiß ich, daß ich mich nicht bedankte und daß du dann beinah ins Loch gekommen bist, weil du mit einem der unverschämten dänischen Junker fuhrest. Wir haben die Geschichte nachher erst erfahren, und es hat uns leid getan; auch meiner Mutter, die damals im Bett lag und ein kleines Kind hatte. Aber Vater hat lange gelegen, ohne daß er die Besinnung wieder kriegte. Herr Hanekamp hat ihm einmal Geld geschickt, und nun sitzt er vor dem Hause und strickt Netze; aber aufs Wasser gehen und Fische fangen kann er nicht mehr; der rote Michel hat ihm zu arg mitgespielt! So ist es also gekommen, daß wir uns nie etwas von Dankbarkeit merken ließen, und wir haben auch lange nicht gewußt, wer das Mädchen war, die uns damals half -- aber wir haben's vom Magister Lange erfahren, der neulich auf unsrer Insel war, um unsern Pastor zu besuchen. Und daher will ich mich jetzt bedanken!«
Aus seinem Korb, den er in der Hand trug, zog Klas ein Paket hervor, das er Burga in die Hand gab.
»Mach es nur offen!« sagte er stolz. »Die Bürgermeisterin von Hamburg wird kein so schönes Seehundsfell haben, wie ich dir bringe!«
Er zog selbst die Leinwand von der langen, seidigen Pelzjacke, die er Burga über den Arm legte.
»Es sind sieben Felle, und ein feiner Schneider in Amsterdam hat die Jacke gearbeitet. Du kannst sie tragen, wenn du dich jetzt verheiratest, und wenn du eine Großmutter geworden bist, wird die Jacke noch gut sein!«
Burga stieß einen Laut des Entzückens aus über die leichte und doch warme Jacke, die noch dazu mit Marderfell gefüttert war. Dann aber schüttelte sie den Kopf.
»Was schenkst du mir solche Kostbarkeit? Ich weiß kaum mehr, daß ich etwas für deinen Vater tat. Hast du mir auch nicht einmal etwas gegeben, als ich hungrig war? Dafür habe ich dir noch gar nichts geschenkt!«
Klas lachte. »Von der Geschichte weiß ich nichts mehr; jedenfalls wollte ich dir dies Ding schenken, und mir ist es gar nicht teuer gekommen. Ich hatte damals einen großen Seehundsfang gemacht, und diese Jacke ist dabei abgefallen. Wir Finkenwärder lassen uns nicht lumpen, kann ich dir sagen, und darum mußt du das Geschenk schon annehmen. Und nun leb wohl, ich will mir mal den roten Michel besehen, der auch am Pranger steht. Schade, daß ich ihn nicht hängen darf, das würde mir Vergnügen machen!«
»Der rote Michel hat deinem Vater doch nichts getan!« rief Burga rasch. »Ganz gewiß, er war es nicht, der deinen Vater verwundete, das wird ein andrer Räuber gewesen sein. Jetzt fällt's mir wieder ein, der Rote hat damals Herrn Hanekamp überfallen, und darüber kam ich dann zu.«
Klas machte ein mißvergnügtes Gesicht.
»Das ist ja schade. Ich hab grade einen verrotteten Winterapfel in der Tasche, den wollte ich ihm ins Gesicht werfen, wenn er am Pranger steht. Mehr darf ich nicht tun, die Hamburger sind immer so eigen mit ihren Gefangenen und wollen sie nicht durchprügeln lassen!«
Burga hörte nicht auf ihn. Sie sah vor sich hin und wiederholte: »Der rote Michel war es nicht, der deinen Vater fast tötete! Den habe ich doch nachher von Herrn Hanekamp weggejagt!«
»Wer war es denn?« fragte Klas, aber darauf konnte Burga keine Antwort geben. An diese Dinge hatte sie lange nicht gedacht; sie wußte nur, daß dieses Mal der rote Michel schuldlos war.
Also ging Klas Stolz achselzuckend davon und meinte, den verrotteten Winterapfel wollte er jedenfalls aufs Geratewohl zu den am Pranger Stehenden werfen. Verdient hatten sie alle noch viel Schlimmeres.
Burga stand mit ihrem kostbaren Pelz über dem Arm und hatte das Geschenk vergessen. Schon oft hatte sie mit einer großen Unruhe gekämpft, sie aber zu unterdrücken gesucht; jetzt, wo der rote Michel in Hamburg war und bald gehängt werden sollte, kam es über sie, als müßte sie zu ihm.
Herr Hanekamp und Konrad kehrten von ihrem Gang ans Gefängnis zurück. Ganz Hamburg hatte vor den Prangern gestanden, hatte auf die Räuber gezeigt und sie gescholten und geschimpft wegen ihrer Missetaten. Und die Räuber hatten frech geantwortet, die Zunge hinausgestreckt und waren wenig bußfertig gewesen. So würden sie also nun ohne Reue ihre irdische Strafe erleiden.
Still hörte Burga diesen Berichten zu, und wie sie dann nachher in ihrem bequemen Bett lag, konnte sie nicht schlafen. Der rote Michel -- war er es nicht gewesen, der sie als kleines Kind aus dem Feuer getragen und aufs Pferd gehoben hatte? War er es nicht gewesen, der nachher mit dem guten Prädikanten sprach, daß dieser ihr den Namen auf den Arm ritzte? Der rote Michel war sicherlich ein Räuber; aber ganz schlecht war er niemals gewesen, wenigstens nicht gegen sie! Er wußte, daß sie den kleinen Lederbeutel mit dem Gelde um ihren Hals trug, und er hatte ihn ihr nicht genommen, sondern gelegentlich, wenn er Geld hatte, ihr einen Gulden gegeben, damit sie einen Notgroschen hatte.
Die Sonne ging schon auf, da hatte Burga noch keinen Schlaf gefunden. Es nützte nichts, daß sie immer wieder ihr kleines Gebet sprach; sie wurde erst ruhiger, als sie sich hastig ankleidete und unhörbar auf die Straße schlich. Noch war alles still; nur ein Wächter schlief fest auf einer Haustreppe, und Burga konnte, ohne gesehen zu werden, bis ans Gefängnis gehen, das jetzt finster und schweigend dalag. Vor dem Gebäude waren noch alle Halseisen, in denen die Räuber am Pranger gestanden hatten, und ringsherum lagen kleine Steine, Fischköpfe und Gemüsereste, mit denen das Volk sie beworfen hatte. Aber Burga achtete nicht darauf. Sie klopfte an die niedrige Tür eines Häuschen, das sich hart ans Gefängnis lehnte. Hier wohnte Timotheus Lange, den der Senat als Gefängnisgeistlichen angestellt hatte und der in dieser Zeit sein gerüttelt Maß zu tun hatte.
Er war aber ein Frühaufsteher, und als Burga nur leise den Klopfer hob, stand der Magister schon vor ihr und wunderte sich gar nicht einmal des frühen Besuchs.
»Ich hab dich wohl herbeigedacht, Kind!« sagte er nur mit seiner heisern aber doch so gütigen Stimme, und dann führte er Burga in sein kleines Arbeitsstübchen, in dem eine ältere, in Schwarz gekleidete Frau saß, die große Augen auf das junge Mädchen richtete. »Dies, edle Frau, ist Walburga, auf deren Arm der Name Rantzau neben dem der Walburga steht!«
Er schob den leichten Stoff zurück, der Burgas Arm bedeckte, und zeigte die schwarzen Zeichen.
Die Angeredete stand auf und faßte Walburgas Hand. »Sag, was du noch weißt, von damals, aus der Zeit, als du vielleicht mein Kind warest!«
Walburga begann zu zittern, aber sprechen konnte sie nicht. Sie konnte sich auf nichts besinnen, nur auf ihr kleines Gebet. Sie faltete die Hände.
»Von Erd bin ich genommen, zur Erde werd' ich kommen! Herr Christe tu mir weisen den Weg ins Paradeisen!«
Die Edelfrau brach in Tränen aus.
»Dies Verslein habe ich mein Kind gelehrt, als es noch kaum sprechen konnte! Ach, Walburga, bist du wahrhaftig mein lang entbehrtes und oft beweintes Töchterchen? Fast ist es zu gut, um es zu glauben!«
Auch Walburga weinte.
»Edle Frau, ich weiß nur, daß ich ein armes Lagerkind war und von Land zu Land irrte. Gehungert hab ich und viel Durst gelitten, aber mein Verslein und der Name auf dem Arm sind mit mir gegangen!«
Dann saßen sich beide Frauen, die ältere und die junge, gegenüber, und wußten nicht, ob sie sich in die Arme fallen sollten oder nicht.
Lächelnd stand der Magister daneben.
»Ich kann mir denken, Frau von Rantzau, daß Ihr zweifelt; aber ich meine, so klar, wie im irdischen Leben überhaupt etwas sein kann, so klar ist es, daß Ihr die Mutter dieses Mädchens seid. Zum wenigsten ist die Jungfrau Euch aus den Augen geschnitten. Aber nun wollen wir zu dem gehen, der gestern von mir verlangte, Euch und Euren Sohn rufen zu lassen, da er vor seinem Tode ein Geständnis zu machen habe.«
Er winkte, und beide Frauen gingen hinter ihm her, während sich aus einer verborgenen Ecke ein junger Mann erhob, der Walburga zunickte. Das war der Rittmeister von Rantzau, mit dem Burga vor etlichen Jahren über die Elbe gefahren war; sie beachtete ihn heute aber nicht.
Ihre Gedanken waren von der Frau in Anspruch genommen, die langsam vor ihr herschritt. Wie mußte es sein, eine wirkliche Mutter zu haben! Sie merkte kaum, daß der Weg ins Gefängnis ging, und dann erst kam sie zu sich, als sich eine düstre Zelle vor ihr auftat, in der ein alter Mann an Ketten lag. Mühsam erhob er sich von seinem Strohlager.
»Burga,« sagte er kläglich, »rede du für mich! Bin ich nicht immer ganz ordentlich gegen dich gewesen und habe dafür gesorgt, daß dir nichts Böses geschah? Wenn ich einen Prädikanten traf, dann habe ich dich gleich zu ihm gebracht, und du hast schreiben und lesen und die zehn Gebote gelernt. Und wenn ich Geld hatte, hab ich dir auch etwas abgegeben. Du hattest den kleinen Beutel um den Hals, als ich dich aus der Burg trug, darin steckten ein paar Goldtaler; ich hab sie dir gelassen.«
»Ja, ja,« Burga klopfte ihm den krummen Rücken und vergaß einen Augenblick die andern. »Ich weiß, du bist nie ganz schlecht gewesen, Michel, und ich habe manchmal an dich gedacht!«
»Seht Ihr?« Der Gefangene wandte sich an den Magister, »sie sagt selbst, daß ich kein übler Kerl war. Ihren Namen habe ich ihr auch auf den Arm schreiben lassen und dann mit Schießpulver verrieben.«
»Aber du brachtest die Feinde auf die Finkenburg!« rief der Rittmeister von Rantzau, der sich immer im Hintergrund gehalten hatte und nun erst vortrat. »Warum tatest du das? Unsre Burg wurde verbrannt, meine Eltern und ich mußten fliehen, unsre kleine Walburga nahmest du von uns! Was taten wir dir, daß du so böse gegen uns warest? Ist mein Vater nicht immer ein guter Herr gewesen? Hat meine Mutter dich jemals hungern lassen?«
Der Gefangene schwieg eine Weile, dann kratzte er sich den Kopf.
»Die Edelfrau ist nicht schlecht gewesen, aber der Herr hat uns mehr geschlagen, als recht war. Und dann war es so langweilig auf der Finkenburg. Immer Arbeit und niemals ein Vergnügen; unsereins will auch mal einen Spaß haben. Und als ich vier Monate Wasser und Brot haben sollte, nur weil ich nicht gern arbeiten mochte, da lief ich weg, grade den Kaiserlichen entgegen. Sie fragten mich, wo etwas zu holen wäre, und der General versprach mir eine Trompeterstelle in seiner Nähe und ein feines neues Wams; da hab ich ihnen den Weg gezeigt.«
Er seufzte und rieb sich die Augen.