Part 2
Der Hund in der Hütte schlief nicht; er lag regungslos und mußte verstanden haben, daß er keinen Laut von sich geben durfte. Burga aber schlief ganz fest. Lange hatte sie kein Dach über dem Kopf gehabt, lange kein weiches Heu als Lager. Mochten die Wölfe heulen, sie kannte ihre Stimmen und hoffte, daß sie gegen Morgen wieder verschwinden würden. Und wenn sie's nicht taten, so mußte sie eben hier bleiben. Sie hatte ja Fleisch und Brot.
Der Tag begann zu grauen, und langsam entfernten sich die Wölfe. Der Hund, der immer die Ohren gespitzt hielt, hörte es und streckte sich jetzt zum Schlafen aus, als er mit einem Satz in die Höhe sprang. Die Tür der kleinen Hütte ging offen, und ein Knabe stand in der Öffnung. Er trug ein grob gewebtes Wams und eine Mütze vom Balg der Wasservögel.
»Heda!« zornig sah er Burga an, die sich den Schlaf aus den Augen rieb, während Wolf drohend neben ihr stand. »Was wollt ihr in unsrer Hütte?«
»Wir haben gut geschlafen!« entgegnete Burga, und er sah sie mißbilligend an.
»Das darfst du nicht! Wir haben keinen Platz für Landstreicher!«
»Ich bin ein Lagerkind!« entgegnete Burga stolz.
»Was ist das?«
»Das weißt du nicht?«
»Nein, ist mir auch einerlei. Geh weg aus meiner Hütte und ruf den Hund, daß er mich nicht beißt. Sonst steche ich ihn tot!«
Und er hob seinen Stock, an dem ein langes Messer befestigt war.
»Wenn du meinen Hund tötest, steche ich dich tot!«
Burga zog ihr Messer. Es war groß, und blank geschliffen, und der Junge trat zurück.
»Ich will ihn ja nicht töten; er soll mich aber nicht beißen!«
»Er beißt nur die, die schlecht gegen ihn sind!«
In diesem Augenblick erschien noch ein zweiter Knabe. Er war gekleidet wie der andere, aber größer und erwachsener.
»Gottfried!« der Kleinere wurde viel mutiger. »Sieh, welch Gefangene ich gemacht habe! Sie sagt, sie ist ein Lagerkind; ist das nicht eine Hexe?«
»Natürlich!« Gottfried, der eine verrostete Muskete trug, griff gleich nach dem Fuße Burgas, an dem der schöne gelbe Stiefel war. »Zieh ihn aus!« sagte er gebieterisch. »Wo ist der andere! Du mußt mir die Wahrheit sagen, sonst schieße ich dich tot!«
»Womit willst du mich totschießen? Mit der alten schlechten Büchse?«
»Sie ist nicht schlecht.« Gottfried zeigte das alte Gewehr, und mit raschem Griff riß Burga es an sich, spannte den Hahn und richtete den Lauf auf den Knaben.
»Soll ich euch nun erschießen?«
Beide standen regungslos, dann begann Gottfried zu schelten.
»Gib mir das Gewehr wieder, sonst ergeht es dir schlecht!«
»Du bist überhaupt eine Gefangne und ein Lagerkind!« setzte Konrad, der jüngere hinzu. Aber sie rührten sich doch nicht, und man konnte merken, daß sie ängstlich waren. Burga war zu schnell für sie gewesen und hielt noch immer das Gewehr im Anschlag.
Sie ließ es jetzt sinken. »Geht nur, ich tue euch nichts!«
»Weshalb sollen wir gehen? Die Hütte gehört uns, wir haben sie gebaut, damit wir manchmal auf die Wölfe schießen können. Aber, es ist wahr, die Kugeln treffen nicht immer.«
So sprach Konrad, während Gottfried wieder nach Burgas Stiefel griff und enttäuscht den Kopf schüttelte, als er sah, daß sie nur einen trug.
Es waren keine üblen Jungen; Burga merkte es bald, und da sie einsam war und einsah, daß es besser wäre, im fremden Lande gute Freunde zu haben, so entschloß sie sich, mit den Knaben zu gehen. Zuerst sprachen sie noch davon, daß sie nun ihre Gefangne wäre, aber dann vergaßen sie dies Wort und fragten sie, ob sie nicht mit ihnen kommen wollte. Sie wohnten hinter dem Wald, und ihre Mutter hieß Frau Jutta Hanekamp. Eine Kuh hatten sie und zwei Schweine, viele Hühner und auch Gänse. Es war nicht schlecht auf ihrem kleinen Hofe, Burga würde dort schon wohnen mögen.
Der Himmel war noch grau, aber die Wolken verschwanden allmählich, und auf dem verschneiten Erdboden zitterte hin und wieder ein Sonnenstrahl. Ganz heiter wars im Walde, und daß weiter unten die Elbe ihre grauen Wogen dort wälzte, wo Burga vor wenigen Stunden übers Eis gegangen war, beachtete das Mädchen kaum. Sie faßte Wolf ans Halsband und ging neben den Knaben her. Die Muskete hatte sie wieder an Gottfried gegeben, und Konrad trug den Ledersack, in dem sich noch einige Lebensmittel befanden.
Sie sprachen alle drei von den Wölfen. Ehemals sollten sie nicht hier gewesen sein, aber jetzt waren eine Menge da. Einige Leute sagten, daß sie von der andern Seite der Elbe kämen, andre wollten gesehen haben, wie sie von Norden ins Land zogen. Eigentlich war es ja ganz nett, daß sie da waren: ihr Fell war dicht, und man konnte es gut gebrauchen. Aber sie holten das Vieh aus dem Stall und fielen Menschen an. Das war nicht so angenehm.
So wanderten sie durch den Wald, Wolf schlich langsam hinter ihnen her, und bald kam eine Lichtung, die in einer Schlucht endete, Gottfried zeigte vor sich.
»Da liegt Hanekamps Hof. Hier wohnen wir, und Mutter sucht grade eine Magd, die ihr bei der Wirtschaft helfen kann. Die letzte ist mit den Soldaten gelaufen. Nun kannst du bei uns bleiben und für uns arbeiten!«
Burga machte große Augen. Aber sie erwiderte nichts.
»Freust du dich nicht?« fragte Konrad. »Wenn Mutter dich behalten will, dann brauchst du kein Lagerkind mehr zu sein oder wie du es nennst. Aber natürlich mußt du dich brav benehmen, sonst jagen wir dich wieder weg, nicht wahr, Gottfried?«
Der Gefragte antwortete nicht gleich. Dann hob er die Schultern. »Wir können nicht viel versprechen, die Mutter muß alles bestimmen!«
Bald standen die drei vor einem langen, niedrigen Hause, das sich fest an einen Hügel legte und dessen Dach von Moos und Stroh war, so daß man es schwer von dem Hügel unterscheiden konnte. Eine große Frau mit ernstem Gesicht stand in der geöffneten Haustür und sah den Ankömmlingen entgegen. Auch sie warf auf Burga den mißtrauischen Blick, den diese schon kannte, und als ihre Knaben erklärten, daß sie eine neue Magd mitgebracht hätten, schüttelte sie den Kopf.
»Lagerkinder sind schlechte Mägde!« entgegnete sie kurz, und Burga atmete auf. Es war ihr vorgekommen, als sollte sie in Gefangenschaft gehen, und nun hatte die Frau glücklicherweise keine Lust zu ihr.
»Gewiß bin ich eine schlechte Magd!« sagte sie eifrig. »Ich mag nur umherlaufen, und arbeiten kann ich nicht. Aber, wenn ich ein paar Tage hier bleiben könnte, würde ich mich freuen. Meine Füße sind wund, und mein Hals tut mir weh. Natürlich will ich dafür arbeiten, so gut ich kann, aber nachher will ich sicherlich wieder weggehen!«
Frau Jutta war mit dem fremden Kind auf die Hausdiele getreten. Hier brannte auf dem Herd ein behagliches Feuer, und über ihm hing ein Kessel mit Grütze. Sie duftete appetitlich, und auf dem dicken Eichentisch stand ein Zinnkrug mit Milch. Zwei oder drei Stühle standen in der Nähe des Herdes, und sie waren mit Wolfsfellen belegt. Traulich war es hier und warm. Burga seufzte einen kurzen Augenblick und sah vor sich hin. Dann setzte sie sich auf einen Wink der Frau, erhielt einen Teller mit Grütze und Milch vorgesetzt und aß langsam, während Wolf sich neben sie legte und leise winselte. Da wurde auch ihm ein Holzschüsselchen mit Milch gereicht, und nachdem er getrunken hatte, streckte er sich aus und schlief gleich ein. »Er ist müde, weil er in der letzten Nacht nicht geschlafen hat,« sagte Burga. »Auch ist er krank gewesen, daher ist er nicht so bissig wie sonst. Aber er wird sich schon wieder erholen!«
»Und woher kommst du?« fragte Frau Jutta, die sich gleichfalls gesetzt hatte und ihren Gast aufmerksam betrachtete.
»Ich bin viel umher gekommen!« entgegnete die Gefragte. »Wie alles hieß, weiß ich nicht mehr. Es war mir auch einerlei. So lange der Magister lebte, hat er mir manchmal die Namen der Städte gesagt, nachher, als er tot war, mochte ich nicht mehr fragen.«
»Wer war der Magister?«
Burga erhob sich.
»Werte Frau,« sagte sie etwas steif und halb verlegen. »Ich möchte wohl ein andres Gewand haben und auch um etwas Wasser bitten. Es ist sehr lange her, daß ich mich gewaschen habe, und wenn ich die Gelegenheit habe, tue ich's nicht ungern. Ich kanns auch bezahlen!« Sie legte einen Silbergulden vor Frau Jutta, den diese erstaunt betrachtete.
»Du hast Geld und bist zerlumpt, wie der schlimmste Bettler?«
Burga lächelte ein wenig.
»Ich habe nur wenig Geld, und in den letzten Wochen konnte ich mir nichts kaufen. Vielleicht gebt Ihr mir einen alten Rock, und die Jacke kann ich flicken. Dann wird sie noch wieder gut.«
»Und dann?« mußte Frau Jutta wieder fragen, und das Lagerkind hob die Schultern.
»Ich weiß nicht, was Ihr meint. Wenn mein Rock neu geworden ist und meine Jacke geflickt, dann gehe ich weiter.«
Frau Jutta erwiderte nicht viel. Sie wußte, daß die Zeit hart war, und daß viele Kinder nichts andres kannten, als umher zu streifen. Dies große und starke Mädchen würde sie wohl ins Haus genommen haben, daß sie ihr bei der Arbeit helfe, aber vielleicht war es böse, zündete ihr das Dach über dem Kopfe an und lief dann weiter.
Also holte sie einen alten Rock von sich und eine große Schale mit Wasser und wies Burga in ein Nebengelaß der Küche. Dort konnte sie sich waschen und ordentlich machen. Als Burga allein war, nestelte sie einen kleinen, gestickten Beutel los, der unter ihrer Jacke auf bloßer Haut saß und in dem, sauber eingenäht, etliche Gold- und Silberstücke waren. Nachdenklich betrachtete sie ihren Schatz, säuberte sich gründlich, schlüpfte in Frau Juttas Rock und erschien bald wieder auf der Diele, nachdem sie ihren Beutel von neuem an sich verborgen hatte. Sie hatte jetzt ein andres Ansehen. Ihr Gesicht war viel frischer geworden, und das schmutzige Blond der Haare war einer schönen Goldfarbe gewichen. Frau Jutta sah sie nicht ohne Wohlgefallen an. Die Frau saß am Herde und flickte eine Pelzjacke, und Burga setzte sich neben sie.
»Meine Jacke muß auch genäht werden!« sagte sie. »Wollt Ihr mir Faden und Garn geben, so kann ich's selbst tun.«
»Willst du mir nicht deinen Namen sagen?« fragte Frau Jutta, und Burga streifte den Ärmel ihrer Jacke hinauf und zeigte auf einige eingeritzte Schriftzeichen.
»Es ist ein wenig auseinandergewachsen,« erklärte sie, als Frau Jutta die Zeichen nicht lesen konnte. »Aber ich heiße Walburga Rantzau, und ein Prädikant hat's mir eingeritzt. Weil ich damals noch so klein war, meinte er, ich könnte meinen Namen vergessen.«
Frau Jutta sah Burga mißtrauisch an.
»Ich meine, die Rantzaus sind ein holsteinisches Geschlecht und sehr vornehm. Wie willst du zu ihnen gehören?«
»Sie sind vornehm? Ich weiß es nicht. Ich bin ein Lagerkind, und der Prädikant hat mir den Namen eingeritzt. Er ist lange tot. Er konnte nicht reiten, fiel vom Pferd und brach den Arm. Da ist er nicht wieder gesund geworden, und er mußte bald sterben. Ich habe sehr geweint, und nachher ist der andre Magister gekommen, der gleichfalls gut war. Er ist dann auch totgeschossen worden.«
Burga sprach gleichmütig. Man merkte, daß sie an Tod und Sterben gewohnt war, und Frau Jutta empfand Mitleid.
»Du scheinst ein hartes Leben gehabt zu haben.«
»Ich bins nicht anders gewohnt!« Burga stand auf und sah sich um. »Wo ist mein Hund?« Dann merkte sie, daß er ausgestreckt vorm Herdfeuer lag, und war zufrieden.
»Ihr habt gewiß einen Hund, und ich bin bange, er könnte den meinen beißen. Er ist noch schwach und kann sich nicht so wehren wie sonst. Man hat ihm kürzlich etwas Giftiges zu fressen gegeben, und das ist noch nicht aus seinem Körper. Aber er wird schon wieder gesund werden!«
Jetzt trat Gottfried ein und sah Burga überrascht an.
»Bist du unsre Gefangne? Du hast dich verändert!«
»Ich bin nicht deine Gefangne, aber ich habe mich gewaschen!« lautete die Antwort, und Gottfried warf den Kopf in den Nacken.
»Du darfst mir nicht widersprechen. Natürlich bist du meine Gefangne! Wir werden dich hier behalten, und du darfst für uns arbeiten! Willst du nicht, wie wir wollen, dann mußt du weiter ziehen!«
»Das werde ich auch tun!« entgegnete Burga ruhig. »Meinst du, ich will hier, auf diesem langweiligen Bauernhof, sitzen bleiben? Ich will mich nur ein wenig ausruhen, und ich habe deiner Mutter schon Geld gegeben!«
»Geld?« Gottfried spitzte die Ohren. »Mutter, ist's wahr, daß sie dir Geld gab? Einen Silbergulden? Laß ihn sehen!«
Frau Jutta schüttelte den Kopf.
»Ich zeige ihn nicht. Vielleicht gebe ich ihn dem Mädchen wieder, wenn sie brav ist und mir ein wenig in der Wirtschaft helfen will. Denn ich habe Hühner und Gänse, ein Schwein und eine Kuh; das will alles gewartet sein!«
Burga machte große Augen. »So viele Tiere habt ihr, und es ist noch niemand gekommen, der sie geschlachtet und mit sich genommen hat? Dort, woher ich komme, sind alle Tiere tot, und die Häuser sind verbrannt!«
»Wollte Gott, daß unsre Tiere am Leben bleiben!« entgegnete Frau Jutta schaudernd, und Gottfried deutete auf die alte Muskete, die an der Wand der Diele hing.
»Wer uns etwas tun will, den schieße ich gleich tot!«
»Oder du wirst tot geschossen!« erwiderte Burga und lachte dabei.
Da warf er sich in die Brust:
»Laß die Feinde nur kommen, ich werde schon meinen Mann stehen!«
Frau Jutta gebot ihm Schweigen.
»Prahle nicht! Wir wollen dankbar sein, wenn wir verschont bleiben!«
»Das meine ich auch!« entgegnete das fremde Mädchen und pfiff ihrem Hund.
»Nun kommt, Frau, und zeigt mir Eure Tiere! Wahrhaftig, sowas Lebendiges macht Spaß, und vielleicht bleibe ich ein wenig hier! Aber nur, wenn Ihr mich gut behandelt. Denn unfreundliche Worte und Schläge machen mir kein Vergnügen!«
[Illustration]
[Illustration: Drittes Kapitel]
Nun war Burga schon eine Woche auf dem Hanekamphof und sprach nicht mehr vom Fortgehen. Sie war müde vom Wandern und halb verhungert gewesen; jetzt, da sie sich ausgeruht und gesättigt hatte, mochte sie selbst einsehen, daß sie es gut hatte und daß die Landstraße ihr noch immer blieb, wenn der Wandertrieb sie erfaßte.
Es war auch gemütlich auf dem Hof, jetzt, wo das Frühjahr kam, wo die Vögel zu singen begannen, und die Wandervögel allmählich gen Norden zogen, um andren Platz zu machen. Burga war nicht ungeschickt. Sie konnte gut mit Vieh umgehen, fütterte das Schwein und melkte die Kuh. Auch der Hühnerhof machte ihr Freude, und da ihr Hund sich gleichfalls erholte, so war sie ganz zufrieden. Ganz geschützt lag der Hof -- vorbeistreifende Soldaten fanden nicht den Weg, und doch konnte man bald auf die Landstraße kommen, die über die Elbdünen und durch den Wald gen Westen ging. Dorthin, wo landeinwärts das Dorf Wedel lag und am Elbufer das kleine Fischerdorf Blankenese. Aber es war ein weiter Weg bis dahin, und an einigen Stellen stand der Wald so dicht, daß es geratener war, niemals allein zu wandern. Geheuer sollte es auch nicht immer im Walde sein. Dort wo die Teufelsbrücke hart an der Elbe lag, wohnte allerdings keine Hexe mehr, aber im anstoßenden Walde trieben sich die Wölfe umher und auch manchmal die Räuber.
Gottfried und Konrad berichteten einige schauerliche Geschichten, und Burga hörte ihnen gleichmütig zu. Sie war's nicht anders gewohnt, als daß die Welt voll Krieg und Raubens war -- natürlich mußte es böse Menschen auf ihr geben; wer es konnte, der ging ihnen aus dem Wege, und wers nicht konnte, der mußte sein Gut und sein Leben lassen.
»Du hast wohl schon viel gesehen!« sagte Gottfried zu ihr.
Die drei jungen Menschen standen auf einer Lichtung, die am Rande des Waldes war, von der man auf die Elbe und auf die gegenüber liegenden Ufer sehen konnte. Gottfried hatte grade eine Geschichte von der Hexe in Teufelsbrück berichtet und war ärgerlich geworden, weil Burga sie nicht glaubte.
»Selbst der Magister, der im Dorf Wedel wohnt, und der uns manchmal besucht, selbst dieser alte Mann glaubt meine Geschichte, und daß die Hexe sich in ein Schwein verwandelte und dann durch die Elbe schwamm. Hast du denn soviel Besseres erlebt, daß du ein so ungläubig Gesicht machst?«
Burga hob die Schultern. »Ein Mensch kann kein Schwein werden! Wenigstens nicht äußerlich. Es gibt Menschen, die schlimmer sind als ein wirkliches Schwein; aber verwandeln können sie sich nicht! Wir haben im Lager auch eine Frau gehabt, die eine Hexe sein sollte. Die Soldaten waren bange vor ihr, und einige kauften sich von ihr einen Brief. Den trugen sie auf der Brust und glaubten, die Kugeln träfen sie nicht. Aber dann sind sie ebenso gut totgeschossen worden wie andre. An sowas muß man nicht glauben; das ist Unsinn!«
»Unsinn!« Gottfried sah Burga mißtrauisch an. »Hexen gibt es, und auch Zauberer! Jedermann sagt es, und du bist töricht, wenn du es nicht glaubst! Ich habe selbst eine schwarze Katze gesehen, die auf einen Baum kletterte, und nachher stand da, wo die Katze eben gewesen war, eine alte Frau mit grünen Augen!«
Burga lachte laut. »Die armen alten Frauen!«
»Lache nicht!« Gottfried wurde empfindlich. »Wenn du mich auslachst, dann werde ich dich strafen!«
Sie achtete gar nicht auf seine Worte, sondern zeigte auf die Elbe. Von Osten her glitt ein großes Schiff durch das Wasser. Es hatte schneeweiße Segel, und vorne sah man zwei blanke Kanonen, die drohend ihren Lauf über den Schiffsrand streckten.
»Was ist das?« fragte sie, und Gottfried lachte spöttisch.
»Das weißt du nicht? Das ist eine Hamburger Bark, die nach draußen in die Nordsee fährt. Nach Engelland hin, oder auch weiter. Da sind Soldaten an Bord, mit Musketen und Spießen, und viel Pulver und Blei. Wenn die Feinde kommen, wird ihnen das Lebenslicht ausgeblasen!«
Immer näher kam das Schiff: es breitete seine Segel noch mehr aus, und auf dem Verdeck standen Söldner in bunten Röcken, sowie Matrosen.
»Die gehen in die Nordsee hinaus, und wohin dann?«
»Ich sagte es doch: nach Engelland. Das ist eine große Insel, und die Leute dort sind sehr reich. Sie kaufen alles, was ihnen die Hamburger bringen, aber diese holen dann wieder Waren, die hier nicht wachsen!«
Gottfried kam sich wichtig vor, und er erzählte eine ganze Geschichte. Von seinem Ohm, Herrn Jobst Hanekamp, der in Hamburg wohnte und vielleicht auch einen Anteil an diesem Schiff hatte. Einmal war Gottfried schon in Hamburg gewesen, als keine Feinde in der Nähe waren und man durch das große Tor nach Hamburg hinein durfte. Die Wächter paßten allerdings sehr auf, und wer hinein wollte, ohne seinen Namen zu nennen, der wurde in den Festungsgraben geworfen. Gottfried aber sagte nur, daß er Hanekamp hieß; da machte die Wache den Torflügel weit auf und erwiderte, der Herr Jobst Hanekamp wäre ein guter Hamburger. Wer so wie er hieße, der könnte in die Stadt kommen.
Gottfried flunkerte gern. So wie er es darstellte, war sein Einzug in Hamburg nicht gewesen. Seine Mutter war mit ihm gegangen und hatte einen Erlaubnisschein gehabt; aber es war Burga einerlei, ob er die Wahrheit sagte oder nicht. Sie sah dem Schiff nach, das die Elbe hinunterging und dem der Wind die Segel blähte. Also, dort weiterhin gab es ein großes Meer, und noch Land -- ob dort auch immer Krieg war und verbrannte Häuser, zerstampfte Felder?
»Ist in Engelland auch Krieg?« fragte sie, und Gottfried hob die Schultern. »Davon kann ich nichts sagen, aber wenn der Magister aus Wedel kommt, dann will ich ihn fragen. Er weiß vieles, und manchmal geht er auch nach Hamburg und holt Neuigkeiten von dort. Er hat einen Schein, daß er aus- und eingehen kann, wie es ihm beliebt.«
Die Kinder gingen jetzt wieder ihrem Hofe zu, und Burga trennte sich zögernd von dem Platz, von dem man die Elbe so deutlich sah.
»Warum habt ihr nicht am Wasser gebaut?« fragte sie und zeigte auf einige Fischerhütten am Strande. Die Knaben schüttelten den Kopf. Im Walde war es besser; da konnten die Räuber, die Umhertreiber und Zigeuner den Hof nicht so leicht finden. Hier war auch kein Land für die Kuh, und dann würden die Fischer vielleicht unfreundlich gewesen sein -- die hatten es nicht gern, wenn Fremde sich hier anbauten.
Burga war nachdenklich geworden. Sie ging schweigend neben den Knaben her, die wieder von Hamburg sprachen, und dann von Altona. In diesem kleinen Ort waren sie auch schon gewesen, aber es hatte ihnen nicht besonders gefallen. Für ein Dorf war es reichlich groß und für eine Stadt zu klein. Aber wenn man Eier zu verkaufen hatte oder eine Wurst, dann erhielt man mehr Geld dafür als in Ottensen, wo die Bauern immer sagten, sie hätten selbst Eier und Würste und brauchten nichts zu kaufen.
Als die drei wieder nach dem Hanekamphof kamen, stand die Mutter schon in der Tür und sah nach ihnen aus.
»Der Magister ist da!« sagte sie und gebot Burga, im Hühnerstall nach frisch gelegten Eiern zu suchen und den Grütztopf ans Feuer zu stellen.
»Ihr aber wascht euch Gesicht und Hände und kämmt euch die Haare!« wandte sie sich zu den Söhnen, die verdrießliche Gesichter machten, aber doch taten, wie ihnen geboten wurde.
Burga fand einige Eier und ging auf die Diele, auf der ein magerer Mann neben dem Herdfeuer saß. Er hatte ein vernarbtes Gesicht und nur eine Hand, die er Burga entgegenstreckte.
»Guten Tag, Burga, bist du zufrieden, hier zu sein?«
Seine Stimme hatte einen blechernen Klang, aber seine Augen blickten milde.
Burga legte ihre Hand in die seine, während sie ihn von oben bis unten betrachtete.
»Seid Ihr ein Prädikant? Und mit welcher Truppe zieht Ihr?«
Er lächelte.
»Ich bin ehemals ein Prediger gewesen, Burga, aber die Kaiserlichen brannten mir meine Kirche nieder, und auch das Dorf, das dazu gehörte. Seit der Zeit habe ich noch keine Pfarre wieder gefunden!«
Er sprach wehmütig, während Burga den Grütztopf aus dem Heu holte, wo er immer warm stand, und ihn ans Feuer schob, damit er noch heißer würde. Dann zerquirlte sie die Eier in einer Pfanne, setzte sie auf die Flammen und sprach erst wieder, als sie die fertigen Speisen dem Magister hinstellte.
»Es ist übel mit dem Krieg!« sagte sie altklug. »Unsere Prädikanten waren auch meistens von Haus und Hof gejagt und hatten keine Heimat mehr; aber selbst die, die zuerst traurig waren, sind nachher doch ganz lustig geworden. Ihr solltet auch in den Krieg gehen, Magister! Die Soldaten mögens gern, wenn ihnen was vorgepredigt wird!«
Der Magister nahm seinen Holzlöffel aus der Tasche und aß langsam. »Du hast viel vom Krieg gesehen!« sagte er nach einer Weile, und Burga wollte antworten, als die Tür offen ging und Frau Jutta, gefolgt von Wolf, eintrat. Der Hund schnupperte in der Luft und stürzte sich auf Burga, der er winselnd die Hand leckte. In dieser Woche hatte er sich schon erholt, sein Fell war glänzender geworden und seine kurzen Ohren spitzer. Burga streichelte ihn, sagte ihm einige leise Worte, und da legte er sich zu ihren Füßen hin.
»Du mußt ihn nicht hier lassen, wenn du ausgehst!« sagte Frau Jutta zu Burga. »Er hat dich überall gesucht und mich böse angeknurrt, als ich ihn streicheln und ein wenig trösten wollte.«
»Er kann noch nicht so weit gehen!« erwiderte Burga. »Darum ließ ich ihn hier. Auch soll er Euch beschützen, wenn die Feinde kommen. Er weiß auf den Mann zu gehen, und das ist eine gute Eigenschaft!«
»Aber er knurrte mich an!« wiederholte Frau Hanekamp, und Burga faßte Wolf am Halsband und führte ihn zu der Hausherrin.
»Bitte um Verzeihung!« gebot sie. »Diese Frau mußt du lieb haben!«
Da legte sich der Hund demütig vor Frau Jutta, leckte ihre Hand und wedelte mit dem buschigen Schwanz.
»Ein schönes Tier!« lobte der Magister, der sein Mahl beendet hatte und nun aufmerksam dem kleinen Vorgang gefolgt war.
»Er ist von guter Art und hat einem hohen Offizier gehört,« berichtete Burga. »Als ich ihn fand, lag er auf der Leiche und wollte nicht weggehen. Aber dann ist er allmählich hinter mir her gekommen.«
»Du hast schon viel erlebt!« begann der Magister von neuem, und Burga sah ihn ernsthaft an.
»Ich bin ein Lagerkind, Herr! Wie ich dorthin gekommen bin, kann ich nicht sagen, es ist zu lange her.«
»Sie will eine Rantzau sein!« warf Frau Jutta ein. »Sind das nicht sehr vornehme Adlige hier im Lande?«