Chapter 3 of 11 · 3988 words · ~20 min read

Part 3

»Ich will keine Rantzau sein, der Name steht aber auf meinen Arm eingeritzt!« entgegnete Burga. »Ich kann nichts dafür; er hat mir nichts genützt, aber irgend einen Namen muß ich doch in der heiligen Taufe erhalten haben!«

Jetzt erschienen Gottfried und Konrad. Beide rein gewaschen und mit gekämmten Haaren. Sie schienen aber nicht sehr froh zu sein und begrüßten den Magister ziemlich widerwillig. Er zog nun ein Büchlein aus der Tasche, fragte sie nach den zehn Geboten, wollte wissen, wie es mit Schreiben und Lesen stünde, und Burga merkte, daß er den zwei wilden Jungen eine Stunde geben wollte. Frau Jutta winkte ihr auch schon und ging dann mit ihr ins Freie.

»Der Magister kommt einmal in der Woche und sieht nach den Söhnen, damit sie ein wenig lesen und schreiben und dazu die Bibel kennen lernen. Sie dürfen doch nicht zu dumm bleiben.«

»Kann ich nicht auch bei dem Magister sitzen bleiben?« fragte Burga, und die Frau machte ein erstauntes Gesicht.

»Meinetwegen, obgleich es besser wäre, du sähest nach den Glucken, die auf den Eiern sitzen. Denn Mädchen brauchen sich nicht mit Gelehrsamkeit zu plagen, sie müssen kochen und backen lernen und allerhand andres Nützliches, aber lesen und schreiben tut nicht von nöten.«

Burga warf den Kopf in den Nacken.

»Ich meine nicht, daß ich hier eine Dienstmagd bin, sondern eine Freie, die auch schon einen Taler bezahlt hat und gern noch einen dazu legt, wenn es verlangt wird!«

Frau Jutta wurde betroffen, aber auch ein wenig beschämt. Denn sie hatte das fremde Mädchen eigentlich nur als Magd betrachtet und ihr alle Arbeit aufgebürdet, die sich grade fand. Nun dachte sie an den Silbertaler, den sie erhalten hatte, und daß Burga eigentlich für ihre Arbeit Lohn verdiente, anstatt selbst zu bezahlen.

»Geh nur zum Magister!« sagte sie hastig. »Meinetwegen magst du immer bei ihm lernen, wenn du Freude daran findest. Geh nur nicht gleich wieder weg; ich habe dich gern hier und will auch nicht mehr Arbeit verlangen, als du leisten willst!«

Burga war zufrieden und ging sogleich wieder auf die Diele, wo die Jungen mißmutig vor dem Magister saßen und durchaus keine Lust zur Gelehrsamkeit zeigten.

Frau Jutta sah dem Mädchen einen Augenblick nach.

»Ob sie wohl wirklich eine Vornehme ist? Manchmal könnte ich es glauben. Aber es gibt wohl viele vom Adel, die eben so wenig eine Heimat haben, wie die Bürger und Bauern. Ich will mich nicht darum sorgen!«

Und sie ging in den Hühnerstall zu den Glucken, während Burga vor dem Magister saß, ihm alle zehn Gebote hersagte, auf der Schiefertafel mit dem Griffel die Buchstaben des Alphabets malte und schon ganz ordentlich in der großen Bibel lesen konnte. Das war sehr ärgerlich für die Jungen, die sich garnicht denken konnten, daß ein Mädchen mehr von der Gelehrsamkeit verstand als sie. Alle zwei kriegten heiße Köpfe und gaben sich mehr Mühe als sonst, so daß der Magister ein sehr zufriednes Gesicht machte und wohlgefällig auf seine neue Schülerin sah.

[Illustration]

[Illustration: Viertes Kapitel]

Der Magister kam vom Hanekamphof und ging wieder gen Wedel. Das war schon damals ein ziemlich großes Kirchdorf, mehr landeinwärts gelegen, wohin durch Wald und Heide eine schmale Fahrstraße führte. Hier hatte der Magister Timotheus lange nach seiner schweren Krankheit eine Unterkunft gefunden. Denn schwer krank war er gewesen und vom Leben sehr hart geprüft. Hatten ihm doch die kaiserlichen Truppen nicht allein Kirche und Pastorat verbrannt, sondern auch seine Frau und sein kleines Kind erstochen. Er selbst verteidigte seine kleine Familie, bis er besinnungslos und schwer verwundet niederstürzte. Die Soldaten hielten ihn für tot und kümmerten sich nicht weiter um ihn, aber ein alter Bauer, dessen Hof allein von dem ganzen Kirchdorf nicht verbrannt und ausgeraubt wurde, weil er abseits lag, dieser Bauer schlich sich nachher in das zerstörte Pastorat, fand den Magister und trug ihn nach Hause. Es dauerte lange, ehe die gute Bäuerin, die etwas von der Heilkunde verstand, den armen Magister wieder gesund pflegte. Die Soldaten hatten ihm nicht allein die linke Hand abgeschlagen, sondern ihm auch ein ekles Wasser, das man den Schwedentrunk nannte, in den Hals gegossen. Als der schmählich Behandelte wieder zu sich kam, hatte seine Stimme jeden Klang verloren, und sein linker Arm war ohne Hand. Aber er lebte noch und wollte lieber nicht seinen traurigen Gedanken nachhängen, sondern arbeiten, soviel er konnte. Also ging er an die Westküste des Landes, um dort ein Unterkommen zu suchen. Bald, nachdem er auf der Insel Nordstrand angelangt war, kam die große Flut, die siebzehn Kirchen und viel reiche Dörfer mit sich gehen ließ. Die ganze große und wohlhabende Insel wurde zerstört, Tausende von glücklichen Einwohnern verloren ihr Leben, und wer dies rettete, der hatte alle Habe verloren. Der Magister Timotheus hatte nichts zu verlieren: er rettete und half, wo er konnte, aber eine neue Heimat war in dem zerstörten Lande nicht zu finden. Also wanderte er bald hier, bald dorthin, bis er sich einer alten Muhme erinnerte, die in der Elbgegend, im Dorfe Wedel, wohnte. Sie bat er um ein Unterkommen, und sie gewährte es ihm gern.

In Wedel war der Schulmeister von den Soldaten mitgenommen worden, und einige Bauernsöhne sollten doch lesen und schreiben lernen. Also fand Timotheus bald einige Schüler, und der Pastor Rist, der hier nicht allein predigte, sondern auch ein berühmter Dichter war, half ihm weiter, daß er sein Brot finden konnte. Mehr verlangte der Magister nicht; er war nicht allein froh über die Arbeit, sondern auch darüber, daß er andern noch nützlich sein konnte. Und wenn er an seine Frau und an sein Kind dachte, dann sehnte er sich wohl manchmal sehr nach ihnen; aber er wußte, daß es zu heutigen Tagen eigentlich besser war, mit dem Leben fertig zu sein und nicht mehr nötig zu haben, sich vor dem morgigen Tage zu fürchten. Denn der morgende Tag konnte neue Schrecknisse bringen, niemand war sicher, daß er ihn zu Ende erlebte.

Und doch schien heute die Sonne warm, die Vögel jubilierten, und über den Tannen kreiste der Wanderfalke, der in den höchsten Gipfeln sein Nest baute. Er stieß ein scharfes Krächzen aus, und der Magister packte seinen dicken Stock fester und sah sich um. Wenn der Falke so schrie, dann gabs etwas, das ihm nicht gefiel.

Siehe da, es jagte ein Häslein über den Weg und verschwand im Unterholz, während hinter ihm her ein Fuchs stürzte. Da nahm der Magister seinen Stock und warf ihn Meister Reineke zwischen die Beine, daß er einen langen Satz machte und ziemlich beschämt einen andern Weg einschlug. Der Hase war gerettet, aber wie lange? Als der Magister seinen Stock wieder holte, seufzte er, weil er an die armen schwachen Tiere des Waldes denken mußte, die die Beute der Stärkeren wurden. Und dann dachte er an den Fuchsbau, den er grade neulich mitten im Walde gefunden hatte. Vor ihm saßen die kleinen Füchse, spielten miteinander und warteten auf die Mutter, die ihnen etwas zu fressen bringen sollte. Sie kam auch und hatte zwei Hühner im Maul, auf die sich die Kleinen stürzten. Ach ja, die jungen Füchse wollten auch leben, und der Hase wäre wohl ein guter Braten für sie gewesen. Eigentlich mußte man die Tiere alle gewähren lassen. Sie hatten es wahrlich auch nicht leicht, sich durchzubringen.

Nur die Wölfe waren schlimm. Jetzt aber waren sie gen Norden gewandert, wenigstens liefen sie nicht mehr vor Wedel auf der Straße herum und heulten vor den Häusern, wie sie es im strengen Winter getan hatten.

Timotheus ging in so tiefen Gedanken, daß er nicht das Pferdegetrappel hinter sich hörte, bis er von einer scharfen Stimme angerufen wurde.

»He, Schwarzrock, kannst du nicht aus dem Wege gehen, wenn mein Pferd kommt?«

Timotheus blieb stehen, sah sich um und blickte auf zwei dänische Dragoner, die langsam hinter ihm her kamen. Er trat zur Seite und zog den Hut. Holstein gehörte dem König von Dänemark, und diese Reiter sollten also Freunde sein, aber in heutigen Zeiten waren die Soldaten überall wild und ungebärdig: die des eigenen Landes benahmen sich oft grade so schlecht, wie die Feinde.

Daher hoffte er, daß die Dragoner vorbei traben würden, aber, der ihn angerufen hatte, blieb neben ihm halten und zwirbelte seinen langen grauen Schnauzbart.

»Ich bin der königlich dänische Wachtmeister Balthasar und jeder, der mir begegnet, muß mir gehorchen!« sagte er drohend, während Timotheus seinen Hut wieder aufsetzte.

»Was wünscht Ihr denn?« erkundigte er sich, und Balthasar sah ihn unzufrieden an.

»Weshalb setzest du deinen Hut wieder auf, wenn du von mir angeredet wirst, das schickt sich nicht!«

»Weshalb nennt Ihr mich du, wo ich doch die Höflichkeit bewahre und Euch nicht dutze?« erkundigte sich der Magister, worauf der Wachtmeister rot im Gesicht wurde.

»Weil mir das so paßt, mein Freund! Wir Soldaten sind hier die Herren, und kein Schwarzrock hat uns etwas zu sagen! Vorwärts, marsch, Schwarzrock! Zeige uns die Häuser, in denen Jungen aufwachsen! Der König braucht Soldaten! Wo die Bengel vierzehn Jahre alt sind, da müssen sie in den bunten Rock, was bekanntlich eine Ehre ist! Nun, vorwärts, marsch!«

Er wollte nach dem Magister greifen, der aber sprang behende über den Graben, der Landstraße und Wald von einander trennte, und erwiderte:

»Ich kenne keine Häuser, in denen heranwachsende Knaben sind! Und kennte ich sie, würde ich sie dir nicht verraten! Eins aber will ich dir sagen, Freund! Auf derselben Landstraße, auf der du jetzt reitest, sind vor wenig Stunden wohl ein Dutzend schwedische Reiter gezogen! Wenn du denen in die Hände fällst, kann es dir schlecht ergehen!«

»Du lügst!«

Des Wachtmeisters grimmiges Gesicht ward noch grimmiger, und er winkte dem hinter ihm reitenden Dragoner, der seinen Karabiner bereits auf den Magister angelegt hatte.

»Schieß los, Jens! Dieser schwarze Kerl ist zu frech! Mich wagt er du zu nennen? Das soll er büßen!«

Der Dragoner schoß wirklich, aber die Kugel schwirrte weit über des Magisters Kopf in die Bäume, zwei Vögel flatterten auf, und ein Eichkätzchen fuhr den Stamm hinab, mehr geschah nicht, und Timotheus stand noch immer aufrecht.

»Ich habe dich gewarnt, Mann!« rief er noch einmal. »Wende dein Pferd und reite auf Ottensen zurück oder gar gen Altona. Zwei dänische Reiter, auch wenn sie tapfer sind, sind zu wenig gegen ein Dutzend Schweden!«

Seine Warnung verhallte. Auch der Wachtmeister schoß jetzt hinter ihm her, und noch einmal schüttelten die Zweige ihr Haupt, während einige kleine kaum erschlossene Blätter zur Erde flatterten. Der Falke krächzte, eine Weihe strich mit raschem Flug über den Magister dahin, der jetzt mitten im Unterholz zwischen Dornen und Buchengestrüpp stand und eilig weiterging. Dazu schüttelte er den Kopf. Er wußte, daß die Dänen mit ihren schweren Pferden ihm nicht nachreiten konnten; und die meisten Kugeln trafen bekanntlich auch nicht. Darum war er auch nicht sehr ängstlich gewesen, er ärgerte sich nur, daß diese rohen Menschen sich gerade so aufführten, als wären sie Feinde wie die Schweden und die Kaiserlichen.

[Illustration]

Sie verlangten nicht allein Speis und Trank von den Bewohnern, sie wollten auch noch ihre Söhne haben, um sie gegen den Feind zu führen. Und dann konnte es geschehen, daß die jungen Leute ebenso hart und heftig würden wie dieser Wachtmeister.

Timotheus hörte noch die Stimmen der Dragoner. Sie schalten hinter ihm her und sandten einige Kugeln in den Wald, aber das war nur aufs Geratewohl, und der Magister machte sich nichts daraus. Aber er war traurig, sprach allerhand vor sich hin und wandte sich dann seitwärts der Elbe zu, deren steiles Ufer er hinabkletterte, um ein kleines Fischerhaus aufzusuchen, das hier zwischen Bäumen und Unterholz verborgen lag. Hier wohnte der Fischer Hans Peter, dem ein großes Boot gehörte, mit dem er auf den Fischfang ausging. Der Magister war schon oft mit ihm zu Wasser ziemlich weit hinausgefahren, und auch heute wollte er ihn bitten, ihn mitzunehmen. Dann brauchte er nicht den langen Landweg nach Wedel zu machen, sondern konnte hinter Blankenese ans Land gehen, um von da sein Dorf zu erreichen. Das Ufer war dort mit Wald bedeckt und so zerklüftet, daß es einem Fremden schwer halten mußte, sich zurecht zu finden. Weder dänische noch feindliche Soldaten würden hierher den Weg auskundschaften, und nur die Strandbewohner kannten die heimlichen Pfade und einige Höhlen in den Dünen.

Hans Peter stand in seinem Boot und schöpfte Wasser aus. Er war ein großer, ungeschlachter Mann, der selten den Mund auftat und dann auch nur, um ein Stück Tabak hinein zu stecken. Als der Magister zu ihm trat und sein Anliegen vorbrachte, schien er kaum zuzuhören, schüttelte dann aber nach einer Weile den Kopf.

Der Magister verstand ihn.

»Willst du nicht fahren?«

»Schweden!« erwiderte Hans Peter nach einer Pause. »Hast du sie auch gesehen?«

Mit dem Daumen zeigte Hans Peter auf ein großes Boot, das in der Ferne kreuzte.

»Lieber Gott,« der Magister seufzte. »Nun fahren sie schon in Booten auf dem Wasser! Ist denn niemand, der ihnen Einhalt gebieten kann?«

Hans Peter zuckte die Achseln. »Ich nicht, aber --« er wies mit dem Daumen auf eine schwarze Wolke, die vom Westen her kam.

»Boot kann leck springen!« sagte er mit kurzem Auflachen. Zog sein Fahrzeug ans Land und zeigte auf sein Häuschen.

»Bier und Brot!« setzte er mit einer Miene hinzu, die freundlich sein sollte.

Timotheus ging mit ihm. Dort oben im Wald wars wirklich nicht geheuer. Dem Wachtmeister noch einmal zu begegnen, war ebensowenig angenehm, als die Schweden wiederzusehen, die am Morgen mit Waffengeklirr über die Landstraße geritten waren. Da konnte man es sich schon gefallen lassen, bei Hans Peter Dünnbier zu trinken und dazu geräucherten Fisch und Brot zu essen. Heimlich und still war es in der Hütte. Das Feuer brannte auf dem Herd, und der Rauch zog durch ein Loch im Strohdach. Auf dem Herd saß die Katze, die jetzt aufstand und Hans Peter entgegenging. Sie rieb sich an seinen Beinen und ließ sich dann auch von Timotheus streicheln. Sie war Hans Peters einzige Gesellschaft. Ehemals hatte er eine Frau gehabt und auch zwei Söhne. Aber die Frau war schon lange tot, und die zwei Jungen waren in die Weite gegangen. Das war lange her -- wenn der Magister den Fischer fragte, wie viele Jahre er allein hause, dann schüttelte dieser den Kopf, er wußte es nicht. Oft, sehr oft war der Winter wiedergekommen und der Frühling, seitdem er allein wohnte. Daher hatte er auch das Sprechen verlernt und konnte nicht begreifen, daß andre Menschen sich immer etwas zu erzählen hatten. Aber wenn der Magister zu ihm kam, dann freute er sich doch und horchte darauf, was dieser ihm berichtete.

So saß er denn auch heute vorm Herde, nahm die Katze auf den Schoß und ließ sich erzählen. Von den schwedischen Reitern, die heute morgen so lustig durch den Wald geritten waren und so große Eile gehabt hatten, daß sie den Magister, der sich hinter den Bäumen versteckt hielt, nicht sahen. Wahrscheinlich ritten sie landeinwärts, einem der Edelhöfe zu, die noch nicht ganz ausgeplündert waren. Hans Peter brummte. So wars wohl, und die andern Schweden, die unten in Neumühlen ein altes Boot weggenommen hatten und mit ihm davonfuhren, die gingen auch auf Raub aus. Aber das Boot konnte leck springen, und wie Hans Peter langsam mit vielen Zwischenräumen sprach, wie es allmählich Abend wurde, da pfiff es plötzlich aus Südwest, und die großen Bäume über dem Fischerhaus knarrten. -- -- -- -- -- -- --

* * * * *

Die ganze Nacht hindurch heulte der Sturm, und Timotheus konnte sich freuen, auf einem mit Seetang gefüllten Sack zu liegen und über sich ein Schafsfell zu haben, das wundervoll warm hielt. Er schlief auch einigermaßen, wenn er sich auch grämte, daß nun die Dänen alle Häuser der Umgegend nach jungen Knaben durchsuchten, die Soldaten werden mußten. Was würde Gottfried Hanekamp sagen, wenn er weggeführt wurde, und was sollte Frau Jutta dann beginnen? Mit Konrad allein konnte sie ihren Hof nicht bewirtschaften! Und in Blankenese und Wedel waren auch halbwüchsige Knaben, die nicht entbehrt werden konnten von ihren Eltern. Danach aber fragte der dänische König nicht, und wenn er auch vielleicht ein guter Herr war und Mitleid gehabt hätte, wenn man ihm die Sachen vorstellte, so kamen die Geringen doch nicht an ihn heran, und die Vornehmen um ihn, die sein Ohr hatten, kümmerten sich nicht um das Elend der Kleinen. Mit diesen Gedanken schlief der Magister ein, mit ihnen wachte er auf. Plötzlich war es schon ziemlich hell, und der Fischer hockte vorm Herd und kochte seine Grütze. Der Regen schlug gegen die kleinen, in Blei gefaßten Fensterscheiben, und die Elbe schien sehr aufgeregt. Man hörte ihre Wogen auf den Strand klatschen und dazwischen das zornige Brausen des Windes.

»Keine Bootfahrt!« sagte der Hans Peter kurz, als der Magister sich vom Lager erhob, und Timotheus mußte ihm schon glauben. Durch den Sturm war das kleine Boot weit auf den Strand getrieben worden, und es konnte noch Stunden dauern, bis die zornigen Wogen sich beruhigten.

Nachdem also der Magister die Morgengrütze gegessen und sich für das Nachtquartier bedankt hatte, stieg er wieder die Düne hinauf und begab sich zu Fuß auf den Heimweg. Der Weg war vom Regen durchnäßt, der Sturm hatte große Zweige von den Bäumen gerissen, daß das Gehen mühselig war, und im Walde stöhnten und knarrten die Bäume, als wollten sie sich beklagen, daß sie so unsanft behandelt wurden. Dem Magister aber war das Wetter schon recht. Dann lagen weder Schweden noch Dänen auf der Landstraße, sondern verkrochen sich irgendwo, wo es warm und behaglich war. Also konnte man ruhig seines Weges gehen und brauchte nichts Unangenehmes zu fürchten. Denn wenn der Magister auch nicht furchtsam war, so ging er doch lieber einer Gefahr aus dem Wege, als daß er sie aufsuchte.

Es war einsam im Walde. Die Vögel saßen im Schutz ihrer Nester, und wenn der rote Fuchs von gestern noch lebte, dann hockte er bei seinen Jungen oder spürte vielleicht dem Hasen nach, den er gestern nicht bekommen hatte.

Aber der Magister war doch weise geworden und ging lieber auf einem schmalen Waldpfad, als daß er die Landstraße benutzte. Der Wind pfiff noch immer, und dazwischen rauschten die Bäume, aber es wurde stiller, und mit einemmal kam ein Sonnenstrahl. Timotheus blieb stehen und sah, wie er durch die braunen Zweige und über die kleinen zarten Blätter des Unterholzes glitt. Der böse Winter war zu Ende, wenn auch der Sturm noch tobte. Und vielleicht ging auch einmal der Krieg zu Ende -- obgleich man es nicht anders kannte.

Unwillkürlich blieb der Magister stehen und dachte an die Zeit, da er noch eine Frau und ein liebes Kind gehabt hatte. Der Krieg hatte ihm beides genommen und auch seine Kirche, in der er so gern predigte. Nichts war von dem Dorf übrig geblieben, als verbrannte Häuser. Er selbst war lange ein schwerkranker Mann, und als er gesund wurde, hatte er eigentlich keine Lust mehr zu leben. Und dennoch lebte er, und die Sonne schien ihm ins Gesicht, während über ihm ein Rabe krächzte.

Timotheus hob den Kopf. Er ging fast jeden Tag in den Wald und kannte seine Stimmen; wenn der Rabe so krächzte, dann spürte er Beute. Lief dort vielleicht ein junger Hase, oder sah der schwarze Gesell ein Vogelnest, wo der die Jungen fressen wollte? Vorsichtig ging der Magister weiter und blieb dann wieder stehen. Es kam ein sonderbarer Laut von den Bäumen her -- das war kein Tier, sondern ein Mensch! Wieder krächzte der Rabe, und Timotheus ging dorthin, wo der große Vogel schwebte und unverwandt nach unten äugte. Dann stieß er einen Ruf des Mitleids aus und stürzte auf den dänischen Wachtmeister zu, der gestern auf stolzem Roß gesessen hatte und nun an eine der alten Tannen festgebunden war. In seinem Munde steckte ein dicker Knebel, so daß er nicht schreien konnte, nur hin und wieder stieß er dies Stöhnen aus; aber sein Kopf hing ihm schon tief auf die Brust. Schadenfroh koaxte der Rabe -- nicht lange mehr brauchte er zu warten, dann konnte er sich den Gefesselten ganz aus der Nähe betrachten.

Aber seine Freude kam zu früh. Der Magister zog dem Wachtmeister den schmerzhaften Knebel aus dem Mund, zerschnitt seine Stricke und stützte ihn, als dieser, fast gelähmt, beinahe hingefallen wäre. Vorsichtig ließ der Retter ihn auf einen umgestürzten Baumstamm sitzen und kühlte ihm mit einem in das nasse Gras getauchten Tuch das blau gedunsene Gesicht. Der Wachtmeister war ein kräftiger Mann. Nachdem er einige Minuten verschnauft hatte, griff er nach der Brotrinde, die ihm Timotheus hinhielt, begann sie zu kauen, rieb seine schmerzenden Glieder und fluchte.

»Diese Schweden! Hinterrücks überfallen sie mich, nehmen mir die Waffen und das Pferd weg und binden mich an den Baum. Aber es sind Dummköpfe. Totschlagen hätten sie mich müssen, dann würde ich mich nicht rächen können, während jetzt -- --« drohend erhob er die Hand, die aber kraftlos wieder niedersank.

»Denkt nicht gleich an die Rache!« ermahnte der Magister. »Freut Euch, daß Ihr mit dem Leben davonkamet!«

Der Wachtmeister sah ihn verdrießlich an.

»Laß das Predigen, Schwarzrock! Gib mir Geld, daß ich mir wieder einen Säbel und einen Karabiner kaufen kann! Diese Schweden sollen alle von meiner Hand sterben!«

»Ich habe kein Geld!« Der Magister mußte über den Unverschämten lachen. »Geh dorthin, woher du kamest. Die Dänen werden dir schon die Waffen wiedergeben.«

Mit diesen Worten ging Timotheus weiter.

»Halt!« Der Wachtmeister schrie es hinter ihm her. »Halt! Verlaß mich nicht! Siehst du denn nicht, daß ich noch nicht wieder gehen kann, und du willst mich hier allein lassen? Wenn ich dies der Obrigkeit berichte, wird sie dich strafen!«

»Meinst du? Vielleicht wird dir die Obrigkeit sagen, daß man den, der einem das Leben rettet, höflicher behandeln muß, wie du es tust!«

»Wenn du mir das Leben rettetest, dann mußt du auch weiter für mich sorgen!« rief der Wachtmeister und versuchte, sich aufzurichten, um den Magister zu ergreifen. Aber die Glieder versagten ihm, und er verlegte sich nun aufs Bitten.

»Herr Magister, wohledler Herr; helft mir doch! Ich bin doch ein dänischer Soldat und ein sehr guter Wachtmeister! Fragt nur meinen Obristen, den Herrn von Pechlin in Altona! Ich bin ein herzensguter Mensch, Herr Magister, und an meiner rauhen Sprache müßt Ihr Euch nicht stoßen! Das gehört nun einmal zum Kriegshandwerk und ist grade so, wie Ihr beim geistlichen Stande Barmherzigkeit üben müßt. Ich hab auch einmal Magister werden wollen, aber der Säbel paßte besser für mich!«

»Das glaube ich wohl!«

Der gutmütige Magister war wieder näher gekommen und half endlich dem Wachtmeister, so daß dieser sich auf ihn stützen konnte.

»Langsam, langsam!« knurrte er. »Immer vorsichtig, sonst sollst du mal sehen!« Und er versuchte, den kleineren Magister so fest zu halten, daß dieser sich nicht zu rühren vermochte.

Aber Timotheus war gewandt, trotz seiner fehlenden Hand. Mit einer schnellen Bewegung machte er sich frei und sagte ruhig: »Wenn du dich nicht ordentlich benimmst, Wachtmeister, lasse ich dich hier sitzen!«

Dieser unterdrückte einen Fluch und wurde wieder höflich.

»Entschuldigt nur, Herr Magister! Die Galle ist bei mir durch die Schweden in Unordnung geraten. Sie wird erst wieder besser, wenn ich die Kerle alle in die Pfanne gehauen hab!«

Nun ließ er sich ganz ordentlich führen, stöhnte manchmal auf und murmelte einen Fluch. Aber wenn er in das ernsthafte Gesicht des Magisters sah, dann nahm er sich zusammen und hütete sich wohl, den Unwillen seines Retters zu wecken. Es dauerte wohl einige Stunden, aber, als die Mittagsstunde vom Kirchturm zu Wedel schlug, da brachte der Magister den Wachtmeister zu seiner alten Muhme, die schon in der Haustür stand und nach ihm aussah. Sie war wohl achtzig Jahre alt und ein hageres Weib mit verrunzeltem Gesicht. Aber ihre Augen waren klar und hell, und als sie den dänischen Reiter sah, der müde und in zerrissener Uniform vor ihr stand, da machte sie weder ein großes Geschrei, noch schlug sie die Hände über den Kopf zusammen. Sie setzte den lahmen Mann ans Herdfeuer und brachte ihm gleich einen Becher mit warmer Milch, den er gierig hinunterstürzte. Dann bereitete sie ihm ein Lager und deckte ihn mit einem alten Federkissen zu.