Chapter 5 of 11 · 3917 words · ~20 min read

Part 5

Es ging langsam, aber es ging. Der Verwundete stöhnte, und der kleine Klas begann zu weinen, aber Burga gebot ihm, still zu sein. Und wie der Fischer erst in seinem eignen Boote lag, da schien es, als würde er ruhiger, und der kleine Klas mühte sich redlich ab, das schwere Fahrzeug über die Elbe zu bringen. Beinahe wärs nicht gegangen, aber plötzlich kam ein kleines, flinkes Fahrzeug hinter ihnen her, ein Fischer schwang sich ins große Boot und ruderte kräftig mit. Es war ein alter Mann, der kein Wort sprach und der Burga die ganze Zeit betrachtete, aber der kleine Klas flüsterte ihr zu, daß dies sein Ohm Hans Peter wäre und daß der niemals viel sagte. Auch Wolf saß mit im Boot, wußte aber auch, daß er sich nicht rühren durfte, und ließ nur Burga nicht aus den Augen. Und dann lag Finkenwärder vor ihnen, und Hans Peter griff mit an, den Verwundeten ans Land zu tragen. Um Burga bekümmerte er sich nicht weiter, und auch der kleine Klas vergaß das Danken. Er dachte nur an seine Mutter, und was sie zu dem verwundeten Vater sagen würde. Also blieb Burga allein am Hafen zurück, setzte sich ans Bollwerk und dachte darüber nach, ob sie sich ein Nachtquartier suchen, oder im Freien schlafen wollte. Denn es war spät geworden. Etwas abseits von den Fischerbooten lag ein Fahrzeug, das rote Kissen hatte, und recht einladend aussah. Sogar ein Wolfsfell lag darin, und wer sich da hinein wickelte, der hatte es gut. Burga betrachtete es, halb in Gedanken. Dann begann sie hungrig zu werden und beschloß, sich etwas Brot für sich und ihren Hund zu erbetteln. Sie hätte es auch kaufen können, aber sie wußte, daß es immer klüger war, kein Geld zu zeigen; sonst wurde es einem weggenommen. Langsam schlenderte sie durchs Dorf. Mittlerweile war die Nacht gekommen; aber es war lau, und die Sterne flimmerten freundlich und milde. In der Dorfstraße war kein Mensch mehr zu sehen. Nur einige kleine Hunde kläfften, aber sie rührten sich nicht aus dem Haus, in dem sie ein Loch in der Mauer zum Ein- und Auslaufen hatten; wahrscheinlich ahnten sie, daß Wolf hinter dem Mädchen herging, mit glühenden Augen, und gefletschten Zähnen.

Burga erhielt nichts zu essen, und nur in einem Hause war noch Licht. Das war das Wirtshaus zum Seeteufel, wo die Fenster offen standen und man ins Gastzimmer sehen konnte. Drei dänische Offiziere saßen hier hinter großen Zinnkrügen, würfelten und sangen. Burga betrachtete sie aufmerksam. Der eine von ihnen war jung, die andern zwei hatten graue Schnauzbärte und verwitterte Gesichter. Auf der Fensterbank lag ein großes, mit Butter bestrichnes Brot, und daneben stand ein Becher mit Wein. Burga trank eilig den Wein aus und nahm das Brot mit sich. Der Wein floß heiß durch ihre Glieder, da vergaß sie den Hunger und gab Wolf das größte Stück vom Butterbrote. Müde wurde sie auch, und ihr fiel das Boot mit den roten Decken und dem warmen Fell ein. Es mußte sich gut darin ruhen lassen; sie wollte es versuchen. Es lag auch noch an derselben Stelle; sie ging hinein, legte sich auf die eine Bank, deckte sich zu und forderte Wolf auf, unter die Bank zu kriechen. Er tats natürlich; wenn er bei seiner Herrin war, konnte er stundenlang still liegen und sich nicht vom Fleck rühren.

Es war behaglich auf dem leise schaukelnden Boot. Die Elbe gluckste leise, ein Nachtvogel strich unhörbar über sie dahin, und aus dem Wasser schnellte ein Fisch, um wieder zurück zu fallen. Burga dachte an den Hanekamphof, an Frau Jutta, an die Jungen. Was sie wohl sagen würden, wenn sie nicht wiederkäme! Aber der Oheim war wirklich zu häßlich gewesen. Mochten sie sehen, ohne sie fertig zu werden! Es war dort sicher nicht übel gewesen, aber man konnte nicht immer an einem Platz bleiben. Wozu war man denn ein Lagerkind und wanderte von Ort zu Ort? Ein Lagerkind. Halb im Traum wiederholte Burga das Wort. Immer war sies wohl nicht gewesen. Einmal hatte eine Mutter ihr die Hände gefaltet und sie beten lassen:

»Von Erd bin ich genommen, zur Erde werd ich kommen! Herr Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!«

Halblaut sprach Burga die Worte vor sich hin. Wie kam es, daß sie sich ihr plötzlich auf die Lippen drängten? So lange, lange hatte sie sie vergessen, nun kehrten sie zurück aus der Ferne. Ja, eine Mutter saß einst an ihrem Bettchen und flüsterte ihr sanfte Worte zu; dann aber kam Brand und Mord, Geschrei und Blut -- wo war die Mutter geblieben, wo das Bettchen mit den dunklen Vorhängen, der rote Michel, der sie herausriß und vor sich aufs Pferd nahm? Blutigrot flammte es hinter ihr auf, und dann kam das Vergessen, das Umherwandern. Ein Prädikant ritzte ihr den Namen in den Arm, und der rote Michel rieb die kleinen Stiche mit Pulver ein, daher waren sie durch kein Wasser wegzubringen. Aber der Prädikant war lange tot und Michel ein Räuber geworden.

Der Wein war heiß gewesen, und Burgas Augen schlossen sich fest. Das Wasser gluckste stärker, und Wolf begann zu knurren, aber seine Herrin rief ihm schlaftrunken zu, ruhig zu sein; da legte er sich wieder hin.

Dann kam ein kalter Wind, die Sonne schien dem Mädchen ins Gesicht, sie fuhr auf und rieb sich die Augen. Auf dem Wasser lagen dichte Nebelschleier, aber das Boot trieb langsam stromabwärts. Vorn im Fahrzeug lag ein Offizier mit dem Kopf auf der Ruderbank. Er trug keinen Hut, sein Gesicht war blutig und geschwollen, und dabei schien er fest zu schlafen. Aber, wie Burga ihn verwundert betrachtete, fuhr er in die Höhe, steckte die Hände ins Wasser und rieb sich damit das Gesicht. Dies wiederholte er mehrmals und starrte endlich Burga aus großen blauen Augen an.

»Ich möchte wohl wissen, wo ich bin!« sagte er langsam.

»Das möchte ich auch!« erwiderte Burga, und er nahm wieder ein paar Hände voll Wasser und begoß seinen Kopf.

»Der Wein war stark!« murmelte er vor sich hin, dann griff er nach seiner Stirn.

»Da hat mich jemand gehauen!«

»Aber ordentlich!« versicherte Burga. »Ihr werdet Streit beim Trinken bekommen haben!«

»Meinst du?« Er dachte nach. »Ja, ich glaube, daß der Wirt kam und noch ein paar Fischer. Die Kameraden wollten keine Zeche bezahlen, und die Leute wurden böse.« Wieder wusch er sein Gesicht. Dann sah er sich um. »Wo sind die zwei andern Herren?«

Burga wußte es nicht. Der Nebel hob sich, und sie sah, daß das Fahrzeug den Strom hinunter trieb. Dorthin, wo viele Häuser standen und einige Schiffe lagen. Es war noch früh am Tage, und auf dem Wasser war nicht viel Leben. Nur ein Boot mit Soldaten kam ihnen entgegen, und aus ihm wurde Burgas Gefährte angerufen.

»Junker Rantzau, seid Ihrs? Und wo sind die andern Herren?«

Ein großer Offizier bog sich aus dem Boot, griff nach dem treibenden und schwang sich hinüber. Dann stieß er einen Schrei aus, denn Wolf war unter der Bank hervorgeschossen und packte ihn am Bein.

»Zurück Wolf« rief Burga, und der Hund ließ den Mann los, stand aber knurrend, mit geöffnetem Maul.

Der Offizier sah Burga zornig an.

»Was ist dies? Was willst du hier, im Boot, das Seiner Majestät dem König gehört? Und Ihr Junker, wie seht Ihr aus? Habt Ihr Euch mit Feinden geprügelt?«

Der Junker zuckte die Achseln.

»Ich kann mich nicht mehr auf die Geschichte besinnen, Herr Rittmeister! Es wird schon Krawall gegeben haben, wenigstens sagt mir dies mein Schädel!«

Der Rittmeister machte ein finsteres Gesicht.

»Es ist verboten, nach den Elbinseln zu fahren und dort Wein zu trinken! Die Schweden sind nicht weit, und die Kaiserlichen treiben sich gleichfalls umher, wo man sie nicht erwartet. Also habt Ihr Euch in unnötige Gefahr begeben, und der Obrist wird Euch in Arrest stecken! Besonders wenn Ihr nicht sagen könnt, wo die zwei andern Herren sind!«

Wieder rieb der Junker seinen Kopf.

»Es ist mir, als hätte ich sie auf der Erde liegen sehen. Und weil die Fischer in der Übermacht waren, bin ich wohl eilig in unser Boot gelaufen. Ganz genau kann ich's aber nicht sagen, Herr Rittmeister. Im Seeteufel gab's einen guten hispanischen Wein, und wenn's an mir gelegen hätte, würde ich ihn auch bezahlt haben.«

Der andre Offizier sagte nicht viel mehr. Er hatte das große Boot an das seine befestigen lassen, und die Soldaten ruderten es von ihrem Fahrzeug aus vorsichtig ans Land.

Neugierig sah Burga um sich. Dies war natürlich das Dorf Altona, von dem sie schon gehört hatte. Steil und aufrecht standen mehrere Speicher, dicht daneben lag ein großes, düsteres Haus, und in der Ferne erhob sich der Galgen, ohne den es nun einmal keinen anständigen Ort gab. Burga freute sich, wieder an Land gehen und bald nach dem Hanekamphof zurückkehren zu können. Es tat ihr doch leid, daß sie so davon gelaufen war. Frau Jutta und die Jungen hatten ihr nichts getan, und der alte unangenehme Ohm würde sicher heute wieder abreisen.

Sie stand schon auf der Brücke und sah sich nach Wolf um, der mit gesträubtem Haar vor einer Katze stand, als sich ihr eine schwere Hand auf die Schulter legte.

»Komm mit, Dirn! Ich will dir dein Gefängnis anweisen!«

Erstaunt sah Burga in ein verwittertes Soldatengesicht, in dem ein langer grauer Schnurrbart fast auf die Brust hing.

»Was soll ich im Gefängnis?« fragte sie, und der Wachtmeister lachte dröhnend.

»Eine lustige Frage! Was tut man im Gefängnis? Da wartet man fein säuberlich auf das Gericht und auf den Galgen!«

»Ich brauche beides nicht!«

»Du brauchst es nicht, Dirn? Wir aber brauchen dich! Zwei von unsern Rittmeistern sind in dieser Nacht elend umgekommen. In diesem Boot sind sie fröhlich ausgefahren, und nun sitzest du darin, mit einem Höllenhund, der einen andern hohen Offizier gleich ins Bein beißt!«

»Er hat nicht fest zugefaßt, er wollte mich bewachen!«

»So sagst du natürlich; ich aber glaube, daß du eine Hexe bist und daß dieser Hund der leibhaftige Teufel ist! Marsch!«

Noch einmal packte der Wachtmeister das Mädchen, um dann gleich einen wilden Fluch auszustoßen. Denn der Höllenhund ließ die Katze laufen und legte seine mächtigen Pranken dem Dragoner auf die Schultern, daß dieser fast zusammenknickte. Aber er verlor nicht die Besinnung.

»Nimm das Tier weg!« sagte er halblaut. »Sonst renne ich ihm mein Messer in den Leib!«

»Versucht es!«

Burga rief es trotzig, und wie der Wachtmeister eine Bewegung nach seinem Gürtel machte, da hätten die spitzen Zähne des Hundes beinahe zugebissen. Burga hinderte das Tier daran. Sie hielt ihm das Maul zu und flüsterte einige beruhigende Worte. Da ließ Wolf von dem Wachtmeister und stand zähnefletschend neben seiner Herrin. Der Wachtmeister aber fluchte, daß alle Soldaten zusammenliefen: »Jungen, nehmt eure Karabiner und schießt das Biest tot! Und wenn die Dirn eine Kugel trifft, wirds auch nicht schaden!«

»Oho! Bist du der Herr über Leben und Tod?«

Ein großer Offizier mit stolzem Gesicht stand plötzlich neben dem Wachtmeister, der die Hacken zusammenschlug und den Hut vom Kopf riß.

»Herr Obrist, diese Hexe hier und dieser Hund --«

»Schon gut, Balthasar!« Der Obrist machte eine lässige Handbewegung. »Ein alter Grimmbart, wie du, sollte sich nicht vom Zorn meistern lassen! Es wäre schade um den Hund, wenn er erschossen würde. Es scheint ein gutes Tier zu sein! Ich will ihn in meinen Stall nehmen. Die Dirn mag derweil ins Gefängnis gebracht werden. Ich werde untersuchen, ob sie des Galgens schuldig ist!«

Er winkte einigen Soldaten, daß sie den Hund anfassen und ihn mitnehmen sollten, aber sie standen und rührten sich nicht. Wolf sträubte seine Haare und zeigte sein mächtiges Gebiß.

»Wird's bald?«

Der Obrist sah sich um.

Da faßte Burga das Tier am Halsband und brachte ihn dem Herrn.

»Behaltet ihn, Herr, wenn Ihr mir versprecht, ihn gut zu behandeln. Ich will ihm sagen, daß er Euch gehorchen soll!«

Sie nahm die Hand des Obristen, streichelte sie und flüsterte ihrem Hunde etwas ins Ohr. Da verlor sich seine wilde Miene, er wedelte ein wenig und schloß das Maul mit den großen Zähnen.

»Seid gut zu ihm, Herr, dann werdet Ihr Freude an ihm haben!«

Der Obrist stand unschlüssig.

»Du schenkst mir den Hund, und ich schicke dich ins Gefängnis! Warum aber hast du meine Offiziere verschwinden lassen?«

Burga sah ihn ehrlich an.

»Ich tat's wirklich nicht, Herr! Wenn der Junker, mit dem ich fuhr, seinen Rausch verwunden hat, wird ihm vielleicht allerlei einfallen. Aber wenn ich gehängt werden soll, dann macht es nur schnell. Einmal kann man nur sterben; aber es ist langweilig, auf den Tod zu warten!«

»Herr Obrist, sie ist eine Hexe!« rief Balthasar. »Glaubt nicht ihrer unschuldigen Miene!«

Aber da drängte sich der Junker Rantzau an den Obristen. Er trug jetzt ein nasses Tuch um den Kopf, und sein Gang war straffer geworden.

»Herr Obrist, mit Verlaub zu melden, ich glaube nicht, daß die Dirn was Böses tat. Ich hab wohl zu viel Wein getrunken, und daher kann ich mich immer noch nicht ordentlich besinnen. Jemand hat mich auch mit einem Ruder auf den Schädel geschlagen, und er brummt sehr stark. Aber ich weiß jetzt, daß die Rittmeister den Wein nicht bezahlen wollten und daß der Wirt böse wurde. Wer mich ins Boot getragen hat, weiß ich nicht, und wie die Dirne hineingekommen ist, kann ich auch nicht sagen! Aber morgen werde ich mich auf alles besinnen können!«

»Also werden wir einige Mann nach Finkenwärder schicken und uns nach unsern Herren erkundigen!« sagte der Obrist nach einigem Nachdenken. Dann hob er die Hand. »Ihr, Junker Rantzau, begebt Euch in Arrest, denn es ist verboten, auf die Elbinseln zu gehen, und du, Dirn, magst vorläufig ins Gefängnis wandern. Wenn du nichts Böses tatest, wirst du schon wieder freigelassen werden!«

»Und weshalb soll sie ins Gefängnis!«

Eine heisere Stimme rief es, und der Magister Timotheus Lange drängte sich durch die Soldaten.

»Ich kenne dies Kind!« fuhr er fort. »Sie ist eine gute Dirne und arbeitet treu auf dem Hanekamphof! Weshalb sie nach Finkenwärder gefahren ist, kann ich nicht sagen! Aber Böses wird sie dort nicht getan haben!«

Der Obrist machte ein ärgerliches Gesicht. »Laßt das Reden, Magister! Wir sind hier nicht in der Kirche, und Ihr habt hier nichts zu sagen!«

»Oho!« Der Magister hob den Arm, an dem keine Hand mehr war. »Ich rede, wann ich will! Wer ein rechter Diener Gottes ist, der muß nicht allein in der Kirche reden, sondern auch auf der Straße. Und er muß helfen, wo Hilfe nötig ist! Fragt nur den Wachtmeister Balthasar, ob ich ihm nicht half!«

Doch wie sich Timotheus nach diesem umsah, da war er nirgends zu finden, sondern hatte sich eilig in ein Seitengäßchen begeben. Der Rittmeister aber, der das Boot eingefangen hatte und der ärgerlich neben dem Obristen stand, zog seinen Pallasch.

»Magister, haltet den Mund, Ihr seid unehrerbietig gegen des Königs Soldaten!«

Doch der Obrist legte den Arm in den seinen und ging mit ihm davon.

»Kommt, Herr von Brockdorf! Wir wollen in unser Quartier gehen und uns nicht weiter um die Sache bekümmern! Laßt die sonderbaren Leute laufen! Mir hat's gleich nicht gefallen, daß ich ein Mädchen hängen lassen sollte. Und wenn der Magister forsch redet, so habe ich daran auch nichts auszusetzen. Zu Haus hatten wir auch so einen Prädikanten, der das Reden verstand. Den haben die Kaiserlichen totgeschossen, als sie mein Elternhaus anzündeten! Darüber betrübe ich mich noch immer, und wir wollen diesen Mann in Frieden lassen.«

»Und der Hund?« Der Rittmeister fragte es, und der Obrist sah sich um. Langsam folgte ihm Wolf. Er trug den Kopf gesenkt und machte einen sehr traurigen Eindruck. Aber er ging hinter dem neuen Herrn her.

Der Rittmeister faßte nach einem Amulett, das er auf der Brust trug. »Das Mädchen ist doch eine Hexe! Sie treibt Zauberei mit Tieren! Die würde ich nicht frei laufen lassen!«

Der Obrist besann sich einen Augenblick.

»So geht zurück und befehlt, daß die Dirn das Dorf nicht verlasse, und auch der Magister soll bleiben!«

So also geschah es, daß gerade, als der Magister mit Burga Altona verlassen wollte, der Rittmeister erschien und sie beide mit Hilfe einiger Soldaten in das neue Gefängnis brachte.

»Morgen werdet Ihr gerichtet werden!« versprach er zugleich, aber der Magister zuckte die Achseln.

»Ihr seid ein ungerechter Mann, Herr Rittmeister! Ich habe Euch gar nichts getan, und das Mädchen ist ein unschuldig Kind! Möget Ihr Eure Ungerechtigkeit niemals bereuen!«

Aber Herr von Brockdorf faßte wieder nach seinem Amulett und ermahnte den Beschließer, die zwei gefährlichen Menschen treu zu bewachen. Denn dazumal glaubte man noch an Hexen und an Zauberer, und daher war dem armen Rittmeister kaum zu verdenken, daß er sich wunderte, wie Burgas Hund ihr gehorsam war. Aber der Magister war doch sehr ungehalten, als ihn der Kerkermeister in ein kleines Loch im Keller des neuen Hauses führte, und es war gut, daß Burga die Zelle neben der seinen hatte. Denn die Wände waren nur von Brettern, und die zwei Gefangenen konnten sich gut miteinander unterhalten. Burga berichtete nun von dem Ohm Hanekamp und von dem Finkenwärder Fischer, und der Magister hörte ihr nachdenklich zu.

»Du scheinst mir nichts Übles getan zu haben, Kind, und dir wird übel gelohnt. Aber so ist es in der Welt; wer da meint, daß die Menschen gut und dankbar sind, der irrt sich. Dem Balthasar habe ich das Leben gerettet, aber er will mich nicht kennen. Dabei bin ich nur nach Altona gekommen, weil mich der Pastor Rist mit einem Auftrag an den Prädikanten in Ottensen schickte. Er aber sollte hier zu finden sein. Nun sitze ich im Gefängnis und muß vielleicht Monate schmachten.«

»Es wird schon noch gut werden!« tröstete Burga von der andern Seite der Bretterwand. »Mir schien der Obrist ein gutes Gesicht zu haben, und der eine Junker war auch nicht übel. Man muß Geduld haben!«

Da setzte sich Magister Timotheus auf seinen Strohsack, faltete die Hände und schalt sich selbst aus, weil er mißmutig war. Und dann sagte er sich einige Sprüchlein und Bibelverse her, und Burga hörte ihm andächtig zu. Bis sie fest einschlief und auch nicht aufwachte, als der Kerkermeister eintrat und ihr einen Teller Wassersuppe und ein Stück Brot hinstellte. Denn der vorige Tag hatte sie müde gemacht, und der Schlaf auf dem Boote war nur kurz gewesen. Wie der Magister ihre Atemzüge hörte, legte auch er sich zum Schlafen und vergaß die dänischen Reiter und alles, was ihn ärgerte.

[Illustration]

[Illustration: Sechstes Kapitel]

Herr Jobst Hanekamp fand das Landleben auf dem Hof seiner Verwandten nicht so angenehm, wie er es sich vorgestellt hatte. Denn so freundlich Frau Jutta ihn auch aufnahm, als sie merkte, daß Burga verschwunden war und nicht wiederkehrte, da wurde sie zerstreut und suchte sie in allen Winkeln des Hauses. Aber sie war nirgends zu finden. Gottfried und Konrad begannen den Wald zu durchstreifen und riefen nach dem Mädchen. Sie hatte ihren Hund mitgenommen, das war auch ein Kummer; denn niemals war der Hof so gut bewacht worden, wie seitdem Wolf ihn des Nachts langsam umkreiste. Als es nun klar wurde, daß alles Suchen vergeblich war, da saß Konrad in einer Ecke der Diele und weinte, während Gottfried laut über alles schalt, das weiblich war. Solch dummes Mädchen wie die Burga gab es nicht mehr; wenn sie ein Junge gewesen wäre, würde sie sich anders benommen haben! Wenn sie wieder käme, würde er sie vom Hof jagen! Darüber schalt Konrad, weil er sich nur freuen würde, wenn Burga wieder erschiene, und bald wären die Brüder tüchtig aneinander geraten. Frau Jutta ermahnte sie zum Frieden; aber sie verhehlte nicht ihre Trauer, und Herr Jobst bemerkte, daß man sich aus ihm, dem reichen Verwandten, nicht so viel machte, wie er es erwartet hatte. Es schlug ihm auch das Gewissen, weil er Burgas Hülfe nicht grade gut vergolten hatte, jedenfalls schlief er in dieser Nacht sehr schlecht und wollte gleich am nächsten Morgen nach Hamburg zurück. Das aber ging nicht so schnell. Erstens wollte Herr Jobst natürlich eine gute Begleitung haben, damit kein Räuber ihn anfallen konnte, und dann auch dachte er jetzt erst an den Fischer, den er sich zur Herreise nahm und den er sofort, als er in Gefahr kam, vergessen hatte. Wo war der Mann, und konnte man ihn am Elbstrand erreichen?

Herr Hanekamp ging natürlich nicht an die Elbe, aber er schickte seine Großneffen, die bald unverrichteter Sache zurückkehrten. Es lag kein Boot am Ufer, und von einem Finkenwärder Fischer war nichts zu sehen. Der war natürlich wieder in sein Dorf gefahren. Herr Hanekamp schalt. Auf niemand konnte man sich mehr verlassen, und nun wünschte er, daß die Knaben nach Altona gingen, um ihm einige Soldaten zu holen, die ihn wieder an die Hamburger Grenze, über den Pepermolenbeck geleiteten. Er würde auch eine gute Belohnung dafür geben. Jetzt erhob Frau Jutta Einspruch. Sie hatte ihre Söhne in der Wirtschaft nötig, und da Burga nicht da war, konnte sie sie noch weniger entbehren. Vielleicht konnte man eine Botschaft nach Ottensen oder an die Elbe schicken, wo die Fischer sich übers Wasser allerhand Zeichen gaben und dadurch ein Boot von der andern Seite herbeiwinkten. Aber Herr Hanekamp wollte nicht aufs Wasser. Dort konnte es auch böse Menschen geben; er war für die dänischen Dragoner, die ihn mit ihren Karabinern und großen Säbeln schützen sollten.

An diesem Tage ließ sich also nichts machen, aber am andern Morgen, als Gottfried auf dem Felde arbeitete, gewahrte er einige Reiter, die einen zerlumpten Menschen zwischen sich führten. Meistens ging der Junge den Soldaten aus dem Wege, aber heute lief er auf sie zu und fragte, ob sie einen Hamburger Kaufherrn wieder in seine Stadt geleiten wollten. Die Dragoner, drei an der Zahl, erklärten sich dazu bereit, wenn sie eine gute Bezahlung dafür erhielten, und so ritten plötzlich die Dänen auf den Hanekamphof, und zwischen ihnen hinkte jämmerlich derselbe Räuber, mit dem Herr Jobst schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte.

Der Kaufherr war so froh, wieder heimreisen zu können, daß er gleich auf eins der Pferde steigen wollte. Aber der älteste von den Reitern, ein Unteroffizier, rief lachend: »Gemach, werter Herr! Laßt uns erst einmal diesen Hof betrachten! Wir haben ihn noch nicht gesehen, und man könnte uns hier wohl eine gute Mahlzeit bereiten! Außerdem --« er klopfte Gottfried, der breitbeinig neben ihm stand, auf den Rücken. »Mir kommt vor, als könnte dieser Junge einen guten Dragoner abgeben! Der König braucht Soldaten, es ist eine Ehre, seinen Rock zu tragen! Und was ist dort?« Er zeigte auf das Schwedenpferd, das grade an der Tränke stand. »Wißt Ihr nicht, daß laut königlichem Befehl alle Pferde abzuliefern sind, damit der Feind sich ihrer nicht bemächtigt? Ihr verdientet Strafe für Eure Unterlassung, aber ich will ein Auge zudrücken und den Schimmel stillschweigend mitnehmen. Der alte Hamburger darf sich darauf setzen, und der Junge kann nebenher laufen.«

Frau Jutta war schneeweiß geworden. »Nehmt das Pferd,« bat sie mit gefalteten Händen, »aber laßt mir meinen Jungen! Er ist erst vierzehn Jahre alt, viel zu jung fürs Kriegshandwerk!«

»Zu jung? Grade das rechte Alter! Wenn er sich Mühe gibt, kann er in etlichen Jahren Offizier sein!«

Frau Jutta wollte antworten, aber der Unteroffizier fiel ihr ins Wort.

»Keine Widerrede, Frau! Wenn du dich weigerst, deinen Sohn herzugeben, plündern wir den Hof aus!«

Er machte ein so finsteres Gesicht, daß man merkte, wie es ihm Ernst war. Und nun mußte Frau Jutta das Beste kochen, was sie auf dem Hof hatte. Fast alle ihre Hühner wurden geschlachtet, das Kälbchen wurde getötet und zerlegt, und was an Eiern und anderen Vorräten auf dem Hof war, wurde in Beutel gestopft und den Pferden auf den Sattel gelegt.