Chapter 8 of 11 · 3992 words · ~20 min read

Part 8

»Lieber Gott, viel Spaß ist ja nicht beim Kriegshandwerk, und der General wollte mich nachher hängen lassen, weil er meinte, ich wäre frech. Da bin ich schnell wieder weggelaufen und habe nur die kleine Burga mit mir genommen. Wir stießen auf die Schweden, und da war es nicht besser als bei den andern. So ist es allmählich weiter gegangen, und von meinem Leben habe ich blitzwenig gehabt. Auf den Galgen mag ich aber doch nicht gern; in Nordschleswig liegt ein kleiner Gottesacker, auf dem sind meine Eltern begraben, und ich wollte dort auch ausruhen. Hamburg ist keine freundliche Stadt. Die Bürger haben uns sehr unverschämt angestarrt, als wir gestern am Pranger standen, und einige dumme Jungen haben uns mit Steinen und mit Bücklingsköpfen geworfen. So etwas habe ich nicht gern, und hier auf dem Schindanger zu liegen, denke ich mir auch nicht angenehm. Darum, liebe Burga, mache, daß ich hier sicher wegkomme. Der Magister wird dir helfen. Er hats versprochen, wenn ich die Wahrheit sagte; und die Wahrheit ist, daß ich dieses Mädchen von der Finkenburg mitgenommen und ihr gewissermaßen das Leben gerettet habe. Denn ohne mich wäre sie in den Flammen umgekommen!«

Sie hatten alle still zugehört. Die Frau von Rantzau griff nach Burgas Hand und drückte sie fest, während der Rittmeister den Kopf schüttelte.

»Lieber Michel, du wirst sicher wahr reden, und ich freue mich, daß du zu guterletzt die Wahrheit sprich'st und meine Mutter sehr erfreust. Denn sie hat alle diese Jahre große Angst und Trauer um ihre Tochter ausgestanden, und auch ich bin froh, eine liebe Schwester zu haben. Aber hängen wirst du doch, lieber Michel. Dieweil wir hier nichts in Hamburg zu befehlen haben und die Hamburger dich nun einmal gefangen nahmen. Also bereite dich auf dein Ende vor und freue dich, daß wir alle deiner im Gebet gedenken werden. Ich will dem Henker sagen lassen, daß er es kurz mache!«

Michel begann laut zu heulen; da faßte Burga ihn am Arm.

»Schäm dich, Michel, wer wird denn gleich weinen? Hast doch oft genug dem Tod in die Augen geschaut und weißt, daß das Sterben einmal kommen muß. Aber ich möchte auch gern, daß du am Leben bliebest, und darum will ich meine liebe Frau Mutter bitten, mit mir zum Herrn Bürgermeister zu gehen und ihn um Gnade für diesen Mann zu bitten. Er wird sie schon gewähren, wenn eine Edelfrau ihn bittet.«

Mit flehenden Augen sah Burga ihrer Mutter ins Gesicht, aber ehe diese antworten konnte, trat der Junker dazwischen.

»Ich wünsche nicht, daß der Mann lebe!« sagte er hart. »Er hat die Burg meiner Väter zerstören helfen, und wir sind durch ihn arm geworden. Wer solche Missetat auf sich ladet, der muß sterben!«

»Verdient hat er die Strafe, Herr!« entgegnete Burga. »Aber wollt Ihr nicht bedenken, daß der Alte wohl kaum bedacht hat, was alles durch seine Untat kommen würde! Und haben wir nicht alle Sünden auf dem Gewissen und hoffen auf die Barmherzigkeit Gottes? Wenn niemand mit mir zum Bürgermeister gehen will, so werde ich's allein tun. Und wenn meine Frau Mutter und mein Herr Bruder mir darob zürnen, so will ich mich ihnen als Tochter und Schwester nicht aufdrängen. So bleibe ich in Hamburg, und Herr Hanekamp wird mir sein Haus nicht verschließen.«

Michel hatte bis jetzt leise vor sich hingewimmert. Aber, wie Burga sprach, hörte er still zu wie alle andern und schlug sich jetzt aufs Knie, daß seine Ketten klirrten.

»Burga, du gefällst mir!« rief er. »So wie du redet ein rechtes Lagerkind! Das ist vor nichts bange, und ich will auch nicht mehr bange sein! Hängt mich meinetwegen, ihr vornehmen Leute, die ihr nicht wißt, wie einem armen Schelm zumute ist! Der liebe Herrgott wird mich vielleicht einmal später aus der Hölle nehmen!«

Aber der Rittmeister Rantzau hatte schon ein rotes Gesicht bekommen, als Burga redete. Nun hob er die Schultern und wandte sich an den Magister, der von neuem lächelte.

»Ihr habt mir gesagt, daß Walburga Eure Schülerin war und noch ist. Meiner Treue, sie hat das Reden gelernt, und sie spricht nicht ganz übel. Daran erkenne ich auch, daß sie eine Rantzau ist; weil diese Edelleute ihre Worte zu setzen vermögen. Meinetwegen also mag der Michel laufen! Aber ich will nicht für ihn zum Bürgermeister gehen, das mögen die Frauen besorgen!«

Dann ging er auf Burga zu, und gab ihr die Hand.

»Da du nun einmal ein Lagerkind gewesen bist, muß ich wohl mit deiner Art Geduld haben, und ich hoffe, daß wir uns immer gut vertragen werden! Aber ich hoffe, daß du auch dessen eingedenk bist, nun ein Edelfräulein zu sein, und dich nicht allzuviel mit Spitzbuben und ähnlichem Gelichter einlässest! Denn wir haben jetzt Frieden im Land, und wer ruhig leben will, der muß gegen die Bosheit kämpfen!«

Er machte eine kurze Verbeugung und ging sporenklirrend davon, während Frau Rantzau Burga an sich zog.

»Ich danke Gott, daß wir uns fanden!« sagte sie. »Und du hast recht, daß es besser ist, barmherzig zu sein als allzu streng. Ich werde mit dir zum Bürgermeister gehen und für das Leben Michels bitten!«

So geschah es denn auch, und daß am nächsten Tage der rote Michel in den Reihen der Räuber fehlte, die zum Galgen geführt wurden, merkte niemand von den Hamburgern, die eifrig das grausige Schauspiel betrachteten, das meiste nicht sehen konnten und sich gegenseitig drängten und schlugen, so daß wohl ein Dutzend Neugierige totgedrückt wurden. Von diesen war nachher mehr die Rede, als von den Verbrechern, und jeder, der nicht auf der Straße gewesen war, freute sich und sagte: »Das kommt davon, wenn man so neugierig ist!«

So sprach auch Herr Hanekamp, der übrigens sehr übler Laune war und heimlich mit Timotheus lange schalt.

»Magister, was wolltet Ihr die Rantzaus benachrichtigen und auf das Gerede des verflixten roten Michels hören! Wäre es nicht gescheiter gewesen, die Burga hier zu lassen? Sie hätte einen guten Mann gekriegt, und ich würde ihr eine ordentliche Aussteuer gegeben haben. Jetzt zieht sie mit ihrer Mutter, die nicht viel haben soll, und wer weiß, ob sie glücklich wird? Und dann dieser Michel! Wenn ich der Bürgermeister gewesen wäre, würde ich ihn nicht begnadigt und außerdem noch frei gelassen haben, obgleich es wiederum nicht nötig ist, daß unsre gute Stadt alle fremden Missetäter in Kost und Wohnung behält! Aber ich bin unzufrieden mit Euch, Magister, und es tut mir leid, Euch den Platz als Gefängnisprädikant besorgt zu haben!«

Timotheus lächelte ein wenig.

»Lieber Herr Hanekamp, glaubt ihr denn, daß es mir gleichfalls leicht fällt, von Burga zu scheiden? Aber wir müssen doch ihrer Mutter gedenken, die sich so lange nach der Tochter sehnte! Viele Jahre ist sie ohne sie gegangen, nun gebührt ihr doch ein Teil der Liebe, die sie so viele Jahre entbehren mußte!«

Aber auch für Burga war es keine Kleinigkeit, plötzlich von allem Abschied nehmen müssen, das ihr wert und lieb geworden war. Frau Jutta weinte bitterlich, als sie das Mädchen, das sie wie ihre Tochter liebte, von sich geben sollte, und selbst Konrad, der sich etwas darauf einbildete, ein forscher junger Mann geworden zu sein, selbst dieser ärgerte sich über den holsteinischen Junker, der ihm seine Schwester wegnahm. Er dachte sogar ernsthaft darüber nach, ob er Walburga nicht heiraten sollte; damit sie immer bei den Hanekamps und in Hamburg bliebe, aber Frau Jutta redete ihm diesen Gedanken aus. Zum Heiraten war er noch zu jung, und die Rantzaus würden auch nicht gestatten, daß eine ihres Namens einen Hamburger Kaufmann heirate.

So mußte denn Abschied genommen werden, und zwar auf lange Zeit. Denn der Rittmeister Rantzau hatte Befehl erhalten, mit seinen Dragonern nach dem nördlichen Schleswig zu reiten, und er freute sich nicht wenig darüber. Lag doch sein Stammschloß, die Finkenburg, ganz im Norden des Landes, mitten auf dem Heidrücken und umgeben von dichten Waldungen. Nach dem Brande und der Zerstörung der Burg war er nur einmal wieder dort gewesen, und damals hatte es sich nicht gelohnt, an einen Aufbau und daran zu denken, die öde liegenden Felder wieder zu bestellen. Denn der Feind war immer noch im Land und konnte mit leichter Mühe alles zerstören, was mühsam geschaffen war. Nun aber war Friede, und es konnte daran gedacht werden, wieder in die alte Heimat zu ziehen.

So also fuhr Walburga mit ihrer neuen Mutter und dem neuen Bruder nordwärts. In einer schweren alten Kalesche, die von vier Pferden gezogen wurde und doch nur mühsam durch die schlechten Wege weiter kam. Eine Abteilung Dragoner ritt vor, eine andre hinter dem Wagen, denn die Wege in Holstein waren noch immer unsicher, und man mußte sich vorsehen, daß nicht irgendwo aus dem Hinterhalt Räuber hervorbrachen, die alle Habe nahmen und das Leben dazu. Die Bauern, durch deren Dörfer der Weg ging, wußten davon zu berichten, wie die Wegelagerer hausten, und sie freuten sich auch nicht, wenn sie die dänischen Dragoner sahen; versteckten Hühner und Schweine und meistens auch sich selbst, bis der Rittmeister ihnen versicherte, daß seine Soldaten weder plündern, noch sonst irgend etwas Böses tun wollten.

Der Rittmeister Rantzau war wohl ein wenig herrisch, aber doch ein braver Mann, der gut gegen seine Mutter war und freundlich gegen seine Schwester, obwohl er sie noch manchmal kopfschüttelnd betrachtete.

»Es ist ganz merkwürdig, mit einmal wieder eine Schwester zu haben!« meinte er wohl. »Weiß garnicht, wie ich mich zu dir stellen soll, Walburga!«

Seine Mutter aber legte ihm die Hand auf den Arm.

»Denk darüber nicht nach, Kord! Freu dich, daß sie wieder da ist!« Liebevoll strich sie über das Haar ihrer Tochter, und diese küßte ihr die Hand. Noch immer wars ihr wie ein Traum, nun endlich eine echte Heimat gefunden zu haben, und diese Heimat lag fremd und unbekannt vor ihr; manchmal kam es wie eine Furcht über das ehemalige Lagerkind, ob sie auch glücklich werden würde in den neuen Verhältnissen. Aber dann dachte sie an den Magister Timotheus, dem sie ihre Zweifel gesagt hatte.

»Burga,« hatte er gesagt, »es kommt nicht darauf an, ob man glücklich wird; man muß aber versuchen, glücklich zu machen!«

Aber einer war ganz glücklich. Das war Wolf, der neben dem Wagen herlief und wieder jung wurde. In dem behäbigen Hamburg war auch er behäbig geworden. Das Umherstreifen in Feld und Flur hatte ihm gefehlt; gesittet in den Straßen zu wandern, war nicht nach seinem Geschmack gewesen: daher lag er lieber hinter dem Ofen, oder in der Sonne und wurde fett. Nun aber lief er sich das Fett wieder von den Knochen, jagte bellend hinter den Krähen her, die auf der Landstraße saßen, oder machte einer wilden Katze den Garaus. Er war zahm geworden; hier im Freien wurde er wieder wild, zeigte jedem, der ihm zu nahe treten wollte, die Zähne und hörte nur auf Burga.

Der Rittmeister war damit zufrieden.

»Wenn ihr erst oben in Nordschleswig seid, dann müßt ihr solchen Schutz haben!« sagte er. »Da kommen im Winter Wölfe und im Sommer die Wegelagerer, also müßt ihr euch wehren können. Kannst du schießen, Schwester?«

Sie lachte.

»Das hab ich verlernt, Herr Bruder. Dazumal, als ich noch ein Lagerkind war, hab ich wohl mit dem Feuerrohr umgehen können, aber in Hamburg hätte sich für eine ehrsame Jungfrau nicht geschickt, mit Waffen zu hantieren. Herr Hanekamp würde wohl recht böse geworden sein!«

»So also werde ich dir zeigen, mit dem Pistol umzugehen!« erwiderte der Rittmeister ernsthaft, und Walburga freute sich nicht wenig. Denn ihr erging es wie ihrem Wolf. Wohl war der Wagen hart und stieß mächtig auf den schlechten Wegen, aber die linde Luft, die sie umgab, der Geruch der Felder, der Anblick der Wälder beglückten sie. Die enge Stadt war nichts für sie gewesen; sie merkte es, je länger die Fahrt dauerte. Schlecht waren die Quartiere in elenden Wirtshäusern, und außer Milch und Eiern konnte man fast nichts genießen; aber herrlich war es, morgens früh in die frische Natur zu fahren. Wenn die Sonne eben aufgegangen war und die Felder vom Tau noch dampften. Wenn die Pferde mutig ihre Reiter weiter trugen, während diese ein Soldatenlied anstimmten und vom Krieg und Tod zu singen begannen, als wäre beides das Beste auf der Welt. Dann summte Walburga das Lied leise mit, und als ihr neuer Bruder ihr ein Pferd brachte, das an einen Damensattel gewöhnt war, da schwang sie sich auf den Gaul, als habe sie im Leben nichts andres getan, als mit den Dragonern zu reiten.

Aber sie vergaß nicht die zarte Frau, die ihrer Pflege und Liebe bedurfte. Frau von Rantzau war seit dem Brande ihrer Burg und unter den nachher ausgestandnen Leiden nie wieder recht gesund geworden. Sie hielt sich zwar tapfer und klagte selten, aber sie konnte nicht mehr viel vertragen und sah es als eine besonders gnädige Fügung an, daß ihr die Tochter grade jetzt wieder gegeben wurde, wo sie ihrer so sehr bedurfte. Aber sie verhehlte ihr auch nicht, daß sie keinem leichten Leben entgegen ginge.

»So sanft wie in der reichen Stadt wird dich das Leben nicht anfassen, Burga!« sagte sie oft. »Der Wind oben im Norden ist grade so rauh wie die Luft und die Menschen. Wer weiß, ob du es ertragen kannst!«

Aber Burga lachte unbekümmert.

»Frau Mutter, ich bin ja ein Lagerkind! In Hamburg hatte ich's gerade vergessen; da war es gut, daß Ihr kamet und ich wußte, wohin ich eigentlich gehöre!«

Mühsam und lang war die Reise. Oft mußte unterwegs gerastet werden. Dann hatte der Rittmeister in Kiel zu tun, und einige Tage wurde auch in der Stadt Schleswig verweilt. In Kiel betrachtete Burga die Ostsee, die grade ihr blauestes Kleid übergeworfen hatte und dazu lächelte, als gäbe es für sie keinen Sturm und keine haushohen Wellen.

»Ist dies Wasser immer so brav?« fragte sie ihren Bruder, der zu lachen begann.

»Komm einmal wieder, wenn der Ostwind heult, wenn er das wilde Wasser weit bis in die Straßen jagt. Wenn die Wellen die Schiffe wie Nußschalen umwerfen und ihre Mannschaften ertrinken lassen. Dann wirst du nicht fragen, ob die Ostsee immer so brav ist!«

Nachdenklich betrachtete Burga das lächelnde Wasser, die grünen Buchenwälder an seinem Ufer.

»Ich dachte nicht, daß die Welt so schön wäre!« sagte sie dann.

Ihr Bruder sah sie scharf an.

»Möchtest du hier bleiben? Ich könnte der Frau Mutter hier ein Häuschen kaufen, und ihr könntet in Frieden wohnen.«

»Und die Finkenburg?«

Kord Rantzau hob die Schultern.

»Sie würde alsdann das bleiben, was sie ist, ein Haufen Trümmer und viel ödes Land!«

Da schüttelte Burga den Kopf.

»Ich will Arbeit haben und nicht immer in der Stube hinter dem Spinnrocken sitzen!«

Der Bruder sagte hierauf nicht viel, aber nachher, als er einmal mit seiner Mutter allein war, erzählte er ihr diese Unterhaltung.

»Manchmal hab ich wohl gedacht, es wäre Teufelsspuk und Burga gehörte nicht zu uns; aber nun weiß ich, daß sie unser Blut in den Adern hat!«

»Das habe ich lange gewußt!« erwiderte die Mutter.

In der Stadt Schleswig gabs allerlei für den Rittmeister und seine Leute zu tun. Auch Frau von Rantzau besuchte einige Verwandte, und Burga mußte sie begleiten, Ihr war etwas übel zumute, als sie vor einige alte Damen geführt wurde, die sie aufmerksam betrachteten und endlich erklärten, daß sie diesem oder jenem Vetter ähnlich sähe. Denn die adligen Familien in Schleswig-Holstein waren alle miteinander versippt und verschwägert, und so mußten sie auch einander ähnlich sehen. Walburga antwortete freimütig auf alle Fragen, geduldig zeigte sie immer wieder den eingeritzten Namen auf ihrem Arm, und obgleich eine sehr alte Base kopfschüttelnd erklärte, an so etwas würde sie nicht glauben, und es könnte wohl sein, daß diese Walburga Rantzau eine Betrügerin wäre, so meinten die andern, sie wollten nicht zweifeln. Denn hatte man nicht mehr als ein Beispiel, daß verschleppte Kinder später nur an solchem Zeichen erkannt waren? Und, ach, wie viele andre waren verschwunden und nie wiedergekommen! Es war noch immer eine böse Zeit, und jedermann mußte sich mit Frau von Rantzau freuen, die viele Jahre keine Tochter gehabt hatte und nun, wo sie alt wurde, sie wieder geschenkt erhielt. Wie Frau von Rantzau dann erzählte, wie gern die Hanekamps Walburga in Hamburg behalten hätten und wie sie es dort viel besser gehabt, als sie es bei ihr haben würde, da wurden alle noch viel freundlicher. Denn soviel wußten alle, daß es für den, der den Frieden und das Wohlleben liebte, besser war, in Hamburg zu bleiben, als auf die nordschleswigsche Heide zu reiten und nichts zu haben als Arbeit.

In diesen Tagen wurde Walburga das, was sie von Haus aus war, nämlich ein Edelfräulein mit stolzer Haltung und mit vornehmer Art, den Kopf in den Nacken zu werfen. Grade so, wie sie es an den Verwandten sah. Und nicht deshalb, weil sie sich besser dünkte als ehemals, sondern, weil es in ihr lag. Wenn sie aber allein war oder bei der Mutter saß, dann nannte sie sich selbst ein Lagerkind und freute sich, es einstmals gewesen zu sein.

[Illustration]

[Illustration: Neuntes Kapitel]

Der König von Dänemark war in der Stadt Flensburg und sandte Botschaft an den Rittmeister Rantzau, ihm seine Dragoner vorzuführen. Kord Rantzau war nicht sehr zufrieden. Denn er hatte gehofft, Mutter und Schwester mit seinem Fähnlein erst nach der Finkenburg bringen zu dürfen. Aber dem königlichen Gebot mußte gehorcht werden, und so bat er seine Mutter, mit Walburga in Schleswig zu bleiben, bis er sie selbst mit einigen Reitern geleiten konnte. Aber Frau von Rantzau sehnte sich nach der alten Heimat.

»Immer habe ich gehofft, die Burg wieder zu sehen, und es sind vielleicht noch einige Leute da, die mich kennen und mir gut dienen werden. Laß mich hingehen; auch Walburga sehnt sich, und wir können mit einigen Frachtwagen reisen, die nach Jütland fahren. Ich weiß, daß Herr Josias Petersen in diesen Tagen gen Norden reisen läßt!«

So also besuchte der Rittmeister den Herrn Kaufmann Josias Petersen, der von Schleswig aus einen großen Handel mit fremden Waren nach dem dänischen Reiche betrieb. Er hatte wohl zehn mächtige Frachtwagen, die immer auf der Landstraße unterwegs waren, viele Pferde und einen Troß von Fuhrknechten. Als der Rittmeister in sein Kontor trat, begrüßte er ihn freundlich.

»Gewiß, werter Herr!« entgegnete er auf des Junkers Frage, »meine Leute kennen das Reisen und haben schon manche Fährlichkeit bestanden. Sie werden es sich zur Ehre rechnen, Eure Frau Mutter und Jungfrau Schwester zu geleiten. Wie in Abrahams Schoß werden sie sein, und Geld will ich nicht dafür nehmen. Denn ich kenne doch die edle Frau Rantzau und weiß, wie viel sie durchgemacht hat. Sie solls gut haben, und mein Gesellschafter, der mit den Waren reist, wird sich bestreben, die zwei Frauen samt ihrem Gepäck richtig dort abzuliefern, wo einst die Finkenburg stand. Denn, edler Herr, ich glaube nicht, daß noch ein Stein von ihr auf dem andern steht! Aber ich weiß, daß das Land um sie her Euch noch gehört, und es ist verständig, die Hand wieder nach dem Besitz auszustrecken, da es sonst von andern Liebhabern genommen werden möchte!«

»Wen meint Ihr mit dieser Andeutung?« fragte Kord, und Herr Petersen strich an seinem feinen Tuchrock.

»Die Troiburg ist nicht allzuweit von der Finkenburg!« erwiderte er. »Dort sitzt ein Vetter von Euch. Ein braver Mann gewiß; aber heutzutage greift jedermann nach fremdem Gut!«

Der Rittmeister erwiderte nicht viel, aber seine Miene wurde sorgenvoll, worauf der Kaufherr ihn gutmütig betrachtete.

»Es mag so arg nicht sein, edler Herr!« sagte er tröstend. »Ich wollte nur sagen, daß es gut ist, wenn ein Besitzer nach dem Seinen sieht, auch wenn es den Anschein hat, wertlos zu sein!«

Noch einmal empfahl der Rittmeister Mutter und Schwester dem Kaufherrn, dann ritt er am nächsten Morgen mit seinen Dragonern gen Flensburg. Fröhlich klapperten die Hufe der Reiter durch die Straßen der Stadt, und Burga stand am Fenster des kleinen Wirtshauses, um ihren Bruder abreiten zu sehen. Er hatte ihr ganz besonders die Mutter ans Herz gelegt, und sie erwiderte ihm, daß es dieser Ermahnung nicht bedürfe. War seine Mutter nicht auch die ihre? Dann, wie die Reiter allmählich verschwanden und sie sich allein mit der schwachen Frau wußte, wurde ihr einsam und traurig ums Herz. Die Verwandten hier waren gewiß freundlich gegen sie und wollten sie wohl als eine von den Ihren anerkennen; aber keinen von ihnen hätte sie um ihre Hilfe bitten mögen.

Wie sie noch so in Gedanken stand, fühlte sie Wolfs kalte Schnauze an ihrer Hand. Sie hatte ihn in ihr Zimmer genommen, weil er ungebärdig war und sich mit keinem Tier, sei es Hund oder Katze, vertragen konnte.

»Wolf, Wolf!«

Walburga streichelte seinen struppigen Kopf.

»Weißt du, daß wir wieder allein sind und daß wir gut für die Frau Mutter sorgen müssen?«

Wieder legte der Hund seinen Kopf an ihre Knie, begann zu winseln und dann zu knurren. Es war jemand an der Tür, die vorsichtig offen gemacht wurde.

»Burga, nimm den Hund ans Halsband, sonst komme ich nicht herein!«

»Michel!« Fest hielt die Jungfrau den Hund, der seine spitzen Zähne zeigte. »Was willst du hier?«

»Was ich will?« Der rote Michel schob sich vorsichtig ins Zimmer. »Du liebe Zeit, das ist, mit Verlaub, eine dumme Frage! Ich will doch auch nach der Finkenburg!«

Er riß seine Kappe vom Kopf und machte einen ungeschickten Kratzfuß. Sein struppiger Bart war gestutzt, er trug ein ordentliches Lederwams und im Gürtel ein langes Messer.

»Die Jungfrau wird mich gut gebrauchen können!« fuhr er fort, während Burga vor Staunen nicht sprechen konnte. »Ich bin doch dort aus der Gegend und kenne manches, was die Jungfrau nicht kennt. Und mit alten Leuten verstehe ich auch umzugehen, so daß ich die Frau Mutter bewachen kann, wenn die Jungfrau keine Zeit dazu hat.«

»Du bist ja selbst alt!« rief Walburg, unwillkürlich lachend, worauf Michel eine beleidigte Miene aufsetzte.

»Ganz genau weiß ich zwar nicht, wie lang ich schon auf dieser Erde umherlaufe, aber viel mehr als fünfzig Jahre werdens nicht sein. Und das ist für einen Kerl wie mich kein Alter, besonders, wenns gutes Futter gibt. Die Jungfrau wird sehen, daß ich ihr in allen Stücken helfen kann!«

»Aber du warst ein Räuber und bist nur durch die Gnade des Hamburger Bürgermeisters vorm Tode bewahrt geblieben!«

»Redet doch nicht von alten Geschichten!« sagte Michel verdrießlich. »Was gewesen ist, ist gewesen, daran braucht man nicht mehr zu denken! Oder glaubt Ihr, daß vornehme Herren in diesen üblen Zeiten nicht auch einmal ein wenig geräubert haben? Ich will wahrhaftig ein braver Mann werden und habs dem Magister Timotheus in die Hand versprochen. Seht doch, wie anständig ich aussehe! Den ganzen Anzug habe ich mir durch meiner Hände Arbeit verdient, in Kiel und in Schleswig!«

»Du bist in Kiel gewesen?«

»Ganz sicher, edle Jungfrau! Bin Euren Spuren gefolgt und immer dort gewesen, wo Ihr waret. Ich drängte mich nicht vor; erstmals wollte ich einen ordentlichen Kittel haben, und dann bin ich auch ein wenig bange vor dem Herrn Rittmeister. Der wollte ja durchaus, daß ich hängen sollte, und da will ich ihm vorläufig aus dem Wege gehen. Fragt aber nur die Frau Mutter; sie wird schon Erbarmen mit mir haben und mich mitnehmen nach der Finkenburg!«

In diesem Augenblick trat Frau von Rantzau ein, und obgleich sie zuerst sehr erstaunt über Michels Erscheinen war, so erklärte sie nach einigem Nachdenken, daß sie nichts gegen seine Begleitung habe. Hierüber wurde Michel so gerührt, daß er nach ihrer Hand griff, um sie zu küssen.

»Ich will ein treuer Diener werden, edle Frau!« rief er. »Wahrlich, wenn der rote Michel etwas verspricht, dann hält er sein Wort! Ich habe doch damals die Burga aus dem brennenden Schloß getragen und dafür gesorgt, daß sie in gute Hände kam. Lesen und Schreiben hat sie gelernt, und ich will sie jetzt auch mit Ehrerbietung behandeln, wie es ihr zukommt!«

Michel ging jetzt, um sich dem Kaufherrn als Begleiter anzubieten, die zwei Frauen freuten sich eigentlich, den roten Freund wieder zu haben. Besonders Walburga, und ihre Mutter wußte auch, daß man es in diesen Zeiten nicht allzu genau mit dem nehmen durfte, was die Männer einstmals getan hatten. Wenn sie nur nachher treue Dienste leisteten, mußte man zufrieden sein.