Chapter 9 of 11 · 3892 words · ~19 min read

Part 9

Zwei Tage später ging der Kaufmannszug aus den Toren der Stadt. Frau von Rantzau und ihre Tochter saßen wieder in ihrer Kalesche, die ein Knecht lenkte, und Wolf mußte sich gefallen lassen, an einem langen Riemen von Michel geführt zu werden. Er knurrte und war verdrießlich, aber Burga flüsterte mit ihm und versprach ihm die goldne Freiheit, wenn er erst auf der Finkenburg wäre. Und wieder war es, als ob das Tier ihre Worte verstünde. Er gab sich zufrieden und ließ sich geduldig von Michel führen. Es war kein sicheres Land, durch das jetzt die Reise ging. Hügelige Heide und Moorstrecken wechselten mit weiten Wäldern ab; die Ortschaften lagen verstreut; die Landstraßen waren schlecht, und zur Winterszeit kamen die Wölfe und überfielen die Wanderer. Jetzt aber war Sommer, die Heide begann zu blühen, und auf dem Moor liefen die Wasservögel mit ihrer jungen Brut. Manchmal rannte ein Hase über den Weg und einmal sogar ein Hirsch. Da war es besser, den Hund nicht frei laufen zu lassen, da er im Jagdeifer in den Wassertümpeln des Moores hätte versinken können. Oder der Wolf tauchte aus dem Dickicht auf und sprang ihm an die Kehle. Denn vor kurzem war trotz des Sommers ein ausgewachsener Wolf von einigen Bauern im Netz eingefangen worden. So berichtete der Gesellschafter des Herrn Petersen, der zu Pferde die Reihe von Wagen begleitete, überall seine Augen hatte und gelegentlich einige höfliche Worte an die zwei Frauen in ihrem Wagen richtete. Er hieß Jens Nielsen und stammte aus Jütland. Aber er sprach das Deutsch geläufig und wußte gut mit den Fuhrknechten und den Soldaten umzugehen. Denn auch einige Soldaten hatte man mitgenommen. Langsam nur kam der Zug vorwärts. Hin und wieder versank ein Wagenrad im Moor, oder der Sand auf den Heidewegen war so hoch, daß die Pferde kaum vorwärts kommen konnten. Burga, die gemeint hatte, in zwei oder drei Tagen auf der Finkenburg zu sein, mußte Geduld lernen. Eine Woche konnte es noch dauern, ehe der Zug nach dem Dorf Lügumkloster kam. Von dort war es dann nur eine Tagesreise nach der Finkenburg. So berichtete ihr Herr Nielsen, mit dem sie manchmal wanderte, wenn sie nicht mehr in dem schaukelnden Wagen sitzen mochte. Es war herrlich, die Heideluft einzuatmen, die Vögel fliegen zu sehen, sich einen Busch Heidekraut zu pflücken oder die kleinen Moorenten zu beobachten, die auf den Wassertümpeln schifften.

Dann tat es ihr nicht leid, so langsam zu reisen, und Michel tröstete sie am Ende des dritten Reisetages.

»Wir kommen noch früh genug nach der Finkenburg!« versicherte er. »Glaubt mir, Jungfrau, nun habt Ihr große Ungeduld, in die alte Heimat zu kommen, wenn Ihr aber einmal dort seid, werdet Ihr Euch vielleicht wünschen, bald wieder wegzureisen. Das aber wird nicht schnell gehen. Noch manchmal werdet Ihr nach Hamburg zurück denken und vielleicht auch an den Hanekamphof. An dem war ja eigentlich nicht allzuviel, aber besser als die Finkenburg wird er schon gewesen sein!«

Es war ziemlich spät am Abend, als die Wagen vor einer kleinen Herberge rasteten, die hart am Rande des Waldes lag. Am Tage wars heiß gewesen, und auf dem sandigen Wege kein Schatten. Da waren die Pferde müde geworden und hatten die schweren Wagen kaum noch ziehen können. Jetzt stand ein Gewitter am Himmel, und Herr Nielsen freute sich, in dieser kleinen Herberge ein Unterkommen gefunden zu haben. Schlecht genug war es; die Wirte waren finstre Leute, die einmal übers andre erklärten, weder Milch noch Bier für die Reisenden zu haben. Mürrisch schafften sie endlich ein Faß saures Bier zur Stelle und brachten für Frau von Rantzau einen Becher mit Milch. Aber sie versicherten, keinen Raum zum Schlafen für die zwei Frauen zu haben, sie müßten in ihrem Wagen bleiben. Wolf winselte und knurrte zugleich, als er mit Michel vor dem düstern Hause stand, und sein Führer sah sich mit scharfen Augen um. Dann drückte er Burga den Lederriemen des Hundes in die Hand und ging, ohne ein Wort zu sagen, in den wilden Krautgarten, der hinter dem Hause lag. Als er zurückkehrte, ging er auf Herrn Nielsen zu und sprach eifrig auf ihn ein. Dieser aber lächelte nur und zuckte die Achseln.

Michel kehrte zu Walburga zurück.

»Der junge Herr will mir nicht glauben, aber ich spüre was Verdächtiges, und Wolf ergeht es grade so.«

»Sind Räuber in der Nähe?« fragte Walburg, und Michel nickte.

»So wirds wohl sein, und wenn ich die Jungfrau wäre und eine Mutter hätte, würde ich was andres tun, als die Nacht hindurch vor dem Haus im Wagen zu bleiben!«

Walburga sah sich um. Die Soldaten saßen im Schenkzimmer um das Faß Bier, und die Fuhrknechte hockten neben ihnen. Die Pferde waren abgesträngt, und man hatte einige Eimer mit Wasser so gestellt, daß die meisten trinken konnten. Auch die Pferde vor dem Wagen der zwei Frauen standen mit hängenden Köpfen, und Michel schleppte ihnen einen Eimer mit Wasser hin, den sie gierig austranken. Der Fuhrknecht, der als Kutscher diente, war nirgends zu sehen. Erschöpft lehnte Frau von Rantzau in den Kissen. Sie hatte ihre Milch getrunken und nun die Augen geschlossen. Die Fahrt begann, für sie sehr mühselig zu werden. Michel sagte nicht viel; aber, nachdem die Pferde getrunken hatten, strängte er sie von neuem an, kletterte auf den Bock, machte Walburg ein Zeichen einzusteigen und fuhr mit dem Wagen in ein Dickicht, das etwa eine Viertelmeile von der unheimlichen Herberge lag. Hier war es feucht und schattig, dichtes grünes Gras bedeckte den Boden. Michel sprang vom Wagen, riß einige Büschel von dem Gras ab und gab sie den Pferden.

»Hier muß der Wagen bleiben!« sagte er leise zu Burga. »Nehmt Euer Pistol in die Hand und den Wolf mit in den Wagen. Er darf keinen Lärm machen, damit Ihr nicht gefunden werdet!«

»Meinst du, daß die Räuber kommen werden?«

Michel lachte über diese Frage, aber dann wurde er wieder ernst.

»Man sollte meinen, daß Ihr niemals ein Lagerkind gewesen wäret, Burga! Hättet Ihr in der Herberge die Augen offen gehalten, dann würdet Ihr mich nicht fragen. Doch verliert nur nicht den Mut; einmal nur kann man sterben, Ihr habt es mir selbst gesagt!«

Er war gegangen, Burga faßte ihr Pistol und zog Wolf zu sich in den Wagen. Der wollte zuerst nicht, spitzte die Ohren und murrte leise; aber sie hielt ihm das Maul zu und flüsterte mit ihm. Da drückte er den Kopf gegen ihre Brust und lag regungslos. Die Nacht kam früher als sonst in diesem nordischen Lande mit den langen Sommerabenden. Schwarze Wolken türmten sich zusammen, und der Donner grollte. Frau von Rantzau fuhr aus unruhigem Schlummer auf, aber Walburg sagte einige beruhigende Worte; da legte sie sich wieder zurück und begann von neuem zu schlafen. Dann rauschte der Regen, dazwischen fiel Hagel, und die Blitze zuckten. Wolf fuhr in die Höhe und wollte heulen: aber er durfte nicht und mußte sich beruhigen.

Wie lang war die Nacht, und wie rauschte der Regen! War Walburg wieder ein Lagerkind geworden, mußte im Freien nächtigen und hatte keine Heimat? Halb im Traum sah sie sich in der Hütte, unter der in der kalten Nacht die Wölfe heulten, sah sich im Boot auf der Elbe und dann später in dem behaglichen Kaufmannshaus. Da brauchte man nicht im Freien zu schlafen und ängstlich auf ein Geräusch zu warten, das von Raub und Überfall sprach. -- --

Ein Schuß knallte in der Ferne, dann mehrere. Ein Geschrei erhob sich, dazwischen Waffengeklirr, Fluchen und eine laute Stimme, die alles übertönte. Es regnete nicht mehr, der Tag brach an, und ein roter Sonnenstrahl glitt über die nassen Zweige. Burga saß aufrecht, die Waffe in der Hand, eine tiefe Falte zwischen den Augen. Wenn es ans Sterben ging, dann wollte sie ihr Leben teuer verkaufen. Da rief Michels Stimme nach Wolf, und der Hund, der schon an allen Gliedern gezittert hatte, riß sich los und sprang aus der nur angelehnten Tür. Er bellte, ihm antwortete ein wilder Schrei, dann klirrten wieder die Waffen, und viele Stimmen sprachen durcheinander.

Frau von Rantzau fuhr angstvoll in die Höhe, und Burga hielt es nicht mehr in ihrem Versteck. Sie stand mitten im Dickicht und wäre am liebsten ihrem Hunde nachgeeilt, aber sie sah ein, daß sie ihre Mutter nicht verlassen durfte. Da erschien schon Michel. Sein Gesicht blutete, aber er lachte zufrieden.

»Braucht Euer Pistol nicht mehr, Burga, wir haben den großen Räuber gefangen, und Wolf bewacht ihn. Denn er soll nicht im ehrlichen Kampf sterben, sondern durch den Strick! Und der Junker Buchwald von der Troiburg ist auch dabei. Da lief hier gestern so ein kleiner Junge umher, den die Räuber als Kundschafter gebrauchten. Aber sie hatten ihn aus Tondern gestohlen und ihn immer geschlagen. Nun war er böse auf sie, und wie er merkte, daß ich es gut mit ihm meinte, verriet er mir, daß der Ritter von der Troiburg hinter den Räubern her wäre und daß er ihn und seine Knechte wohl finden könnte. Also habe ich ihn geschickt, und der Junker ist grade zur rechten Zeit gekommen!«

Während er noch sprach, trat ein großer Mann im einfachen Lederkoller vor Walburga und lüftete seine Kappe.

»Edle Jungfrau, ich habe schon von Euch gehört, und Eure Frau Mutter ist die Base meiner alten Mutter. So sind wir miteinander verwandt!«

Das war der Ritter Detlev Buchwald von der Troiburg, der nun auch die Frau von Rantzau begrüßte und übers ganze Gesicht lachte. Denn er hatte einen sehr guten Fang in dieser Nacht gemacht. Schon seit langer Zeit kam eine Räuberbande von Jütland her nach Nordschleswig, plünderte einsame Gehöfte und überfiel die Reisenden. In Moor und Wald konnte sie sich gut verstecken, und es war fast unmöglich, ihr beizukommen. Ihr Anführer Klas Lembeck war ein kluger Mann und sollte ehedem Offizier bei den Wallensteinern gewesen sein. Nun lag er gefesselt auf der Erde, und Wolf bewachte ihn. Michel zeigte ihn voll Stolz.

[Illustration]

»Allein konnte ich ihn nicht überwältigen, da rief ich nach dem Hund, und er kam auf meinen Ruf. Wohl, weil er merkte, daß er was Gutes tun sollte!«

Er streichelte den großen Kopf des Hundes; der aber rührte sich nicht, sondern sah mit glühenden Augen auf den Gefangenen, der zornige Flüche ausstieß.

Vier Räuber waren getötet, eben so viele gefangen, und die andern waren entflohen. Es stellte sich heraus, daß wohl ein halbes Dutzend von ihnen in der Herberge verborgen gewesen war, als der Kaufmannszug kam. Schon seit einigen Tagen wurde der Zug von Klas Lembeck verfolgt, und hier erschien der geeignete Ort, einen Überfall zu unternehmen. Der Kampf war heftig gewesen; Herr Jens Nielsen hatte einen Schlag über den Kopf erhalten und einen Stich in den Arm, daß er recht kläglich einherging. Aber Michel, der etwas von allem verstand, verband ihn kunstgerecht und ließ es dabei nicht an Bemerkungen fehlen, daß der, der nicht hören wollte, nun fühlen müßte.

»Hab ich's Euch nicht schon gestern gesagt, werter Mann, daß es hier nicht geheuer wäre, und daß Ihr gut tätet aufzupassen? Sagte ich nicht, Ihr sollet einmal in den Garten gehen und Euch die vielen Fußspuren betrachten? Sie liefen alle ins Haus und keine hinaus! Aber Ihr waret so klug, daß Ihr mich auslachtet!«

»Wir hatten ja doch die Soldaten!« murmelte Herr Nielsen, worauf Michel ihm das Tuch um den Kopf noch fester band.

»Werter Mann, in das saure Bier war doch Mohnsaft hineingeträufelt. Ich schmeckte es gleich, als ich den Becher an die Lippen setzte, aber die andern waren durstig und spürten nichts davon. Daher schliefen sie nachher wie die Steine. Niemand hörte auf mich, weil ich nur ein elender Knecht bin, aber auch einfache Knechte sind manchmal klüger als feine Herren aus der Stadt!«

Michel spreizte sich recht mit seinen Verdiensten, aber niemand verwies ihm seine Eitelkeit. Hatte er doch wirklich die reichen Güter vor den Räubern gerettet und die Menschenleben dazu. Denn Klas Lembeck war als ein grausamer Mann bekannt, der seine Gefangenen allemal tötete und keine Gnade kannte. Auch Burga, trotz ihrer Waffe und ihres Hundes, hätte sich schwerlich vor ihm schützen können.

Frau von Rantzau war die erste, die Michels Verdienst erkannte und ihm die Hand reichte.

»Du hast uns das Leben durch deine Treue gerettet, Michel!« Er machte einen Kratzfuß, und wischte sich das blutunterlaufne Gesicht.

»Die edle Frau braucht sich nicht zu bedanken, ich weiß, was ich ihr schuldig bin. Aber ich meine selbst, daß es vom Herrn Bürgermeister von Hamburg ein guter Gedanke war, mir das Leben zu schenken. Denn nun kann ich doch versuchen, ein braver Kerl zu werden, bis ich auf natürliche Art in die Grube fahre!«

»Du sollst immer bei uns bleiben und von deinen früheren Taten darf nicht mehr geredet werden! Sie sind vergessen und vergeben!«

Michel begann ein wenig zu schluchzen, aber er nahm sich gleich wieder zusammen.

»Ich danke Euch, edle Frau! Besser ist es ja, wenn die Leute hier sich von dem alten Michel keine Geschichten erzählen können! Und wenn sie nun von mir reden, so dürfen sie damit beginnen, daß ich geholfen habe, den großen Räuber Klas Lembeck gefangen zu nehmen!«

[Illustration]

[Illustration: Zehntes Kapitel]

Der Herr von Buchwald war, wie schon erwähnt, sehr guter Laune. Zum ersten lief der Räuberhauptmann mit vier Kumpanen gebunden hinter seinen Reisigen her, dann war ihm eine große Belohnung sicher, weil er die Frachtwagen gerettet hatte, und endlich brachte er Frau von Rantzau mit ihrer Tochter nach seiner eignen Burg. Denn er hatte ihnen vorgestellt, daß sie vorläufig doch nicht auf der Finkenburg wohnen könnten. Die ganze Burg lag in Trümmern, das Vieh war vertrieben, und die Leibeigenen, die zu dem Besitz gehörten, waren davongelaufen. Also war dies alles nichts für einzelne Frauen. Die Troiburg dagegen lag in einer Niederung des Flusses Brederau und war so von Wasser umspült, daß sie so gut wie uneinnehmbar war. Wenigstens hatten sowohl die Schweden wie die Wallensteiner versucht, sie zu erobern, und beide Truppen waren mit leeren Händen abgezogen.

Hier also wohnte der Junker Buchwald mit seiner alten Mutter und suchte die Felder, die außerhalb der Burg lagen und oft verwüstet gewesen waren, von neuem zu bestellen. Außerdem hatte er eine Anzahl Berittne, mit denen er hinter den Räubern her war, die das Land unsicher machten. Der König von Dänemark hatte ihm eine Belohnung versprochen, wenn er dazu half, Nordschleswig von ihnen zu befreien. Nun wollte er die Gefangnen in der Stadt Tondern abliefern, wo sie dann gerichtet werden sollten.

Eigentlich war er ein schweigsamer Mann; aber heute mußte er die zwei Frauen unterhalten, ritt neben dem Wagen her und tat es mit vielem Vergnügen.

»Wie wird sich meine Frau Mutter freuen, einen so lieben Besuch zu erhalten!« sagte er mehr als einmal. »Sie hat's gar einsam auf unsrer Burg, und doch mag sie nicht in eine Stadt ziehen. Wer's gewohnt ist, in freier Luft zu sein, die Vögel im Walde singen und im Winter das Geheul der Wölfe zu hören, den zieht es nicht hinter die dicken Mauern der Städte!«

Da tat Walburg einen tiefen Atemzug und sah den Ritter freundlich an. Er sprach ihr aus der Seele.

Die Troiburg war ein finsterer alter Bau mit mächtigen Mauern und fast ganz von Wasser umgeben. Eine Zugbrücke führte über einen breiten Graben in den Burghof, in dem zwei große Hunde an der Kette lagen und ihren Herrn mit lautem Geheul begrüßten. Sie waren von Wolfs Art, und er, den Michel wieder am Riemen führte, antwortete ihnen auf dieselbe Weise. Grade, als freute er sich über die Verwandtschaft. Aber die zwei andern zeigten ihre großen Zähne, und für heute wurde Wolf noch nicht zu ihnen gelassen, sondern ging mit Frau von Rantzau und ihrer Tochter in die große Halle, wo eine gebückte Frau ihnen entgegenkam. Herr von Buchwald hatte einen Boten vorausgeschickt; da wußte seine Mutter, welche Gäste sie erwarten durfte. Herzlich begrüßte sie die Verwandten, und als Walburg am Abend in der Halle saß, in deren Riesenkamin, trotz des Sommers, ein helles Feuer brannte, als sie die Wolfsfelle sah, die auf der Erde lagen, und die Hirschgeweihe und Wildschweinsköpfe an den Wänden, da kam es ihr vor, als ob das Lagerkind endlich einen Platz gefunden hatte, von dem es nicht mehr vertrieben werden konnte.

Es war gut sein auf der Troiburg. Zwar war hier ein hartes Leben, und der Junker hatte fast mehr Arbeit, als er bewältigen konnte, aber wenn er auch den ganzen Tag zu Pferde saß, um nach seinen Feldern zu sehen oder seine Hörigen anzutreiben, daß sie für ihn arbeiteten, so hatte er doch die feste Troiburg, zu der er immer wieder zurückkehren konnte, wo seine Mutter ihn erwartete und wo es Speis und Trank für ihn und seine Leute gab. Anders war es mit der Finkenburg. Bald nach ihrer Ankunft fuhren Frau von Rantzau und ihre Tochter, begleitet von Michel und von einigen Knechten, hin. Sie fanden einen Steinhaufen. Die Bäume, die einst im Burghof standen, waren gefällt; dichter Efeu wuchs in den Mauerlöchern, und wo einst ein zierliches Gärtchen gewesen war, lagen Berge von Mörtel und Kalk. Wer hier neu bauen wollte, der mußte viel Geld daran wenden, und wer weiß? wenn alles wieder aufgebaut war, kam ein neuer Krieg und zerstörte das eben Geschaffne.

Traurig fuhren beide Frauen wieder zur Troiburg, wo die Buchwalds sie liebevoll erwarteten und ihnen Mut einsprachen. Vielleicht konnte doch noch ein Haus dort gebaut werden, wo die alte Burg gestanden hatte; die Felder waren noch da, und allmählich würde man sie bestellen. Aber Frau von Rantzau schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich nicht gesund genug, um eine so große Arbeit zu übernehmen; das mußte ihr Sohn tun, der jung war und kräftig.

»Und mir traut Ihr gar nichts zu?« fragte Walburga.

Ehe die Mutter antworten konnte, stand der Ritter Buchwald auf.

»Werte Jungfrau!« sagte er. »Ich meine, Ihr solltet Euch nicht mehr um die Finkenburg bekümmern, da sie doch eigentlich nicht Euch, sondern Eurem Bruder gehört. Mag der sehen, ob er sich mit dem Gemäuer noch viel Mühe geben mag. Ihr aber solltet mit Eurer Frau Mutter auf der Troiburg bleiben, da wir, meine Mutter und ich, eine Gesellschaft sehr nötig haben. Und nicht allein Gesellschaft, sondern auch Hände, die da arbeiten können. Denn wir haben viel zu tun; aber wenig Menschen, die die Arbeit anfassen. Rauh ist das Leben hier und wenig Vergnügen. Dafür aber sitzen wir auf unsrer eignen Burg, und niemand hat uns was zu sagen. Und wenn Ihr große Sehnsucht habt, dann könnt Ihr ja im Winter einmal nach Schleswig auf ein Fest fahren. Ich will schon dafür sorgen, daß Euch keine Räuber belästigen!«

Er sprach ehrlich, und als seine Mutter die Bitte des Sohnes wiederholte, da versprachen beide Frauen, vorläufig auf der Burg zu bleiben, und Walburga ließ sich geloben, daß sie Arbeit zugewiesen erhalten sollte. Diese blieb nicht aus. In Küche und Keller, in den Flachskammern wie im Garten war übergenug zu arbeiten, und manchmal kam es der Jungfrau vor, daß sie noch nie so müde auf ihr Lager gesunken wäre, wie auf der Troiburg. Aber jeden Morgen erwachte sie frohen Herzens und wußte, daß sie nicht allein für sich, sondern für andre lebte.

So kam es fast von selbst, daß, als Herr von Buchwald fragte, ob sie ihn heiraten wollte, sie ihre Hand in die seine legte.

»Ich bin zwar ein Lagerkind gewesen!« sagte sie zögernd, worauf er ihr treuherzig in die Augen sah.

»Aus einem Lagerkind, wie du es warest, wird die beste Burgfrau!«

In der alten Kirche zu Lügumkloster wurde aus Walburga Rantzau die edle Frau von Buchwald. Es war nur eine kleine Feier, aber der Rittmeister Kord Rantzau war natürlich dazu gekommen und auch ein junger Offizier, Gottfried Hanekamp. Die andern Hanekamps aber ließen sich entschuldigen, denn es ging zum Herbst, und aus Hamburg hatte niemand Lust, sich auf die nordschleswigsche Heide zu wagen. Die schlimmsten Räuber waren zwar gehängt, aber, wer verständig war, der wagte sich nicht aus schützenden Mauern. So sandten die Hanekamps nur ein stattliches Silbergeschenk und dazu ein Faß mit gesalzenen Heringen und eins mit indischen Gewürzen.

Auch der Kaufmann Josias Petersen sandte ein Geschenk, das aus einem wertvollen Teppich bestand, und dazu schrieb er, daß er sich von Herzen freue, die Jungfrau Walburga als Herrin der Troiburg zu wissen. Denn dann würde es mit den Ländereien der Finkenburg wohl noch in Ordnung kommen! Walburg verstand diesen Satz nicht; ihr jetziger Gemahl aber wurde ein wenig verlegen.

»Ich habe mir wohl einige Felder genommen, die ohne Herrn waren und die eigentlich zu eurer Burg gehörten!« gestand er. »Aber ich wußte ja nicht viel von euch, und ob ihr jemals wieder heimkehrtet. Wenn du willst, sollen sie dir gut geschrieben werden, Walburg, oder ich gebe Geld dafür an deinen Bruder!«

So wurde das letztere beschlossen, und der Rittmeister nahm gern einen Beutel mit Silbertalern, die er gut gebrauchen konnte. Zugleich bedankte er sich bei seinem Schwager für seine Ehrlichkeit. Denn dazumal nahm jedermann wohl, was er kriegen konnte, und im Grunde war es gut gewesen, daß die Felder bestellt wurden, anstatt brach zu liegen. Aber als er wieder einmal nach Schleswig kam, ging er doch zu Herrn Josias, um diesem für seine Worte in dem Hochzeitsschreiben zu danken.

»Ich tats für Eure Frau Mutter, werter Herr!« entgegnete der Kaufherr, »und auch für Eure Schwester. Denn sie hat mir gut gefallen, nachdem ich sie gesehen, und sie hat meinen Jens Nielsen und etliche der Knechte damals, nach dem Überfall, so brav verbunden, daß sie ihr noch alle dankbar sind. Und eigentlich hätte ich dem Hunde Wolf auch wohl ein Geschenk senden mögen, wußte aber nicht, was es sein sollte. Da er wohl jetzt alles hat, was sein Herz begehrt!«

So war es auch. Wolf bedurfte keiner besondern Gabe. Als Walburg mit dem Ritter Buchwald in der Kirche getraut wurde, saß er mit Michel vor der Tür und winselte. Denn er konnte es nicht haben, wenn er Walburg nicht begleiten durfte. Nachher aber, bei dem Hochzeitsmahl, lag er zu den Füßen der Braut und durfte an einem großen Knochen nagen. Er hatte es besser als Michel, der draußen in der Gesindestube mit den andern Knechten und Mägden feierte und nur aus der Ferne die Braut und ihren Gemahl sehen durfte. Aber er war auch zufrieden. Alles Gesinde behandelte ihn mit Achtung, weil er sich so tapfer bei den Räubern benommen hatte, und daß er ehemals Schuld auf sich geladen hatte, wußten nur die Rantzaus. Die aber redeten nicht darüber, und der Rittmeister sagte ihm sogar beim Scheiden ein gütiges Wort. Merkte er doch, daß Michel sich Mühe gab, ein treuer Diener zu werden, und von diesen gabs nicht allzuviel im Lande. Der Knecht hatte in Wahrheit ein andres Gewand angelegt. War es, weil er wieder in die Heimat kam und der herbe Duft von Moor und Heide ihn umgab, oder daß er seine Sünden einsah; niemals konnte die Herrschaft sich über ihn beklagen. Eifrig arbeitete er, wo es zu arbeiten gab, und achtete auf die Knechte; und als der erste kleine Junker geboren wurde, saß er neben der Wiege wie eine echte Kindermuhme. Er war es, der den Kleinen zuerst laufen lehrte, der ihm die ersten Bolzen schnitzte. Wenn der Ritter von der Burg abwesend war, wußte er sie wohl bewacht, wenn Michel seine scharfen Augen offen hatte, und gar oft sprachen Frau von Rantzau und ihre Tochter darüber, wie doch alles so wunderbar gekommen wäre und wie Gott es gefügt habe, daß der einstige Missetäter ihnen noch so nützlich geworden wäre.