Chapter 10 of 11 · 3996 words · ~20 min read

Part 10

Fünf Jahre waren vergangen. Auf der Troiburg hatte sich nicht wenig verändert: zwei Menschen waren gestorben, drei waren wieder geboren worden. Die alte Frau von Buchwald und Frau von Rantzau hatten die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, zwei kleine Buchwalds liefen dafür munter im Burghof umher, spielten mit Holzpferden und Puppen und setzten sich Wolf auf den Rücken, um auf ihm zu reiten. Der Hund lebte immer noch; aber er war steif geworden, und seine Augen hatten ihre Sehkraft verloren. Doch er konnte noch immer scharf hören, und seine mächtigen Zähne waren ihm nicht ausgefallen. Für die andern Wolfshunde war er eine Respektsperson; wo er in der Sonne oder am warmen Kamin lag, da wagte sich kein andrer Hund hin. Noch immer liebte er Walburg am meisten, aber sie hatte oft keine Zeit für ihn, und so lag er jetzt neben der Wiege, in der das jüngste Kind schlief. Das war ein kleines Mädchen, und sie hieß Walburg wie ihre Mutter. Die andern Leute sagten, daß sie auch sonst ihrer Mutter gliche und wohl später so wie diese werden würde. Wenn der alte Hund diese Worte hörte, hob er den Kopf und stieß mit der spitzen Schnauze gegen die Wiege, als wollte er sagen, daß auch er dies glaube. Und dann legte er sich wieder hin, drückte den Kopf auf die Pfoten und träumte. Und vielleicht dachte er der Zeit, da er jung war und mit dem Lagerkind über die Heide lief, oder mit ihr über das Eis der Elbe ging und nachher auf das Heulen der Wölfe horchte.

Auch jetzt kamen sie im Winter über die nordschleswigsche Heide und heulten um das Gemäuer der Troiburg. Dann war Wolf immer der erste, der aus seinen Träumen auffuhr und so wild und zornig bellte, daß alle andern Hunde in Aufregung gerieten. Sie lärmten so lange, bis der Ritter Buchwald ihnen den Gefallen tat und mit ihnen aus dem Tor und über die Zugbrücke ging. Mit wilden Sätzen jagten sie hinter den Wölfen her und brachten sicherlich den einen oder den andern zur Strecke. Aber es kam auch vor, daß einer von ihnen nicht wiederkehrte und daß man am andern Morgen nur seine Knochen fand. Mehrmals veranstaltete der Ritter eine Wolfsjagd, zu der er verschiedene Nachbarn einlud und in denen die Isegrims ihr Leben lassen mußten. Dann gabs für einige Zeit Ruhe; aber im strengen Winter kamen sie immer wieder, und es schien, als ob sie nicht ab- sondern zunähmen. Es gab viel zu tun, sich ihrer zu erwehren, und der alte Wolf hatte oft Gelegenheit, sein durchdringendes Geheul auszustoßen und seine Zähne zu fletschen. Er selbst sollte den Wolf nicht mehr jagen; Walburga hatte es ein für allemal verboten, und er wußte, daß ers nicht durfte. So blieb er denn, am ganzen Leibe zitternd, daheim, legte sich vor die Wiege und winselte.

Es war an einem herrlichen Wintertage. Viele Tage vorher hatte es geschneit, und der dicke Turm der Troiburg trug eine Mütze von Schnee. Auf dem Wasser des Burggrabens lag Eis, und der breite Fluß hinter der Zugbrücke war gleichfalls zugefroren. Aber die Sonne schien, tausend kleine Kristalle flimmerten auf dem alten Burggemäuer, und der Himmel war blau wie im Sommer. So warm war es auf dem Schnee im Garten, daß die Kinder barhaupt hier spielten. Die zwei kleinen Junker schneeballten sich, und die kleine Walburga hatte Michel wohl eingepackt und dann in den warmen Sonnenschein gestellt. Denn er behauptete, die frische Luft wäre gesunder für die Kinder, als den ganzen Winter lang vor dem brennenden Kamin zu hocken. Auch Wolf kam hinzu und legte sich unter die kleine Wiege. Ganz still war es im Gärtlein; die kleinen Junker waren des Schneeballens müde geworden und davongelaufen, weil sie von der Frau Mutter ein Musbrot holen wollten. Auch Michel wurde hungrig zumute. In der Gesindekammer stand sein Brot und seine Kanne mit Bier; er wollte sich stärken, weil die Winterluft zehrte. Also ging er davon und ließ Wolf mit der Kleinen im geschützten Garten. Das Kind schlief fest, und Wolf träumte wie meistens. Im blauen Himmel stieg ein Falke in die Höhe und stieß einen rauhen Schrei aus. Da hob Wolf den Kopf und lauschte. Wenn der Falke so schrie, dann lauschte er immer. Über die Mauer des Gartens spähte ein dunkler Kopf; eine zottige Gestalt folgte ihm; dann schlich ein großer Wolf auf die Wiege zu, um gleich in ein wildes Geheul auszubrechen. Denn Wolf, der Hund, war ihm an die Kehle gesprungen, und beide Tiere wälzten sich im Schnee, bissen sich fest ineinander und fauchten und knurrten. Von Hofe her heulten die andern Wolfshunde, und bald war Hilfe zur Stelle. Die Knechte kamen mit Knüppeln, die Hunde stürzten sich auf den Räuber; jagten dann über die Gartenmauer und übers Eis, das den Eingang zur Burgmauer freigegeben hatte. Bei diesem wilden Kampfe war die Wiege umgefallen, aber die kleine Walburg lag unverletzt in ihren Kissen. Ein mächtiger Wolf lag totgebissen mitten im Garten, während draußen noch mehrere verfolgt wurden. Aber auch der tapfere Hund lag in seinem Blute. Frau Walburga kniete neben ihm und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Noch einmal leckte er ihr die Hand und winselte wie in alten Tagen. Wie damals, als er mit dem Lagerkind nach dem Hanekamphof ging. Dann streckte er sich und schloß die blinden Augen für immer. Bitterlich weinte Frau Walburg über den Tod des alten Freundes; aber er hatte ein tapferes Ende gehabt, und das gönnte sie ihm. Im Garten der Troiburg fand er seine letzte Ruhestätte, und Michel stand manchmal vor dem kleinen Hügel oder berichtete den Kindern von Wolf dem Tapfern und von seinen Abenteuern. Jetzt lag ein junger Wolfshund neben der Wiege und folgte der Herrschaft, wenn sie ihn rief; aber es war nicht der alte Wolf, der so klug war, daß er jedes Wort verstand.

Wieder vergingen die Jahre. Frau Walburg wollte immer gen Süden reisen und dann auch nach den Hanekamps in Hamburg sehen. Aber sie hatte keine Zeit. In der Troiburg gabs kein Ende mit der Arbeit; die Kinder wollten gewartet und erzogen sein, und ihr Gemahl mochte sie nicht entbehren. Sie mußte oft die Burg behüten, wenn er abwesend war, und er hatte viel draußen im Lande zu tun. Allmählich war's freilich sicherer auf der Heide und im Moor geworden, aber immer noch gab es Wegelagerer, die die Gegend beunruhigten, und mehr als einmal erhielt der Ritter den Auftrag, hier und dort nach Recht und Ordnung zu sehen. Und gerade, wie das Land einigermaßen ruhig war und die Felder bestellt werden konnten, da begann wieder der Krieg. Der dänische König ward hart von den Schweden bedrängt, die vom Süden her in Schleswig-Holstein einbrachen und große Verwüstungen anrichteten. Bis die Brandenburger und Österreicher den Dänen zu Hilfe kamen. Der Große Kurfürst ist damals selbst bis nach Flensburg geritten und von dort übers Eis nach der Insel Alsen gegangen. Er war ein guter Herr und wollte den Schleswigern gewiß nicht mehr schaden, als es der Krieg mit sich brachte. Aber leider hatte er auch Polen unter seiner Fahne, die wie die Wilden in Städte und Dörfer einbrachen, dort mordeten und raubten, daß sie überall Entsetzen verbreiteten. Der Polackenkrieg, wie er genannt ward, brachte noch mehr Elend nach Schleswig als der Dreißigjährige Krieg, und ganze Dörfer und Höfe verschwanden vom Erdboden, um niemals wieder aufzustehen. Auch die Troiburg wurde damals von den polnischen Völkern berannt, aber der Ritter Buchwald hatte eine kleine Schleuse gebaut, durch die das Wasser der Brederau um die Burg steigen konnte. Also lag sie ganz im Wasser, und von den dicken Mauern aus wurde weidlich auf die Feinde geschossen, so daß sie abziehen mußten, ohne in die Burg gedrungen zu sein. Aber sie verwüsteten alle Felder und Höfe in der Umgegend, und Frau Burga freute sich, daß die Finkenburg nicht wieder aufgebaut war. Sie würde vielleicht ein noch schlimmeres Schicksal erlitten haben als ehemals. Mitten im Winter war es, daß die Polacken anrückten, aber es war nicht mehr kalt, sondern naß, das Tauwetter kam bald, und in den aufgetauten Mooren versanken manchmal Roß und Reiter. Die Troiburg war voll von Flüchtigen, die sich aus ihren unbeschützten Höfen und Dörfern hinter die dicken Mauern gerettet hatten. Auf dem großen Burghof, in den Ställen und Kammern gab es ein buntes Leben, und Michel, der schon manchmal seine Jahre spürte, wurde wieder jung und vergnügt. Denn ihm machte der Kriegslärm, besonders aus der Ferne, Freude, und den Jüngeren berichtete er gern, wie es ehedem gewesen war. Damals im Krieg, der dreißig Jahre währte, und den er eigentlich ganz mitgemacht hatte. Und wenn er von seinen Heldentaten berichtete, dann wurde er so gerührt, daß er sie selbst glaubte.

Gegen das Frühjahr hin wurde die Gegend ruhiger. Man wagte sich wieder aus der Burg, um die verwüsteten Äcker zu bestellen, und ein königlicher Bote rief den Ritter von Buchwald nach Jütland. Dort war der dänische König, und er wollte Bericht, wie es in Nordschleswig aussähe. Herr von Buchwald ritt also mit etlichen Knechten davon, nachdem er den Schutz der Burg einem jungen Vetter, einem Rumohr, übergeben hatte. Michel war in seinem Gefolge. Zwar sollte er nicht mit über die jütische Grenze reiten, sondern seinen Herrn nur eine Strecke Wegs begleiten und dann Walburga Nachricht geben, wie das Land aussähe. Aber die ganze Schar kam nur bis Lügumkloster. Dort saßen von neuem die Polen und hatten sich im Dorfe befestigt, um nicht vertrieben zu werden. Eine Burg von großen Wagen hatten sie auf die Feldmark gestellt und schossen von dort aus auf die nahenden Reiter. Da gab es denn einen lustigen Kampf, bei dem der Ritter Buchwald schwer verwundet wurde und Michel einen Streifschuß erhielt, der ihn vom Pferde fallen ließ. Aber er raffte sich gleich wieder auf, und da vom Dorfe selbst plötzlich auf die Polacken geschossen wurde, so räumten diese eilig das Feld. Mehrere Verwundete und Tote ließen sie zurück, aber auch die wohlbepackten Wagen, die zu einem Kaufmannszug gehörten, der einmal wieder versucht hatte, von Süden her nach Dänemark zu kommen. Die Knechte, die die Güter begleitet hatten, lagen zum Teil gebunden unter den Wagen. Auch ihr Führer, ein junger Hamburger Kaufmann, war gleichfalls gefesselt gewesen, hatte sich aber befreit und war mit einigen Bauern auf die Polen von hinten losgegangen. Ihn hatte ein Säbelhieb über den Kopf getroffen, aber er wischte sich das Blut aus den Augen und befreite seine Knechte von den Fesseln, während er zugleich eifrig auf Michel einsprach, der bekümmert neben seinem Herrn stand.

»Ich kann eine Tragbahre für ihn machen, und wir bringen ihn in ein Haus! Auch habe ich Medikamente und Leinen zum Verbinden!«

»Mein Herr gehört auf die Troiburg, zu seiner Frau Eheliebsten.«

»Auf die Troiburg!« Der Hamburger stutzte und sah Michel scharf an. »Wohnt dort nicht das Lagerkind?«

Michel richtete sich steif auf, so gut es sein zerschossenes Bein zuließ.

»Meine Herrin ist die edle Frau von Buchwald, aus dem Geschlecht der Rantzau -- --«

»Und du bist der rote Michel!«

Konrad Hanekamp faßte nach der Hand des Alten.

»Schon zweimal bin ich mit Kaufmannsgütern durch Schleswig nach Jütland gezogen, und immer wollte ich Einkehr halten auf der Troiburg. Weil wir doch Walburga, unser Lagerkind, nicht vergessen haben und noch immer von ihr reden. Aber es ist immer etwas dazwischen gekommen, und jetzt ist es der Herr von Buchwald, der mir das Leben rettet und dazu vielen Kaufleuten ihre Habe. Wir werden uns dankbar beweisen, Michel, und nun vorerst deinen Herrn wieder in seine Burg bringen!«

Vorsichtig wurde der Ritter über die Heide in seine Burg getragen, und traurig ritten seine Leute hinter ihm her, während ein Bote vorangeschickt wurde, um Frau Walburg vorzubereiten. Einige der Knechte blieben in Lügumkloster, um die Wagen mit Gütern zu bewachen, aber Konrad Hanekamp verließ den Verwundeten nicht, sondern schritt neben ihm her, kühlte seine tiefe Kopfwunde und sorgte dafür, daß er bequem lag. Er war ein großer, starker Mann geworden, der sich scharf umsah und gleich nach dem Pistol griff, wenn er etwas Verdächtiges bemerkte. Aber unbehelligt erreichte der Zug die Burg, und Frau Walburg, die schon unterrichtet war, hatte ein gutes Lager für ihren verwundeten Gemahl besorgt. Er war meistens ohne Besinnung, und der alte Schäfer von Lügumkloster, den man mitgenommen hatte, weil er am meisten von Krankheit und Verwundung verstand, machte ein bedenkliches Gesicht.

»Auch die adligen Herren müssen sterben!« gab er auf alle Fragen zur Antwort, und so war es kein frohes Wiedersehen, das Walburg mit ihrem Jugendgefährten feiern konnte. Aber sie war gefaßt und mutig; einmal, das wußte sie auch, ging es zu Ende mit allen Menschen, und es war fast ein Wunder, daß den Herrn der Troiburg noch niemals eine Verwundung betroffen hatte. Und weil sie verständig war und auch in ihrer großen Sorge an andre dachte, so verband sie nicht allein Konrad, dessen Wunde wie ein blutiger Streifen um den ganzen Kopf lief, sie sorgte auch dafür, daß Michels Bein und die Schäden der andern Knechte nachgesehen und verbunden wurden. Es kamen schwere Tage für die Troiburg. Der Burgherr lag bewußtlos, und die Polacken rückten wieder in hellen Haufen an. Aber nicht eher, bis die Wagen mit den Gütern von Lügumkloster nach der Troiburg in Sicherheit gebracht waren. Dort standen sie nun wohlgeborgen, und in dem Morast, der die Burg umgab, versanken die anstürmenden Scharen, daß sie nach etlichen vergeblichen Versuchen wieder abziehen mußten. Während der Ritter Buchwald noch immer zwischen Tod und Leben lag, war seine Frau überall, und hinter ihr her liefen ihre beiden Knaben. Beide seelenvergnügt und fröhlich, daß es auf der stillen Burg soviel Abwechslung gab.

Konrad Hanekamp half, wo er nur konnte, und als es wieder still wurde in der Gegend, machte er Erkundungsritte um zu sehen, wo es keine Feinde mehr gab. Sie waren allmählich wieder weiter gezogen, hatten aber das Land derartig verwüstet und die Bewohner getötet, daß man viele Meilen weit reiten konnte, ehe man auf ein menschliches Wesen traf. Und das war meistens so verängstigt, daß es in ein Dickicht oder in ein Moor schlüpfte, wohin man ihm nicht folgen konnte. Traurig kehrte Konrad von solchen Ritten heim und freute sich nur, daß es dem Ritter allmählich besser ging und daß er einmal sogar verlangte, Konrad möge ihm berichten, wie er mit seinen Wagen in die Hände der Polacken gefallen wäre.

»Wie es kam?« Konrad setzte sich vor das Lager des Herrn von Buchwald und strich über die rote Narbe an seiner Stirn.

»Ich kann's selbst nicht sagen, Herr. Uns war gesagt worden, die Dänen führten Krieg mit den Schweden, und diesen sollten wir aus dem Wege gehen. Was wir auch taten. Und dann hieß es, die Brandenburger wären Freunde der Dänen. Also glaubten wir, diese würden, wenn wir ihnen begegneten, wohl einen kleinen Wegzoll von uns nehmen, uns sonst aber ruhig ziehen lassen. Wir wußten nicht, daß unter dem brandenburgischen Adler die Polen waren, die keinen Unterschied machen zwischen Freund und Feind. Als wir einer Schar von ihnen beim Dorfe Lügumkloster begegneten, dachten wir, sie sollten uns geleiten, und ich bot dem Offizier eine Summe Geldes, wenn er uns sicher über die Grenze brächte. Er nahm das Geld; dann warfen seine Leute mich und meine Knechte vom Pferde, und als Gefangne zogen wir ein in Lügumkloster. Ich verstehe kein Polnisch, aber ich merkte, daß wir alle hingerichtet werden sollten, sobald die Herren Zeit zu solchem Vergnügen hätten. Vorerst war ihnen berichtet worden, daß vielleicht der Troiburger Ritter mit etlichen Mannen durch das Dorf käme, und den wollten sie erst erwischen. Denn die Troiburg ist den Herren etwas sehr Ärgerliches, da sie nicht hinein und ihre Frauen und Kinder nicht totstechen können. Das übrige wißt Ihr, edler Herr. Von unsern Wagen hatten sie eine Art Verhau gebildet, aus dem sie Euch und Eure Begleiter erschießen wollten. Nun, es ist, dank Eurer Tapferkeit, anders gekommen; viele Polen, auch der freundliche Offizier, haben das Leben lassen müssen, und meine Waren sind im Schutz der Troiburg. Wenn's aber weiter so geht, dann weiß ich nicht, was aus dem armen Lande hier werden soll!«

»Es wird schon einmal wieder gut werden!« sagte Frau Walburg, die leise eingetreten war, und Konrad sah sie bewundernd an.

»Du bist mehr für dies Leben geschaffen als ich, Walburg! Mir wird's sehr recht sein, wenn ich erst wieder daheim sitze und der Mutter und dem Oheim von meinen Erlebnissen berichten kann!«

»Du bist doch sehr tapfer gewesen!« rief Frau Walburg, und Konrad lachte.

»Ganz gewiß, ich laufe nicht weg, wenn der Feind kommt; mein Pistol kann ich abschießen und den Degen ziehen. Es ist aber nicht mein Beruf. Lieber sorge ich dafür, daß die Leute Tran und Fische und Felle, Kleider und Wein erhalten. Und wenn ich wieder daheim bin, dann baue ich den Hanekamphof mir ein wenig zurecht, bringe eine junge Frau dahin und freue mich des Friedens! Denn immer Mord und Totschlag und Belagerung und was noch alles zum Elend des Krieges gehört, das nenne ich kein Leben!«

Der Ritter Buchwald war noch schwach, aber er mußte lachen.

»Immer Frieden, das wäre nicht nach meinem Geschmack! Allerdings könnte es jetzt bald ein wenig ruhiger werden. Vielleicht kommt auch noch einmal die Zeit, wo ich in Frieden den Wolf jagen kann!«

»Den habe ich als Junge auch gejagt!« rief Konrad eifrig. »Weißt du noch, Walburg?«

Und beide sprachen von den Tagen, da sie auf dem Hanekamphof lebten, und auch von den Zeiten in Hamburg. Lange hatte Walburg nicht an alle diese Dinge gedacht; nun wurde sie ganz lebhaft und bekam glänzende Augen. Still hörte ihr Gemahl zu. Endlich sprach er:

»Du bist wohl ganz traurig, daß du kein Lagerkind geblieben bist!«

Sie lächelte.

»Das war etwas für die Kindheit; jetzt bin ich dankbar, bei dir auf der Troiburg zu sein!«

Dabei streichelte sie den Kopf des Töchterchens, das schon lange auf ihrem Schoß saß und andächtig auf das hörte, was ihre Mutter und der Ohm Konrad sich zu erzählen hatten.

Nach etlichen Wochen konnte Konrad Hanekamp mit seinen Gütern die Troiburg verlassen und sicher nach Jütland gelangen. Weil Frau Walburg um ihn besorgt war, gab sie ihm Michel mit, der wieder ganz gesund war und dem es Freude machte, einmal von der Burg zu kommen. Er kehrte nach einiger Zeit zurück und berichtete, daß alles gut gegangen wäre. Er brachte einige Waren mit, die Konrad ihm noch für die Troiburger mitgegeben hatte, aber zugleich die Nachricht, daß der Obrist von Rantzau, der Bruder von Walburg, im Kampfe gegen die Schweden einen tapfern Soldatentod gefunden habe. Walburg war sehr traurig. Immer hatte sie gehofft, der Bruder würde sie einmal besuchen und sehen, wie glücklich sie geworden war. Aber er hatte niemals Zeit gehabt, an sich zu denken, und war für seinen König gestorben. Auch Herr von Buchwald wurde nie wieder ganz gesund, und auf Wölfe jagen durfte er ebenso wenig wie wieder gegen den Feind kämpfen. Er konnte nur darauf hoffen, daß seine Söhne dereinst ebenso tapfer würden, wie er es gewesen war. Noch aber waren sie klein, und Walburg quälte sich damit ab, sie lesen und schreiben zu lehren, was ihnen wenig Vergnügen machte. Aber die Mutter war eine ernsthafte Lehrmeisterin, und wenn sie zu Michel liefen, um ihm zu klagen, daß sie lieber umherstreifen möchten als still sitzen, dann hob der alte Mann einen warnenden Finger.

»Ein wenig gelehrt müßt Ihr schon werden, Junker, sonst gehts Euch hernach nicht gut. Am eignen Leib hab ich's erfahren; hätte ich in meiner Kindheit was Ordentliches gelernt, dann wäre ich vielleicht ein ganz andrer Mensch geworden!«

»Du bist doch sehr gut, wie du bist!« rief der älteste Buchwald, und Michel rieb seinen schneeweißen Kopf.

»Gewiß, ich bin jetzt sehr gut und wills auch bleiben. Aber ich hätte vielleicht doch noch viel besser sein können!«

Das verstanden die Knaben nun nicht und brauchten es auch nicht zu verstehen; aber Walburg, die einmal diese Unterhaltung belauschte, merkte an ihr, daß den alten Michel seine früheren Sünden kränkten. Sie sprach nicht mit ihm darüber, aber wenn sie ihrem Gemahl aus der Bibel vorlas, dann rief sie Michel ins Gemach. Er durfte in der Ecke sitzen und die Lehre von der ewigen Barmherzigkeit Gottes hören. Das gab ihm dann Frieden, und er seufzte nicht mehr so viel, wie er es sich, nachdem er einmal eine schwere Krankheit überstanden, angewöhnt hatte.

Wie nun die Knaben heranwuchsen, merkte Frau Walburg, daß sie sie nicht mehr allein unterweisen konnte. Da schrieb sie an den Magister Timotheus in Hamburg, damit er ihr einen Rat gäbe, und nach geraumer Zeit hielt sie eine Antwort von ihm in Händen. Sie freute sich sehr; denn lange hatte sie nichts aus Hamburg gehört und dachte doch noch oft dorthin. Der Magister schrieb mit zitternder Hand, man merkte, daß auch ihn die Jahre drückten, aber Walburgs Brief hatte ihn sehr erfreut, und er gab ihr in betreff ihrer Söhne allerlei gute Ratschläge, die sie getreulich befolgte. Dann fuhr der Brief fort:

»Du fragst nach den Hanekamps, liebe Walburg! Da muß ich dir sagen, daß wir den alten Herrn Jobst Hanekamp vorigen Sonntag auf dem Katharinenkirchhof zur ewigen Ruhe bestattet haben. Bis in die letzte Zeit war er gesund und hat noch oft von dir geredet. Auch gehofft, du solltest noch einmal herkommen, da er dir sein neues Haus zeigen wollte, das er sich erbaut. Aber gerade, als es fertig war, ist er davongegangen. Daraus wir wieder lernen sollen, daß wir armen Menschen uns hier auf der Erde nicht allzu fest setzen sollen. Nun wird Konrad in das Haus ziehen, hat auch schon eine Frau, und spricht davon, den Hanekamphof wieder aufzubauen. Dies werden Frau Jutta und ich wohl kaum mehr erleben, da wir die Gebresten des Alters spüren und gern hinter dem Ofen sitzen und uns von alten Zeiten erzählen. Als wir kein so gutes Leben hatten wie jetzt, aber doch trotz allen Ungemachs ein mutiges Herz in der Brust, das uns das Schwere leicht machte. So aber ist das Leben. Wenn es Abend werden will, erscheint uns der Tag, der dahinten liegt, voller Sonnenschein, und hat doch viel Wolken und Unwetter gebracht. Von Gottfried wirst du gehört haben. Er ist in Kopenhagen und ein vornehmer Offizier geworden. Manchmal schreibt er, und dann freut Frau Jutta sich sehr.

Nun aber Gott befohlen, liebe Walburga! Mögen deine Kinder so brav werden, wie die Frau, von der wir noch reden als von dem Lagerkind!«

Frau Walburg hat oft diesen Brief gelesen und dann zurückgedacht an die Zeit ihrer Kindheit. Immer weiter glitt sie von ihr zurück, so daß es ihr manchmal vorkam, als wäre alles, was sie erlebt hatte, ein Traum gewesen. Und doch, als sie schon alt war, konnte sie manchmal aus dem Schlaf fahren und sich wieder über die Elbe laufen sehen. Wo das Eis murrte und das Wasser drohend gegen die dünne Decke schlug. Oder sie hörte das Heulen der Wölfe und streifte mit den Hanekamps durch den Wald. Dann aber klang dazwischen die Stimme des Magisters; sie ging in Hamburg über die friedliche Straße und hörte die Glocken läuten.

Nach Jahren läuteten die Glocken von Lügumkloster auch für sie. Da öffnete sich die Gruft der Buchwalds in der alten Klosterkirche, und das ehemalige Lagerkind wurde zur letzten Ruhe gebracht. Es war Frieden im Land, und ein großes Trauergefolge ging hinter dem Sarge her. Alle waren sie traurig. Denn nur Gutes wußte man zu berichten von der tapferen Edelfrau, die selbst manches Abenteuer bestanden hatte und barmherzig und mild gegen alle gewesen war, die ihrer bedurften.

Jetzt ist ihre Gruft verfallen, und man vermag sie nicht mehr zu finden. Aber bis vor sechzig Jahren hat die stolze Troiburg am Wasser der Brederau bei Lügumkloster gestanden, und ihre Ruine schaut noch heute ins Land. Noch lange erzählte man sich in den nordschleswigschen Spinnstuben die Geschichte vom Lagerkinde. Wie es verschleppt wurde von der Finkenburg und dann wiederkehrte, um vielen Menschen Gutes zu tun. -- Einige Leute wollen sie noch in den Ruinen der Troiburg um Mitternacht gesehen haben, dies aber ist nur ein Märchen. Das Lagerkind ruht aus von seinem bunten und ernsthaften Leben.

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